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Orbis Linguarum Vol. 25/2004
Hans W. Giessen
Saarbrücken
Nationalismus und Sexualität,
Kleist und der Zeitgeist
Claus Peymanns Die Hermannsschlacht nach
Heinrich von Kleist: Das Theaterstück, der Fernsehfilm
- eine Medienanalyse
Allgemeine Vorbemerkung
Im
Jahr 1984 hat das Zweite Deutsche Fernsehen einen
Film in Auftrag gegeben, der die wichtige Inszenierung
der Hermannsschlacht von Claus Peymann am Schauspielhaus
Bochum zum Gegenstand hatte. Die Inszenierung bedeutete
einen Wendepunkt in der Hermannsschlacht-Rezeption.
Der Film ermöglichte die Auseinandersetzung mit dieser
wirkungsgeschichtlich bedeutsamen Aufführung auch
für denjenigen, dem der Besuch des Bochumer Schauspielhauses
nicht möglich war; sie dokumentiert eine ansonsten
allenfalls aus der Erinnerung (und der Literatur)
rekonstruierbare, aufgrund ihres Ansatzes aber bleibende
Auseinandersetzung mit der Hermannsschlacht
Heinrich von Kleists, die ohne diesen Film nicht mehr
(so gut) analysierbar wäre.
Der
Film ist allerdings mehr als ,nur’ eine Abfilmung
der Inszenierung. Die Bearbeitung und Regie erfolgte
durch den Regisseur der Inszenierung selbst, durch
Claus Peymann, der filmische Mittel bewusst eingesetzt
hat, um sein Konzept in dem anderen Medium und vermittels
dessen spezifischer Eigenschaften zu verdeutlichen.
Von daher ist die Beschäftigung mit dieser Verfilmung
auch als allgemeiner Beitrag über Möglichkeiten und
Chancen einer filmischen Werkdeutung zu sehen.
Dieser Beitrag erschließt mit dem filmischen Medium eine neue, für die
Rezeption der Hermannsschlacht wichtige Quelle.
Von daher soll er auch einen Beitrag zur Bewertung
des Werkes und seiner Rezeptionsgeschichte leisten.
Der ,Hermann’-Mythos
Der
Mythos der Hermannsschlacht als deutsch-nationales
Ereignis entstand wohl erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts,
zusammen mit der Entstehung des deutschen Nationalgedankens;
zuvor scheint die spezifische Eigenschaft des ,Deutsch-Seins’
zwar als (gegenüber anderen) unterscheidendes und
(gegenüber anderen Deutschen) kulturell verbindendes
Merkmal empfunden worden zu sein, nicht aber als ein
politisches Handeln motivierendes Moment. Das Fehlen
nationalistischer Gefühle ist im übrigen wohl bis
dahin für alle ,Nationen’ typisch gewesen - so bedeutete
beispielsweise die Eroberung Straßburgs durch Louis
XIV. im Jahr 1681 ja auch keineswegs eine Romanisierung
der Stadt, und so war etwa die Straßburger Universität
trotz französischer Oberhoheit noch weit länger als
ein Jahrhundert eine ,deutsche’ Universität, an der
zum Beispiel Johann Wolfgang Goethe noch rund hundert
Jahre später, von 1770 bis 1771 studierte.
Die Idee eines Nationalstaates, der alle Mitglieder
einer Nation umfassen sollte (aber zunächst auch nur
die Mitglieder der eigenen Nation und niemanden anderes)
wurde erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts populär,
im Zuge der geistesgeschichtlichen Umwälzungen in
dieser Epoche. In Deutschland, das seine politische
Einheit bereit im Mittelalter verloren hatte, verdrängte
der Nationalstaatsgedanke bald die weiteren Ideale
jener Epoche: dies wurde spätestens beim Wartburgfest
1817 offensichtlich.
Dieses Nationalgefühl steigerte sich während der
napoleonischen Besetzung Deutschlands (und verursacht
durch sie) zum Nationalismus. Es entstammte mithin
der Ideenwelt der französischen Revolution, wandelte
und veränderte sich aber aus dem Gefühl der vermeintlichen
oder wirklichen Not des deutschen Vaterlands - verursacht
durch die Truppen der Franzosen, die in Folge der
Revolution nach Deutschland drangen.
Diese
Prozesse lassen sich eindrucksvoll am Wandel des ,Hermann’-Mythos
darstellen, an der Beschreibung der Veränderungen,
denen der Stoff unterworfen war; ihm kommt mithin
eine Indikatorenfunktion für die Entwicklung, Geschichte
und Bedeutung nationalistischen Gedankenguts in Deutschland
zu. Dabei ist deutlich, dass der Nationalgedanke
selbst zunächst nicht im Vordergrund bei Bearbeitungen
des Stoffes stand - wohl aber die Abgrenzung gegenüber
anderen Völkern, die auf die gesellschaftliche und
politische Ordnung in Deutschland Einfluss nehmen
wollten. Wesentlich ist diese negative Begründung,
die Abwehrhaltung; deren Stärkung (und positiven Fundierung)
sollte der Mythos allerdings schon am Anfang dienen.
Die
Germania des Tacitus wurde im Jahre 1470 wiederentdeckt;
im Zusammenhang mit dem die Renaissance charakterisierenden
Interesse an der klassischen Vergangenheit als der
Epoche, die einen ersten kulturellen Höhepunkt für
Europa bedeutet habe, an den es nun anzuschließen
gelte. Für die Deutschen bedeutete dies auch, sich
ihrer Eigen-Art bewusst zu werden, die nun für die
Antike gesichert (und von Tacitus mit überwiegend
positiven Wertungen versehen) war. Aus diesem Grund
wurde die Germania schnell und breit rezipiert;
die Rezeption war insofern bereits politisch motiviert:
allerdings eben (noch) nicht nationalistisch, sondern
modernistisch-legitimativ.
In diesen
Zusammenhang fällt auch die erste Beschäftigung mit
dem Thema der ,Hermannsschlacht’. Der Humanist Ulrich
von Hutten war in die Reformationswirren verwickelt;
er hat die erste Bearbeitung des Stoffes vorgelegt,
die posthum 1529 unter dem Titel "Arminius. Dialogus
Huttenicus, quo homo patriae amantissimus, Germanorum
laudem celebravit" erschienen ist.
Auch hier ist die politische Funktion eindeutig; gleich
in der ersten literarischen Verwendung wird der Stoff
zur Abgrenzung genutzt: Rom ist die Metonymie für
die katholische Kirche, dagegen verweisen Anspielungen
auf eine Gleichsetzung der ,Germanen' mit der Reformation
- womit allerdings auch deutlich ist, dass die Abgrenzung
nicht aus nationalistischen, sondern aus politisch-gesellschaftlichen
Gründen erfolgt. Ein wichtiges Indiz für das Zielpublikum
und damit die politische Intention des Werkes ist,
dass es zur Gänze in lateinischer Sprache geschrieben
wurde: Es richtete sich an ein gelehrtes Publikum,
es beabsichtigte die intellektuelle Auseinandersetzung,
nicht die möglicherweise demagogische Einflussnahme
auf das ,deutsche Volk', das das Werk bereits aus
sprachlichen Gründen gar nicht verstehen konnte.
Auch
die weiteren Beschäftigungen mit dem Stoff der ,Hermannsschlacht’
waren nicht von nationalistischen Absichten geprägt.
Daniel Casper von Lohenstein gestaltete eine 1689/90
erschienene Barockversion, ,,Großmüthiger Feldherr
Arminius oder Hermann, Als ein tapfferer Beschirmer
der deutschen Freyheit, Nebst seiner Durchlauchtigten
Thußnelda In einer sinnreichen Staats- Liebes- und
Helden-Geschichte Dem Vaterlande zu Liebe Dem deutschen
Adel aber zu Ehren und rühmlichen Nachfolge In Zwey
Theilen vorgestellet", auf über 3.000 Seiten.
Seine Stoffgestaltung ist humanistisch-bürgerlich;
ein bestimmendes politisches Anliegen kann nicht erkannt
werden. Lohenstein ist vor allem deshalb rezeptionsgeschichtlich
wichtig, weil sein Roman im gesamten 18. Jahrhundert
vielgesen war und somit das Thema populär gemacht
beziehungsweise gehalten hat. Es folgten deshalb
weitere Bearbeitungen, teilweise von noch heute bekannten
Autoren, wie 1751 von Wieland (,,Hermann", Epos)
oder 1761 von Schlegel (,,Hermann", Trauerspiel).
Schlegel war auf Schulpforta ein Mitschüler Klopstocks;
beide haben das Thema bearbeitet, Klopstock 1769 als
Bardiet (,,Hermanns Schlacht, Ein Bardiet für die
Schaubühne").
Bis dahin sind alle Bearbeitungen des Motivs von den
Gedanken der Aufklärung getragen gewesen;
dagegen passt sich Klopstock dem Zeitgeist an und
gestaltet das Thema vor einem christlich-pietistischen
Hintergrund.
Auch
diese Bearbeitung war weit verbreitet und sicherlich
auch Heinrich von Kleist bekannt. Wie populär und
verbreitet das Motiv inzwischen war (und wie wenig
noch deutsch-national besetzt), demonstriert die Tatsache,
dass sich auch Bearbeitungen in anderen Sprach- und
Kulturkreisen finden: So schuf beispielsweise der
Italiener Ippolito Pindemonte 1804 eine an klassischen
Mustern orientierte Tragödie in fünf Akten mit dem
Titel Arminio.
Und auch in Deutschland hörte die Bearbeitung des
Stoffes mit Kleists Fassung der Hermannsschlacht
nicht auf; aufgrund der geringen Verbreitung von Kleists
Werk war seine Tendenz für andere Autoren auch noch
nicht belastend - beispielsweise für Christian Dietrich
Grabbe, der 1838 Die Hermannsschlacht als ,Geschichtsdrama
in Prosa’ vorlegte.
Die
nationalistische Festlegung des Hermannsmythos bestimmt
allerdings die Beschäftigung mit der ,Hermannsschlacht'
Heinrich von Kleists, der ihn auf eine Art und Weise
genutzt hat, wie dies erst wieder durch den Nationalsozialismus
geschehen ist (der sich demnach der Kleistschen Hermannsschlacht
auch bedient hat). Kleist setzt ihn so ein, wie er
weitgehend noch heute - vor allem aufgrund der mörderischen
Auswirkungen seiner politischen Nutzung - die Diskussion
prägt: als nationalistischer, fremdenfeindlicher und
hasserfüllter Legitimationsmythos.
Gerade
weil sie nationalistische Wirkungsabsichten besitzt,
zeichnet die ,Hermannsschlacht’ Heinrich von Kleists
nicht das Bild des historischen Ereignisses (was,
wie gezeigt worden ist, anfangs des neunzehnten Jahrhunderts
nicht mehr möglich war), sondern nutzt sie zu emotional-diffuser
Propaganda. Bereits im neunzehnten Jahrhundert wurde
deshalb über die genaue Zuordnung der Germanenfürsten
in Kleists Hermannsschlacht gerätselt. Einigkeit
herrschte zumindest darüber, dass die Römer des Stückes
die Franzosen
und die ,kleineren’ Germanenführer die Rheinbundfürsten
repräsentierten.
Zweifel hinsichtlich der Zuordnung der Hauptvertreter
der Germanen sind aber unvermeidbar.
So könnte Hermann Preußen und Marbod Österreich repräsentieren.
Andererseits waren die Preußen in der aktuellen historischen
Situation gerade ein (und sei es auch nur taktisch
motiviertes) Bündnis mit Frankreich eingegangen (wie
im Stück aber die Sueben mit den Römern), während
Kleists Hoffnung ja bei den Österreichern lag
(so, wie die Hoffnung der freiheitsliebenden Germanen
in der Hermannsschlacht bei den Cheruskern
liegt). Fraglich ist mithin, ob konkrete Zuweisungen
möglich, fraglich ist auch, ob sie notwendig sind.
Immerhin wird allgemein akzeptiert, dass Kleist mit
der historischen Vorlage sehr frei umgegangen war
- doch war er ja zumindest insoweit an den Hermann-Mythos
gebunden, als er den Träger dieses Mythos als Hauptperson
verwenden musste, von dem die Initiative zur Schlacht
auszugehen und der die Schlacht als Sieger zu verlassen
hatte. Eine andere Verwendung der Figur des Hermann
hätte dem Mythos widersprochen und damit seine Verwendung
zunichte gemacht - offenbar hat Kleist ihn aber bewusst
eingesetzt. Mit der Festlegung der Figur des Hermann
von außen entwickelten sich die anderen Personen
stückimmanent, zumindest bezüglich ihres Verhältnisses
zu Hermann und zu der von ihm vertretenen Sache. Aus
diesem Grund ist die Frage nach konkreten Analogien
zwar historisch interessant, wird aber der ,Hermannsschlacht’
- auch und gerade als ,Tendenzstück’ - nicht gerecht.
Eine Äußerung Friedrich Christoph Dahlmanns in einem
bekannten Brief
an den Literaturhistoriker Georg Gottfried Gervinus
- ,,[Die Hermannsschlacht] hat [...] historischen
Wert; treffender kann der hündische Rheinbundsgeist,
wie er damals herrschte (Sie haben das nicht erlebt)
gar nicht geschildert werden. Damals verstand jeder
die Beziehungen, wer der Fürst Aristan sei, der zuletzt
zum Tode geführt wird, wer die wären, die durch Wichtigtun
und Botenschicken das Vaterland zu retten meinten
[...]" - deutet immerhin an, dass Nebenfiguren
(wie der Fürst Aristan) zugeordnet werden können,
und sicherlich auch die Atmosphäre, die politischen
Empfindungen des Jahres 1808, des Entstehungsjahres
der Hermannsschlacht - und dies war offensichtlich
Kleists eigentliche Absicht. Die politische Absicht
Kleists verdeutlicht sich demnach am Handeln der
Protagonisten: mit Hermann soll sich das Publikum
offenbar identifizieren - er zeichnet sich durch seinen
Römer- (also: Franzosen-) Hass aus; auch Marbod und
die Sueben teilen diese Einstellung.
Rezeptions- und Aufführungsgeschichte unter besonderer
Berücksichtigung der leitenden Prinzipien, samt einem
kritischen Blick auf Probleme der Werkinterpretation
I.
Die
aktuelle politische Wirkungsabsicht der ,Hermannsschlacht’
wurde bereits von Kleists Zeitgenossen deutlich empfunden;
sie bestimmte demnach auch die Bewertung durch die
Rezipienten. Offenbar aufgrund dieser politischen
Wirkungsabsicht konnte das Werk zunächst auch nicht
in Druck gehen; zu Kleists Lebzeiten gab es deshalb
keine gedruckte Fassung (der erste Abdruck erfolgte
fragmentarisch 1818 in den Zeitschwingen, und
die erste Drucklegung 1821 in der Tieckschen Ausgabe
der Hinterlassenen Schriften Heinrich von Kleists).
Aufgrund der politischen Aussage war auch eine Aufführung
in den deutschen Ländern, auf die Napoleon Einfluss
hatte, chancenlos. Kleist selbst sah nur in Österreich
die Möglichkeit einer Präsentation auf der Bühne.
Bereits am 1. Januar 1809 bot er sein Drama über den
österreichischen Dichter und Hofsekretär Heinrich
Josef von Collin, der über gute Kontakte verfügte,
dem Wiener Hofburgtheater an; seine Eile lag gerade
in der beabsichtigten politischen Wirkung begründet.
Die napoleonischen Siege über Österreich im Sommer
1809 zerstörten aber alle Aufführungspläne; erst im
Januar 1810 konnte Kleist diesbezüglich wieder bei
Collin nachfragen. Dessen Versuche scheiterten allerdings,
wie im übrigen auch weitere Pläne im darauffolgenden
Jahr, das Stück im Theater an der Wien unterzubringen.
So kam es zu Lebzeiten Kleists zu keiner Aufführung.
Die Uraufführung erfolgte erst nahezu dreißig Jahre
später, am 29. August 1839, durch das Detmolder Hoftheater
in Pyrmont; am 20. Oktober 1839 wurde die Aufführung
in Münster wiederholt. Die Einstudierung geriet
aber schnell wieder in Vergessenheit, denn lange Zeit
wurde eine Breslauer Inszenierung aus dem Jahr 1860,
noch einmal zwanzig Jahre später, als erste Aufführung
angesehen. Bemerkenswert ist, dass diese Einstudierung
- insgesamt offenbar ein großer Erfolg - zuvor (durch
Feodor Wehl) bearbeitet wurde, der unter ästhetischen
Gesichtspunkten ,die schärfsten Kanten abgeschliffen’
hatte.
So gesellt sich zum politischen Aspekt ein zweiter:
derjenige der Form, der, eng verbunden mit dem ersten,
die Rezeptions- und Aufführungsgeschichte der Hermannsschlacht
stark beeinflusst hat.
Unmittelbare
Bekannte Kleists lobten die Intention der Hermannsschlacht
- was wohl auch mit ihrer (sicherlich durch gemeinsame
Überzeugungen getragenen) Freundschaft zu Kleist zusammenhängt
und mithin den inhaltlichen Aspekt in den Vordergrund
treten lässt. Kleists enger Freund Friedrich Christoph
Dahlmann urteilte beispielsweise: ,,Für [Heinrich
von Kleists] bestes Werk halte ich die am wenigsten
besprochene Hermannsschlacht";
ähnlich schätzte Matthäus von Collin von den in der
ersten Ausgabe der Werke Kleists (1821) gedruckten
Dramen die Hermannsschlacht am höchsten ein.
Die
positive Wertung der beiden, die auf persönlicher
wie politischer Übereinstimmung fußte, hatte allerdings
auch Folgen für die formale Einschätzung. Collin schrieb
an der selben Stelle, die Zerstückelung der Hally
sei würdig und groß, die Bestrafung des Ventidius
sei angemessen: ,,Die Wahrheit des Gefühls ist hier
nicht verletzt". Dahlmann hatte zwar ästhetische
Skrupel, akzeptierte inhaltlich aber die Position
Kleists.
Die
Aufnahme der Hermannsschlacht war insgesamt
aber gerade aus diesen ästhetischen Gründen negativ,
und so bemerkte Collin, Kleist habe sich - offenbar
ja ganz im Gegensatz zu seiner Absicht! - mit diesem
Stück zu seinem Zeitalter in Opposition gestellt.
Die Kritik machte vor dem Bekanntenkreis Kleists nicht
halt; sie wird beispielsweise von Clemens Brentano
geteilt, der die Hermannsschlacht bei Marie
von Kleist kennengelernt hatte.
In der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts
überwogen die eher abwägenden, vorsichtigen Urteile.
Ludwig Tieck, der die hinterlassenen Schriften Heinrich
von Kleists herausgab, teilte den nationalen Ansatz,
hatte aber Bedenken insbesondere bezüglich der bereits
geschilderten Details, die, seiner Meinung nach, die
Wirkung auf viele Leser beeinträchtigen könnten.
Der preußische Historiker Heinrich von Treitschke
vertrat eine ähnliche Position: er äußerte sich begeistert
über den ,staatsmännischen Barbaren Hermann', aber
insgesamt irritierte ihn die ,maßlose Leidenschaft',
und die Bärenszene fand er gar ,empörend’.
Die
Beurteilungen des Werks lassen sich also auf die genannten
zwei Positionen, den inhaltlich-politischen und den
ästhetisch-formalen - und damit auf die folgenden
vier Konstellationen reduzieren. Zunächst: Entweder
wird die nationale Haltung des Stückes, seine politische
Grundtendenz geteilt - oder heftig abgelehnt; der
politischen Aussage kritisch gegenüberstehende Rezipienten
schlossen in ihre Kritik häufig auch formale und ästhetische
Punkte mit ein (und fanden daher überhaupt keinen
positiven Aspekt in der Hermannsschlacht);
umgekehrt wird die formal-ästhetische Seite von den
Befürwortern durch die inhaltliche Aussage immer wieder
legitimiert. Zwei weitere Positionen differenzieren
zwischen Inhalt und Form - und bewundern das jeweils
eine, ohne das andere gerechtfertigt zu sehen. Die
Beschäftigung mit der Problematik von Form und Aussage
prägt auch die hier besprochene Verfilmung; die Rezeption
dieses Kriterienpaares soll deshalb zunächst in ihren
wesentlichen Einschätzungen und Bewertungen weiter
verfolgt und dargestellt werden.
Ein
Beispiel für die absolute Kritik stellt der liberale
Kleist-Biograph Adolf Willbrandt dar, der (1863) etwa
für die Tat der Thusnelda keine hinreichend begründete
Motivation sah und eine solche Tat auch grundsätzlich
nicht legitimieren zu können meinte: Er bewertete
die Hermannsschlacht als peinliches Merkmal
der inneren Erkrankung, wo ein Kultus der Rache sein
fürchterliches Spiel treibe.
Ähnlich äußerte sich 1878 beispielsweise auch Karl
Gutzkow.
Auch
bei vielen Rezipienten des neunzehnten Jahrhunderts,
die in ihrer politischen Einstellung eher national
geprägt waren und die daher mit der Grundtendenz des
Werkes sympathisierten, stieß die Hermannsschlacht
aus ästhetischen und formalen Gründen auf Ablehnung:
sie entsprach zumeist nicht ihrem literarischen Verständnis,
den herrschenden Geschmacksvorstellungen. Beispielshaft
ist hier die Ansicht Julian Schmidts, der ja eine
erste kritische Ausgabe besorgte - er würdigte 1876
den deutschen Patriotismus der Hermannsschlacht
und sah das Stück durchaus historisch, aber eben
nicht dramatisch gerechtfertigt: ,,[...] einige wilde
Scenen [...] hätten füglich wegbleiben können.’"
Im Gegensatz zur zunächst dargestellten Position,
die weder Form noch Aussage positiv bewertet, zeigt
sich hier eine inhaltliche Übereinstimmung; die Kritik
bezieht sich (lediglich) auf die Form. Diese Position
prägt auch die weiteren Inszenierungen: Nach dem Deutsch-Französischen
Krieg und offensichtlich in Zusammenhang mit der daraus
resultierenden patriotischen Zeitstimmung wurde
die Hermannsschlacht vermehrt aufgeführt. Seit
1875 spielte das Meiningensche Hoftheater die Originalfassung
des Werkes; 1876 folgte die Berliner Inszenierung
Rudolf Genées, die ,,das allzu Schroffe und Wilde
beseitigt oder doch gemildert" hatte.
Nun fand die Hermannsschlacht eine immer weitere
Verbreitung. Alberti berichtet 1894 allein von mehreren
Aufführungen in Berlin; sie waren deutlich nationalistisch
geprägt, doch schien das Stück zumeist unter Berücksichtigung
des ,sittlichen Empfindens’ bearbeitet worden zu sein.
Es gab
aber, wie die schon benannte Aufführung des Meiningensche
Hoftheaters andeutet, im neunzehnten Jahrhundert
zahlreiche Inszenierungen und Bewertungen, die ohne
Einschränkung (bezüglich Form oder Aussage) positiv
ausfielen: die also den ,Nationalismus’ des Stückes
teilten und die seine Ästhetik als gerechtfertigt
und notwendig ansahen. Otto Brahm schrieb beispielsweise
1884 in seiner Kleist-Biographie, die Hermannsschlacht
sei kein ,Bardengeheul’ wie andere germanisierende
Dichtungen, sondern wirklich die Verkörperung der
Volksseele.
Die positive Bewertung des Nationalismus wurde in
der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts,
noch mehr nach der Jahrhundertwende immer ausgeprägter;
damit wurden auch die formalen und ästhetischen Strukturen
des Stückes immer stärker akzeptiert. Dementsprechend
wurde die Hermannsschlacht nun sogar zur Vorlage
weiterer Bearbeitungen, die auf dieser Einheit von
Inhalt und Form fußten, wie die Bardenchorvertonung
von Hans Pfitzner;
weitere Pläne deuten bereits die nationalsozialistische
Rezeptions- und Aufführungspraxis an, etwa die Idee
Maria Grunewalds aus dem Jahr 1925, die Hermannsschlacht
als ,Weihespiel’ darzubringen.
Gegen
Ende des neunzehnten Jahrhunderts entwickelte sich
zu den drei dargestellten Positionen aber auch die
vierte, die ihre Faszination (gerade hinsichtlich
Ästhetik, Form und dramatischer Durchgestaltung) nicht
leugnete, das nationalistische Konzept Kleists aber
ablehnte. Max Quarck schrieb 1902, mit dem für bürgerliche
Begriffe ,maßlosen’ Hass gegen seine Feinde demonstriere
Heinrich von Kleist gegen die bloße ,Kulissenarbeit’
seiner ,Klassengenossen’: ,,Jedenfalls war Heinrich
von Kleist der letzte, der mit dem deutschen Spießbürgertum
sich ausgesöhnt hätte."
Daneben
hatte aber auch nach wie vor die liberale Position
Bestand. Wichtige Interpretationen finden sich in
den Kleistbüchern Friedrich Gundolfs und Stefan Zweigs,
die die ,Hermannsschlacht' von einem eher individualistischen
Standpunkt aus deuteten. Ihre Analysen wollten insbesondere
die nationalistische Entwicklung Kleists erklären
- Gundolf führte sie 1924, psychologisierend, auf
Kleists pathologischen Hass zurück;
Stefan Zweig im darauffolgenden Jahr, ebenso psychologisierend,
auf sexuelle Zwänge.
Wie
bereits angedeutet, wurden aber bereits mit dem Erstarken
der politischen Rechten am Ende der Weimarer Republik,
vor allem aber in der Zeit des Nationalsozialismus
nahezu ausschließlich Arbeiten publiziert, die die
Anschauung teilten, sowohl den als nationalistisch
empfundenen Charakter der ,Hermannsschlacht’, als
auch die ästhetische Struktur uneingeschränkt positiv
zu bewerten und die, wie beispielsweise Georg Hempel
1930, eine ,,völkische Deutung"
vertraten. Demzufolge hat sich auch das Theater während
der nationalsozialistischen Herrschaft kräftig des
Kleistschen Patriotismus bedient.
Ebenso
zwangsläufig änderte sich nach dem zweiten Weltkrieg
die Einschätzung diametral, gerade weil die ,Hermannsschlacht'
zur Bestätigung nationalsozialistischer Ideologie
herangezogen worden war. Rechtsextreme Positionen
wurden deshalb nun nicht mehr (öffentlich) vertreten.
Vertreter liberal-konservativer Traditionen hatten
zunächst noch versucht, die Hermannsschlacht
wegen der (von ihnen immer noch geschätzten) künstlerisch-ästhetischen
Qualitäten vor einer Verurteilung als nationalsozialistisches
Wegbereiterstück zu retten. Aus diesem Grund wurde
der formale Wert des Stückes gewürdigt, die als nationalistisch
empfundene Aussage aber lediglich psychologisch erklärt
und ihre politische Brisanz damit zumindest relativiert.
Teilweise wurde gar dialektisch argumentiert, um (wie
Heinz Ide 1965) Kleists ,Nationalismus’ als Ausdruck
einer im Grunde kosmopolitischen Gesinnung darzustellen:
,,Die Franzosen missfielen Kleist, weil er selbst
der ,Franzose’ zu sein meinte, der sie sein sollten,
doch nicht zu sein vermöchten."
Insgesamt
wurde das Stück aber weitgehend gemieden; dies wird
auch daran deutlich, dass wichtige Schaupielführer
sowohl der Bundesrepublik Deutschland,
als auch der Deutschen Demokratischen Republik
die Hermannsschlacht kurz bei der Darstellung
von Kleists Leben nennen, auf eine ausführliche Präsentation
aber verzichten. Allerdings hatte es in der DDR in
den fünfziger Jahren eine Inszenierungen gegeben:
1957 kam es im Harzer Bergtheater zu Thale zu einer
Freilichtaufführung; allerdings erst, nachdem ,,,eine
Anzahl führender Persönlichkeiten des kulturellen
Lebens’ nach ihrer Meinung darüber gefragt" worden
waren; Siegfried Streller berichtet aber auch, dass
dieser ,Versuch’ ,,seither ohne Nachfolge" geblieben
sei.
Theoretisch beschäftigte sich die marxistische Literaturgeschichtsschreibung
allerdings mit Kleists Hermannsschlacht und
entwickelte bereits in den frühen sechziger Jahren
in Arbeiten von Hans Mayer
und Ernst Fischer
den Ansatz beispielsweise von Georg Lukàcs weiter,
mit dem dieser 1936 auf die nationalistische Interpretation
und Vereinnahmung Heinrich von Kleists reagiert hatte:
sowohl Kleists soziale Herkunft wie auch die soziale
Rolle seines Publikums stelle den sozialen Nährboden
für nationalistisches Gedankengut dar.
In Westdeutschland wurde die Beschäftigung mit den Gründen, die Kleist
zu diesem Stück veranlasst haben könnten, erst nach
1968 intensiviert. Jetzt wurde erneut die Frage diskutiert,
,,wieweit und in welcher Weise die Struktur des Werkes
durch seine Tendenz bedingt ist".
Dennoch hatten die Bühnen der Bundesrepublik das
Stück gemieden: Claus Peymanns Inszenierung ist demnach
der erste Versuch einer Beantwortung dieser Frage;
seine Verfilmung öffnete dieses Problem der Diskussion
durch ein breites Publikum.
II.
Heute
ist die psychologisierend-erklärende Bewertung wohl
herrschende Meinung. Sie impliziert einen rechtfertigenden
Ansatz, der Folge grundsätzlicher Probleme mit der
Hermannsschlacht ist. Wie die folgende Interpretation
verdeutlichen wird, teilt Claus Peymann offensichtlich
diese psychologisierende Sicht.
Häufig
wird betont, dass Heinrich von Kleist in Distanz zur
ihn umgebenden Gesellschaft gelebt habe.
Als Grund wird das besondere Ich-Bewusstsein Kleists
genannt, das aus seiner konsequenten und radikalen
Beschäftigung mit existentiellen Fragen hergerührt
habe. Die Antworten Kleists auf die existentielle
Problematik seien auf Unverständnis gestoßen beziehungsweise
aus Furcht vor den Folgen verdrängt worden; diese
Distanz habe Kleist jedoch seine Einzigartigkeit nur
noch bewusster empfinden lassen. - Gleichzeitig habe
Kleist die Sehnsucht
nach dem Übereinklang von Innenwelt und Außenwelt
besessen. Es habe sich dabei um den Wunsch gehandelt,
die persönliche Einsamkeit zu überwinden, ohne von
der (die Einsamkeit unter Umständen ja erst hervorrufenden)
Beschäftigung mit existentiellen Problemen - und
seinen persönlichen Antworten darauf - Abstand nehmen
zu müssen. Heinrich von Kleist habe in der allgemeinen
nationalen Stimmung, die er offenbar teilte, eine
Möglichkeit gesehen, die Übereinstimmung seines Tuns
mit dem gesellschaftlichen Wollen zu erreichen.
Beda Allemann charakterisiert den ,,Nationalismus
Heinrich von Kleists" als ,,den Versuch der Integration
seines schriftstellerischen Tuns in die Forderungen
der Zeit und der Gesellschaft", die ,,unter dem
Zeichen eben des Nationalismus stand".
Diese Bewertung (aus dem Jahr 1981) scheint auch heute
noch die herrschende Meinung der Kleist-Forschung
darzustellen.
Konservative Interpretatoren haben Kleists Nationalismus
weniger sachlich-psychologisch als Allemann
dargestellt (wo Kleist ja schon eine, wenn auch subjektiv
von ihm wohl nicht empfundene, utilitaristische Tendenz
unterstellt wurde). Ein Beispiel für diese Bewertung
ist die populäre Schrift von Curt Hohoff aus dem Jahr
1958, die Kleists Entwicklung noch auf das Empfinden
einer ,,,heiligen’ Pflicht" zurückführt: ,,In
den Monaten des Winters 1808/09 glaubte Kleist seiner
Bestimmung nah zu sein wie nie zuvor, da das, was
ihm teuer war, der ganzen Nation teuer war - oder
teuer hätte sein sollen. Zum ersten Mal fühlte er
sich befreit aus dem Gefängnis seiner Seele."
Der zweite Satz drückt die selbe Einschätzung aus;
sie erfolgt aber nicht individualistisch-psychologisierend,
sondern aus der Sicht eines moralischen Wertesystems,
in dem Nationalismus nicht grundsätzlich hinterfragt
wird. - Andererseits haben auch kritische Autoren
die politische, nationale Absicht Kleists in der Regel
nicht bestritten: so spricht Siegfried Streller deutlich
von einem ,,politische[n] Tendenzdrama".
Zumindest
die persönlichen Hoffnungen, die sich Heinrich von
Kleist bei der Abfassung der Hermannsschlacht
(auch) gemacht hat, erfüllten sich nicht; das Werk
stieß, wie beschrieben worden ist, zu seinen Lebzeiten
überwiegend auf Ablehnung. Kleist blieb ,,unverstanden"
und zudem auch weiter stark ,,vereinsamt";
die ,Sehnsucht’ nach Aufhebung der Trennung von Innen-
und Außenwelt wurde nicht aufgelöst. So hat die schlechte
Aufnahme der Hermannsschlacht, wie auch des
darauffolgenden Prinzen von Homburg, wohl einen
nicht unbeachtlichen Anteil an Kleists Selbstmord,
der ja nur zwei Jahre nach Vollendung der Hermannsschlacht
erfolgt ist.
Der
psychologisierende Erklärungsansatz erlaubt es immerhin,
politische Tendenz wie formale Gestaltung der Hermannsschlacht
nun ,von außen’ zu bewerten und einzuordnen. Insbesondere
ermöglicht er es zum ersten Mal wieder (nach der antibürgerlichen,
marxistisch inspirierten Episode, die hier am Beispiel
Max Quarcks dargestellt worden ist), sich der formalen
Faszination des Werks zu stellen (und sich ihr auszusetzen),
ohne sich ihre (politischen) Implikationen zu eigen
machen zu müssen. Diesen Weg ist, wie gezeigt werden
wird, Claus Peymann gegangen; darin liegt die historische
Bedeutung seiner Interpretation.
Die Interpretation von Claus
Peymann
I.
Die
beiden leitenden Prinzipien - politische Tendenz und
künstlerische Struktur - durchziehen die gesamte Rezeptionsgeschichte.
Sie werden, je nach der Sicht des Beurteilenden und
der historischen Situation, aus der seine Beurteilung
erfolgt, in einem unterschiedlichen Verhältnis zueinander
gesehen, wobei zwar Schwerpunkte gesetzt, aber keine
zwangsläufigen Korrelationen gefunden werden können;
alle vier möglichen Positionen sind - in historisch
abhängiger, unterschiedlicher Intensität - bereits
vertreten worden.
Umgekehrt
sagt möglicherweise aber auch die Art und Weise der
Beschäftigung mit der Hermannsschlacht, die
Herangehensweise an diese Prinzipien, auch etwas über
die jeweils aktuelle historische Situation aus: Sie
hätte demnach eine Indikatorenfunktion für aktuelle,
virulente Befindlichkeiten. Vor diesem Hintergrund
ist die Beschäftigung mit Claus Peymanns Interpretation
von besonderem Interesse.
Am 5.
November 1982 hatte Peymanns Inszenierung der Hermannsschlacht
im Bochumer Schauspielhaus Premiere. Die Hauptrollen
spielten Gert Voss, Kirsten Dene, Ulrich Pleitgen
und Urs Hefti; das Bühnenbild wurde von Vincent Callara,
die Kostüme von Ursula Renzenbrink gestaltet; die
musikalische Einrichtung besorgte Heiner Goebbels.
Die Inszenierung, wurde als ,,radikale neue Deutung
von Kleists Hermannsschlacht’"
bewertet (wobei anhand der hier herausgearbeiteten
Kriterien zu untersuchen ist, ob sie dies tatsächlich
ist); sie erhielt ,,am Ende der dreieinhalb Stunden
[...] hingerissenen Beifall, lange währende Ovationen",
und wurde in der Kritikerumfrage der Zeitschrift ,Theater
heute’ zur ,,Aufführung des Jahres" für die Saison
1982/83 gewählt.
Zudem wurde sie, wie erwähnt, für die ZDF-Reihe ,Die
aktuelle Inszenierung’ ausgewählt.
II.
Der
Fernsehfilm ,,Heinrich von Kleist, ,Die Hermannsschlacht',
nach einer Aufführung aus dem Schauspielhaus Bochum"
wurde vom Regisseur der Bochumer Inszenierung selbst
bearbeitet. Das ZDF verpflichtete auch jeweils einen
der profiliertesten Kameramänner, Thomas Mauch,
und Cutter Deutschlands, Thorsten Näter.
Der Film entstand auf der Bühne des Bochumer Schauspielhauses;
in jeder Szene ist der Bühnenhintergrund zu sehen.
Der Fernsehfilm scheint eine handlungs- und zeitmäßig
exakte Abverfilmung der Inszenierung zu sein; auch
spektakuläre Szenen, die die Kargheit, die das Bühnenbild
nahezu die gesamte Inszenierung über charakterisiert,
durchbrechen (wie die Zerstückelung Hallys, die Bärenszene,
die Schlachtszene oder Hermanns ,Schattenspiel’),
entstammen der Originalinszenierung.
Der Fernsehfilm ist damit an die Vorgaben der Bühneninszenierung
zumindest gebunden, da sie das gesamte ,Material'
des Films liefert, der Film also keine ,Ereignisse'
zeigt, die nicht auch in Bochum zu sehen gewesen wären.
Die
Aufführung wird durch bühnentechnische Notwendigkeiten
begrenzt; dieser Begrenzung unterliegt demzufolge
auch der Fernsehfilm, was bedeutsam ist, da es sich
um ein anderes Medium handelt, dessen tatsächliche
Möglichkeiten dadurch erheblich eingeschränkt werden.
Der Zuschauer des Fernsehfilms ist sich mithin jederzeit
bewusst, dass es sich um eine abgefilmte Bühneninszenierung
handelt.
Der
Fernsehfilm erfüllt damit die Funktion der Dokumentation
der Bochumer Inszenierung zumindest in bezug auf die
äußere Handlung. Die Bühnenaufführung eines Theaterstücks
ist jedoch grundsätzlich auf die Reaktion eines anwesenden
Publikums hin konzipiert; dies unterscheidet sie in
der Regel von einer Verfilmung. Auch die Inszenierung
der Hermannsschlacht im Bochumer Schauspielhaus
scheint (in sogar hohem Maße) auf die Reaktion des
Publikums zugeschnitten gewesen zu sein: Georg Hensel
betont beispielsweise in Bezug auf Peymanns Konzept,
,,[...] wo er Gelächter herausschlagen kann, da schlägt
er unerbittlich zu."
Dass solche Reaktionen von Peymann auch tatsächlich
einkalkuliert worden waren, hat er selbst betont:
,,Ich glaube, dass Kleist auch sehr für das Lachen
war und dass er auch das Lachen des Schreckens kennt,
das Lachen des Erschreckens und des Erkennens und
des Verzweifelns. In diesem Sinne habe ich nichts
dagegen, wenn die Leute sich in unserer Aufführung
amüsieren."
Dies scheint auch häufig geschehen zu sein; die Rezensenten
der Premiere berichten von vielen solcher Momente,
etwa ,,wenn Hermann über das Recht des Gefangenen
höhnisch lacht und das Publikum mit ihm" (Georg
Hensel),
oder in Hinblick auf das bereits erwähnte ,Schattenspiel’,
die Projektion von Hermanns Schatten an die Bühnenwand
in Form eines riesigen Hermannsdenkmals: ,,Natürlich
ein Riesengelächter" (Benjamin Henrichs),
,,ein Anlaß zu amüsiertem Gelächter" (Georg Hensel).
Die Selbstverständlichkeit, mit der Benjamin Henrichs
in bezug auf das ,Riesengelächter’ das Wort ,natürlich'
verwendet, lässt erkennen, als welch wesentlicher
Bestandteil der Inszenierung die Publikumsreaktionen
einkalkuliert worden sein müssen.
Der
Fernsehfilm wurde allerdings ohne Publikum produziert;
damit entfallen (natürlich) auch die Zuschauerreaktionen.
Sie ließen sich vom Fernsehzuschauer vermutlich auch
nicht nachvollziehen: Vor allem ist die Wirkung solcher
Szenen (wie der Genese eines monumentalen Hermannsdenkmals)
grundsätzlich sehr anders, wenn sie auf einem kleinen
Bildschirm beobachtet wird.
Die Aussparung des originalen Theaterpublikums bei
der Fernsehverfilmung ist also ein Indiz dafür, dass
sich Peymann der Charakteristika des Mediums bewusst
ist und sie auch gezielt einsetzt.
Dies
zeigt sich auch an anderen Stellen. So nutzt Peymann
beispielsweise die Kamera, um Abstraktes visuell zu
verdeutlichen: Im ersten Auftritt des vierten Aktes
erklärt Luitgar dem Suebenfürsten Marbod den Schlachtplan
Hermanns. In der Verfilmung zeichnet Luitgar dabei
die Schlachtskizze mit weißer Kreide auf den schwarzen
Boden der Bühne; dabei schaut ihm die Kamera über
die Schulter und vermittelt dadurch dem Zuschauer
ebenfalls die (visuelle) Kenntnis des Schlachtplans.
Der
Fernsehfilm hat demnach nicht allein die Aufgabe,
die Bochumer Inszenierung zu dokumentieren; im Gegenteil
verändert sie die Originalinszenierung (durch die
Art der Kamerabenutzung, durch das Fehlen des Publikums)
so sehr, dass von einer reinen Abfilmung nicht mehr
gesprochen werden kann. Andererseits deutet die Nutzung
der Inszenierung als ,Material’ (durch den selben
Regisseur) darauf hin, dass das inhaltliche Konzept
von Theaterinszenierung und Fernsehfilm identisch
ist; indem es (mediengerecht) weitervermittelt wird,
hat der Film gerade einen jenseits des Äußerlichen
liegenden dokumentarischen Charakter. Offensichtlich
liegt darin das Ziel Peymanns - nicht in der ,reinen'
(und damit äußerlichen) Dokumentation.
Dies
soll noch einmal verdeutlicht werden. Die Unterschiede
sind in den Gesetzmäßigkeiten des Mediums Film zu
suchen (sie drücken sich in dem Untertitel des Films
aus: ,,nach einer Aufführung aus dem Schauspielhaus
Bochum").
Fraglich könnte dann aber gerade sein, warum Peymann
über zahlreiche Entscheidungen bei der Filmfassung
nicht freier verfügt hat - möglicherweise hätte er
seine Intentionen noch medien- und damit publikumsgerechter
und wirksamer ausdrücken können. So hätte er beispielsweise
für die Verfilmung die Bühne des Bochumer Schauspielhauses
verlassen und in einer realen Landschaft drehen können,
etwa im Teutoburger Wald selbst - Peter Stein hat
eine solche Vorgehensweise ja beispielsweise in
seiner Verfilmung von Maxim Gorkijs ,,Sommergästen"
getan, die auf seine Inszenierung an der Berliner
Schaubühne (damals noch: am Halleschen Ufer) zurückging.
Steins Bühnenfassung unterscheidet sich allerdings
auf vielerlei Art und Weise von Peymanns Kleist-Inszenierung,
so etwa durch die Wahl der Kostüme, die einheitlich
sind und aus der
Zeit stammen, in der Gorkij das Stück geschrieben
hat und in der es auch spielt, während Peymann jede
Epocheneinheitlichkeit bewusst vermieden und beispielsweise
einen germanischen Flügelhelm neben einen an britische
Kolonialisten mahnenden Tropenhelm oder eine (noch
heute übliche) Baskenmütze gesetzt hat. Über die möglichen
Intentionen Peymanns später mehr - auf jeden Fall
wird dadurch der Effekt einer gewissen Verfremdung
erreicht; dass diese beabsichtigt ist, macht die Inszenierung
mit ihrer grundsätzlichen Kargheit, Schwärze und
Leere der Bühne deutlich; dies wird aber auch in anderen,
über diese Kargheit hinausgehenden Szenen vorgeführt,
etwa bei der Zerstückelung Hallys; etwa in der Bärenszene,
inszeniert als kitschiges Gruselstück; etwa durch
die irreal-riesige Erstarrung Hermanns zum Hermanns-Denkmal.
Mit diesem Ziel der Verfremdung, das die Bühneninszenierung
geprägt hat, kann auch die Entscheidung Peymanns erklärt
werden, nicht etwa im realen Teutoburger Wald zu drehen.
Auch der Entschluss, häufig keine Änderungen bei der
Verfilmung vorzunehmen, erscheint mithin nachvollziehbar
und begründet.
Gerade
diese Tatsache zwingt dazu, den Fernsehfilm als eigenständiges
künstlerisches Werk zu bewerten. Es ist insoweit
gelungen, als es ein konsistentes, autarkes Gebilde
darstellt; das heißt, dass es auch allein, ohne Kenntnisse
etwa bühnentechnischer Notwendigkeiten rezipiert
werden kann. Es benutzt zwar ausschließlich das Bildmaterial,
das ihm die Bochumer Aufführung zur Verfügung gestellt
hat, ist aber keine Abfilmung (die dann ,nur' dokumentarischen
Wert hätte). Es benutzt die Inszenierung, um das selbe
Konzept in einem anderen Medium zu vermitteln. Dieses
Konzept soll im folgenden analysiert und seine Umsetzung
bewertet werden.
Die
Analyse hat damit die erste existente eigenständige
Hermannsschlacht-Verfilmung zum Gegenstand.
Die Verfilmung wirft ein neues Licht auf die genannten,
rezeptionsgeschichtlich entscheidenden Prinzipien.
Von daher ist sie für die Bewertung der Hermannsschlacht
wie auch für die Rezeptionsgeschichte Kleists von
besonderer historischer Bedeutung.
III.
Claus
Peymanns Inszenierung der Hermannsschlacht
zeichnet sich vor allem durch ihren Respekt vor Kleists
Text aus. Als Beispiel für die Art und Weise, wie
Peymann beim Streichen vorgegangen ist, soll nun der
erste Auftritt des ersten Aktes dienen. Die Auslassungen
Peymanns sind in eckige Klammern gesetzt:
Wolf:
Es ist umsonst, [Thuskar,] wir sind
verloren!
Rom[, dieser Riese, der, das Mittelmeer
beschreitend,
Gleich dem Koloß von Rhodos, trotzig,
Den Fuß auf Ost und Westen setzet,
Des Parthers mut'gen Nacken hier,
Und dort den tapfern Gallier niedertretend:
Er] wirft auch jetzt uns Deutsche in
den Staub.
Gueltar[, der Nervier,] und Fust[, der
Fürst der Cimbern,]
Erlagen dem Augustus schon;
Holm [auch, der Friese,] wehrt sich
nur noch sterbend;
Aristan hat[, der Ubier,
Der ungroßmütigste von allen deutschen
Fürsten,]
In Varus' Arme treulos sich geworfen;
Und Hermann, der Cherusker, endlich,
zu dem wir, als dem letzten Pfeiler,
uns[,
Im allgemeinen Sturz Germaniens,] geflüchtet,
Ihr seht es, Freunde, wie er uns verhöhnt:
Statt die Legionen mutig aufzusuchen,
In seine Forsten spielend führt er uns,
und läßt den Hirsch uns und den Ur besiegen.
Thuiskomar:
Er muß hier diese Briefe lesen!
- Ich bitt' euch, meine Freunde, wanket
nicht,
Bis die Verräterei des Varus ihm eröffnet.
Ein förmlicher Vertrag ward jüngst
Geschlossen zwischen mir und ihm:
Wenn ich dem Fürsten mich der Friesen
nicht verbände,
So solle dem August mein Erbland heilig
sein;
Und hier, seht diesen Brief, ihr Herrn,
Mein Erbland ist von Römern überflutet.
Der Krieg, so schreibt der falsche Schelm,
[In welchem er mit Holm, dem Friesen,
liege,]
Erfordere, daß ihm Sicambrien sich öffne[:
Und meine Freundschaft zu Augustus lass'
ihn hoffen,
Ich werd' ihm diesen dreisten Schritt,
Den Not ihm dringend abgepreßt, verzeihn].
Laßt Hermann, wenn er kömmt, den Gaunerstreich
uns melden[:
So kommt gewiß, Freund Dagobert,
Freund Selgar, noch der Bund zustande,
Um dessenthalb wir hier bei ihm versammelt
sind].
Dabobert:
[Freund Thuiskomar!] Ob ich dem Bündnis
mich,
Das diese Fremdlinge aus Deutschland
soll verjagen,
Anschließen werd', ob nicht: darüber,
weißt du,
Entscheidet hier ein Wort aus Selgars
Munde!
[Augustus trägt, Roms Kaiser, mir,
Wenn ich mich seiner Sache will vermählen,
Das ganze, jüngst dem Ariovist entrißne,
Reich der Narisker an -
Nichts! Nichts! Was fahrt ihr auf? Ich
will es nicht!
Dem Vaterlande bleib' ich treu,
Ich schlag' es aus, ich bin bereits
dazu.
Doch] der hier[, Selgar,] soll[, der
Fürst der Brukterer,]
Den Strich mir, der mein Eigentum,
An dem Gestad' der Lippe überlassen;
Wir lagen längst im Streit darum.
Und wenn er mir Gerechtigkeit verweigert,
[Selbst jetzt noch, da er meine Großmut
braucht,]
So werd' ich mich in euren Krieg nicht
mischen.
Selgar:
Dein Eigentum! Sieh da! Mit welchem
Rechte
Nennst du, was mir verpfändet, dein[,
Bevor das Pfand, das Horst, mein Ahnherr,
zahlte,
An seinen Enkel du zurückgezahlt?
Ist jetzt der würd'ge Augenblick,
zur Sprache solche Zwistigkeit zu bringen?]
Eh' ich[, Unedelmüt'gen,] dir
Den Strich am Lippgestande überlasse,
Eh' will an Augusts Heere ich
Mein ganzes Reich, mit Haus und Hof,
verlieren!
[Thuiskomar:
O meine Freunde!
Ein Fürst:
Selgar! Dagobert!
Ein Cherusker:
Hermann, der Fürst, kommt!
Thuiskomar:
Laßt den Strich, ich bitt' euch
Ruhn, an der Lippe, bis entschieden
ist,
Wem das gesamte Reich Germaniens gehört!
Wolf:
Da hast du recht! Es bricht der Wolf,
o Deutschland,
in deine Hürde ein, und deine Hirten
streiten
Um eine Handvoll Wolle sich.]
Das
Ausmaß der Kürzungen in diesem Auftritt ist in etwa
repräsentativ für Peymanns Vorgehensweise: Er hat
stellenweise konsequent, doch nie übermäßig oder verfälschend
gestrichen.
Nur
ein einziges Mal stellt Peymann Szenen um - allerdings
an einer wichtigen Stelle: im dritten Auftritt des
vierten Aktes. Er beginnt (wie im Originaltext, allerdings
teilweise gekürzt) mit dem Zwiegespräch zwischen Hermann
und Eginhardt, das vor dem für die Inszenierung charakteristischen
schwarzen Hintergrund stattfindet. Es bricht jedoch
mitten im dritten Auftritt mit Hermanns Ausruf ,,Horch'!
Still!"
ab; und es folgt die als ,,fernöstliches Maskenspiel"
stilisierte Szene, in der die Zerstückelung Hallys
vorbereitet wird (und schließlich, später, auch erfolgt);
also mit dem vierten Auftritt. Mit dem Aufschrei Teutholds
,,Gott im Himmel!/ Hally, mein Einziges, was widerfuhr
dir?"
bricht wiederum das Maskenspiel ab; und Peymann setzt
den dritten Auftritt bis zum Ende fort. Erst dann
wird das Maskenspiel weitergeführt, zu dem später,
entsprechend der Textvorlage, auch Hermann und Eginhardt
stoßen.
Auch dieser Eingriff Peymanns ist eher behutsam; er
bedeutet tatsächlich eine leichte Spannungssteigerung
in Form eines retardierenden Moments, ohne den Charakter
der Szene zu verändern.
Es findet
sich auch nur eine einzige Stelle, an der Peymann
Personen auslässt (und ihren Text anderen übergibt):
im ersten und zweiten Auftritt des vierten Aktes,
wo Hermanns Kriegsplan von Luitgar dem Marbod unterbreitet
wird. In der Textvorlage ist Marbod zunächst skeptisch
und fragt den misstrauischen Attarin um Rat; beide
prüfen dann Hermanns Söhne, die dieser dem Marbod
als Geißeln gegeben hatte, ob es die echten Kinder
Hermanns seien. Dieses Fragespiel ist für den Leser
(und Zuschauer), der den wahren Sachverhalt ja bereits
kennt, ohne neuen Erkenntnisgewinn; auch dramaturgisch
ist es nicht notwendig: (wohl) deshalb hat Peymann
es ausgelassen - weder Hermanns Söhne noch Attarin
erscheinen in der Inszenierung; der Schlachtplan
wird dem Marbod von Luitgar direkt übermittelt. Marbod
übernimmt hier auch den Originaltext Attarins (sofern
er nicht wegfällt); an einer Stelle übernimmt Luitgar
(sogar) den Text, den Kleist Marbod zugedacht hatte:
In der Vorlage besänftigt Marbod Attarins Zweifel;
bei Peymann äußert Marbod selbst die Bedenken, und
Luitgar stellt sich ihnen mit Marbods Originaltext
entgegen.
Insgesamt
war der Regisseur aber mit Kürzungen oder Veränderungen
der Textvorlage zurückhaltend. In stärkerem Ausmaß
hat er noch bei der Schluss-Szene gestrichen, wo die
Diskussion über die Frage, wer Herrscher über die
Deutschen werden solle,
komplett ausgelassen worden ist. Es gibt aber auch
Szenen, die mit der selben Berechtigung hätten gekürzt
werden können, aber belassen wurden - so dass eher
der Eindruck entsteht, Peymann wolle mit seiner Inszenierung
Kleists Wortbilder zelebrieren: die Bescheidenheit
eines Regisseurs vor einem bewunderten Text. So
könnte auch die Tatsache interpretiert werden, dass
die Bühne in Bochum fast durchgängig leer blieb,
das Bühnenhaus mit schwarzen Wänden und Vorhängen
bedeckt war: Dieser Entscheidung lag demnach der Wunsch
zugrunde, Kleists Text für sich alleine wirken zu
lassen, möglichst ohne ablenkende Einflüsse. Diese
Interpretation wird durch Eigenbewertungen Peymanns
gedeckt. Er hat beispielsweise Skrupel hinsichtlich
der wenigen Szenen geäußert, die diese Kargheit durchbrechen:
,,Das sind für mich Bilder, bei denen wir eigentlich
gar nicht die Mittel hatten, wo wir poetisieren mussten;
obwohl es als ein großes Verdienst der Aufführung
gewertet wird, ist es eher eine Schwäche."
- Die Zurückhaltung des Regisseurs wurde auch von
Kritikern beobachtet: ,,Noch nie hat Claus Peymann
eine Inszenierung so ruhig entwickelt, ganz aus dem
Innern des Textes. [...] Noch nie hat er so ,erwachsen'
inszeniert, seine Kindeslust an den schönen Spielen
des Theaters bezähmt."
Peymanns Absicht scheint es also (zumindest auch)
gewesen zu sein, den Text Kleists möglichst wenig
durch Eingriffe zu stören oder zu überlagern. Notwenigerweise
gilt dies dann auch für den Fernsehfilm; darin muss
ein weiterer Grund beispielsweise für die Entscheidung
gesehen werden, den Fernsehfilm auf der leeren Bühne
(und nicht etwa in einer realen Landschaft) zu drehen.
IV.
Problematisch
wäre (insbesondere vor dem Hintergrund der schwierigen
Rezeptionsgeschichte dieses Werkes) gewesen, wenn
diese dienende Absicht das einzige Ziel Peymanns gewesen
sei. Tatsächlich hat sich ein entsprechender Eindruck
lange Zeit gehalten, wie beispielsweise C. Bernd
Sucher verdeutlicht hat: ,,[...] - dass er [Claus
Peymann] dieses Stück ausgegraben hatte, blieb überraschend,
seltsam. Noch in der Pause, da waren die ersten sieben
Szenen des vierten Aktes bereits gespielt, war unklar,
wie Peymann seine Gratwanderung fortsetzen würde.
Irgendetwas mußte er unternehmen, um Hermann, diesem
kühlen Kopf mit Führereigenschaften, den Nimbus des
Retters zu nehmen."
Es gelang dem Regisseur dann doch, eine
eigene Deutung der Hermannsschlacht zu Ausdruck
zu bringen (Suchers nächster Satz lautet denn
auch: ,,Und es geschah etwas.") - dennoch muss
die Frage diskutiert werden, ob ein Text, der in
einem solchen Ausmaß (auch) Unmenschliches ausdrückt
(inhaltlich wie sprachlich!) heute noch so respektvoll
behandelt werden darf, nachdem ja bekannt ist, was
die Folgen dieses Fremdenhasses sein können - beziehungsweise:
was dieser Respekt im Jahr 1982 für die gesellschaftliche
Entwicklung indiziert. Die Interpretation Peymanns
stellt vor diesem Hintergrund eine wichtige Quelle
dar, um Änderungen des ,Zeitgeistes’ zu erkennen und
zu bewerten.
V.
Die
Rezensenten der Premiere erklären das Konzept Peymanns
von der Schluss-Szene aus:
C. Bernd Sucher:
,,Und es geschah etwas. Peymann stellt Gert Voss,
den Bochumer Hermann, in der Schlußszene ganz allein
auf die große leere Bühne. Jubel, Gewehrsalven,
Musikdröhnen, und Hermanns Schatten, das lebendige
Denkmal, wächst an der Bühnenrückwand, je weiter sich
der Fürst von seinem Volk entfernt. Dann reißt sich
Voss den Wikingerhelm vom Kopf, ärgerlich, enttäuscht.
Darunter trägt er noch immer die Che-Guevara-Mütze.
Der Revolutionär, der listig-subversive, der handelt,
während die anderen reden und lamentieren, hat gesiegt.
Aber er weigert sich, als Kriegsheld gefeiert zu
werden, weil er weiß, daß er keinen Schritt vorangekommen
ist auf dem Weg, die Freiheit zu retten."
Benjamin Henrichs:
,,Vor dem Finale [...] noch ein Schattenspiel. Hermann,
der Sieger, von einem Scheinwerfer illuminiert. An
der Bühnenwand sein ins Riesenhafte wachsender Schatten:
das Hermannsdenkmal. Natürlich ein Riesengelächter.
Es ist gut,
daß Peymann seine Inszenierung nicht mit diesem Licht-
und Knalleffekt, mit dieser kritischen Platzpatrone
aufhören läßt.
Sondern ganz
anders: Die Bühne ist leer, das Bühnenhaus offen,
die schwarzen Wände heruntergerissen. Hermann und
Thusnelda, auf der weiten Bühne allein. Plötzlich
erinnern die beiden an ein anderes großes Theaterpaar
- an Bernhard Minetti und Edith Heerdegen, die im
selben Theater Thomas Bernhards ,Weltverbesserer’
spielten. Ein Weltverbesserer ist auch Hermann der
Cherusker - getreu Bernhards Devise, daß die Welt
nur verbessern kann, wer sie vernichtet.
Das ist das
Ende. Die Römer sind ausgerottet. Deutschland ist
gerettet. Die Welt ist leer."
Von
dieser Schluss-Szene aus rückwirkend betrachtet, haben
alle anderen wichtigen Elemente der Inszenierung
- wie die kahle Schwärze des Bühnenhintergrunds oder
die Kostüme - nur den Zweck, die Zeitlosigkeit und
damit Abstraktionsfähigkeit dieses eigentlich für
eine sehr konkrete politische Situation geschriebenen
vaterländischen Schauspiels zu verdeutlichen; damit
(auch) dem (negativen!) Interpretationskonzept dienend,
das Sucher mit ,,Rettung? - Warten auf den Untergang"
umschrieben hat.
Zudem
entsteht durch die genannten Inszenierungselemente
eine symbolische Ebene (die bemerkenswerterweise von
den Rezensenten zwar gesehen, aber nicht in ihrer
Funktion gewürdigt wurde). So dient das Bühnenbild
tatsächlich dem Abstraktionsprinzip - durch seine
leere Schwärze, die keine Möglichkeit einer historischen
Einordnung bietet; auch die Requisiten sind epochengeschichtlich
und stilistisch uncharakterisierbar, wie der Thron
Hermanns, ein lediglich in ein rotes Tuch eingeschlagener
Stuhl; die Kostüme sind eine Mischung aus Gegenwartskleider
(die quantitativ wohl dominieren und damit erneut
die Distanz zum ,klassischen Stoff’ demonstrieren),
Kleidung aus der Entstehungszeit des Werks, der Zeit
Kleists (Uniformrelikte wie Jacken oder Hosen), sowie
Fragmente von Kleidungsstücken, die (klischeehaft)
auf die Zeit der historischen Hermannsschlacht verweisen
sollen (sie sind besonders auffällig, allerdings quantitativ
schwächer vertreten: beispielsweise eine Flügelhelm,
ein Kriegshelm mit Hörnern, Waffenteile); dazu kommen
Kleidungsstücke, die auf imperialistische beziehungsweise
kolonialistische Perioden verweisen (so britische
Tropenhelme); schließlich sind auch die musikalischen
Einsprengsel als kurze Zitate (Marschmusik, hymnenartige
Musik) konzipiert, die auf überzeitliche Motive verweisen
sollen.
Diese
Zitate weisen auf eine weitere Interpretationsebene:
Denn es handelt sich, über die gesamte Inszenierung
hinweg, um zwar zeitlich durcheinandergehende, stets
ungenaue und teilweise nicht einzuordnende, so doch
anthropologisch sehr konkrete Symbole. Insgesamt haben
sie so die Wirkung von Metaphern. Dies soll kurz am
Beispiel des römischen Feldherrn Varus verdeutlicht
werden: Er trägt einen Tropenhelm, der an die Kopfbedeckung
britischer Kolonialoffiziere erinnert. Damit werden
Kolonialismus und Imperialismus als die das britische
Weltreich (zumindest aus der Sicht der heute wohl
herrschenden Meinung) prägenden und leitenden Prinzipien
auf Varus übertragen und implizit den Römern unterstellt
und vorgeworfen. Die ,Hermannsschlacht’ ist so zwar
kein reales Ereignis mehr, sie wird aber (unter anderem)
als Parabel auf den Kolonialismus genutzt. Damit kann
das Stück auf alle historischen Situationen angewandt
werden, die von ähnlichen Motiven geprägt sind. C.
Bernd Sucher deutet die Implikationen dieses Inszenierungsmerkmals
nur an, wenn er schreibt: ,,Nichts ist in dieser Inszenierung
übrig von Kleists Propaganda von ,Deutschlands großer
Sache’. Mit den Römern sind nicht mehr die Franzosen,
mit den Cheruskern nicht die Preußen mehr gemeint,
wenngleich auch in dieser Fassung [...] hier und dort
die Anspielungen noch immer zu hären sind."
Georg
Hensels Differenzierung
zwischen Hermann als Che Guevara und als Asterix kommt
den Peymannschen Funktionsimplikationen bereits näher.
Das Beispiel der Römer soll die Peymannsche Vorgehensweise
weiter verdeutlichen: denn gerade die differenzierende,
sich häufig widersprechende Symbolik, die gezielt
negative, in bewusstem Gegensatz zur inhaltlichen
Aussage des Stückes stehende Momente einsetzt, wurde
von den Rezensenten der Premiere nicht herausgearbeitet.
- Die Römer sind grundsätzlich weiß gekleidet, die
Germanen schwarz: Dies ist die Umkehrung der Farbenfolge,
die normalerweise in Trivialfilmen zur Charakterisierung
der Personen benutzt wird (dort sind die Guten immer
weiß, die Bösen immer schwarz gekleidet). Für Kleist
sind die Germanen ,gut' und die Römer ,schlecht’ (dies
ist ja die Grundaussage der Hermannsschlacht);
indem Peymann die Farbsymbolik umkehrt, distanziert
er sich (doch!) von Kleist. Er verweist auf eine Ebene
außerhalb des Stückes, in der diese ,Schwarz-Weiß-Malerei’
unzutreffend ist. Die Aussage des Stückes wird durch
die symbolische Farbumkehrung relativiert, gebrochen.
Es gibt
weitere Beispiele für die Peymannsche Methode der
umgekehrten, negativen Symbolik (- erneut von keinem
Kritiker erwähnt). Kleist geht es ja darum, die Römer
als hassenswerte Eindringlinge darzustellen, während
sich die Germanen in einem nationalen Befreiungskampf
befinden. Die Kampfhandlungen haben also keine (moralische)
Legitimation, was die Römer betrifft; dagegen führen
die Germanen einen ,gerechten Krieg' (der deshalb
wiederum auch manch unmoralisches Verhalten legitimiert).
Peymann relativiert diese Darstellung, indem er da,
wo die Römer brutal sind, das Geschehen auf eine imaginäre
Sphäre enthebt; die Grausamkeiten der Germanen werden
dagegen überdeutlich dargestellt. Nie sieht man die
Römer Gewalttaten begehen: Als das Römerheer, plündernd,
durch Cheruska nach Teutoburg zieht,
wird auf die schwarze Bühnenwand lediglich ferner
Feuerschein projiziert; das vergewaltigte Mädchen
Hally, Opfer der Römer, taucht nur als ,Maske’ auf;
die Schlacht selbst wird entsprechend der zwei Zeilen
,,Zerschellt ward nun das ganze Römerheer,/ Gleich einem Schiff,
gewiegt in Klippen"
als grotesk hin- und herschwankendes, mit Musik
unterlegtes Ballett, nicht als Kampf inszeniert.
Die Aggressivität der Germanen wird dagegen mit viel
Blut dargestellt: Dies beginnt bereits in den Anfangsszenen,
als ein gerade erlegter Auerochse auf die Bühne geschleppt
wird,
,,die Pfeile stecken noch in seinem Körper, plötzlich
stürzt Blut aus seinem Maul - beschmutzt [... die]
leere Bühne";
das setzt sich fort in der Bärenszene,
in der tatsächlich ein Bär (,,ein[...] Schauspieler
im schwarzen Bärenkostüm")
auf der Bühne seine Krallen in Ventidius bohrt; und
das endet damit, dass Varus brutal abgeschlachtet
wird:
,,Wenn sie [die ,germanischen Guerrilleros'] dem Varus
die Hose herunterzerren und ihn abstechen wie ein
Stück Vieh, suhlen sie sich in einem sexuellen Blutrausch."
Die
beiden Szenen, in denen der Auerochse und Varus getötet
werden, sind von Peymann offenbar mit Absicht als
eine Art Rahmen konzipiert worden: Gleich zu Beginn
bringen die Germanen - ohne sichtbare Gefühlsregungen,
mithin ohne Respekt vor dem Leben - das Tier um, und
es verendet stark blutend; genauso stirbt vor dem
Finale Varus, wörtlich: ,,Als wär' ich ein gefleckter
Hirsch,/ Der, mit zwölf Enden, durch die Forsten bricht!
-";
wie Georg Hensel ja betont hat, stechen ihn die Germanen
,,wie ein Stück Vieh"
ab. Die Feinde sind für die Germanen offenbar keine
Menschen mehr, sie werden wie Tiere behandelt; gleichzeitig
deutet das rohe ,Abschlachten' der Feinde aber auch
an, dass sich die Germanen selbst brutal, wie Tiere,
verhalten: Der Bär, der Ventidius zerfleischt, ist
gleichzeitig Teil der Persönlichkeit Thusneldas;
als Varus umgebracht wird, ,,suhlen sie [die Germanen]
sich in einem sexuellen Blutrausch"
- sie suhlen sich, wie wilde Tiere. Mit den Extremszenen
des Rahmens werden die Motive, die (nach Peymanns
Interpretation) die Germanen leiten, präsentiert:
eine auf das Absolute zielende Grausamkeit, die gleichzeitig
immer eine sexuelle Komponente hat.
Sehr
aussagekräftig ist in diesem Kontext die Bärenszene,
in der das Tier (anstelle von Thusnelda) den (offensichtlich
noch immer) geliebten Mann, von dem aber klar geworden
ist, dass er umgekehrt nicht verliebt ist, vielmehr
ihre Liebe nur ausgenutzt hat, zerfleischt: durch
das Zerfleischen kann er der Frau doch noch ganz gehören.
Die Liebe ist demnach absolut und kann nur absolut
empfunden werden; sie ist Ausdruck einer Geisteshaltung,
die auf absoluten Werten besteht. Dies impliziert
die totale Unterwerfung (hier: unter die Liebe Thusneldas).
Ist die absolute Form nicht möglich, bleibt nur noch
der Tod, das letzte Absolute. Dies ist einerseits
eine Überhöhung (hier: der Liebe) ins Absolute, andererseits
(und gleichzeitig) eine Reduktion: auf Selbstpreisgabe
und Unterwürfigkeit. Mit dem Begriff der Liebe ist
demnach zwangsläufig die Machtfrage gekoppelt, die
hier vor allem physisch dargestellt und ausgelebt
wird: sexuell und brutal.
Die
Koppelung ist deshalb reziprok. Dies wird beispielsweise
nach der Ermordung des Varus deutlich: Nachdem ihn
die Germanenfürsten Fust und Gueltar getötet haben,
nehmen sie ihn ganz in Besitz, indem sie sein Blut
in ihren eigenen Gesichtern verreiben; dann küssen
sie sich.
Wie
eng Selbstaufgabe (beziehungsweise Macht) und Sexualität
zusammenhängen, zeigt sich noch einmal im selben
Auftritt, als Fust und Gueltar vor Hermann in Unterwürfigkeitspose
knien. Hermann ist verwundet und blutet stark (die
Wunde wurde von Gueltar selbst verursacht); aus ihrer
Unterwürfigkeit heraus bedrängen beide Fürsten den
Hermann sexuell (Gueltar: ,,Komm her, soll ich das
Blut dir saugen?" - Fust: ,,Mir laß - mir, mir!").
Die Verbindung zwischen Sexualität und Brutalität
einerseits sowie Macht und Selbstaufgabe andererseits
besteht, wie der Text beweis, bereits bei Kleist selbst;
Peymann hat sie jedoch explizit herausgearbeitet
und sie in den Mittelpunkt seiner Inszenierung gestellt.
Sie verweist auf einen tiefenpsychologischen Zusammenhang,
der gerade für den faschistischen beziehungsweise
nationalsozialistischen Führerkult bestimmend war.
In der Inszenierung erscheint Hermann in diesem Moment
als mystisch überhöhter Führer, vor dem Gueltar und
Fust in die Knie sinken.
Die
Filmanalyse verdeutlicht den Interpretationsansatz