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Orbis Linguarum Vol. 25/2004

Tobias Wimbauer

Hagen

Der "Fall" (?) Martin Walser

Rückblick auf die Diskussion um den Tod eines Kritikers

Allen Feinden sei vergeben,

außer denen, die noch leben.

Helmut Krausser (1999)

Für Marcel Reich-Ranicki (…):

Clowns sind wir, der Zirkus heißt Kultur,

Unsre Nummer: Watschen mit Gesang.

Streicheln dürfen wir uns nur

Draußen in dem dunklen Gang.

Martin Walser (1985)

Es gibt in Deutschland eine Diskussionsroutine. Eine Diffamierungsmaschine, die, einmal angeworfen, einem Flipper-Automaten gleicht, bei dem der Ball mal hier anstößt, mal dort. Und bei jedem Anstoß ertönt ein komisches Geräusch, blinken Lichtlein auf. Vollautomatisch. So funktioniert auch die VB-Maschine. VB war Ar­min Mohlers kurze und bündige Bezeichnung für die "Vergangenheitsbewälti­gung".

Wie diese VB-Maschine arbeitet, konnte man jüngst in der vom Zaune ge­bro­chenen Debatte um einen Bundestagsabgeordneten beobachten, und auch bei dem zunächst geplanten Ausschluß der Degussa von dem Berliner Mahnmalsbau. Diese Diskussionen verselbständigen sich und entfernen sich mehr und mehr von ihrem eigentlichen Gegenstand. Der diskutierte Gegenstand wird zwar noch "gesetzt", aber kaum mehr beachtet. Und manchmal stört er sogar und wird ausgeblendet, indem die Debatte erweitert wird (etwa von: X ist ein Antisemit zu: Wie an­tise­mitisch ist die Partei, der X angehört, bis hin zu: Kann Deutschland sich das erlau­ben?! usw. Planetarisch wird’s freilich nicht, denn der Schuldigsein-Anspruch en­det an den deutschen Nachkriegsgrenzen). Irgend etwas wird schon haften bleiben. Und das kann bei Gelegenheit reaktiviert werden.

Doch zu Martin Walser. Unversehens geriet er zweimal in jüngster Zeit in die Räder der VB-Maschine. Das eine Mal mit seiner Rede in der Frankfurter Pauls­kirche anläßlich der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels an ihn. In den Erfahrungen beim Verfassen einer Sonntagsrede, so war die 1998er Friedenspreisrede überschrieben, sprach Walser beispielsweise davon, daß er habe "lernen müssen wegzuschauen." Denn er "verschließe [s]ich Übeln, an deren Be­he­bung [er] nicht mitwirken kann." Ein anderes war der Unmut über die "Gewissens­pro­blematik" der sich permanent in der Anklägerrolle Gefallenden, deren Gewis­sens"nöte" er nicht nachvollziehen könne. Diese Anklagenden müssten, so Walser, "Gewissensgrößen" sein, denn: "Anders wäre die Schärfe der Verdächtigung oder schon Beschuldigung nicht zu erklären. Und wenn eine Beschuldigung weit genug geht, ist sie an sich schon schlagend, ein Beweis erübrigt sich da." - Diese beiden Sätze sollte man im Gedächtnis behalten, denn sie zeichneten treffend die Tod eines Kritikers-Debatte vor. Zwei Dinge zu dieser Rede noch, die uns dann nicht weiter hier beschäftigen soll. Das erste: Es folgte der Rede eine scharfe Debatte, vor allem darum, weil Walser bekannte, daß er - um seines Seelenfriedens willen - das Wegschauen gelernt habe, weil die "Dauerpräsentation unserer Schande" eine Zweck-Routine geworden ist. Und dadurch Gewöhnung hervorruft, also eine Ba­nalisierung darstellt ("Wahrscheinlich gibt es auch eine Banalität des Guten"). Daß das alles bei Walser nichts Neues war, nichts Überraschendes, wurde in der De­batte geflissentlich übergangen (etwa im 3. Kapitel der Novelle Ein fliehendes Pferd: "Er empfand eine Art Ekel, wenn er daran dachte, mit wieviel Vergan­gen­heit er schon angefüllt war. Deckel drauf. Zulassen. Bloß keinen Sauerstoff dran­kommen lassen, sonst fing das an zu gären." Oder in Ohne einander, 1993: "Er ertrug Wirklichkeit überhaupt nur noch, wenn er sie schreibend beantwortet hatte. Nicht, daß diese Welt nicht schön wäre, sie ist nur unerträglich. Man mußte sie, um sie erträglich zu machen, zwingen, einen weißen Schatten zu werfen. Das ging, wenn überhaupt, nur schriftlich." [S.165]. Dieses Ertragen der Wirklichkeit nur im Prozeß des Schreibens ist zentral bei Walser.) Und das zweite: Die Laudatio auf Walser bei der Preisverleihung hielt der FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher. (Walser dazu 2003 in einem Interview auf die Frage "Ihre letzte Straftat?": "Nach­prüfendes Anschauen der Videokassette mit der Paulskirchen-Veranstaltung. Dabei Frank Schirrmacher ziemlich gut gefunden."; SZ-Magazin, 30.10.2003).

Schnitt. Selber Ort (Paulskirche), 27 Jahre vorher. Martin Walser pfeift in der Paulskirche das Deutschlandlied, wie der Tagesspiegel am 8.6.1971 berichtet: "Als kleine Demonstration gegen einigen Kunst- und Künstlerschmus, gegen die Rede von der völkerverbindenden Kraft der Kunst".

Schnitt. Marcel Reich-Ranicki rezensiert in der FAZ Walsers Roman Jenseits der Liebe (27.3.1976) und beginnt mit den Sätzen: "Ein belangloser, ein schlechter, ein miserabler Roman. Es lohnt sich nicht, auch nur ein Kapitel, auch nur eine ein­zige Seite dieses Buches zu lesen." Das ist keine Kritik, das ist ein Urteil (Reich-Ranicki sagte später, 1989 in einem Interview mit dem Spiegel, er habe damals diesen "Verriß in pädagogischer Absicht verfaßt …, in der Hoffnung …, auf den Autor einen Einfluß ausüben zu können.") Oder 1967 über Walsers Die Zimmer­schlacht: "...außerordentlich langweilig und abgeschmackt und strecken­wei­se sogar ... dümmlich... ." Ein paar wenige von vielen Urteilen, die Reich-Ranicki über Walser verhängte. Das sind Kritiken, die den Autor schmerzen. Weil sie ungerecht sind, da ausschließlich. (Und der Begriff "Urteil" ist gar nicht so weit davon ent­fernt. Walter Kempowski über das Literarische Quartett: "Man muß die Literatur-Richter gesehen haben. Demnächst verhängt dieses Tribunal noch Gefängnisstra­fen." Alkor, 13.10.1989).

Reich-Ranicki hängte seinen Verissen meist eine Art Trostbonbon an, indem er oft wiederholte, was Walser in seinen Augen eigentlich für ein großer Autor sei (noch einmal 1967: "…so originell seine Begabung auch sein mag.... Was er schreibt, ist oft anregend und interessant, es vermag zu verwundern und zu irritieren, ja mitunter zu entzücken. Aber es überwältigt nie: Die verführerische, den Leser be­zwingende Kraft … geht Walser vollkommen ab."), nur das neue Buch eben, das sei so schlecht, so ungenießbar, was das für ihn schlimm sei, weil er doch wisse, was Walser eigentlich könne. Indem er Walser stets für das "eigentliche", das er irgendwo ausgemacht haben wollte, lobte und das stets vorgelegte vermeintlich "uneigentliche" tadelte, gab er sich wohlwollend: aber es war doch stets nichts andres als ein Schlag ins Gesicht - als Streicheln getarnt.

Die publikumswirksamsten "Kritiken" Reich-Ranickis fanden in der TV-Sen­dung Das Literarische Quartett statt (Walter Kempowski nannte die Sendung im Tagebuch einmal treffend: "Die vier Scharfrichter", Alkor, 17.6.1989). Hier ein paar Ausschnitte:

MRR leidet ja so unter Walser. Literarisches Quartett, 30.9.1988, es geht um Walsers Jagd: "...ich bin befreundet mit Walser, uns allen tut es sehr weh, dem Walser einen Schmerz anzutun..." - das unvermeidliche "aber" klingt da schon an. Weiter: "Es ist ja interessant, dass Walser ein Mann von hoher Schreibfähigkeit ist. Er hat das (...) immer wieder bewiesen", dann kommt das Aber: "Für mich war die Lektüre der ganzen zweiten Hälfte unerträglich langweilig." Und schließlich: "Wie ist es möglich, dass ein so hochintelligenter Mann wie Martin Walser, der Autor glänzender Essays über Literatur, ein solches Buch schreibt?" - "Ich habe schon damals sehr gelitten." - Und wo er lobt, lobt er perfide das Trotzdem. Im Literari­schen Quartett vom 10.10.1991 geht es um die Verteidigung der Kindheit" "Dieses Buch ist einer der größten Triumphe in der deutschen Literaturgeschichte (…) ein Triumph des Suhrkamp-Chefs Siegfried Unseld, der es fertig gebracht hat, (…) den deutschen Buchhändlern dieses Buch als Meisterwerk der Literatur einzureden (…). Unselds Genialität besteht darin, dass er schlechte Bücher dem Volk einredet. (…) Ich habe gelitten, unmenschlich gelitten." Es folgt das übliche Aber: "Wohl­gemerkt, ich bewundere den Essayisten Walser, Walser hat einige wunderbare Er­zählungen geschrieben, seine Romane waren alle nicht gut, ich kenne keinen ein­zigen Roman von ihm, der gut war!" Ein andermal (26.4.1996) MRR: "ich schätze, bewundere und liebe den Schriftsteller Martin Walser seit 30, 40 Jah­ren…" Kara­sek: "Mit wechselnder Liebe aber, oder?" MRR: "Mit großer Liebe." ... Karasek: "Wen Gott liebt, züchtigt er, heißt es." Im übrigen scheute MRR sich nicht, Tot­schlag-Vokabular zu benutzen, einmal bezeichnete er etwa die Tätigkeit des Kri­tikers als die des Arztes: "Wenn Seuchen (!!!) um sich greifen, werden die Ärzte immer wichtiger." (1994). Da ist es zur Ausmerzung Lesensunwerter Lektüre nicht weit… Der Kritiker als Mörder ist dem "Reichsranitzker" (Helmut Krausser im Tagebuch, 10.10.1997) geläufig; 2002: "Gern und oft beschuldigt man die Kritiker literarischer Morde." (Über Literaturkritik) Aber wehe! Wehe wenn der Autor das Verhältnis umkehrt…

Weshalb ich hier so ausführlich die Reich-Ranicki’schen Walser-Kritiken zi­tie­re: Reich-Ranicki ist die kaum kaschierte Hauptfigur in Walsers Roman Tod eines Kritikers. Diese Zitate sollen auch zeigen, wie es zu diesem Roman gekommen ist. Reich-Ranicki hat Walser jahrzehntelang kritisierend gekränkt und herabge­setzt. Und, um es bildlich auszudrücken, irgendwann platzte Walser der Kragen. Reich-Ranicki figurierte bereits in Walsers Roman Ohne einander (1993) als "Erlkönig" (im Roman Spitzname des Starkritikers Willi André König, der "Lite­raturkritiker ist und ein begnadeter Selbstinszenierer, also prominent." [S.15]) Daß MRR mit dem Kritiker "Erlkönig" gemeint war, wußte er übrigens sehr wohl: "all­gemein wenn er auf mich zu sprechen kommt, ist er gar nicht so schlecht. … [Aber, mal wieder:] Er kann Romane ums Verrecken nicht schreiben." (Literarisches Quar­tett, 15.8.1993).

So weit die Vorgeschichte. Am 29. Mai 2002 erlebten die Leser der Frankfurter Allgemeinen Zeitung etwas, das bislang noch nie geschehen war und daher zurecht mit einem Begriff aus der Novellentheorie belegt werden darf: eine unerhörte Begebenheit. Der FAZ-Herausgeber wandte sich in einem Offenen Brief an Martin Walser, in dem er ihm mitteilte, daß sein neuer Roman Tod eines Kritikers nicht in der FAZ vorabgedruckt werde. Dieser Umstand allein schon vermag zu verwun­dern: eine solche Mitteilung ist eigentlich doch Inhalt eines postalisch zugestellten Briefes, nicht aber eines Offenen Briefes. Doch das wie eine Bombe Einschlagende war: Schirrmacher begründete seine Absage damit, daß Walser einen antisemiti­schen Roman geschrieben habe: "[E]in Dokument des Hasses." Es gehe nicht um eine "Ermordung des Kritikers als Kritiker (…). Es geht um den Mord eines Juden." - "[D]as Repertoire antisemitischer Klischees ist leider unübersehbar" und gipfelte in dem aufschlußreichen Satz: "Sie, lieber Herr Walser, haben oft gesagt, Sie wollen sich befreit fühlen. Ich glaube heute: Ihre Freiheit ist unsere Nieder­lage." (Einer der seltenen Fälle übrigens, daß sich die Antifa bei der FAZ für ihr Parolenrepertoire bedient. Mit dem letztzitierten Satz Schirrmachers war beispiels­weise ein Flugblatt gegen eine Walser-Lesung in Frankfurt unterschrieben; Süd­deut­sche Zeitung Magazin, 30.10.2003).

Damit war der Auftakt zu einer Feuilleton-Debatte unter kuriosen Zeichen gegeben. Kurios insofern, als sich sämtliche sich Beteiligenden vorerst nur auf das stützen konnten, was Schirrmacher in der FAZ behauptet hatte. Es beschlich einen das Gefühl einer Phantom-Debatte: Das, was behauptet wurde, konnte man nicht überprüfen, denn das Buch war noch nicht veröffentlicht. Als ich mir dann per eMail doch das Manuskript habe beschaffen können und es las, da war die Ver­wunderung groß: es war auch inhaltlich die Debatte um ein Phantom. Von Anti­semitismus nämlich keine Spur. Wie sagte Walser noch einmal in der Paulskirche?: "[W]enn eine Beschuldigung weit genug geht, ist sie an sich schon schlagend, ein Beweis erübrigt sich da." Exakt. Der Roman erwies sich als ein gekonntes Buch, aufs Höchste unterhaltsam und lehrreich. Die Lektüre lohnt sich.

In der Debatte gab es überraschende Allianzen. Daß die Süddeutsche Zeitung beispielsweise sich auf die Seite Walsers schlug, war noch nicht überraschend (nach dem Wechsel einiger Redakteure von der SZ zur FAZ und umgekehrt). Kopf­schütteln allerdings rief hervor, daß sich die FAZ gegen Walser ausgerechnet von Jan Philipp Reemtsma sekundieren ließ. War dessen Rocky Horror Wehrmachts-Show in der FAZ noch kritisiert worden, so war er nun der Rechte (sic), um Walser noch eins auszuwischen. Zunächst hatte Reemtsma sich in der Frankfurter Rund­schau (1.6.2002) zu Wort gemeldet mit einem Artikel, in welchem er den "Fall" Walser mit dem Möllemanns verglich, und in welchem seine Art "Fakten" zu schaf­fen schon aus der Wortwahl hervorging. Leitete er da noch konjunktivisch ein: "…dürfte richtig sein… so hören wir…", geht es über "Schirrmacher sagt…" zur eigenen "Tatsachen-Behauptung": "Ich fasse es kurz: es ist eine literarische Bar­barei" (es "ist"!). Am 27. Juni 2002 legte Reemtsma in der FAZ nach: "Ein antise­mitischer Affektsturm" war sein Beitrag überschrieben, der mit anderthalb Seiten wohl eine der längsten "Rezensionen" war, die in der FAZ erschienen sind. Rezen­sionen in Anführungsstrichen - denn: es war eine verbale Hinrichtung, die Reemts­ma vollzog, wohl froh darüber, daß mal wieder jemand "so richtig schuldig" ge­worden sei. Es folgte ein Verwirrspiel. Die Nachrichten brachten die Distanzierung von dem und dem, die Verteidigung von X und Y. Joachim Kaiser beispielsweise sprang in der Süddeutschen und in der Jungen Freiheit Walser zur Seite (und wur­de daraufhin prompt von der FAZ angegriffen, die raunend Kaiser "In der Jauche­grube" verortete; 6.7.2003). Die Fronten waren interessant: Habermas warf der FAZ "Denunziation" vor (11.6.2002). Und auch der Nobelpreisträger Günter Grass gesellte sich an die Seite Walsers (Badische Zeitung, 15. Juli 2002): "Die Stellen, die antisemitisch sein sollen, sind es nicht. Ich halte es für eine bloße Behauptung und nicht für einen Nachweis. Immerhin hat Reich-Ranicki über Jahrzehnte oft genug zugeschlagen."

Es gab Forderungen an den Suhrkamp-Verlag, das Buch nicht zu drucken. Doch der Verleger Siegfried Unseld wird sich bei den Vorwürfen ein "Er ist unser Autor, nicht wahr nicht" gedacht haben und sich seines alten Grundsatzes besonnen ha­ben, den er 1960 in einem Brief an Uwe Johnson formuliert hat: "An sich ist es be­währtes Gesetz unseres Verlages, auf Kritiken nicht und in keiner Form zu reagie­ren, es sei denn, man ist gezwungen, Verleumderisches oder bewußt Falsches rich­tig zu stellen. Sich auf irrige Meinungen einzulassen, scheint uns bislang wenig Sinn zu haben." (3.3.1960). Kurz: das Buch wurde gedruckt. Auffallenderweise jedoch ohne jeglichen Umschlag-Kommentar und Klappentext.

Walser selbst meldete sich am 31.05.2002 in der Süddeutschen zu Wort und charakterisierte die Protagonisten seines Buches, am 1. Juni gab er der Badischen Zeitung ein Interview und nahm Stellung zur entfachten Debatte. Nicht zu unrecht verwies er in seiner Ratlosigkeit über das Handeln Schirrmachers auf eine Passage des Romans: "[W]enn man eine Person ganz hart treffen will, dann muss man sie so treffen, dass sie nicht weiß, warum man das getan hat. Sie darf kein Motiv erkennen. Erst dann ist es ein absoluter Schlag." Am ausführlichsten sprach Walser in der Märkischen Allgemeinen (6.7.2002). Reich-Ranicki nahm in einer Münche­ner Rede Stellung, beleidigt. Und mit so viel weniger Humor als die ihn über­höhend ihm nachempfundene Figur André Ehrl-König im Roman.

Bei Walsers Reden von der Nation, so empfand Frank Schirrmacher in seiner Walser-Laudatio 1998 noch, sei die Publikumsreaktion anders als vor Ende der deutschen Teilung: "Nur die öffentliche Reizapparatur ist ein wenig anders jus­tiert." Nein, nein: sie ist nicht anders justiert gewesen, sie war in ihrer Reflex­haf­tigkeit genau so wie eh und je im Nachkriegsdeutschland post 1968. Schirrmacher hat es in der Tod eines Kritikers-Debatte bewiesen: indem er Schlagworte (das ist sehr wörtlich zu nehmen) austeilte, bediente er Klischees und forderte Automa­tis­men heraus, die prompt erfolgten. Er setzte mit wenigen Sätzen die VB-Maschine in Gang.

Anläßlich dieses Artikels las ich den Tod eines Kritikers abermals. Und erfreute mich an der Lektüre. Deutlich wurde mir dabei, wie sehr Walser in seinem Roman die Mechanismen aufdeckt. Wäre der Roman nicht vor der Debatte verfaßt worden, wunderte man sich vielleicht weniger über den Realitätsgehalt des Buches. Denn eigentlich ist der Tod eines Kritikers der Roman zur Debatte über den Tod eines Kritikers. Schon auf S. 13 wird der Protagonist, Hans Lach, öffentlich als Populist beschimpft. Wo? - "in der Frankfurter Allgemeinen", und von wem? - "Und zwar von einem der Herausgeber persönlich." Auch im Roman kippt die Debatte mit einem Umstand: "Das Thema war jetzt, daß Hans Lach einen Juden getötet hatte." - Das führte in der "Gesinnungspresse" zu einer "Verurteilungseinhelligkeit". Usw. Auf den einsamen Kampf einer anderen Romanfigur, Fink in Walsers Roman Finks Krieg, gegen die übermächtigen Behörden (und auch die FAZ) sei nur am Rande hingewiesen.

Mit einigem Kopfschütteln dachte sich der Schreiber dieser Zeilen: Martin Wal­ser ist also die neue Sau, die durchs Dorf gejagt wird; jetzt, da Ernst Jünger tot ist und der obligatorische Fußtritt gegen diesen überflüssig geworden zu sein scheint. Doch betrifft Walser das irgendwie gar nicht. Er sieht sich nicht als Verfolgter, son­dern als Beschimpfter. Es ist nicht seine Sache. Es ist die seiner Kritiker.

Schirrmacher hatte in seinem Offenen Brief an Walser gefragt, ob er Goethes be­kannte Sentenz: "Schlagt ihn tot den Hund! Er ist ein Rezensent" einfach nur wörtlich gemeint habe. 1970 hatte Reich-Ranicki in einem aufschlußreichen Essay über Kritiker/Autoren noch geschrieben: "Im Unterschied jedoch zum jungen Goethe pflegen spätere Autoren nicht gleich den sofortigen Totschlag des Rezensenten zu empfehlen, sondern begnügen sich mit etwas vorsichtigerer Artikulation ihres Grolls…". (Lauter Verrisse, S. 18). Ließe sich da nicht fragen: einen Roman zu schreiben, in welchem der Kritiker noch nicht einmal zu Tode kommt, obgleich das der Titel verheißt, wäre das nicht eine solche "vorsichtigere[] Artikulation" des Grolls?

Ein Jahr nach Debatte und Veröffentlichung des Romans (die Reihenfolge ist nach wie vor erstaunlich) kehrt halbe Gelassenheit ein. Ob er das Buch geschrieben zu haben bedauere, fragt ihn Susanne Kunckel in der Welt am Sonntag (20.7.2003): "Niemals", sagt Walser, "Das Buch hatte die höchste Dringlichkeitsstufe - nun bin ich es glücklich los." Und im Rückblick auf die Debatte: "Die Hysterie vom letzten Jahr wird mir immer unverständlicher. Ich kann damit nicht ruhig umgehen."

Zwei Bücher befassen sich mit der Debatte. Im Bändchen Der Streit um Martin Walser der Edition JF sind Texte u.a. von Eckhard Henscheid, Joachim Kaiser, Heimo Schwilk, Günter Zehm und von Martin Walser selbst aus der Debatte vereint. Den Band Der Ernstfall haben die Germanisten Dieter Borchmeyer und Helmuth Kiesel herausgegeben. Beide ausgewiesene Walser-Kenner; Kiesel etwa hat die 12bändige Werkausgabe ediert. Der Band lohnt sich. In 16 Beiträgen werden Roman und Debatte aus unterschiedlichen Blickwinkeln beleuchtet. Vom juristischen Kommentar über die linguistische Kritik bis hin zu einer Art Gattungsgeschichte des Umgangs mit Kritikern im Roman. Lesen sollte man den Tod eines Kritikers, lesen sollte man den Streit und den wohltuend sachlichen Ernst­fall - es ist so lehrreich.

Drei Zitate zum Schluß:

Der Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Salomon Korn: "Ich halte Walser nicht für einen Antisemiten." (SZ-Magazin, Nr. 44, 30.10.2003).

Walser in Finks Krieg (1993, S. 55 f.): "Nur fluchend, tobend konnte er diese FAZ-Luft atmen. Dieses Edelmistblatt, schrie er. Fassadenkosmetikgazette! Daß die Herrschaften einander das Gewissen narkotisieren können. Dazu gibt es die FAZ. Daß sie sich ihre Unschuld polieren lassen können. Legitimierungsganoven, alle, gar alle: Ein Edelmistblatt I. Klasse. Nein, nein, rief er. Idiot, nannte er sich. Sie sind eben keine Ganoven. Ganoven sind doch hochanständige Leute, die haben ein schlechtes Gewissen, müssen sich andauernd verheimlichen. Aber diese Legi­timierungsfatzkes veröffentlichen sich, wo’s nur geht. Die sind vor lauter Legiti­mierungslack innen und außen gleich taub…"

Walser in Meßmers Reisen (2003): "Das waren noch Zeiten, als die Heuchler rechts waren."

Literatur:

Martin Walser: Tod eines Kritikers. Roman. Frankfurt/Main: Suhrkamp 2002, 219 Seiten

Dieter Borchmeyer, Helmuth Kiesel (Hgg.): Der Ernstfall. Martin Walsers "Tod eines Kritikers". Hamburg: Hoffmann und Campe 2003, 288 Seiten

Der Streit um Martin Walser. Berlin: Edition JF 2002, 114 Seiten

 
 
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