Anna Stroka
Wrocław
Gerhart Hauptmanns
Beziehung zu seinem Bruder Carl und zu Hermann
Stehr
Die
Beziehung Gerhart Hauptmanns zu seinem Bruder Carl
und zu seinem Freund Hermann Stehr kann angesichts
der bestehenden Textlage nur aus der Sicht Gerharts
untersucht werden. Seine Tagebücher sind im Unterschied
zu den beiden anderen Schriftstellern fast vollständig
im Druck erschienen und vermitteln dank den zahlreichen,
relativ ausführlichen Einträgen wichtige Einblicke
in sein Bruderverhältnis, während man aus Carls Aufzeichnungen
zwar auf Spannungen zwischen den Brüdern schließen
kann, da sie aber - soweit sie gesichtet werden konnten
- nur sporadisch und unregelmäßig gemacht wurden,
zudem sehr kurz sind, erfährt der Leser kaum etwas
über die Ursachen der jeweiligen Meinungsverschiedenheiten
bzw. Missverständnisse. Obwohl
der Wahrheitsgehalt der Einträge hier nicht in Frage
gestellt wird, ist der von den Brüdern jeweils vertretene
Standpunkt zweifellos subjektiv. Ähnliches gilt für
Gerhart Hauptmanns Beziehung zu seinem Freund Hermann
Stehr und umgekehrt. Alle drei Schriftsteller lebten
jahrzehntelang, bis an ihr Lebensende in Schreiberhau
bzw. Agnetendorf, wodurch auf natürliche Weise ein
engerer Kontakt zustande gekommen war, dennoch beschränkte
er sich - soweit es um Carl Hauptmann geht - nur auf
einige Begegnungen mit Hermann Stehr, die gewiss
Gerhart Hauptmann zu verdanken waren.
Die Brüder Hauptmann wuchsen in einer Atmosphäre der Wohlhabenheit
auf. Als Enkel des Inspektors
der Heilquellen und Söhne des Hotelbesitzers "Zur
Preußischen Krone", Robert Hauptmann und seiner
Frau Marie Luise Amalie, in Ober-Salzbrunn geboren
- Carl, der ältere, am 11. 5. 1858, Gerhart am 15.
11. 1862 - genossen sie vielfältige Freiheiten,
denn der elterliche Gasthof lebte von der Saison,
die von Mai bis Oktober dauerte. So standen beide
Brüder für diese Zeit unter der Obhut eines Kindermädchens.
Bis zu einem bestimmten Zeitpunkt bestand zwischen
beiden ein herzliches Verhältnis, was Gerhart mehrere
Male in seiner Autobiographie Das Abenteuer meiner
Jugend hervorhebt. Beide besuchten zuerst die
Dorfschule im Ort und dann die Realschule I. Ordnung
am Zwinger zu Breslau, die Carl im Jahre 1880 mit
einem guten Abgangszeugnis abschloss, während Gerhart
im Herbst 1878 die Schule in der Unter-Quarta verließ,
ein Jahr später wieder nach Breslau zurückkehrte,
um an der dortigen Kunstschule Bildhauerkunst zu studieren.
In Breslau wurde er von seinem Bruder Carl und dem
Klassenkameraden Alfred Ploetz bewillkommnet, von
dem er einmal bekannte, er sei ihm "für wichtige
Jugendjahre" mehr als sein Bruder "ein Halt
geworden".
Carl
studierte ab 1880 in Jena bei Ernst Haeckel Naturwissenschaften
und bei Rudolf Eucken Philosophie Ähnlich wie in der
Gymnasialzeit suchte er auch als Student den jüngeren
Bruder zu fördern. Er ließ ihn nach Jena kommen, wo
er auf Fürsprache von Prof. Haertel, der als alter
Weimarer beim dortigen Großherzog in Gunst stand,
ohne Abitur für das Wintersemester 1882/83 zum Studium
zugelassen wurde. Angeregt durch Carl, interessierte
sich Gerhart für Haeckels Interpretation der Darwinschen
Entwicklungslehre, fragte fortan nach den naturgesetzlichen
Wahrheiten, setzte sich mit der Vererbungstheorie
auseinander und - so Eberhard Hilscher - betonte zeitlebens die Verbundenheit mit den "mechanischen
Naturwissenschaften", lernte hier also eine
Weltanschauung kennen, die in mancher Hinsicht seine
Hinwendung zum Naturalismus vorbereitet hatte.
Mit der
Dissertation Die Bedeutung der Keimblättertheorie
für die Individualitätslehre und den Generationswechsel
promoviert Carl im Jahre 1883 zum Dr. phil., heiratet
im Jahre 1884 Martha Thienemann, sein Bruder ein halbes
Jahre später deren Schwester Marie. Diese Heirat macht
die Brüder wirtschaftlich unabhängig und ermöglicht
ihnen ihre Weiterbildung. Dank der Großzügigkeit seiner
jungen Frau unternimmt Gerhart im Jahre 1883 eine
Reise nach Italien, wohin die scharfsichtige Martha
ihren Gatten nachreisen lässt. In
Genua trifft Gerhart zu seiner Überraschung seinen
Bruder Carl. Beide reisen gemeinsam nach Neapel, Capri
und Sorrent, haben auf der Weiterreise miteinander
Streit, so dass Carl am 11. Juni 1883 von Neapel allein
nach Rom reist, von dort nach Zürich, wo sein Freund
Alfred Ploetz studiert. Zum Wintersemester ist er
wieder in Jena.
Gerhart,
der weiterhin nach seiner eigentlichen Berufung sucht,
immatrikuliert sich 1884 an der Universität Berlin,
nimmt Schauspielunterricht bei Alexander Hessler,
interessiert sich besonders stark für Theater und
Literatur, was Carl am 11. Februar 1885 mit folgenden
Worten bestätigt: "Er studiert eifrigst Literaturgeschichte
und hat eine Fülle herrlicher dramatischer Entwürfe". Da Carl
die wissenschaftliche Laufbahn einschlagen will,
setzt er nach seiner Promotion seine Studien bei dem
Philosophen Richard Avenarius und Psychiater Auguste
Forel in Zürich fort. Zürich
bot damals den politisch Verfolgten eine sichere Zuflucht
vor der Willkür der Bismarckschen Sozialistengesetze.
Politisch motiviert ist auch
Gerharts Aufenthalt in Zürich im Jahre 1888, wohin
ihn Bruder Carl mit seiner Familie einlädt. In seiner
Wohnung treffen sich Wissenschaftler, Künstler, Studenten
und Studentinnen, so Richard Avenarius, Auguste Forel,
Carl Henckell, Alfred Ploetz, Ferdinand Simon, John
Henry Mackay, Frank Wedekind u.a. Gerhart, dem vor
allem Auguste Forel Einblicke in die Symptomatologie
und Therapie der Syphilis und des Alkoholismus verschafft
hatte, erinnert sich: "Das kleine Haus meines
Bruders Carl und meiner Schwägerin Martha in der Freien
Straße wurde damals etwas wie eine Platonische Akademie". Man kam regelmäßig zu Diskussionen über aktuelle Probleme zusammen,
die Gerhart vielfache Anregungen für sein späteres
Schaffen gegeben haben. Sie bestärken ihn in seinem
Kunstwollen in der Richtung, die Wilhelm Bölsche
in seinem vielbeachteten Buche Die naturwissenschaftlichen
Grundlagen der Poesie (1887) vertrat. Im Kontakt
mit Auguste Forel kommt Gerhart die Idee zu seinem
Drama Vor Sonnenaufgang, "beim Passieren
eines Seidenweberstübchens in Zürich die Anregung zu seinen Webern. Trotz
mancher Reibereien gestaltet sich das Verhältnis der
Brüder zu dieser Zeit durchaus herzlich. Gerhart kehrt
im Oktober 1888 nach Erkner zurück, nimmt Kontakt
auf zur literarischen Avantgarde um Arno Holz, Johannes
Schlaf, Otto Brahm und veröffentlicht seine ersten
Prosawerke Fasching (1887), Bahnwärter
Thiel (1888), Der Apostel (1890).
Carl Hauptmann
arbeitet jahrelang intensiv an seiner Habilitationsschrift.
Es ist die auf vier Teile angelegte Darstellung Zu einer dynamischen
Theorie der Lebewesen. Ihr erster Band, Die
Metaphysik in der modernen Physiologie, erscheint
im Jahre 1892 und findet in wissenschaftlichen Fachkreisen
beachtliche Anerkennung, ihr Autor ist als Nachfolger
des verehrten Lehrers Richard Avenarius im Gespräch.
Zu dieser Zeit glaubt er auch nicht an seine literarische Begabung. Am
12. 9. 1888 schreibt Carl
an Martha: "Mein Dichtertalent ist auf ein Minimum
beschränkt". Als er von Gerhart ein Exemplar
Vor Sonnenaufgang mit vielen Grüßen an seinen
"al.ten lieben treuen Bruder, Freund, Berater
und Förderer Zarle" erhält,
und dieser begeistert mit seinem Glückwunsch "zur
ersten Tat für die Unsterblichkeit" telegraphiert,
ist er noch immer mit seinen wissenschaftlichen Plänen
beschäftigt. Je tiefer er aber in die Thematik seiner
Untersuchungen eindringt, desto weniger vermag er
der vorherrschenden mechanistischen und positivistischen
Forschungsrichtung abzugewinnen. Kurz vor seiner Abreise nach Berlin lernt er am 1. Juni 1889 im Seminar von Richard Avenarius die junge Philosophiestudentin
Josepha Krzyżanowska kennen und verliebt sich
in sie. Die Polin stammt aus vornehmem Haus und studiert
- da dies in ihrer vom zaristischen Russland besetzten
polnischen Heimat nicht möglich ist - in Zürich,
einer der wenigen
Universitäten, die bereits Frauen zum Studium
zulässt, bei Richard Avenarius Philosophie. Carl fährt
Josepha nach Andermatt nach, unternimmt mit ihr und
Freund Alfred Ploetz eine Fußwanderung und lädt sie
nach Berlin-Charlottenburg ein, wo Martha bereits
eine Wohnung gemietet hat. In Berlin wird sie auch
von Bruder Gerhart freundlich aufgenommen. Carl
denkt an Scheidung. Gerhart ergreift im Gespräch mit
dem Bruder die Partei der Schwägerin Martha. Doch
das drohende Zerwürfnis wird bald beigelegt, denn
Josepha ist es, die - so Martha Hauptmann - "nur
mit leise wehmütigem ein bisschen spöttischem Ernst
schließlich die Forderung stellte, den Verhältnissen
Rechnung zu tragen und die Feuerströme von Zarles
Gefühlen so weit zu dämpfen, dass die Freundschaftsbande,
die uns verbinden sollten, nicht gefährdet werden
sollten, nicht versenkt würden, sondern ruhig haltbar
sein könnten". Carl
korrespondiert zwar in den folgenden Jahren mit Josepha,
doch "nichts war heimlich, auch die Briefe nicht". Josepha war mit dem polnischen Studenten der
Medizin, Theodor Kodis, verlobt, den sie auch später
geheiratet hat. Carl und Martha stehen weiterhin mit
Josepha, ihrem Mann und ihrer Schwester in freundschaftlichem
Kontakt. Sie ist mehrere Male mit ihrer Schwester,
nach ihrer Rückkehr aus den USA auch mit ihrer kleinen
Tochter in Schreiberhau zu Gast und regt Carl zu manchen
Dichtungen an.
Gerhart verarbeitet das Josepha-Erlebnis
des Bruders in seinem Drama Einsame Menschen (1891),
doch auch Carl Hauptmann fühlt sich dazu angeregt,
die Tage mit Josepha ins literarische Werk umzusetzen.
Er schreibt unter dem Pseudonym Ferdinand Klar die
Skizzen Die Sonnenwanderer (1890) und
Die Kahnfahrt (1893), findet Anerkennung bei
Gerhart und Alfred Ploetz und entschließt sich für
die schriftstellerische Laufbahn. Obwohl Carl bereits
in Zürich - so Martha Hauptmann - "heimlich leidenschaftlich
von der Kunstbewegung ergriffen, in der sich Gerhart
befand", war erst die Begegnung mit Josepha der Auslöser für seinen Entschluss,
sich der schriftstellerischen Tätigkeit zu widmen.
Dies scheinen folgende Worte seines verehrten Meister,
Richard Avenarius zu bestätigen: "Hätten Sie
nicht Frl. Josepha bei uns kennen gelernt, so hätten
Sie nie zu dichten begonnen".
Damit begann
- so Eberhard Hilscher
- die Tragödie seines Lebens, denn Carl konnte als
promovierter Doktor, dessen Leistungen sowohl Ernst
Haeckel als auch Richard Avenarius hoch einschätzten,
allen Ernstes mit einer Professur in Zürich rechnen. Er konnte nicht nur auf seinen
ausgezeichneten Bildungsgang hinweisen, sondern
sich auch das Verdienst zuschreiben, in Gerharts Leben
lange Jahre hindurch der Führende und Gebende gewesen
zu sein, ihn bereits als Knaben ermuntert zu haben,
als dieser kleine Erzählungen und Gedichte in seine
Schulhefte schrieb. Carl ist es auch gewesen, der Gerhart nach Jena und nach Zürich hat
kommen lassen und ihm die Welt der modernen Naturwissenschaft
erschlossen hat. Durch seine Vermittlung hat Gerhart
den großen Mitarbeiterkreis um Auguste Forel und
Richard Avenarius kennen gelernt und zur Herausbildung
seiner Weltanschauung und der Richtung seines Kunstgeschmacks
beigetragen, den etwa Wilhelm Bölsche vertreten hatte.
Im Jahre
1890 bestand zwischen den Brüdern noch immer ein harmonisches
Verhältnis. Auf einer Fußwanderung durch das Riesengebirge
beschließen sie, in Mittel-Schreiberhau ein käufliches
Gebirgsbauernhaus zu erwerben und es gemeinsam zu
bewohnen. Vater Robert, der Marthas und Maries Vermögen verwaltet, lässt das Haus
aufstocken. Im August 1891
bezieht Gerhart mit seiner Familie das Erdgeschoss,
Carl mit Martha die kleinere Wohnung im obersten Stockwerk.
Hier kommt es bald zu Spannungen
und Zerwürfnissen, denn Vater Robert verteilt das
Vermögen nicht gerecht. Da Gerhart drei Kinder hat
und Carls Ehe kinderlos ist, lässt er Haus und Grundstück
auf den Namen des Jüngeren eintragen. Martha Hauptmann
schreibt rückerinnernd: "Gerhart wurde auch trotz
wachsender Einnahmen immer der bevorzugte, obwohl
Zarle tausendmal mehr seinen Verhältnissen gemäß
der Opfernde und Werktätige war. Die
sorgende Berücksichtigung wandte sich stets mehr
und zu aller erst dem verwöhnteren Sohne zu". Martha ist enttäuscht, der Schwester wegen schweigt
sie. Hinzu kommt, dass Vater Robert von Carls Geld
den ältesten Sohn Georg unterstützt, dessen Fehlspekulationen
schließlich zum Bankrott führen, außerdem den älteren
Sohn mahnt, endlich einen Beruf zu ergreifen, denn
Gerhart sei nun die Stütze der Familie. Seine Belehrungen
und abfälligen Bemerkungen über Carls Ziel stören
seinen festen Willen zur Kunst, und so entstehen Spannungen,
die zu einer scharfen Auseinandersetzung führen. Im Sommer 1897 versuchen Georgs Geschäftspartner ihre Forderungen bei
Gerhart als dem finanzkräftigsten der Brüder einzutreiben.
Seine Unterstützung, so geben sie zu verstehen, könne Georg vor dem Bankrott
bewahren und den guten Ruf der Familie retten. Doch
Gerhart bleibt unnachgiebig. Als Vater von drei Kindern
trage er die Verantwortung für seine Familie, aber
auch für Margarete Marschalk, die er zu heiraten beabsichtigt.
Diese Lage
beeinträchtigt auch Gerharts Verhältnis zu Carl. Bei
jedem Besuch in Schreiberhau öffnen sich alte Wunden,
bei Carl die Überzeugung, von dem Jüngeren überflügelt
worden zu sein, bei Gerhart der Zwiespalt zwischen
seiner Liebe zum Bruder und dem festen Willen, sich
gegen dessen Belehrungen und Ermahnungen zu behaupten.
Vertieft
wird diese Spannung durch die sich jahrelang hinziehende
Ehekrise. Carl appelliert an Gerharts Pflichtgefühl und Verantwortung der Familie
gegenüber und warnt vor einer Zerrüttung des gemeinsam
errichteten Haushalts. Gerhart reagiert nicht. Beim letzten großen Familientreffen zu Weihnachten
1897, zu dem außer dem Vater auch Georg mit seiner
Familie eingeladen werden, versucht man sich auszusöhnen.
Doch Carl fühlt sich von der großzügigen Geste des
erfolgreichen Rivalen gedemütigt. Dieser hat nämlich
aus Berlin drei Proviantkisten kommen lassen, die
Margarete auf seinen Wunsch und seine Rechnung zusammengestellt
hatte, damit es "in dem kleinen Gebirgsort an
nichts mangele". Der reizbare,
impulsive und empfindsame ältere Bruder fühlt sich
verletzt. Ein Wort gibt das andere. Die Zusammenkunft
der Familien endet mit einem erregten Streit zwischen
Carl und Gerhart, der noch während der Feiertage Schreiberhau
verlässt.
Gerhart
ist erfolgreich. In Schreiberhau entstehen Einsame
Menschen, Das Friedensfest, Die Weber,
Hanneles Himmelfahrt, also Dramen, die für den
Dichter den endgültigen literarischen Durchbruch bedeuten.
Vor allem die am 26. Februar
1893 im Verein Freie Bühne Berlin uraufgeführten
Weber, für die ihm im Jahre 1912 der Nobelpreis
verliehen wird, machen Gerhart Hauptmann international
bekannt, während Carls schriftstellerische Bemühungen
zunächst unbeachtet bleiben. Wegen der Ähnlichkeit
in der Wahl der Thematik, des Milieus, der Verwendung
des schlesischen Dialekts gilt Carl auch anfangs
als Epigone des berühmten jüngeren Bruders und ist
bei jedem, wenn auch nur angedeuteten Vergleich enttäuscht,
ja verbittert. Eine eingehende Analyse seiner frühen Dichtungen zeigt aber auch die
Unterschiede zu Gerhart, der das, was sein Blick
umspannte, scharf und mit einem starken Willen zur
Form gestaltet, aber passive, leidende Helden auf
die Bühne bringt, während Carls Dramengestalten eine
zielsichere Entwicklung haben, so dass man sie sich
- im Unterschied denen von Gerhart - sehr gut in einer
neuen Lage handelnd vorstellen kann.
Nach
dem Misserfolg des Florian Geyer, der in Gerhart
eine tiefe Krise auslöst, - er denkt sogar an Suizid
- schreibt er an seiner Versunkenen Glocke (1897),
bittet den Bruder um seinen Rat und seine Meinung
über das fast fertige Manuskript. Carl
weist ihn nicht zurück und schlägt vor, noch einen
weiteren Akt zu schreiben. Trotz
seines Versprechens will Gerhart, über Carls Vorschläge
ungehalten, dessen Text nicht. anhören. Nach einer langen Auseinandersetzung schreibt Carl: "Gerhart kam
nach unserer Unterredung nicht ein einziges Mal mehr
in mein Zimmer" und drängt dem Bruder seine Entscheidung
auf, "von da ab einander weder über eigene Pläne
zu informieren, noch über unvollendete Dichtungen
zu sprechen". Gerhart
erlebt mit der Versunkenen Glocke seinen wohl
größten Theatererfolg, ist überglücklich und bricht
gemeinsam mit Margarete zu einer fast viermonatigen
Italienreise auf. Carl dagegen
ist verbittert. Zu einer Verständigung kommt es nicht.
Die Gemeinsamkeit scheint zerbrochen zu sein. Martha
schreibt:
Bald wurde
eine Trennungslinie zwischen den Brüdern eingeführt.(....)
Dort wuchs das Selbstgefühl und der Hochmut und hier
die Empfindlichkeit. Im Winter gab es dort längere
Abwesenheit durch städtische Aufenthalte, wogegen
wir still und abgeschieden in der den dörflerischen
Verhältnissen (...) ehemalig primitiven Form - diese
als zerstreuende und interessierende Erlebnisse aufnahmen.
Im Jahre 1900 erscheint
Carl Hauptmanns mehrmals aufgelegtes Buch Aus meinem
Tagebuch, das neben Riesengebirgsgedichten, die
- so Lucie Hillebrand - "zu dem Besten zu rechnen
sind, was die Riesengebirgslyrik hervorgebracht hat",
auch Aphorismen und zwanglos zusammengefasste Überlegungen
enthält, in denen der Dichter Zola ablehnt und sich
zum schöpferischen Menschen, zum Herausarbeiten "der
großen Linie" eines Meunier bekennt und Einblicke
in seine ästhetischen theoretischen Anschauungen
gewährt. Für Carl Hauptmann ist die
Seele letztlich das für die Entwicklung und das Schicksal
des Menschen Entscheidende. Die Seele als Sitz eines
individuellen Wesenskerns der Person, die Selbstbehauptung
und die Befreiung des Menschen zu sich selbst ist
das bleibende Thema des Dichters. Dieses
gestaltet er bereits in der Novellensammlung Aus
Hütten am Hange (1902) und in dem Roman Mathilde
(1902), in dem er versucht, die Ausformung der
Persönlichkeit von einer seelischen Veranlagung
abhängig zu machen. Doch selbst Carl Hauptmanns Aus
meinem Tagebuch wird von der Kritik mit der Kunst
des erfolgreichen jüngeren Bruders verglichen. Der
Dichter fühlt sich verletzt. So dankt er z.B. am 27.
März 1900 Julius Hart zwar
mit warmen Worten für seine in der Täglichen Rundschau
veröffentlichte wohlwollende Buchbesprechung,
fügt jedoch einschränkend hinzu:
Aber
warum meinen Sie, dass ich im "rein Künstlerischen"
hinter Gerhart stehe? Können wir nicht verschieden
sein, ohne gleich einer Wertung zu unterliegen? Gewiss
hat Gerhart andere charakteristische Merkmale der
persönlichen Kunst, und ich liebe seine Kunst - aber
ich weiß, dass ich Sie überzeugen werde, dass ich
auch meine persönliche Kunst habe, nur dass sie artverschieden
ist, wie Veilchen und Reseda - wie Tanne und Buche,
ohne dass man sagen könnte: sie stehe hinter oder
vor.
Seien Sie
mir nicht böse, lieber Herr Hart, ich wünsche so sehr,
dass unsere Bruderbeziehung nicht schließlich (wenigstens
bei Menschen, die uns menschlich kennen) zu einer
Herabsetzung von uns beiden würde, wenn einer immer
auf Kosten des anderen erhoben und erniedrigt wird.
Das war mir ein Schmerz bei Ihnen zu lesen, so herzlich mir sonst Ihre Besprechung und vor allem
Ihr gütiger Brief wohlgethan hat.".
Hier liegt Carl Hauptmanns Tragik, denn er war ein
schöpferischer und seinem Bruder
in mancher Hinsicht ebenbürtiger Schriftsteller gewesen.
In seiner Prosa ist er - so Gerhart Kluge - dem Bruder überlegen und das künstlerische Niveau solcher Schauspiele
wie: Die lange Jule, Die armseligen Besenbinder,
Tobias Buntschuh, Krieg. Ein Tedeum ist
durchaus mit denen von Gerhart Hauptmann vergleichbar.
Bei dem durch die Kritik immer wieder angestellter Vergleich zwischen
den Brüdern, hat gewiss auch ihre Namensgleichheit
eine Rolle gespielt. Sie führte bekanntlich zu irritierenden
Verwechslungen, (z.B. Ephraims Breite, Tobias
Buntschuh), die zusätzlichen Stoff zur Verbitterung
gaben.
Gerhart,
der sich z.T. auch wegen seiner Ehekrise immer kürzer
in Schreiberhau aufhält, ist berühmt: Paul Schlenther
schreibt die erste große Gerhart-Hauptmann-Monographie, Paul Vogeler illustriert die
Versunkene Glocke im Jugendstil, und Käte Kollwitz
malt die tragischen Bilder des Weber-Zyklus.
Auch unternimmt er Reisen
nach Italien, Frankreich, Frankfurt a.M., Hiddensee,
Wien, in die Schweiz u.a.
Carl
Hauptmann dagegen lebt fast ununterbrochen in Mittel-Schreiberhau,
meidet die Großstädte, die große Gesellschaft und
die großen Auftritte. Er "arbeitete mit vollem
Aufgehen seiner ganzen Persönlichkeit an seinen Werken,
hatte offenste Freude im Verkehr mit jedem Dorfbewohner,
kannte Hof und Hütte" im Ort, schreibt Frau Martha. Bald bildet sich um ihn
ein Freundeskreis. Am Anfang treffen sich in Schlickers
Weinstuben regelmäßig neben Carl Hauptmann - Bruno
Wille, Dr. Werner Sombart, Wilhelm Bölsche, der Porträtmaler
Hanns Fechner, Dr. Johannes Reicke und Hermann Hendrich
zu angeregten Gesprächen, zu denen auch Gerhart kommt,
wenn er gerade da ist.
In Agnetendorf
baut Gerhart für Margarete Marschalk den "Wiesenstein"
und bei Dresden ein Haus für Marie, die endlich ihre
Einwilligung zur Scheidung gibt. Gerhart ist glücklich und finanziell unabhängig. Seiner jungen Frau Margarete
schenkt er eine der teuersten Geigen der Welt, eine
Stradivarius. Am 10. August
1901 bezieht Gerhart den "Wiesenstein",
am 9. Juli 1904 wird die Scheidung von Marie ausgesprochen,
am 18. September 1904 die neue Ehe mit Margarete Marschalk
im Haus "Wiesenstein" geschlossen. An der Feier nimmt auch Bruder Carl teil. Hier lebt Gerhart bis an sein
Lebensende bis zum 6. Juni
1946.
Wann
und wo die Brüder einander begegneten, kann auf grund
der zugänglichen Quellen nicht genau ermittelt werden.
Gerhart war viel unterwegs, ging in Agnetendorf täglich
auch bei Schnee, den Leiterweg entlang und sah die
zerklüfteten Schneegruben. Ähnliches gilt für Carl. Auch er war fast jeden
Tag unterwegs gewesen, bestieg die hohen Berge und
suchte im Dorf den Kontakt mit den Riesengebirgsbewohnern.
Auf diesen Wanderungen durch die Gegend trafen sich
die Brüder meist zufällig und empfanden ihre Begegnungen
nicht selten "als wahrhaft glückliche Stunden",
besuchten aber auch einander, worüber Gerharts Tagebücher
und Eberhard Bergers Chronik zu Leben und Werk
Carl Hauptmanns Aufschluss geben. So traf
Carl den Bruder mehrere Male (13. 8. 1897, 28.5.1898,
23.2.1899, Anfang Juni 1901, 29. 7. 1901, 20. 9 .1901,
22. 7. 1902) auf seinen Wanderungen bzw. besuchte
ihn in Agnetendorf, gehörte zusammen mit Martha zu
den ersten Besuchern (10. 8. 1901) des fertiggestellten
Hauses "Wiesenstein", war zu Gerharts Lesung
seines Roten Hahns geladen, kam zu seiner Eheschließung
mit Margarete Marschalk (18. 9. 1904) und war mit
seiner zweiten Frau Maria mehrere Male Gerharts Gast
(17. 9. 1908, 30.-31. 5. 1909, 22. 8. 1909). Doch auch Gerhart
suchte den Bruder am 12. 12. 1902
auf, kam mit Margarete (11. 5. 1903 und 1904)
zu seinem Geburtstag. Nach einer "bis zur Erschöpfung
aufreibenden Auseinandersetzung", deren Ursache
unbekannt ist, kam es verständlicherweise zum Bruch
ihrer Verbindung. So fährt Gerhart am l. Dezember
1906, nachdem er seine Mutter besucht hatte, "ohne
den Wagen anhalten zu lassen (...) an Bruder Carl
und seiner Frau vorüber." und sieht "keine
Möglichkeit..... nicht einmal durch Erniedrigung"
die Angelegenheit zu ordnen. Im Dezember 1906 stirbt die Mutter in Warmbrunn. Die Beziehungen
zwischen den Brüdern bleiben auch nach diesem gemeinsamen
Verlust so kühl wie ehedem. Gerhart macht am 19. 8. 1907 Martha
Hauptmanns "scheue Verschlossenheit......
misstrauische Verschlossenheit" für dieses von Groll, Verbitterung, Missgunst und Misstrauen belastete
Verhältnis verantwortlich. und stellt resigniert fest,
dass mit dem Tod der Mutter zwischen ihm und Carl
"das letzte Seil" zerschnitten worden sei.
Trotz dieser
Spannungen und des mehrjährigen Abbruchs aller persönlichen
Kontakte haben weder Gerhart noch Carl das Talent
des anderen in Frage gestellt oder die Dichtungen
des anderen öffentlich herabzusetzen versucht. So schreibt Carl nach der erfolgreichen Aufführung des Fuhrmann
Henschel: "Was Gerhart in der Welt
und Kunst ist, kann niemand wegthun, und will ich
am wenigsten", auch schweigt er zu dem behördlichen Breslauer Aufführungsverbot
des Festspiels in deutschen Reimen im Jahre
1912. Gerhart wiederum hat zwar die Aufführungen von
Carls Stücken - belegt ist dies für Ephraims Breite
und Tobias Buntschuh - ignoriert, was dieser mit
Bitterkeit notiert, eindeutig herabsetzende Urteile
jedoch sind nicht bekannt geworden.
Carls
Ehe mit Martha war kinderlos geblieben, worunter das
Paar sehr litt. In Worpswede, das Carl seit dem Frühsommer
1899 mehrere Male besucht hatte, lernt er Rainer Maria
Rilke und seine Frau Clara Westhoff, und im Kreise
von Heinrich Vogeler und Otto Modersohn im Herbst
1906 die junge Malerin Maria Rohne kennen, verliebt
sich in sie und drängt auf Scheidung, aber erst nach
Fertigstellung seines wohl bedeutendsten Romans Einhart
der Lächler (1907). Nach längerer Prüfung
willigt Martha in die Ehescheidung ein, die
am 18. Juni 1908 ausgesprochen wird. Gerhart notiert
zu dieser Zeit
Carls Besuche in Agnetendorf (1. 1. 1908, 18.
9. 1908). Am 17. Oktober 1908 heiratet Carl Maria
Rohne. Gerhart schickt. zur standesamtlichen Trauung
in Potsdam sein Glückwunschtelegramm.
Die Schreiberhauer
Adelsgesellschaft um Frau von Köckeritz ist über diese
Entscheidung des Dichters empört und bricht alle
Kontakte ab. Dennoch bleiben ihm viele Freunde wie
Alfred Ploetz, Werner Sombart, Wilhelm Bölsche, Dr.
Reicke, die Worpsweder Maler Vogeler und Modersohn,
die Komponistin Anna Teichmüller u.a.
Seit
1910 führt Carl kein Tagebuch mehr, mithin ist über
seine Begegnungen mit dem Bruder aus tagebuchartigen
Einträgen nichts bekannt, Gerhart dagegen berichtet
am 9. 9. 1910 über die Geburt von Zarles Tochter Monona,
am 27. 8. 1911, dass er ein ganzes Jahr "Carl
nicht gesehen" habe, woraus gefolgert werden
kann, dass ein wieder in der Bruderbeziehung ein Bruch
eingetreten war, denn Gerhart "bedauert"
das Ausbleiben der bisherigen Spannungen mit dem Bruder,
weil - so wörtlich - aus jeder Spannung eine neue
"Spannung entsteht, /.../ die bewegende Kraft
bedeutet." Im Jahre 1910 hat Carl Gerharts Haus wahrscheinlich zum letzten Mal
betreten.
Im Jahr
1913 erscheint Carl Hauptmanns Roman Ismael Friedmann,
ein Jahr später werden die Prosabände Nächte und
Schicksale sowie einige Theaterstücke herausgegeben,
unter denen die
vor dem Ausbruch des Weltkrieges entstandene
dramatische Vision Krieg. Ein Tedeum (1914)
einiges Aufsehen erregt. Die Pazifistin Bertha
von Suttner begrüßt diese Dichtung als einen gewaltigen
Friedensappell. Obwohl sich Carl vorübergehend von der allgemeinen deutschen Kriegsbegeisterung
hinreißen lässt und vor deutschen Studenten an der
Berliner Universität eine patriotische Rede hält,
gilt er als Kriegsgegner. In der Kriegszeit kommt es erst zu Carls 60. Geburtstag zu einer Begegnung
mit Gerhart, der unter den Gratulanten ist. Carls
Gesundheitszustand ist bereits besorgniserregend.
Obwohl sich Gerhart in seinem
Tagebuch zu dieser Zeit mehrfach sehr kritisch über
den Bruder äußert und eine fast unversöhnliche Haltung
demonstriert, besucht
er den Bruder in kurzen Zeitabständen im Jahre 1918,
und am 13. April, am 13. und am 22. Mai 1920. Kurz
vor seinem Tode wendet sich Carl an den Bruder mit
der Bitte, sich für den Kulturhistoriker Kurt Breysig
bei der Besetzung eines Lehrstuhls in Berlin zu verwenden, was
für eine Aussöhnung der Brüder sprechen dürfte. Am
4. Februar 1921 stirbt Carl. Beigesetzt wird er auf
dem Bergfriedhof in Mittel-Schreiberhau. Die Beteiligung
der Trauernden war riesig groß. Gerhart,
der zu dieser Zeit an der Riviera weilt, nimmt an
der Trauerfeier nicht teil, Ivo Hauptmann spricht
im Namen aller Verwandten den Dank aus für den geliebten
Onkel.
Am 11.
Mai 1922 ist Gerhart zu Carls 65. Geburtstag
an dessen Grab, schreibt den Entwurf zu einer Novelle
Am Grab des Bruders und am 29. April 1928 einen Brief für eine Carl-Hauptmann-Feier zu seinem 70.
Geburtstag am 11. Mai, in dem es u.a. heißt: "Ich
glaube nicht, dass er mit irgend jemand in der Welt
schicksalhafter verbunden gewesen ist als mit mir,
womit etwas gesagt ist, das viel weniger ausspricht,
als es verbirgt." Mit dieser Feststellung spricht Gerhart etwas aus, was dieses - trotz
brüderlicher Verbundenheit - von Missverständnissen,
heftigen Auseinandersetzungen, Carls Eifersucht auf
Gerharts Erfolge belastete Bruderverhältnis zu erklären
scheint, wobei allerdings Gerhart es ist, der die
Schuld bei Carl sucht. Dass zwischen den Brüdern
im Laufe der Jahrzehnte eine völlige Entfremdung eingetreten
war, geht aus Gerharts späten Tagebucheinträgen hervor.
Ihre Ursachen objektiv zu beurteilen, ist trotz des
hohen Maßes an Wahrscheinlichkeit aller Aussagen
insofern kaum möglich, als fast jede Äußerung emotional
geladen ist, die Ursachen der Vorbehalte und des Grolls
nicht genannt werden. Dennoch
haben Carls Freunde mehrfach versucht, ihre Meinung
zu diesem Bruderverhältnis zu äußern. Aus ihrer Vielzahl soll die von Martin Borrmann zitiert werden, der
die Behauptung, die Brüder hätten sich durch Carls
Schuld auseinandergelebt, so dementiert: "Wir
werden die Empfindung nicht los, dass bei dem gleichzeitig
so gütigen und innigen Charakter Carls ein Hass überhaupt
nicht erst aufgekommen wäre, hätte es der andere
verstanden, vor den Augen des Bruders, dem er ohnehin
die ersten Hilfen verdankte, seinen überraschenden
Erfolgen den Stachel auszuziehen. So wie der Konflikt
jetzt dargestellt wird, erscheinen diese mit bestem
Willen begonnenen und stets unter ungeheuren Gewittern
endenden brüderlichen Zusammenkünfte geradezu wie
Vorbilder zu den schrecklichen Familienfeiern in Gerhart
Hauptmanns Friedensfest"
Einen anderen
Verlauf hatte Gerhart Hauptmanns Beziehung zu seinem
Landsmann Hermann Stehr, die sich in den Anfängen
zwar zu einer herzlichen Dichterfreundschaft entwickelt
hatte, im Laufe der Jahre aber nicht frei von Spannungen
gewesen war.
Am 16.
2. 1864 als Sohn eines Sattlers in Habelschwerdt bei
Glatz geboren, verlebte Hermann Stehr Kindheit und
Jugend in äußerst gedrückten Verhältnissen. Er besuchte
die dortige Volksschule, die Präparandenanstalt in
Landeck und das Habelschwerdter Lehrerseminar. Von
bäuerlicher Enge umgeben, begann er mit einem äußerst
bescheidenden Gehalt im Jahre 1887 seine Tätigkeit
als Landschullehrer in Pohldorf in der Grafschaft
Glatz. Wegen seiner liberalen
Ansichten von Kirche und Schulbehörde gemaßregelt,
wollte er sich durch literarische Tätigkeit von den
"bis zur Unerträglichkeit verknoteten äußeren
Lebensverhältnissen und Abhängigkeiten"
als Lehrer befreien und begann zu schreiben. In
dem abgelegenen Dorf seiner Tätigkeit war er nicht
in der Lage, mit literarisch Interessierten Kontakt
aufzunehmen, kannte zwar den Namen Gerhart Hauptmanns,
nicht aber seine Werke. Sein
äußerst bescheidendes Einkommen ermöglichte ihm nicht
den Ankauf von Büchern. Von einigen Verlagen abgewiesen,
schickte er im Mai 1896 an den Verlag S. Fischer Berlin
zwei kleine Erzählungen, Der Graveur und Meicke
der Teufel, die Moritz Heimann, der damalige
Verlagslektor, sehr hoch einschätzte und 1898 im Maiheft
der Neuen Deutschen Rundschau drucken ließ.
Beide Texte erschienen noch in demselben Jahr unter
dem gemeinsamen Titel Auf Leben und Tod als
Buch. Moritz Heimann war von Hermann Stehr als kommendem
Autor überzeugt und setzte sich nach Kräften für ihn
ein. Er machte Gerhart Hauptmann auf den Graveur
aufmerksam. Gerhart Hauptmann, der nach der Lektüre
dieser Novelle innerlich aufgewühlt war, beschreibt
seine Eindrücke ausführlich in seinen Tagebüchern.
Er nennt sie "ein deutsches
Eigengewächs markantester Art", Hermann Stehr ein Naturtalent jenseits von Literatur und Geschichte,
begrüßt die Veröffentlichung beider Texte und schickt
an ihren Autor einen Kartengruß. Der Besuch Moritz Heimanns im Jahre 1898, aber auch ein in Aussicht
gestellter Besuch Gerhart Hauptmanns bilden den Anfang
dieser Beziehung. Hermann Stehr, der durch das Erscheinen
seines Buches wegen angeblicher persönlicher Beleidigung
und "gotteslästerlichen und unmoralischen"
Inhalts vor Gericht verklagt wird, bittet Gerhart
Hauptmann vor Gericht, die gegen das Buch gemachten
Vorwürfe zu entkräften. Da Hauptmann
nicht persönlich kommen kann, schickt er ein schriftliches
Gutachten über die Erzählung als Kunstwerk, das die
Behörde nicht berücksichtigt. Stehr wird zu einer empfindlichen Geldstrafe und den Kosten des Verfahrens
verurteilt, empfindet aber den Beistand des Dichters
als "fühlbare, lebendige Kraft, nicht allein
mehr in meiner Seele" zu sein. Dieser erste Beweis des dem Dorfschullehrer entgegengebrachten
Wohlwollens, aber auch Gerhart Hauptmanns Kartengruß
und Brief bilden den Anfang dieser Beziehung. Für
die deutsche Literaturgeschichte ist Stehrs literarischer
Erstling insofern von Bedeutung, als er Gerhart Hauptmann
die Anregung zu seinem Drama Fuhrmann Henschel
gegeben hat. Es war ein beide Seiten befruchtendes Verhältnis,
so dass Moritz Heimann von einem "interessanten
und wichtigen Kapitel der deutschen Literaturgeschichte"
spricht.
Noch
von Pohlsdorf aus tauschen - so Pachnicke - die
Dichter je drei Briefe aus. Erst im Jahre
1900 kommt es zur ersten Begegnung und persönlichen
Bekanntschaft.. Hermann Stehr war damals in das nicht allzu weit von Hirschberg gelegene
Dittersbach versetzt worden. In Hain im Riesengebirge
wohnt vorübergehend der Komponist Max Marschalk mit
seiner Frau, Gerhart Hauptmann in Agnetendorf, wo
er den Bau des "Wiesensteins" verfolgte.
Bei Max Marschalk lernt der Dorfschullehrer Gerhart
Hauptmann kennen, ist von seiner Persönlichkeit tief
beeindruckt, geht gemeinsam mit ihm nach Agnetendorf.
Hier liest Hauptmann, "der beste Interpret seiner
Dichtungen", aus dem Manuskript seines Michael
Kramer. Hermann Stehrs tiefe Rührung, auf die
Hauptmann mit "glückhaft strahlenden Augen"
reagiert,
der stumme Händedruck beider Dichter bilden den Anfang
ihrer Freundschaft. Trotz ihrer verschiedenen Weltanschauungen und unterschiedlichen Ansichten
über Kunst hat es zwischen beiden gewiss eine innere
seelische Verbundenheit gegeben.
Hermann Stehr bewunderte damals seinen Landsmann, der ihm ein gütiger
und fördernder Gönner gewesen war. Dafür
spricht u.a. die Widmung, "Dem Dichter Gerhart
Hauptmann in tiefster Verehrung", die Stehr seinem
Roman Leonore Griebel (1900) vorausgeschickt
hat..
Am 10. August
1901 bezieht Gerhart Hauptmann mit Margarete Marschalk
den "Wiesenstein". Zu seinen ersten Gästen gehören neben Carl Hauptmann und zahlreichen
anderen Gästen auch Hermann Stehr. Der
"Wiesenstein", dessen häufiger Gast Hermann
Stehr ist, entwickelt sich in den folgenden Jahren
zum Mittelpunkt eines regen geistigen Austausches,
der auch Hermann Stehr innerlich bereichert. Hier
lernt er Gerhart Hauptmanns Freunde, unter ihnen bedeutende
Persönlichkeiten des damaligen kulturellen Lebens,
kennen. Zu nennen ist vor allem Walther Rathenau,
der im September 1908 Gerhart Hauptmanns Gast auf
dem "Wiesenstein" gewesen war und Hermann
Stehrs Epik sehr hoch schätzte.
Auch dichterisch fördern die Dichter einander, sie lesen die noch im Entstehen
begriffenen Werke
des anderen vor. Hermann
Stehr - dies bestätigen Gerhart Hauptmanns
Tagebücher - liest am 3. Januar 1902 auf dem "Wiesenstein"
seine Märchennovelle Das letzte Kind vor.
Hauptmann, tief ergriffen, beschäftigt sich intensiv
mit dieser Dichtung und schreibt, persönlich tief
bewegt, den Aufsatz Über ein Volksbuch. Meta Konegen, die Stehr ebenfalls vorliest, nennt Hauptmann
"ein merkwürdiges, interessantes und reifes
Stück". Tief beeindruckt ist er auch von den Drei
Nächten (26. 11. 1906).
Den Eindruck,
den der Mensch Hermann Stehr auf Gerhart Hauptmann
gemacht hat, drückt er im Venezianer (1903)
und in einer Reihe Würdigungen aus. C.F.
Behl, der das unvollendete Werk transkribiert hat,
bringt es mit Hermann Stehr in Beziehung. Er
schreibt: "Dieser trägt unverkennbare Züge des
Dichters Hermann Stehr, dessen schwere Konflikte mit
der Geistlichkeit und Strafversetzung im Laufe seines
Gesprächs mit Donatus gestreift werden. Auch Wanns
Frau, eine ländliche Gastwirtstochter, erinnert deutlich
an Frau Stehr".
Durch Hauptmanns
Vermittlung wird Hermann Stehr von seinen Lehrerpflichten
befreit und seine dichterische Tätigkeit durch finanzielle
Hilfe gefördert, so dass er bereits im Jahre 1911
pensioniert wird.
Zu dieser Zeit besteht zwischen Hermann Stehr und seinem berühmten
Landsmann die tiefste innere Verbundenheit. Unter
Berufung auf unveröffentlichte Briefe und Tagebücher
schreibt Gerhard Pachnicke, dass Stehr damals auf
"ein sichtbares Zeichen seiner Freundschaft"
gewartet habe und zitiert eine Tagebuchaufzeichnung
vom 15. 1. 1902, in der es heißt, "um den ganzen
Mann ist ein tiefer Zauber, ein großes Ethos wohnt
in ihm". Doch bereits im Jahre 1903, als Gerhart brieflich das brüderliche
"Du" anbot, sei "der Höhepunkt dieser
zweifellos mehr einseitig leidenschaftlichen Dichterbeziehung
überschritten" gewesen, was er mit Stehrs allzu
langem vergeblichen Werben um Hauptmanns Herzensfreundschaft
und Stehrs fast nichtssagendem Antwortschreiben begründet. Diese
Meinung bekräftigt Pachnicke mit Hermann Stehrs Tagebucheintrag
vom 13. 7. 1903:
Damit geht
für mich ein Kapitel meines Lebens, das vor sechs
Jahren so hoffnungsreich mit seinem liebenswürdigen
Briefe aus Tremezzo begann, so zu Ende, wie alle Episoden
meines Daseins auszugehen pflegen: ich komme vom breiten
reichen Wege ab und gerate auf den unbequemen aber
fruchtbareren Schrimsteig. Trotz alledem bleibt es
zu beklagen, weil es auch für den stärksten Charakter
etwas Deprimierendes hat, zu sehen, dass einem alles,
aber auch alles, so schwer werden muss
In der
Öffentlichkeit besteht zwischen beiden Künstlern weiterhin
eine herzliche Beziehung. Zu Stehrs 50. Geburtstag
schreibt Hauptmann Worte der Anerkennung und nennt
den Jubilar "einen Künstler von tiefgründiger
Bildkraft.... der keinen Vorgänger seiner besonderen Art habe", dessen Menschen
"die Not des Tons in Gottes formender Hand"
erleiden und wünscht ihm eine allgemeine, volle Würdigung
seines Werks.
Im Jahre 1915
siedelt Hermann Stehr nach Warmbrunn über. Walther
Rathenau ermöglicht ihm den Ankauf des "Mandelhauses".
Damit rückt er zwar dem Freundeskreis Hauptmanns
näher, ob aber damit die Bindung zwischen beiden Dichtern
vertieft wird, kann - angesichts der Textlage - nicht
beurteilt werden.
Hermann
Stehr verliert im Jahre 1915 in Frankreich seinen
ältesten Sohn Willy. Beide Dichter entwickeln in der
Zeit des Ersten Weltkrieges und kurz danach eine rege
politische Tätigkeit, beide schreiben Kriegsgedichte,
die ihre Kriegsbegeisterung spiegeln., beide protestieren gegen die Machtpolitik der Alliierten und setzen
sich für ein demokratisches Deutschland bei den Wahlen
ein.
Im Jahre
1918 erscheint der zweibändige Roman Der Heiligenhof.
Durch dieses Buch rückt Hermann
Stehr in die erste Reihe der erstem deutschen Epiker.
Im Unterschied zu Hauptmann
will Stehr kein soziales Mitleid wecken. Da
es ihm weder um den Einzelnen, noch um das Soziale
geht, ist Mitleid für ihn "als Künstler eine
unzulängliche, private Empfindung".
In der Zeit vor 1922 bespricht
Stehr für die Neue Rundschau eingehend Gerhart
Hauptmanns Der Narr in Christo, Emanuel
Quint, Atlantis und Indipohdi, spricht
zu seinem 50. Geburtstag bei der Festaufführung
eines seiner Stücke im Breslauer Lobetheater einen
Prolog in Versen, verfasst
ein Protestgedicht gegen die Absetzung des Festspiels
in deutschen Reimen, das die Breslauer Zeitung
veröffentlicht und anlässlich seines 60. Geburtstages,
der u.a. in Breslau in einer einwöchigen Festwoche
feierlich begangen wurde, für den Sammelband Mit
Gerhart Hauptmann einen Beitrag über das Werden
seiner Bekanntschaft und Freundschaft mit dem Jubilar.
Zu Hermann
Stehrs 60. Geburtstag gratuliert ihm Gerhart Hauptmann
seinerseits in herzlichen Worten.
Im Jahre
1926 bezieht Hermann Stehr mit seiner Familie das
"Faberhaus" in Oberschreiberhau, dessen
Ankauf Max Pinkus großzügig unterstützt hatte. Ihm
widmete der Schriftsteller den Geigenmacher mit
den Worten: "Max Pinkus, dem großen Menschenfreund
und Sammler schlesischen Geistesgutes".
Im Jahre
1923 wechselt Hermann Stehr, der sich mit Samuel Fischer
überworfen hat, seinen Verleger. In
den gegen Fischer gerichteten Vorwürfen manifestiert
er bereits seinen Antisemitismus. Damit
lockert sich das Verhältnis zwischen den Freunden,
das sich immer mehr - so Reichart - auf gesellschaftlich-freundschaftliche Kontakte beschränkt. Eine
gegenseitige Beeinflussung oder eine Bewunderung
des Hauptmannschen Spätwerkes fehlt genauso wie die
frühere Einfühlung und das tiefere Verständnis für
die Neuerscheinungen des anderen. Reichart berichtet
über Gespräche mit Hauptmann und Stehr aus den Jahren
1928, 1930, 1934 und 1937 und belegt sie mit gedruckten
Erinnerungen und Gesprächen aus dem Freundeskreis.
Obwohl Herman Stehr für den Freund und Gönner Walter Rathenau Wahlreden
hielt, stand er der Weimarer Republik und der Demokratie
skeptisch gegenüber. Die Machtergreifung durch die Nationalsozialisten im Jahre 1933 hat
Hermann Stehr bedenkenlos akzeptiert. Die Distanz
zu Gerhart Hauptmann wird jetzt noch deutlicher,
was ein Chronist so beschreibt:
Für Hermann
Stehr eröffnete sich endlich die Aussicht, über Hauptmanns
Schatten zu springen. Am 17. Oktober 1933 erhielt
er im Goethe-Haus zu Frankfurt den "ersten Goethe-Preis
im Neuen Deutschland - den letzten im Alten Deutschland
hatte Hauptmann erhalten -, und als im Februar 1934
auch er siebzig Jahre alt wurde, tat man, was man
konnte, um ein Stehr-Jahr aufzuziehen, das es dem
Hauptmann-Jahr gleichtat.
Die
neuen Diktatoren wissen zwar um Hermann Stehrs Freundschaft
mit Walther Rathenau, Max Pinkus, Martin Buber, mit
Moritz Heimann und Max Tau, dem ersten Herausgeber
der neunbändigen Hermann-Stehr-Werkausgabe, auch kennen
sie die Ehrungen, die in der Zeit der Weimarer Republik
an ihn ergangen waren, dennoch akzeptierten sie Hermann
Stehr, der sich von den neuen Machthabern sehr viel
verspricht. Seiner Meinung nach
bestätigt die neue "Weltanschauung" sein
eigenes Denken. Der im Jahre
1936 herausgegebene Sammelband Das Stundenglas
enthält einige Beiträge, etwa die Ansprachen "Weihnachten
1933", die erkennen lassen, dass dem Autor die
"Gabe der Unterscheidung" gefehlt hat. Stehr lehnt jede Tradition ab, spricht
jetzt vom Zwang des Blutes, betont sein Sendungsbewusstsein,
lässt sich offiziell als "Seher und Führer"
des neuen Deutschland feiern und ist alles andere
als ein Regimegegner. Seine Weltsicht,
seine Auffassung von der Gemeinschaft, sein "Glaube
an deutsche Art und deutsches Wesen" seien -
so Mühle - "ganz deutsch". In
den 30er Jahren entsteht eine Reihe literaturwissenschaftlicher
Untersuchungen zu seinem Werk, auch wird er Mitglied der Reichsschrifttumskammer,
erhält zu seinem 70. Geburtstag vom Reichspräsidenten
von Hindenburg den Reichsadlerschild, sein Sohn wird
eine Zeitlang als Hilfsdramaturg am Staatlichen
Schauspielhaus in Berlin eingestellt und er selbst
im Sommer 1934 von der Breslauer Universität mit der
Würde des Ehrendoktorats geehrt, während Gerhart
Hauptmann und sein Werk von den braunen Machthabern
ignoriert werden. Am 19. Juni 1934 stirbt ihrer beider
Freund und Gönner Max Pinkus. Die Beerdigung, an der
die Bewohner der Stadt Neustadt nicht teilnehmen dürfen,
findet im engsten Familienkreise
statt. Nur Gerhart und Margarete Hauptmann sind aus Agnetendorf bei der Beisetzung anwesend. Stehr dagegen spricht
im Gespräch mit Reichart zwar in anerkennenden Worten
über Max Pinkus, sagt aber aus Feigheit die Teilnahme
am Begräbnis des "arischen Freundes" abgesagt. Bei dieser Gelegenheit
soll auch Stehr - nach dem Bericht von Walter Reichart
- erwähnt haben, dass Gerhart Hauptmann wegen seines
jüdischen Verlegers Schwierigkeiten habe, sein Spätwerk
einen schwachen Widerhall fände und für ihn selbst
alle nach Rose Bernd erschienenen Dichtungen
weder ansprechend noch wirkungsvoll seien.
Doch selbst
in der Zeit des gegenseitigen Schweigens ist der bevorstehende
70. Geburtstag Hermann Stehrs Anlass zu kurzen Kontakten
zwischen den Dichtern. Die Hermann-Stehr Feier ist
in diesem Jahr - so Gerhard Pachnicke - auf ausdrückliche
Anordnung von höchster Stelle als offener Affront
gegen Hauptmann gedacht. Dieser aber will an diesem Tage den Dichterkollegen seiner Sympathie versichern
und lässt ihm als Geschenk eine Weinsendung zugehen.
Hermann Stehr versteht diese wortlose Geste, zögert aber mit seinem Dankesbrief - den er erst am 31. März 1934,
also sechs Wochen nach seinem Geburtstag schickt.
Gerhart und Margarete sind erleichtert und danken
am 19. 4. 1934 mit herzlichen Worten.
Im Sommer 1939 sind Hermann Stehr zusammen mit seiner Tochter Ursula
Meridies-Stehr und ihrem Mann, Dr. W. Meridies in
Gerhart Hauptmanns Haus zu Gast. Wenige Wochen später,
am 13. 8. 1939, stirbt Frau Hedwig Stehr, die schwer
krank ist und von Hauptmann und seiner Frau sowohl
im Krankenhaus in Schreiberhau als auch in Warmbrunn
mehrere Male besucht wird. Dieser Frau, die ihrem
Mann in den schweren Jahren treu und tapfer zur Seite
gestanden hatte und die von allen Freunden, darunter
auch von Gerhart Hauptmann, Max Pinkus, Walter Rathenau,
Sigmund Feldmann, Max Tau hoch verehrt wurde, hat
Gerhart Hauptmann in seinen Erinnerungen ein schönes
Denkmal gesetzt. Stehr dagegen hat seine leidende Frau nicht ein einziges Mal besucht.
Am 14. September 1940 stirbt Hermann Stehr.
Hauptmann, der zu dieser Zeit auf Hiddensee weilt
und an seiner Iphigenie in Aulis arbeitet,
kam nicht zum Begräbnis, drückte den Hinterbliebenen sein Beileid aus, unterließ
aber eine öffentliche Äußerung.
Verständlicherweise hat Gerhart Hauptmann Stehrs späteres Schaffen mit
einer gewissen Skepsis verfolgt, ja manche Werke streng
beurteilt. C.F.W. Behl, der dem Schreiberhauer Kreis
nahe stand, notiert u.a.: "17. April 1942. Hauptmann
lehnte das Schaffen Stehrs vom Heiligenhof an
ab. Der Sintlinger sei ihm zu verschraubt, zu verbohrt.
Als Stehr ihm einmal darauf
vorlas, habe er ihm ungeduldig zugerufen: "Raus
mit der Zicke auf den Markt". Überhaupt liege
ihm das Seelenbohrerische Stehrs nicht" .
Am 13. Februar 1944 veröffentlicht er in der "Deutschen
Allgemeinen Zeitung" zu Hermann Stehrs 80. Geburtstag
als letzten Gruß sein Mysterium Magnum,
in dem er wieder Stehrs Gattin Hedwig ein ehrenvolles
Denkmal setzt und das Wesen und
Werk dieses Schriftstellers mit dem Mystiker Jakob
Böhme in Beziehung bringt.