Orbis Linguarum

Orbis Linguarum


Orbis
Aktuell
Diskussion
Suche
Archiv
Register
Redaktion

Bestellung

Impressum

Download dieses Dokuments als pdf-Datei
Diskutieren Sie mit Kollegen über diesen Artikel im Forum.
Orbis Linguarum Vol. 25/2004

Eugeniusz Klin

Zielona Góra

Paul Habraschka (1897-1969) - ein Vertreter der oberschlesischen Arbeiterliteratur

Literarische Moden können unerbittlich sein. Sie lassen sympathische Arbeiter­dich­ter der Vergessenheit anheimfallen, obwohl sie auch der Gegenwart so man­ches Nützliche und Besinnliche zu sagen hätten. Aber spätestens seit der Ver­urteilung des sog. Bitterfelder Weges mit seiner Losung "Greif zur Feder, Kumpel" wird manchmal eine Geringschätzung der Arbeiterliteratur an den Tag gelegt, die oft ungerecht und hochmütig erscheinen muss. Dabei verdienen es viele Vertreter der schreibenden Arbeitswelt, der Vergessenheit entrissen zu werden.

Zu diesen gehört, wie ich meine, der Bergmannsdichter Paul Habraschka. Ge­boren am 16. November 1897 in Roßberg bei Beuthen, einem Bergmannsdorf, das später eingemeindet wurde und dessen Bevölkerung durch die starken propol­ni­schen Sympathien bekannt war. Als ältestes Kind einer Arbeiterfamilie, dem bald nach seiner Geburt noch acht Geschwister folgten, blieb ihm keine Wahl als den Bergmannsberuf zu ergreifen, um seine Familie mitzuernähren. Deshalb musste er bereits als Vierzehnjähriger, am zweiten Mai 1912, als Bergmannslehrling seinen ersten Schichttag auf der Beuthener Karsten-Zentrum-Grube antreten. Diesem Berg­­mannsberuf blieb er fast sein ganzes Leben lang treu, und zwar bis zum 30. Ju­ni 1957. Dazwischen freilich lag seine Einberufung zum Militär. Den Ersten Welt­krieg musste der damals erst Siebzehnjährige von Anfang an mitmachen, selbst nach seiner schweren Verwundung in Frankreich im Jahre 1916. Nach seiner Rück­kehr nach Oberschlesien arbeitete er wieder als Bergmann. Da traf ihn im Jahre 1924 ein schweres Grubenunglück. Sein Biograph Wolfgang Martin schreibt da­rüber wie folgt: "Da wurde Paul Habraschka von einem Gebirgsschlag verschüttet. Zwischen zwei riesigen Kohlenblöcken, die ihm gerade noch Luft zum Atmen liessen, musste er bange Stunden warten, bis er gerettet wurde. Das war wie in einem schwarzen Gefängnis. Nach acht Stunden waren die Rettungsmannschaften bei ihm. Er war mit Verletzungen davongekommen."[1]

Nach dieser wunderbaren Rettung begann der Bergmann Habraschka an seinen glücklichen Stern zu glauben. Es war ihm der erleuchtende Gedanke gekommen, seine und die Erlebnisse seiner Kumpels aufzuschreiben und für die Nachwelt zu bewahren. So entstanden zunächst Erzählungen aus dem Bergmannsleben. 1930 er­schien dann sein erster Gedichtband "In der Tiefe", 1932 "Des Bergmanns Feier­schicht", es folgte 1935 "Nach der Schicht", bald darauf sein erster Roman "Klein­kohle", später noch sein populärer Kriminalroman "Der Grenzmarder".

Daneben veröffentlichte Habraschka in der lokalen "Ostdeutschen Morgen­post" unter anderen auch Lausbubengeschichten für Kinder und Jugendliche, die dann erst posthum in Buchform als überarbeiteter Sammelband erscheinen konnten.[2] Über­raschend zu lesen, wie einst der Übermut einer glücklichen und sorglosen Ju­gend nach der Schulzeit Streiche ausheckte, die den Lehrern wie den Eltern viel zu schaffen machte. In diese heitere Richtung reiht sich auch Habraschkas Sammlung von Humoresken ein "Der Kumpel lacht", eine Serie von lustigen Teufelssagen im Bergmannsmilieu.[3]

Habraschkas Hauptwerk jedoch "Meinen Tod will ich selber sterben" konnte keinen seiner Leser zum Lachen bringen.[4] Der Schriftsteller berichtet hier nämlich von einer besonders folgenreichen Heimsuchung der Oberschlesier nach dem Ein­marsch der Roten Armee im Januar 1945. Neben den bekannten Plünderungen der Geschäfte und Wohnungen, neben den massenhaften Vergewaltigungen von Frau­en und Mädchen, neben Beraubungen und Erschiessungen der Zivilbevölkerung brachten die sog. "Befreier" noch eine andere Plage mit, nämlich die Zwangsde-por­tation der männlichen Bevölkerung vom vollendeten siebzehnten bis zum voll­endeten fünfzigsten Lebensjahre in die damalige Sowjetunion. Der Zweck dieser Verschleppung wird im Buch als Internierung bezeichnet, die von den Sowjets bevorzugte verschleiernde Form einer sklavischen Zwangsarbeit, zu der Zehn­tau­sende ziviler Oberschlesier gezwungen wurden und von der die meisten von ihnen nie mehr zurückgekehrt sind.

Das Ergreifende, aber auch Herzerhebende dieses Buches beruht auf dem unge­wöhn­lichen Umstand, dass Paul Habraschka und dreien seiner verschleppten Lands­leute trotz ihres fast an die Fünfzig heranreichenden Alters der Fluchtversuch aus dem in der fernen Ostukraine gelegenen Kohlenrevier gelungen war. Die Beschrei­bung der menschenunwürdigen Zwangsarbeit und die ein Jahr lang dauernde Flucht über 2000 Kilometer Entfernung nach Oberschlesien bildet den ungemein fesseln­den Hauptteil des überzeugenden Berichts, in dem es an dramatischen Höhepunk­ten und überraschenden Schicksalswenden nicht mangelt. Hier könnte sich ein moderner Filmregisseur sensationelle Anregungen holen, ohne sich auf die bis zum Überdruss strapazierten Gegenwartsthemen vergammelter Abartiger zum zigsten Male einlassen zu müssen. Denn alles, was Habraschka schildert, ist erlebt, lebens­echt und wirklichkeitsbezogen, auch wenn die Schilderung keinen Kabinetts­ästhe­tiker, sondern einen schlichten und geraden Kumpeldichter verrät. Dazu vielleicht mehrere Beispiele aus dem an Einsichten reichen Buch.

Eine dieser bitteren Erkenntnisse erfährt Habraschka schon beim Sammelplatz der Zwangsinternierten auf der Karsten-Zentrum-Grube in Beuthen, wohin die Män­ner wie die Kälber zur Schlachtbank strömten. Aus Angst vor dem gefürchteten Ge­nickschuss, der auf dem amtlichen "Befehl Nummer 2" angedroht wurde, wagten es viele Oberschlesier nicht, der Zwangsdeportation durch Flucht zu entgehen, denn "bei den Befreiern war ein Menschenleben einen Dreck wert" (S. 13 ). Ein Beispiel dafür bildete die kurz nach dem Einmarsch der Rotarmisten in Miechowitz vorge­nommene Massenexekution von etwa 470 Männern durch standrechtliches Erschie­ßen. Sie diente als abschreckende Strafe für den Tod eines hinterhältig erschosse­nen russischen Majors. Damit aber hatten sich die Befreier selbst auf eine Stufe mit den Kriegsverbrechern von Lidice und Oradour gestellt, wo ebenfalls das Prinzip der kollektiven Schuld an unschuldiger Zivilbevölkerung angewandt worden war.

Eine andere bittere Einsicht ergab sich aus der zwielichtigen Rolle verschiede­ner Opportunisten und kommunistischer Kollaboranten. Nach Habraschka habe sich der Beuthener Altkommunist Peter Kroll als "Handlanger der roten Soldates­ka" erwiesen und seiner Tochter aufgetragen, die "Befreier mit Blumen zu begrü­ßen", wofür sie sofort mit der nicht gerade schmeichelhaften "Beförderung" zur Russendirne belohnt worden sei (S. 6). Noch hirnspinstiger verbohrt erwiesen sich die Brüder Minkus, die sich freiwillig zur Deportation nach Ruβland meldeten, um die Vorzüge des "Arbeiterparadieses" endlich auch selbst kennenzulernen. Erst als sie die primitiven Wohn- und Arbeitsverhältnisse im Lager der Zwangsdeportierten und die brutale Ausbeutung der Arbeitskraft am eigenen Leibe erfuhren,waren sie endgültig von ihrer ideologischen Verblendung geheilt. Das bewahrte sie aber nicht vor ihrem bald eintretenden Tod, der Folge schlechter Ernährung und straflässiger ärztlicher Betreuung. Beide hätten "noch im Sterben den Kommunismus verflucht" (S. 158).

Habraschka schildert auch immer wieder die technologische Zurückgeblie­ben­heit und Primitivität während der Zwangsarbeit selbst. Oft wurden Hunderte von Deportierten viele Wochen lang mit einfachen Erdarbeiten beauftragt, die eine besser ausgerüstete Viermannbrigade in einer Woche hätte leisten können. Wäh­renddessen blieben aus Deutschland erbeutete Maschinen und Werkzeuge mona­te­lang ungenutzt im Magazin liegen. Dennoch brachten es die vier oberschlesischen Pierons fertig, durch praktische Vorschläge und tüchtige Arbeit die Anerkennung vieler sachkundiger Russen zu erwerben und damit auch Zusatzrationen und kleine Vorzüge für die Kumpels zu erlangen. Wahrscheinlich liegt auch in dieser Tüch­tig­keit der Grund, dass den vier Oberschlesiern letztendlich die Flucht gelungen war, weil sie überall- sei es bei Grubenarbeiten, bei der Ernte oder bei Hausrenovie­run­gen - ihre Aufgaben immer hundertprozentig erfüllten und dabei die Sympathie und sogar mitunter stille Mithilfe zur Flucht russischer Menschen erlangten. Diese oberschlesische Arbeitsmoral, eine im maroden Wirtschaftssystem der Sowjets ge­schätzte, aber auch seltene Tugend, führte schließlich zu ihrer Rettung vor dem Tod in fremder Erde. Denn das ist bezeichnend für Habraschka: einerseits kritisiert er das kommunistische System als "schlimmste Geißel für die arbeitende Menschheit" (S. 80), als System "einzigen Betrugs und voller leerer Versprechungen" (S.150), in welchem das Prinzip "verwehter Spuren" angewandt wurde, um keine Gräber von deportierten Menschen zu hinterlassen und dadurch vielleicht der künftigen Re­­chenschaft zu entgehen (S. 179). Aber gleichzeitig bringt er eines Menge von Epi­soden, in denen die sowjetischen Menschen selbst als arme Opfer eine unmensch­lichen Systems gesehen und mit großer Sympathie beschrieben werden. Ergreifend wird z. B. die Freundschaft mit dem Popen Timofe oder die widerspruchsvolle Be­ziehung zum Lagervize Oskar, zum ukrainischen Kolchosleiter Beredenko oder zum Ingenieur Kurzakow beschrieben. Ohne deren Mithilfe wäre die Flucht nie gelungen. Besondere Erwähnung verdient der russische Lagerarzt, der den diph­te­riekranken Habraschka mit Spritzen behandelt, die er in der Nacht auf eigene Kos­ten aus einer entlegenen Apotheke herbeigeholt hatte, um den schwerkranken Zwangsarbeiter zu retten. Diese und andere Beispiele beweisen, dass der Schrift­steller nicht den Hass predigt, sondern um menschliche Kontakte und Verständi­gung mit den Menschen Osteuropas bemüht ist.

Dazu passt auch Habraschkas Kritik am NS-System, das ja all die beschriebe­nen Verbrechen heraufbeschworen hat. So war ja die Verpflichtung zur Zwangs­ar­beit in der Sowjetunion im Jahre 1945 nur eine Folge der massenweisen Deporta­tion von Zwangsarbeitern aus Osteuropa in den Kriegsjahren nach Deutschland und auch deren Los war ja alles andere als beneidenswert gewesen. Habraschka ver­gleicht nicht und drückt sich bei der Beurteilung der dargestellten Geschehnisse recht zurückhaltend aus, indem er sagt: "Was am politischen Schachbrett ausge­knobelt wird, müssen wir, die einfachen Menschen von der Straße, ausbaden." (S. 45). Auch ein wenig selbstkritisch äußert sich der oberschlesische Bergmanns­dich­ter, wenn er sagt: "Ich habe mich nicht um Politik gekümmert, denn mein Hobby hat mich ganz in der Hand gehabt. Und erst nach dem Einmarsch kam ich ins Grü­beln und suche auch nach der Ursache" (S. 76). Da war es freilich viel zu spät da­zu. Deshalb meine ich, sollten wir auch heute noch den politischen "Schachspie­lern" auf die Finger sehen, um neue Katastrophen zu vermeiden.

Die literarische Kritik hat das Schaffen Paul Habraschkas, wenn überhaupt, so mit viel Sympathie, aber auch mit unterschiedlicher Anerkennung begleitet. So hat z. B. Walter Stanek nur Lobeshymnen auf Habraschkas Schaffen angestimmt. Her­vorgehoben wird vor allem die Schilderung des Arbeitermilieus in seinen Werken: "Die Atmosphäre des oberschlesischen Kohlenreviers war seine Welt vom ersten Tage seines Lebens ab, rauchende Halden, die gefährlichen Spielplätze seiner Ju­gend, Fördertürme die tägliche Silhouette seiner oberschlesischen Heimat, das Stampfen, Surren und Poltern der Werkmaschinen sein ständiges Wiegenlied."[5] Besonderes Lob spendet Stanek dem "Lied der Teufe", welches Habraschka schon nach seiner im Jahre 1958 erfolgten Ausreise in die Bundesrepublik Deutschland verfasst hat. Diese als Kantate für gemischten Chor, Solisten, Streicher und Bläser von Georg A. Magiera in Salzgitter 1964 uraufgeführte Dichtung bezeichnet er als "Lebensweg eines oberschlesischen Bergmannes."[6] Staneks Gesamturteil über Habraschkas Schaffen prägt ebenfalls den uneingeschränkten Lobpreis: "Seine Bücher aber werden die Menschen trösten und erbauen und den Kumpel im ober­schlesischen Kohlenpott unsterblich machen."[7] Einen ähnlichen Ton schlägt auch Alois M. Kosler an, indem er die realistische Echtheit von Habraschkas literari­schen Schilderungen hervorhebt: "Er versuchte den oberschlesischen Bergarbeiter darzustellen ohne Übertreibung, ohne Verzerrung, ohne Künstelei."[8] Dement­spre­chend fiel auch sein Gesamturteil über den Dichter einstimmig positiv aus: "Paul Habraschka bleibt auch in Zukunft mit der Geistesgeschichte Oberschlesiens ver­bunden. Er wird auch in der Arbeiterdichtung unseres Volkes einen ehrenvollen Platz behalten."[9]

Aber gerade letzteres wird mitunter beanstandet. So schrieb im Jahre 1961 sein Biograph Wolfgang Martin die relativierenden Worte: "Aber gemessen am Rang der Namen Heinrich Lersch und Max Barthel, gemessen auch an Namen wie Gerrit Engelke, Otto Wohlgemuth, Karl Bröger..., gemessen an diesen Namen also ist der Name Paul Habraschka doch der eines Unbekannten."[10]

Vielleicht also sollte es an uns liegen, in der heutigen Zeit der risikoreichen Um­strukturierung Oberschlesiens, das historisch werdende Bild seiner Bergleute nicht zu vergessen und für die Gegenwart dieser geschundenen Region nutzbar zu machen.[11]



[1] Wolfgang Martin: Der Kumpel aus Oberschlesien. Paul Habraschka, Bergmann und Schrift­steller. Vierter Teil der Artikelfolge über Arbeiterdichtung in Deutschland, in: Unsere Hüt­te. Braunschweig, Jg. 11., 1961, 8, S. 297

[2] Paul Habraschka: Oberschlesische Buxliks. Aus einer goldenen Jugendzeit im ober­schle­sischen Industriegebiet. Oberschlesischer Heimatverlag, Augsburg 1979

[3] 4. Auflage, Wien 1966

[4] Paul Habraschka: Meinen Tod will ich selber sterben. Erlebnisse als Internierter der Sow­jetunion. Wolfenbüttel 1966

[5] Walter Stanek: Das Schaffen Paul Habraschkas. Der Dichter wurde zum Künder der Welt des oberschlesischen Bergmannes, in: Unser Oberschlesien 16. Jg., Nr. 22, 17.11.1966, S. 3

[6] Daselbst

[7] Daselbst, S. 4

[8] Dr. Alois M. Kosler: Paul Habraschka gestorben, in: Der Schlesier, Jg. 40, Bd. 40, 2.10.1969, S. 6

[9] Daselbst

[10] Wolfgang Martin, op. cit., S. 296

[11] Zumal in der Zeit der drohenden Schließung der Beuthener "Zentrum Grube" und der "Roß­berger Grube", deren Erfahrungen Habraschka in seinen Büchern festgehalten hat.

 
 
CopyrightIFG
Aktualisierung dieser Seite: