Fee-Alexandra
Haase
Catholic University Taegu-Hyosung / South Korea
Nietzsche und die Pseudonymität
der Geschichte
Kritik
der Rhetorik und Philosophie in der Epoche des Historismus
Betrachtet
wird die Metaphorik von Oberfläche und Maske vor dem
Hintergrund von Nietzsches Studien zur Rhetorik und
den literarischen Formen der Personifizierungen,
die in seinem Werk vertreten sind. Die Forschung zu
Nietzsches Werk hat sich insbesondere im Bereich der
Rhetorik mit der Theorie der Metaphorik in Nietzsches
Rhetorik-Vorlesungen beschäftigt.
Die poetische Rezeption rhetorischer Formen findet
sich in Nietzsches Gesamtwerk mit nahezu programmatischer
Funktion. Wissenschaftshistorisch wurde sie als Abweichung
von den Philologen in zeitgenössischen an der Methodik
des Historismus orientierten Philologen betrachtet.
Nietzsches Gelehrsamkeit zeigt seine Verpflichtung
zu einer Wiedererfindung von rhetorischen Kenntnissen
und Fähigkeiten. In seinem Aufsatz Vom Nutzen und
Nachteil der Historie für das Leben kommentiert
Nietzsche die Gelehrsamkeit des 19. Jahrhunderts,
insbesondere die Historiographie. Nietzsche kritisiert
hier Empirismus und universale Weltbetrachtung. Nietzsches
Kommentar war für die pejorative Bedeutung des Begriffes
‚Historismus’ für diese Epoche prägend. Nietzsche
verlangt eine ‚kritische’ Geschichte.
In seinen
Vorträgen über die Rhetorik, die Nietzsche an der
Universität Basel in den Jahren 1872 und 1873 gegeben
hat, unternimmt der Altphilologe den Versuch, klassische
Rhetorik wiederzubeleben. In der Abwendung von seiner
Gelehrtenkarriere drückte sich nicht nur ein persönliches
Schicksal aus, sondern auch das unaufhaltsame Scheitern
eines ganzen Bildungs- und Kulturprogramms. Seit Friedrich
Schiller und Wilhelm von Humboldt hatte das Studium
der Antike, vor allem Griechenlands, als Vorschule
der Humanität gegolten. Nietzsche zeigte, dass es
sich hier weniger um eine humanistische Leistung als
vielmehr um die Ausbildung wissenschaftlichen Nachwuchses
handelte. Nietzsche war nicht der erste, der die Grenzen
des Bildungsideals des Humboldtschen Programms kritisierte.
Humanistische Ziele verfolgte Nietzsche nach dem
Ausscheiden aus dem akademischen Lehrtrieb der Fachphilologie
in seinen literarischen Werken, die sich durch eine
für philosophische Schriften bislang unbekannte
literarische poetische Form auszeichneten.
Die Maske
scheint ein lebendes Gesicht zu sein, das dennoch
auf seinen Träger wartet, wenn er sich denn porträtieren
lassen will. Die Maske repräsentiert eine Person im
antiken Doppelsinn des Begriffs. Trotz seiner Unterscheidung
zwischen dem Erfinder der Maske und dem, der sie trägt, argumentiert
Nietzsche seit Menschliches, Allzumenschliches
qua Sprache und als Stilanalytiker. Vergleichbare
Ideale des Menschen finden sich in der antiken Rhetorik
im orator perfectus Ciceros. Nietzsche spricht ausdrücklich davon, dass von der Auflösung
aller Werte auch das Ich betroffen
ist. Auch gegen das Ich muss sich die Ironie des Übermenschen
richten.
In einer
postum veröffentlichten Schrift verbindet Nietzsche
das Blühen der klassischen Rhetorik mit einer pädagogischen
Tradition zur polytheistischen Theologie. Eine weitere
wichtige Etappe in der Geschichte der Reflexion über
Metaphern und das Metaphorische bildet das sprachkritische
Denken Friedrich Nietzsches. Einerseits sind Nietzsches
Reflexionen zum Thema "Metapher" vor dem
Hintergrund jener philosophischen Metaphernkritik
zu sehen, die seit dem Mittelalter im Zeichen der
Diagnose von der "Uneigentlichkeit" der
Metapher betrieben worden war. Gilt die metaphorische
Rede als unwissenschaftlich und rational unbegründet.
Das Erkennen ist in seinen Arbeiten eine der beliebtesten
Metaphern. (Nietzsche: Werke. Musarion-Ausgabe Band
6, 57) Andererseits hebt gerade Nietzsche die ursprüngliche
Metaphorizität aller Sprachbildung sowie die transzendentale
Potenz der als ursprünglich metaphorisch verstandenen
Sprache hervor. Friedrich Nietzsche nutzt in Also
sprach Zarathustra - Ein Buch für Alle und
Keinen über den Übermenschen in dem Kapitel Auf
den glückseligen Inseln den Ausdruck Bild: "Und
was ihr Welt nanntet, das soll erst von euch geschaffen
werden: eure Vernunft, euer Bild, euer Wille, eure
Liebe soll es selber werden! Und wahrlich, zu eurer
Seligkeit, ihr Erkennenden!"
Nietzsche definiert hingegen die Begriffe als Bildzeichen
in Jenseits von Gut und Böse: "268. Was
ist zuletzt die Gemeinheit? - Worte sind Tonzeichen
für Begriffe; Begriffe aber sind mehr oder weniger
bestimmte Bildzeichen für oft wiederkehrende und zusammen
kommende Empfindungen, für Empfindungs-Gruppen. Es
genügt noch nicht, um sich einander zu verstehen,
dass man die selben Worte gebraucht: man muss die
selben Worte auch für die selbe Gattung innerer Erlebnisse
gebrauchen, man muss zuletzt seine Erfahrung mit einander
gemein haben."
Nietzsche
erläutert im Paragraphen 328 des vierten Buches der
Morgenröthe idealistische Theorien: "328.
Worauf idealistische Theorien rathen lassen. - Man
trifft die idealistischen Theorien am sichersten bei
den unbedenklichen Praktikern; denn sie brauchen deren
Lichtglanz für ihren Ruf. Sie greifen darnach mit
ihren Instincten und haben gar kein Gefühl von Heuchelei
dabei: so wenig ein Engländer mit seiner Christlichkeit
und Sonntagsheiligung sich als Heuchler fühlt. Umgekehrt:
den beschaulichen Naturen, welche sich gegen alles
Phantasiren in Zucht zu halten haben und auch den
Ruf der Schwärmerei scheuen, genügen allein die harten
realistischen Theorien: nach ihnen greifen sie mit
der gleichen instinctiven Nöthigung, und ohne ihre
Ehrlichkeit dabei zu verlieren."
Nietzsche
macht im Paragraphen 328 einen Vergleich mit einem
fiktiven Auge für die Selbstbetrachtung des Menschens
und seine Empfindung als Mittelpunkt der Welt: "352.
Centrum. - Jenes Gefühl: "ich bin der Mittelpunct
der Welt!” tritt sehr stark auf, wenn man plötzlich
von der Schande überfallen wird; man steht dann da
wie betäubt inmitten einer Brandung und fühlt sich
geblendet wie von Einem grossen Auge, das von allen
Seiten auf uns und durch uns blickt."
Die Vision als Bild vermittelt Dionysus in Friedrich
Nietzsches Werk Die Geburt der Tragödie. Als weibliches
Pendant zur Visionsgestalt Admet wird das Frauenbild
Alcestis erwähnt: "Dionysus, der eigentliche
Bühnenheld und Mittelpunkt der Vision, ist gemäss
dieser Erkenntniss und gemäss der Ueberlieferung,
zuerst, in der allerältesten Periode der Tragödie,
nicht wahrhaft vorhanden, sondern wird nur als vorhanden
vorgestellt: d. h. ursprünglich ist die Tragödie nur
"Chor” und nicht "Drama”. Später
wird nun der Versuch gemacht, den Gott als einen realen
zu zeigen und die Visionsgestalt sammt der verklärenden
Umrahmung als jedem Auge sichtbar darzustellen; damit
beginnt das "Drama” im engeren Sinne. Jetzt bekommt
der dithyrambische Chor die Aufgabe, die Stimmung
der Zuhörer bis zu dem Grade dionysisch anzuregen,
dass sie, wenn der tragische Held auf der Bühne erscheint,
nicht etwa den unförmlich maskirten Menschen sehen,
sondern eine gleichsam aus ihrer eignen Verzückung
geborene Visionsgestalt. Denken wir uns Admet mit
tiefem Sinnen seiner jüngst abgeschiedenen Gattin
Alcestis gedenkend und ganz im geistigen Anschauen
derselben sich verzehrend - wie ihm nun plötzlich
ein ähnlich gestaltetes, ähnlich schreitendes Frauenbild
in Verhüllung entgegengeführt wird."
Diese
Abhandlung gliedert sich inhaltlich in drei Schwerpunkte.
Mittels eines Vergleichs mit der kulturgeschichtlichen
Bedeutung der Maske soll Nietzsches neue Wertung des
Masken-Begriffs veranschaulicht werden. Die werkimmanente
Gegenüberstellung zweier zeitlich voneinander variierender
Werke Nietzsches soll darlegen, wie der Masken-Begriff
innerhalb des Werkes Nietzsches unterschiedlichen
Stellenwert erhält. Ausgehend von Nietzsches Masken-Begriff
werden im Rahmen der Metaphern-Diskussion verschiedene
Denkansätze mit Nietzsches eigener Metapherndefinition
konfrontiert.
Somit
berücksichtigt die Arbeit nur einige Aspekte, die
das Thema "Maske” bei Nietzsche zu bieten hat.
Dieser Vorgehensweise liegt die Überlegung zugrunde,
den Facettenreichtum Nietzsches auch anhand eines
minimalen Ausschnitts seines Werks - eben des "Masken-Begriffs”
- aufzugreifen: während der erste Teil der Arbeit
eine Grundlage bildet, um Nietzsches Masken-Begriff
kulturgeschichtlich einzuordnen, werden rhetorische
Aspekte im zweiten und dritten Teil der Arbeit behandelt.
Den Ausgangspunkt, um sich letzten Endes mit der metaphorischen
Dimension eines Begriffes auseinanderzusetzen, bildet
dessen konkrete Erscheinungsform, die Maske. Sie
definiert sich als Hohlgesichtsform, deren Träger
die Gestalt, die eine Maske repräsentiert, darstellt.
Als eines der frühesten Zeugnisse der menschlichen
Kultur findet sich die Maske zu allen Zeiten und in
allen Erdteilen. Ursprung der Maske ist der Kult.
So dient sie bei den Naturvölkern noch heute als Zauber-
und Beschwörungsmittel von Geistern. War die Maske
noch in der altsteinzeitlichen Kultur Darstellungsmittel
für Tierkulte, so finden wir bei den Griechen den
Übergang von der Tiermaske zur Personendarstellung.
Am Beispiel des Dionysos und seines Kultes wird deutlich,
wie Ekstase, das Herausgehen aus sich selbst, und
Maske als Mittel der Selbstauflösung miteinander verbunden
sind. Während jedoch die Selbstauflösung bei den dionysischen
Aufführungen durch die theatralische Maske lediglich
ein inszenierter Identitätswechsel, ein Rollenspiel,
ist, bringt die kultische Ekstase das Erlebnis einer
religiösen Erfüllung, einer Auflösung in Gott, mit
sich. In ihrer kulturgeschichtlichen Entwicklung findet
die Maske Eingang in den Totenkult (am ausgeprägtesten
in der ägyptischen und römischen Kultur) und
in den Volksbrauch (z. B. alemannische Fastnacht),
wo sie spielerisches Mittel ist, um naturhaftes
Geschehen nachzuspielen und sich in andere Gestalten
zu verwandeln. Auch in der bildenden Kunst ist die
Maske in vielen Epochen vertreten.
All diesen
konkreten Formen der Maske ist gemeinsam, dass sie
kulturell verankert sind. Als sozio-kulturelles Phänomen
ist die Maske als solche von der Umwelt gesellschaftlich
akzeptiert und erkennbar. Sie ist Ausdrucksmittel
des Zusammenhalts einer Wertegemeinschaft. In der
Psychologie ist der Begriff allgemeingebräuchlich
benutzt für die dem menschlichen Rollenverhalten eigene
Tendenz, durch einen willkürlich angenommenen Gesichtsausdruck
die tatsächlichen Neigungen und Einstellungen anderen
Menschen gegenüber zu verbergen. Hier soll das Maskenhafte
nicht von der Umwelt erkannt werden; die Maske ist
Mittel zur Verstellung. Von der psychologischen Maske
wird - im Gegensatz zur o.g. kulturell verankerten
Maske-individueller Gebrauch gemacht. Das heißt, das
Individuum entscheidet, wenn auch unbewußt, wann die
Maske eingesetzt wird und welche physiognomischen
Züge sie trägt. Der deutsche Psychologe Philipp Lersch
(1898 - 1972), der ausdrücklich darauf hinweist, dass
die Verwendung des Begriffes "Maske” auf seiner
Auseinandersetzung mit Nietzsches Werk beruht, hat
in der Ausdruckspsychologie die Maske zu einem psychologischen
terminus technicus innerhalb seines Systems gemacht.
Dem Denkansatz Lersch’ zufolge ist die Person aus
verschiedenen Schichten aufgebaut: Der endothyme Grund
der Person beinhaltet die Gesamtheit aller endothymen
Erlebnisse ("Stimmungen und Gefühle, Affekte
und Gemütsbewegungen, Triebe und Strebungen”). Diesen
seelischen Bewegungen ist gemeinsam, dass sie für
die Person "nicht überschaubar und kontrollierbar”
geschehen, da sie ihr Auftreten nicht beeinflussen
kann.
Dem endothymen
Grund ist der personelle Oberbau übergeordnet; er
setzt sich aus Denken und Wollen zusammen. Diese menschlichen
Fähigkeiten bewirken, dass das Ich als Ausgangspunkt
und "Initiator der seelischen Vollzüge” aktiv
handelt. An der Stelle, "wo beide Schichten
gegeneinander offen sind und integrativ zusammenwirken”,
entsteht eine dritte Schicht der Person, das personale
Selbst. Die Maske ist nun eine Form der Störung des
personalen Selbst: Wie dem Schema von Lersch zu entnehmen
ist, kann die Person sich auf verschiedene Arten gegenüber
ihrer Umwelt äußern. Im Idealfall, in dem endothyme
Erlebnisse unreflektiert und spontan ausgedrückt werden,
ist das Verhalten echt. Es wird nicht durch Denken
oder Wollen manipuliert und ist nicht zweckgerichtet.
Beim Phänomen der Maske wird das oben aufgezeigte
Verhalten imitiert: Gegenüber der Umwelt soll der
Anschein erweckt werden, dass ein echter Ausdruck
einer Empfindung vorliegt. De facto entstammt dieser
imitierte Ausdruck aber nicht dem endothymen Grund,
sondern aus dem geistigen Überbau. Dieser bedient
sich lediglich der Form des spontanen Ausdrucks. Lersch
unterscheidet zwei Maskentypen: Die unechte Maske
ist begleitet vom Wunsch der Person, wirklichen endothyme
Inhalte ausdrücken zu können, was sie
aber aufgrund ihrer psychischen Konstellation nicht
vermag. Bei der geheuchelten oder verstellten
Maske hat die Person kein Bedürfnis nach dem tiefen
Erleben der endothymen Erlebnisse. Sie will gegenüber
ihrer Umwelt nur den Anschein erwecken, diese Erlebnisse
zu realisieren und verfolgt einen anderen Zweck.
Ausgehend
von den oben angeführten Überlegungen kann man zwei
unterschiedliche Maskentypen kennzeichnen.
Diese sind die traditionelle Maske als kultureller
Ausdruck der Zusammengehörigkeit von Individuen einer
Wertegemeinschaft und die psychologische Maske, die
vom Individuum ohne Vereinbarung als Mittel der Verstellung
eingesetzt wird. Mit Lersch beschränkt sich die psychologische
Maske nicht mehr
auf die Physiognomie, sondern erfasst weite Bereiche
menschlichen Handelns. An dieser Stelle ist
es - nicht zuletzt wegen der zeitlichen Stellung Nietzsches
- sinnvoll, mit Nietzsches Umgang mit der Maske einzusetzen.
Die Begriffe Oberfläche und Maske treten
bei Nietzsche an verschiedenen Stellen seines Gesamtwerkes
auf, die z. T. zeitlich voneinander variieren. Die
Werke Die Geburt der Tragödie (1872), Menschliches,
Allzumenschliches (1878/79), Die Fröhliche
Wissenschaft (1882) und Jenseits von Gut und
Böse (1886) nehmen die Begriffe auf.
Um im
folgenden über die Verwendung der Begriffe Aussagen
machen zu können, werden einzelne Stellen miteinander
verglichen und im Kontext analysiert. Zwischen dem
Entstehen von Die Geburt der Tragödie und Jenseits
von Gut und Böse liegen vierzehn Jahre. Nach der
von Joachim Goth vorgeschlagenen chronologischen
Gliederung des Werkes Nietzsches fällt die Geburt
der Tragödie als Jugendschrift in die früheste,
Jenseits von Gut und Böse in die vorletzte
von insgesamt fünf Werkperioden Nietzsches. In drei
ausgewählten Textbeispielen der Geburt der Tragödie
benutzt Nietzsche die Maske als sprachliches Mittel,
um zu beschreiben, wie sich Dionysos in den tragischen
Figuren Prometheus und Ödipus manifestiert. Das Wort
"Maske” hat hier den Charakter einer rhetorischen
Syllepse. In ihm verbindet sich das eigentlich Gemeinte,
nämlich die Maske, durch die die tragische Figur im
Schauspiel repräsentiert wird, mit einem metaphorischen
Maskenbegriff, durch den Nietzsche das duale Prinzip
des Apollinisch - Dionysischen exemplarisch anschaulich
macht. So ist es auch zu erklären, dass Nietzsche
im Prometheus auf der einen Seite eine Maske des
Dionysos sieht, auf der anderen Seite aber auch im
Prometheus eine Verschmelzung des Dionysischen, Aufbegehrenden
und Unkontrollierbaren, mit dem Apollinischen personifiziert.
Auch den
Tragödienschreiber Euripides als Maske des Sokrates
zu beschreiben, ist Kennzeichen dafür, dass es sich
in diesen Textstellen bei der Verwendung des Masken-Begriffs
um kein "verbum proprium” handelt, sondern dieser
Ausdruck ein weitergeführtes Sprachspiel ist, das
sich im Kontext der antiken Tragödie zur Benutzung
anbietet. So spricht sich Paul de Man gegen einen
rein metaphorischen Sprachduktus bei Nietzsche aus,
wenn er für die Geburt der Tragödie festellt:
"In dem frühen Text ist das Gewicht, das auf
der symbolischen Natur der Sprache liegt, noch Teil
eines binären Systems, das metaphorische und wörtliche
Bedeutung gegenüberstellt und das wohl oder übel die
Autorität der Bedeutung behauptet.”
Kaulbach betont ebenfalls den Bedeutungs-Charakter
in Nietzsches frühen Werken: "Die Sprache der
Geburt der Tragödie ebenso wie der Unzeitgemäßen
Betrachtungen schließen ihre Wahrheit, die sie
mitteilen, durch bildhafte Bedeutungen auf.”
In diesem Werk sind Textstellen mit dem Begriff "Maske”
am häufigsten anzutreffen.
Die von Nietzsche benutzten Begriffe "Maske”
und "Oberfläche” auf der einen Seite, der der
"Tiefe” auf der anderen stehen sich in einem
grundsätzlichen antithetischen Spannungsverhältnis
gegenüber. Ihre Gegensätzlichkeit, aber auch das gegenseitige
Sich- Bedingen der Begriffe wird von Nietzsche in
den folgenden Texten thematisiert; so führt Nietzsche
zum Verhältnis von "Tiefe” und "Maske” an:
"Es gibt Vorgänge so zarter Art, daß man gut
tut, sie durch eine Grobheit zu verschütten und unkenntlich
zu machen; es gibt Handlungen der Liebe und einer ausschweifenden Großmut, hinter denen nichts
rätlicher ist, als einen Stock zu nehmen und
den Augenzeugen durchzuprügeln, damit trübt man dessen
Gedächtnis. Mancher versteht sich darauf, das eigene
Gedächtnis zu trüben und zu mißhandeln, um wenigstens an diesem einzigen Mitwisser seine Rache zu haben - die Scham ist erfinderisch.[...] Ich könnte
mir denken, dass ein Mensch, der etwas Kostbares und
Verletzliches zu verbergen hätte, grob und rund wie
ein grünes altes schwerbeschlagenes Weinfaß durchs
Leben rollt - die Feinheit seiner Scham will es so.”
Wie schon
bei den abstrakten Begriffen Tiefe und Maske erwähnt,
sind auch die Gedankengänge dieses Zitats durch eine
inhaltliche Antithetik geprägt. Vorgänge so zarter
Art und Handlungen der Liebe und einer ausschweifenden
Großmut stehen der Verschüttung durch eine
Grobheit, Gedächnistrübung und Rache
gegenüber, traditionell positiv besetzte ethische
Werte werden negativ besetzten gegenübergestellt.
Dieses Verhaltensmuster wird gewissermaßen durch die
Maske symbolisiert, durch sie werden Antithesen in
Bezug zueinander gesetzt. Weiter charakterisiert
Nietzsche den Maskentragenden: "Ein solch Verborgener,
der aus Instinkt das Reden zum Schweigen und Verschweigen
braucht und unerschöpflich ist in der Ausflucht vor
Mitteilung, will und fördert es, dass eine Maske von
ihm an seiner Statt in den Herzen und Köpfen seiner
Freunde herumwandelt”.
Wieder
variiert Nietzsche hier das Thema Maske/Oberfläche
durch eine Antithese, die vom Reden und dem
entsprechenden Antonym Schweigen/Verschweigen; hier
verwandelt sich das Reden quasi durch die Maske in
das Antonym Schweigen/ Verschweigen. In der Geburt
der Tragödie verwendet Nietzsche den Masken-Begriff
in engem Bezug zum Kontext: Als "Geschichte einer
Geburt und Wiedergeburt” (de Man) ist in der Geburt
der Tragödie das Prinzip des Apollinisch/Dionysischen
kulturhistorisch eng mit dem Begriff "Maske”
verwandt. Der Masken-Begriff ist sprachliches Mittel,
um prozesshaftes Weltgeschehen zu veranschaulichen.
Der Benutzung des Masken-Begriffs in Jenseits von
Gut und Böse liegt eine logische sprachliche
Antithetik zugrunde; aufbauend auf diesem Prinzip
übt Nietzsche mittels des Masken-Begriffs im weitesten
Sinne Kulturkritik. Damit hat Nietzsche den Begriff
aus seinem traditionellen Kontext, der in der Geburt
der Tragödie noch vorhanden ist, gelöst. Die Texte
zur Masken/Oberflächenthematik zeichnen sich stilistisch
durch ihre Bildhaftigkeit aus. Nietzsche benutzt zahlreiche
Bilder, um dem Text evidentia zu verleihen. Auch wenn
es sich inhaltlich eher um einen Sachtext handelt,
gestaltet Nietzsche ihn mit der assoziationsreichen
Bildlichkeit eines poetischen Werkes und dem sprachliche
Duktus der gesprochenen Rede. An dieser Stelle stellt
sich die Frage, ob das, was bis jetzt als Masken-Begriff
bezeichnet wurde, als Metapher bezeichnet werden kann,
bzw. wie eine Metaphern-Definition lauten müßte, die
Nietzsches Sprachstil gerecht wird.
Innerhalb
der Metaphern-Forschung gibt es keine einheitliche
Metaphern-Definition. In der traditionellen Substitutionstheorie
(Aristoteles, Quintilian) vertritt die Metapher das
verbum proprium. An einem kurzen Textbeispiel
sei die Problematik der Übertragbarkeit bei Nietzsches
Masken-Begriff verdeutlicht: "Alles, was tief
ist, liebt die Maske; die allertiefsten Dinge haben
sogar einen Hass auf Bild und Gleichnis.”
Auf der einen Seite haben wir es hier mit menschlichen
Empfindungen, Liebe und Hass, zu tun. Die Subjekte,
über die ausgesagt wird, sind Neutra: Alles
und die allertiefsten Dinge. Den begrifflichen
Gegenpol zur” Maske” bilden Bild und Gleichnis.
Nietzsche vermeidet sprachliche Eindeutigkeiten, die
Übertragungen durch Analogie oder Ähnlichkeit zuließen
und verhindert so eine Rückführung des Masken-Begriffs
auf die Ebene des Eigentlichen. In diesem Zusammenhang
entspricht hingegen die jüngere Interaktionstheorie
in der Metaphern-Diskussion der sprachlichen Struktur Nietzsches Werk mit ihrer Position, "dass
es für einen metaphorischen Ausdruck keinen
eigentlichen Ausdruck gibt. Der metaphorische Ausdruck
ist nicht ersetzbar, außer um den Preis eines Verlustes
an Bedeutung. [...] Zwischen der Metapher und ihrem
Kontext besteht semantische Inkongruenz.”
Joseph
Simon hebt im Rahmen einer Sprachkritik bei Nietzsche
als Kennzeichen Nietzsches Sprachauffassung hervor:
"Das Zusammenspielen des Wortcharakters als
Begriff und als Metapher ist der Grundgedanke der
Sprachphilosophie Nietzsches. [...] Ein Wort in der
Vorstellung, dass es als Name für eine Art von gleichen
Dingen zu verstehen sei, ist ein Begriff; ein Wort,
durch das sich ein Individuum als solches oder in
dem es ein "ganz und gar individualisiertes Urerlebnis”
auszudrücken versucht, ist eine Metapher.”
Dieser Metaphernbegriff findet sich explizit bei Nietzsche
wieder: "Die Metapher ist für den echten Dichter
nicht eine rhetorische Figur, sondern ein stellvertretendes
Bild, das ihm wirklich, anstelle eines Begriffes,
vorschwebt.”
Mit dieser Aussage, einer neuen Formulierung des "ut pictura poesis”-Postulats Horaz, sollen an die Stelle des Abstrakten
das Anschauliche und Konkrete treten. Während
die traditionelle Metapherndefinition von einer Wort-
Übertragung ausgeht, der Sprache Nietzsches nicht
gerecht wird, ersetzt die Metapher
für Nietzsches
einen Begriff durch ein Bild, das
dem Dichter "vorschwebt”. Mit diesen Begriffen
betont Nietzsche den assoziativen Charakter der Metapher
in seiner Sprachphilosophie. Wenn auch an dieser Stelle
das Thema Metapher nur in groben Zügen gestreift wurde,
kann man festhalten, dass der von Nietzsche selbst
geprägte Metaphernbegriff seinem literarisches Werk
mehr entspricht als die traditionelle Metaphern-Definition.
So bemerkte Martin Stingelin in Nietzsche und Lichtenberg:
"Ur-Sprung der Sprache ist der ästhetische "Trieb
zur Metapherbildung, jener Fundamentaltrieb des Menschen,
den man keinen Augenblick wegrechnen kann, weil man
damit den Menschen selbst wegrechnen würde”. Genau
in dieser Selbstvergessenheit des Menschen aber gründet
sein ästhetischer Fundamentaltrieb, weshalb er auch
nicht erkennen kann, dass die Sprache damit gleichzeitig
ihrer - von den durch sie verkörperten menschlichen
Vorurteilen freien - Erkenntniskraft beraubt ist."
Nietzsche kam er zum Schluss, dass das Griechenbild
des Historizismus seiner vornehmlich wissenschaftlichen
Zeitgenossen auf einem durch die Jahrhunderte hinweg
falsch verstandenen Bild der "griechischen Heiterkeit”
beruhe. In der Geburt der Tragödie versucht
Nietzsche, den Gegensatz aus undurchschaubarer Einheit
und ästhetisch gegliederter Vielheit anhand des Begriffspaares
des "Dionysischen” und des "Apollinischen”
zu beschreiben. Nietzsches Selbstüberschätzung nimmt
zu.
Anhand
des Masken-Begriffs wurde aufgezeigt, dass Nietzsche
an einem kulturgeschichtlichen Wendepunkt im Ausgang
des 19. Jahrhunderts steht; wie die Analyse des Masken-Begriffs
in der Geburt der Tragödie gezeigt hat, benutzt
er den Begriff hier in traditionellem Kontext, während
er ihn später als autonomes "Bild” einsetzt.
Zur kulturgeschichtlichen Stellung
Nietzsches Masken-Begriffs:
Nietzsche
greift auf eine der frühesten historischen Verbindungen
(Maske - Dionysos) des Begriffs zurück, um sie in
das duale Weltbild der Geburt der Tragödie
einzubauen. Im Spätwerk wird ein historischer Rückbezug
des Begriffs "Maske” nicht mehr angestrebt: Wollte
man den Masken-Begriff hier als Metapher auffassen,
wäre sie eine "absolute Metapher”, die anstelle
eines Begriffs” (Nietzsche) und ohne Eigentlichkeits-Ebene
Verwendung findet. Blickt man jedoch auf die geisteswissenschaftlichen
Tendenzen des ausgehenden 20. Jahrhunderts, das Aufkommen
der Psychologie und der Sozialwissenschaften, so hat
Nietzsche sicher als erster Philosoph der Moderne
den Sprung von der Philosophie zur Psychologie unternommen,
so dass Lersch ihn würdigt als denjenigen, "der
die Kompliziertheit [...] und Zusammenhänge im Problem
der Selbsttäuschung aufgedeckt hat.”
Abgesehen von Stilmerkmalen, die sich -wie der expressiver
Wortwahl- nahezu durch sein gesamtes Werk ziehen,
hat Nietzsche mit dem Masken-Begriff die Antithetik
zu einem Sprach-Merkmal gesteigert, das nicht mehr
bloß Redeschmuck in den Wortverbindungen ist, sondern
- als Inbegriff der Ironie - grundlegendes Denk-Prinzip.
Desweiteren hat Nietzsche die Aussage-Valenz des Begriffs
"Maske” über den historischen oder metaphorischen
Rahmen hinweg gesteigert.
Nietzsche
versteht sein Denken im Gegensatz zu dem Kants als
historisches (NF XI 442). So wendet er zunächst gegen
Kant und die Philosophiegeschichte ein, dass all die
Irrtümer solcher Art auf einen "Mangel an historischem
Sinn” zurückzuführen sind (MA II 4). Nietzsche seinerseits
meint mit "historisch” - ein Schlagwort seiner
Zeit - aber nicht "Historismus”, also ein Abbilden
aller Phänomene auf einen geschichtlichen Zusammenhang
oder gar tieferen Sinn innerhalb der Geschichte
hin. Nietzsche interpretiert die Motivationssysteme
menschlichen Handelns nicht als ursprüngliche Phänomene,
aber auch nicht historisch, sondern genealogisch (vgl.
NF XII 442f). Es gilt im folgenden zu untersuchen,
in welchem genealogischen Verhältnis Erkenntnis, Bewußtsein
und Moral stehen. Dabei gilt: "Erkenntniß” ist
auch nur eine "Auslegung” (NF XII 104); und die
moralischen Verhältnisse sind demnach nur eine "moralische
Ausdeutung von Phänomenen” (JGB V 92). Erkenntnis,
Bewusstsein und Moral sind Interpretamente und haben
als solche eine Geschichte. Im Kontext des okzidentalen
Philosophieren nun vermengen sich der erkenntnistheoretische
und der moralische Gegenstand des Denkens. Für Nietzsche
ist die Psychologie "der Weg zu den Grundproblemen” und die "Herrin
der Wissenschaften”. Damit meint er aber weniger Erforschung
als vielmehr Entdeckung: Aufdeckung des Verdeckten.
In einer komplizierten Parallele mit dem nur 12 Jahre
jüngeren Sigmund Freud steht Nietzsche dem Seelenleben
nicht als neutraler Wissenschaftler gegenüber, sondern
als leidenschaftlicher Angreifer: Seine "Entlarvungspsychologie”
will den Menschen "demaskieren”, hervorholen,
was man gern verborgen und versteckt halten möchte,
insbesondere die geheimen Antriebe der "Moral”.
Bei alldem ist Nietzsche über das Verhältnis von bewusst
und unbewusst, Träumen und Wachen, Affekt und Gefühl
und insbesondere das Unbewusste intuitiv zu Aussagen
gekommen, die von der Wissenschaft im Wesentlichen
bestätigt worden sind.
Nietzsches
von Schopenhauer übernommene und gegen Descartes und
Kant gewandte dynamistische Affektentheorie, die
später Einfluss auf die wissenschaftliche Begründung
der Psychologie haben sollte, führt zu der Figur des
Übermenschen, die ein dynamisches Menschenbild weit
über Nietzsches Zeit hinaus beeinflussen wird und
selbst Ausdruck der paradigmatischen Veränderungen
seiner Zeit ist - des nämlichen Blickrichtungwechsels
von mechanischen Funktionen zu dynamischen Prozessen.
Nietzsche beschreibt im Versuch einer Selbstkritik
(1886) im Vorwort an Richard Wagner (1871)
von Die Geburt der Tragödie das "Apollinische
der Maske" als "Erzeugungen eines Blickes
in’s Innere und Schreckliche der Natur": "Wenn
wir bei einem kräftigen Versuch, die Sonne in’s Auge
zu fassen, uns geblendet abwenden, so haben wir dunkle
farbige Flecken gleichsam als Heilmittel vor den
Augen: umgekehrt sind jene Lichtbilderscheinungen
des sophokleischen Helden, kurz das Apollinische
der Maske, nothwendige Erzeugungen eines Blickes in’s
Innere und Schreckliche der Natur, gleichsam leuchtende
Flecken zur Heilung des von grausiger Nacht versehrten
Blickes."
Prometheus ist für Nietzsche eine dionysische
Maske. Dass hinter allen diesen Masken eine Gottheit,
Dionysos, sich verbirgt, ist für Nietzsche ein Grund
für die Idealität der Figuren des griechischen Dramas.
Fritz
Mauthner beschreibt Nietzsches Wandel der Personen,
in denen der Philosoph seine Lehre aus dem Munde
anderer Personen äußert. So spricht Mauthner von der
"Maske Zarathustras": "Nietzsche hätte
eine Sprachkritik mit gewaltigeren Sprachmitteln herstellen
können, als es hier geschieht, wenn er sich nicht
einseitig mit moralischen Begriffen abgegeben hätte,
und wenn ihn nicht seine prachtvolle Sprachkraft verführt
hätte, Denker und zugleich Sprachkünstler sein zu
wollen. Sein Mißtrauen gegen die Sprache ist unbegrenzt;
aber nur solange es nicht seine Sprache ist. Höchstens
dass er einmal, allerdings in der Maske Zarathustras,
ausruft: "Ich bin mir ein Worte-Macher: Was
liegt an Worten! Was liegt an mir!”"
Nietzsche bemerkte in der Vorrede von Zur Genealogie
der Moral im Jahre 1887, dass Moral als Folge,
als Symptom, als Maske, als Tartüfferie,
als Krankheit, als Missverständnis,
als Ursache, als Heilmittel, als Stimulans,
als Hemmung und als Gift auftreten kann.
Nietzsches späte Selbstbezeichnungen sind beispielhaft
für den Grenzgang zwischen literarischen Fiktion und
psychischer Verfassung, die sich als Namens-Metaphoriken
in seinen Briefen zeigen. In seinen späten Briefen
nutzte Nietzsche als alter ego die Namen Cäsar, Sokrates,
Voltaire, Napoleon, Dionysos und der Gekreuzigte.
Bis zu seinem Buch Menschliches-Allzumenschliches
schreibt Nietzsche die gleiche gediegene, an antiker
Rhetorik geschulte Prosa. Er bevorzugt lange, sehr
klar gebaute Satzperioden und verwendet auffallend
wenig Fremdwörter. Die Philologie hat ihn gelehrt,
alles zu begründen und mit Zitaten zu belegen.
Nietzsche
bemerkt so in der Vorrede (Erste Abhandlung) Gut
und Böse, Gut und Schlecht von Zur Genealogie
der Moral , dass der Übermensch der Schöpfer von
Werten und einer "Herrenmoral” ist. Obwohl Nietzsche
ausdrücklich verneint, dass es solche Übermenschen
bereits gegeben habe, erwähnt er als Vorbilder Sokrates,
Jesus Christus, Leonardo da Vinci, Michelangelo, Shakespeare,
Goethe, Julius Caesar und Napoleon. In Also sprach
Zarathustra sind unter den Reden Zarathustras
insbesondere die Reden Vom Lesen und Schreiben,
Von den Predigern des Todes, Von den Gelehrten
und Von den Dichtern auf die Bereiche der Beredsamkeit
und Sprache bezogen. Frank W. Hughes wies darauf hin,
dass Pseudonymität ein bereist in der Antike und der
Bibel zu findendes Phänomen der Literatur ist und
stellte sie in der Nähe der Rhetorik. De facto findet
sich kein Terminus technicus, der Pseudonymität entspricht.
Die Rhetorik kennt jedoch die Figur der fictio
personae, die der Redner bei der Erzählung einsetzt.
Nietzsche
nutzt in der Zeit des Verfassens von Zarathustra zum
ersten Male wie später bekanntlich noch oft eines
Pseudonyms bedient. So unterzeichnet er einen Brief
an die Mutter vom 29. Oktober 1881 als "Philoktet”*.
In den früheren Jahrhunderten sind sehr viel mehr
Schriften anonym erschienen als heute. Literarische
Autorschaft hatte einen anderen Platz in der Werteskala.
Der Begriff des "geistigen Eigentums” hat sich
erst in langwierigen historischen Prozessen herausgebildet.
Nietzsches Pseudonyme sind auch ein literarisches
Phänomen des späten 19. Jahrhunderts. Der Historismus
adaptierte im Zitat historisches Wissen. Nietzsches
Stilisierung des Denkens wurde in Frankreich, aber
auch im anglo-amerikanischen Raum nicht allein im
Sinne einer konsequenten Umsetzung des linguistic
turns gefeiert. Sie wurde auch als Vorspiel zur Unterminierung
tradierter Diskursivität und Rationalität gedeutet.
Nietzsches Darstellung der antiken Rhetorik, seine
Vorlesungen über die Geschichte der Beredsamkeit
sowie die Einleitung und (teilweise) Übersetzung der
aristotelischen Rhetorik offenbaren eine explizit
moralische Dimension, die in der Forschung bisher
kaum beachtet worden ist. Die Konzentration auf die
frühen Rhetorik-Vorlesungen bzw. sprachphilosophischen
Reflexionen wurde in der Folge durch die Arbeiten
Paul de Mans verstärkt, der insbesondere die Tropen
bzw. rhetorischen Figuren in Nietzsches Texten behandelte.
In Nietzsches
Darstellung der antiken Rhetorik ist die Bezeichnung
der Dinge ist durch Not und Schutzlosigkeit erforderlich
geworden. Die Nutzung von Namens-Metaphoriken, sei
es in Form von Personifikationen durch mythische Figuren,
sei es durch historische Personen, deren Reden Nietzsche
wie beim Zarathustra fingiert, ist eine Form des Pseudonym-Gebrauchs
in seinem Werk. Dieses Spiel mit Namen zieht sich
jedoch auch durch die private Korrespondenz. Nietzsche
zitierte und kompilierte die Vorlesungstexte zur Rhetorik
in hohem Maße aus zeitgenössischen Werken. So bemerkte
René Heinen, dass die Beschäftigung mit Nietzsches
Vorlesungsaufzeichnungen über Rhetorik in mehrfacher
Hinsicht kompliziert wird. Zum einen sei die Chronologie
der Texte in der wissenschaftlichen Diskussion nach
wie vor umstritten, zum anderen ist ihr Status im
Hinblick auf interpretatorische Rückschlüsse lange
Zeit nur unzureichend reflektiert worden. Thomas Fries
und Glenn Most haben in ihrer Arbeit ausdrücklich
darauf hingewiesen, dass Nietzsche mit der Kollation
der Handbücher er Rhetorik von Volkmann und Gerber
die antike Tradition des Kompilierens und Exzerpierens
fortsetzt.
Die
Redekunst, von Nietzsche als ´Circe der Philosophen´
in der Vorrede der Morgenröthe bezeichnet,
behandelt der Philosoph in seiner Rhetorikvorlesung
aus dem Jahre 1874 als historisches kulturelles Phänomen
der Antike.
Demgegenüber tritt die Bewertung der zeitgenössischen
Redekultur in seinen literarischen Werken in den Vordergrund.
Diese kulturkritische Haltung ist im Zusammenhang
mit dem eigenen literarischen Stil des Philosophen
zu betrachten, der - die Nähe zwischen poetischer
Praxis und rhetorischer Theorie kennend - die Redekunst
für die Darstellung seiner Lehre nutzt. Georg Simmels
Artikel Friedrich Nietzsche. Eine moralphilosophische
Silhouette erschien erstmals in der Zeitschrift
für Philosophie und philosophische Kritik als zeitgenössische
Würdigung des Philosophen, in dem auf die Persönlichkeit
Nietzsches in seinem Werk hingewiesen wird. "Er
beschreibt mit deutlichster Anspielung auf sich selbst,
wie derjenige, der neue Ideale baut, doch innerlich
noch von ihnen absteht, den alten anhängt und welche
furchtbare Marter aus diesem Konflikt entsteht (Genealogie,
121); er schildert sich als einen Ringer, der zu oft
sich selbst bezwingen musste, der durch eignen Sieg
verwundet und gehemmt wurde, und bezeichnet, im Gedichte,
die Vollendung seines eigenen Wesens als Hochzeit
von Licht und Finsternis (jenseits, Nachgesang)."
Die antiwissenschaftliche Haltung der Geburt der
Tragödie darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen,
dass Nietzsche hier eine an das Fach adressierte,
ernst gemeinte Alternative zur historischen Verarbeitung
der antiken Tradition hatte geben wollen. Diese Alternative
bestand in der konsequenten Modernisierung der an
die Überlieferung zu richtenden Fragen. Nietzsches
Programm lautete: Erschließung des Altertums als
Mittel zur Erziehung des modernen Menschen. Antriebsmoment
war ihm nicht die Erkenntnis des Altertums «an sich»,
sondern die Perspektive des kritischen Vergleichs.
Was leistet die Beschäftigung mit der Antike für die
Erkenntnis der Moderne - darauf zielte seine Befragung
der antiken Überlieferung in gegenwartskritischer
Absicht.
Ab 1875
finden sich in den Notizbüchern Nietzsches einzelne
Aphorismen, die Teil von Menschliches, Allzumenschliches
werden. Ab 1876 schreibt Nietzsche unter dem geplanten
Titel Die Pflugschar weitere Texte. Seit 1876
plant Nietzsche die Herausgabe einer Aphorismenschrift,
im Herbst 1877 legt er die endgültige Anordnung des
ersten Teil fest. So spricht Nietzsche beispielsweise
in seinem Spätwerk Der Antichrist (Teil 1)
im Vorwort von ´seinem Zarathustra´. Nietzsches Selbstüberschätzung
nimmt zu. Im Januar 1889 verliert er in Turin endgültig
den Kontakt zur Realität. Der Kranke hat Wahnvorstellungen
und die Hoffnung auf Heilung muss aufgegeben werden.
Bis 1872 arbeitete Nietzsche an einer umfangreichen
Studie mit dem Titel Die Geburt der Tragödie aus
dem Geiste der Musik, die Anfang 1872 in Leipzig
erschien und bereits 1874 verändert als Neuausgabe
von 1886 den Titel Die Geburt der Tragödie oder:
Griechentum und Pessimismus trug. In dem Vorwort
Versuch einer Selbstkritik wird die Bearbeitung
dieses Werkes betrachtet. Nietzsche hatte in dieses
Werk einen 1871 in Basel veröffentlichten Privatdruck
Sokrates und die griechische Tragödie eingearbeitet.
Mit dieser Abhandlung unternahm Nietzsche den Versuch,
eine neue Sicht der griechischen Antike und der sie
bestimmenden Geisteskräfte vorzulegen. Nietzsche kritisiert
den stilistischen Umgang der Deutschen mit der deutschen
Sprache. Im Gegensatz zur Geziertheit und Affektiertheit
der Stils der französischen Sprache ist der Stil der
Deutschen gekennzeichnet durch Mangel an Inspiration.
Ein gewöhnlicher
Gelehrter der Moderne hat nach der Philosophie Nietzsches
vor allem seine eigene Schwäche zu kompensieren. Nach
dem ersten Teil von Menschliches Allzumenschliches.
Ein Buch für freie Geister ist Nietzsche in die
zweite Phase seines Schaffens eingetreten, in der
er allen idealistischen Schwulst kritisiert. Im Zarathustra
nutzt Nietzsche erstmals die Figur des Übermenschen.
In Jenseits von Gut und Böse. Vorspiel einer Philosophie der Zukunft wird die Geschichte seit den Griechen als
Niedergang der Geschichte verstanden. Verantwortlich
für den Niedergang ist der abendländische Geist selbst,
der sich in Gestalt von Sokrates die Gleichheit zum
Maßstab gesetzt und damit das Mittelmaß eingeführt
hat. Hier ist Sokrates die personifizierte historische
Entwicklung menschlicher Erkenntnis. In Ecce homo,
das 1908 posthum veröffentlicht wird, spricht Nietzsche
über sich selbst und seine an Größenwahn grenzende
Berufung. In Nietzsches Lebzeit bis zur Umnachtung
redet Nietzsche irre und verschickt größen-wahnsinnige
Nachrichten, die bemerkenswerterweise
nicht ohne Bezug zu Nietzsches philosophischen
Ideen sind, ja sogar als deren Konsequenz gedeutet
werden können. Nietzsches Ansichten wechseln während
seines Lebens teilweise ins Gegenteil. Die Ursache
ist die ständige kritische Auseinandersetzung mit
seiner Umwelt, die ihm zu dieser Überzeugung führt.
Im Januar 1889 verliert er in Turin endgültig den
Kontakt zur Realität. Der Kranke hat Wahnvorstellungen
und die Hoffnung auf Heilung muss aufgegeben werden.
Nietzsche Eine weitere wichtige Etappe in der Geschichte
der Reflexion über Metaphern und das Metaphorische
bildet das sprachkritische Denken Friedrich Nietzsches.
Einerseits sind Nietzsches Reflexionen zum Thema "Metapher"
vor dem Hintergrund jener philosophischen Metaphernkritik
zu sehen, die seit dem Mittelalter im Zeichen der
Diagnose von der "Uneigentlichkeit" der
Metapher betrieben worden war. Gilt die metaphorische
Rede als unwissenschaftlich und rational unbegründet,
so muss sich in dem Maße, als die Bedeutung der Sprache
für den Prozess der Erkenntnis und Konstitution von
"Wirklichkeit" erfasst wird, die Kritik
der Metapher zur generellen Erkenntniskritik erweitern.
Nietzsche
betont gerade in seinen späten Texten in überraschender
Offenheit, er sei Träger vieler Masken. In der Antike
bezeichnete man als "persona” die Maske, die
ein Spieler im Theater trug. Diese Maske zeigte in
Tragödie, Komödie oder Mysterienspiel, welche Rolle
jemand gerade spielte. Dahinter konnten sich die Spielenden
in ihrem besonderen Charakter verbergen. Ein ganz
anderes Verständnis von Person. Melpomene mit der
tragischen Maske verkörpert die Tragödie. Nietzsche
schreibt in Jenseits von Gut und Böse, dass
der Geist [...] seine Masken-Vielfältigkeit
und Verschlagenheit geniesst. Nietzsche benutzt
den Ausdruck Willen zum Schein, zur Vereinfachung,
zur Maske, zum Mantel. Einerseits sind
Nietzsches Reflexionen zum Thema "Metapher"
vor dem Hintergrund jener philosophischen Metaphernkritik
zu sehen, die seit dem Mittelalter im Zeichen der
Diagnose von der "Uneigentlichkeit" der
Metapher betrieben worden war. Gilt die metaphorische
Rede als unwissenschaftlich und rational unbegründet,
so muss sich in dem Maße, als die Bedeutung der Sprache
für den Prozess der Erkenntnis und Konstitution von
"Wirklichkeit" erfasst wird, die Kritik
der Metapher zur generellen Erkenntniskritik erweitern.
Nietzsche
betont gerade in seinen späten Texten in überraschender
Offenheit, er sei Träger vieler Masken. In der Antike
bezeichnete man als "persona” die Maske, die
ein Spieler im Theater trug. Diese Maske zeigte in
Tragödie, Komödie oder Mysterienspiel, welche Rolle
jemand gerade spielte. Dahinter konnten sich die Spielenden
in ihrem besonderen Charakter verbergen. Ein ganz
anderes Verständnis von Person. Melpomene mit der
tragischen Maske verkörpert die Tragödie. Nietzsche
schreibt in Jenseits von Gut und Böse, dass
der Geist [...] seine Masken-Vielfältigkeit
und Verschlagenheit genießt. Nietzsche benutzt
den Ausdruck Willen zum Schein, zur Vereinfachung,
zur Maske, zum Mantel. Die Verwendung von historischen
Figuren in seinen für die Publikation bestimmten literarischen
wie auch persönlichen Werken macht den Gegensatz zum
an historische Fakten interessierten Historismus
deutlich. Nietzsche nutzt historische Figuren wie
Sokrates und Zarathustra, später auch typische fiktive
Figuren für das Aufzeigen und Interpretieren von historischen
Zuständen und utopischen Geschichtsentwürfen. In Nietzsches
Nachlass der Zeit von Anfang 1874 bis Februar 1874
32 [2] finden sich Notizen zur Beschäftigung des Philosophen
mit des Redekunst der griechischen und römischen
Antike
Cicero.
Schmuck.
Ehrlichkeit.
Decorative Cultur.
An den Griechen auch jetzt zu lernen.
Der moralische Mangel Cicero’s erklärt
seinen aesthetischen Mangel (an
Ehrlichkeit)?
Alle neueren Zeiten leiden an diesem
Mangel: unser Stil verhüllt.
Es ist nach der Art Cicero’s fortzuringen
mit den Griechen. Leopardi.
Die Stärke und Ehrlichkeit seines Characters
zeigt sich als Künstler.
Aber die Reinheit
seines Geschmacks ist nicht so gross, dass er vermöchte
Demosthenes nachzuahmen: ob er schon höchlichst mit
ihm wetteifert. (W<agner> und Beethoven.) Er
ist als Künstler ehrlich und giebt ganz, was ihm gefällt.
Aber ihm gefällt nicht das Beste am meisten, sondern
das Asiatische. Das war ächt römisch.
Civilisatorische Möglichkeit schwebt
vor.
Für die römische
Cultur wesentlich die Separation der "Form”;
der "Inhalt” wird durch sie versteckt oder übertüncht.
Das Nachmachen einer fremden fertigen Cultur ist deutlich
zu beobachten. Aber das haben, die Griechen auch gethan.
Ein neues Gebilde ist das Resultat. Die römische
Beredsamkeit war da grösster Kraft und vermochte
deshalb sich das Fremde zu assimiliren. Das Prächtige,
Brutale und Verführerische der asiatischen Rhetorik
zuerst, dann der rhodischen, dann der attischen Kunst:
also rückwärts, in’s immer Einfachere.
Diese
Notizen sind aufschlussreich für die Sicht Nietzsches
auf die antike Beredsamkeit: Der Ausdruck ‚Schmuck’
(ornatus) wird von Nietzsche neben dem Ausdruck
´Stil´ genutzt. Die antike Rhetorik gliedert der Philosoph
in die asiatische, rhodische und attische Beredsamkeit
und leitet eine Entwicklung von dem Stil des Asianismus
bis zum Attizismus aus der historischen Überlieferung
ab. Angesichts der ‚republikanischen Kunst’ Rhetorik
konstatiert Nietzsche in seiner Rhetorik-Vorlesung
im Sommer 1974 (§ 1), dass ‚in neuerer Zeit’ diese
Kunst ‚in einiger Nichtachtung’ steht. Wenn die Rhetorik
gebraucht wird, ist sie unter den Zeitgenossen ‚nichts
als Dilettanterei und rohe Empirie’. Bis zum Ende
des 19. Jahrhunderts ist die rhetorische Theorie
an Universitäten und Schulen wenig beachtet. Eine
Ausnahme bildet Nietzsche, der die Missachtung der
Redekunst in seinen Rhetorikvorlesungen kritisiert
und analysiert. Dass nach der Mitte des 18. Jahrhunderts
die Rhetorik als Bildungssystem allerdings - trotz
des vermeintlichen Verfalls der Beredsamkeit - noch
weiterhin in Deutschland als Lehrfach durchaus Bedeutung
hat, veranschaulichen die zahlreichen monographischen
Publikationen auf diesem
Gebiet seitens deutscher Hochschullehrer. Trotz der
aktive Beherrschung des Lateinischen im Reden
und Schreiben und des vermeintlichen Verschwindens
der Redekunst als Bildungsziel vom Lehrplan der Gymnasien
wird die Lehre so systematisch weitergegeben. Die
Rhetorik wurde in diesen Schriften in einem einheitlichen
System gelehrt, das
neben den Teildisziplinen und Aufschwung der
Massenmedien für die praktische Anwendung rhetorischer
Mittel existierte.
Während
in der Philosophie die Metapher selbst dem Bereich
der Künste, der Dichtung und damit dem Bereich der
Täuschung, der Illusionen, des Scheins zugeordnet
wurde, machte Nietzsche sie zum Ort der Emanzipation,
der Befreiung von der neuzeitlichen Vernunft. Nietzsches
Nutzung von Metaphern ist Teil eines lyrischen Stils
seiner Werke, ein für die Autoren philosophischer
Werke unübliches Verfahren der poetischen Gestaltung
der Lehre. Die Übernahme von historischen Figuren
wie Sokrates und Zarathustra für die Beschreibung
der eigenen Lehre, die schließlich in einer fiktionalen
Figur, dem Übermenschen, ihren Protagonisten findet,
ist für diesen Stil, der in Form von Liedern gestaltet
wird, kennzeichnend. Der Philosoph als auctor,
als Urheber seines Werkes, legt seine philosophischen
Gedanken in den Mund von historischen Figuren - dieses
ist ein Verfahren der poetischen Gestaltung seiner
Texte, die im Gegensatz zur positivistischen Bestandsaufnahme
des zeitgenössischen Historismus die historische Überlieferung
zum Gegenstand poetischer licentia macht.
Der
von der Moderne aus für den Historismus kennzeichnende
Rückbezug auf vergangene Stile ist - so widersprüchlich
diese auch klingen mag - ein Kennzeichen des Werks
von Nietzsche. Gerade durch die Metaphorik von Maske
und Oberfläche und die metaphorische und fiktionale
Nutzung von historischen Namen ist Nietzsche ein Vertreter
des Historismus par excellence. Im Unterschied zum
Positivismus und Historismus nutzt Nietzsche - und
dieses ist der Unterschied zu den philologischen Betrachtungen
und wissenschaftlichen Ansätzen dieser Zeit - die
Historie für eine Betrachtung und Beschreibung zukünftiger
Epochen.
Neben
der Geschichtsschreibung und Philologie bediente sich
der Philosoph der Fiktionalität poetischer Formen
für eine idealistische, utopische Fiktion als Motiv
seiner Lehre.