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Orbis Linguarum Vol. 25/2004
Henk J. Koning
Putten
/ Holland
Karl von Holtei (1798-1880) -
ein schlesisches Multitalent
Karl Eduard von Holtei wurde am 24. Januar 1798 als Sohn
des Husarenoffiziers Karl
von Holtei und dessen Frau Wilhelmine, geb. von Kessel
in Breslau geboren. In Breslau wuchs er auf,
besuchte das von dem berühmten Philologen Manso
geleitete Maria-Magdalena-Gymnasium und sammelte
im dortigen Stadttheater seine ersten Bühneneindrücke.
Holtei
ist einer jener Literaten, deren umfangreiches Werk
heute fast völlig der Vergessenheit anheimgefallen
ist.
Zu seinen Lebzeiten wußte er sich jedoch in
manchem künstlerischen Bereich zu profilieren: außer
als Schauspieler, Theaterdirektor und Romancier
ist er auch als Rezitator, Dramatiker und Lyriker
hervorgetreten, kannte sich, wie kaum ein anderer,
im literarischen Leben des 19. Jahrhunderts aus
und kam nicht nur mit Lokalgrößen, sondern auch
mit Koryphäen in Berührung. Als Stückeschreiber war
er an kleineren und größeren Bühnen u.a. in Berlin,
Breslau und Wien tätig.
Waren
es anfangs kürzere oder
längere Vortragsreisen, wobei
er namentlich als Vorleser Shakespearescher Dramen berühmt war, das Schreiben von Theaterstücken, eine Tätigkeit als Schauspieler und die Herausgabe zahlreicher
Periodika und Sammlungen,
die ihn beanspruchten, ab 1850 widmete er sich
vor allem der Epik und schrieb längere Erzählungen
und Romane, die als kulturhistorische Zeitbilder
von Interesse sind. In einem leichten Plauderton
werden zum Teil autobiographisch gefärbte Erlebnisberichte
angeboten, in denen das Leben wandernder Schauspieler
und sonstiger vagabundierender Tausendkünstler
auf recht unterhaltsame Weise präsentiert wird. Zeitgeschichtliches
wird in diesen verschollenen Werken laut. Zwar mag
die unförmige Breite mancher Romane heutige Leser abschrecken, für den
Literarhistoriker sind sie eine wahre Fundgrube:
Neben Porträts von bekannten Schriftstellern und Schauspielern
aus dem 19. Jahrhundert, die Holtei persönlich gekannt
hat, sind auch ausführliche Berichte über Theatervorstellungen
zu finden. Eine
zeitüberdauernde Leistung ist seine Autobiographie
Vierzig Jahre, die weit mehr
ist als ein lesenswertes Zeitdokument: Sie ist als
Kulturbild reich an Schilderungen hervorragender
Persönlichkeiten und besticht auch heute noch durch
ihre frische und lebendige Darstellung.
Ein
solches reichhaltige Leben, das sich in vielen Städten
abgespielt hat, in wenigen Strichen zu zeichnen, ist
in vorliegendem begrenztem Rahmen schier unmöglich, so daß wir uns notgedrungen auf einzelne
Stationen seines Lebens und Wirkens beschränken
müssen.
In
Breslau sah Holtei den berühmten Schauspieler Ludwig
Devrient 1811 als Franz Moor auf der Bühne, was ihm zum nachhaltigen
Erlebnis wurde und auch hier entstanden seine ersten
literarischen Versuche, die er dem stadtbekannten
Bonvivant und Literaten Karl Schall vorlegte. Schall
war für Holteis Entwicklung im künstlerischen Bereich
von großer Bedeutung, so daß es berechtigt ist, ihn
hier vorzustellen.
Durch
seine kleinen Lustspiele, ausgedehnte Kenntnisse in
den verschiedensten Wissensgebieten und seine Beziehungen
zu den gehobenen Kreisen Breslaus versammelte Schall
eine Anzahl jüngerer Talente um sich, zu denen außer
Holtei auch u.a. Heinrich Schmelka
und Karl Seydelmann gezählt
werden können. Holtei der in seinen Vierzig Jahren
in mehreren Bändchen über Schall berichtet, läßt
ihn oft hervortreten, denn er gehörte ja zu seinen vertrautesten Breslauer Bekannten. Das
unzertrennliche Paar erhielt Spitznamen: Holtei
war Karl der Lange, Schall Karl der Dicke.
Der erst 15jährige Holtei erblickte
Schall als korpulenten Hauptmann, auf dem Schweidnitzer
Anger Rekruten exerzierend. Es war 1813, und Breslau
mußte gegen die Franzosen verteidigt werden; auch
Schall wollte seinen Mut zeigen,
mußte aber, schon im zweiten Nachtquartier von seinen
asthmatischen Beschwerden überwältigt, auf weitere
Teilnahme am Kriegshandwerk verzichten und kehrte
krank und desillusioniert nach Breslau zurück. Bei
Holtei hatte er einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen:
Schall, ein
Capitain bei der Landwehr! - das war nur möglich zu
Breslau im Frühjahr Achtzehnhundert und Dreizehn!
Sonst nie und nirgends auf Erden. Um Tauenzien’s
Denkmal zogen sie herum, in den kühnsten Schwenkungen
und er, heitern Angesichts, in bester Haltung, erfüllt
vom Gewicht seiner neuen Charge […] wie schade,
daß ich damals noch kein Sterbenswörtchen von Falstaff
wußte! Wie gern würd’ ich dieses Falstaff’s Page geworden
und mit ihm gegangen sein.
Hier hat Holtei den richtigen Ton getroffen und einen Vergleich
gemacht, der dem dicken Schall gleichsam auf den Leib
geschrieben ist. Falstaff in Shakespeares
Doppelschauspiel
Heinrich IV (1597/98) als Verkörperung barocker
Lebenslust, zugleich aber in Kriegszeiten ein Antiheld,
der zwar mit dem Degen fuchtelt, in der Feldschlacht
jedoch überhaupt keinen Mut zeigt. Schlemmer von
voluminösem Umfang, dazu eine kaum vorstellbare Grazie
und eine fast naive Verliebtheit jungen Frauen gegenüber
bezeichnen diesen Shakespeareschen Genießer schlechthin,
sind aber auch Eigenschaften Schalls, der sich allzu
gern mit Sir John vergleichen läßt. Schall war ein
Kenner Shakespeares, hat sich für die Aufführung
von dessen Dramen auf der Breslauer Bühne eingesetzt
und wußte durch den Vortrag, jede deklamatorische
oder mimische Übertreibung vermeidend, ein zahlloses
Auditorium zu fesseln. Außer Goethe, Lope de Vega,
Tieck oder einem eigenen Dramachen, hatte der große
Brite seine besondere Vorliebe, und er feierte mit
dessen Monumentaldramen an Gesellschaftsabenden wahre
Triumphe. Fanny Lewald,
die dem Zauber Holteischer Vortragskunst erlegen war,
räumt auch der Schallschen Deklamation einen großen
Platz ein:
Wenn Schall
jedoch las, war er gleich ein Anderer. Seine dunklen
Augen sahen dann sehr klug aus, und er imponirte dann
plötzlich. Ich hörte von ihm die Hauptscenen
des Julius Cäsar und des Coriolan.
Die Rede des Mark Anton,
die wiederkehrenden Worte: "und Brutus ist ein
ehrenwerther Mann”, das anklagende, mit schaudernder
Rührung auf die Thatsache verweisende: "hier
stieß der vielgeliebte Brutus durch!” habe ich nie
wirksamer und siegreicher sprechen hören. Sein Lesen war sehr maß- und verständnißvoll;
nur als
er an einem andern Abende einen Schwank von sich,
Den Knopf am Flausrock zum Besten gab, übertrieb er nach allen Seiten,
um die Wirkung des sehr unbedeutenden Scherzes
zu erhöhen.
Schall konnte durch sein Lesen den Zuhörern sehr viel
verdeutlichen und auf unnachahmliche Weise sowohl
das Humoristische wie das Hochtragische und Heroische
veranschaulichen. Daß ihm dabei eine Sprachgeläufigkeit
in einem fast schwindelerregenden Tempo und eine sprudelnde
Heiterkeit sehr zustatten kamen, leuchtet ein.
Auch in späteren Jahren, als er sich als Zeitungsredakteur
einen neuen Wirkungskreis gesucht hatte, ließ seine
Bewunderung für Shakespeare nicht nach und war er
auch weiterhin darum bemüht, die Breslauer mit dem
¦uvre Meister Williams vertraut zu machen; so schreibt
er in einem Brief vom 16. Februar 1820 an Ludwig Tieck
in Dresden:
Vielleicht
ist es Ihnen nicht uninteressant zu erfahren, daß
auf meine Anregung unser Theater sich kürzlich
an eine Aufführung von Romeo und Julia, nach
Schlegels
Uebersetzung und sehr mäßig gestrichen, gewagt und
zwar mit sehr glücklichem Erfolge gewagt hat.
Schall hatte ein gutes Verhältnis zu dem damaligen Dramaturgen
der Breslauer Bühne, dem Regierungsrat Heinke, der
mehrere Shakespeariana zur Darstellung bringen ließ.
Hier hat Schall sich besondere Verdienste erworben;
durch sein unermüdliches Wirken, große Bühnen werke
zu inszenieren, avancierte das Breslauer Theater
um 1820 herum zu einem der ersten Deutschlands. Henrik
Steffens (1773-1845), der von 1811 bis zum 8. Februar
1832 eine Professur für Physik, Naturphilosophie
und Mineralogie
in Breslau bekleidete und mit Schall in einem freundschaftlichen
Verhältnis stand, deutet mit Nachdruck darauf hin:
wurden hier
Darstellungen von Meisterwerken versucht, fast immer
waren sie, mittelbar oder unmittelbar durch ihn
veranlaßt.
Wer an der Breslauer Bühne mit einem Stück sein Glück
machen wollte, war
auf die Protektion Schalls angewiesen: ohne seine
Beziehungen und Vermittlung lief einfach nichts.
Dies ist auch einem Brief
Carl Wilhelm Salice-Contessas
vom 1. Februar 1818 an Schall zu entnehmen, in dem
Contessa dem Breslauer Literaten zwei dramatische
Produkte seines Freundes Ernst von Houwald
anbietet und anfragt, ob eine Erscheinung auf den
Breslauer Brettern möglich sei. Schall als Förderer
und Vermittler lockte immer wieder neue Talente zu
sich und wußte durch seinen ausgeprägten Sinn für
Shakespeare auch den jungen Holtei zu begeistern.
Holtei,
der wie Schall von Jugend auf von einem unwiderstehlichen
Trieb zum Theater beseelt war, fühlte sich zu Schall
hingezogen; für Holtei war er ein Mentor von unschätzbarem
Wert. Holteis stets wieder aufsteigender Wunsch,
Schauspieler zu werden, stieß bei Schall auf bedenkliche
Zweifel an dessen Befähigung. Schall fand Holteis
Sprechorgan dünn und übel klingend, seinen Gang zu
nachlässig, seine Haltung im allgemeinen ungraziös
und war der Meinung, daß Holtei höchstens zu einem
mittelmäßigen Darsteller werden konnte, zu einem
guten fehle ihm das wahre Talent. Hier, wie bei der
Beurteilung von Holteis ersten dramatischen Arbeiten,
war Schall ein strenger Richter, dem Holtei jedoch
sehr viel verdankt hat: er brachte ihm eine poetische
Produktion um die andere, bekam sie aber immer, mit
Kritik versehen, zurück, wobei Schall es aber nicht
unterließ, ihn zu ermuntern, unverdrossen weiterzumachen.
Am
besten läßt sich Schalls Urteil über Holteis Talent
als Schauspieler und Bühnenautor in folgenden ironisch
improvisierten Versen zusammenfassen:
Es geht ihm ohngefähr,
Wie es dem Shakespear’ ging:
Ein schwacher Schauspieler,
Ein guter Dichterling!
Das Bild Schalls wäre unvollständig, wenn nicht auf seine
Tätigkeit als Theaterkritiker kurz eingegangen würde.
Schall konnte in dieser Funktion nicht vorurteilsfrei
sprechen, war er doch vorübergehend mit eigenen Stücken
dem Theater
verbunden, kannte viele Schauspieler persönlich und
konnte es in späteren Jahren nicht leiden, daß er
keinen Posten in der Direktion des Breslauer Theaters
erhalten hatte. Dies alles war nicht gerade von günstigem
Einfluß auf seine artistische Objektivität. Holtei
berichtet:
daß Schall
bei aller Befähigung eine für die gerechte Kritik
unentbehrliche Eigenschaft, die Unparteilichkeit,
nicht besaß. Er nahm von Anbeginn seiner schriftstellerischen
Laufbahn Partei und begünstigte dadurch den Theaterscandal.
Nach Holtei, der ja selber auch nicht unbefangen über Schall
urteilen konnte, weil er nicht selten von dessen
allzu scharfer Kritik verunsichert wurde, erfahren
wir, daß Schalls Artikeln leicht zu entnehmen ist,
wie die Schauspieler und Theaterintendanten mit
ihm standen:
Schmeichelten diese seiner Eitelkeit
nicht dadurch, daß sie ihn um seinen Beirath, seine
Protection ersuchten, so fühlte er sich verletzt,
und aus seinen Aufsätzen blickte sofort diese Stimmung
hervor.
Schall
hatte zu starke Bindungen an das Breslauer Theater,
um unbefangen sein Urteil aussprechen zu können;
er wußte persönliche Voreingenommenheit im guten
und im bösen Sinne nicht zu vermeiden. Durch seine
stark privat gefärbten Angriffe hat er manche Mißgünstelei
geschürt. Holtei, der 1821-1823 als Sekretär und Dichter am Theater engagiert war, möchte im April
1823 die Kunstreitergesellschaft des Herrn
Tourniaire im Theater auftreten lassen und eine Spektakel-Pantomime
mit französischen Seiltänzern und Breslauer Schauspielern
realisieren. Schmelka und Holteis Frau, Luise Rogée,
die in Breslau die erste Liebhaberin spielte, hatten
sich schon bereiterklärt, in diesem Stück eine Rolle
zu übernehmen, die anderen Darsteller wollten jedoch nicht mitmachen; sie hatten einen Bund geschlossen
und sich gegenseitig verpflichtet, die geplante Pantomime
zu boykottieren. Es kam zu
allerhand unangenehmen Verwicklungen, die Holtei
schließlich dazu veranlaßten, einen unüberlegten
Aufsatz zu schreiben, den er in Schalls Hände übergab
und den jener
wohl mehr
die Leser seiner politischen Zeitung
und deren Amüsement, als mich und mein Schickal im
Auge, unverändert abdrucken ließ.
Hauptinhalt
des Schreibens war, daß nach Holtei ein guter Seiltänzer
mehr wert sei als ein schlechter Schauspieler. Der
ganze Händel endet mit Holteis Rücktritt als Theatersekretär
und Dichter und zwingt auch seine Frau, ihr Engagement
vorzeitig abzubrechen, wonach am 23. Juni 1823 die
Abreise aus Breslau erfolgt.
Neben
einer Zeitungsredaktionstätigkeit ist Schall auch
noch als Herausgeber und Übersetzer hervorgetreten:
das Jahr 1823 brachte die Deutschen Blätter für
Poesie, Literatur, Kunst und Theater, die er
zusammen mit Holtei herausgab. Zu diesem Periodikum
hat Schall wenig beigesteuert; Holtei mußte die Aufsätze
sammeln, die Honorare zahlen und war eigentlich der
Alleinredakteur; Schall dagegen wurde wegen seines
umsichtigen Arrangements mehrmals in Holteis Gegenwart
gelobt.
Nicht
nur die Anfänge ihrer Bekanntschaft in Breslau hat
Holtei in seinen Vierzig Jahren geschildert,
auch Schalls Aufenthalte 1826/27
und 1830/32
in Berlin werden dem Leser in bunten Farben aufgetragen.
Holtei
war nach seiner Abreise aus Breslau über zahlreiche
Zwischenstationen in Berlin gelandet und ab 1824,
als Luise Rogée an der Berliner Hofbühne engagiert
war, in der preußischen Hauptstadt ansässig und 1825-1834 mit Unterbrechungen
am Königstädtischen Theater als Sekretär, Theaterdichter
und Regisseur tätig.
Wesentliche Anregungen für seine Entwicklung als Theaterdichter
erhielt er im Winter 1826/27 als er als Begleiter
des Grafen Herberstein in Paris
war und dort mit zahlreichen Landsleuten wie Meyerbeer
und Alexander von Humboldt in Kontakt kam,
außerdem an manchem Abend des Theater besuchte,
wo er die Werke Scribes kennenlernte. Den deutschen
Theaterbesuchern war Scribe durch zahlreiche Übersetzungen
bekannt.
Selber hat Holtei
nach seinem Pariser Aufenthalt Scribes Vaudeville
La chatte metamorphosée zu der einaktigen
Zauberposse mit Gesang Minette, oder die verwandelte
Katze
umgearbeitet. Wie
bedeutsam die Begegnung mit Scribe für Holtei gewesen
ist, zeigt sich darin, daß er in seiner Autobiographie
ausführlich auf dessen dramatische Arbeiten eingeht:
Wer Scribe’s
Arbeiten nur aus deutschen Uebersetzungen kennt, ja,
wer sie auch im Original nur gelesen,
der soll sich doch ja nicht herausnehmen wollen,
über sie und ihn zu urtheilen. Wer aber zu meiner
Zeit (d.h. den Winter 1826/27) die Vorstellungen
des Théatre (sic!) de Madame (Gymnase) fleißig besucht,
dieses durch ihn gebildete und gehaltene Ensemble
bewundert hat, daneben gefälligst in Anschlag bringen
will, daß er zu gleicher Zeit auf dem ersten französischen
Theater heimisch, im Gebiete der großen, wie der
komischen Oper, ja sogar im Ballet (sic!) Schöpfer
und Erfinder war, wer dann einen Blick auf die unermeßliche
Reihe von immer nachfolgenden Werken richtet,
in deren schwächsten doch immer Geist und Scharfsinn
vorwaltet, und wer dann 0noch geringschätzend von
Scribe zu reden vermag, der muß wirklich sehr bornirt
sein. Scribe’s Hauptfehler ist, daß man ihn übersetzt,
daß man in handwerksmäßiger Hast entstellt, was treffend
wiederzugeben entweder den deutschen Formen und der
deutschen Sprache versagt bleibt, oder doch, wenn
es einigermaßen gelingen sollte, den höchsten Fleiß,
die genaueste Kenntniß der Pariser Zustände, die
feinste Weltbildung in Anspruch nehmen würde. Kann
er dafür, er, der nur an Paris, kaum an seine eigenen
Provinztheater denkt, während er schreibt, kann er
dafür, daß hundert Scribler (der arme Scribe!) über
seine Werke herfallen wie hungrige Wölfe?
Scribe, ein von den Kritikern oft geschmähter, von dem
Theaterpublikum jedoch geschätzter Stückeschreiber
wird hier von Holtei gewürdigt, wobei man sich des
Gedankens kaum er wehren kann, daß Holtei sich mit
Scribe identifiziert. Zwar
handelt es sich bei seinen dramatischen Werken nicht
um Übersetzungen, aber auch er kannte sich auf allen
Gebieten der dramatischen Gestaltung aus, stand
der Theaterpraxis sehr nahe und vermochte nicht selten
die Schaulust des Publikums auf unterhaltsame Weise
zu befriedigen.
Durch
Scribe wurde Holtei dazu angeregt, sich mit Vaudeville
und Liederspiel theoretisch
und praktisch
auseinanderzusetzen. Das Evangelium kam aber nach
Holtei nicht ausschließlich aus dem Ausland; auch
im deutschen Sprachgebiet
lebte Talent: Karl Blum, Karl August Freiherr von
Lichtenstein und Louis Angely
werden mit einigen beliebten Liederspielen in
einem Aufsatz
genannt, in dem er in wenigen Strichen, hinsichtlich
dieser Gattung, die deutsche Bühnenwelt im allgemeinen
und das Berliner Theater im besonderen charakterisiert.
Theater kam in der Zeit des Biedermeier eine große Bedeutung
zu: konnte ja nach den Karlsbader Beschlüssen vom
August 1819, die als Reaktion auf die Ermordung
August von Kotzebues durch den Burschenschaftler Karl
Ludwig Sand verstanden werden müssen, von einer politischen
Betätigung nicht mehr gesprochen werden. Oberflächlich
war die Epoche der zwanziger und dreißiger Jahre des
19. Jahrhunderts geprägt von politischer Windstille
und selbstzufriedener Behaglichkeit; hinter dieser
Fassade bürgerlicher Genügsamkeit bildeten sich
jedoch gesellschaftliche Spannungslinien und Bruchzonen.
Das Theater war eine Ersatzbefriedigung für aus
der Öffentlichkeit verbannte Aktivitäten wie Politik,
so daß ihm eine Art von Ventilfunktion zukam: Aggressionen
wurden abgeleitet. Trotz der auch von Holtei mehrmals
als störend empfundenen Zensur erfreute sich das Theater
in der Königsstadt eines allgemeinen Interesses,
zumal es als eine Bühne für den einfachen Mann gedacht
war, die leichte Ware bevorzugte. Als Konkurrent zum
Königlichen Hoftheater kann das König städtische Theater
nicht gelten:
Der Konzession
zu Folge, darf die Bühne in der Königsstadt ein für
allemal nicht auf ihren Brettern erscheinen lassen:
a) Große Oper, b) Die eigentliche ernste Oper, c)
Tragödie, d) Großes Schauspiel. Wenn ihr nun dagegen
Lustspiel, Posse, komische Oper und Melodrama vergönnt
sind, so dürfen dieselben doch nicht aus dem Repertoire
des Königlichen Hoftheaters gewählt seyn, bevor nicht
zwei volle Jahre seit ihrer letzten Aufführung verflossen
sind.
Nach dieser Bestimmung mußte ein am Königsstädtischen
Theater verpflichteter Stückeschreiber wie Holtei
notgedrungen auf der Suche sein nach neuen Stücken,
die ein möglichst breites Publikum unterhalten sollten.
Ungeheuer produktiv
war Holtei für diese Bühne: sehr viele Lustspiele,
Melodramen, Opern und Liederpossen hat er
für sie geschrieben.
Daß er mit seinen Bühnenwerken beim Publikum ankam,
ist nicht nur zahlreichen Rezensionen in zeitgenössischen
Literaturblättern zu entnehmen, sondern auch aus dem
Eigenleben einzelner Lieder zu schließen.
Auch
ein bekanntes Werk Holteis Lorbeerbaum und Bettelstab
oder Drei Winter eines deutschen Dichters. Schauspiel
in drei Akten. Mit einem Nachspiel: Bettelstab
und Lorbeerbaum gehört in die lange Reihe von
Werken, die für das Königsstädtische Theater geliefert
hat: es wurde am 16. Februar 1833 in diesem Haus uraufgeführt
und wird hier vorgestellt, um einen Einblick in das
dramatische ¦uvre Holteis zu verschaffen.
Hauptperson ist Heinrich, ein von
der Welt verkannter Dichter, der in einer vornehmen
Gesellschaft zwar sein neuestes Trauerspiel vorlesen darf, aber nicht
den erhofften Beifall erntet, stattdessen nur abgeschmackte
Komplimente über seine schöne Sprache und das korrekte
Vorlesen hört. Man rät ihm, sich nicht künstlichen
Tändeleien zu widmen, dagegen den Staatsdienst zu
ergreifen und Karriere zu machen; in den Nebenstunden
wäre dann immer noch Zeit genug zum Poetisieren.
Aber Heinrich fühlt sich zu sehr als Dichter, um sich
schon jetzt dieser Idee hinzugeben und will nichts
von dem Rat seines Freundes Eduard wissen, einen soliden
Posten zu suchen. Nur Agnes, die Tochter eines reichen
Bankiers, nimmt sich seiner konkret an und sendet
ihm abends als Beweis seines Talents einen Lorbeerbaum
ins Haus, womit sie Heinrich zum Poeta laureatus krönt.
Aber trotz dieses Lobes kommt der arme Poet mit seinem
Stück nicht weiter, und es gelingt ihm auch nicht,
sein Werk bei einem Buchhändler drucken zu lassen,
der aber die juristische Abhandlung Eduards reichlich
belohnt. Immer mehr wird er von finanziellen Sorgen
bedrängt, wiederholt dringt man mit Beschwörungen
in ihn, sich dem praktischen Leben zu widmen und der
Poesie zu entsagen. Die Situation wird geradezu peinlich,
wenn Heinrich von dem Geheimen Rat von Grund aufgefordert
wird"nützliche’ Poesie, d.h. ein Hochzeitscarmen
für seinen Sohn Eduard und Agnes, zu dichten. Heinrich
produziert darauf einen jämmerlichen Glückwunsch,
der schnell von einem in den Künsten
dilletierenden Chevalier zerrissen wird. Nach außen
fühlt Heinrich zwar ein intaktes Leben, er
hat sogar den Tod seiner kränkelnden Frau ertragen
und akzeptiert, daß sein einziger Sohn von Eduard
und Agnes erzogen wird, innerlich jedoch ist er völlig
abgestorben, zumal seine Tragödie jämmerlich durchgefallen
ist und er schließlich doch eine klägliche Schreiberstelle
bei dem alten Herrn von Grund hat übernehmen müssen.
Da fällt dem Tiefbedrückten eines Tages die hämische
Rezension seines Trauerspiels in die Hände: Es sind
jene Worte, die Eduard gedankenlos ausgesprochen
und der Literat Freundlich unachtsam notiert hat.
Heinrich fühlt sich von Eduard betrogen und glaubt
in einem Anfall höchsten Wahnsinns, daß jener ihn
in die dumpfe Schreibstube hat einsperren lassen
und seine dichterische Begabung schmälern will.
Ganz durcheinander will er mit seinem Lorbeerbaum,
aus dem er sich einen Stock geschnitzt hat, Eduard
verprügeln. Dessen Vater tritt aber dazwischen und
wirft den verkümmerten Poeten hinaus, der abgeht
mit den Worten:
Frühling ist todt. O weh und ach!
Die Blumen starben ihm alle nach.
Da steht nun der Sänger allein.
Im Nachspiel befinden wir uns zwanzig Jahre später in
Wiesbaden, wo der gesellschaftlich avancierte Eduard
von Grund, dessen Frau Agnes und deren Kinder Henriette
und William sich erholen. Der noch immer den schönen
Künsten ergebene Chevalier verrät William, daß er
der Sohn des verkannten Dichters Heinrich ist. Er
sieht, daß William im ersten Band von Heinrichs nachgelassenen
Werken gelesen hat, jenem Buch, in dem auch das Trauerspiel
steht, das Heinrich vor zwei Jahrzehnten im Hause
von Eduards Vater vorgetragen hat. Als alter, wahnsinniger
Bettler treibt sich Heinrich im Nachspiel herum;
der Lorbeerbaum ist ihm zum Bettelstab geworden
und hat ihm seit seinen jungen Jahren nicht mehr gegrünt.
Ihm blüht jedoch erneut ein poetisches Leben, wenn
William ein von ihm komponiertes Lied singt, in dessen
letzte Strophe er einstimmt, wodurch er sich als Liederdichter
und Vater offenbart. Endlich ist ihm Anerkennung zuteil
geworden, und jetzt kann er, vereint mit den Seinen,
auf das Leben verzichten und getrost in den Armen
seines Sohnes sterben.
Auf
den ersten Blick kann der heutige Leser sich kaum
vorstellen, daß Holtei
als Theater dichter und Schauspieler - er spielte
wiederholt den Heinrich und Bettler im Nachspiel
- mit diesem Stück große Erfolge gebucht hat.
Hier soll nicht die Rezeption dieses Holteischen Reißers
im ganzen deutschen Sprachgebiet erörtert, dagegen
nur seine Wirkung in Berlin dargestellt werden, weil
Holtei in Spree-Athen als Bühnendichter und Schauspieler
nicht vergeblich um die Gunst des Publikums gebuhlt
hat. Lorbeerbaum und Bettelstab strotzt vor
Sentimentalität und wird von zeitgenössischen Kritikern
in die Nähe des Rührstücks gerückt, einer Gattung,
deren Aufführungsziffern auch in den dreißiger
Jahren des 19. Jahrhunderts bei weitem die der Klassiker übertrafen. Holtei knüpft somit
an Bekanntes an und schlägt traditionelle
Wege ein. Ein Berliner Rezensent schreibt am Dienstag,
den 9. April 1833 anläßlich einer Aufführung:
Hier [d.h.
im Königstädtischen Theater] hat er [d.h. Holtei]
verstanden, die intensiven Leiden eines verkannten
deutschen Genies mit so lebendigen Zügen auszuführen,
daß die ganze Versammlung in Thränen zerfließt, Geschäftsmänner,
denen jedes Trauerspiel zuwider ist, zwei- dreimal
kommen, und das Rührdrama zu einem sehr erträglichen
Kassenstück ohne alle Kosten für die Direktion geworden
ist. Dazu gehört ein seltenes Talent; aber indem
man die angestrengten Motive, die zum Theile gelungene
dramatische Ausführung und die ungeheure Wirkung betrachtet,
bedauert man doch zugleich, daß es nicht mehr wurde
als ein Stück, das den Leuten Thränen auspreßt.
Auch
Willibald Alexis betont die Rührung des Stückes:
Die Wirkung
war schlagend. Es waren, besonders in den Logen, viele
Zuschauer, die geneigt schienen es lächerlich zu finden,
daß man das Publikum, das gekommen um zu verdauen
und zu lachen, mit den Empfindungen und Schmerzen
eines Dichters unterhalte. Auch durch die ungeheure
Rührung, die sich der Versammlung in einem merkwürdgen
Grade bemeisterte, wurden Lachlust, übler Wille und
Kritik factisch todtgeschlagen. Alles weinte, Frauen,
Kinder, Männer.
Daß Lorbeerbaum und Bettelstab
gewirkt hat, beweisen nicht nur diese Rezensionen,
sondern ist auch der Resonanz,
die das Stück in anderen Städten des deutschen Sprachgebiets fand und der Verbreitung im fremdspachlichen Ausland
zu entnehmen.
Auf
dem Theaterzettel zur Premiere, auf dem Titelblattt
zur Buchausgabe von 1840
und in seinem Sammelband Theater (1845)
nennt Holtei Lorbeerbaum und Bettelstab ein
Schau spiel; in den Vierzig Jahren wird das
Werk jedoch als Melodrama oder Liederspiel vorgestellt.
Nach den Vertragsbedingungen des Königstädtischen
Theaters mußten Dramen größeren Umfangs
melodramatisiert werden, so daß Holtei daran gehalten
war, das Stück mit Liedern zu durchweben, was
ein Berliner Kritiker positiv bewertete,
während die melodramatisierende Liederspielform in
Hamburg und Leipzig bloß aus Nachsicht für den Schauspieler Holtei
in Kauf genommen wurde; in
München dagegen beim Publikum
auf Ablehnung stieß, so daß der Dichter den
Entschluß faßte, alles musikalische Beiwerk zu liquidieren
und nur das unbedingt zur Handlung gehörende Trinklied
(I, 9) darin zu lassen.
Es sollten im Stück die Schicksale des an sich selbst
verzweifelnden Genies Kleist präsentiert werden,
der auch am Unverstand der Öffentlichkeit und
an der Mißachtung der Kritik zugrunde gegangen ist
und ebenfalls erst posthum Anerkennung gefunden
hat. Kleist als Tragödiendichter ist gemeint: Das
Stück eröffnet mit den letzten Versen eines Trauerspiels,
das bei dem Hörerkreis gar nicht ankommt. Der Chevalier
erkennt, daß Heinrich sich von den Pseudodichtern
und Vielschreibern distanzieren möchte, und sieht
voraus, daß dessen Stück schwerlich Erfolg haben
kann:
Erstens ist
es keine Uebersetzung, zweitens ist es in Versen,
drittens ist es schwer zu spielen, viertens ist es
lang; fünftens läßt sich wenig oder nichts
drinn streichen, sechstens ist weder Musik noch
Tanz drin, siebentens wenig Pracht, achtens hat es
ein wahrer, wirklicher Dichter gemacht. Wenn es da
nicht durchfallen sollte, müßte Gottes besonderer
Wille mit im Spiele seyn.
Dem Publikum im Saal wird ein Spiegel
vorgehalten, und es wird wegen seines nimmersatten
Bedürfnisses nach Unterhaltung gerügt. Es war dem
theatererfahrenen Holtei aus der täglichen Bühnenpraxis
bekannt, daß effektvolle, prächtig
ausstaffierte Stücke sich einer besonderen Beliebtheit
erfreuen konnten und die düstere Tragödie, wie
Heinrich sie hier gedichtet hat, viel weniger zur
Darstellung gebracht wurde.
Es
wurde von den Kritikern übersehen, daß Heinrich eine
bestimmte Entwicklung durchgemacht hat: Angefangen
als ein von seiner Mitwelt akzeptierter Autor populärer
Lieder, wird er zum gescheiterten Tragödiendichter.
Heinrichs Bestreben, über seine eigentliche Begabung
hinauszukommen und sich dem Trauerspiel zuzuwenden,
wird nicht belohnt. Dies erinnert nicht an Kleist,
der gar nicht als Liederdichter hervorgetreten ist,
weist vielmehr auf Holtei hin; auch er hatte sich
als Dichter von düsteren, schicksalsgeladenen
Bühenwerken
versucht, war damit wenig erfolgreich gewesen, ist
als Liederspieldichter beliebt geworden und hofft
durch seine Lieder im Gedächtnis des Volkes weiterzuleben.
Neben
seiner Tätigkeit als Bühnendichter und Theaterdirektor
machte Holtei in den Jahren nach 1824 als Vorleser
Furore und trug dabei neben Werken von großen Dichtern
wie Goethe, Shakespeare und Tieck auch eigene dramatische
Arbeiten vor, von denen einige sogar speziell zur
Deklamation konzipiert worden waren. Als Beispiel
soll hier Die beschuhte Katze. Ein Märchen in drei
Akten mit Zwischenspielen erwähnt werden: das
Werk wurde am
10. Januar 1843 im Berliner Hôtel de Russie vorgetragen
und wußte, nicht zuletzt durch Anspielungen auf Berliner Literaten
und Hinweise auf die zeitgenössische Literatur,
ein Auditorium zu fesseln. Zwar ist der Titel als
direkte Anlehnung an Ludwig Tiecks Der gestiefelte
Kater (1797) zu verstehen, aber das von Holtei
als ein ,etwas verrücktes Zaubermärchen’
bezeichnete Werk ist mehr als ein oberflächlicher
literarischer Ulk, der nur darauf bedacht ist, bei
seinen Zuhörern Lachen zu erregen; es ist eine Persiflage
von Friedrich Halms (1806 1871) erfolgreichem Bühnenwerk
Der Sohn der Wildniß (1842).
Über das Faktum, anläßlich eines
bei einem breiten Publikum bekannten Stückes eine
Persiflage zu schreiben, hat Holtei sich mehrfach
geäußert; schon 1828 schreibt er in einem Kommentar zu seiner
am 9. Januar dieses Jahres erstmals im Königsstädtischen Theater aufgeführten und ganz durchgefallenen
Parodie Staberl
als Robinson:
Es ist die größte Ehre für einen Dichter, wenn seine
Werke travestirt werden. Und versucht man
hie und da irgend eine kleine Schwäche aufzudecken,
so geschieht das nur, um einen Anhaltspunkt für den
Witz zu haben, der sich dann frei und
harmlos entfalten, aber eben so harmlos aufgenommen
werden muss.
Wer sich mit diesem Stück befaßt, wird angenehm berührt
von der Übersichtlichkeit und Transparenz der Handlung;
trotz zahlreicher Personen und Tiergestalten ist
der Haupterzählstrang leicht nachvollziehbar.
Der
Schwertfeger und Waffenhändler Rumpelmeier wird auf
einer Jagd von
einer Bande Waldbanditen festgenommen und soll erst
nach Zahlung eines ansehnlichen Lösegeldes frei
gelassen werden. Madame Rumpelmeier will aber
vorerst ins Intelligenzblatt
eine Anzeige unter die Rubrik verlorengegangene
Sachen einrücken lassen; ihre Tochter Pathetia
jedoch möchte zur
Tat schreiten und ihren Vater aus den Banden der Räuber
lösen. Die Hauskatze Mies
hört dies alles und schlägt vor, an Pathetias Stelle
in den Wald zu gehen und Herrn Rumpelmeiers Platz
als Geißel einzunehmen. Bei ihr spielen persönliche
Interessen mit, denn sie plant, mit Hilfe der verbrecherischen
Waldbewohner, die Herrschaft über die Menschen zu
übernehmen und will die zivilisierte Welt
einer Tierherrschaft unterwerfen. Mies zieht Schuhe
an, wandert in das Dickicht, kommt in Kontakt mit
Vagabunden und weiß sich sogar bei deren Hauptmann
Nante so einzuschleichen, daß es ihr gelingt, ihn
völlig zu berücken, so daß jener in den sanften Pfoten
des niedlichen Kätzchens zu einem willigen Opfer
ihrer Pläne wird. Es ist für Mies ein leichtes, sich
aus dem Staube zu machen und alle Tiere zu einem nächtlichen
Treffen im Walde einzuladen. Rumpelmeier, von Mies
gelöst, hat inzwischen ganz andere Pläne geschmiedet
und erscheint mit einigen Häschern, um seine frühere
Hauskatze zu fangen. Er will mit diesem Wundertier
großes Geld auf Jahrmärkten machen und hat vor, das
sprechende Tier skrupellos auszunutzen. Seine Pläne
schlagen fehl, wenn Mies, die sich auf einem
Besen aus dem Staube machen will, erschossen wird
und sich dabei in ein altes Weib, eine Hexe
verwandelt.
An
sich fade und ziemlich abgeschmackt, hätte diese Binnenhandlung
es wohl kaum vermocht, eine zahlreiche Zuhörerschaft einige Stunden
zu unterhalten. Vielmehr
sind es die interessanten Gespräche zwischen einzelnen
Personen der im Stück vorhandenen Zuschauer,
die auch für heutige Leser ihren Wert haben, weil
sie viele witzige Einfälle bieten,
die uns einen Eindruck davon geben, wie Holtei
über das damalige deutsche Theater im allgemeinen
und die Berliner Bühne im besonderen dachte.
Für
ein Berliner Publikum war dieses Stück konzipiert;
darüber kann kaum Zweifel bestehen; nicht nur lassen Hinweise auf Berliner Literaten
wie Ludwig Rellstab und die Erwähnung des Schriftstellers und Dichters
Franz Horn
in dieser Frage keinen anderen Schluß zu, auch wird
das Königstädtische Theater mit Namen genannt, wird von einigen Personen Berlinisch gesprochen
und kommen Örtlichkeiten aus dem Spree-Athen im
Text vor.
Die
Zuschauer unterhalten sich über alles was in der Binnenhandlung
passiert und diskutieren über die Ähnlichkeiten
zwischen dem vorgestellten Stück Die beschuhte Katze von Karl Tücke
und Halms Elaborat. Holtei vergißt nicht, daß in
einem solchen Spiel auch etwas Ridiküles präsentiert
werden muß, so
daß eine triviale Szene vom Rübenspeisen bewußt breit
ausgemalt wird. Es kommt hierüber zu einem
Gespräch, wodurch das vielleicht abfällige Urteil
eines Hörers teilweise entkräftet werden kann.
Die
Hauptfigur, die Hauskatze Mies, veranlaßt einige Zuschauer
der Einlage zu einem sachkundigen Diskurs über die
Darstellung einer Tierrolle auf der
Bühne. Hier kann Holtei aus eigener Erfahrung sprechen;
er wußte wie das Melodrama Jocko, der brasilianische
Affe
beim Publikum sehr beliebt war und eine Menge Nachfolger
gefunden hatte.
Weit
interessanter für den heutigen Leser mag es sein,
daß Holtei seine Hörer ausführlich mit Shakespeare konfrontiert und dabei seine
Zuschauer über
die kühne Art dramatischer Unordnung im zweiten Akt
- es wurde siebenmal verwandelt - diskutieren
läßt.
Der
Exkurs über Shakespeare zeigt, daß dieses Werk für
Holtei ein Mittel war, seine An sichten über einige
Aspekte des Theaters erneut einem Publikum vorzulegen
und so zu einer eigenen Meinungsbildung anzuregen.
Es ist anzunehmen, daß nach beendetem Vortrag ein
Gedankenaustausch zwischen Leser und Auditorium
entstand, so daß Fragen beantwortet und Probleme
erörtert werden konnten.
Das
ständige Reflektieren der Zuschauer im Stück durchbricht
wie bei Tieck fortwährend die Illusion der auf der Bühne dargestellten
Katzengeschichte,
so daß es nicht möglich ist, das Bühnengeschehen als
normales Illusionstheater mitzuerleben. Dies
mutet modern an und weist in die Richtung des epischen Theaters. Von dieser Sicht aus ist Holteis beschuhte Katze
ebenfalls mehr als ein parodistischer
Scherz, der nur amüsieren möchte.
In
den letzten Jahrzehnten seines langen Lebens hat Holtei
sich hauptsächlich der Epik gewidmet. Fast unmöglich
ist es in gedrängter Form eine Übersicht seiner Epik
zu liefern; dazu sind seine vielen oft mehrbändigen
Romane zu umfangreich und ist die Anzahl seiner Erzählungen und Plaudereien zu groß. 1904
hat Paul Landau Karl von Holteis Romane. Ein Beitrag
zur Geschichte der deutschen Unterhaltungs-Literatur
veröffentlicht,
bis heute das einzige Werk, das alle Romane vorstellt, skizzenhaft
Einiges zur Komposition
und Motivik vorbringt und über theater- und literaturgeschichtliche
Themen berichtet.
Nach
Landau ist es dann nur noch vereinzelt zu Artikeln
über Holteis Epik gekommen.
Der
Leser, der sich einen Holteischen Roman vornimmt,
muß über Ausdauer und Zeit verfügen: Die Vagabunden
( 3Bde. 927 S.), Christian Lammfell (2
Bde. 566 S.), Ein Schneider (3Bde. 980 S.),
Die Eselsfresser ( 3Bde. 962) und Der letzte
Komödiant (3 Bde. 1036 S.); auch in seinen Erzählungen
zeigt er bisweilen eine fast uferlose Fabulierfreude: die Kriminalgeschichte Ein Mord in Riga hat 247 Seiten.
Obwohl die Holteischen epischen Arbeiten aus der letzten
Phase seines künstlerischen Schaffens (ab 1850) präsentiert
werden, soll den Lesern eine Textstelle aus der ersten
Nummer seiner kurzlebigen Zeitschrift Der Obernigker
Bote vom 4. März 1822 nicht vorenthalten werden:
Wenn man aus
der Kirche tritt, kommt man auf einen kleinen Kirchhof,
da ist manch theures Grab. Ich habe auch eins dort,
meine alte Pflegemutter liegt dort im Sande begraben,
mit ihren Leiden und Freuden und allen achtzig Jahren,
die sie überstanden hat. Lieber Leser, ich bin noch nicht alt. Dennoch
hab’ ich schon oft gedacht, ich könnte recht bald
sterben. Dann ist mir alles auf Erden lächerlich vorgekommen.
Ehren und Würden, Reichthum und Armuth, Haß und -
nur eins nicht, die Liebe nicht.
Schon hier haben wir den Vollblutholtei, der in die Breite
geht und zur Sentimentalität neigt. Auch fällt der
behagliche, selbstgefällige Plauderton auf, der den
Leser in eine an spruchslose Kleinstadtwelt einführt,
die nur vorübergehend von dissonanten Tönen gestört
wird und Spuren Jean Pauls
und E.T.A. Hoffmanns
aufweist. Aber nicht nur über die Werke dieser beiden
Autoren war Holtei gut informiert, er besaß eine fabelhafte
Belesenheit und
kannte sich in der deutschen Literatur seiner Zeit,
sowie in der voriger Jahrhunderte gut aus: über
einige schlesische Autoren hat er Aufsätze
geschrieben.
Über den Beginn seiner Karriere als Romancier schreibt
er am Schluß vom 6. Band der Vierzig Jahre:
Seit dem Jahre
1850 wurde ein unstätes Wanderleben vertauscht gegen
die in seinem Arbeitszimmer ausdauernde Thätigkeit
eines fleißigen Schriftstellers. Zwei Kunstausflüge
nach Wien (1851) und nach Prag (1855) entzogen mich
kaum meinen literarischen Beschäftigungen, da ich
auch dort mitten in den Störungen, denen der Reisende
nie entgeht, jede freie Stunde benützte. Wer denn
einmal darauf angewiesen ist, seinen Unterhalt sich durch die Feder zu erwerben,
darf sie nicht ganz aus der Hand legen.
Holtei
verhehlt nicht, daß die Schriftstellerei seine Haupteinnahmequelle
in den letzten drei Jahrzehnten seines Lebens war.
Ihn aber als produktiven Brotschreiber zu qualifizieren,
der ausschließlich fürs Geld möglichst viel und rasch schreibt, wäre einseitig. Auch selber hat
er sich von der Vielschreiberei distanziert.
In den Vierzig Jahren schreibt er:
Daß ich mich
nicht von der Neigung eitler Vielschreiberei fortreißen
lasse, glaub’ ich mit einem Beispiele belegen zu können.
Der Entwurf zu einem neuen, größeren Romane liegt
seit länger als zwei Jahren vor mir: der erste Band,
längst beendet, entsprach meinen Ab- und Ansichten,
als ich ihn kürzlich durchlas, keinesweges. Ich schob den zweiten, an dem ich eben war, sogleich
zurück und änderte den ersten von Grund aus um, indem
ich die dicke Handschrift Zeile für Zeile wieder in’s
Reine schrieb.
Sollte es mir gelingen, mit dem dritten bis
Ostern fertig zu werden, so hab’ ich über diesen drei
Bänden drei Jahre zugebracht!
Er hat in seinen Romanen viel Eigenes, Selbstdurchlebtes
und -erlebtes verarbeitet,
so daß man Karl Weinhold beipflichten kann, wenn er
sie als Ergänzungen zu den Vierzig Jahren versteht.
Die Romane sind aus eigener Beobachtung, Menschenkenntnis
und Erfahrung her vorgegangen, und - Holtei sagt
dies wiederholt - sein Eigentum. Er prätendiert einen
Realismus, der von persönlichen Erlebnissen inspiriert
ist und ist sich darüber im klaren, daß ihm dabei
die Neigung zur Einseitigkeit vorgeworfen werden kann.
So geht er am Anfang seiner Eselsfresser auf
den Tadel ein, daß die meisten seiner Romane sich
in Schlesien abspielen:
Jene allzu
provinzielle Färbung der in meinen Geschichten handelnden
Menschen, ihrer Schicksale und Umgebungen soll mir,
wie ich höre, manchen sonst nachsichtigen Leser
entfremdet haben, und Vorsteher von Bücherleihanstalten
haben mir mitleidsvoll vertraut, daß nicht nur Nähmamsellen
und Schneidergehilfen, o nein, auch ganz andere Leute
die ersteren Bände meiner Romane ärgerlich auf den
Tisch zu werfen pflegen und sich ,unterhaltendere
Lectüre’ ausbitten, welche nicht so viel ,schlesisches
Gerede’ enthält.
Als Reaktion auf diese Kritik sagt
er, er schreibe so, weil er aus dem Leben schöpfe und keine anderen Szenen, Schicksale, Gebräuche und Gegenden schildern könne als solche, die er
persönlich gesehen oder erlebt habe. Er beschränke
sich deshalb lieber auf die eigene Scholle, als zu
schreiben über Zustände,
Verhältnisse und Sitten, die ihm im Grunde wesensfremd
seien. Er ist ein Gegner jener Autoren, die dem fieberisch,
krankhaften Bestreben huldigen, ein erzählerisches
Werk mit Begebenheiten vollzustopfen, die wie unglückliche
Hühner im engen Mastkäfig einander auf die
Köpfe treten und sich gegenseitig erdrücken.
Holtei wehrt sich gegen solche Romane, die sensationslüstern,
eine Fülle aufgespeicherten Stoffes ohne sonderliche
Verarbeitung in buntem Durcheinander anbieten. Dann
spinnt er lieber an einem einzigen Faden der Handlung
weiter und fügt weniger Begebenheiten aneinander, die er dann psychologisch durchzuarbeiten versucht, auf
die Gefahr hin, langweilig und weitschweifig gescholten
zu werden.
Frappant an seinem Erstling, dem Künstler- und Bildungsroman
Die Vagabunden ist die packende Darstellung
zahlreicher Episoden, so wie die gelungene Charakteristik
einzelner Gestalten. Hebbel
und Freytag
lobten das Werk, das die Welt der wandernden Volksunterhalter
mit eingehender Sachkenntnis und Auge fürs Detail
schildert. Bedeutende Künstler wie Paganini
oder Devrient,
die Holtei bewunderte und persönlich gekannt hat,
erscheinen nur am Rande, stattdessen treten auf:
Riese und
Zwerge, Bauchredner, Puppenspieler, Wachsfigurenhändler,
Menageriebesitzer, Seiltänzer, Luftschiffer,
Kunstreiter, Eskimos, Tanzmeister, Kameltreiber,
falsche Spieler, Canarienvogelabrichter u.s.w.; eine
große, freilich nicht immer auserwählte Gesellschaft,
aber die Darstellung dieser wunderlichen Käuze ist
ganz vortrefflich. Sie sind keine Caricaturen und
Scheusale, sondern wirkliche Menschen mit den Tugenden
und Fehlern, welche ihr abenteuerliches Treiben an ihnen ausbildet.
Kein Anderer in Deutschland hätte das vagabundirende
Volk so treffend schildern können, er gehörte just
Holtei’s Persönlichkeit dazu, die leichte Empfänglichkeit,
seine Laune und Gutherzigkeit und die lebhafte
Freude an allem Drolligen und Auffallenden, dazu
das bewegte Reiseleben, welches er selbst geführt
und das ihn in diesen abgeschlossenen Kreisen
heimisch gemacht hat.
Friedrich
Sengle nennt Die Vagabunden, einen zu Unrecht
vergessenen Roman’ und schreibt:
,Bunte Schicksale’, einen etwas modernisierten
Abenteuerroman erzählt Karl von Holtei in den Vagabunden
[…]; aber es geschieht mit einer so großen Leichtigkeit
und Liebenswürdigkeit, daß wir an große Beispiele
der Erzähldichtung, etwa an den rokokohaft gewordenen
Schelmenroman des Lesage (Gil Blas 1715ff.) erinnert
werden.
Holtei ist hier Realist, der eine besondere Vorliebe für
die alltäglichen Kreise zeigt.
Aber er ist auch ein Romantiker, ein Taugenichts,
der am eigenen Leibe erfahren hat was es heißt als
Künstler nirgends festen Fuß zu fassen und ständig
auf eigene Initiative und Kreativität angewiesen zu
sein. So ergeht es auch Anton Hahn, der umherziehende
Tausendkünstler, der nirgends eine gesicherte Anstellung
findet und erst am Ende des Romans, im ländlichen
Kleinstkreis, abseits der großen Welt, als selbstzufriedener
Landadliger sein Glück findet. Den Vagabunden
ist ein moralischer Grundzug eigen; von einem
Romanschriftsteller verlangt Holtei:
[…] den Menschen in Konflikt mit edleren
und niedrigeren Leidenschaften darzustellen, das
Leben mit frischen Farben zu malen.
Konträr zu den Vagabunden, deren Held Anton gewandt,
schön, zuvorkommend und ein Liebling der Frauen
ist, wird im Roman ,der christlichen Duldung’
Christian Lammfell
alles Glänzende und Blendende vermieden und das Leben
und Wirken eines kleinen Kaplans, der Wunderwerke
an Güte und Selbstlosigkeit verrichte, beschrieben.
Lammfell ist den Armen und Notdürftigen ein Segen
und noch als Greis ein Inbegriff der demütigen christlichen
Nächstenliebe. Nach einem hohen Amte strebt er nicht,
er fühlt sich zum Kaplan berufen und wünscht nichts
anderes als eine karitative Stelle
im Dienste der Kirche. Sein ganzes Leben ist dienen.
Wer aber glaubt, daß der Roman, der den Zeitraum
vom Ende des Siebenjährigen Krieges bis 1848 umspannt,
sich nur um den kleinen Kaplan dreht, irrt sich: Christian
Lammfell ist
das erste Werk, in dem Holtei Stellung zu Zeitereignissen
nimmt und die Position des Adels beleuchtet.
Der Kaplan ist ein Antipode zu jenen Revolutionären,
die sich gegen die alte Ordnung wehren; er fügt sich
den gegebenen Umständen und will von einer Aufbegehrung
gegen die von Gott institutionalisierte Standesgesellschaft
nichts wissen. Holtei sympathisiert mit Lammfell.
Dies wird aus dem Unterschied zwischen den Jugendfreunden
Christian und Julius klar: während Christian glaubt,
es sei besser sich anzupassen und sich für das Wohl
seiner Mitmenschen praktisch einzusetzen, statt
sich politisch zu engagieren, duldet Julius keine
Autorität über sich. Nicht, weil er von einem unwiderstehlichen
Drang zur Verbesserung erfüllt ist, sondern,
weil er die Reichen beneidet. Kann man anfangs dieser
Gestalt einige Sympathie entgegenbringen, bald wird
er als mieser Draufgänger präsentiert, der
im Grunde nur auf seinen eigenen Vorteil bedacht ist.
Christian
Lammfell wird in der neueren Forschung als erster politischer
Roman Holteis gewertet. Holtei
trete in diesem Werk für die Annahme des Status
quo ein,
sein Konservatismus beruhe
nicht auf Eigennutz, entspringe eher der
Überzeugung, daß es notwendigerweise eine führende
Klasse geben müsse und daß es dem Volk unter aristokratischer
Führung besser ergehe als unter der Herrschaft des
Besitzbürgertums, dem allein eine Umwälzung zugute
kommen würde.
Nach Holtei haben nur solche Adligen Anrecht auf
politische Verantwortung und Achtung des Volkes, die
sich für das Gemeinwohl einsetzen und z.B. ihr
Personal großzügig und anständig behandeln. Als
Pendants zu den ,guten’ Adligen gibt es denn auch
in den Holteischen Romanen immer schlechte. Cölestine
aus Christian Lammfell ist eine tiefreligiöse
Frau, die sich gerade durch ihre soziale
Vormachtstellung verpflichtet fühlt, den
Armen zu helfen; sie ermöglicht es ihrem Kaplan mit
ihrem Gelde christliche Nächstenliebe zu praktisieren.
Der Geistliche ist eng mit seiner
adligen Gönnerin verbunden; ja, ohne ihre finanzielle
Mittel vermag er nicht zu helfen. Der Reichtum der
Adligen ist somit segensreich für die Armen. Cölestines
Gatte ist aus anderem Holz geschnitzt: er beteiligt
sich an Aufständen und revolutionären Umtrieben,
wobei seine Zwecke zwielichtig sind. Er
wird als Wüstling hingestellt, der sich sogar nicht
schämt, das Pfarrhaus zu bestürmen und in Lammfells Sterbekammer vorzudringen.
Die
heile Welt, die auf den ersten Blick am Ende dieses
Romans präsentiert wird, ist brüchig und hat pessimistische
Züge. In der neuen Zeit gilt Lammfells Frömmigkeit
ja immer weniger und wird es wohl kaum noch Geistliche
wie dieser Kaplan geben, sie gehören einer vergangenen,
besseren Ära an. Es ist bemerkenswert, daß die Holteischen
Romane sich größtenteils auf dem Lande abspielen
und die Metropole als Orte des Verderbens geschildert
werden: in den Vagabunden verkehrt Anton mit
Glücksrittern, Grisetten und Hasardeuren und kann
sich nur mit größter Mühe und Hilfe unbekannter
Wohltäter von dem üblen Pariser Milieu lösen. Alles
was an Unheil aufgeboten werden kann, wird im zweiten
Teil mit den grellsten Farben aufgetragen. Wie Anton
kehrt auch Eduard (Die Eselsfresser) nach vielen
Lehr- und Wanderjahren in die schlesische Heimat zurück,
um dort gleichsam seine Kindheit fortzusetzen. Liebenau
und Schwalbendorf waren und sind Horte des Friedens
und Glücks, die den Leser einlullen, so daß er selbstzufrieden
das Buch schließen kann.
Die
Eselsfresser und Christian Lammfell sind Romane, in denen Holtei
seine Ansichten über gesellschaftliche Verhältnisse
entfaltet und relativ wenig über das Artistenleben
mitteilt, was er dann um so mehr in seinem letzten
Künstlerroman Der letzte Komödiant (1863) nach
holt. Es ist ein Werk voller Wehmut
eines nur seiner Kunst lebenden Theaterenthusiasten,
der sich überall versucht, aber nirgends ein
festes Engagement findet und schließlich als Souffleur
bei einer Provinzbühne ein kümmerliches Dasein fristet.
Interessant sind seine zahllosen Bekanntschaften
mit Berühmtheiten wie Goethe, Raimund, Holbein, Iffland,
Devrient, Immermann und Körner. Hier haben wir den
Holtei aus den Vierzig Jahren vor uns, der
fabulierfreudig über die verschiedenen Aspekte des
deutschen Theaterwesens berichtet. Auch Wulf kehrt
heim und verbringt seinen Lebensabend in ländlicher
Zurückgezogenheit, abseits einer Welt, deren Treiben
letzten Endes eitel ist.
Am Schluß vom letzten Komödianten fragt Wulf nach
dem Sinn von allem Streben und Wirken. Er fragt sich
was sein vagabundierendes Leben ihm schließlich gebracht
hat. Ist er mit seiner Liebe fürs Theater und Kunstbegeisterung
nicht auf die falsche Bahn geraten? Wir glauben Holtei
zu hören, wenn Wulf diese Fragen stellt:
Und was ist mein Dasein gewesen? Jene
Tage, von denen Du sprichst, Ludmilla; jene anderen
an Julia’s Seite; die Begegnung mit meiner - ihrer
Tochter; die heutige mit Dir! Das sind vier Stunden
in sechzig Jahren. Alles Uebrige war Schein und Blendwerk,
darf ich mit größerem Rechte behaupten.
Bleibt am Ende die Frage, ob eine Beschäftigung mit der Holteischen Epik noch sinnvoll
ist: vieles ist klischeehaft, manche Standpunkte und
Ideen werden zu uferlosen Tiraden ausgesponnen und
können die Aufmerksamkeit heutiger Leser schwerlich
fesseln. Wer sich aber mit dem konservativen Roman,
dem Adelsroman
oder dem Landschaftsroman
des 19. Jahrhunderts auseinandersetzt, kann Holteis
Epik schwerlich übergehen. Fragt man nach dem Surplus
seiner Romane verglichen mit denen seiner Zeitgenossen,
dann kann auf seine lange andauernde Bedeutung
für die schlesische Unterhaltungsliteratur hingewiesen
werden. Viel leicht hat er sich die Sache doch
zu leicht gemacht und hätte viel mehr erreichen und
sich einen festen Platz in der deutschen Literatur
sichern können, wenn er das Niveau seiner Vagabunden
festgehalten hätte. In diesem Roman ist Holtei
ein unnachahmlicher Poet des Thespiskarrens, der
die bunte Welt der Artistenbuden unterhaltsam darstellt.
Als kulturhistorisches Zeitbild verdient er es, auch
heute noch gelesen zu werden.
Der
Beitrag Holteis zur deutschen Kulturgeschichte im
allgemeinen und zur schlesischen im besonderen ist
beachtlich: als Liederspieldichter u.a am Königstädtischen
Theater, als Theaterdirektor einiger großen und kleinen
deutschen Bühnen, als Mundartlyriker,
als Vorleser, als Schauspieler, als Verfasser mehrbändiger
Romane und nicht zuletzt als Chronist in seiner Autobiographie
ist er hervorgetreten. Er hat ein Oeuvre hinterlassen,
das als Fundgrube für alle dienen kann, die sich
mit der Literatur des 19. Jahrhunderts befassen
wollen. Es ist somit in vielen Hinsichten lohnenswert,
zumal bei der Studierung der schlesischen Literatur,
Holtei nicht auszuklammern.
Resümee
Carl von Holtei (1798-1880) wußte sich zu seinen Lebzeiten
in manchem künstlerischen Bereich zu profilieren:
außer als Schauspieler, Theaterdirektor und Romancier
ist er auch als Rezitator, Dramatiker und Lyriker
hervorgetreten, kannte sich, wie kaum ein anderer,
im literarischen Leben des 19. Jahrhunderts aus und
kam nicht nur mit Lokalgrößen, sondern auch mit Koryphäen
in Berührung. Als Stückeschreiber war er an kleineren
und größeren Bühnen u.a. in Berlin, Breslau und
Wien tätig.
Waren
es anfangs Vortragsreisen, wobei er namentlich als
Vorleser Shakespearescher Dramen
berühmt war, das Schreiben von Theaterstücken, eine
Tätigkeit als Schauspieler und die Herausgabe
zahlreicher Periodika und Sammlungen, die ihn beanspruchten,
ab 1850 widmete er sich vor allem der Epik und schrieb
Erzählungen und Romane, die als kulturhistorische
Zeitbilder von Interesse sind. Eine zeitüberdauernde
Leistung ist seine Autobiographie Vierzig Jahre
, die weit mehr ist als ein lesenswertes Zeitdokument:
Sie ist reich an Schilderungen hervorragender Persönlichkeiten
und besticht auch heute noch durch ihre frische und
lebendige Darstellung.