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Orbis Linguarum Vol. 24/2004

Käthe Recheis im Gespräch mit Agnieszka Szukalska

Ohne Schreiben möchte ich nicht leben. Käthe Recheis

A.S.: Ihren Ausführungen in der Sondernummer der Zeitschrift "Die Rampe" ent­nehme ich, daß Sie sich zum Schriftstellerdasein irgendwie schon in Ihren frühesten Jahren berufen fühlten. Das ist wohl eine Rarität, denn viele Wortkünstler verspüren ja den Schreibzwang erst viel später. Ich denke hier z. B an den großen österreichi­schen Dichter Albert Drach oder an den berühmten polnischen Schriftsteller Andrzej Kuśniewicz, die bekanntlich erst in fortgeschrittenem Alter zu schreiben begonnen hatten. Wie äußert sich bei Ihnen das Bedürfnis, auf die Welt mittels der Sprache zu reagieren?

K.R.: In meiner Familie wurde viel erzählt und viel gelesen. Ich hatte schon in der Volksschule den Wunsch, Schriftstellerin zu werden. Schon als Kind faszi­nier­te mich Sprache und die Möglichkeit im "eigenen Kopf" Erlebtes und Erdachtes zu formen.

A.S.: Mehrere Ihrer Texte erzählen vom Leben der Indianer, ein stets präsentes Bild ist das des Wolfes. Ist der Jugendliche von heute an Themen interessiert, die ja zum Kanon der Jugendliteratur der früheren Jahrzehnte gehörten? Oder handelt es sich dabei um einen dichterischen Zufluchtsort?

K.R.: Indianer, Wölfe - diese Themen gehören in der heutigen Kinder- und Ju­gendliteratur nicht zum Kanon, wie es in früheren Jahrzehnten war. Es besagt aber nicht, daß das Problem der Indianer gelöst ist. Im Gegenteil, es ist nach wie vor aktuell. Ich lege Ihnen einen Artikel bei, den ich für eine der nächsten Ausgaben von "1000 und 1 Buch" schrieb (erscheint in "1000 und 1 Buch", Internationales Institut für Jugend­literatur, Wien). Aus dem europäischen Schuldbewußtsein heraus fühle ich mich verpflichtet, den Menschen in einem Land Kenntnisse über diese Völker zu geben und Anteilnahme zu wecken. "Der weite Weg des Nataiyu" setzt sich kritisch mit der Situation indianischer Kinder und Jugendlicher in staat­lichen Schulen ausein­ander. In den Büchern der "Indianerbibliothek" habe ich Ori­ginaltexte für Kinder bearbeitet. In 4 Anthologien habe ich gemeinsam mit meinem Kollegen Georg Bydlinski Texte der Indianer Nordamerikas gesammelt und über­setzt, Texte, um den geschichtlichen Hintergrung zu erklären, Texte, die Bezug auf unsere Zeit haben (vor allem die Einstellung der Ureinwohner Amerikas zur Na­tur). Eine der Anthologien "Weißt du, daß die Bäume reden" hat 27 Auflagen. Ich weiß nicht, wie es in Polen ist, aber in Österreich und Deutschland bedeuten diese Texte den Menschen sehr viel. In meinen Büchern für die Kleineren will ich schon Kinder durch Identifikationsmöglichkeit für diese Völker interessieren. Im neuen Denken der Umwelt, der Natur gegenüber, erhält der Wolf eine ganz andere Rolle als früher.

A.S.: Ist das Schreiben ein geeignetes Mittel, das in Kinder- und Jugendjahren Versäumte bzw. Erträumte nachzuholen oder nachzuerleben? Schreiben als Lebens­hilfe also?

K.R.: Manchmal kommt es vor, daß man eigene Erlebnisse in Geschichten verarbeitet. Das Buch "Schattennetz" fing ich mit 17 Jahren zu schreiben an, ich mußte es tun, um das damals Erlebte zu verarbeiten und zu bewältigen.

In einem meiner ersten Bücher "Der kleine Biber und seine Freunde" - ja, da habe ich mir selber einen Kinderwunsch erfüllt.

A.S.: Wozu wollen Sie Jugendliche erziehen? Zu Menschen schlechthin? Was heißt für Sie ein Mensch zu sein?

K.R.: Ich möchte Kinder und Jugendliche zu eigenem Denken anregen. Wenn man für Kinder schreibt, darf man aber auch nicht vergessen, daß Kinder ein Recht haben zu lachen. Humor ist wichtig, ebenso Spannung.

Sie fragen, was es für mich heißt, ein Mensch zu sein? Ich bin sehr dankbar, daß ich am Leben bin - ich habe es immer als Geschenk empfunden.

A.S.: Ist das Schreiben für Sie Beruf oder Berufung? Gibt es eine ganz bestimm­te Botschaft, die Sie an Ihre Leser weiterleiten möchten?

K.R.: Schreiben ist zugleich ein Beruf (ich verdiene ja meinen Lebensunterhalt damit) und eine Berufung. Ich finde, wenn man Talent zum Schreiben hat, dann sollte man es tun. Natürlich gibt es bestimmte Botschaften, die ich dem Leser gern vermitteln würde. Das können Sie selber am besten herausfinden, wenn Sie meine Bücher lesen. Vielleicht sollte ich besser "Anliegen" statt "Botschaften" sagen.

A.S.: Glauben Sie, daß der Mensch von heute, der ja sein Leben im Zeitalter der Ka­tastrophen zu fristen hat, überhaupt noch zu retten ist, ich meine, als ein humanes Wesen...?

K.R.: "Man muß das Unmögliche träumen, damit das Mögliche möglich wird." Vieles in unserer heutigen Welt ist schrecklich, aber vieles läßt einen auch hoffen. Wer die Hoffnung aufgibt, gibt sich selber auf.

A.S.: Sind Sie ein politischer Mensch? Gibt es im jugendliterarischen Schrift­tum Platz für politische Betrachtungen?

K.R.: Alles, was den Menschen betrifft, aber auch die ganze Erde, ist letzt­endlich "politisch". Und dafür ist sehr viel Platz in der Kinder- und Jugendliteratur. Ist Ihnen nicht schon aufgefallen, daß in Kinderbüchern viele Weisheiten zu finden sind?

A.S.: Ja, natürlich! Gab es in Ihrem Leben Momente, in denen Sie mit dem Schreiben auf­hö­ren wollten?

K.R.: Nein!, nie!

A.S.: Man pflegt zu sagen, die Sprachskepsis sei eine typisch österreichische Hal­tung. Verspüren Sie ab und zu das Bedürfnis nach einer "neuen" Sprache? Oder glauben Sie vielleicht, die Sprache sein ein Medium, dem man nur Vollkom­men­heit bescheinigen könne?

K.R.: Sprache entwickelt sich, verändert sich. Und das ist gut so.

A.S.: Brauchen Sie bestimmte Bedingungen zum Schreiben? Ist z.B. das Reisen eine mögliche Quelle der Anregung?

K.R.: Andere Länder, andere Völker durch Reisen kennenzulernen - das ist für mich sehr wichtig. Menschen zu verstehen, die anders sind als ich - darauf möchte ich nicht verzichten. Auf Reisen erlebt man aber auch die Faszination der Natur.

A.S.: Glauben Sie, daß die Persönlichkeit des Dichters mit seinem Werk einhergeht? Spielen Herkunft und die Verhältnisse, in denen man aufgewachsen war, eine große Rolle im Werdegang als Literat?

K.R.: Bei manchen Schriftstellern besteht eine Einheit zwischen Leben und Werk. Bei anderen wieder nicht. Denken Sie z. B. an Rousseau, der als Mensch nicht eben liebeswert war.

A.S.: Woran arbeiten Sie zur Zeit, was planen Sie für die nächste Zukunft?

K.R.: Ich bin eben mit einer Katzengeschichte fertig geworden. Damit habe ich mir einen eigenen Wunsch erfüllt. Katzen haben sehr ausgeprägte Persönlichkeiten. Das finde ich faszinierend. Jede Katze, die ich in meinem 75jährigen Leben hatte, war "anders".

Käthe Recheis, geb. am 11.3.1928 in Engelhartszell/OÖ, österreichische Kinder- und Jugendbuchschriftstellerin, Übersetzerin und Herausgeberin literarischer Werke der nord­amerikanischen Indianer. In ihren Werken vermittelt sie ein "ethisch fun­diertes, humanes Welt- und Menschenbild". Professorin h.c. Sie wurde mit mehreren Preisen aus­ge­zeichnet, u.a. dem Österreichischen Staatspreis des Bundesmini­ste­riums für Unter­richt und Kunst für Kinderbücher, dem Kinder- und Jugendbuchpreis der Stadt Wien für Ju­gend­bücher, dem Übersetzerpreis des Bundesministeriums für Unterricht und Kunst, dem Kulturpreis des Landes Oberösterreich für Literatur.

Bücher: Kleiner Adler und Silberstern (1961), Der kleine Biber und seine Freun­de (1963), Das Schattennetz (1964), Professor, du siehst Gespenster (1974), Kleiner Bru­der Watomi (1974), Das kalte Auge. Unheimliche Kriminalgeschichten (1981), Der weiße Wolf (1982), Lena - unser Dorf und der Krieg (1987), Wolfsaga (1994), u.a.

Ein Gespräch mit der Dichterin erschien auch in ORBIS LINGUARUM, vol. 20, Wrocław 2002, S. 331-335.

 

 
 
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