Thorsten Fögen
Berlin
Ostdeutschland nach der Wende:
Ankunft der Zonenkinder in der neuen Mitte?
Die Wiedervereinigung Deutschlands ist historisch vermutlich
einzigartig. Aber auch der Transformationsprozeß,
der die ganze Bundesrepublik seitdem erfaßt hat,
ist in dieser Form kaum mit anderen Prozessen in Ost-
und Westeuropa vergleichbar.
(Bertram & Kollmorgen 2001: 9)
Kaum ein Thema ist in
den deutschen Medien schon seit geraumer Zeit so präsent
wie die Frage danach, inwieweit sich Ost- und Westdeutschland
seit der Wiedervereinigung im Jahr 1990 angenähert
haben. Man diskutiert über unterschiedliche Identitäten
und Mentalitäten, die sich nach Aussagen mancher zum
Teil sogar eher verschärft als ausgeglichen haben.
Noch immer serviert die Boulevardpresse eine befremdliche
Mischung aus DDR-Nostalgie auf der einen Seite und
Skandale wie Enthüllungen über frühere Machenschaften
der Staatssicherheit auf der anderen. Zu den erfolgreichsten
Kinofilmen des Jahres 2002 zählt „Goodbye Lenin“,
ein zäher Streifen mit einem an den Haaren herbeigezogenen
Plot, der davon handelt, wie ein junger Mann seiner
aus dem Koma erwachten kranken, schonungsbedürftigen
Mutter die inzwischen erfolgte Wende verschweigt
und für sie unter reichlich klamottigem Aufwand eine
„bessere“ DDR inszeniert. Die Fernsehsender überbieten
sich gegenseitig mit Ostalgie-Shows, zu deren Anlaß
man das alte FDJ-Hemd aus der Mottenkiste hervorkramt
und sich im Verein mit Sportgrößen und Schlagersternchen
der DDR an alte Zeiten erinnert - zumeist getreu dem
Motto „Irgendwie war es trotz allem auch schön“. Dereinst
wenig beliebte Ostprodukte erleben ihre Renaissance
und werden, sofern im herkömmlichen Handel schwer
erhältlich, zum Teil sogar über das Internet angeboten.
Daß eine Umbruchsituation
wie die der Wende in der Wissenschaft eine inzwischen
beinahe unüberschaubare Flut an Fachliteratur mit
sich bringt, bedarf keines ausführlicheren Hinweises.
Insbesondere die Kultur- und Sozialwissenschaften
haben eine stattliche Anzahl an Studien vorzuweisen,
die das Phänomen politischer und
gesellschaftlicher Transformationen nach dem Fall
der DDR aus verschiedenen Blickwinkeln analysieren. Daneben findet sich zu demselben Thema ein großes Spektrum
nichtwissenschaftlicher Literatur, die vom Sachbuch bis hin zu Belletristik reicht.
In diesem Beitrag möchte
ich aus der letzteren Rubrik ein Beispiel herausgreifen
und durch dessen nähere Beleuchtung die Komplexität
der Beschäftigung mit der Frage nach der Existenz
spezifisch ostdeutscher Identitäten veranschaulichen.
Zu dem genannten Thema hat die Autorin Rita Kuczynski
nach dem Sachbuch Die Rache der Ostdeutschen
(2002) nun den Titel Im Westen was Neues? (2003)
ediert, um den es hier in erster Linie gehen soll.
Außerdem stammen von ihr die vier Romane Nächte
mit Hegel (1984), Wenn ich kein Vogel wär
(1990), Staccato (1997) und Die gefundene
Frau (2001) sowie die Autobiographie Mauerblume.
Ein Leben auf der Grenze (1999). Geboren 1944,
studierte sie nach einer intensiven Klavierausbildung
Philosophie, promovierte 1976 über Hegel und war bis
1981 Mitarbeiterin an der Akademie der Wissenschaften
der DDR. Als Schwiegertochter des einflußreichen Wirtschaftshistorikers
Jürgen Kuczynski lebte sie in stetem Kontakt zur Nomenklatur
des Systems - nach eigener Darstellung wider Willen,
doch keineswegs ohne das Wissen darum, wie die damit
verbundenen Vorteile zu nutzen waren (Kuczynski 1999:
passim).
Rita
Kuczynskis neueste Veröffentlichung Im Westen was
Neues? Ostdeutsche auf dem Weg in die Normalität
(2003) versteht sich als eine Fortsetzung ihres 2002
erschienenen Buches Die Rache der Ostdeutschen.
Darin hatte sie zwanzig Ostberliner PDS-Wähler über
die Motive ihrer Entscheidung bei der Wahl zum Berliner
Abgeordnetenhaus im Jahre 2001 befragt. Verbunden
damit waren Erkundigungen danach, wie der Fall der
Mauer die Lebensläufe der Befragten beeinflußt hat.
Einen ähnlichen, im Detail aber erweiterten Fragenkatalog
legte Kuczynski für ihre jüngste Arbeit achtzehn
Ostdeutschen vor, die die Überzeugung vertraten, sie
seien „in der Bundesrepublik angekommen“. Die Befragten,
ausschließlich Akademiker, sind auf alle fünf neuen
Bundesländer verteilt und reichen von einer 26jährigen
Studentin bis hin zu einer 61jährigen Universitätsprofessorin.
Die Identität der Personen ist nicht bei allen Interviews
verschlüsselt. Manche sind so angelegt, daß sich mit
größter Leichtigkeit rekonstruieren läßt, wer sich
hinter den aufgeführten Vornamen verbirgt.
Die
Gesprächspartner wurden um Auskunft darüber gebeten,
was sie vor und nach der Wende gemacht haben, wie
sie vom Mauerfall erfuhren und inwiefern dieser ihr
Leben verändert hat. Neben einer Einschätzung der
Fehler, die bei der Wiedervereinigung gemacht wurden,
sollten sie sich zu ihren Zukunftswünschen bezüglich
der anstehenden Reformen in Deutschland äußern, ihre
Position zur gegenwärtigen Wirtschaftskrise darlegen
und das auf diese Krise reagierende Verhalten der
Ostdeutschen beurteilen. Schließlich war die Partei
zu nennen, für die sie sich bei der Bundestagswahl
im September 2002 entschieden hatten (Kuczynski 2003:
20f.). An diesem Fragenkatalog hält die Herausgeberin
das ganze Buch hindurch starr fest und beraubt sich
damit der Möglichkeit, in einzelnen Fällen genauer
nachzufragen; dies aber wäre besonders an den Stellen
von großem Interesse gewesen, an denen die Gesprächspartner
in allzu platter Weise Stereotype aneinanderreihen,
sich an Klischees klammern oder unausgegorene und
zum Teil sogar widersprüchliche Positionen vertreten. Auch in bezug auf den Gehalt der Fragen selbst wäre
einiges zu kritisieren. So erscheint es wenig sinnvoll,
mit den Formulierungen bereits die Richtung der Antwort
zu suggerieren, wie dies bei „Was ist schiefgegangen
bei der Wiedervereinigung?“ der Fall ist.
Bei nahezu allen hier aufgezeichneten
Lebensläufen zeigen sich Brüche und die Bewältigung
zum Teil gewaltiger Herausforderungen beim Umgang
mit den Folgen der Wende. Gleichwohl begreifen die
meisten Interviewpartner die Wiedervereinigung als
eine Möglichkeit zur Selbstverwirklichung. Man begrüßt
die Reisefreiheit, die unreglementierte Diskussion
unterschiedlicher Auffassungen, die intellektuelle
Vielfalt und Informationsfreiheit (Kuczynski 2003:
29, 138, 143). Mehrheitlich wird aber die Überzeugung
vertreten, daß der Wandel viel zu schnell vor sich
ging (Kuczynski 2003: 43, 93, 101, 149f., 151, 168,
177). Auch die weitgehende Übernahme westdeutscher
Verhältnisse anstelle eines eigenen Weges wird bisweilen
moniert, bis hin zur Artikulation der Vorstellung
von einem „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“:
·
„Ich wollte eine reformierte DDR. Aber ich wollte eigentlich
nicht, dass sie zusammenbricht.“ (S. 78, cf. S. 115)
· „Die Übernahme der DDR, die dann kam, habe ich mir so
nicht gewünscht. Ich weiß auch heute keine andere
Lösung. Aber ich dachte, man kann einen behutsameren
Weg finden, sich schrittweise der BRD annähern. Eine
demokratische Ordnung unter vorläufiger Beibehaltung
der Staatsbetriebe, mit staatlicher Förderung der
Privatinitiative - das war meine Vision. Ähnlich der
heutigen Wirtschaftspolitik Chinas. (...) Gut, wir
wollten das System reformieren, wir wollten eigentlich
nicht die Verhältnisse von Westdeutschland einfach
übernehmen. Aber 15 Millionen DDR-Bürger drängten
nach Veränderung und vor allem nach Verbesserung.
Nach welchem Konzept dies ablaufen sollte, wussten
wir aber auch selber nicht. Nur dass es keinem schlechter
gehen sollte als zuvor, habe ich von Anfang an nicht
geglaubt.“ (S. 149-151)
· „An Vereinigung habe ich nicht gedacht in dieser Zeit
[sc. Ende 1989]. Das lag auch daran, dass die BRD
keine Alternative für mich war. Ich wollte die DDR
retten, zumindest das Bild, das ich von einer weltoffenen
DDR hatte. Aber ich kannte die BRD natürlich nur aus
dem Fernsehen. Und was ich da sah, überzeugte mich
nicht.“ (S. 136)
· „Ich dachte, dass man das sozialistische System von innen
her umbauen könnte, zu einem Sozialismus mit menschlichem
Antlitz, das heißt mit mehr Freiheit und wirtschaftlicher
Vernunft. Ungarn war für mich Beispiel, dass das ging.“
(S. 184)
· „(...) für mich war es keine Wende, sondern ein Zusammenbruch
der DDR mit anschließender Okkupation“ (S. 83)
· „Der Einigungsprozeß ist schon mit einer kolonialherrlichen
Brutalität abgelaufen. Aber er konnte nicht anders
ablaufen, zum Beispiel langsamer. (...) Dennoch war
eine wirkliche Übergangsregierung mit der DDR-Elite
an der Seite Westdeutschlands nicht möglich, im Gegensatz
zu den Abläufen in den anderen postsozialistischen
Ländern. (...) Es gab kein Gleich zu Gleich und
damit keine Gleichberechtigung. Heute sind wir Ossis
im Westen.“ (S. 187)
Andererseits werden keinerlei
konkrete Vorstellungen darüber geäußert, wie mögliche
Alternativen zu einem „Anschluß“ zu realisieren gewesen
wären (Kuczynski 2003: e.g. 93, 149, 162). Viele der
Befragten haben sich aus ihrem früheren politischen
Engagement auf das Private zurückgezogen oder von
vornherein auf eine Mitwirkung in der Politik verzichtet,
vor allem aus Enttäuschung über begrenzte Möglichkeiten
der Einflußnahme auf Entscheidungsprozesse, über Bevormundung
und die Machtbesessenheit einzelner (Kuczynski 2003:
e.g. 43, 152, 187). Natürlich fehlen auch die hinlänglich
bekannten Stereotype über die verschiedenen Mentalitäten
von Ossis und Wessis nicht: Im Osten kommuniziere
man anders als im Westen, man habe andere Einstellungen
und Werte (Kuczynski 2003: bes. 111), und „überhaupt war die DDR nicht nur grau und trostlos“
(cf. Kuczynski 2003: 30).
All diese Befunde werden
niemanden ernstlich überraschen. Welches Ziel verfolgt
also die Herausgeberin dieser Interviews? Kuczynski
möchte klarstellen, daß über die Ostdeutschen ein
Trugbild vorherrscht. Wie sie in ihrer knappen Einleitung
(2003: 7-21) betont, werden die Ostdeutschen ihrer
Ansicht nach viel zu oft mit PDS-Wählern gleichgesetzt,
auch wenn die Wahlergebnisse eine ganz andere Sprache
sprechen. Schuld an dieser Verfälschung der Tatsachen
sei das große Interesse der Medien am Außergewöhnlichen,
bei dem die Darstellung der „Normalität“ allzuleicht
untergehe. Kuczynski scheint das öffentliche Bewußtsein
gewaltig zu unterschätzen. Denn daß der Jammer-Ossi,
der seinem Unmut über die gesellschaftlichen Zustände
durch die Wahl der PDS Ausdruck verleiht, bei weitem
nicht repräsentativ für alle neuen Bundesbürger ist,
hat sich längst herumgesprochen und wird so auch in
den Medien durchaus nicht unterschlagen. Kuczynskis
Mission ist somit ein Anachronismus.
Doch weitaus stärker ins
Gewicht fallen die methodischen Schwächen des Buches.
Daß freilich aus achtzehn Einzelinterviews kein repräsentatives
Bild über die Ostdeutschen zusammengesetzt werden
kann, ist immerhin auch der Herausgeberin bewußt (Kuczynski
2003: 20). Völlig unklar aber bleibt der Status des
Buches. Versteht es sich als eine reine Sammlung
einzelner Impressionen, als ein Schritt zu einer soziologischen
Studie oder als ein Beitrag zu einer auf die jüngste
Gegenwart bezogenen „oral history“? Und für welchen
Leserkreis wurden die Texte überhaupt aufgeschrieben?
Wie Kuczynski den Kontakt zu den Gesprächspartnern
hergestellt hat, ist mit keinem einzigen Wort dargelegt.
Der Hinweis darauf, daß die Befragten „nach dem Schneeballsystem“
(Kuczynski 2003: 20) ausgewählt wurden, ist
nichtssagend, weil jegliche weitergehende Erläuterung
ausgespart bleibt. Inwieweit die Interviews, die als
durchlaufende, nicht von Rückfragen unterbrochene
Ich-Erzählungen daherkommen, von der Herausgeberin
umformuliert wurden, bleibt offen. Den unterschiedlichen
Alters-, Sozial- und auch Bildungsstrukturen der Befragten
wurde in der Einführung nicht ausreichend Rechnung
getragen. Der kleinste gemeinsame Nenner, auf den
sich alle Gesprächspartner reduzieren lassen können,
ist ein Fachhochschul- oder Universitätsabschluß;
doch liegen zwischen einem Absolventen einer pragmatischen
Disziplin wie Betriebswirtschaftslehre, Ingenieurwesen
oder Jura und einem Geisteswissenschaftler, der es
bis zu einem Lehrstuhl gebracht hat, bekanntlich oft
Welten. Gar nicht thematisiert ist die Schwierigkeit,
von „dem Osten“ als einer homogenen Einheit auszugehen.
Nicht nur die Befragten haben immer wieder die Tendenz,
die Vielfältigkeit der fünf östlichen Bundesländer
und damit auch die unterschiedlichen Probleme einzelner
Regionen zu ignorieren, sondern auch die Herausgeberin
in ihrem Vorwort.
Gerade bei Stellungnahmen zu wirtschaftlichen
Aspekten spielt es eine nicht unwesentliche Rolle,
ob die Befragten aus strukturschwachen, eher
agrarisch geprägten Regionen oder aus Großagglomerationen
mit zumeist höherer
Prosperität stammen (cf. z.B. Strubelt & Genosko
2001).
Bei all dem kann nicht
der Eindruck entstehen, daß die Herausgeberin den
Zweck des Buches wenigstens darin sieht, die einzelnen
Interviews als Grundlage für eine kritische Problematisierung
bereitgestellt zu haben. Wie aus dem Vorwort ersichtlich,
scheint es ihr vielmehr darum zu gehen, ihre eigene
Auffassung durch weitere Stimmen zu illustrieren.
Und so ist der Tenor vieler Interviews der folgende:
Der gegenwärtigen Wirtschaftskrise seien die Ostdeutschen
durch ihre Erfahrung mit Umbruchsituationen weitaus
besser gewachsen als die saturierten Wessis, die sich
gegen Veränderungen sträubten. Wer den Wandel nach
1989 überstanden habe, der werde auch mit jeder anderen
Situation fertig (Kuczynski 2003: 39, 55f., 83, 162,
178). Von einer derart flexiblen und gegenüber
Reformen aufgeschlossenen Haltung könnten die Westdeutschen
nur lernen, so Kuczynski selbst, weil „die Aufgabe
jahrzehntelang gehegter Gewohnheiten und sozialer
Sicherheiten auch ein Gewinn sein kann“ (2003: 20).
Diese Position vertrat Kuczynski bereits im Schlußteil
ihrer 1999 erschienenen Autobiographie Mauerblume. Darin heißt es beispielsweise:
Bei der Bewältigung
eben dieser Globalisierung haben alle Bundesdeutschen
demnächst ihre Anpassungsfähigkeiten unter Beweis
zu stellen. Hier haben die Ostdeutschen gegenüber
den Westdeutschen nun einen erheblichen historischen
Vorlauf. Daß nichts bleiben wird, wie es einmal gewesen
ist, haben sie, mitunter leidvoll, erfahren. (...)
(Kuczynski 1999: 311)
Ganz ähnlich äußerte
sich Kuczynski in einem Interview mit der Journalistin
Anke Westphal, das am 27. August 2003 in der Berliner
Zeitung (Nr. 199, S. 10) abgedruckt wurde:
Nach dem Mauerfall
mussten nur die Ostdeutschen lernen, sich in einem
neuen Staat zurechtzufinden und ihr Leben neu zu organisieren.
Jetzt müssen auch die Westler lernen, dass ihr Staat
nicht ewig bleiben kann, wie er einmal war. Alle müssen
umdenken. Und da haben die Ostdeutschen tatsächlich
einen Vorteil, weil sie mit solchen Veränderungen
besser umgehen können.
Anpassung
faßt die Autorin offensichtlich als eine unabwendbare
Notwendigkeit auf und wendet diese sogar ins Positive.
Wenn das System sich ändert, dann hat man das eben
hinzunehmen und zu überlegen, wie man aus der neuen
Situation für sich selbst seine Vorteile herausholt.
Daß die gegenwärtig diskutierten Reformen in Deutschland
fast ausschließlich von Großkonzernen und Arbeitgeberverbänden
gefordert werden, für die Mehrzahl der Bevölkerung
aber langfristig gravierende Einschnitte in die Lebensqualität
und die sozialen Strukturen mit sich brächten, wird
nicht einmal andeutungsweise erwähnt. Auch die Gefahr
einer durch hohe Arbeitslosigkeit und fehlende soziale
Netze zunehmenden Kriminalität und einer Ausweitung
bereits bestehender rechtsextremer Tendenzen wird
ignoriert. Nicht nur Kuczynskis Autobiographie, sondern
auch ihre Vorbemerkungen zu ihrer zweiten Interviewserie
klingen bisweilen verdächtig nach einem Plädoyer für
neoliberale Gesellschaftsformen, in der die Verwirklichung
des Einzelnen über allem anderen steht. Nach staatlich
verordnetem Kollektivismus nun das andere Extrem?
Von einem kritischen Bewußtsein
davon, daß Anpassung nicht allein in der DDR viele
Karrieren ermöglichte und daß auch das westdeutsche
System trotz seiner demokratischen Form seine Tücken
hat, ist auch in den Texten des Buches Im Westen was Neues?
fast gar nichts zu spüren. In der Einschätzung der
Reformbereitschaft der Ostdeutschen und der Konsequenzen
von Wirtschafts- und Sozialreformen für das vereinte
Deutschland des 21. Jahrhunderts bildet eine 44jährige
Kulturwissenschaftlerin die Ausnahme unter den Befragten:
Dass die Ostdeutschen
eine Avantgarde der Reformprozesse in Deutschland
werden könnten, glaube ich nicht. (...) Gerade in
Ostdeutschland gibt es große Ängste vor Reformen.
Die Hoffnung, mit Reformen etwas zu gewinnen, etwas
anderes also aufzugeben, ist zu oft enttäuscht worden.
Die Risikofreude ist vom Zwang zum Risiko psychologisch
aufgebraucht. Aus dieser Not eine Tugend machen zu
wollen und dabei den Status quo der Verhältnisse
als avantgardistisches Moment aufzunehmen finde
ich eher zynisch. (Kuczynski 2003: 120)
Freilich ist auch dieses
Urteil pauschal und, wie angesichts des Charakters
eines Interviews nicht anders zu erwarten, nicht mit
konkreten Zahlen belegt. Doch zeigt es immerhin ein
feines Gespür für die immensen Anstrengungen, die
der Transformationsprozeß den Ostdeutschen seit
1989 abverlangt hat.
Das Unternehmen Kuczynskis
kann insgesamt nur als überaus bedenklich eingestuft
werden, ganz besonders aber in folgender Hinsicht:
Die Autorin scheint sich überhaupt nicht dessen bewußt
zu sein, daß ihr jüngstes Buch möglicherweise auch
seinen Weg in die Bibliotheken deutscher Bildungseinrichtungen
im Ausland findet. Ein ausländischer Leser, der einen
einigermaßen repräsentativen Eindruck davon gewinnen
möchte, wie Ostdeutsche mit der Wende und ihren Folgen
umgegangen sind und wie sie diese bewerten, ist mit
dieser Veröffentlichung denkbar schlecht beraten.
Von der Herausgeberin, deren Aufgabe es gewesen wäre,
zumindest eine differenzierte Einführung vorzulegen
und dabei auch mit Zahlenmaterial zur Veranschaulichung
zu operieren, wird er im Regen der Klischees und Stereotype
stehengelassen. Damit soll der Sinn von Interviews
als Mittel zur Herausfilterung der subjektiven Wahrnehmung
von Systemwandelphänomenen keineswegs in Abrede gestellt
werden. Doch sollten derartige oder ähnlich angelegte
Befragungen möglichst nicht ohne das entsprechende
soziologische Instrumentarium und die damit verbundene
theoretische Basis aufbereitet werden.
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