Paweł Zimniak
Zielona Góra
Verspätete Geburt.
Zum niederschlesischen
Bezug der Lyrik von Christian Saalberg
Der 1926 in Hirschberg
(Jelenia Góra) geborene und nun in Kronshagen ansässige
Christian Saalberg heißt mit dem bürgerlichen Namen
Christian Udo Rusche und ist ein promovierter Jurist.
Er war bis zu seiner Pensionierung 1991 ein bekannter
Kieler Anwalt. Das von dem Ortsnamen Saalberg (Zachełmie)
übernommene literarische Pseudonym ist zugleich eine
Huldigung an das schöne Heimatdorf,
das im Riesengebirge (Karkonosze) gelegen und in dem
der Dichter aufgewachsen ist. Der mit vielen Preisen
ausgezeichnete Ch. Saalberg (1990 die Ehrengabe zum
Andreas-Gryphius-Preis, 1992 Entgegennahme des Eichendorff-Preises)
steht im geistesgeschichtlichen Zusammenhang des Existenzialismus
und Surrealismus, wobei er von den Existenzialisten
den Ethos als zielgerichtetes Engagement und von den
Surrealisten die Freiheit der Phantasie übernommen
hat. Dieser geistige Bezug ist Ch. Saalberg wichtig,
weil er nicht einseitig zum "Heimat-Dichter"
gestempelt werden möchte und betont, dass die Zeitschrift
"Schlesien" bisher nichts von ihm
gedruckt hat.
Obwohl sich der Dichter in der schlesischen Kulisse
nicht so figurieren kann wie in der steinernen Schönheit
von Prag oder Paris, hat er dennoch einige Gedichte
vorzuzeigen, in denen Niederschlesien eine Rolle spielt.
Das großelterliche Saalberg
(Zachełmie), Jannowitz (Janowice Wielkie) und
Rohrlach (Trzcińsko) sind Orte seiner Kndheit
in Niederschlesien,
einer Gegend, die nur in dieser Zeit für den erklärten
Weltbürger die Funktion einer "schützenden Eierschale"
besaß. Auch die weite Landschaft von Dalbersdorf (Dalborowice),
Kreis Groß Wartenberg (Syców), aus dem die Rusches
stammen, und Ulbersdorf (Dziadów Most), Kreis Oels
(Oleśnica), wo seine Großmutter als Tochter eines
Gutsbesitzers zur Welt gekommen ist, gehören dazu.
Diese Orte scheinen deswegen wichtig zu sein, weil
sie auch im Zusammenhang mit der Schwarzen Weide (Widawa)
stehen, einem Fluss, der in den Kreisen Wartenberg
und Oels fließt sowie im Gedicht Schlesisches Himmelreich
der Gedichtsammlung Das Land der Ferne als
eine literarische Anspielung auf Horst Lange erwähnt
wird:
I. Die Luft ist mit Spiegeln verhängt
und unentwirrbar der Vogelflug.
Am Mühlteich hinterm Wasserwald
nistet die Stille im Rohr.
Hier in der Nähe hat sich
der alte Woitschach ertränkt.
Seine schwere Zunge wühlt noch immer
die Schwarze Weide auf, die voll Finsternis
ihr kaltes Wasser durch das Röhricht
schwemmt.
Dem Salamander erstarrt das Gebein, wenn
vom Himmel der Schatten des Habichts
fällt.
Hinterm Gut verläuft sich der Weg.
Doch unter den Tannen hörst du es flüstern,
als ob sich schon bereden
künftige Feuer und Rauch.
Die Saalbergschen Orte und Plätze
besitzen nicht ihre konturenscharfe Gestalt und sind
vordergründig als Bilder der Imagination wahrnehmbar
und wirksam. Sie stellen weder herrliches Arkadien
noch wehmütig hergesehntes, gelobtes Land dar, strahlen
aber eine magische Aura aus, ein Geheimnis der Existenz,
das es bei der Wahrheitsuche zu lüften gilt. Obwohl
es äußerlich Leben und Bewegung gibt, scheint die
Zeit zum Stillstand gekommen, oder gar nicht vorhanden
zu sein, ein Reich der Stille und des Schweigens mit
dem Vorzug der Unergründlichkeit, das zugleich ideale
Harmonie festgesetzter Ordnung vermitteln kann.
Auch im Gedichtband Das
Blaue vom Himmel gibt
es eine schlesische Fixierung, die z.B. im Gedicht
Siesta im Landkreis Polnisch-Wartenberg eindeutig
durch die Titelgebung suggeriert wird:
Schwirrende Pfeile, Wirbel
von Federn und Staub:
Die Wachteln sind da.
Ihr Dreischlag lullt den Mittag ein,
macht ihm alle Glieder schwer.
Der Feldgendarm legt sich aufs Ohr.
Er verpaßt den Wind, der von drüben kommt
und sich branntweinschwer
in die Stoppeln haut.
Eine Weile haben die Röcke Ruh
und auch der Dachhahn
wird nicht mehr behelligt.
Jetzt drücken sich die Mägde ins Heu,
zeigen ihre Schenkel her. Polnische
Wirtschaft.
Das sog. Welttheater scheint auch in diesem Gedicht mit
dem Erlegen der Wachteln leise und unauffällig vorbeigehuscht
zu sein. Das Leben hat aufgehört, zu pulsieren, die
Landschaft ist jedoch nicht verödet. Die polnische
Wirtschaft ist in diesem Kontext nicht unbedingt negativ
zu bewerten, weil sie lediglich das angehaltene und
eingeschläferte Leben bedeutet. Die eingetretene Stille
ist nicht in der Kategorie entsetzlich-dumpf anzusiedeln.
Im Gedicht Das Land
der Ferne, das in den besagten Band Das Blaue
vom Himmel aufgenommen worden ist, wird der Verlust
namhaft gemacht:
Oh ihr Fremdlinge, die ihr zwingt den
Wind
und die Schatten ballt in eurer Faust.
Wenn die Augen die Mauer durchbrochen
und euer Blick standgehalten und niedergezwungen
hat den Stundenschlag der Zeit, steht
ihr wieder
auf der verwilderten Allee, wo das Vergessen
die Zweige mit Tüchern verhängt und nun
ein Wirrwarr herrscht unter den Leitern
und Gerüsten, die einst den Himmel getragen
und den Horizont gestützt und dir
vom Leibe gehalten die Ferne, mit deren
Trümmern jetzt das Land übersät.
Sie gehen über den verwaisten Hof, die
leeren
Behausungen, in denen einst der Wind
gewohnt
und an deren Wänden nun der Tag unverrückbar
lehnt und sein Herz versteinert im Kalk.
Diese Stille und das Warten auf ETWAS,
das
nie kommen wird, diese zerronnene Ewigkeit...
Zwischen den Scheunen regungslos das
Licht,
herrenloses Gut und ein Scherbenhaufen
so vieler
Sonnen, dieser unbegreiflichen Wanderer,
die sich
plötzlich aufgemacht und verloren haben
in den
weiten Gefilden der Unendlichkeit.
Dieses Gedicht-Beispiel bedeutet
keine spontane verbale Schöpfung aus dem Unbewussten
heraus, keinen reinen psychischen Automatismus, ohne
jede Kontrolle durch die Vernunft und jenseits jeder
ästhetischen oder ethischen Überlegung. Ch. Saalberg,
der Notwendigkeit einer künstlerischen Umgestaltung
bewusst, greift überlegend und ordnend in die sprachliche
Gestalt ein. Jeder Satz wird in Kenntnis und unter
Berücksichtigung der vorangehenden und nachstehenden
formuliert, wodurch eine kohärente und klar strukturierte
Ganzheit entstanden ist. Die stärkste poetische Zündung
ergibt sich in diesem Gedicht bei der imaginären Gegenüberstellung
der angesprochenen Fremdlinge, die zu Einheimischen
werden und sich in dieser Rolle behaupten sollen (I:Z.3,4),
und der ehemals Einheimischen, die inzwischen durch
räumlich-zeitliche Separation (I:Z.11/II:Z.9-11) zu
Fremdlingen geworden sind. Der Begegnungsraum wird
von den angesprochenen Fremdlingen dominiert und beherrscht
(I:Z.1,2,4), aber nicht restlos, weil sich nicht alles
mit dem Mantel des Vergessens zudecken lässt, auch
wenn eine arrogante Spurenverwischung voll im Gange
sein sollte. Das ordnende Prinzip von damals gilt
als aufgehoben, die vorgefundene Realität ist aus
ihrer ursprünglichen Bestimmung und Identität (I:Z.8-10),
aber auch aus dem Absolutheitsanspruch, entlassen.
Im Gedicht wird Verlust und Trauer durch die den
Dingen zugeschriebenen Attribute artikuliert: "verwilderte
Allee", "verwaiste Höfe, leere Behausungen
und herrenlose Güter". Die Natur und das sich
an die Fremdlinge wendende Ich durchdringen einander,
die Innen- und Außenwelt werden in deren Verbundenheit
und in immer eindringlicher werdenenden Metaphern
beschworen und vertauscht: "ein Scherbenhaufen
so vieler Sonnen in der zerronnenen Ewigkeit",
"unbegreifliche Wanderer, die sich plötzlich
aufgemacht und verloren haben in den weiten Gefilden
der Unendlichkeit". Die Erkenntnis schließt
in diesem Fall immer Selbsterkenntnis ein. Das Absurde
resultiert dabei aus der Gegenüberstellung: ein fragendes
Ich und die vernunftwidrig schweigende Welt, die seinem
Verstand zum Opfer fällt. Das Ich zeigt angesichts
der diagnostizierten Aussichtslosigkeit und in innerer
Zerrissenheit fast eine metaphysiche Größe, die ihm
die Absurdität der Welt zu ertragen und im Widerspruch
auszuharren hilft. Dies bedeutet jedoch kein resignierendes
Abfinden, weil durch assoziative Bildreihungen die
Dinge in neue Beziehungen zueinander treten können.
Durch die vollzogene Annäherung zweier einander fremd
erscheinender Elemente: Fremdlinge und die Raumsubstanz,
die sich einer vereinnahmenden Bemächtigung entzieht,
kann die Raumfremdheit durch die Einbeziehung und
Anerkennung des Fremden aufgehoben werden. Die Hoffnung
wird nicht ganz ausgeschlagen. Das kann dieses großgeschriebene
ETWAS sein, das jedoch nur im Bereich einer weit
entfernten Möglichkeit liegt.
Ch. Saalberg protestiert
mit seiner in den Gedichten verwirklichten, poetischen
Konzeption gegen die Entwertung der (anscheinend)
immer aktuellen Lebensthemen wie Geburt und Tod,
Kommen und Gehen, Einsamkeit, Vertrautheit und Fremdheit,
Heimischwerden und Ausgestoßensein. Der Ort Rohrlach
(Trzcińsko) bei Hirschberg (Jelenia Góra) wird
vor dem Hintergrund der Vergänglichkeit zum kognitiv-emotiven
Kristallisationspunkt im Gedicht Rohrlach-Polnische
Liebe des Bandes Der Tag als Voyageur:
Rohrlach. Polnische Liebe,
Sommers und unter vielen Garben versäumt.
Ausgesetzt den sieben Winden und
Widerfahren der Sanftmut des Schnees,
Der Sichel ernteloser Zeit.
Zwischen den fernen Teichen,
In grüne Spiegel getaucht und
Mir in den Augen zerronnen,
Dunkelt und strömt an den Ufern
Dein überwehtes Gesicht,
Strandet das Treibgut der Nacht
Geäschert am Saume des Lichts.
Im Park verhört mich die Stille,
Sintert die Frühe den Morgenlaut.
Der Walnuß nimmt noch immer
Die verängstigten Schatten in Schutz,
Verstellt mit weiter Gebärde
Der flüchtigen Ferne den Weg.
Unter seiner Decke birgt der Kies
Die sanfte Fährte deiner Blütenspur
Und der Nebel hüllt deine Stimme
In ein seidenes Tuch.
Unter wieviel Gewittern ist verdorben
Das Silberwort aus deinem Regenmund?
Unter wieviel Monden sind verschüttet
Die Malvenbrüste deiner Zärtlichkeit?
Auch in diesem Gedicht,
in dem die autobiographische Tendenz nicht nur nebensächlich
ist, geht es weniger um eine ungefilterte, unzensierte
Registrierung des Gedankenflusses, sondern um eine
bewusste Transposition der erfahrenen Wirklichkeit
auf eine höhere (künstlerische) Ebene, also um die
Realität einer räumlichen Bestimmtheit als Ausgangspunkt
und deren Erhöhung durch den Kunstgebrauch. Mit dem
individuell, charakteristisch und souverän über sich
befindenden Subjekt wird zugleich Einspruch gegen
die Angleichung und Standardisierung von Wahrnehmungs-
und Empfindungsweisen erhoben. Durch die präsentierte
analytische Optik treten innere Zustände zutage.
Im Phantasieraum des Gedichtes wird durch das nachträglich
stattgefundene Liebesbekenntnis eine Situation der
Intimität hergestellt und zugleich eine hintergründige
Beichte abgelegt. In dieser metrisch durch den Jambus
(die Sätze beginnen vorwiegend mit unbetonten Einsilbern:
Artikel, Pronomen, Konjunktion, Präposition) und
den Blankvers dominierten Poesie entsteht das Erhabene
aus dem Alltäglichen. Die poetischen Bilder sind mit
dem Pathos aufgeladen. Trotz aller Dissonanzen wird
der Eindruck der Schönheit, Freiheit und Verbundenheit:
"die sanfte Fährte deiner Blütenspur", "die
in ein seidenes Tuch gehüllte Stimme", "die
Silberworte und Malvenbrüste deiner Zärtlichkeit"
erweckt und vermittelt. Ch. Saalberg arbeitet aber
zugleich mit dem Befremdlichen, dem Missklang. Ein
Begehren nach Liebe wird durch Entbehrungen und Leiden
begleitet. Seine sprachliche Ausdrucksdynamik umfasst
also auch die Apostrophierung des Ichs als eines Fremden und artikuliert tragische
Gebärden: Verlust, Schmerz und Verstörung,
beschwört aber keine Geschichte eines dem Ende zustrebenden
Martyriums, die mit dem Pathos der Weltschmerzpoesie
verbunden wäre. Die durch die Zerstörung des ehemals
Vertrauten hervorgerufene Einsamkeit muss mit dem
empfundenen Bedürfnis, aus sich herauszugehen, sich
mitzuteilen, das eigene Innere auszuleuchten, im Akt
surrealistischer Imagination in Einklang gebracht
werden. Das Ich ist leidenschaftlich auf das Ideal
einer vergangenen und zugleich glühend begehrten Traumwelt
fixiert, erkennt aber deren endgültigen Verlust: "zerronnen
(I:Z.8), überweht
(I:Z.10), verdorben (II:Z.11), verschüttet (II:Z.13)"
an. Die Chronik der Vergänglichkeit ist mit rieselnd-bröckelnder
Zeit besiegelt, die imaginierte Traumwelt
dem vertrauten Echo entwöhnt und unwiderruflich vergangen:
Umstöbert sie [die stützenden Säulen]
aus fremden Himmeln das Licht.
Vor ihren Augen bröckelt die Zeit,
Verwittert im Steinschlag der Blick [...].
Der Tod der Geliebten ist nicht abwendbar und wird vorhergesagt.
Die Selbsterkundungen des Ichs bewegen sich an der
Grenze zum Nichts. Der Weg führt auf der abschüssigen
Ebene der Verzweiflung und es lässt sich keine gegenläufige
Bewegung mehr in Form kleiner Glücksmomente feststellen:
Aus dem geborstenen Schlaf,
Behangen mit Finsternis und vor Augen
Den stiebenden Fall der Nacht,
Bricht der Bober, Geliebte,
Lärmend in deinen Tod [...].
Und weiter:
Geliebte, verschollen dein Odem
Und deine Lippen verwaist [...].
Simultane Erfahrungen der Innen-
und Außenwelt werden in diesem Gedicht in eine sukzessive
Darstellung bis hin zur Unvermeidlichkeit und Endgültigkeit
der Existenzaufgabe gebracht. Die Sphären des Lebens
und des Todes sind nicht hermetisch gegeneinander
abgeriegelt. Den Zeilen entspringt aber weder eine
Todesbesessenheit noch eine abgründige Affinität
zum Tod. Obwohl Tod und Leben existenziell nicht als
unüberbrückbare Gegensätze, sondern als die ursprünglichste
Einheit zu begreifen sind, indem der Tod komplementär
zum Leben steht, bedeutet der Tod in diesem Fall keine
natürliche Konsequenz, sondern er bricht über die
Geliebte mit allzu großer Gewalt (onomatopoetisch
im Kontext des lärmenden Bober) herein, ist mit der
Zerstörungswut und dem Zerstörungswillen verbunden,
stellt etwas Fremdes, Entferntes, Unerkennbares dar
und ist kaum als Passierschein zum Paradies, zum göttlichen
Arkadien zu betrachten.
Den Glogauer Gedichten
des Bandes Heute am Tag der Heiligen Katharina werden die Worte von
Andreas Gryphius als Motto vorangestellt:
Wo jetzund Städte stehn,
wird eine Wiese sein,
Auf der ein Schäferskind wird spielen
mit den Herden.
Auch die alte Stadt Glogau
gibt es nicht mehr. Im Gedicht Ich streue einige
Buchstaben kommt eine verfallende Welt zum Vorschein:
Ich streue einige Buchstaben über dieses
Blatt
um noch einmal die alte Stadt zu sehen
die
Haus um Haus immer tiefer unter die Erde
gestiegen ist wo sie keine Post der Welt
mehr
erreicht Ich lege mir auch einige Worte
über
den Dom zurecht Vom Himmel schon angenagt
und
nur noch vom Wind gehalten beugt er sich
vor
um besser das gedämpfte Murmeln der Toten
zu
hören die in ihren Gräbern verschüttet
sind [...].
In diesem Gedicht vollzieht sich
ein rascher Wechsel zwischen äußeren und inneren
Eindrücken. Das Ich verweigert nicht den Empfang der
Außenwelt, ist aber der Wahrnehmungsüberflutung nicht
schutzlos ausgeliefert und ausgesetzt. Es wappnet
sich nicht dagegen durch die Gleichgültigkeit, sondern
nimmt die Umwelt in deren Vergangenheitsdimension
gelassen auf. Dieses Parlando lockert die Wucht der
Bilder auf, das Bild wird jedoch durch das Vorübergehende
und Entschwindende dominiert. Die andere Hälfte,
vertreten durch das Ewige, Bestehende und Unabänderliche,
ist kaum vorhanden. Die dem Untergang geweihte Außenwelt,
die auch der Vergangenheit der Stadt angehört, wird
dabei nicht ausschließlich im Kontext einer unbeweglichen
Leere und der unterirdischen Existenz wahrgenommen.
Sie provoziert die fundamentalontologische Frage
nach dem Sinn des Seins, die jedoch illusionslos
von andeutenden Worten eher umstellt als zur Sprache
gebracht wird.
Aber die Gegenwart der
Stadt Głogów, die im Gedicht Ich habe eine
Stadt gesehen in ihrer Schönheit angesprochen
wird, kann auch verzaubern:
Ich habe eine Stadt gesehen schöner als
die
Unbekannte von der Seine Sie tastete
sich
Durchs Grün wie ein Schiff das unter
Wasser die
Segel setzt ein Schweigen das sich lichtet
Und langsam sichtbar wird [...]
Als ich ging öffnete sich der Dom und
hob meinen
Brunnen hoch in die Luft
Ich sah den Schwalben zu ich sah sie
trinken
Sie tranken ihn leer.
Das Ich irrt in diesem Gedicht weder durch ein paranoides,
inneres Labyrinth, in dem uralte Ängste vor dem eigenen
Gesicht und der Sprachlosigkeit sowie Selbstvernichtung
und Tod hausen noch öffnet sich in ihm ein Schacht,
aus dem Grauen, Ekel, Angst, Fremdheit der Dinge,
Ausgesetztsein in einer Welt ohne erkennbaren Sinn
aufsteigen, sich als stärkste Empfindungen durchsetzen
und einen Fundamentalismus bezeugen, der nicht mehr
positiv werden kann. Dieses Gedicht von Ch. Saalberg
wird also nicht "von der schwarzen Hand"
geschrieben. Die Empfindungstiefe bedeutet hier
keine negative Leidenschaft im Sinne einer expressiv-explosiven,
ungehemmten Dekadenz, sondern eine Lebensbejahung
als Grundverfassung des Daseins, eine Sehnsucht,
die das Leben nicht eindimensional als ein kurzes,
ermüdendes Zwischenspiel und absurdes Tun sehen will.
Die dahinjagende Phantasie schafft eine Metaphorik
und Symbolik des Lebens:
Saalbergs Metaphernsprache verkommt nie im Leeren,
er arbeitet nicht manieristisch. [...] Der
Dichter überläßt sich vielmehr dem dunklen Strom,
der ihn vom Sichtbaren zum Unsichtbaren trägt.
Die Begegnung mit
der poetisch verschlüsselten Stadt bedeutet eine Zeit
der Besänftigung und Entspannung, eine sublime,
verfeinerte Form von Rausch und Ekstase.
In den Glogau-Głogów-Gedichten
wird das Prinzip einer kontrastreichen Gegenüberstellung
befolgt, wobei sich die bildliche Darstellung auf
einen festen Motivkanon von Leben, Liebe und Tod
stützt. Die Welt des Lebens wird bei Ch. Saalberg
symbolhaft z.B. durch die erquickende, erfrischende
Macht von Grün, Licht und Sonne repräsentiert, die Welt des Todes meistens durch Ruinen, Finsternis, Nacht und Schatten. Die
Motive treten aber selten voneinander getrennt auf.
Der Dunkelheit folgt oft das Licht nach, dem Schatten
die Sonne. Es wird somit auf eine nur scheinbare Opposition,
auf die Unzertrennlichkeit von Leben und Tod hingewiesen.
In dem erwähnten Gedicht
Das Land der Ferne, in dem auch der Verlust
angesprochen wird, wird die personifizierte Erinnerung
zugleich aufgefordert, das verschüttete Gedächtnis
freizulegen:
Erinnerung, stehe auf und mache dich
breit.
Es ist auch dein Land, das da vor dir
liegt
auf den Tod und im Gestöber der Schatten
versinkt.
Sieh auf meine Lippen
und spreche mir nach:
Der Hartriegelbusch. Das weiße Haus
auf dem Hügel.
Der Efeu im Fachwerk und der blaue
Morgen
auf dem Schindeldach. Am Hang der
Trog.
Die Kinder. Schiffchen aus Rinde.
Im Wasser
die Wiese und die Blumen der Sonne.
Hör zu, ich spreche es dir vor:
Da oben der Kynast, über den
der Sommer seine Gewitter rollt...
Wiederhole es und behalte jedes Wort.
Das Denken und die Vorstellung
ist bei Ch. Saalberg an eine Sprache gebunden, deren
Eigenwelt immer ein Ineinander von Genauigkeit und
Unbestimmtheit bedeutet. Seine Sprachgläubigkeit
betrifft zugleich die Erprobung bestimmter poetischer
Verfahren. Auch in diesem Gedicht werden innere Vorgänge
erschlossen, Phantasmen und pulsierende innere Bilder
entdeckt und psychische Reaktionen fixiert. Das Denken
wird in eine bestimmte Richtung gelenkt, indem es
sich in die Vergangenheit richtet und an einer räumlichen
Bestimmtheit: Der Kynast (Chojnik) orientiert. In
der Bilderfolge gibt es einen Ansatz zur Bewusstseinserweiterung
durch die geweckte Illusion eines Einblicks in das
Innenleben. Es wird dabei das Prinzip der Anhäufung
von Wörtern in gleicher syntaktischer Position (Akkumulation)
befolgt. Das Ich erkundet sich selbst denkend und
erlebend. Es gibt kein Maß aller Dinge, allenfalls
geheimnisvolle Konstellationen, die nicht als leere
Jetzt-Momente, sondern lebensimmanente Sinngebungen
gelten und in die Menschen und Dinge erneut zueinander
treten können. Im gleichmäßigen Fluss wird Hauptsatz
an Hauptsatz gereiht, womit der wirkliche Ablauf des
Denkens ausgedrückt und in das Medium der Sprache
umgesetzt wird. Die Bilder bedeuten keine Unterwerfung
des Ichs unter unmittelbare Sinneswahrnehmungen, sondern
stellen ein unbegrenztes Vertrauen in die Allmacht
der Imagination dar, die an das Vergangene und Wirkliche
nur anknüpft, sich aber auf der Suche nach Erkenntnissen
jenseits der Sinne befindet. Die Erinnerung an eine
wichtige Dimension in der Tiefe läuft gegen eine
Sinnverflüchtigung, die Vergessenheit und Vergeblichkeit
an, einen sinnvollen Zusammenhang gelten zu lassen
(Z.1-5,11,14). Das Existenzdenken zeigt sich an diesem
Beispiel modulationsfähig, weil das Ich ein Weltbekenntnis
gegen die Sinnleere und Absurdität des Daseins praktiziert
und nicht in Schwermut verstummt. Das Paradies erscheint
jedoch nur als innerweltlicher Bezirk, als eine Deutungsfolie
für das Innerste der Liebes- und Leiderfahrung. Die
Sprache gilt hier als Instrument zur Befreiung des
Unterbewussten und Traumhaften, das eine grenzenlose
und notwendige Freiheit verkörpert und zugleich als
eine Sprengkraft für die Fesseln der Wirklichkeit
zu begreifen ist. Die ursprünglichen Fähigkeiten
des Geistes, die eben in den Bereichen des Unterbewussten
und Traumhaften verwirklicht sind, werden somit
wiederhergestellt. In diesem Gedicht wird auch auf
die fließende Zeit im Kontext des Alterns und der
Spurensuche verwiesen. Das Ich schaut auch in diesem
Fall auf den Grund des eigenen Daseins:
Denn schon reicht uns der Tod zum Mund
und
die Gärtner der Schatten pflügen das
Dunkel um
und auf ihrem Acker häuft sich die Finsternis.
Laß uns durch die Schatten gehn, zu bergen,
was noch nicht versehrt. Das Feuer wird
sich
beugen. Laß uns über den Steinschlag
gehen.
Er wird uns nicht mehr schinden, wenn
wir
dein Land betreten und mit Händen greifen
und
binden das Leuchten in den Gewittern
der Nacht.
Die Wahrheit befindet
sich bei Ch. Saalberg im Innenraum der Seele. Die
Tiefenprozesse der Seele werden an die Oberfläche der Sprache heraufgespült,
indem sich der Dichter dem Chaos seelischer Gleichzeitigkeit
widersetzt, und bekommen so im Gedicht ihre Bestimmtheit.
Die äußerlich erkennbaren Teilen sind in diesem Gedicht
meist ungleich lange Abschnitte, wobei die Satzbewegung
über das Ende einer Zeile in die folgende hinausführt
und der Vers als eine Einheit meistens übergangen
wird (Enjambement). Auf diese Art. und Weise ensteht
eine Spannung zwischen Versbau und Satzbau. Inhaltlich
macht sich eine rätselhaft bedrohliche Konstellation
breit. Der Tod (Z.1-3) wird als bestimmende Macht
und nicht wegzudenkender Bestandteil des Daseins
anerkannt, jedoch nicht provokativ in Verbindung mit
einem forciert verkündeten Nihilismus, einer sinngebenden
Instanz als etwas faszinierend Süsses und Wollüstiges.
Die Todesnähe dekomponiert nicht die organisch-lebensweltlichen
Zusammenhänge, sondern sie macht empfänglicher für
das Stattgefundene. Das Ich scheint angesichts des
Geworfenseins und einer potentiellen Rückkehr zum
Styx sich zu besinnen, auf dem Lebensweg Pausen einzulegen,
gedanklich umzukehren und festzuhalten, was es noch
festzuhalten und zu bestimmen
gilt, um
nicht wie eine leere Hülse zurückbleiben zu müssen
(Z. 4,5). Diese schonungslose Selbstbefragung und Selbstergründung ist innerweltlich
mit einer Sinnsuche zu verbinden, bei der das Land
der Ferne, das die Geste und Illusion eines Triumphes
(Z.7-10) inzwischen abgelegt hat und ein Aushalten
im Widerspruch möglich macht, nicht ohne Bedeutung
ist. Somit wird der Absurdismus widerrufen, dass man
in dieser Welt seinen Stolz nicht bewahren und nicht
heimisch werden kann. Obwohl sich der Dichter Saalberg
unverkannt durch den Glauben an die höhere Wirklichkeit
verschiedener und oft vernachlässigter Assoziationsformen
leiten lässt, und durch die Metaphernsprache eine
Bemühung sichtbar wird, dem Zwang zu entgehen, den
der kritische Verstand der Sprache und allen anderen
Ausdrucksformen auferlegt, ist eine intentionale,
bewusste stilistische Gestaltung nicht zu kaschieren.
Die Metapher scheint hier zwar als simultanes Produkt des surrealistischen
Denkens zu sein, ist jedoch weniger als Ergebnis eines
zweckfreien Spiels anzusehen, das unter vollkommenem
Ausschluss des unkontrollierten Denkens zu Stande
gekommen ist, sondern meint eine schöpferische und
ästhetische Kategorie im Rahmen der surrealistischen
Poetik und ist von einer spezifischen Kommunikationsform
Saalbergs nicht zu lösen. Freie Schöpfung wird also
von Ch. Saalberg nicht als eine absolute Nicht-Unterwerfung
unter jegliche Normen und eine Sabotage aller Regelsysteme
begriffen. Die surrealistische Revolte hat bei ihm
(nicht zuletzt wegen der "verspäteten Geburt")
eine ästhetische und kaum eine sozial-politische Dimension.
Eugeniusz Klin kommentiert stilistische Kennzeichen
der Dichtung Ch. Saalbergs mit folgenden Worten:
Die Stilfiguren
dieses Dichters kreisen immer wieder um eine Bildhaftigkeit
des Leidens. Einerlei ob Metapher, Vergleich, Personifikation
oder sogar Allegorie, Saalbergs Gedichte variieren
das Leiden an der Existenz, allerdings nicht mit depressiven,
sondern mit stark expressiven, oft gewaltsam scheinenden
Bildern und Worten.
Auf die Schwierigkeit des Sich-Erinnerns
wird weiter im Gedicht Rohrlach-Polnische Liebe
hingewiesen:
Rohrlach, hörig noch immer
Und verfallen dem geschändeten Wort.
Über deine Lippen gehen die Wetter
Und ihre Schläge klüften
In meinen Schläfen die Erinnerung.
Bebend steht der Knabe vor dem Tor.
Wie eine Verheißung
Sprengt ihm das Schweigen den Mund.
Wieder nährst du breitbrüstig
Das Steingesicht der Nacht,
Und in deinem Schoß schläferst du mir,
Auf daß für immer verschwistert sei
Und ohne Bürde unser Tod,
Dein Gedächtnis ins schäumende Blut.
Das Ich scheint sich in dem Land
der Ferne noch auszukennen, schrumpft deswegen auf
die Dimension eines
Knaben, träumt sich nicht ohne Angst zurück
(Z. 6), bekommt jedoch keinen widerspruchsfreien Zugang
zur vergangenen Welt von Rohrlach. Das Bild von dem
Knaben, der sprachlos vor dem Tor zur Vergangenheit
wartet, bedeutet jedoch keine Reizmetapher, die lediglich
auf Wirksamkeit aus wäre, was gelegentlich den Surrealisten
nachsagt wird. Diese dem Auge entrückte Welt gehört
immer noch zur Innenwelt des Ichs, existiert weiter
in der (leider) gespaltenen Erinnerung (Z.4,5) und
ist dem Ich in dem Sinne hörig, dass man über sie
zwar nicht in Wirklichkeit, aber in kognitiv-emotiver
Hinsicht verfügen kann. Das Wort "hörig"
ist keineswegs mit "hörbar" zu verwechseln.
Das Ich ist aber auch Rohrlach hörig, das personifiziert
und in der zweiten Form Singular mit "du"
angeredet wird, weibliche, in diesem Fall mütterliche
(die Geliebten-Funktion wird durch den Knaben aufgehoben)
Züge annimmt, präsent, dominierend und aus dem Gedächtnis
nicht auszulöschen ist (Z. 11-14). Die Verbindung
zwischen den beiden wird besiegelt und ist trotz der
wirklichen Existenzaufgabe überlebensfähig (Z. 12,13).
Die herüber aus den Kindertagen vernommenen und vertrauten
Laute werden jedoch von anderen und fremden überlagert
(Z. 1,2), mit denen die politisch-historische Dimension
angesprochen wird. Aus dieser Schizophrenie resultiert
das Überwältigtwerden mit anschließender Sprachlosigkeit
(Z. 7,8).
Ch. Saalberg ist als Dichter
ein etwas tragischer Charismatiker, der sich zwar
vor elementaren Wahrheiten nicht fürchtet, sie zugleich
aber dermaßen verschlüsselt, dass der Zugang zur
poetischen Erkenntnis wesentlich erschwert wird. Obwohl
in der Sprache Saalbergs Syntax und Vokabular (fast
keine Neologismen) vertraut und nicht ganz ungewöhnlich
sind, lässt sich in der semantischen Zuordnung bei
der Frage nach einer Sinn-Kohärenz von großen Überraschungseffekten
und verschiedenen, bewusst geschaffenen Absurditätsgraden
sprechen. Die Begründung dafür resultiert aus dem
Ineinander von Wirklichkeit und Traum sowie aus der
bewusst angestrebten Aufhebung der Gegensätzlichkeit
von äußerer und innerer Welt. Seine Gedichte kennzeichnet
die Tendenz, in den hergestellten Bedeutungszusammenhängen
das im Sein Verborgene zu erhellen, wobei ein nahtloser
Vollzug der Übergänge von rationalen Gedankengängen
in die entlegenen Sphären der dichterischen Imagination
stattfindet.
Die schon erwähnten Glogauer
Gedichte sind Liebesgedichte an eine Stadt und eine
Frau. Mit
diesen Gedichten bekommt die Zeitreise eine völlig
andere, wesentlich optimistischere, enthusiastische
Dimension, weil die Schwermut ihr Gedächtnis verliere.
Die Vergangenheitsebene schwingt mit, sie wird aber
von positiven Wahrnehmungen und Emotionen überlagert.
Über der verschütteten Stadt, die mit dem Tod geschlafen
hat,
kann sich auch Liebe entwickeln:
Lasst euch erzählen von einer Stadt sanft
versunken
im Grün das unaufhaltsam über ihre Glieder
Rinnt und nicht zu stillen ist von diesem
Grün
das dem Sommer schöne Augen macht und
die
Blitze unterm Laub nicht schlafen läßt
[...]
Laßt euch erzählen von einem Mond der
rauschend
aus der Oder steigt eine Sichel in der
Hand und
Von dem weißen Leib des Flusses der wie
eine
Orchidee erblüht wenn seine Hand ihn
berührt [...].
Ch. Saalberg zeigt sich in seinen Gedichten als ein Grenzgänger
zwischen Kunst und Leben (Poesie und Lebenswirklichkeit),
in einem Spannungsfeld und auf der Grenze zwischen
der Innenwelt und Außenwelt, zwischen Phantasie,Traum,
Wirklichkeit und Rationalität begriffen. Die Glogauer-Gedichte
sind ein Beispiel dafür, dass sich die Saalbergsche
Poesie auch mit der Liebe verbunden fühlt, wobei sie
hier weder einen Akt der Selbstbefreiung von Moral
und sozialen Zwängen darstellt noch von einer wahnsinnigen
Komponente, die jenseits aller logischen und rationalen
Überlegungen, jenseits aller sozialen Konventionen
und abseits der allgemeinen Erfahrungsräume angesiedelt
wäre, begleitet wird. Die Liebe erscheint hier als
ein hohes und kein niedriges Gefühl. Dieses Gefühl
ist auch im Stande, dem Leben einen Sinn zu verleihen.
Das Ich ist dem Mysterium der Natur verhaftet. In
der von metrischen Beschränkungen freien Verskunst,
die dem kreativen Spiel der Imagination besser entspricht,
werden ihre Geheimnisse beschworen. Das Ich wohnt
ihnen bei und will sie durch die Variabilität des
sprachlichen Ausdrucks vermitteln, was gefühlsverstärkend
die Anapher: "Lasst euch erzählen" bezeugt.
Beliebt ist auch der Einsatz von Oxymoron: "[Liebe]
wie eine Feder so schwer"
und Personifikation, bei der dem Sommer und der Geliebten
Sonne menschliche Eigenschaften und Handlungen zugeschrieben
werden:
[...] Ich sah der Sonne bei ihrer Arbeit
zu Sie nagelte
den Sommer fest tätowierte ihm das Blut
ließ
Ihn schwören daß er sie nie verlassen
wird
Noch nach ihrem Tod kündet ihre Keilschrift
von
einem Sommer der nicht sterben will [...].
Obwohl Liebe und Tod in dem Ausmaß der ewigen Fortdauer
nebeneinander existieren und sich ergänzend eine
Einheit bilden, bedeutet der Tod in diesem Fall keine
Erlösung. Das Naturerlebnis wird in dem durch keine
Satzzeichen untergliederten Gedicht zum Katalysator
für die Liebes- und keine Todesvisionen und zum Garanten
des Wunderbaren, des grundsätzlichen Strebens des
Menschen nach einer authentischen Erfahrung, nach
einem Ideal, in dem sich das Wirkliche mit dem Überwirklichen
verbinden und mit dieser Osmose eine Realitätserweiterung
durch das Wunderbare und Imaginäre stattfinden kann.
Durch die unerwartete Begegnung erscheint auch das
Bekannte im Unbekannten. Diese Begegnung ist zugleich
ein Zusammentreffen von Außen und Innen, Bewusstem
und Unbewusstem, ein inneres Abenteuer eines Grenzgängers,
das nicht mehr an einem wesensfremden Ort zu Stande
kommt. Die Sprache Ch. Saalbergs ist selbst wie eine Naturmacht
und durchaus geeignet, die innersten Gerichtetheiten
unverbiegt wiederzugeben. Es wäre absurd, ihr einen
Makel des Nicht-Authentischen vorzuwerfen.
Die im surrealistischen Kontext
postulierte Übernahme der Kunst in die Lebenspraxis
und des Lebens in die Kunst ist für Ch. Saalberg zur
Selbstverständlichkeit geworden, denn die Poesie ist
für ihn ein integraler Bestandteil seines Lebens,
eine Aktivität und ein Bewusstsein, nicht nur im Kontext
der Ausdrucksmittel begriffen. Da Christian Saalberg
in seiner poetischen Konzeption davon ausgeht, dass
die Realität nicht ausschließlich vernünftig und nicht
logisch ist, sondern poetisch verstanden werden muss,
wenn sie ein Identitätserlebnis stiften soll, wird
dem Leser eine bestimmte kognitiv-emotive Anstrengung
abverlangt, wenn er sich zum Subjekt des Rezeptionsverhältnisses
und zum Objekt eines Wirkungszusammenhangs macht.
Es ist beim Umgang mit der Saalbergschen Dichtung
oft so, dass sich das Unsichtbare von seinem Lager
erhebt, kurz schweben bleibt und bei der erneuten
Niederkunft etwas zurücklässt, was noch unzugänglicher
und unsichtbarer wirkt und ist. Aber nur im Dunkeln,
das vom Dichter bevorzugt wird, kann ein bengalisches
Feuer angezündet werden, das zugleich verzaubert und,
auf anderer Ebene, entzaubert:
In meinen Worten schwelt ein Docht der
zu
flammen beginnt wenn ihr die
Dunkelheit aufschlagt das Buch der Fragen
Meine Worte sind eine Wunde ein roter
Faden
den ich zwischen die Seiten lege
Damit ihr den Tod entziffern könnt Zeile
um Zeile bevor euch der Morgen
Marmor in die Augen gießt und die Sonne
das Feuer in euren Händen zerreißt.
Wenn man sich der Intensität der Saalbergschen Sprachwelt
ausliefert, so heißt es zugleich, dass man bereit
ist, die Irrealität des Realen und die Realität des
Irrealen zuzulassen, um das Reale in seiner Realität
und Wichtigkeit überhaupt entdecken zu können. Walter Neumann schrieb in der Stuttgarter Zeitung zur
Saalbergs Lyrik und deren Rezeption Folgendes:
Wie lange
muß ein Dichter verkannt sein, bis er den gebührenden
Platz in der Literatur und, was wichtiger ist, in
der lesenden Öffentlichkeit findet? Woher soll letztere
von ihm wissen, wenn sein Werk beharrlich totgeschwiegen
wird? [...] Freilich sind diese Gedichte im Kontext
heutigen Schreibens ungewöhnlich. Mit einer Flut von
Sprachbildern schaffen sie Welten, die real erscheinen
und dennoch vollkommen eigenständige Gegenentwürfe
sind. [...] Diese Sprachwelt korrespondiert insofern
mit der Wirklichkeit, als sie Perspektiven eröffnet,
in denen Unbewußtes als Spiegelung von bewußtem erscheint,
Vor-Rationales in die scheinbare Rationalität geläufiger
Sprech- und Betrachtungsmuster einbricht und der Phantasie
als vorstellungsbildender Kraft zur Gültigkeit verhilft.
Die poetische (Gegen)Sprache Saalbergs
soll das abgegriffene Wortfeld der Konvention durch
den Trieb zur Metaphernbildung und zur sinnlichen
Energie der Bilder verschwinden lassen. Sie rebelliert
gegen die Sprache nur als diskursives Werkzeug der
Vernunft und ist eine zur sinnlichen Imagination zurückkehrende
Sprache, nicht willkürlich und konventionell gesteuert,
weil sie durch eine Metaphorik der Sinne, die von
der Konvention der Begriffe kategorial unterschieden
ist, neu motiviert wird. Die Poesie darf also im
Saalbergschen Verständnis nicht nur auf Literarisches
beschränkt werden, sondern sie tritt aus dem Leben
des Menschen hervor und erfasst alle Lebensbereiche.
Zu ihr sind prinzipiell alle Menschen befähigt. Dieser
egalitär anmutende Gedanke besagt, dass jeder Mensch
einen unerschöpflichen Vorrat an vergrabenen Bildern,
deren Erkenntnis als irrationale Erkenntnis und poetische
Objektivität gilt, zutage fördern kann. Die Gedichte
von Ch. Saalberg stellen einen ununterbrochenen Strom
von Assoziationen dar, in denen sich Außenwahrnehmungen
und Innenaffekte, Erinnerungen an die Vergangenheit,
Gegenwärtiges und Vorwegnahmen der Zukunft ruhelos
vermischen. Seine existenziell-surrealistische Poetik
verweist den Leser in die Bereiche zwischen Verwirrung
und Wortgläubigkeit, rezeptiver Passivität und produktiver
Sinnerstellung. Saalbergs Poesiekonzept verwirklicht
sich auf zwei Ebenen:
1)
Die mit poetischer Energie geladenen Bilder
treten durch einen psychischen Automatismus zutage
und können auch automatisch wieder zur poetischen
Inspiration werden. Im Mechanismus der poetischen
Inspiration hat der Dichter eine passive, nur rezeptive
Rolle und wohne als Zuschauer der Entstehung seines
Werkes bei. Mit einer solchen Vorstellung werden aber
alle Behauptungen vom Schöpfertum des Künstlers, von
Talent und Fruchtbarkeit ad absurdum geführt.
2)
Ch. Saalberg beschränkt sich jedoch nicht ausschließlich
auf ein Aufdecken von Bildern aus dem Verborgenen
und Unbewussten, auf ein rezeptives Registrieren
und Reproduzieren der Innenwelt, sondern er ist auch
ständig um eine produktive Erstellung von sprachlichen
Bildern und Metaphern bemüht, die oft mit einem
Überraschungseffekt verbunden bleibt.
Für die Lyrik von Ch. Saalberg
ist demzufolge ein dialektisches, rezeptiv-produktives
Verhältnis zwischen "Mechanik und Kombinatorik"
kennzeichnend, weil sein Schaffen nicht nur ein rezeptives
Registrieren der Innenwelt bedeutet, sondern auch
im Kontext eines produktiven Gedanken-Dynamismus zu
sehen ist. Alptraumartig und phantastisch erscheint
dabei die imaginär entworfene, hochartifizielle zweite
Wirklichkeit der Gedichtwelten, die das Alltägliche
nicht selten zum Entsetzlichen überhöht:
Es [das Weltbild des Dichters] ist im
Gefolge des Existenzialismus in dunkler Farbe gezeichnet
und zwischendurch von dem Rot der Grausamkeit gekennzeichnet.
Der sensitive, überempfindliche Dichter bringt dem
Menschen und der Natur sein Mitgefühl entgegen. Saalbergs
Metaphorik drückt in erster Linie seine Verzweiflung
über die bedrückende Existenz aus, die durch seine
esoterische Dichtung überholt werden sollte.
Der Dichter Saalberg
hat die Phantasie als eine Grundbedingung poetischer
Erkenntnis aufgewertet und versucht, das Wunderbar-Phantastische
als ästhetische Kategorie zu retten. Die Poesie von
Ch. Saalberg bewegt sich in den Zonen zwischen Leben
und Tod, Bejahung und Verneinung, die sich gegenseitig
aufheben. In dieser Doppelperspektive werden lebensbejahende
und lebensverneinende Bilder übereinandergeschoben,
die Konturen verunschärft, das eine zu Gunsten des
anderen gelöscht.
Draußen zeigen sich Leben und Tod in ihrer stummen
Kreatürlichkeit, der poetisch zur sprechenden
Gegenwart verholfen wird. Trotz aller Untergangsstimmung
ist diese Sprache aber "kein sinkendes Schiff". Durch
die Kunst der Saalbergschen Sprachbilder,
die aus der Welt der Wahrnehmungen, Assoziationen
und Innenaffekte enstanden sind, erfolgt eine poetische
Neuinszenierung der Sprache, einer sinnlichen Sprache,
die keinen sinnlosen Laut produziert, sondern wachend
und träumend zur Erlösung des Sehens, Fühlens und
Erklärens beiträgt. Die Dichtung Ch. Saalbergs bedeutet
thematisch keinen Urknall (Walter Neumann in der Laudatio
zur Verleihung des Eichendorff-Preises 1992 in Wangen),
schafft nicht ein bisher nie dagewesenes geistiges
Universum, sondern ist ein Produkt seiner Prägungen
(J.P. Sartre, A. Breton), was aber kaum wegen dieser
geistigen Anlehnung zu missbilligen sei, weil die
Literatur ja nicht ahistorisch begriffen wird.
Primärliteratur:
Saalberg,
Christian: Das Land der Ferne. Gedichte. Sigmaringendorf
1968.
Saalberg,
Christian: Der Tag als Voyageur. Gedichte.
Nürnberg 1971.
Saalberg
Christian: Das Blaue vom Himmel. Gedichte.
Nürnberg 1976.
Saalberg,
Christian: Einnahme einer seltsamen Stadt. Gedichte.
Sigmaringendorf 1991.
Saalberg,
Christian: Heute am Tag der Heiligen Katharina.
Gedichte. Sigmaringendorf 1993.
Sekundärliteratur:
Christoff,
Charlotte: Ohne Hast gehe ich auf ein Tor zu.
In: "Der Literat" Nr. 1/1997, S.
24-25.
Frey,
Daniel: Kleine Geschichte der deutschen
Lyrik. München 1998.
Hinderer,
Walter (Hg.): Geschichte der deutschen Lyrik vom
Mittelalter bis zur Gegenwart. Würzburg ²2001.
Killy,
Walter: Elemente der Lyrik. München ²1972.
Killy,
Walther (Hg.): Literaturlexikon. Autoren und Werke
deutscher Sprache (15 Bde.). Gütersloh / München
1988.
Klin,
Eugeniusz: Weltanschauliche Komponenten der Stilfiguren
am Beispiel von lyrischen Texten Kieler Gegenwartsdichter.
In: "Germanistyka" Nr. 14, Zielona Góra
1998, S. 65-84.
Lamping,
Dieter: Moderne Lyrik. Eine Einführung. Göttingen
1991.
Neumann,
Walter: Schildpattmuster. Christian Saalbergs Lyrik. In: "Stuttgarter Zeitung"
Nr. 102 vom 03.05.1996, S.32.
Sartorius,
Joachim: Alles, was ich sage. Zu Christian Saalbergs
"Namenloses Gehölz". In: "Die
Welt" Nr. 217 vom 16.09.2000, S.4.
Segebrecht,
Wulf (Hg.): Fundbuch der Gedichtinterpretationen.
Paderborn 1997.
Privatkorrespondenz mit Christian
Saalberg:
Brief
des Dichters vom 06.03.2001
Brief
des Dichters vom 12.03.2001
Brief
des Dichters vom 14.09.2001