Download
dieses Dokuments als pdf-Datei
Diskutieren Sie mit Kollegen über diesen Artikel im
Forum.
Orbis Linguarum Vol. 25/2004
Tobias Wimbauer
Hagen
Der "Fall" (?) Martin
Walser
Rückblick
auf die Diskussion um den Tod eines Kritikers
Allen
Feinden sei vergeben,
außer
denen, die noch leben.
Helmut
Krausser
(1999)
Für
Marcel Reich-Ranicki (…):
Clowns
sind wir, der Zirkus heißt Kultur,
Unsre
Nummer: Watschen mit Gesang.
Streicheln
dürfen wir uns nur
Draußen
in dem dunklen Gang.
Martin
Walser (1985)
Es
gibt in Deutschland eine Diskussionsroutine. Eine
Diffamierungsmaschine, die, einmal angeworfen, einem
Flipper-Automaten gleicht, bei dem der Ball mal hier
anstößt, mal dort. Und bei jedem Anstoß ertönt ein
komisches Geräusch, blinken Lichtlein auf. Vollautomatisch.
So funktioniert auch die VB-Maschine. VB war
Armin Mohlers kurze und bündige Bezeichnung für die "Vergangenheitsbewältigung".
Wie diese
VB-Maschine arbeitet, konnte man jüngst in der vom
Zaune gebrochenen Debatte um einen Bundestagsabgeordneten
beobachten, und auch bei dem zunächst geplanten Ausschluß
der Degussa von dem Berliner Mahnmalsbau. Diese
Diskussionen verselbständigen sich und entfernen sich
mehr und mehr von ihrem eigentlichen Gegenstand. Der
diskutierte Gegenstand wird zwar noch "gesetzt",
aber kaum mehr beachtet. Und manchmal stört er sogar
und wird ausgeblendet, indem die Debatte erweitert
wird (etwa von: X ist ein Antisemit zu: Wie antisemitisch
ist die Partei, der X angehört, bis hin zu: Kann Deutschland
sich das erlauben?! usw. Planetarisch wird’s freilich
nicht, denn der Schuldigsein-Anspruch endet an den
deutschen Nachkriegsgrenzen). Irgend etwas wird schon
haften bleiben. Und das kann bei Gelegenheit reaktiviert
werden.
Doch zu
Martin Walser. Unversehens geriet er zweimal in jüngster
Zeit in die Räder der VB-Maschine. Das eine Mal mit
seiner Rede in der Frankfurter Paulskirche anläßlich
der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels
an ihn. In den Erfahrungen beim Verfassen einer
Sonntagsrede, so war die 1998er Friedenspreisrede
überschrieben, sprach Walser beispielsweise davon,
daß er habe "lernen müssen wegzuschauen."
Denn er "verschließe [s]ich Übeln, an deren Behebung
[er] nicht mitwirken kann." Ein anderes war der
Unmut über die "Gewissensproblematik"
der sich permanent in der Anklägerrolle Gefallenden,
deren Gewissens"nöte" er nicht nachvollziehen
könne. Diese Anklagenden müssten, so Walser, "Gewissensgrößen"
sein, denn: "Anders wäre die Schärfe der Verdächtigung
oder schon Beschuldigung nicht zu erklären. Und wenn
eine Beschuldigung weit genug geht, ist sie an sich
schon schlagend, ein Beweis erübrigt sich da."
- Diese beiden Sätze sollte man im Gedächtnis behalten,
denn sie zeichneten treffend die Tod eines Kritikers-Debatte
vor. Zwei Dinge zu dieser Rede noch, die uns dann
nicht weiter hier beschäftigen soll. Das erste: Es
folgte der Rede eine scharfe Debatte, vor allem darum,
weil Walser bekannte, daß er - um seines Seelenfriedens
willen - das Wegschauen gelernt habe, weil die "Dauerpräsentation
unserer Schande" eine Zweck-Routine geworden
ist. Und dadurch Gewöhnung hervorruft, also eine Banalisierung
darstellt ("Wahrscheinlich gibt es auch eine
Banalität des Guten"). Daß das alles bei Walser
nichts Neues war, nichts Überraschendes, wurde in
der Debatte geflissentlich übergangen (etwa im 3.
Kapitel der Novelle Ein fliehendes Pferd: "Er
empfand eine Art Ekel, wenn er daran dachte, mit wieviel
Vergangenheit er schon angefüllt war. Deckel drauf.
Zulassen. Bloß keinen Sauerstoff drankommen lassen,
sonst fing das an zu gären." Oder in Ohne
einander, 1993: "Er ertrug Wirklichkeit überhaupt
nur noch, wenn er sie schreibend beantwortet hatte.
Nicht, daß diese Welt nicht schön wäre, sie ist nur
unerträglich. Man mußte sie, um sie erträglich zu
machen, zwingen, einen weißen Schatten zu werfen.
Das ging, wenn überhaupt, nur schriftlich." [S.165].
Dieses Ertragen der Wirklichkeit nur im Prozeß des
Schreibens ist zentral bei Walser.) Und das zweite:
Die Laudatio auf Walser bei der Preisverleihung hielt
der FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher. (Walser dazu
2003 in einem Interview auf die Frage "Ihre letzte
Straftat?": "Nachprüfendes Anschauen der
Videokassette mit der Paulskirchen-Veranstaltung.
Dabei Frank Schirrmacher ziemlich gut gefunden.";
SZ-Magazin, 30.10.2003).
Schnitt.
Selber Ort (Paulskirche), 27 Jahre vorher. Martin
Walser pfeift in der Paulskirche das Deutschlandlied,
wie der Tagesspiegel am 8.6.1971 berichtet:
"Als kleine Demonstration gegen einigen Kunst-
und Künstlerschmus, gegen die Rede von der völkerverbindenden
Kraft der Kunst".
Schnitt.
Marcel Reich-Ranicki rezensiert in der FAZ
Walsers Roman Jenseits der Liebe (27.3.1976)
und beginnt mit den Sätzen: "Ein belangloser,
ein schlechter, ein miserabler Roman. Es lohnt sich
nicht, auch nur ein Kapitel, auch nur eine einzige
Seite dieses Buches zu lesen." Das ist keine
Kritik, das ist ein Urteil (Reich-Ranicki sagte später,
1989 in einem Interview mit dem Spiegel, er
habe damals diesen "Verriß in pädagogischer Absicht
verfaßt …, in der Hoffnung …, auf den Autor einen
Einfluß ausüben zu können.") Oder 1967 über Walsers
Die Zimmerschlacht: "...außerordentlich
langweilig und abgeschmackt und streckenweise sogar
... dümmlich... ." Ein paar wenige von vielen
Urteilen, die Reich-Ranicki über Walser verhängte.
Das sind Kritiken, die den Autor schmerzen. Weil sie
ungerecht sind, da ausschließlich. (Und der Begriff
"Urteil" ist gar nicht so weit davon entfernt.
Walter Kempowski über das Literarische Quartett: "Man
muß die Literatur-Richter gesehen haben. Demnächst
verhängt dieses Tribunal noch Gefängnisstrafen."
Alkor, 13.10.1989).
Reich-Ranicki
hängte seinen Verissen meist eine Art Trostbonbon
an, indem er oft wiederholte, was Walser in seinen
Augen eigentlich für ein großer Autor sei (noch einmal 1967: "…so originell
seine Begabung auch
sein mag.... Was er schreibt, ist oft anregend
und interessant, es vermag zu verwundern und zu irritieren,
ja mitunter zu entzücken. Aber es überwältigt nie:
Die verführerische, den Leser bezwingende Kraft …
geht Walser vollkommen ab."), nur das neue Buch
eben, das sei so schlecht, so ungenießbar, was das
für ihn schlimm sei, weil er doch wisse, was Walser
eigentlich könne. Indem er Walser stets für das "eigentliche",
das er irgendwo ausgemacht haben wollte, lobte und
das stets vorgelegte vermeintlich "uneigentliche"
tadelte, gab er sich wohlwollend: aber es war doch
stets nichts andres als ein Schlag ins Gesicht - als
Streicheln getarnt.
Die publikumswirksamsten
"Kritiken" Reich-Ranickis fanden in der
TV-Sendung Das Literarische Quartett statt
(Walter Kempowski nannte die Sendung im Tagebuch einmal
treffend: "Die vier Scharfrichter", Alkor,
17.6.1989). Hier ein paar Ausschnitte:
MRR leidet
ja so unter Walser. Literarisches Quartett, 30.9.1988,
es geht um Walsers Jagd: "...ich bin befreundet
mit Walser, uns allen tut es sehr weh, dem Walser
einen Schmerz anzutun..." - das unvermeidliche
"aber" klingt da schon an. Weiter: "Es
ist ja interessant, dass Walser ein Mann von hoher
Schreibfähigkeit ist. Er hat das (...) immer wieder
bewiesen", dann kommt das Aber: "Für mich
war die Lektüre der ganzen zweiten Hälfte unerträglich
langweilig." Und schließlich: "Wie ist es
möglich, dass ein so hochintelligenter Mann wie Martin
Walser, der Autor glänzender Essays über Literatur,
ein solches Buch schreibt?" - "Ich habe
schon damals sehr gelitten." - Und wo er lobt,
lobt er perfide das Trotzdem. Im Literarischen Quartett
vom 10.10.1991 geht es um die Verteidigung der
Kindheit" "Dieses Buch ist einer der
größten Triumphe in der deutschen Literaturgeschichte
(…) ein Triumph des Suhrkamp-Chefs Siegfried Unseld,
der es fertig gebracht hat, (…) den deutschen Buchhändlern
dieses Buch als Meisterwerk der Literatur einzureden
(…). Unselds Genialität besteht darin, dass er schlechte
Bücher dem Volk einredet. (…) Ich habe gelitten, unmenschlich
gelitten." Es folgt das übliche Aber: "Wohlgemerkt,
ich bewundere den Essayisten Walser, Walser hat einige
wunderbare Erzählungen geschrieben, seine Romane
waren alle nicht gut, ich kenne keinen einzigen Roman
von ihm, der gut war!" Ein andermal (26.4.1996)
MRR: "ich schätze, bewundere und liebe den Schriftsteller
Martin Walser seit 30, 40 Jahren…" Karasek:
"Mit wechselnder Liebe aber, oder?" MRR:
"Mit großer Liebe." ... Karasek: "Wen
Gott liebt, züchtigt er, heißt es." Im übrigen
scheute MRR sich nicht, Totschlag-Vokabular zu benutzen,
einmal bezeichnete er etwa die Tätigkeit des Kritikers
als die des Arztes: "Wenn Seuchen (!!!) um sich
greifen, werden die Ärzte immer wichtiger." (1994).
Da ist es zur Ausmerzung Lesensunwerter Lektüre nicht
weit… Der Kritiker als Mörder ist dem "Reichsranitzker"
(Helmut Krausser im Tagebuch, 10.10.1997) geläufig;
2002: "Gern und oft beschuldigt man die Kritiker
literarischer Morde." (Über Literaturkritik)
Aber wehe! Wehe wenn der Autor das Verhältnis umkehrt…
Weshalb
ich hier so ausführlich die Reich-Ranicki’schen Walser-Kritiken
zitiere: Reich-Ranicki ist die kaum kaschierte Hauptfigur
in Walsers Roman Tod eines Kritikers. Diese
Zitate sollen auch zeigen, wie es zu diesem Roman
gekommen ist. Reich-Ranicki hat Walser jahrzehntelang
kritisierend gekränkt und herabgesetzt. Und, um es
bildlich auszudrücken, irgendwann platzte Walser der
Kragen. Reich-Ranicki figurierte bereits in Walsers
Roman Ohne einander (1993) als "Erlkönig"
(im Roman Spitzname des Starkritikers Willi André
König, der "Literaturkritiker ist und ein begnadeter
Selbstinszenierer, also prominent." [S.15]) Daß
MRR mit dem Kritiker "Erlkönig" gemeint
war, wußte er übrigens sehr wohl: "allgemein
wenn er auf mich zu sprechen kommt, ist er gar nicht
so schlecht. … [Aber, mal wieder:] Er kann Romane
ums Verrecken nicht schreiben." (Literarisches
Quartett, 15.8.1993).
So weit
die Vorgeschichte. Am 29. Mai 2002 erlebten die Leser
der Frankfurter Allgemeinen Zeitung etwas,
das bislang noch nie geschehen war und daher zurecht
mit einem Begriff aus der Novellentheorie belegt werden
darf: eine unerhörte Begebenheit. Der FAZ-Herausgeber
wandte sich in einem Offenen Brief an Martin Walser,
in dem er ihm mitteilte, daß sein neuer Roman Tod
eines Kritikers nicht in der FAZ vorabgedruckt
werde. Dieser Umstand allein schon vermag zu verwundern:
eine solche Mitteilung ist eigentlich doch Inhalt
eines postalisch zugestellten Briefes, nicht aber
eines Offenen Briefes. Doch das wie eine Bombe Einschlagende
war: Schirrmacher begründete seine Absage damit, daß
Walser einen antisemitischen Roman geschrieben habe:
"[E]in Dokument des Hasses." Es gehe nicht
um eine "Ermordung des Kritikers als Kritiker
(…). Es geht um den Mord eines Juden." - "[D]as
Repertoire antisemitischer Klischees ist leider unübersehbar"
und gipfelte in dem aufschlußreichen Satz: "Sie,
lieber Herr Walser, haben oft gesagt, Sie wollen sich
befreit fühlen. Ich glaube heute: Ihre Freiheit ist
unsere Niederlage." (Einer der seltenen Fälle
übrigens, daß sich die Antifa bei der FAZ für
ihr Parolenrepertoire bedient. Mit dem letztzitierten
Satz Schirrmachers war beispielsweise ein Flugblatt
gegen eine Walser-Lesung in Frankfurt unterschrieben;
Süddeutsche Zeitung Magazin, 30.10.2003).
Damit
war der Auftakt zu einer Feuilleton-Debatte unter
kuriosen Zeichen gegeben. Kurios insofern, als sich
sämtliche sich Beteiligenden vorerst nur auf das stützen
konnten, was Schirrmacher in der FAZ behauptet
hatte. Es beschlich einen das Gefühl einer Phantom-Debatte:
Das, was behauptet wurde, konnte man nicht überprüfen,
denn das Buch war noch nicht veröffentlicht. Als ich
mir dann per eMail doch das Manuskript habe beschaffen
können und es las, da war die Verwunderung groß:
es war auch inhaltlich die Debatte um ein Phantom.
Von Antisemitismus nämlich keine Spur. Wie sagte
Walser noch einmal in der Paulskirche?: "[W]enn
eine Beschuldigung weit genug geht, ist sie an sich
schon schlagend, ein Beweis erübrigt sich da."
Exakt. Der Roman erwies sich als ein gekonntes Buch,
aufs Höchste unterhaltsam und lehrreich. Die Lektüre
lohnt sich.
In der
Debatte gab es überraschende Allianzen. Daß die Süddeutsche
Zeitung beispielsweise sich auf die Seite Walsers
schlug, war noch nicht überraschend (nach dem Wechsel
einiger Redakteure von der SZ zur FAZ
und umgekehrt). Kopfschütteln allerdings rief hervor,
daß sich die FAZ gegen Walser ausgerechnet
von Jan Philipp Reemtsma sekundieren ließ. War dessen
Rocky Horror Wehrmachts-Show in der FAZ
noch kritisiert worden, so war er nun der Rechte (sic),
um Walser noch eins auszuwischen. Zunächst hatte Reemtsma
sich in der Frankfurter Rundschau (1.6.2002)
zu Wort gemeldet mit einem Artikel, in welchem er
den "Fall" Walser mit dem Möllemanns verglich, und in welchem seine Art "Fakten"
zu schaffen schon aus der Wortwahl hervorging. Leitete
er da noch konjunktivisch ein: "…dürfte
richtig sein… so hören wir…", geht es
über "Schirrmacher sagt…" zur eigenen
"Tatsachen-Behauptung": "Ich fasse
es kurz: es ist eine literarische Barbarei"
(es "ist"!). Am 27. Juni 2002 legte Reemtsma
in der FAZ nach: "Ein antisemitischer
Affektsturm" war sein Beitrag überschrieben,
der mit anderthalb Seiten wohl eine der längsten "Rezensionen"
war, die in der FAZ erschienen sind. Rezensionen
in Anführungsstrichen - denn: es war eine verbale
Hinrichtung, die Reemtsma vollzog, wohl froh darüber,
daß mal wieder jemand "so richtig schuldig"
geworden sei. Es folgte ein Verwirrspiel. Die Nachrichten
brachten die Distanzierung von dem und dem, die Verteidigung
von X und Y. Joachim Kaiser beispielsweise sprang
in der Süddeutschen und in der Jungen Freiheit
Walser zur Seite (und wurde daraufhin prompt von
der FAZ angegriffen, die raunend Kaiser "In
der Jauchegrube" verortete; 6.7.2003). Die Fronten
waren interessant: Habermas warf der FAZ "Denunziation"
vor (11.6.2002). Und auch der Nobelpreisträger Günter
Grass gesellte sich an die Seite Walsers (Badische
Zeitung, 15. Juli 2002): "Die Stellen, die
antisemitisch sein sollen, sind es nicht. Ich halte
es für eine bloße Behauptung und nicht für einen Nachweis.
Immerhin hat Reich-Ranicki über Jahrzehnte oft genug
zugeschlagen."
Es gab
Forderungen an den Suhrkamp-Verlag, das Buch nicht
zu drucken. Doch der Verleger Siegfried Unseld wird
sich bei den Vorwürfen ein "Er ist unser Autor,
nicht wahr nicht" gedacht haben und sich seines
alten Grundsatzes besonnen haben, den er 1960 in
einem Brief an Uwe Johnson formuliert hat: "An
sich ist es bewährtes Gesetz unseres Verlages, auf
Kritiken nicht und in keiner Form zu reagieren, es
sei denn, man ist gezwungen, Verleumderisches oder
bewußt Falsches richtig zu stellen. Sich auf irrige
Meinungen einzulassen, scheint uns bislang wenig Sinn
zu haben." (3.3.1960). Kurz: das Buch wurde gedruckt.
Auffallenderweise jedoch ohne jeglichen Umschlag-Kommentar
und Klappentext.
Walser
selbst meldete sich am 31.05.2002 in der Süddeutschen
zu Wort und charakterisierte die Protagonisten seines
Buches, am 1. Juni gab er der Badischen Zeitung
ein Interview und nahm Stellung zur entfachten Debatte.
Nicht zu unrecht verwies er in seiner Ratlosigkeit
über das Handeln Schirrmachers auf eine Passage des
Romans: "[W]enn man eine Person ganz hart treffen
will, dann muss man sie so treffen, dass sie nicht
weiß, warum man das getan hat. Sie darf kein Motiv
erkennen. Erst dann ist es ein absoluter Schlag."
Am ausführlichsten sprach Walser in der Märkischen
Allgemeinen (6.7.2002). Reich-Ranicki nahm in
einer Münchener Rede Stellung, beleidigt. Und mit
so viel weniger Humor als die ihn überhöhend ihm
nachempfundene Figur André Ehrl-König im Roman.
Bei Walsers
Reden von der Nation, so empfand Frank Schirrmacher
in seiner Walser-Laudatio 1998 noch, sei die Publikumsreaktion
anders als vor Ende der deutschen Teilung: "Nur
die öffentliche Reizapparatur ist ein wenig anders
justiert." Nein, nein: sie ist nicht anders
justiert gewesen, sie war in ihrer Reflexhaftigkeit
genau so wie eh und je im Nachkriegsdeutschland post
1968. Schirrmacher hat es in der Tod eines Kritikers-Debatte
bewiesen: indem er Schlagworte (das ist sehr wörtlich
zu nehmen) austeilte, bediente er Klischees und forderte
Automatismen heraus, die prompt erfolgten. Er setzte
mit wenigen Sätzen die VB-Maschine in Gang.
Anläßlich
dieses Artikels las ich den Tod eines Kritikers
abermals. Und erfreute mich an der Lektüre. Deutlich
wurde mir dabei, wie sehr Walser in seinem Roman die
Mechanismen aufdeckt. Wäre der Roman nicht vor der
Debatte verfaßt worden, wunderte man sich vielleicht
weniger über den Realitätsgehalt des Buches. Denn
eigentlich ist der Tod eines Kritikers der
Roman zur Debatte über den Tod eines Kritikers.
Schon auf S. 13 wird der Protagonist, Hans Lach, öffentlich
als Populist beschimpft. Wo? - "in der Frankfurter
Allgemeinen", und von wem? - "Und zwar
von einem der Herausgeber persönlich." Auch im
Roman kippt die Debatte mit einem Umstand: "Das
Thema war jetzt, daß Hans Lach einen Juden getötet
hatte." - Das führte in der "Gesinnungspresse"
zu einer "Verurteilungseinhelligkeit". Usw.
Auf den einsamen Kampf einer anderen Romanfigur, Fink
in Walsers Roman Finks Krieg, gegen die übermächtigen
Behörden (und auch die FAZ) sei nur am Rande
hingewiesen.
Mit einigem
Kopfschütteln dachte sich der Schreiber dieser Zeilen:
Martin Walser ist also die neue Sau, die durchs Dorf
gejagt wird; jetzt, da Ernst Jünger tot ist und der
obligatorische Fußtritt gegen diesen überflüssig geworden
zu sein scheint. Doch betrifft Walser das irgendwie
gar nicht. Er sieht sich nicht als Verfolgter, sondern
als Beschimpfter. Es ist nicht seine Sache. Es ist
die seiner Kritiker.
Schirrmacher
hatte in seinem Offenen Brief an Walser gefragt, ob
er Goethes bekannte Sentenz: "Schlagt ihn tot
den Hund! Er ist ein Rezensent" einfach nur wörtlich
gemeint habe. 1970 hatte Reich-Ranicki in einem aufschlußreichen
Essay über Kritiker/Autoren noch geschrieben: "Im
Unterschied jedoch zum jungen Goethe pflegen spätere
Autoren nicht gleich den sofortigen Totschlag des
Rezensenten zu empfehlen, sondern begnügen sich mit
etwas vorsichtigerer Artikulation ihres Grolls…".
(Lauter Verrisse, S. 18). Ließe sich da nicht
fragen: einen Roman zu schreiben, in welchem der Kritiker
noch nicht einmal zu Tode kommt, obgleich das der
Titel verheißt, wäre das nicht eine solche "vorsichtigere[]
Artikulation" des Grolls?
Ein Jahr
nach Debatte und Veröffentlichung des Romans (die
Reihenfolge ist nach wie vor erstaunlich) kehrt halbe
Gelassenheit ein. Ob er das Buch geschrieben zu haben
bedauere, fragt ihn Susanne Kunckel in der Welt
am Sonntag (20.7.2003): "Niemals", sagt
Walser, "Das Buch hatte die höchste Dringlichkeitsstufe
- nun bin ich es glücklich los." Und im Rückblick
auf die Debatte: "Die Hysterie vom letzten Jahr
wird mir immer unverständlicher. Ich kann damit nicht
ruhig umgehen."
Zwei Bücher
befassen sich mit der Debatte. Im Bändchen Der
Streit um Martin Walser der Edition JF sind Texte
u.a. von Eckhard Henscheid, Joachim Kaiser, Heimo
Schwilk, Günter Zehm und von Martin Walser selbst
aus der Debatte vereint. Den Band Der Ernstfall
haben die Germanisten Dieter Borchmeyer und Helmuth
Kiesel herausgegeben. Beide ausgewiesene Walser-Kenner;
Kiesel etwa hat die 12bändige Werkausgabe ediert.
Der Band lohnt sich. In 16 Beiträgen werden Roman
und Debatte aus unterschiedlichen Blickwinkeln beleuchtet.
Vom juristischen Kommentar über die linguistische
Kritik bis hin zu einer Art Gattungsgeschichte des
Umgangs mit Kritikern im Roman. Lesen sollte man den
Tod eines Kritikers, lesen sollte man den Streit
und den wohltuend sachlichen Ernstfall
- es ist so lehrreich.
Drei Zitate
zum Schluß:
Der Vizepräsident
des Zentralrats der Juden in Deutschland, Salomon
Korn: "Ich halte Walser nicht für einen Antisemiten."
(SZ-Magazin, Nr. 44, 30.10.2003).
Walser
in Finks Krieg (1993, S. 55 f.): "Nur
fluchend, tobend konnte er diese FAZ-Luft atmen. Dieses
Edelmistblatt, schrie er. Fassadenkosmetikgazette!
Daß die Herrschaften einander das Gewissen narkotisieren
können. Dazu gibt es die FAZ. Daß sie sich ihre Unschuld
polieren lassen können. Legitimierungsganoven, alle,
gar alle: Ein Edelmistblatt I. Klasse. Nein, nein,
rief er. Idiot, nannte er sich. Sie sind eben keine
Ganoven. Ganoven sind doch hochanständige Leute, die
haben ein schlechtes Gewissen, müssen sich andauernd
verheimlichen. Aber diese Legitimierungsfatzkes veröffentlichen
sich, wo’s nur geht. Die sind vor lauter Legitimierungslack
innen und außen gleich taub…"
Walser
in Meßmers Reisen (2003): "Das waren noch
Zeiten, als die Heuchler rechts waren."
Literatur:
Martin
Walser: Tod eines Kritikers. Roman. Frankfurt/Main:
Suhrkamp 2002, 219 Seiten
Dieter
Borchmeyer, Helmuth Kiesel (Hgg.): Der Ernstfall.
Martin Walsers "Tod eines Kritikers".
Hamburg: Hoffmann und Campe 2003, 288 Seiten
Der
Streit um Martin Walser. Berlin: Edition JF 2002,
114 Seiten