Eugeniusz Klin
Zielona
Góra
Paul Habraschka (1897-1969) -
ein Vertreter der oberschlesischen Arbeiterliteratur
Literarische
Moden können unerbittlich sein. Sie lassen sympathische
Arbeiterdichter der Vergessenheit anheimfallen,
obwohl sie auch der Gegenwart so manches Nützliche
und Besinnliche zu sagen hätten. Aber spätestens seit
der Verurteilung des sog. Bitterfelder Weges mit
seiner Losung "Greif zur Feder, Kumpel"
wird manchmal eine Geringschätzung der Arbeiterliteratur
an den Tag gelegt, die oft ungerecht und hochmütig
erscheinen muss. Dabei verdienen es viele Vertreter
der schreibenden Arbeitswelt, der Vergessenheit entrissen
zu werden.
Zu diesen
gehört, wie ich meine, der Bergmannsdichter Paul Habraschka.
Geboren am 16. November 1897 in Roßberg bei Beuthen,
einem Bergmannsdorf, das später eingemeindet wurde
und dessen Bevölkerung durch die starken propolnischen
Sympathien bekannt war. Als ältestes Kind einer Arbeiterfamilie,
dem bald nach seiner Geburt noch acht Geschwister
folgten, blieb ihm keine Wahl als den Bergmannsberuf
zu ergreifen, um seine Familie mitzuernähren. Deshalb
musste er bereits als Vierzehnjähriger, am zweiten
Mai 1912, als Bergmannslehrling seinen ersten Schichttag auf der Beuthener Karsten-Zentrum-Grube antreten. Diesem
Bergmannsberuf blieb er fast sein ganzes
Leben lang treu, und zwar bis zum 30. Juni 1957.
Dazwischen freilich lag seine Einberufung zum Militär.
Den Ersten Weltkrieg musste der damals erst Siebzehnjährige
von Anfang an mitmachen, selbst nach seiner schweren
Verwundung in Frankreich im Jahre 1916. Nach seiner
Rückkehr nach Oberschlesien arbeitete er wieder als
Bergmann. Da traf ihn im Jahre 1924 ein schweres Grubenunglück.
Sein Biograph Wolfgang Martin schreibt darüber wie
folgt: "Da wurde Paul Habraschka von einem Gebirgsschlag
verschüttet. Zwischen zwei riesigen Kohlenblöcken,
die ihm gerade noch Luft zum Atmen liessen, musste
er bange Stunden warten, bis er gerettet wurde. Das
war wie in einem schwarzen Gefängnis. Nach acht Stunden
waren die Rettungsmannschaften bei ihm. Er war mit
Verletzungen davongekommen."
Nach dieser
wunderbaren Rettung begann der Bergmann Habraschka
an seinen glücklichen Stern zu glauben. Es war ihm
der erleuchtende Gedanke gekommen, seine und die Erlebnisse
seiner Kumpels aufzuschreiben und für die Nachwelt
zu bewahren. So entstanden zunächst Erzählungen aus
dem Bergmannsleben. 1930 erschien dann sein erster
Gedichtband "In der Tiefe", 1932 "Des
Bergmanns Feierschicht", es folgte 1935 "Nach
der Schicht", bald darauf sein erster Roman "Kleinkohle",
später noch sein populärer Kriminalroman "Der
Grenzmarder".
Daneben
veröffentlichte Habraschka in der lokalen "Ostdeutschen
Morgenpost" unter anderen auch Lausbubengeschichten
für Kinder und Jugendliche, die dann erst posthum
in Buchform als überarbeiteter Sammelband erscheinen
konnten.
Überraschend zu lesen, wie einst der Übermut einer
glücklichen und sorglosen Jugend nach der Schulzeit
Streiche ausheckte, die den Lehrern wie den Eltern
viel zu schaffen machte. In diese heitere Richtung
reiht sich auch Habraschkas Sammlung von Humoresken
ein "Der Kumpel lacht", eine Serie von lustigen
Teufelssagen im Bergmannsmilieu.
Habraschkas
Hauptwerk jedoch "Meinen Tod will ich selber
sterben" konnte keinen seiner Leser zum Lachen
bringen.
Der Schriftsteller berichtet hier nämlich von einer
besonders folgenreichen Heimsuchung der Oberschlesier
nach dem Einmarsch der Roten Armee im Januar 1945.
Neben den bekannten Plünderungen der Geschäfte und
Wohnungen, neben den massenhaften Vergewaltigungen
von Frauen und Mädchen, neben Beraubungen und Erschiessungen
der Zivilbevölkerung brachten die sog. "Befreier"
noch eine andere Plage mit, nämlich die Zwangsde-portation
der männlichen Bevölkerung vom vollendeten siebzehnten
bis zum vollendeten fünfzigsten Lebensjahre in die
damalige Sowjetunion. Der Zweck dieser Verschleppung
wird im Buch als Internierung bezeichnet, die von
den Sowjets bevorzugte verschleiernde Form einer sklavischen
Zwangsarbeit, zu der Zehntausende ziviler Oberschlesier
gezwungen wurden und von der die meisten von ihnen
nie mehr zurückgekehrt sind.
Das Ergreifende,
aber auch Herzerhebende dieses Buches beruht auf dem
ungewöhnlichen Umstand, dass Paul Habraschka und dreien seiner verschleppten
Landsleute trotz ihres fast an die Fünfzig
heranreichenden Alters der Fluchtversuch aus dem in
der fernen Ostukraine gelegenen Kohlenrevier gelungen
war. Die Beschreibung der menschenunwürdigen Zwangsarbeit und die ein Jahr lang dauernde Flucht über
2000 Kilometer Entfernung nach Oberschlesien
bildet den ungemein fesselnden Hauptteil des überzeugenden
Berichts, in dem es an dramatischen Höhepunkten und
überraschenden Schicksalswenden nicht mangelt. Hier
könnte sich ein moderner Filmregisseur sensationelle
Anregungen holen, ohne sich auf die bis zum Überdruss
strapazierten Gegenwartsthemen vergammelter Abartiger
zum zigsten Male einlassen zu müssen. Denn alles,
was Habraschka schildert, ist erlebt, lebensecht
und wirklichkeitsbezogen, auch wenn die Schilderung
keinen Kabinettsästhetiker, sondern einen schlichten
und geraden Kumpeldichter verrät. Dazu vielleicht
mehrere Beispiele aus dem an Einsichten reichen Buch.
Eine dieser
bitteren Erkenntnisse erfährt Habraschka schon beim
Sammelplatz der Zwangsinternierten
auf der Karsten-Zentrum-Grube in Beuthen, wohin
die Männer wie die Kälber zur Schlachtbank
strömten. Aus Angst vor dem gefürchteten Genickschuss,
der auf dem amtlichen "Befehl Nummer 2"
angedroht wurde, wagten es viele Oberschlesier nicht,
der Zwangsdeportation durch Flucht zu entgehen,
denn "bei den Befreiern war ein Menschenleben
einen Dreck wert" (S. 13 ). Ein Beispiel dafür
bildete die kurz nach dem Einmarsch der Rotarmisten
in Miechowitz vorgenommene Massenexekution von etwa
470 Männern durch standrechtliches Erschießen. Sie
diente als abschreckende Strafe für den Tod eines
hinterhältig erschossenen russischen Majors. Damit
aber hatten sich die Befreier selbst auf eine Stufe
mit den Kriegsverbrechern von Lidice und Oradour gestellt,
wo ebenfalls das Prinzip der kollektiven Schuld an
unschuldiger Zivilbevölkerung angewandt worden war.
Eine andere
bittere Einsicht ergab sich aus der zwielichtigen
Rolle verschiedener Opportunisten und kommunistischer
Kollaboranten. Nach Habraschka habe sich der Beuthener
Altkommunist Peter Kroll als "Handlanger der
roten Soldateska" erwiesen und seiner Tochter
aufgetragen, die "Befreier mit Blumen zu begrüßen",
wofür sie sofort mit der nicht gerade schmeichelhaften
"Beförderung" zur Russendirne belohnt worden
sei (S. 6). Noch hirnspinstiger verbohrt erwiesen
sich die Brüder Minkus, die sich freiwillig zur Deportation
nach Ruβland meldeten, um die Vorzüge des "Arbeiterparadieses"
endlich auch selbst kennenzulernen. Erst als sie die
primitiven Wohn- und Arbeitsverhältnisse im Lager
der Zwangsdeportierten und die brutale Ausbeutung
der Arbeitskraft am eigenen Leibe erfuhren,waren sie
endgültig von ihrer ideologischen Verblendung geheilt.
Das bewahrte sie aber nicht vor ihrem bald eintretenden
Tod, der Folge schlechter Ernährung und straflässiger
ärztlicher Betreuung. Beide hätten "noch im Sterben
den Kommunismus verflucht" (S. 158).
Habraschka schildert auch immer
wieder die technologische Zurückgebliebenheit und
Primitivität während der Zwangsarbeit selbst. Oft
wurden Hunderte von Deportierten viele Wochen lang
mit einfachen Erdarbeiten beauftragt, die eine besser
ausgerüstete Viermannbrigade in einer Woche hätte
leisten können. Währenddessen blieben aus Deutschland
erbeutete Maschinen und Werkzeuge monatelang ungenutzt
im Magazin liegen. Dennoch brachten es die vier oberschlesischen
Pierons fertig, durch praktische Vorschläge und tüchtige
Arbeit die Anerkennung vieler sachkundiger Russen
zu erwerben und damit auch Zusatzrationen und kleine
Vorzüge für die Kumpels zu erlangen. Wahrscheinlich
liegt auch in dieser Tüchtigkeit der Grund, dass
den vier Oberschlesiern letztendlich die Flucht gelungen
war, weil sie überall- sei es bei Grubenarbeiten,
bei der Ernte oder bei Hausrenovierungen - ihre
Aufgaben immer hundertprozentig erfüllten und dabei
die Sympathie und sogar mitunter stille Mithilfe zur
Flucht russischer Menschen erlangten. Diese oberschlesische
Arbeitsmoral, eine im maroden Wirtschaftssystem der
Sowjets geschätzte, aber
auch seltene Tugend, führte schließlich zu ihrer Rettung
vor dem Tod in fremder Erde. Denn das ist bezeichnend für Habraschka: einerseits kritisiert er das kommunistische
System als "schlimmste Geißel für die arbeitende
Menschheit" (S. 80), als System "einzigen
Betrugs und voller leerer Versprechungen" (S.150),
in welchem das Prinzip "verwehter Spuren"
angewandt wurde, um keine Gräber von deportierten
Menschen zu hinterlassen
und dadurch vielleicht der künftigen Rechenschaft
zu entgehen (S. 179). Aber gleichzeitig bringt er
eines Menge von Episoden, in denen die sowjetischen
Menschen selbst als arme Opfer eine unmenschlichen
Systems gesehen und mit großer Sympathie beschrieben
werden. Ergreifend wird z. B. die Freundschaft mit
dem Popen Timofe oder die widerspruchsvolle Beziehung
zum Lagervize Oskar, zum ukrainischen Kolchosleiter
Beredenko oder zum Ingenieur Kurzakow beschrieben.
Ohne deren Mithilfe wäre die Flucht nie gelungen.
Besondere Erwähnung verdient der russische Lagerarzt,
der den diphteriekranken Habraschka mit Spritzen
behandelt, die er in der Nacht auf eigene Kosten
aus einer entlegenen Apotheke herbeigeholt hatte,
um den schwerkranken Zwangsarbeiter zu retten. Diese
und andere Beispiele beweisen, dass der Schriftsteller
nicht den Hass predigt, sondern um menschliche Kontakte
und Verständigung mit den Menschen Osteuropas bemüht
ist.
Dazu passt
auch Habraschkas Kritik am NS-System, das ja all die
beschriebenen Verbrechen heraufbeschworen hat. So
war ja die Verpflichtung zur Zwangsarbeit in der
Sowjetunion im Jahre 1945 nur eine Folge der massenweisen
Deportation von Zwangsarbeitern aus Osteuropa in
den Kriegsjahren nach Deutschland und auch deren Los
war ja alles andere als beneidenswert gewesen. Habraschka
vergleicht nicht und drückt sich bei der Beurteilung
der dargestellten Geschehnisse recht zurückhaltend
aus, indem er sagt: "Was am politischen Schachbrett
ausgeknobelt wird, müssen wir, die einfachen Menschen
von der Straße, ausbaden." (S. 45). Auch ein
wenig selbstkritisch äußert sich der oberschlesische
Bergmannsdichter, wenn er sagt: "Ich habe mich
nicht um Politik gekümmert, denn mein Hobby hat mich
ganz in der Hand gehabt. Und erst nach dem Einmarsch
kam ich ins Grübeln und suche auch nach der Ursache"
(S. 76). Da war es freilich viel zu spät dazu. Deshalb
meine ich, sollten wir auch heute noch den politischen
"Schachspielern" auf die Finger sehen,
um neue Katastrophen zu vermeiden.
Die literarische
Kritik hat das Schaffen Paul Habraschkas, wenn überhaupt,
so mit viel Sympathie, aber auch mit unterschiedlicher
Anerkennung begleitet. So hat z. B. Walter Stanek
nur Lobeshymnen auf Habraschkas Schaffen angestimmt.
Hervorgehoben wird vor allem die Schilderung des
Arbeitermilieus in seinen Werken: "Die Atmosphäre
des oberschlesischen Kohlenreviers war seine Welt
vom ersten Tage seines Lebens ab, rauchende Halden,
die gefährlichen Spielplätze seiner Jugend, Fördertürme
die tägliche Silhouette seiner oberschlesischen Heimat,
das Stampfen, Surren und Poltern der Werkmaschinen
sein ständiges Wiegenlied."
Besonderes Lob spendet Stanek dem "Lied der Teufe",
welches Habraschka schon nach seiner im Jahre 1958
erfolgten Ausreise in die Bundesrepublik Deutschland
verfasst hat. Diese als Kantate für gemischten Chor,
Solisten, Streicher und Bläser von Georg A. Magiera
in Salzgitter 1964 uraufgeführte Dichtung bezeichnet
er als "Lebensweg eines oberschlesischen Bergmannes."
Staneks Gesamturteil über Habraschkas Schaffen prägt
ebenfalls den uneingeschränkten Lobpreis: "Seine
Bücher aber werden die Menschen trösten und erbauen
und den Kumpel im oberschlesischen Kohlenpott unsterblich
machen."
Einen ähnlichen Ton schlägt auch Alois M. Kosler an,
indem er die realistische Echtheit von Habraschkas
literarischen Schilderungen hervorhebt: "Er
versuchte den oberschlesischen Bergarbeiter darzustellen
ohne Übertreibung, ohne Verzerrung, ohne Künstelei."
Dementsprechend fiel auch sein Gesamturteil über
den Dichter einstimmig positiv aus: "Paul Habraschka
bleibt auch in Zukunft mit der Geistesgeschichte Oberschlesiens
verbunden. Er wird auch in der Arbeiterdichtung unseres
Volkes einen ehrenvollen Platz behalten."
Aber gerade
letzteres wird mitunter beanstandet. So schrieb im
Jahre 1961 sein Biograph Wolfgang Martin die relativierenden
Worte: "Aber gemessen am Rang der Namen Heinrich
Lersch und Max Barthel, gemessen auch an Namen wie
Gerrit Engelke, Otto Wohlgemuth, Karl Bröger..., gemessen
an diesen Namen also ist der Name Paul Habraschka
doch der eines Unbekannten."
Vielleicht
also sollte es an uns liegen, in der heutigen Zeit
der risikoreichen Umstrukturierung Oberschlesiens,
das historisch werdende Bild seiner Bergleute nicht
zu vergessen und für die Gegenwart dieser geschundenen
Region nutzbar zu machen.