Orbis Linguarum

Orbis Linguarum


Orbis
Aktuell
Diskussion
Suche
Archiv
Register
Redaktion

Bestellung

Impressum

Download dieses Dokuments als pdf-Datei
Diskutieren Sie mit Kollegen über diesen Artikel im Forum.
Orbis Linguarum Vol. 25/2004

Thorsten Fögen

Berlin

Ostdeutschland nach der Wende: Ankunft der Zonenkinder in der neuen Mitte?

Die Wiedervereinigung Deutsch­lands ist historisch vermutlich einzigartig. Aber auch der Transformationspro­zeß, der die ganze Bundesrepublik seit­dem erfaßt hat, ist in dieser Form kaum mit anderen Prozessen in Ost- und West­eu­ropa vergleichbar.

(Bertram & Kollmorgen 2001: 9)

Kaum ein Thema ist in den deutschen Medien schon seit geraumer Zeit so präsent wie die Frage danach, inwieweit sich Ost- und Westdeutschland seit der Wieder­vereinigung im Jahr 1990 angenähert haben. Man diskutiert über unterschiedliche Identitäten und Mentalitäten, die sich nach Aussagen mancher zum Teil sogar eher verschärft als ausgeglichen haben. Noch immer serviert die Boulevardpresse eine befremdliche Mischung aus DDR-Nostalgie auf der einen Seite und Skandale wie Enthüllungen über frühere Machenschaften der Staatssicherheit auf der anderen. Zu den erfolgreichsten Kinofilmen des Jahres 2002 zählt „Goodbye Lenin“, ein zäher Streifen mit einem an den Haaren herbeigezogenen Plot, der davon handelt, wie ein junger Mann seiner aus dem Koma erwachten kranken, schonungsbedürftigen Mut­ter die inzwischen erfolgte Wende verschweigt und für sie unter reichlich klamot­tigem Aufwand eine „bessere“ DDR inszeniert. Die Fernsehsender überbieten sich gegenseitig mit Ostalgie-Shows, zu deren Anlaß man das alte FDJ-Hemd aus der Mottenkiste hervorkramt und sich im Verein mit Sportgrößen und Schlagerstern­chen der DDR an alte Zeiten erinnert - zumeist getreu dem Motto „Irgendwie war es trotz allem auch schön“. Dereinst wenig beliebte Ostprodukte erleben ihre Re­naissance und werden, sofern im herkömmlichen Handel schwer erhältlich, zum Teil sogar über das Internet angeboten.

Daß eine Umbruchsituation wie die der Wende in der Wissenschaft eine inzwi­schen beinahe unüberschaubare Flut an Fachliteratur mit sich bringt, bedarf keines ausführlicheren Hinweises. Insbesondere die Kultur- und Sozialwissenschaften ha­ben eine stattliche Anzahl an Studien vorzuweisen, die das Phänomen politischer und gesellschaftlicher Transformationen nach dem Fall der DDR aus verschie­de­nen Blickwinkeln analysieren [1] . Daneben findet sich zu demselben Thema ein gro­ßes Spektrum nichtwissenschaftlicher Literatur, die vom Sachbuch [2] bis hin zu Bel­le­tris­tik reicht.

In diesem Beitrag möchte ich aus der letzteren Rubrik ein Beispiel heraus­grei­fen und durch dessen nähere Beleuchtung die Komplexität der Beschäftigung mit der Frage nach der Existenz spezifisch ostdeutscher Identitäten veranschaulichen. Zu dem genannten Thema hat die Autorin Rita Kuczynski nach dem Sachbuch Die Rache der Ostdeutschen (2002) nun den Titel Im Westen was Neues? (2003) ediert, um den es hier in erster Linie gehen soll. Außerdem stammen von ihr die vier Ro­mane Nächte mit Hegel (1984), Wenn ich kein Vogel wär (1990), Staccato (1997) und Die gefundene Frau (2001) sowie die Autobiographie Mauerblume. Ein Leben auf der Grenze (1999). Geboren 1944, studierte sie nach einer intensiven Klavier­ausbildung Philosophie, promovierte 1976 über Hegel und war bis 1981 Mitarbei­terin an der Akademie der Wissenschaften der DDR. Als Schwiegertochter des einflußreichen Wirtschaftshistorikers Jürgen Kuczynski lebte sie in stetem Kontakt zur Nomenklatur des Systems - nach eigener Darstellung wider Willen, doch kei­neswegs ohne das Wissen darum, wie die damit verbundenen Vorteile zu nutzen waren (Kuczynski 1999: passim).

Rita Kuczynskis neueste Veröffentlichung Im Westen was Neues? Ostdeutsche auf dem Weg in die Normalität (2003) versteht sich als eine Fortsetzung ihres 2002 erschienenen Buches Die Rache der Ostdeutschen. Darin hatte sie zwanzig Ost­ber­liner PDS-Wähler über die Motive ihrer Entscheidung bei der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus im Jahre 2001 befragt. Verbunden damit waren Erkundigungen danach, wie der Fall der Mauer die Lebensläufe der Befragten beeinflußt hat. Einen ähnlichen, im Detail aber erweiterten Fragenkatalog legte Kuczynski für ihre jüng­ste Arbeit achtzehn Ostdeutschen vor, die die Überzeugung vertraten, sie seien „in der Bundesrepublik angekommen“. Die Befragten, ausschließlich Akademiker, sind auf alle fünf neuen Bundesländer verteilt und reichen von einer 26jährigen Studentin bis hin zu einer 61jährigen Universitätsprofessorin. Die Identität der Personen ist nicht bei allen Interviews verschlüsselt. Manche sind so angelegt, daß sich mit größter Leichtigkeit rekonstruieren läßt, wer sich hinter den aufgeführten Vornamen verbirgt.

Die Gesprächspartner wurden um Auskunft darüber gebeten, was sie vor und nach der Wende gemacht haben, wie sie vom Mauerfall erfuhren und inwiefern dieser ihr Leben verändert hat. Neben einer Einschätzung der Fehler, die bei der Wiedervereinigung gemacht wurden, sollten sie sich zu ihren Zukunftswünschen bezüglich der anstehenden Reformen in Deutschland äußern, ihre Position zur ge­genwärtigen Wirtschaftskrise darlegen und das auf diese Krise reagierende Verhal­ten der Ostdeutschen beurteilen. Schließlich war die Partei zu nennen, für die sie sich bei der Bundestagswahl im September 2002 entschieden hatten (Kuczynski 2003: 20f.). An diesem Fragenkatalog hält die Herausgeberin das ganze Buch hin­durch starr fest und beraubt sich damit der Möglichkeit, in einzelnen Fällen genau­er nachzufragen; dies aber wäre besonders an den Stellen von großem Interesse gewesen, an denen die Gesprächspartner in allzu platter Weise Stereotype aneinan­derreihen, sich an Klischees klammern oder unausgegorene und zum Teil sogar widersprüchliche Positionen vertreten [3] . Auch in bezug auf den Gehalt der Fragen selbst wäre einiges zu kritisieren. So erscheint es wenig sinnvoll, mit den Formu­lierungen bereits die Richtung der Antwort zu suggerieren, wie dies bei „Was ist schiefgegangen bei der Wiedervereinigung?“ der Fall ist.

Bei nahezu allen hier aufgezeichneten Lebensläufen zeigen sich Brüche und die Bewältigung zum Teil gewaltiger Herausforderungen beim Umgang mit den Fol­gen der Wende. Gleichwohl begreifen die meisten Interviewpartner die Wiederver­einigung als eine Möglichkeit zur Selbstverwirklichung. Man begrüßt die Reise­frei­heit, die unreglementierte Diskussion unterschiedlicher Auffassungen, die in­tel­lektuelle Vielfalt und Informationsfreiheit (Kuczynski 2003: 29, 138, 143). Mehr­heitlich wird aber die Überzeugung vertreten, daß der Wandel viel zu schnell vor sich ging (Kuczynski 2003: 43, 93, 101, 149f., 151, 168, 177). Auch die weitge­hen­de Übernahme westdeutscher Verhältnisse anstelle eines eigenen Weges wird bisweilen moniert, bis hin zur Artikulation der Vorstellung von einem „Sozialis­mus mit menschlichem Antlitz“:

·  „Ich wollte eine reformierte DDR. Aber ich wollte eigentlich nicht, dass sie zusammenbricht.“ (S. 78, cf. S. 115)

·  „Die Übernahme der DDR, die dann kam, habe ich mir so nicht ge­wünscht. Ich weiß auch heute keine andere Lösung. Aber ich dachte, man kann einen behutsameren Weg finden, sich schrittweise der BRD annähern. Eine demokratische Ordnung unter vorläufiger Beibehaltung der Staats­be­triebe, mit staatlicher Förderung der Privatinitiative - das war meine Vision. Ähnlich der heutigen Wirtschaftspolitik Chinas. (...) Gut, wir wollten das System reformieren, wir wollten eigentlich nicht die Verhältnisse von West­deutschland einfach übernehmen. Aber 15 Millionen DDR-Bürger drängten nach Veränderung und vor allem nach Verbesserung. Nach welchem Kon­zept dies ablaufen sollte, wussten wir aber auch selber nicht. Nur dass es keinem schlechter gehen sollte als zuvor, habe ich von Anfang an nicht ge­glaubt.“ (S. 149-151)

·  „An Vereinigung habe ich nicht gedacht in dieser Zeit [sc. Ende 1989]. Das lag auch daran, dass die BRD keine Alternative für mich war. Ich wollte die DDR retten, zumindest das Bild, das ich von einer weltoffenen DDR hatte. Aber ich kannte die BRD natürlich nur aus dem Fernsehen. Und was ich da sah, überzeugte mich nicht.“ (S. 136)

·  „Ich dachte, dass man das sozialistische System von innen her umbauen könnte, zu einem Sozialismus mit menschlichem Antlitz, das heißt mit mehr Freiheit und wirtschaftlicher Vernunft. Ungarn war für mich Beispiel, dass das ging.“ (S. 184)

·  „(...) für mich war es keine Wende, sondern ein Zusammenbruch der DDR mit anschließender Okkupation“ (S. 83)

·  „Der Einigungsprozeß ist schon mit einer kolonialherrlichen Brutalität abgelaufen. Aber er konnte nicht anders ablaufen, zum Beispiel langsamer. (...) Dennoch war eine wirkliche Übergangsregierung mit der DDR-Elite an der Seite Westdeutschlands nicht möglich, im Gegensatz zu den Abläufen in den anderen postsozialistischen Ländern. (...) Es gab kein Gleich zu Gleich und damit keine Gleichberechtigung. Heute sind wir Ossis im Westen.“ (S. 187)

Andererseits werden keinerlei konkrete Vorstellungen darüber geäußert, wie mög­liche Alternativen zu einem „Anschluß“ zu realisieren gewesen wären (Kuczynski 2003: e.g. 93, 149, 162). Viele der Befragten haben sich aus ihrem früheren poli­tischen Engagement auf das Private zurückgezogen oder von vornherein auf eine Mitwirkung in der Politik verzichtet, vor allem aus Enttäuschung über be­grenz­te Möglichkeiten der Einflußnahme auf Entscheidungsprozesse, über Bevormundung und die Machtbesessenheit einzelner (Kuczynski 2003: e.g. 43, 152, 187). Natür­lich fehlen auch die hinlänglich bekannten Stereotype über die verschiedenen Men­talitäten von Ossis und Wessis nicht: Im Osten kommuniziere man anders als im Westen, man habe andere Einstellungen und Werte (Kuczynski 2003: bes. 111), und „überhaupt war die DDR nicht nur grau und trostlos“ (cf. Kuczynski 2003: 30).

All diese Befunde werden niemanden ernstlich überraschen. Welches Ziel ver­folgt also die Herausgeberin dieser Interviews? Kuczynski möchte klarstellen, daß über die Ostdeutschen ein Trugbild vorherrscht. Wie sie in ihrer knappen Einlei­tung (2003: 7-21) betont, werden die Ostdeutschen ihrer Ansicht nach viel zu oft mit PDS-Wählern gleichgesetzt, auch wenn die Wahlergebnisse eine ganz andere Sprache sprechen. Schuld an dieser Verfälschung der Tatsachen sei das große In­te­resse der Medien am Außergewöhnlichen, bei dem die Darstellung der „Nor­ma­lität“ allzuleicht untergehe. Kuczynski scheint das öffentliche Bewußtsein gewaltig zu unterschätzen. Denn daß der Jammer-Ossi, der seinem Unmut über die gesell­schaft­lichen Zustände durch die Wahl der PDS Ausdruck verleiht, bei weitem nicht repräsentativ für alle neuen Bundesbürger ist, hat sich längst herumgesprochen und wird so auch in den Medien durchaus nicht unterschlagen. Kuczynskis Mission ist somit ein Anachronismus.

Doch weitaus stärker ins Gewicht fallen die methodischen Schwächen des Bu­ches. Daß freilich aus achtzehn Einzelinterviews kein repräsentatives Bild über die Ostdeutschen zusammengesetzt werden kann, ist immerhin auch der Herausgeberin bewußt (Kuczynski 2003: 20). Völlig unklar aber bleibt der Status des Buches. Ver­­steht es sich als eine reine Sammlung einzelner Impressionen, als ein Schritt zu einer soziologischen Studie oder als ein Beitrag zu einer auf die jüngste Gegenwart bezogenen „oral history“? Und für welchen Leserkreis wurden die Texte überhaupt aufgeschrieben? Wie Kuczynski den Kontakt zu den Gesprächspartnern hergestellt hat, ist mit keinem einzigen Wort dargelegt. Der Hinweis darauf, daß die Befragten „nach dem Schneeballsystem“ (Kuczynski 2003: 20) ausgewählt wurden, ist nichts­sagend, weil jegliche weitergehende Erläuterung ausgespart bleibt. Inwieweit die Interviews, die als durchlaufende, nicht von Rückfragen unterbrochene Ich-Erzäh­lungen daherkommen, von der Herausgeberin umformuliert wurden, bleibt offen. Den unterschiedlichen Alters-, Sozial- und auch Bildungsstrukturen der Befragten wurde in der Einführung nicht ausreichend Rechnung getragen. Der kleinste ge­meinsame Nenner, auf den sich alle Gesprächspartner reduzieren lassen können, ist ein Fachhochschul- oder Universitätsabschluß; doch liegen zwischen einem Ab­sol­venten einer pragmatischen Disziplin wie Betriebswirtschaftslehre, Ingenieurwesen oder Jura und einem Geisteswissenschaftler, der es bis zu einem Lehrstuhl gebracht hat, bekanntlich oft Welten. Gar nicht thematisiert ist die Schwierigkeit, von „dem Osten“ als einer homogenen Einheit auszugehen. Nicht nur die Befragten haben immer wieder die Tendenz, die Vielfältigkeit der fünf östlichen Bundesländer und damit auch die unterschiedlichen Probleme einzelner Regionen zu ignorieren, son­dern auch die Herausgeberin in ihrem Vorwort. Gerade bei Stellungnahmen zu wirt­schaftlichen Aspekten spielt es eine nicht unwesentliche Rolle, ob die Befragten aus strukturschwachen, eher agrarisch geprägten Regionen oder aus Großagglo­me­ra­tionen mit zumeist höherer Prosperität stammen (cf. z.B. Strubelt & Genosko 2001).

Bei all dem kann nicht der Eindruck entstehen, daß die Herausgeberin den Zweck des Buches wenigstens darin sieht, die einzelnen Interviews als Grundlage für eine kritische Problematisierung bereitgestellt zu haben. Wie aus dem Vorwort ersichtlich, scheint es ihr vielmehr darum zu gehen, ihre eigene Auffassung durch weitere Stimmen zu illustrieren. Und so ist der Tenor vieler Interviews der folgen­de: Der gegenwärtigen Wirtschaftskrise seien die Ostdeutschen durch ihre Erfah­rung mit Umbruchsituationen weitaus besser gewachsen als die saturierten Wessis, die sich gegen Veränderungen sträubten. Wer den Wandel nach 1989 überstanden habe, der werde auch mit jeder anderen Situation fertig (Kuczynski 2003: 39, 55f., 83, 162, 178) [4] . Von einer derart flexiblen und gegenüber Reformen aufgeschlos­senen Haltung könnten die Westdeutschen nur lernen, so Kuczynski selbst, weil „die Aufgabe jahrzehntelang gehegter Gewohnheiten und sozialer Sicherheiten auch ein Gewinn sein kann“ (2003: 20). Diese Position vertrat Kuczynski bereits im Schlußteil ihrer 1999 erschienenen Autobiographie Mauerblume [5] . Darin heißt es beispielsweise:

Bei der Bewältigung eben dieser Globalisierung haben alle Bundesdeutschen dem­nächst ihre Anpassungsfähigkeiten unter Beweis zu stellen. Hier haben die Ostdeut­schen gegenüber den Westdeutschen nun einen erheblichen historischen Vorlauf. Daß nichts bleiben wird, wie es einmal gewesen ist, haben sie, mitunter leidvoll, er­fahren. (...) (Kuczynski 1999: 311)

Ganz ähnlich äußerte sich Kuczynski in einem Interview mit der Journalistin Anke Westphal, das am 27. August 2003 in der Berliner Zeitung (Nr. 199, S. 10) ab­ge­druckt wurde:

Nach dem Mauerfall mussten nur die Ostdeutschen lernen, sich in einem neuen Staat zurechtzufinden und ihr Leben neu zu organisieren. Jetzt müssen auch die Westler lernen, dass ihr Staat nicht ewig bleiben kann, wie er einmal war. Alle müssen um­denken. Und da haben die Ostdeutschen tatsächlich einen Vorteil, weil sie mit sol­chen Veränderungen besser umgehen können.

Anpassung faßt die Autorin offensichtlich als eine unabwendbare Notwendigkeit auf und wendet diese sogar ins Positive. Wenn das System sich ändert, dann hat man das eben hinzunehmen und zu überlegen, wie man aus der neuen Situation für sich selbst seine Vorteile herausholt. Daß die gegenwärtig diskutierten Reformen in Deutschland fast ausschließlich von Großkonzernen und Arbeitgeberverbänden gefordert werden, für die Mehrzahl der Bevölkerung aber langfristig gravierende Einschnitte in die Lebensqualität und die sozialen Strukturen mit sich brächten, wird nicht einmal andeutungsweise erwähnt. Auch die Gefahr einer durch hohe Arbeitslosigkeit und fehlende soziale Netze zunehmenden Kriminalität und einer Ausweitung bereits bestehender rechtsextremer Tendenzen wird ignoriert. Nicht nur Kuczynskis Autobiographie, sondern auch ihre Vorbemerkungen zu ihrer zwei­ten Interviewserie klingen bisweilen verdächtig nach einem Plädoyer für neo­libe­rale Gesellschaftsformen, in der die Verwirklichung des Einzelnen über allem an­deren steht. Nach staatlich verordnetem Kollektivismus nun das andere Extrem?

Von einem kritischen Bewußtsein davon, daß Anpassung nicht allein in der DDR viele Karrieren ermöglichte und daß auch das westdeutsche System trotz seiner demokratischen Form seine Tücken hat [6] , ist auch in den Texten des Buches Im Westen was Neues? fast gar nichts zu spüren. In der Einschätzung der Re­form­bereitschaft der Ostdeutschen und der Konsequenzen von Wirtschafts- und So­zialreformen für das vereinte Deutschland des 21. Jahrhunderts bildet eine 44jäh­rige Kulturwissenschaftlerin die Ausnahme unter den Befragten:

Dass die Ostdeutschen eine Avantgarde der Reformprozesse in Deutschland werden könnten, glaube ich nicht. (...) Gerade in Ostdeutschland gibt es große Ängste vor Reformen. Die Hoffnung, mit Reformen etwas zu gewinnen, etwas anderes also auf­zugeben, ist zu oft enttäuscht worden. Die Risikofreude ist vom Zwang zum Ri­siko psychologisch aufgebraucht. Aus dieser Not eine Tugend machen zu wollen und da­bei den Status quo der Verhältnisse als avantgardistisches Moment aufzu­nehmen fin­de ich eher zynisch. (Kuczynski 2003: 120)

Freilich ist auch dieses Urteil pauschal und, wie angesichts des Charakters eines Interviews nicht anders zu erwarten, nicht mit konkreten Zahlen belegt. Doch zeigt es immerhin ein feines Gespür für die immensen Anstrengungen, die der Trans­for­mationsprozeß den Ostdeutschen seit 1989 abverlangt hat.

Das Unternehmen Kuczynskis kann insgesamt nur als überaus bedenklich ein­ge­stuft werden, ganz besonders aber in folgender Hinsicht: Die Autorin scheint sich überhaupt nicht dessen bewußt zu sein, daß ihr jüngstes Buch möglicherweise auch seinen Weg in die Bibliotheken deutscher Bildungseinrichtungen im Ausland findet. Ein ausländischer Leser, der einen einigermaßen repräsentativen Eindruck davon gewinnen möchte, wie Ostdeutsche mit der Wende und ihren Folgen umge­gangen sind und wie sie diese bewerten, ist mit dieser Veröffentlichung denkbar schlecht beraten. Von der Herausgeberin, deren Aufgabe es gewesen wäre, zumin­dest eine differenzierte Einführung vorzulegen und dabei auch mit Zahlenmaterial zur Veranschaulichung zu operieren, wird er im Regen der Klischees und Stereo­type stehengelassen. Damit soll der Sinn von Interviews als Mittel zur Herausfil­terung der subjektiven Wahrnehmung von Systemwandelphänomenen keineswegs in Abrede gestellt werden. Doch sollten derartige oder ähnlich angelegte Befragun­gen möglichst nicht ohne das entsprechende soziologische Instrumentarium und die damit verbundene theoretische Basis aufbereitet werden [7] .

Literaturverzeichnis:

Agoff, Maria Carolina (2002): Auf der Suche nach neuer Identität. Die Verortung einer ostdeutschen Generation nach der deutschen Vereinigung (Europäische Hoch­schul­schriften XXXI 455). Frankfurt am Main: Lang.

Bertram, Hans & Raj Kollmorgen (Hrsg.) (2001): Die Transformation Ost­deutsch­lands. Berichte zum sozialen und politischen Wandel in den neuen Bundesländern. Opladen: Leske + Budrich.

Corbin-Schuffels, Anne-Marie (2000): Auf den verwickelten Pfaden der Erin­ne­rung: Autobiographische Schriften nach der Wende. In: Volker Wehdeking (Hrsg.), Men­talitätswandel in der deutschen Literatur zur Einheit (1990-2000) (Philologische Studien und Quellen 165). Berlin: Schmidt, 69-80.

Dahn, Daniela (1996): Westwärts und nicht vergessen. Vom Unbehagen in der Ein­heit. Berlin: Rowohlt.

Dahn, Daniela (62002): Vertreibung ins Paradies. Unzeitgemäße Texte zur Zeit. Rein­bek bei Hamburg: Rowohlt.

Dieckmann, Christoph (²1999): Das wahre Leben im falschen. Geschichten von ost­deutscher Identität. Berlin: Ch. Links.

Engler, Wolfgang (31999): Die Ostdeutschen. Kunde von einem verlorenen Land. Berlin: Aufbau.

Fögen, Thorsten (2004): Von der Langeweile der Ange­paßtheit. Rezension von Rita Kuczynski, Im Westen was Neues? Ostdeutsche auf dem Weg in die Normalität (Berlin 2003: Parthas). In: Märkische Oderzeitung vom 31. Januar / 1. Februar 2004 (15. Jahrgang Nr. 26), 10.

Hensel, Jana (2002): Zonenkinder. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt.

Klein, Olaf Georg (2001): Ihr könnt uns einfach nicht verstehen. Warum Ost- und Westdeutsche aneinander vorbeireden. Frankfurt am Main: Eichborn.

Kuczynski, Rita (1997): Staccato. Frankfurt am Main: Frankfurter Verlagsanstalt.

Kuczynski, Rita (1999): Mauerblume. Ein Leben auf der Grenze. München: Claassen.

Kuczynski, Rita (2001): Die gefundene Frau. München: Claassen.

Kuczynski, Rita (²2002): Die Rache der Ostdeutschen. Berlin: Parthas.

Kuczynski, Rita (2003): Im Westen was Neues? Intellektuelle aus Ostdeutschland. Berlin: Parthas.

McFalls, Laurence & Lothar Probst (Hrsg.) (2001): After the GDR. New Pers­pecti­ves on the Old GDR and the Young Länder. Amsterdam: Rodopi.

Naumann, Michael (Hrsg.) (1990): Die Geschichte ist offen. DDR 1990: Hoffnung auf eine neue Republik. Schriftsteller aus der DDR über die Zukunftschancen ihres Landes. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt.

Osang, Alexander (1992): Das Jahr eins. Berichte aus der neuen Welt der Deut­schen. Berlin: Volk & Welt.

Osang, Alexander (32000): Ankunft in der neuen Mitte. Reportagen und Porträts. Berlin: Ch. Links.

Osang, Alexander (2002): Die Nachrichten (Fischer-Taschenbücher 15256). Frank­­furt am Main: Fischer.

Probst, Lothar (Hrsg.) (1999): Differenz in der Einheit. Über die kulturellen Unter­schiede der Deutschen in Ost und West. Berlin: Ch. Links.

Reich, Jens (1993): Altweibersommer. Erlebnissplitter und Gedankenfetzen, Deutsch­land im Jahre ’93. In: Lettre International 22, 4-8.

Reißig, Rolf (2000): Die gespaltene Vereinigungsgesellschaft. Bilanz und Pers­pek­ti­ven der Transformation Ostdeutschlands und der deutschen Vereinigung. Berlin: Dietz.

Schlesinger, Klaus (32000): Von der Schwierigkeit, Westler zu werden. Berlin: Auf­bau.

Senfft, Heinrich (1999): Die sogenannte Wiedervereinigung. Berlin: Rowohlt.

Simon, Jana, Frank Rothe & Wiete Andrasch (Hrsg.) (²2000): Das Buch der Unter­schiede. Warum die Einheit keine ist. Berlin: Aufbau.

Strubelt, Wendelin & Joachim Genosko (2001): Regionalentwicklung in Ost­deutsch­land nach der Wiedervereinigung und während der Transformation. In: Hans Bertram & Raj Kollmorgen (Hrsg.), Die Transformation Ostdeutschlands. Berichte zum sozialen und politischen Wandel in den neuen Bundesländern. Opladen: Leske + Budrich, 305-313.

Wehdeking, Volker (1995): Die deutsche Einheit und die Schriftsteller. Litera­ri­sche Verarbeitung der Wende seit 1989. Stuttgart - Berlin - Köln: Kohlhammer.

Wehdeking, Volker (Hrsg.) (2000): Mentalitätswandel in der deutschen Literatur zur Einheit (1990-2000) (Philologische Studien und Quellen 165). Berlin: Schmidt.

Wiesenthal, Helmut (Hrsg.) (1996): Einheit als Privileg. Vergleichende Perspek­ti­ven auf die Transformation Ostdeutschlands. Frankfurt am Main: Campus.

Ausgewählte Internet-Seiten:

(Dokumentationszentrum Alltagskultur der DDR Eisenhüttenstadt)



[1] Es kann hier nur auf wenige ausgewählte Arbeiten verwiesen werden, die jeweils aus­führ­liche Bibliographien enthalten: Kultur-, sozial- und politikwissenschaftlich ausge­rich­tet sind die Arbeiten von Agoff (2002), Bertram & Kollmorgen (Hrsg.) (2001), McFalls & Probst (Hrsg.) (2001), Reißig (2000), Senfft (1999) und Wiesenthal (Hrsg.) (1996); primär literaturwissenschaftlich orientiert sind Wehdeking (1995) und Wehdeking (Hrsg.) (2000). Zu Begriff und Inhalten der sogenannten Transfor­mations­forschung cf. den Beitrag von Max Kaase und M. Rainer Lepsius im Sammelband von Bertram & Kollmorgen (Hrsg.) (2001: 343-363) sowie Reißig (2000: 121-146).

[2] Zu erwähnen sind besonders Dahn (1996), Dahn (62002), Dieckmann (²1999), Engler (31999), Osang (1992), Osang (32000), Probst (Hrsg.) (1999), Schlesinger (32000) und Simon, Rothe & Andrasch (Hrsg.) (²2000). Einige Veröffentlichungen wie z.B. die Ar­beit von Klein (2001) zur Kommunikation zwischen Ost- und Westdeutschen sind me­thodisch fragwürdig und bewegen sich auf einem unzureichenden theoretischen Ni­veau.

[3] Widersprüchliche Aussagen treten zum Teil in demselben Absatz auf, so z.B. im fol­genden Fall: „Angst vor der jetzigen Krise habe ich nicht. Da habe ich schon ganz an­dere Sachen erlebt. (...) Das ist doch alles nicht so dramatisch. Mir kann nicht viel weggenommen werden. (...) Wenn ich meine Arbeit als Angestellte in der Videothek verlieren würde, wäre das ein Schlag. Ich habe jetzt diese Wohnung in Berlin. Sie ist ein sicherer Punkt in meinem Leben. Ich werde sie hoffentlich nicht verlieren.“ (Kuczynski 2003: 56; cf. auch 63, 102, 178f.). Daß bei Interviews mit Widersprüchen zu rechnen ist und diese den Befragten im Verlauf des Gesprächs nicht unbedingt bewußt sind, versteht sich von selbst. Geschickte Rückfragen hätten in solchen Fällen sicherlich auf­schlußreiche Antworten zutage gefördert.

[4] In diesem Kontext wird in den Interviews bisweilen auch das Problem der Arbeits­losigkeit thematisiert. Extrem und zugleich borniert-naiv ist dabei die Haltung einer 41jährigen Geschäftsfrau und CDU-Wählerin: „Arbeit muss sich aber wieder lohnen oder umgekehrt, es darf sich nicht lohnen, nicht zu arbeiten. Es gibt ja genug Arbeit, aber die Deutschen sind sich für viele Arbeiten auch zu fein.“ (Kuczynski 2003: 102; cf. auch ibid.: 110).

[5] Dieser Text ist, zusammen mit den autobiographischen Schriften Günter de Bruyns, Gün­ter Kunerts, Hans Pleschinkis und Christoph Heins, Gegenstand der Darstellung von Corbin-Schuffels (2000).

[6] Cf. z.B. die kritischen Anmerkungen von Daniela Dahn (1996, 62002), mit denen sie zum Teil Gedanken fortführt, die schon im Zuge der Veränderungen vor der Wieder­vereinigung 1990 artikuliert wurden, so beispielsweise von Schriftstellern wie Volker Braun und Gert Prokop (bes. Naumann (Hrsg.) 1990: 18, 148).

[7] Als ein gelungenes Beispiel für einen solchen Ansatz bei Umfragen und Interviews sei der Beitrag „Zukunftsvorstellungen und deren Realisierung im deutschen Vereini­gungsprozeß“ von Richard Hauser und Wolfgang Glatzer genannt, der sich in dem von Bertram und Kollmorgen (2001: 427-456) edierten Sammelband findet, außerdem Reißig (2000: 63-101).

 
 
CopyrightIFG
Aktualisierung dieser Seite: