Monika Mańczyk-Krygiel
Wrocław
"Das
Vaterland ... und ist´s denn nicht ein Phantom unserer
Träume?" Zum patriotisch-nationalen
Diskurs in der historischen Prosa Rudolf von Gottschalls
Rudolf von Gottschall
(1823-1909), ehemals ein renommierter Schriftsteller,
ist heute hauptsächlich als Verfasser des vierbändigen
literarhistorischen Werkes Die deutsche Nationalliteratur im 19. Jahrhundert (1853) bekannt. Sein sonstiges Schaffen
ist im Laufe der Zeit der Vergessenheit anheimgefallen,
was angesichts vielfacher stilistischer Unzulänglichkeiten
und oft epigonalen Charakters jedoch nicht verwundert.
Seine frühen Gedichte (Lieder der Gegenwart,
1842; Zensurflüchtlinge, 1843; Barrikadenlieder,
1848) sind der politischen Lyrik von August Heinrich
Hoffmann von Fallersleben, Georg Herwegh und Ferdinand
Freiligrath verwandt, nach
1848 wandte sich Gottschall zunehmend historisierenden
und national-konservativen Zielsetzungen
zu. Sein Oeuvre umfaßt Gedichte, Epen, Dramen und
seinerzeit vielgelesene Romane und Erzählungen, die
neben der Vorliebe für historische Stoffe antikirchliche
Tendenzen sowie ein Interesse für Emanzipationsthemen
aufweisen; überdies schrieb er literaturhistorische
und -theoretische Abhandlungen.
Der in Breslau in einer
Offiziersfamilie geborene Gottschall verbrachte seine
Kindheit und Jugend in Mainz und Koblenz, wo er das
Gymnasium besuchte. Nach der Übersiedlung der Familie
nach Ostpreußen immatrikulierte er sich als Jurastudent
in Königsberg. Wegen seines Engagements für die Jungdeutsche
Bewegung und seiner vom freiheitlichen Geist erfüllten
Gedichte wurde er von der Universität relegiert und
versuchte dann, sein Studium in Breslau fortzusetzen,
wofür ihm die Behörden allerdings ihre Zustimmung
verweigerten. Einige Zeit verbrachte er in Oberschlesien,
im Schloß einer Tante und auf dem Gut des befreundeten
Grafen Reichenbach, ehe er 1844 sein Studium in Berlin
beenden konnte. 1846 promovierte er in Königsberg,
eine Karriere im universitären Bereich oder im Staatsdienst
blieb ihm jedoch wegen der früheren Schwierigkeiten
verwehrt. Er widmete sich der dichterischen Laufbahn
und sein weiteres Leben war abwechselnd mit Breslau,
Königsberg und Hamburg, wo er als Dramatiker am Stadttheater
tätig war, verbunden. 1852 heiratete
er die schlesische Adlige Marie von Seherr-Thoss.
Breslau blieb Wohnsitz der beiden bis zur Übersiedlung
nach Leipzig 1864. Dort war Gottschall in den Jahren
1865-1888 Herausgeber der Blätter für literarische
Unterhaltung und der Zeitschrift Unsere Zeit.
1877 wurde ihm der erbliche Adelstitel verliehen.
Im folgenden sollen die
in den historischen Romanen und Erzählungen, deren
Handlung sich in Schlesien abspielt, vorhandenen Strategien
zur Konstruktion der nationalen Identität analysiert
werden. Von besonderem Interesse ist dabei die Frage,
ob der Autor - ein gebürtiger Schlesier und jahrelang
mit dieser Provinz verbunden - die Existenz einer
schlesischen Identität voraussetzt und ihr die Priorität
vor nationalen Identitäten im weiteren Sinne zuschreibt
oder sie nur als einen Teil der Kreation eines deutschen
Nationalmythos betrachtet. Die Analyse stützt sich
auf populäre, zur Unterhaltungsliteratur gehörende
Texte, die sich auch an das weibliche Publikum wandten.
Der früheste diese Thematik
aufgreifende Roman Im Banne des Schwarzen Adlers
(1875) spielt sich vor dem Hintergrund des ersten
schlesischen Krieges ab. Der Zeitpunkt seiner Entstehung
- nur wenige Jahre nach der Einigung Deutschlands
- legt die Vermutung nahe, daß hier die Gebundenheit
Schlesiens an Deutschland (auf dem Umweg über Preußen)
noch einmal begründet und bestätigt werden sollte.
Zu diesem Zweck wird (wie auch in anderen hier besprochenen
Werken) ein Krieg als Kristallisationspunkt nationaler
Identifikationen gewählt.
Angesichts der Tatsache, daß vor 1740 kaum politische
und wirtschaftliche Beziehungen zwischen Preußen und
Schlesien bestanden,
ist Gottschalls Argumentation zugunsten Preußens
besonders aufschlußreich. Er macht einen protestantischen
Edelmann zum Protagonisten, also den Vertreter einer
Gruppe, die traditionsgemäß doch noch einige Kontakte
mit Preußen gepflegt hat, sei es durch Armeedienst,
Ausbildung oder Anstellung am preußischen Königshof.
Der Roman selbst hält sich genau an geschichtliche
Begebenheiten, der wichtigste Teil der Handlung umfaßt
die Ereignisse zwischen dem preußischen Einmarsch
in Niederschlesien (16.12.1740) und der Huldigung
der Stände im Breslauer Rathaus (7.11.1741). In diesen
Ablauf werden mehrere Abenteuer-, Spionage- und Liebesgeschichten
eingeflochten. Der im Mittelpunkt vorliegender Erwägungen
stehende patriotische Diskurs wird anhand des Dreiecks
zwischen Arthur von Seidlitz, Isabella von Pogarell
und Agnes von Walmoden präsentiert und diskutiert.
Während sich die beiden jungen Frauen von Anfang an
dezidiert zum jeweiligen Land bekennen - die katholische
Isabella zu Österreich und die protestantische Agnes
zu Preußen -, stehen Arthurs Sinneswandel und Kampf
um eine neue Identität im Vordergrund. Seine Vorliebe
für Preußen beginnt noch vor dem Krieg mit einem Besuch
bei einer Tante auf dem Hof des jungen Kronprinzen
in Rheinsberg. Der junge Schlesier ist sofort von
der Persönlichkeit Friedrichs fasziniert, und nicht
einmal die Verbannung infolge eines falschen Spionageverdachts verändert seine Gefühle.
Nach dem Tod Kaiser Karls VI. wächst sein Unmut
gegenüber Österreich als Vaterland, er klagt die Bestechlichkeit
der Regierung und den wachsenden Einfluß der Jesuiten
an, und bemerkt auch eine allgemeine Gleichgültigkeit
des Volkes dem eigentlichen Herrn gegenüber.
Betrachtet man die für beide
Staaten vorgebrachten Argumente und aufgerufenen
Bilder näher, so fällt auf, daß der Autor dabei mehrere
Oppositionspaare herausarbeitet: "jung - alt",
"aktiv - passiv" und "männlich - weiblich":
[...] er hatte
die schlaffe kaiserliche
Beamtenwirthschaft, die Ueberhebung und Machtlosigkeit
der städtischen Behörden kennen lernen; er fühlte
bis ins Innerste den dumpfen Druck, der über dem schönen
Lande brütete. Und was brauste da für ein feuriger
Jugendgeist in das Land hinein! Der junge König mit
dem großen, tiefen Auge ... die schnaubenden Rosse,
die klirrenden Säbel ... fröhlicher Kriegsmuth, glühender
Thatendurst ... und es war nicht blos die ruhmdürstende
Tapferkeit einer kriegsbereiten Soldateska ... hinter
den blitzenden Waffen sah Arthur die in mildem Glanze
leuchtenden Musen von Rheinsberg ... Kunst und Wissen,
ein freies Denken, ein frisches Leben ...
So wird Preußen mit Jugend,
Tapferkeit, Tatendrang und Männlichkeit assoziiert,
Österreich dagegen mit Alter, Unfähigkeit, Passivität
und Weiblichkeit. Dies knüpft an die damals
gängige Strategie der Feindschilderung und gleichzeitige
Entwertung durch die Zuschreibung negativ konnotierter
Eigenschaften an.
Allerdings wird in diesem Fall diese Praxis gemildert:
Sonst auf den "Erbfeind" - die Franzosen
- angewandt, betrifft sie hier immerhin zwei Länder,
die aufgrund derselben Sprache zu demselben, die kulturelle
Identität der Deutschen stiftenden Kreis gehören.
Dies bringt den Autor in eine gewisse Verlegenheit,
da das Argument der gemeinsamen Sprache als des verbindenden
Elements - da für beide Opponenten gültig - nicht
mehr greift. Um sich zu behelfen, beschwört Gottschall
den Begriff des "engeren Vaterlandes" herauf
und rechtfertigt den Sinneswandel seines Protagonisten
durch die Sorge um Schlesiens Zukunft:
Und doch ...
dieser Boden gehörte dem Hause Oesterreich; der Doppeladler
hatte über seiner Wiege gewacht; alle die Seinigen
waren aufgewachsen unter dem Gesetz österreichischer
Hoheit und sahen in den Habsburgern ihre angestammten
Herrn. War es nicht eine Art Fahnenflucht, wenn er
zum Landesfeinde überging? Doch in seinem Herze war
er schon längst fahnenflüchtig, und so locker war
das Band, welches diese Lande mit Oesterreich verknüpfte,
daß außer der Gewohnheit und den Steuern kaum eine
innere Zugehörigkeit bestand. Und wie verkommen war
alles unter dieser Herrschaft! Nicht Oesterreich,
Schlesien war sein Vaterland, und welchen glänzenden
Aufschwung würde dieses nehmen unter der Regierung
eines geistreichen Fürsten, welcher alle schlummernden
Kräfte des Landes entfesseln, alle niederdrückenden
lahm legen, welcher den Künsten und Wissenschaften
seinen eigenen Geist einhauchen und die geistliche
Alleinherrschaft in seinem Reich zerbrechen würde.
War Arthur ein österreichischer Deserteur, so war
er doch auch ein schlesischer Patriot und opferte
das weitere Vaterland, um dem engeren Gedeihen und
eine schöne Zukunft zu sichern.
Ferner erfüllen im Bewußtsein
aller drei Hauptgestalten die Personen der jeweiligen
Herrscher die identitätsstiftende Funktion, wobei
den Geschlechterbildern eine besondere Bedeutung zukommt.
Auch wenn sich die nationale Bindung oft über die
Person des Monarchen vollzog,
so wurde der Frau gewöhnlich nur der Platz an der
Seite ihres Mannes zugewiesen. In unserem Fall übernimmt
die österreichische Monarchin gewissermaßen die Männerrolle.
Dies scheint den Autor bei der Wahl seiner Strategie
der Helden- und Leserlenkung zu beeinflussen. Während
das vorletzt angeführte Zitat ein gutes Beispiel für positive Konnotationen der
Beschreibung des jungen Königs ist, fällt bei den
Schilderungen Maria Theresias (stets als Königin von
Ungarn, nicht als Kaiserin angesprochen) die ständige
Wiederholung von zwei Adjektiven: "jung"
und "schön" auf.
Ihre Fähigkeit zum Herrschen wird dadurch doppelt
in Frage gestellt, einerseits durch die Hervorhebung
ihrer Unerfahrenheit, andererseits durch die Unterstreichung
ihrer Weiblichkeit. Während beim Mann Jugend als Vorteil
gewertet und mit Tapferkeit und Schneid gleichgesetzt
wird, erweckt sie bei der Frau den Eindruck eines Kindes. Das zweite
Eigenschaftswort reduziert die Frau auf ihr Geschlecht
und vermittelt somit eine unterschwellige Botschaft,
erweckt Unbehagen gegen eine in den Männerbereich
eintretende und aktiv handelnde Frau,
trägt gängigen Vorurteilen Rechnung und schmälert
so letztendlich den Wert Österreichs als potentielle
Heimat.
Obendrein führt Gottschall
en passant eine "Hierarchie der Identitäten"
ein, indem er anhand von Symbolen Preußen mächtiger
und dadurch erstrebenswerter als Schlesien erscheinen
läßt: "Wenn die Mark der Kiefer gleicht, so gleicht
ja sein Schlesien der schlanken schönen Tanne auf
Bergeshöhen, zu deren Füßen der Wasserfall schäumt
in ein blumenreiches Thal; doch die luftige Tanne
entwurzelt der Sturm ... die zähe Kiefer trotzt ihm
mit höhnischem Knarren."
Dieses Bild weckt bestimmt Assoziationen bei
den Adressaten: Es evoziert explizit das größere
Durchsetzungsvermögen Preußens, verheißt implizit
durch seine symbolische Bedeutung Unsterblichkeit
und ewiges Leben und bezieht sich eindeutig auf Männlichkeit
und männliche Welt,
was sich ohne weiteres in die übrige Argumentation
einfügt.
Auf
der Handlungsebene wird dem Problembereich des weiblichen
Patriotismus, Heroismus und aktiven Engagements
zum Wohle der Heimat ein breiter Raum gewährt und
eine durchaus positive Bewertung, wenn auch mit Einschränkungen,
zuteil. Sowohl Isabella als auch Agnes setzen sich
tatkräftig für ihre Sache ein: die erste gründet und
führt im besetzten Breslau eine Verschwörung gegen
Preußen an, die zweite zerschlägt diese Verschwörung.
Mit diesen Aktionen verlassen beide den, Frauen üblicherweise
zugestandenen, Bereich des aktiven Patriotismus, der
sich vorwiegend in der Mitarbeit in den sich um Soldaten,
ihre Familien und Verwundetenfürsorge kümmernden
Vereinen erschöpfte.
Dabei wird die Frage des ehrenvollen Kampfes erörtert,
denn Agnes schleicht sich in verkleidet als Nonne
unter den Verschwörern ein und bringt sie so zu Fall.
Wenn es um das Vaterland geht, heiligt der Zweck die
Mittel - lautet die Botschaft: "Wenn sie etwas
über diese Bedenken bringen konnte, so war es ihre
glühende Begeisterung für Friedrich und Preußens schwarzen
Adler. Ihm war sie fähig jedes Opfer zu bringen [...]
Ihrem Vaterland leistete sie damit einen großen Dienst,
sie gewann dem König vielleicht in aller Stille eine
entscheidende Schlacht, wie sollte sie da zögern?"
Nachdem Preußens Sache endgültig gewonnen ist, bekennt
sich Agnes zu ihrer Täuschung. Die an der Verschwörung
beteiligten Männer verlangen nun ihre Bestrafung
- man will ihr die Haare abschneiden. Mit dieser Strafe,
eigentlich üblich für Verstöße gegen sittliche Normen,
wird der nationale Diskurs mit dem sexuellen verbunden,
denn man unterstellt der Frau implizit unehrenhafte
und tugendlose Motive: "[...] und die beiden
Männer sahen mit einer Art von grausamer Wollust auf
ihr reizendes Opfer; sie verwünschten eine Zeit,
in welcher ein Märtyrertum, das so verlockende Reize
zugleich preisgab und zerstörte, nicht mehr möglich
war."
Auch wenn das aktive patriotische Engagement der Frauen
vom Autor mit Wohlwollen betrachtet wird, so bleibt
dieser doch dem verbreiteten Verdacht verhaftet, dies
bedrohe die natürliche Ordnung der Geschlechter.
Er versucht, dieser Gefahr zu entgehen, indem er beide
Heldinnen nach Kriegsende in die vorherrschenden Geschlechterverhältnisse
einfügt, sei es durch Eheschließung, sei es durch
Eintritt ins Kloster. Überdies verzichtet der Verfasser
bei der Schilderung beider Mädchen auf die in anderen
zur Diskussion stehenden Texten angewandte Strategie
der Wertung durch Beschreibung des Äußeren: während
sonst blonde Mädchen gut und dunkelhaarige schlecht
sind, ist dies hier nicht der Fall. Die Vertreterin
der österreichischen Partei ist blond, blauäugig,
"junonen- und madonnenhaft", die Preußin
dunkelhaarig, schalkhaft, mit tiefblauen Augen. Beide
sind gut, tugendhaft und sympathisch: Isabellas größter
Fehler ist die blinde Hingabe an die katholische Religion,
Agnes´ größte Vorzüge - Selbständigkeit und Durchsetzungsvermögen.
Eine weitere Strategie
bei der Konstruktion der nationalen Identität entwickelt
Gottschall durch die Beschwörung der regionalen Mythologie.
Die schlesischen Berge waren dem Autor von mehreren
Ausflügen während seiner Studentenzeit bekannt, eine
ausgedehnte Wanderung im Riesengebirge unternahm er
1844, und 1851 machte er eine Kur in Görbersdorf.
Die Sage vom Rübezahl, der "kein unheimliches
Gespenst, sondern der neckische Geist"
ist, fand Eingang in mehrere Werke des Schriftstellers:
in den Neuen Gedichten (1858) wird der Berggeist
- hier der Inbegriff der Treue - als Rächer an der
untreuen Geliebten apostrophiert,
als Wettergeist im Riesengebirge dagegen im Buch Das
schlesische Gebirge (1857), das eine Art Reiseführer
durch schlesische Berge ist; ebenso im komischen Zaubermärchen
Fürstin Rübezahl (1868) und im bereits erwähnten
Roman Im Banne des Schwarzen Adlers (1875).
Auf jeden Fall verbleibt Gottschall mit seinem Interesse
an der Gestalt Rübezahls in der zeitgenössischen Tradition,
die dank der Volksmärchen von Johann Carl August Musäus
den Berggeist als eine "gesamtdeutsche Literaturgestalt"
aufgenommen hat, was mehrere Konsequenzen aufwies:
erstens erzielte die Sage eine neue Breitenwirkung,
weil sie literarisch schöpferisch wurde (die Massenliteratur
bemächtigte sich der Gestalt des Berggeistes), zweitens
wurde ausgerechnet die Geschichte der gescheiterten
Liebe zur Prinzessin Emma und des "Rübenzählens"
zum bestimmenden Element der weiteren Sagentradition.
In diesem Zusammenhang ist die Frage, welche traditionellen
Elemente der Rübezahl-Sage von Gottschall übernommen
werden und ob neue Züge in der Darstellung dieser
Gestalt festzustellen sind, von besonderem Interesse.
In dem Roman Die Tochter Rübezahls (1890)
und der Erzählung Auf dem Kynast (1904) wird
mit dem Rübezahl-Motiv auf eine besondere Art verfahren:
der Berggeist wird nämlich auf mehrfache Weise heraufbeschworen:
einerseits als der imaginierte Geist des Riesengebirges,
andererseits als ein realer Mensch, der den Namen
Rübezahl führt. Beidemal ist er aber Symbol der schlesischen = deutschen Identität. Den Hintergrund für beide Werke bilden die antinapoleonischen Kriege,
wobei historische Ereignisse und Personen in die Handlung
mit einbezogen werden. Besonders
viel Aufmerksamkeit wird dem Zeitraum zwischen der
Niederlage bei Jena und Auerstädt (14. Oktober 1806)
und dem Tilsiter Frieden (8. Juli 1807) eingeräumt.
Erwähnt werden: der Einmarsch der Franzosen unter
Prinz Jerome, die Belagerung und Kapitulation Breslaus
(7. Januar 1807) und vor allem der bewaffnete Widerstand in Schlesien
unter der Führung des Grafen Friedrich von Götzen;
die Handlung des Romans endet nach der Schlacht bei
Waterloo.
Wie bereits gesagt erscheint
die Rübezahl-Sage auf der ersten Ebene als das gemeinsame
Gut der Schlesier: alle kennen sie, sie wird zu einem
beliebten Thema bei Unterhaltungen, einer der Helden
des Romans Die Tochter Rübezahls plant, sie
zu einer Zauberoper zu verarbeiten.
Überdies wird der Berggeist vorwiegend als Wetterdämon
angesprochen: das schlechte Wetter in den Bergen wird
seinem Unmut zugeschrieben.
In der Erzählung Auf dem Kynast wird das Bild
noch gesteigert: die Berge "hatten sich in Rübezahls
Mantel gehüllt, dichte Wolken bedeckten sie und schon
grollte der Alte vom Berge aus ihnen hervor mit leisem
Donner. [...] Nun rollte auch der Donner zu Häuptern
der Wanderer, warf ins Tal seinen schmetternden Gruß,
und das Echo kam herüber von den Nachbartälern; es
schien nur eine nicht verhallende Stimme zu sein,
mit welcher der Berggeist seinen Zorn verkündete."
Durch diese deutliche Hervorhebung des Donners als
Rübezahls Attribut wird der Berggeist mit der germanischen
Mythologie in Verbindung gebracht - nämlich mit dem
Donnergott Thor und den Gestalten von Odin und Wotan.
Dies erhebt den Herrn des Riesengebirges einerseits
noch deutlicher zum Symbol der deutschen Identität,
reflektiert andererseits zeitgenössische Tendenzen
in der Behandlung der Rübezahl-Sage.
Auf der
Handlungsebene wird der ehrenvolle Name des Berggeistes
männlichen Helden verliehen, die als Vorbild für andere
konzipiert sind: in der Erzählung dem patriotischen
alten Bergführer, der geheime Korrespondenz zwischen
Schreiberhau und Glatz überbringt; im Roman dem Vater
der Titelheldin. Der letzte hat sich als Sohn eines schlesischen Pastors eine umfassende
Bildung angeeignet, die er dann dank eines wohltätigen
Freundes auf Reisen und durch den Umgang mit bedeutenden
Männern vervollkommnen konnte. Er ist tolerant, liberal
und will als Rosenkreuzer die Welt verbessern. Von seinem Wohltäter zum Alleinerben bestimmt, nutzt er seinen Reichtum
zu karitativen Zwecken. Seine auch sein Äußeres betreffende
Stilisierung zum Berggeist erfolgt bewußt, ist aber
zugleich auch Spaß. Die den Dorfbewohnern erteilte
Hilfe erachtet er als seine Pflicht, denn das Volk
wird sowohl von den Behörden als auch von der Kirche
vernachlässigt: " [ich] spiele gelegentlich böswilligen Buben einen kleinen Schabernack.
Doch ebenso mache ich brave
Leute glücklich durch unerwartete Geldspenden, die
ich sie oft in geheimnisvoller Weise finden lasse". Von den einfachen Menschen wird er für sein Engagement geliebt und
geachtet. Infolge infamer Intrigen wird er von den Franzosen verhaftet und erniedrigt,
was seine Krankheit und späteren Tod verursacht, wobei
seine persönliche Kränkung und die Besetzung der Heimat
als gleichwertige Faktoren fungieren. Mehrere Merkmale verbinden beide Rübezahls Namen tragenden Männer:
so die Einsamkeit, in der Vergangenheit erlebte Leiden
(durch Verlust Nahestehender) und der Wille, anderen
zu helfen; sie führen ein Leben nach eigenen Maßstäben,
fern von den anderen Menschen. Auch diese Vorstellung
von der Vermenschlichung des Berggeistes ist nicht
neu in der Geschichte der Sage - während jedoch sonst
das Unberechenbare, das Unangepaßte im Vordergrund
steht, rückt Gottschall den Patriotismus und das soziale Engagement in den
Mittelpunkt seines Konzeptes.
Sowohl
im Roman als auch in der Erzählung wird der mit der
Rübezahl-Sage verbundene nationale Diskurs auf das
weibliche Geschlecht erweitert, wobei eine deutliche
Polarisierung manifest wird: der positiven, für deutsche
Gesinnung stehenden Gestalt wird in beiden Fällen
die negative, die deutsche Identität verneinende
gegenüber gestellt. Dies entspricht
zugleich der Aufspaltung der Frau in die beiden konträren
Hälften der Heiligen und der Hure. Bereits durch das Äußere der
positiven Gestalten - hoher Wuchs, blondes Haar und
blaue Augen wird eine deutliche Affinität zum Bild
der Germania hergestellt. Die Heldinnen beider Werke sind
gebildet, verbinden aber harmonisch das Wissen mit
der Natürlichkeit ihres Wesens, d.h. sie sind keine
Emanzipierten. Ferner verkörpern sie folgende, positiv
als "deutsch" konnotierte Eigenschaften:
Ursprünglichkeit, Aufrichtigkeit, Schlichtheit, Reinheit
und Tugendhaftigkeit.
An der Titelheldin
des Romans Die Tochter Rübezahls wird das Problem
der nationalen Identität besonders eindringlich diskutiert:
als ein "Mischling", d.h. als Tochter eines
Deutschen und einer leichtfertigen Polin, muß sie
sich für eine der Identitäten entscheiden und die
leidenschaftliche Seite ihres Charakters - das Erbe
der Mutter - beherrschen. Dies geschieht auf zweifache
Weise: einerseits durch ihre Liebe zu einem schlesischen
Edelmann, der im Auftrag von Graf Götzen im Riesengebirge
den Aufstand gegen die Franzosen vorbereiten soll,
andererseits durch den Anschluß der individuellen
Identität an ein kulturelles Gedächtnis
- nämlich durch die Einbindung der Rübezahl-Sage in
die schlesische (wie bereits gesagt eindeutig als
deutsche aufgefaßte) Identität. Dabei wird über eine
Art der Grenzüberschreitung reflektiert, nämlich wie
weit das aktive Eingreifen der Frau in den Kampf gegen
den Feind gehen kann und ob es nicht der "weiblichen
Bestimmung" widerspricht. Heloise wird vor die
Entscheidung gestellt, dem Freikorps von Graf Götzen
Zuflucht auf ihrem Familienschloß zu gewähren. Im
Namen ihrer Liebe zu Erich und aus Rache für die Gefangennahme
des Vaters unterstützt das Mädchen tatkräftig die
Aufständischen: "Wäre Rübezahl nicht so ein friedlicher
Gott ... er hätte sie längst mit seinen Wettern vernichtet.
Doch Haus und Herd zu vertheidigen,
ziemt auch den Jungfrauen dieses Landes." Ihre
für eine Frau ungewöhnliche Aktivität wird bereits
früher durch die Erwähnung der Tatsache, daß sie schießen
kann und auf der Jagd zuweilen Raubvögel und andere
Schädlinge (eine deutliche Vorwegnahme des Urteils
über französische Besatzungstruppen) tötet, vorbereitet;
dennoch wird ihr tätiges Engagement für das Vaterland
zusätzlich durch ihre Liebe zu Erich gerechtfertigt. Das Mädchen kämpft an der Seite des Geliebten und tötet die Feinde,
wird aber am Ende des Gefechtes als einzige gefangengenommen.
Zwar steht als Strafe für den bewaffneten Widerstand
sofortige Hinrichtung, Heloise wird um ihrer Schönheit
willen jedoch verschont und einem höheren Offizier
vorgeführt, der letztendlich beschließt, sie der Gnade
des als Weiberheld verrufenen Prinzen Jerome zu überlassen.
Dem wie in einem Rauschzustand erfahrenen Tod auf
dem Schlachtfeld, an der Seite des Geliebten wird der Tod durch das Hinrichtungskommando
als unweiblich und entehrend gegenübergestellt - die
Wortwahl bei der Beschreibung beider Vorgänge verweist
dabei auf einen zweiten Antagonismus: die erste Todesart
evoziert zugleich die Vorstellung der höheren, geistigen
Liebe, die zweite - den als selbstentfremdend erlebten
sexuellen Akt - die Vergewaltigung.
Die Ambivalenz
von Heloises Tat - gegen die Soldaten zu kämpfen -
wird zusätzlich durch das ablehnende Urteil des als
Vorbild konzipierten Vaters manifest, wonach sie damit
gegen die Pflicht der Frauen, Erbarmen, Trost und
Mitleid zu spenden, verstoßen hätte. So wird das Mädchen gezwungen, die Frage nach den Motiven ihres Handelns
zu beantworten:
War es allein
der aufflammende Geist der Vaterlandsliebe gewesen,
der ihr die Waffe in die Hand drückte gegenüber den
fremden Eindringlingen? Nein, nein, sie mußte es sich
selbst beichten - es war die Liebe zu ihm, es war
der Wunsch, mit ihm gemeinsam zu kämpfen, zu siegen,
zu sterben; sie fühlte sich wie hingerissen von ihm,
wie zu ihm hinaufgehoben ... willenlos eins mit ihm,
und so betheiligte sie sich am blutigen Männerwerk!
War dies weiblich? Das anklagende Wort des Vaters
lastete auf ihrer Seele ... unwürdig war es nicht,
den Landesfeind zu bekämpfen, wie so viele Heldenmädchen
gethan, deren Namen die Geschichte aufgezeichnet
hat. Unweiblich war es nicht, denn sie folgte dem
Gebot der Liebe, die ihr Herz erfüllte. War`s aber
eine Schuld, so büßte sie jetzt schweigend und duldend.
Das Mißtrauen der weiblichen
kriegerischen Aktivität gegenüber erfolgt auch hier
aus der Befürchtung heraus, die nationale Geschlechterordnung
hätte so gefährdet werden können, weil deren Grundsatz
- allein der Mann sei zum Waffentragen berechtigt
- in Frage gestellt worden wäre.
Wie aus dem obigem Zitat ersichtlich, handelt Heloise
nicht nur aus einem patriotischen Imperativ heraus,
ihre Übertretung der traditionellen weiblichen Rolle
wird durch die Liebe zu einem Mann gerechtfertigt
und nur deswegen nicht als "unweiblich"
eingestuft. Darüber hinaus scheint die Aktivität den
Jungfrauen vorbehalten zu sein: nachdem Heloise geheiratet
und einen Sohn bekommen hat, entspricht sie ganz dem
Ideal des treuen Weibes, das sich vom Ort des Kämpfens
fernhält und geduldig auf den heimkehrenden Ehemann
wartet. Im Schlußbild des Romans erscheint sie demgemäß
als verklärte Madonna mit dem Kind auf dem Arm. Damit
fällt Gottschall zurück in den Topos der "Mutter
der Nation",
in der die Frau auf ihre Gebär- und Sozialisationsfunktion
reduziert wird.
Eine gegensätzliche Einstellung
zum Problem der nationalen Identität und der Liebe
zum Vaterland wird an Heloises Mutter Lodoiska (Die
Tochter Rübezahls) und Leontine von Wallwitz (Auf
dem Kynast) präsentiert. Der Kontrast schlägt
sich bereits im Äußeren nieder: Beide sind dunkelhaarig
und dunkeläugig, was sie dem Typus der femme fatale
zurechnen läßt. Damit einhergehend beanspruchen beide
sexuelle Freiheit. Bereits bevor Heloise ihre totgeglaubte
Mutter Lodoiska in Breslau als Maitresse von Prinz
Jerome trifft, wurde dieser Frau in Erinnerungen der
Personen, die sie kannten, Freizügigkeit und Treulosigkeit
angelastet. Die ganze Familie der berückend schönen
und temperamentvollen Polin wurde als spielsüchtig,
dem Alkohol verfallen und verschwenderisch dargestellt.
Aussagen über ihre Identität macht Lodoiska erst als
reife und erfahrene Frau: "Nun, wenn ich auch
in Deutschland geboren bin ... eine
Deutsche bin ich deshalb doch nicht. Ich habe
nicht das träge Blut, das durch die Adern deutscher
Frauen rollt, nicht den schwerfälligen Sinn [...]."
Ihre kontroversen Ansichten befremden und empören
in gleichem Maße Angehörige beider verfeindeten Nationen,
umso mehr als sich Lodoiska weder mit Deutschland
noch mit Polen identifiziert:
Das Vaterland
[...] ich habe keins. Fremd war ich hier auf dem deutschen
Boden ... [...] Das Vaterland ... und ist`s denn nicht
ein Phantom unserer Träume? Hüben und drüben stehen
kämpferische Schaaren, wehen die Banner, dröhnen die
Kanonen ... und doch ist`s dieselbe Mutter Erde, die
Alle trägt! Bunte Linien auf der Karte bezeichnen
das Vaterland der Einen und der Anderen ... draußen
die Berge, Bäume und Felder wissen nichts davon, und
wenn die angestrichenen Grenzpfähle um so und so viel
Meilen weiterrücken ... die geduldige Natur läßt es
sich ruhig gefallen. Die Vaterländer, das ist doch
nichts als ein Farbenspiel, ich aber bin mit Bezug
hierauf zeitlebens farbenblind gewesen!
Diese scheinbar progressive
kosmopolitische Einstellung wird eindeutig abgelehnt
- womit übrigens eine zeittypische Einstellung verarbeitet
zu sein scheint - und zusätzlich dadurch bedenklich
gemacht, daß Lodoiska den nationalen Diskurs mit dem
erotischen verbindet, weil sie im selben Atemzug für
die freie Liebe plädiert,
d.h. die Institution der Familie in Frage stellt.
In der Gestalt dieser Frau erscheint die Versuchung
der neuen Ideen zugleich als erotische Versuchung
und muß als sittlich-nationale Gefährdung domestiziert
werden.
So wird die Heimatlosigkeit und Fremdheit mit sexueller
Freizügigkeit gleichgesetzt und dadurch entwertet.
Lodoiska wird für ihre Abtrünnigkeit allerdings nicht mit dem Tod bestraft: da sie sich
am Ende für ihre Tochter opfert und freiwillig Europa
verläßt, wird sie verschont.
Ein anderes Schicksal
wird Leontine (Auf dem Kynast) zuteil. Ihre
Charaktereigenschaften und genossene Erziehung erleichtern
ihr eine Identifikation mit Frankreich, die zusätzlich
durch die Liebe zu einem Offizier der napoleonischen
Armee verstärkt wird:
[...] sie
war im Herzen eine Französin und in französischer
Bildung aufgewachsen. [...] Geist, Witz, Leidenschaft,
das war, was sie verlangte, was sie besaß - und das
deutsche "Bärentum" konnte ihr nur wenig
davon bieten. Der Krieg zwischen Frankreich und Preußen
war ihr peinlich; sie kümmerte sich anfangs wenig
darum. Das Reich der Frauen war für sie das Reich
der Liebe, der Leidenschaft, und da gibt es keine
Grenzpfähle; die schwarzen Adler Preußens und diejenigen
der Legionen des Cäsars mochten sich zerfleischen:
das war ein Kampf hoch in den Lüften; hier auf Erden
gab es für Frauen andere Kämpfe, Herzenskämpfe mit
ihren Siegen und Niederlagen, die nicht in die Bücher
der Geschichte kommen.
Auch in diesem Werk greift
Gottschall in den Sagenhort des Riesengebirges und
verarbeitet hier neben der Rübezahl-Sage die Sage
um Kunigunde vom Kynast. Kunigunde gleich will Leontine
ihre Verehrer auf eine Probe stellen: um unerwünschte
deutsche Bewerber loszuwerden und für den geliebten
Franzosen frei zu sein, verlangt sie von ihnen den
Eintritt in das Freikorps des Grafen Götzen. Sie mißbraucht
die patriotischen Gefühle der Männer für eigene egoistische
Ziele. Wenn auch die Verbindung beider Sagen: um Rübezahl
und um Kunigunde nicht zum ersten Mal erfolgt,
so fällt auf, daß Gottschall eine deutliche Akzentverschiebung
in der Kunigunde-Sage vornimmt. Während bei Kunigunde
ihre männliche Erziehung, der infolgedessen vollzogene
Rollentausch zu "unweiblichen" Eigenschaften
wie Selbständigkeit, Unabhängigkeit, Aktivität sowie
ihr Männerhaß als problematisch erscheinen und geahndet
werden, wird in Gottschalls Erzählung noch einmal
der nationale Aspekt bemüht. Als besonders verwerflich
gilt in diesem Zusammenhang Leontines Treulosigkeit
den in den Kampf für das Vaterland geschickten Verehrern
gegenüber, so daß selbst der französische Geliebte
sich empört von ihr lossagt. Wie Kunigunde wählt Leontine
den Sturz in den Abgrund als die einzige Lösung. In
der ursprünglichen Kynast-Sage war der nationale Diskurs
so gut wie nicht vorhanden,
im Vordergrund stand eindeutig der Geschlechterdiskurs:
es ging um die Domestizierung der unabhängigen Weiblichkeit,
die symbolhaft in der Gestalt der schönen und spröden
Jungfrau Kunigunde wie auch im Bild der jungfräulichen,
d.h. nie eroberten Burg selbst evoziert wurde.
Signifikanterweise sind
beide Frauen, die ihre deutsche Identität ablehnen,
dem französischen Kulturkreis, d.h. also dem "Erbfeind"
zuzuordnen. Gottschall verarbeitet hier zeittypische
Vorurteile und nationale Stereotype. In seiner Auffassung
des nationalen Diskurses besteht die schlimmste Sünde
nicht in der einfachen Ablehnung jeglicher nationalen
Identität, sondern vielmehr im eindeutigen Engagement
für den Feind. In diesem Zusammenhang erscheint Leontines
Tod als unausweichliche Strafe dafür: "Um ihrer
Liebe willen dürfen wir ihr vieles verzeihen! Nur
daß sie unser liebes, deutsches Vaterland verleugnete
- das möge ihr Gott vergeben!"
Durch die Art ihres Todes - der Sturz in den Höllenschlund
- und das Ergebnis der totalen Zerstörung - "ihr
zerschmettertes Gebein"
- verleiht der Autor seinem Text eine dramatische
Suggestionskraft und kreiert ein drastisches Fabula
docet.
Wie aus den obigen Ausführungen
ersichtlich, verbindet Rudolf von Gottschall in seiner
Bearbeitung der Rübezahl-Sage mehrere Tendenzen zu
einem Ganzen: so die pädagogische Rolle des Berggeistes,
seine Unberechenbarkeit (als Wetterdämon) und seine
Vermenschlichung; besonders auffallend ist jedoch
die Hervorhebung der Rolle Rübezahls als nationales
Symbol. Damit realisiert Gottschall die eigene Theorie
des historischen Romans, dem er nur dann eine künstlerische
Berechtigung zuerkennt, wenn er "entweder auf
nationalem Boden wurzelt, oder im geistigen Inhalte
seiner Verwicklungen ein Spiegelbild der Gegenwart
gibt, oder das allgemein Menschliche, das durch die
Zeiten hindurchgeht, das Bleibende im Vergänglichen,
mit dichterischer Weihe in den Vordergrund stellt".
Analysiert man Gottschalls Strategie, sich bei der
Konstruktion der deutschen Identität auf schlesische
Geschichten als Elemente des kulturellen Gedächtnisses
zu berufen, so fällt auf, daß er hier eine gewisse
Manipulation vornimmt, um seinen Werken die gewünschte
nationale Prägung zu verleihen. Einerseits sind sowohl
die Rübezahl- als auch die Kunigunde-Sage regional
gebundene Mythen (gestiftet durch die gemeinsame
Landschaft - das Riesengebirge) und somit Bestandteile
des spezifisch schlesischen kulturellen Gedächtnisses
(insbesondere die Rübezahl-Sage fungiert als ein Teil
des identitätsstiftendes Wissen vermittelnden, als
"Mythomotorik"
bezeichneten Komplexes auch bei Tschechen und Polen),
andererseits sind sie an sich patriarchale Mythen,
die die traditionelle Rolle der Frau bestätigen und
jegliche Überschreitungen ahnden.
Eine ähnliche Manipulation
im Namen der Stiftung der deutschen Identität läßt
sich auch an der Einführung der Identitätenhierarchie
beobachten. Das "engere Vaterland" Schlesien
bleibt dabei untergeordnet, wobei die Dominanz der
preußischen = deutschen Identität unbestritten bleibt
und selbst moralisch zweifelhafte Entscheidungen,
wie etwa Verrat oder Spionage, rechtfertigt. Überdies
wird auch hier Schlesien - so wie bei dem Rückgriff
auf regionale Mythologie - nur für Deutsche vereinnahmt,
das Zusammenleben mit anderen Nationen wird kaum erwähnt.
Besonders Polen werden in einem schlechten Licht gezeigt:
entweder als Trinker, Verschwender und Sittenlose
(Im Banne des Schwarzen Adlers, Die Tochter
Rübezahls) oder als Verräter (Im Banne des
Schwarzen Adlers).
Bemerkenswert bleibt dagegen,
trotz gewisser Ambivalenz, die intensive Einbindung
der Frauen in den patriotisch-nationalen Diskurs.
Der sonst weiblichen emanzipatorischen Bestrebungen
gegenüber aufgeschlossene Autor
erweist sich hier als eher konservativ und ordnet
dem nationalen Gedanken alle sonstigen Ideen unter.
Somit erweisen sich die hier vorgestellten Texte eindeutig
als Tendenzliteratur, die im Dienste des Landespatriotismus
steht und darin ihre Existenzberechtigung sucht.
Ihre Aufgabe bestand darin, das deutsche Nationalbewußtsein
auch in den zeitgenössischen Leserinnen zu wecken
resp. zu bekräftigen und sie so auf die patriotischen
Frauenpflichten im Falle eines eventuellen Krieges
vorzubereiten. Letztendlich sollten sie doch den durch
Männer definierten Interessen des "Vaterlandes"
dienen.