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Orbis Linguarum Vol. 25/2004
Zygmunt Mielczarek
Katowice
Annemarie Schwarzenbach. Eine
Schweizer Dissidentin
Die Leistungen
Frischs und Dürrenmatts sowie die seit den sechziger
Jahren vorgenommene Edition des Gesamtwerkes von
Robert Walser haben das Bild der modernen Deutschschweizer
Literatur essentiell gewandelt. Mit diesen Autoren
tritt sie in die vorderste Linie des ästhetischen
Umbruchs und der Avantgarde. Ein besonderes Interesse
der Forschung erwecken Schriftsteller mit dem Prädikat
eines Sonderlings, eines aus dem kollektiven Gedächtnis
Verschollenen - unter ihnen Friedrich Glauser, Adolf
Wölfli, Rudolf Utzinger, Annemarie Schwarzenbach;
gegen Ende des 20. Jahrhunderts erleben ihre Texte
wahre Renaissance. Sein und Sinnen außerhalb von Autoritätsbeziehungen
bis hin zum Ausschluß aus der Sozietät ist im allgemeinen
Sinnmitte ihres Diskurses.
Annemarie
Schwarzenbach (1908-1942), Schriftstellerin, Journalistin
und Fotoreporterin, zeit ihres Lebens dem Drogen-
und Alkoholgenuß verfallen, entstammt einer wohlhabenden,
in Würden und Ämtern stehenden Familie. Sie gehört
zu den weitgereisten Abenteurern, ihr risikoreiches
Wanderleben spiegelt sich in allen autobiographischen
Berichten, von denen Das glückliche Tal (1940)
ihr Schlüsseltext zu sein scheint. In seiner Primärfassung,
in Tod in Persien,
fragt sich die Hauptfigur nach dem
Grund ihrer Reiselust.
Diese erweist sich hier wie in Schwarzenbachs sonstigen
Werken als Gratwanderung und Selbsterkenntnis, ein
Kontrapunkt der kleinräumigen, geschlossenen Alltagswelt.
Das Alter ego der Schweizer Autorin ist nämlich "nicht
unterwegs, um neue Tugenden und andere Sitten zu entdecken."
Es pflegt unbürgerlichen Lebensstil, leistet sich
individualistisches Verhalten, eigenwillige Protestformen
und exzentrisch-rebellische Perspektive, um unter
Extrembedingungen sich selbst zu begegnen und eigene
"Irrwege"
zu erkennen.
Der Protagonist
von Schwarzenbach macht sich immer wieder in die Fremde
auf und ist stets auf der Flucht, auf rastloser und
lebenslanger Suche nach geeignetem Ort. Es ist jedoch
"keine satanische Hand" (GT, 63f.), die
ihn in die Ferne treibt. Der eigentliche Impuls seines
Ausbruchs aus dem Familienkreis und dessen behaglich-sorglosen
Verhältnissen ist rein subversiv. In Das glückliche
Tal, einer besonders gelungenen Transkription
von Schwarzenbachs Biographie, gibt sich diese Geste
als wiederholter Aufschrei und keinen Aufschub duldendes
Streben: "Ach atmen, frei atmen! [...] Befreiung!
Befreiung!" (GT, 60 u. 63). Was zum Eigensten
gehört (Haus, Heimat, Familie), wird bedrohlich.
Deshalb greift die Schriftstellerin bürgerliches
Treiben und bürgerlich-abendländischen Traditionsbestand
an, auf Abwechslung und Veränderung sinnend. Ihren
Lebenshunger und ihre Sehnsucht, sich frei und eigenständig
zu fühlen, hofft sie auf Reisen zu stillen. Der von
ihr dargestellete Aufbruch in den Exotismus ist daher
im Grunde ein Transfer von Fremde zu Fremde, ein in
persische Einöde hinübergebrachtes Nachleben der Absage
an Familienbande und uniformes Milieu. Ansätze zu
"Fluchtreisen"
sind in der familiären Erfahrung aber
auch in den Beziehungen zur damaligen Bohéme unschwer
auffindbar; ausschlaggegend für Annemaries Entscheidung, verordnungsresistent
zu bleiben und eigene Wege zu gehen, war ihre Begegnung
mit Erika und Klaus Mann im Jahre 1930. Die Briefe
Schwarzenbachs legen ein beredtes Zeugnis davon ab.
Mit dem
Bekenntnis zur Freiheit und Andersheit korrespondiert,
wie immer bei der Schweizer Schriftstellerin, das
Krisenbewußtsein des das Dargestellte erlebenden
und präsentierenden Erzählers. In Tod in Persien
nennt er seine Gefühlslage "Hoffnungslosigkeit"
(TP, 9), in Das glückliche Tal erlebt er sich
außerhalb des gewohnten Raumes und der gewohnten Zeit
als aus der Bahn Geworfener, zwischen dem Lahr-Tal
und der Schweiz Zerrissener. In der persischen Realität
wird ihm bewußt, daß er eine nicht zu verkraftende
Freiheit beansprucht und unter dem Imperativ steht,
sich selbst riskantes Tun und Treiben zuzumuten: "Ich
erhielt das Geschenk einer fürchterlichen Freiheit
..." (GT, 82).
Die Freiheit,
die sich Schwarzenbachs Protagonist ersinnt und als
allerlei exzentrische Intensitäten, als Reise in
den Orient, Rausch und Abenteuer erlebt, zeigt sich jeweils problematisch, ist Täuschung, Flucht
und Irrweg.
Seit der Kindheit hat er "die gleichen
Sehnsüchte, die gleichen Zweifel" (GT, 13), arbeitet
sich aus ihnen heraus, um in sie wieder zu geraten;
seine Krise wird perpetuiert. Einer der Versuche,
sich einen Mikrokosmos zu erschaffen, führt den Erzähler
ins persische Lahr-Tal, ein Leben unter außergewöhnlichen
Umständen. Er
läßt dort seine Blicke über die
Landschaft streifen, und diese wird zur Folie,
auf die er seine Sehnsucht projiziert. Hier eben registriert
er Augenblicke einer seltsamen Welt und beschwört
das Wirkliche in einer Verdichtung des Arkadisch-Sinnlichen
herauf: Einöde, Zelte der Nomaden, Naturwunder als
Repräsentanz des Rohen und Ursprünglichen, der Lahr-Fluß
mit dem archetypischen Symbolgehalt des Wassers als
Lebensader: "Ringsum nur Kahlheit, basaltgraue
Felshänge, lepragelbe Wüsten, tote Mondtäler, Kreidebäche
und Silberströme" (GT, 16). In der Wüste erlangt
das Kleinste Gewicht, "eine Handvoll Erde, Beute
des Windes - vereinzelte Grasbüschel" (GT, 40).
Diese Erkenntnis läßt Respekt aufkommen vor dem Raum
des Unbetretenen, kulturell Fremden und außerhalb
der Zeit Stehenden.
Die Landschaft
des Orients bietet sich in Schwarzenbachs Bildern
dar als Refugium und bewußte Trennung von jeglichem
Betrieb,
und das Lahr-Tal selbst gilt ihrem Alter ego als die
Kulmination des Suchens, als "Grenze der Welt"
(GT, 17), "Begegnung mit dem Himmel" (GT,
52), "Dach der Welt", "Ende aller Wege"
(GT, 83), "das Meer vom Himmel und armer Erde"
(TP, 19), als Magie, Ursprung und Urgrund des Seins.
Die persische Weite spricht den Erzähler bereits bei
der ersten Begegnung an, bevor er diese Realität zu
rationalisieren beginnt. Zuerst stellen sich bei der
Kultivierung von Neuland Erstaunen und Ehrfurcht,
Fühlung und spontane Kontaktaufnahme her ("das
Wunder ist mein tägliches Brot"; GT, 72), erst
dann Verständnis und Verstandesarbeit. Der exotischen
Welt nähert sich die Figur von Annemarie Schwarzenbach
vor Ort mal wundernd, mal wieder fragend. Das Tal,
das sich ihr in seiner Weite auftut, wird jedoch durch
mehr als nur durch die Art der Ursprünglichkeit und
Originalität der Naturdinge definiert.
Durch
Einbeziehung anderer Bedeutungen wie etwa Eigenes
und Fremdes, Rationales und Vorrationales gelangt
Schwarzenbach zur Essenz ihres Diskurses. Zu den Wundern,
die im Lahr-Tal "tägliches Brot" ihrer zentralen
Gestalt sind, gehört u.a. der disziplinierte, von
der Gemeinschaft limitierte, als Lebenspraxis sanktionierte
Opiumkonsum unter den Nomaden, der eine Überwindung
des Dualismus von Rausch und Nüchternheit bedeutet.
Der Rausch, für die asiatischen Volksgruppen ein
existenzimmanentes Ritual, haltlose Wünsche und Überreizung
der Sinne verhindernder Genuß, ist in dieser Funktion
ein dem Europäer fremdes Wissen; Jan Bibenski, einem
Gefährten des Protagonisten aus Das glückliche
Tal, bringt die Droge Desintegration und Tod.
In der persischen Exotik lernt der Reisende, daß
den Menschen in erster Linie Norm, eine nicht zu passierende
Grenze bestimmt, erst in zweiter - Freiheit und individuelles
Entscheiden. Unter den Ureinwohnern des Lahr-Tals
zählt jedoch nicht nur strenge kollektive Verpflichtung,
eine auf Aneignung der Spielregeln beruhende Identitätsfestlegung.
Hier wird das Rechte intuitiv erfaßt, und dieser Existenzaspekt
führt unter den in der Wüste üblichen Verhältnissen
die Regie. Mit der beständigen Fortbewegung der Nomaden
ist die Opposition von Enge und Aufbruch, Heim- und
Fernweh, von Eigenem und Fremdem aufgelöst. Mit ihrem
zweck- und hastfreien Leben sind sie ein Teil der
freien Natur sowie der in ihrem Ursprung und Ritual
immerwährenden Sozialordnung: "Sie schlafen
neben ihren Pferden, unter freiem Himmel, das Gesicht
an den nackten Boden ihrer Jagdgründe gepreßt."
(GT, 63) Dem Europäer wird bewußt, daß der Einzelne
hier nach fest gefügten Regeln lebt, sich in eine
überpersönliche Dauer stellt, mit sich selbst und
seiner Gemeinschaft versöhnt bleibt.
Der
Orient bricht über den Protagonisten von Schwarzenbach
wie Betörung und Entfremdung herein und ist mehr als
nur eine von vielen Reiseerfahrungen. Er sieht ein,
daß man hier, fernab der Zivilisation, "an kein
Ziel und keine Zeit gebunden" lebt. (GT, 81)
Keinem Zwang zu folgen, das Zweckgebundene aufzuheben,
ist in persischer Bergwelt verläßliche Richtlinie
und Maßstab des Handelns. Als Energien des Elementarlebens
verweisen die der Wanderexistenz zugeborenen Nomaden
auf das Fehlen jeglichen Zeitmaßes im Grundzustand
ihres Daseins. Durch geheime Kanäle untereinander
verbunden bleiben sie in einem dem Europäer unfaßbaren
Beziehungsgeflecht. Sie
richten sich nach Zeichen und Impulsen, die
aus dem Unbewußten kommen und respektieren den ihnen
angestammten Platz. Das Tal des Lahr-Flusses ist nämlich
eine Region, in der die Zeit stehengeblieben ist und
wahre Geheimnisse gehütet werden: "Die Trennungen
der Jahrhunderte sind aufgehoben, die alten Denkmäler
werden zu Bildern des unaufhörlich Wiederkehrenden,
und die flüchtigen Spuren der Stunde sind Zeichen
einer ewigen Übereinkunft." (GT, 73)
Die
Schwierigkeit, all die Reize mit realistischem Tagauge
wahrzunehmen und mitzuteilen, ist dem Menschen des
Abendlandes bewußt. Ihm fehlen dazu Ausdrucksmittel,
auch seine Versuche, in Persien Fuß zu fassen, scheitern.
Die ihm zuteil gewordene Erfahrung rät jedoch zur
Skepsis, denn bei aller seiner Mühe wird ihm unmöglich,
das Innerste des Orients zu leben. Niemand von außen
wird hier heimisch, auch Schwarzenbachs Figur nähert
sich dieser Wirklichkeit, ohne sie je zu erreichen:
"hier gelten unsere Maßstäbe und Erklärungen
nicht mehr” (TP, 11). Die Präsenz und die Dominanz
des Rationalen in der abendländischen Welt dividiert
das ursprünglich Eine und Ganze in zusammenhanglose
Bereiche von Natur und Kultur und destabilisiert das
Ich, sie ist an den Punkt angelangt, wo das Subjekt
durch die Zweckrationalität seiner selbst enteignet
wird. Immer wieder kehrt Schwarzenbach zu dieser Reflexion,
zu dem auf rein mentalistisch Verifizierbares beschränkten
Standpunkt, zurück. Eine der Lektionen, die ihrem
Reisenden in Persien erteilt wird, ist die über angstfreie
Einstellung der Einheimischen zum Tod. Im okzidentalen
Kulturverständnis hat
Thanatos einen anderen Stellenwert als im Morgenland.
Er erschreckt, reißt einen Abgrund auf, bedeutet Verlust,
Verzweiflung und bösen Sonderfall, er behauptet sich
gegen den Menschen und bringt ihn in Konflikt mit
dem Ontos. Im Orient dagegen wird der Tod vom Naturprinzip
her gedacht. Diesem zufolge ist er ein Existenzgenosse,
man versteht ihn als Auslöschung des Wachbewußtseins,
"als das Nichts, als das wahre Sein”, man sieht
ihm ”ohne Spannung” (TP, 11) entgegen. Im Lahr-Tal
löst der Tod die Dichotomie von Erscheinung und Hinterwelt,
von Diesseits und Jenseits ab und entzieht sich der
rationalistischen Einordnung in Begriffe und Kategorien.
Mitgedacht
wird bei Schwarzenbach zugleich die Brüchigkeit des
logozentrischen, "fortschrittstaumelnde(n) Westen(s)”
(TP, 15) als gewaltige, im Gefolge des Ersten Weltkrieges
eintretende Krisis eines Zeitalters, das sich selbst
aus den Fugen hebt und in seinem Wahnsinn einer neuen
Apokalypse zutreibt. Der Leser begegnet daher einer
ganzen Reihe von Werturteilen, die der fiktive Statthalter
der Autorin in seinen Text einstreut, um die Skala
des Bedrohlichen sowie die eigene Auflehnung zu bezeugen.
Als "fauler Frieden, lodernde Brände, einstürzende
Kirchen, verwüstete Felder, erschlagene Kinder, Tränen,
Klagen um vergeblich Gestorbene, überfüllte Nervensanatorien
Europas, gerüstete Heere, funktionierende Maschinen,
von Psychosen erfaßte Völker, dürre Anklagen, abgenützte
Worte, Schlachtfelder der neuen Kriege”
liest sich der Vokabular in Das glückliche Tal
als ein ferner Reflex des Expresionissmus, Ausdruck
falscher Maße und Ziele einer Kulturphase, das Bild
des Klimas der späten zwanziger und frühen dreißiger
Jahre. "Die Fremde wird für Annemarie Schwarzenbach
zum Programm und zur einzigen Möglichkeit, auf die tiefe Krise Europas in den 20er
und 30er Jahren zu reagieren.”
Aus
diesem Erlebnis heraus, aus dem Erlebnis der Zeitwirren
und Gesamterschöpfung, steigt eine besondere Position
herauf, sie äußert sich in gegenläufiger Bewegung
von Schwarzenbachs Protagonisten. Einerseits will
er seine Gegenwart als eine wacklige, furchterregende
verstanden wissen, schirmt sich gegen die westliche
Modernität ab, andererseits besinnt er sich, nach
Anhaltspunkten im Morgenland suchend, immer wieder
auf die zurückgelassene Schweiz, denkt "an ein
Seeufer zu Hause ...” (TP, 29), "Alpwiesen am
Rigi, am Mythen, im Engadin [...] Vertrautheiten,
Tröstungen” (GT, 13) zurück. Er hat Sehnsucht nach
der fernen Heimat, Erinnerungen an diese sind ihm
"Schleichwege des Heimwehs” (GT, 13).
Die Schafalp und das Tschaikhane bringt er in vertrauliche
Nähe zueinander, deutet mehrmals die schwierige Mutterbeziehung
an.
"Freundlich” ist ein Attribut des Himmels seiner
Kindheit. Für den Orient, den Raum seines Rückzugs
und seiner Besinnung ist ihm bald die Kategorie "Land
ohne Gnade” (GT, 21), bald wieder "tausend Magien
...” (GT, 35) geeignet. Die beiden Tendenzen, das
Verlangen nach Andersheit, Flucht vor dem Eigenen
und ersehnte Rückkehr zu diesem, werden stets zusammengedacht,
sie greifen in Das glückliche Tal ineinander.
Das Eigene und das Fremde sind ja nicht alternativ,
zwischen ihnen bestehen, so Bernhard Waldenfells,
"immer nur unscharfe Grenzen [...] nach
Art eines Gewebes”,
eine gleitende Schwelle. Die beiden Erscheinungen
und Bewußtseinsinhalte sind bei Annemarie Schwarzenbach
konjunktiv und disjunktiv miteinander verschränkt,
sie sind nie in reiner Form faßbar. Sie haben jedoch
den gleichen Ursprung: das Korrelat zum Du, das
zu menschlichem Miteinander und uneigennütziger Erkenntnis
des Unbekannten nötigt. Diese Beziehung zum Anderen
bleibt tiefer gelagert als allerlei äußerlich-rituelle
Identitätssymptome. Ihr Symbol ist der Blick der Nomaden,
der "die Enge und Weite hinnimmt” und "uns
im Innersten erschreckt.” (GT, 10)
Die
Strategie des Textes von Schwarzenbach ist es daher,
die Betroffenheit über das Leiden des Protagonisten
an sich selbst zu mehren. Bewußt ist ihm seine Unfähigkeit,
dem Orient in dessen Eigensein zu begegnen und damit
auf der Reise sicheres Signifikat zu gewinnen. Zwar
beschwört er Persien als "Erfahrung”, als Lebensart
und Reiz des Neuen - und nicht als "Schicksal”,
zwar nimmt er Kehrseiten der schönen Exotik wahr
(Hinrichtung von Kurden, Vergiftung von Brunnen als
Racheakt), die Magie der Nomadenwelt in deren schmaler
Geheimbotschaft ist ihm jedoch uneinsehbar; die Aneignung
des Fremden erweist sich als nur in Teilaspekten
möglich. Der Erkenntnisweg von Schwarzenbachs Alter
ego führt "im Dunkeln und im Hellen” (TP, 79),
über Großes und Gemeines, "das Unmenschliche”
und "das Übermenschliche (TP, 11). In seiner
Orient-Empirie gehen die Gegensätze eine gleichermaßen
verlockende wie furchterregende Verbindung ein.
Da von
beidem, dem Vertrauten und dem Fremden, Verunsicherung
ausgeht, bleibt bei der Schweizer Autorin die Erfüllung
des Selbst aus. Auch das Anliegen ihres Protagonisten,
sich selbst bis auf den Grund zu erleben, bringt kaum
etwas, denn mit seiner Erfahrung gehört er restlos
in die allumfassende Entfremdung und Identitätsskepsis
der Moderne, deren Erkenntnishorizont: "was wir
sind”, heißt es dazu bei Bernhard Waldenfells in Anlehnung
an Edmund Husserl und Julia Kristeva, "sind
wir nie ganz und gar. [...] Es gibt keine Welt, in
der wir uns je völlig zu Hause sind, und es gibt kein
Subjekt, das je Herr im eigenen Haus wäre.”
Dieser Denkfigur zufolge bleibt auch der Reisende
in Tod in Persien und Das glückliche Tal
mit dem Nächstliegenden und Entfernten in Zwiespalt
und Dialog. Die Exotik des Orients bedeutet ihm zwar
ein gesteigertes Lebensgefühl, er konsumiert sie jedoch
passiv und äußerlich; seine Sicht der Dinge ist im
Grunde Oberflächenwahrnehmung. Das Fremde in dessen
wahrem Wesen zeigt sich als verschlossen. Mit der
Abgrenzung von der Schweiz und Europa, der großbürgerlichen
Lebenswelt findet Schwarzenbachs Figur das ersehnte
Genüge nicht und sucht folglich, sich in einer Auseinandersetzung
mit sich selbst zu behaupten.
Die
zunehmende Entfremdung des Reisenden erreicht ihre
Grenzwerte mit der Frage nach Bedingtheit seiner Situation,
nach der Freiheit als Überfluß und Frustration, der
"Gewalt”, der er sich "preisgegeben” fühlt.
(GT, 37)
Auf die Suche nach dem Fernen, die Flucht vor dem
Jetzt eingeschworen, ist er eigentlich unterwegs,
um "das Fürchten zu lernen” (GT, 58) und dabei
einzusehen, daß das Fremde in und außerhalb seiner
selbst liegt. Die Reise führt ihn aus seiner Enge
heraus, bringt ihm Erinnerung und Nostalgie, läßt
ihn in die Nähe der magischen Fühlung, magischer
Namen und Orte kommen,
doch vor allem beschert sie ihm eine Einsicht in die
Zeitlosigkeit seiner Lage. Kein Weg führt mehr zurück
in den Raum vertrauter heimatgebundener Ordnungen,
und dem literarischen Selbstbildnis von Schwarzenbach
ist die Einsamkeit eine gleichsam vorbestimmte Kondition:
"kein Haus zu meinem Empfang geöffnet, keine
Lampe unter dem Hoftor, um mir den Heimweg zu weisen.
[...] Ich: Gast, Fremder, Abenteurer, was noch? Neugierig,
wissensdurstig, ungeduldig, unterwegs - allein.”
(GT, 45)
Mit dieser sich sehr persönlich gebenden Passage deutet
sich an, daß das Einsamsein in Tod in Persien
und Das glückliche Tal polysem ist. In ihm
teilt sich "abgrundtiefe Depression”
mit, es steht aber auch für den Versuch, den Individualismus
in Sicherheit zu bringen und den Spielraum eines Subjekts
außerhalb von Norm und Grenze, von jeglichem Limit
zu versetzen. Diese Erkenntnis bezieht sich gleichermaßen
auf die literarischen Texte Annemarie Schwarzenbachs
sowie auf ihre Briefe an Erika und Klaus Mann, die
ebenfalls "Eingeständnis einer verzweifelten
Existenznot”
sind.
Die
Einsamkeit wird auch nicht über die Pluralisierung
dissidenter Manifestationen des Andersseins, über
die Erfahrung des Rausches sowie vom bürgerlichen
Verhaltensmuster abweichender Neigungen überwunden.
Der Protagonist von Schwarzenbach berauscht sich in
Erinnerung, Imagination und alltäglichem Drogenkonsum.
Dabei räumt er ein, daß die Sucht seine lebenslange
und regelrechte Empirie ist.
"Bei dem Begriff Rausch handelt es sich insgesamt”,
so eine der Standarddefinitionen, "um einen Bewußtseinszustand,
in dem der einzelne Mensch die inneren Grenzen seines
Ichs überschreitet”.
Mit dieser Bestimmung wird ein Denkansatz in Gang
gebracht, der sich auch in der Schilderung des Rausches
bei Annemarie Schwarzenbach geltend macht. In Das
glückliche Tal verändert sich die Bewußtseinslage
des Süchtigen derart, daß sich ihm "die Grenze
[...] zwischen Tag und Nacht” (GT, 95), Tag und Traum
verwischt, Gegensätze zusammenfallen und die Nähe
zum Wahnsinn gestreift wird: "Gelächter wird
meine Träume schütteln” (GT, 79). Die vom Protagonisten
eingestandene Sucht hat die Verunsicherung und Entfremdung
seines Selbst zur Folge, und der Kampf, der sich in
ihm abspielt, ist "gnadenlos wie Wasser und Feuer.”
(GT, 95)
Daß
sich die Leitfigur der Schweizer Schriftstellerin
in den Bann des Rausches ziehen läßt, unterliegt keinem
Zweifel ("ich bin dankbar, ich begehre nichts
anderes”; GT, 104), doch hat man zugleich den Eindruck,
daß sie die Drogenwirkung beklagt. Auf die momentane
Linderung ihres trunkenen Bewußtseins, "auf die
tödliche süße Erleichterung [...] folgt ein ungesegneter
bleierner Schlaf” (GT, 104). In Das glückliche
Tal erscheint der Rausch eben - bei aller Dezenz
der Darstellung - als trügerische Magie und falscher
Genuß. Mehr noch: Letzten Endes bringt er dem Betroffenen
Erlebnisse und Zustände niedriger Intensität und niedrigen
Ranges: "Fluten der Schwäche, Ermattung, Schweigen,
Verzicht” (GT, 95).
Selbst am äußersten Punkt dieser Erkenntnis, an dem
das drogenberauschte Sehen in einem "Seiltanzen
in schwindelnder Höhe” (GT, 79) und im Schweben über
tödlichem Wasserspiegel kulminiert, bedeutet der Rausch
dem Ich nichts anderes als Vortäuschung der Gegenwart
und halluzinationsartige Verwirrung. Die Droge, deren
"furchtbar wachsende Macht” (GT, 84), erzielt
folglich ihre optimale Wirkung in dem Moment, in dem
sich der Berauschte nicht mehr als Subjekt empfindet.
Die narkotische Erfahrung bei Schwarzenbach reiht
sich im allgemeinen in dén Kult ein, dem sich die
Boheme der Moderne und der Zwischenkriegszeit mit
ihren hervorragenden Vertretern, mit Charles Baudelaire,
Ernst Jünger, Georg Trakl, Klaus Mann oder Friedrich
Glauser verschreibt.
Das
Alter ego Schwarzenbachs flüchtet sich auch gern in
einen anderen Rausch, in den reichlichen Alkoholgenuß
und legt dazu gleich am Anfang der Lyrischen Novelle
folgendes Geständnis und Programmsatz ab: "Ich
war selber oft betrunken, es ist ein schöner und trauriger
Zustand, man wird sich klar über Dinge, die man sich
niemals eingestehen würde, über Empfindungen, die
man zu verbergen trachtet und die doch nicht das
Schlechteste in uns sind.”
Ein großer Reiz dieser Erfahrung liegt neben der
Verbindung von Schönem und Trübseligem in ausgeprägter
Sehkraft des Erzählers, dem seine Trunkenheit in erster
Linie Intensivierung des Empfindens und eine Manifestation
des Unbewußten ist. Im alkoholinduzierten Rausch gewinnt
er seine naturhaft-ungebundene Identität zurück, und
in diesem Zustand ist ihm die Rückkehr des Verdrängten
möglich. Die Trunksucht, "in fast allen Epochen
und Kulturen anzutreffen”,
unterliegt in der Lyrischen Novelle einer Rechtfertigung;
als ekstatische Lebenslust und sekundäre Erscheinung
des im Menschen Schlummernden situiert sie sich im
psychoanalytischen Diskurs.
Von
dem Rauscherlebnis sind ebenfalls in der Lyrischen
Novelle nächtliche exzessive sinnentleerte Autofahrten
nicht zu trennen. Der Protagonist, sich seiner unausgelebten
Beziehung und Abhängigkeit von Sibylle bewußt, ist
Teilnehmer zielloser Eskapaden, eines Gleitens ohne
Ende - mit allen Anzeichen der Flucht vor sich selbst.
In einen Strudel von Ekstase und Leere hineingerissen
hofft er auf diese Weise, zu Angehörigen der Berliner
Kulturszene Kontakt suchend, die in eine Lähmung
umschlagende Langeweile verkraften zu können. Die
Fahrten werden zum Ritual, einem alltäglichen, an
der Grenze zu Obsession und Hedonismus spielenden
Akt, in dem sich "gelebte und vorgestellte Welt
[...] in einem einzigen System symbolischer Formen”,
einer Metapher des Ausbruchs, zusammenfügen. Der Rausch,
welcher Art auch immer, erscheint so als die nötige
Voraussetzung für die Erkenntnis des im Menschen Verborgenen.
Ein
Thema, das Annemarie Schwarzenbach an die Seele geht,
ist Homoerotik. In den meisten ihrer Werke, auch in
der 1927 entstandenen, jedoch unveröffentlichten
Pariser Novelle, wird dem Leser die Einsicht
vermittelt, daß die Liebe zum eigenen Geschlecht eine
nicht zu erfüllende Sehnsucht, über den Körper manifeste
Schönheit ist. Der Gymnasiast Bernhard aus dem Roman
Freunde um Bernhard (1931), der dem Maler Gert
als Modell zur Verfügung steht, hat "einen verdammt
hübschen Kopf”,
und der unbegnadete
Künstler küßt ihn "langsam auf den Mund”
(FB, 13). In analoger Weise gibt Leon, ein Kunsttalent,
seinem männlichen Liebesobjekt ein Zeichen von Zuneigung; es ist ein Kuß "leicht auf die Wange” (FB, 127).
In Freunde um Bernhard, einem von der Liebe
der Autorin zu Erika Mann inspirierten Werk,
lassen sich, besonders in der Pariser Szenerie, zahlreiche
Passagen nachweisen, die mit einer deutlichen homoerotischen
Anspielung unterlegt sind. Im Kreise der Bohemiens,
unter Malern und Literaten, erhalten die homosexuellen
Anreize einen Signalwert, sie dringen vor bis in den
Traum hinein,
sie sind in Hingabe an momentane Regungen, Erfahrungen
des Augenblicks begriffen - mit dem Zweck flüchtiger
Glücksherstellung. Der Eros-Trieb, "so recht
ein Feld für Phantasie und Spiel”,
löst sich in Freunde um Bernhard in der Sprache
auf und ist der Kreativität förderlich. In Schwarzenbachs
Auffassung hat die verbotene Liebe keine feste Signatur,
in der Regel kommt sie in ihren Texten als ein Verlangen
nach Bindung zum Vorschein,
eine Idee, die sich niemals völlig definiert
und "mehr ersehnt als erlebt”
wird; im Grunde ist sie ästhetische Weltflucht. In
Geralds Zimmer "hängen die Bilder von Knaben
und Mädchen mit erhobenen Gesichtern”, in denen die
Geschlechtsunterschiede vertuscht und im "Ausdruck
von frommer und leuchtender Heldenhaftigkeit” (FB,
101) verschlüsselt und sublimiert werden. Die Homoerotik,
mit den Fassaden der Bürgerlichkeit unvereinbar, spielt
sich somit im Traum und in der Kunst ab. In der Lyrischen
Novelle tritt die lesbische Erzählerfigur, in
die Variété-Sängerin Sibylle, ein Symbol dämonischer
Weiblichkeit, verliebt,
unter männlicher Tarnung auf. Die Kontingenz der Homosexualität
("mal so, mal anders möglich”)
besagt jedoch, daß diese Neigung auch ihren sinnlichen
Vollzug finden kann; ein Achtzehnjähriger, "erotisch
versklavt wie ein Primaner” (LN, 49) leistet dem kranken
Maler Magnus intime Dienste.
Lyrische
Novelle ist eine gewichtige Illustration von Schwarzenbachs
Liebespoetik, in ihr ist zugleich die Atmosphäre
einer trostlosen Enge enthalten. Gemeint ist die Beklommenheit
der dem Protagonisten bekannten handgreiflichen Realität,
"die grausame Gleichförmigkeit der Wände, die bange
Verschlossenheit der Häuser und die Öde der
Straßen” (LN, 25), gemeint ist zugleich die Routine
der Beziehungen, deren "Leerlauf und [...]
Trägheit” (LN, 60). Am Rande des Zusammenbruchs balancierend
berichtet das Alter ego der Autorin von seiner nachhaltigen
Krise. Bei aller Apologie seiner Leidenschaft für
das Abwegige zeigt sich die geistige Situation des
namenlosen Erzählers der Lyrischen Novelle als
widersprüchlich, denn mit seinem Bekenntnis zum freien
Herumstreunen will er eine neue Identität gewinnen,
ohne jedoch die alte abzulegen. Er erlebt sich zwischen
zwei einander widerstrebenden Tendenzen, einer individualistischen
und einer solid bürgerlichen. Daher seine Rückbesinnung
auf die Abstammung und Soldatentradition der Familie,
auf den Haus- und Landbesitz, daher eine - wenn auch
nur in Gedanken vollzogene - Konzession an Bequemlichkeit
und bürgerliche Normalität, gegen welche er sich abzudichten
trachtet: "ich hatte mich in abwegige Gegenden
verirrt, jetzt möchte ich in das Leben zurückkehren.
Ich möchte mich wieder an den Ablauf der Tage gewöhnen,
an Essen und Trinken und gesunden Schlaf.” (LN, 30)
Das
Übergewicht des Unsteten über das Beständige bleibt
jedoch unangetastet, und die finale Lage des Protagonisten
von Schwarzenbach ist eine resignative. Er hat "kein
Ziel” (LN, 34) vor sich, verzichtet auf Eskapaden,
auf bacchantisch-dionysischen Freudetaumel, gesteht
sein Fiasko in der Liebe zu Sibylle ein und erlebt
seine Befindlichkeit als Stillstand, als Leid und
Frustration: "Und jetzt ist mir alles gleichgültig,
ich möchte mich auf die Erde legen und nichts mehr
denken.” (LN, 97)
Der Primat des Selbstbezugs ist der Flucht in die
Einsamkeit gleich. Die Identität des Einzelnen
und die gesellschaftliche Realität fallen bei Annemarie
Schwarzenbach auseinander. Eine Gegenwelt
zu dieser Situation ist das Schaffen selbst, eine
Art Individuation des Erzählers, der sich der Leser
anzuschließen hat. Er wird angesprochen, "um
die Nachsicht” (LN, 9) gebeten, über die Schreibstrategie
und den Adressaten des entstehenden Textes in Kenntnis
gesetzt.
In der Lyrischen Novelle wie auch in Das
glückliche Tal wird ihm auch bewußt gemacht, daß
die Sprache - so wie die Epoche selbst - kein sicheres
Terrain ist. Die Befürchtung, mit dem Ausdruck wirkungslos
vor sich hin zu laborieren,
verleiht dem Lebensgefühl des Protagonisten der Schweizer
Schriftstellerin eine zusätzliche, der Literatur der
Moderne eigene Gebrochenheit.