Käthe Recheis im
Gespräch mit Agnieszka Szukalska
Ohne Schreiben möchte ich nicht
leben. Käthe Recheis
A.S.: Ihren Ausführungen in der Sondernummer der Zeitschrift
"Die Rampe" entnehme
ich, daß Sie sich zum Schriftstellerdasein irgendwie schon
in Ihren frühesten Jahren berufen fühlten.
Das ist wohl eine Rarität, denn viele Wortkünstler
verspüren ja den Schreibzwang erst viel später. Ich
denke hier z. B an den großen österreichischen Dichter
Albert Drach oder an den berühmten polnischen Schriftsteller
Andrzej Kuśniewicz, die bekanntlich erst
in fortgeschrittenem Alter zu schreiben begonnen hatten.
Wie äußert sich bei Ihnen das Bedürfnis, auf die Welt
mittels der Sprache zu reagieren?
K.R.: In meiner Familie wurde viel erzählt und viel gelesen.
Ich hatte schon in der Volksschule den Wunsch, Schriftstellerin
zu werden. Schon als Kind faszinierte mich Sprache
und die Möglichkeit im "eigenen Kopf" Erlebtes
und Erdachtes zu formen.
A.S.: Mehrere Ihrer
Texte erzählen vom Leben der Indianer, ein stets präsentes
Bild ist das des Wolfes. Ist der Jugendliche von heute
an Themen interessiert, die ja zum Kanon der Jugendliteratur
der früheren Jahrzehnte gehörten? Oder handelt es
sich dabei um einen dichterischen Zufluchtsort?
K.R.: Indianer, Wölfe - diese Themen gehören in der heutigen Kinder-
und Jugendliteratur nicht zum Kanon, wie es in früheren
Jahrzehnten war. Es besagt aber nicht, daß das Problem
der Indianer gelöst ist. Im Gegenteil, es ist nach
wie vor aktuell. Ich lege Ihnen einen Artikel bei,
den ich für eine der nächsten Ausgaben von "1000
und 1 Buch" schrieb (erscheint in "1000
und 1 Buch", Internationales Institut für Jugendliteratur,
Wien). Aus dem europäischen Schuldbewußtsein heraus
fühle ich mich verpflichtet, den Menschen in einem
Land Kenntnisse über diese Völker zu geben und Anteilnahme
zu wecken. "Der weite Weg des Nataiyu" setzt
sich kritisch mit der Situation indianischer Kinder
und Jugendlicher in staatlichen Schulen auseinander.
In den Büchern der "Indianerbibliothek"
habe ich Originaltexte für Kinder bearbeitet. In
4 Anthologien habe ich gemeinsam mit meinem Kollegen
Georg Bydlinski Texte der Indianer Nordamerikas gesammelt
und übersetzt, Texte, um den geschichtlichen Hintergrung
zu erklären, Texte, die Bezug auf unsere Zeit haben
(vor allem die Einstellung der Ureinwohner Amerikas
zur Natur). Eine der Anthologien "Weißt du,
daß die Bäume reden" hat 27 Auflagen. Ich weiß
nicht, wie es in Polen ist, aber in Österreich und
Deutschland bedeuten diese Texte den Menschen sehr
viel. In meinen Büchern für die Kleineren will ich
schon Kinder durch Identifikationsmöglichkeit für
diese Völker interessieren. Im neuen Denken der Umwelt,
der Natur gegenüber, erhält der Wolf eine ganz andere
Rolle als früher.
A.S.: Ist das Schreiben ein geeignetes Mittel, das in Kinder- und
Jugendjahren Versäumte bzw.
Erträumte nachzuholen oder nachzuerleben? Schreiben
als Lebenshilfe also?
K.R.: Manchmal kommt es vor, daß man eigene Erlebnisse in Geschichten verarbeitet.
Das Buch "Schattennetz" fing ich mit 17
Jahren zu schreiben an, ich mußte es tun, um das damals
Erlebte zu verarbeiten und zu bewältigen.
In einem meiner ersten Bücher "Der kleine Biber und seine
Freunde" - ja, da habe ich mir selber einen Kinderwunsch
erfüllt.
A.S.: Wozu wollen Sie Jugendliche erziehen? Zu Menschen schlechthin?
Was heißt für Sie ein Mensch zu sein?
K.R.: Ich möchte Kinder und Jugendliche zu eigenem Denken anregen.
Wenn man für Kinder schreibt, darf man aber auch nicht
vergessen, daß Kinder ein Recht haben zu lachen. Humor
ist wichtig, ebenso Spannung.
Sie
fragen, was es für mich heißt, ein Mensch zu sein?
Ich bin sehr dankbar, daß ich am Leben bin - ich habe
es immer als Geschenk empfunden.
A.S.: Ist das Schreiben für
Sie Beruf oder Berufung? Gibt es eine ganz
bestimmte Botschaft, die Sie an Ihre Leser weiterleiten
möchten?
K.R.: Schreiben ist zugleich ein Beruf (ich verdiene ja meinen
Lebensunterhalt damit) und eine Berufung. Ich finde,
wenn man Talent zum Schreiben hat, dann sollte man
es tun. Natürlich gibt es bestimmte Botschaften, die
ich dem Leser gern vermitteln würde. Das können Sie
selber am besten herausfinden, wenn Sie meine Bücher
lesen. Vielleicht sollte ich besser "Anliegen"
statt "Botschaften" sagen.
A.S.: Glauben
Sie, daß der Mensch von heute, der ja sein Leben im
Zeitalter der Katastrophen zu fristen hat, überhaupt
noch zu retten ist, ich meine, als ein humanes Wesen...?
K.R.: "Man
muß das Unmögliche träumen, damit das Mögliche möglich
wird." Vieles in unserer heutigen Welt ist schrecklich,
aber vieles läßt einen auch hoffen. Wer die Hoffnung
aufgibt, gibt sich selber auf.
A.S.: Sind Sie ein politischer Mensch? Gibt es im jugendliterarischen
Schrifttum Platz für politische Betrachtungen?
K.R.: Alles, was den Menschen betrifft, aber auch die ganze Erde,
ist letztendlich "politisch". Und dafür
ist sehr viel Platz in der Kinder- und Jugendliteratur.
Ist Ihnen nicht schon aufgefallen, daß in Kinderbüchern
viele Weisheiten zu finden sind?
A.S.: Ja, natürlich! Gab es in Ihrem Leben Momente, in denen Sie
mit dem Schreiben aufhören wollten?
K.R.: Nein!, nie!
A.S.: Man pflegt zu sagen, die Sprachskepsis sei eine typisch österreichische
Haltung. Verspüren Sie ab und zu das Bedürfnis nach
einer "neuen" Sprache? Oder glauben Sie
vielleicht, die Sprache sein ein Medium, dem man nur
Vollkommenheit bescheinigen könne?
K.R.: Sprache entwickelt sich, verändert sich. Und das ist gut
so.
A.S.: Brauchen Sie bestimmte Bedingungen zum Schreiben? Ist z.B.
das Reisen eine mögliche Quelle der Anregung?
K.R.: Andere Länder, andere Völker durch Reisen kennenzulernen
- das ist für mich sehr wichtig. Menschen zu verstehen,
die anders sind als ich - darauf möchte ich nicht
verzichten. Auf Reisen erlebt man aber auch die Faszination
der Natur.
A.S.: Glauben Sie, daß die Persönlichkeit des Dichters mit seinem
Werk einhergeht? Spielen Herkunft und die Verhältnisse,
in denen man aufgewachsen war, eine große Rolle im
Werdegang als Literat?
K.R.: Bei manchen Schriftstellern
besteht eine Einheit
zwischen Leben und Werk. Bei
anderen wieder nicht. Denken
Sie z. B. an Rousseau, der als Mensch nicht eben liebeswert
war.
A.S.: Woran arbeiten Sie zur Zeit, was planen Sie für die nächste
Zukunft?
K.R.: Ich bin eben mit
einer Katzengeschichte fertig geworden. Damit habe
ich mir einen eigenen Wunsch erfüllt. Katzen haben
sehr ausgeprägte Persönlichkeiten. Das finde ich faszinierend.
Jede Katze, die ich in meinem 75jährigen Leben hatte,
war "anders".
Käthe
Recheis, geb. am 11.3.1928 in Engelhartszell/OÖ,
österreichische Kinder- und Jugendbuchschriftstellerin,
Übersetzerin und Herausgeberin literarischer Werke
der nordamerikanischen Indianer. In ihren Werken
vermittelt sie ein "ethisch fundiertes, humanes
Welt- und Menschenbild". Professorin h.c. Sie
wurde mit mehreren Preisen ausgezeichnet, u.a. dem
Österreichischen Staatspreis des Bundesministeriums
für Unterricht und Kunst für Kinderbücher, dem Kinder-
und Jugendbuchpreis der Stadt Wien für Jugendbücher,
dem Übersetzerpreis des Bundesministeriums für Unterricht
und Kunst, dem Kulturpreis des Landes Oberösterreich
für Literatur.
Bücher: Kleiner
Adler und Silberstern (1961), Der kleine Biber und
seine Freunde (1963),
Das Schattennetz (1964), Professor, du siehst Gespenster
(1974), Kleiner Bruder Watomi (1974), Das
kalte Auge. Unheimliche Kriminalgeschichten (1981),
Der weiße Wolf (1982), Lena - unser Dorf und der Krieg
(1987), Wolfsaga (1994), u.a.
Ein Gespräch
mit der Dichterin erschien auch in ORBIS LINGUARUM,
vol. 20, Wrocław 2002, S. 331-335.