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Orbis Linguarum Vol. 24/2004

Monika Mańczyk-Krygiel

Wrocław

 "Das Vaterland ... und ist´s denn nicht ein Phantom unserer Träume?" Zum patriotisch-nationalen Diskurs in der historischen Prosa Rudolf von Gottschalls

Rudolf von Gottschall (1823-1909), ehemals ein renommierter Schriftsteller, ist heute hauptsächlich als Verfasser des vierbändigen literarhistorischen Werkes Die deutsche Nationalliteratur im 19. Jahrhundert (1853) bekannt. Sein sonstiges Schaf­fen ist im Laufe der Zeit der Vergessenheit anheimgefallen, was angesichts viel­facher stilistischer Unzulänglichkeiten und oft epigonalen Charakters jedoch nicht verwundert. Seine frühen Gedichte (Lieder der Gegenwart, 1842; Zensurflücht­lin­ge, 1843; Barrikadenlieder, 1848) sind der politischen Lyrik von August Heinrich Hoffmann von Fallersleben, Georg Herwegh und Ferdinand Freiligrath verwandt, nach 1848 wandte sich Gottschall zunehmend historisierenden und national-kon­ser­vativen Zielsetzungen zu. Sein Oeuvre umfaßt Gedichte, Epen, Dramen und seiner­zeit vielgelesene Romane und Erzählungen, die neben der Vorliebe für his­torische Stoffe antikirchliche Tendenzen sowie ein Interesse für Emanzipa­tions­themen auf­weisen; überdies schrieb er literaturhistorische und -theoretische Abhandlungen.[1]

Der in Breslau in einer Offiziersfamilie geborene Gottschall verbrachte seine Kindheit und Jugend in Mainz und Koblenz, wo er das Gymnasium besuchte. Nach der Übersiedlung der Familie nach Ostpreußen immatrikulierte er sich als Jura­stu­dent in Königsberg. Wegen seines Engagements für die Jungdeutsche Bewegung und seiner vom freiheitlichen Geist erfüllten Gedichte wurde er von der Universität relegiert und versuchte dann, sein Studium in Breslau fortzusetzen, wofür ihm die Behörden allerdings ihre Zustimmung verweigerten. Einige Zeit verbrachte er in Oberschlesien, im Schloß einer Tante und auf dem Gut des befreundeten Grafen Reichenbach, ehe er 1844 sein Studium in Berlin beenden konnte. 1846 promo­vierte er in Königsberg, eine Karriere im universitären Bereich oder im Staatsdienst blieb ihm jedoch wegen der früheren Schwierigkeiten verwehrt. Er widmete sich der dichterischen Laufbahn und sein weiteres Leben war abwechselnd mit Breslau, Königsberg und Hamburg, wo er als Dramatiker am Stadttheater tätig war, verbun­den. 1852 heiratete er die schlesische Adlige Marie von Seherr-Thoss. Breslau blieb Wohnsitz der beiden bis zur Übersiedlung nach Leipzig 1864. Dort war Gottschall in den Jahren 1865-1888 Herausgeber der Blätter für literarische Unterhaltung und der Zeitschrift Unsere Zeit. 1877 wurde ihm der erbliche Adelstitel verliehen.[2]

Im folgenden sollen die in den historischen Romanen und Erzählungen, deren Handlung sich in Schlesien abspielt, vorhandenen Strategien zur Konstruktion der nationalen Identität analysiert werden. Von besonderem Interesse ist dabei die Frage, ob der Autor - ein gebürtiger Schlesier und jahrelang mit dieser Provinz verbunden - die Existenz einer schlesischen Identität voraussetzt und ihr die Prio­rität vor nationalen Identitäten im weiteren Sinne zuschreibt oder sie nur als einen Teil der Kreation eines deutschen Nationalmythos betrachtet. Die Analyse stützt sich auf populäre, zur Unterhaltungsliteratur gehörende Texte, die sich auch an das weibliche Publikum wandten.[3]

Der früheste diese Thematik aufgreifende Roman Im Banne des Schwarzen Ad­lers (1875) spielt sich vor dem Hintergrund des ersten schlesischen Krieges ab. Der Zeitpunkt seiner Entstehung - nur wenige Jahre nach der Einigung Deutschlands - legt die Vermutung nahe, daß hier die Gebundenheit Schlesiens an Deutschland (auf dem Umweg über Preußen) noch einmal begründet und bestätigt werden soll­te. Zu diesem Zweck wird (wie auch in anderen hier besprochenen Werken) ein Krieg als Kristallisationspunkt nationaler Identifikationen gewählt.[4] Angesichts der Tatsache, daß vor 1740 kaum politische und wirtschaftliche Beziehungen zwischen Preußen und Schlesien bestanden[5], ist Gottschalls Argumentation zugunsten Preu­ßens besonders aufschlußreich. Er macht einen protestantischen Edelmann zum Protagonisten, also den Vertreter einer Gruppe, die traditionsgemäß doch noch einige Kontakte mit Preußen gepflegt hat, sei es durch Armeedienst, Ausbildung oder Anstellung am preußischen Königshof. Der Roman selbst hält sich genau an geschichtliche Begebenheiten, der wichtigste Teil der Handlung umfaßt die Ereig­nisse zwischen dem preußischen Einmarsch in Niederschlesien (16.12.1740) und der Huldigung der Stände im Breslauer Rathaus (7.11.1741). In diesen Ablauf werden mehrere Abenteuer-, Spionage- und Liebesgeschichten eingeflochten. Der im Mittelpunkt vorliegender Erwägungen stehende patriotische Diskurs wird an­hand des Dreiecks zwischen Arthur von Seidlitz, Isabella von Pogarell und Agnes von Walmoden präsentiert und diskutiert. Während sich die beiden jungen Frauen von Anfang an dezidiert zum jeweiligen Land bekennen - die katholische Isabella zu Österreich und die protestantische Agnes zu Preußen -, stehen Arthurs Sinnes­wandel und Kampf um eine neue Identität im Vordergrund. Seine Vorliebe für Preußen beginnt noch vor dem Krieg mit einem Besuch bei einer Tante auf dem Hof des jungen Kronprinzen in Rheinsberg. Der junge Schlesier ist sofort von der Persönlichkeit Friedrichs fasziniert, und nicht einmal die Verbannung infolge eines falschen Spionageverdachts verändert seine Gefühle. Nach dem Tod Kaiser Karls VI. wächst sein Unmut gegenüber Österreich als Vaterland, er klagt die Bestech­lichkeit der Regierung und den wachsenden Einfluß der Jesuiten an, und bemerkt auch eine allgemeine Gleichgültigkeit des Volkes dem eigentlichen Herrn gegenüber.[6]

Betrachtet man die für beide Staaten vorgebrachten Argumente und aufgeru­fe­nen Bilder näher, so fällt auf, daß der Autor dabei mehrere Oppositionspaare her­ausarbeitet: "jung - alt", "aktiv - passiv" und "männlich - weiblich":

[...] er hatte die schlaffe kaiserliche Beamtenwirthschaft, die Ueberhebung und Macht­losigkeit der städtischen Behörden kennen lernen; er fühlte bis ins Innerste den dumpfen Druck, der über dem schönen Lande brütete. Und was brauste da für ein feuriger Jugendgeist in das Land hinein! Der junge König mit dem großen, tiefen Auge ... die schnaubenden Rosse, die klirrenden Säbel ... fröhlicher Kriegsmuth, glühender Thatendurst ... und es war nicht blos die ruhmdürstende Tapferkeit einer kriegsbereiten Soldateska ... hinter den blitzenden Waffen sah Arthur die in mildem Glanze leuchtenden Musen von Rheinsberg ... Kunst und Wissen, ein freies Denken, ein frisches Leben ...[7]

So wird Preußen mit Jugend, Tapferkeit, Tatendrang und Männlichkeit assoziiert, Österreich dagegen mit Alter, Unfähigkeit, Passivität und Weiblichkeit. Dies knüpft an die damals gängige Strategie der Feindschilderung und gleichzeitige Entwertung durch die Zuschreibung negativ konnotierter Eigenschaften an.[8] Allerdings wird in diesem Fall diese Praxis gemildert: Sonst auf den "Erbfeind" - die Franzosen - angewandt, betrifft sie hier immerhin zwei Länder, die aufgrund derselben Sprache zu demselben, die kulturelle Identität der Deutschen stiftenden Kreis gehören. Dies bringt den Autor in eine gewisse Verlegenheit, da das Argument der gemeinsamen Sprache als des verbindenden Elements - da für beide Opponenten gültig - nicht mehr greift. Um sich zu behelfen, beschwört Gottschall den Begriff des "engeren Vaterlandes" herauf und rechtfertigt den Sinneswandel seines Protagonisten durch die Sorge um Schlesiens Zukunft:

Und doch ... dieser Boden gehörte dem Hause Oesterreich; der Doppeladler hatte über seiner Wiege gewacht; alle die Seinigen waren aufgewachsen unter dem Gesetz österreichischer Hoheit und sahen in den Habsburgern ihre angestammten Herrn. War es nicht eine Art Fahnenflucht, wenn er zum Landesfeinde überging? Doch in seinem Herze war er schon längst fahnenflüchtig, und so locker war das Band, welches diese Lande mit Oesterreich verknüpfte, daß außer der Gewohnheit und den Steuern kaum eine innere Zugehörigkeit bestand. Und wie verkommen war alles un­ter dieser Herrschaft! Nicht Oesterreich, Schlesien war sein Vaterland, und welchen glänzenden Aufschwung würde dieses nehmen unter der Regierung eines geistre­ichen Fürsten, welcher alle schlummernden Kräfte des Landes entfesseln, alle nie­derdrückenden lahm legen, welcher den Künsten und Wissenschaften seinen eigenen Geist einhauchen und die geistliche Alleinherrschaft in seinem Reich zerbrechen würde. War Arthur ein österreichischer Deserteur, so war er doch auch ein schle­sischer Patriot und opferte das weitere Vaterland, um dem engeren Gedeihen und eine schöne Zukunft zu sichern.[9]

Ferner erfüllen im Bewußtsein aller drei Hauptgestalten die Personen der jeweili­gen Herrscher die identitätsstiftende Funktion, wobei den Geschlechterbildern eine besondere Bedeutung zukommt. Auch wenn sich die nationale Bindung oft über die Person des Monarchen vollzog[10], so wurde der Frau gewöhnlich nur der Platz an der Seite ihres Mannes zugewiesen. In unserem Fall übernimmt die österreichi­sche Monarchin gewissermaßen die Männerrolle. Dies scheint den Autor bei der Wahl seiner Strategie der Helden- und Leserlenkung zu beeinflussen. Während das vorletzt angeführte Zitat ein gutes Beispiel für positive Konnotationen der Beschrei­bung des jungen Königs ist, fällt bei den Schilderungen Maria Theresias (stets als Königin von Ungarn, nicht als Kaiserin angesprochen) die ständige Wiederholung von zwei Adjektiven: "jung" und "schön" auf.[11] Ihre Fähigkeit zum Herrschen wird dadurch doppelt in Frage gestellt, einerseits durch die Hervorhebung ihrer Unerfah­renheit, andererseits durch die Unterstreichung ihrer Weiblichkeit. Während beim Mann Jugend als Vorteil gewertet und mit Tapferkeit und Schneid gleichgesetzt wird, erweckt sie bei der Frau den Eindruck eines Kindes. Das zweite Eigen­schafts­wort reduziert die Frau auf ihr Geschlecht und vermittelt somit eine unterschwel­lige Botschaft, erweckt Unbehagen gegen eine in den Männerbereich eintretende und aktiv handelnde Frau[12], trägt gängigen Vorurteilen Rechnung und schmälert so letztendlich den Wert Österreichs als potentielle Heimat.

Obendrein führt Gottschall en passant eine "Hierarchie der Identitäten" ein, indem er anhand von Symbolen Preußen mächtiger und dadurch erstrebenswerter als Schlesien erscheinen läßt: "Wenn die Mark der Kiefer gleicht, so gleicht ja sein Schlesien der schlanken schönen Tanne auf Bergeshöhen, zu deren Füßen der Was­serfall schäumt in ein blumenreiches Thal; doch die luftige Tanne entwurzelt der Sturm ... die zähe Kiefer trotzt ihm mit höhnischem Knarren."[13] Dieses Bild weckt bestimmt Assoziationen bei den Adressaten: Es evoziert explizit das größere Durch­setzungsvermögen Preußens, verheißt implizit durch seine symbolische Bedeutung Unsterblichkeit und ewiges Leben und bezieht sich eindeutig auf Männlichkeit und männliche Welt[14], was sich ohne weiteres in die übrige Argumentation einfügt.

Auf der Handlungsebene wird dem Problembereich des weiblichen Patriotis­mus, Heroismus und aktiven Engagements zum Wohle der Heimat ein breiter Raum gewährt und eine durchaus positive Bewertung, wenn auch mit Einschränkungen, zuteil. Sowohl Isabella als auch Agnes setzen sich tatkräftig für ihre Sache ein: die erste gründet und führt im besetzten Breslau eine Verschwörung gegen Preußen an, die zweite zerschlägt diese Verschwörung. Mit diesen Aktionen verlassen beide den, Frauen üblicherweise zugestandenen, Bereich des aktiven Patriotismus, der sich vorwiegend in der Mitarbeit in den sich um Soldaten, ihre Familien und Ver­wundetenfürsorge kümmernden Vereinen erschöpfte.[15] Dabei wird die Frage des ehrenvollen Kampfes erörtert, denn Agnes schleicht sich in verkleidet als Nonne unter den Verschwörern ein und bringt sie so zu Fall. Wenn es um das Vaterland geht, heiligt der Zweck die Mittel - lautet die Botschaft: "Wenn sie etwas über die­se Bedenken bringen konnte, so war es ihre glühende Begeisterung für Friedrich und Preußens schwarzen Adler. Ihm war sie fähig jedes Opfer zu bringen [...] Ihrem Vaterland leistete sie damit einen großen Dienst, sie gewann dem König vielleicht in aller Stille eine entscheidende Schlacht, wie sollte sie da zögern?"[16] Nachdem Preußens Sache endgültig gewonnen ist, bekennt sich Agnes zu ihrer Täuschung. Die an der Verschwörung beteiligten Männer verlangen nun ihre Be­strafung - man will ihr die Haare abschneiden. Mit dieser Strafe, eigentlich üblich für Verstöße gegen sittliche Normen, wird der nationale Diskurs mit dem sexuellen verbunden, denn man unterstellt der Frau implizit unehrenhafte und tugendlose Motive: "[...] und die beiden Männer sahen mit einer Art von grausamer Wollust auf ihr reizen­des Opfer; sie verwünschten eine Zeit, in welcher ein Märtyrertum, das so ver­lockende Reize zugleich preisgab und zerstörte, nicht mehr möglich war."[17] Auch wenn das aktive patriotische Engagement der Frauen vom Autor mit Wohlwollen betrachtet wird, so bleibt dieser doch dem verbreiteten Verdacht verhaftet, dies bedrohe die natürliche Ordnung der Geschlechter.[18] Er versucht, dieser Gefahr zu entgehen, indem er beide Heldinnen nach Kriegsende in die vorherrschenden Geschlechterverhältnisse einfügt, sei es durch Eheschließung, sei es durch Eintritt ins Kloster. Überdies verzichtet der Verfasser bei der Schilderung beider Mädchen auf die in anderen zur Diskussion stehenden Texten angewandte Strategie der Wertung durch Beschreibung des Äußeren: während sonst blonde Mädchen gut und dunkelhaarige schlecht sind, ist dies hier nicht der Fall. Die Vertreterin der österreichischen Partei ist blond, blauäugig, "junonen- und madonnenhaft", die Preußin dunkelhaarig, schalkhaft, mit tiefblauen Augen. Beide sind gut, tugendhaft und sympathisch: Isabellas größter Fehler ist die blinde Hingabe an die katholische Religion, Agnes´ größte Vorzüge - Selbständigkeit und Durchsetzungsvermögen.

Eine weitere Strategie bei der Konstruktion der nationalen Identität entwickelt Gottschall durch die Beschwörung der regionalen Mythologie. Die schlesischen Berge waren dem Autor von mehreren Ausflügen während seiner Studentenzeit bekannt, eine ausgedehnte Wanderung im Riesengebirge unternahm er 1844, und 1851 machte er eine Kur in Görbersdorf.[19] Die Sage vom Rübezahl, der "kein un­heimliches Gespenst, sondern der neckische Geist"[20] ist, fand Eingang in mehrere Werke des Schriftstellers: in den Neuen Gedichten (1858) wird der Berggeist - hier der Inbegriff der Treue - als Rächer an der untreuen Geliebten apostrophiert[21], als Wettergeist im Riesengebirge dagegen im Buch Das schlesische Gebirge (1857), das eine Art Reiseführer durch schlesische Berge ist; ebenso im komischen Zau­bermärchen Fürstin Rübezahl (1868) und im bereits erwähnten Roman Im Banne des Schwarzen Adlers (1875). Auf jeden Fall verbleibt Gottschall mit seinem In­teresse an der Gestalt Rübezahls in der zeitgenössischen Tradition, die dank der Volksmärchen von Johann Carl August Musäus den Berggeist als eine "gesamt­deutsche Literaturgestalt"[22] aufgenommen hat, was mehrere Konsequenzen auf­wies: erstens erzielte die Sage eine neue Breitenwirkung, weil sie literarisch schöp­ferisch wurde (die Massenliteratur bemächtigte sich der Gestalt des Berggeistes), zweitens wurde ausgerechnet die Geschichte der gescheiterten Liebe zur Prinzessin Emma und des "Rübenzählens" zum bestimmenden Element der weiteren Sagen­tradition. In diesem Zusammenhang ist die Frage, welche traditionellen Elemente der Rübezahl-Sage von Gottschall übernommen werden und ob neue Züge in der Darstellung dieser Gestalt festzustellen sind, von besonderem Interesse.

In dem Roman Die Tochter Rübezahls (1890) und der Erzählung Auf dem Ky­nast (1904) wird mit dem Rübezahl-Motiv auf eine besondere Art verfahren: der Berggeist wird nämlich auf mehrfache Weise heraufbeschworen: einerseits als der imaginierte Geist des Riesengebirges, andererseits als ein realer Mensch, der den Namen Rübezahl führt. Beidemal ist er aber Symbol der schlesischen = deutschen Identität. Den Hintergrund für beide Werke bilden die antinapoleonischen Kriege, wobei historische Ereignisse und Personen in die Handlung mit einbezogen wer­den. Besonders viel Aufmerksamkeit wird dem Zeitraum zwischen der Niederlage bei Jena und Auerstädt (14. Oktober 1806) und dem Tilsiter Frieden (8. Juli 1807) eingeräumt. Erwähnt werden: der Einmarsch der Franzosen unter Prinz Jerome, die Belagerung und Kapitulation Breslaus (7. Januar 1807) und vor allem der bewaff­nete Widerstand in Schlesien unter der Führung des Grafen Friedrich von Götzen; die Handlung des Romans endet nach der Schlacht bei Waterloo.

Wie bereits gesagt erscheint die Rübezahl-Sage auf der ersten Ebene als das gemeinsame Gut der Schlesier: alle kennen sie, sie wird zu einem beliebten Thema bei Unterhaltungen, einer der Helden des Romans Die Tochter Rübezahls plant, sie zu einer Zauberoper zu verarbeiten.[23] Überdies wird der Berggeist vorwiegend als Wetterdämon angesprochen: das schlechte Wetter in den Bergen wird seinem Un­mut zugeschrieben.[24] In der Erzählung Auf dem Kynast wird das Bild noch gestei­gert: die Berge "hatten sich in Rübezahls Mantel gehüllt, dichte Wolken bedeckten sie und schon grollte der Alte vom Berge aus ihnen hervor mit leisem Donner. [...] Nun rollte auch der Donner zu Häuptern der Wanderer, warf ins Tal seinen schmet­ternden Gruß, und das Echo kam herüber von den Nachbartälern; es schien nur eine nicht verhallende Stimme zu sein, mit welcher der Berggeist seinen Zorn verkün­dete."[25] Durch diese deutliche Hervorhebung des Donners als Rübe­zahls Attribut wird der Berggeist mit der germanischen Mythologie in Verbindung gebracht - nämlich mit dem Donnergott Thor und den Gestalten von Odin und Wotan. Dies erhebt den Herrn des Riesengebirges einerseits noch deutlicher zum Symbol der deutschen Identität, reflektiert andererseits zeitgenössische Tendenzen in der Be­handlung der Rübezahl-Sage.[26]

Auf der Handlungsebene wird der ehrenvolle Name des Berggeistes männlichen Helden verliehen, die als Vorbild für andere konzipiert sind: in der Erzählung dem patriotischen alten Bergführer, der geheime Korrespondenz zwischen Schreiberhau und Glatz überbringt; im Roman dem Vater der Titelheldin. Der letzte hat sich als Sohn eines schlesischen Pastors eine umfassende Bildung angeeignet, die er dann dank eines wohltätigen Freundes auf Reisen und durch den Umgang mit bedeuten­den Männern vervollkommnen konnte. Er ist tolerant, liberal und will als Rosen­kreuzer die Welt verbessern. Von seinem Wohltäter zum Alleinerben bestimmt, nutzt er seinen Reichtum zu karitativen Zwecken. Seine auch sein Äußeres betref­fende Stilisierung zum Berggeist erfolgt bewußt, ist aber zugleich auch Spaß. Die den Dorfbewohnern erteilte Hilfe erachtet er als seine Pflicht, denn das Volk wird sowohl von den Behörden als auch von der Kirche vernachlässigt: " [ich] spiele gelegentlich böswilligen Buben einen kleinen Schabernack. Doch ebenso mache ich brave Leute glücklich durch unerwartete Geldspenden, die ich sie oft in geheimnis­vol­ler Weise finden lasse".[27] Von den einfachen Menschen wird er für sein Enga­gement geliebt und geachtet.[28] Infolge infamer Intrigen wird er von den Franzosen verhaftet und erniedrigt, was seine Krankheit und späteren Tod verursacht, wobei seine persönliche Kränkung und die Besetzung der Heimat als gleichwertige Fak­toren fungieren.[29] Mehrere Merkmale verbinden beide Rübezahls Namen tragenden Männer: so die Einsamkeit, in der Vergangenheit erlebte Leiden (durch Verlust Nahestehender) und der Wille, anderen zu helfen; sie führen ein Leben nach eige­nen Maßstäben, fern von den anderen Menschen. Auch diese Vorstellung von der Vermenschlichung des Berggeistes ist nicht neu in der Geschichte der Sage - wäh­rend jedoch sonst das Unberechenbare, das Unangepaßte im Vordergrund steht[30], rückt Gottschall den Patriotismus und das soziale Engagement in den Mittelpunkt seines Konzeptes.

Sowohl im Roman als auch in der Erzählung wird der mit der Rübezahl-Sage verbundene nationale Diskurs auf das weibliche Geschlecht erweitert, wobei eine deutliche Polarisierung manifest wird: der positiven, für deutsche Gesinnung ste­henden Gestalt wird in beiden Fällen die negative, die deutsche Identität verneinen­de gegenüber gestellt. Dies entspricht zugleich der Aufspaltung der Frau in die beiden konträren Hälften der Heiligen und der Hure.[31] Bereits durch das Äußere der positiven Gestalten - hoher Wuchs, blondes Haar und blaue Augen wird eine deutliche Affinität zum Bild der Germania hergestellt.[32] Die Heldinnen beider Werke sind gebildet, verbinden aber harmonisch das Wissen mit der Natürlichkeit ihres Wesens, d.h. sie sind keine Emanzipierten. Ferner verkörpern sie folgende, positiv als "deutsch" konnotierte Eigenschaften: Ursprünglichkeit, Aufrichtigkeit, Schlichtheit, Reinheit und Tugendhaftigkeit.[33]

An der Titelheldin des Romans Die Tochter Rübezahls wird das Problem der nationalen Identität besonders eindringlich diskutiert: als ein "Mischling", d.h. als Tochter eines Deutschen und einer leichtfertigen Polin, muß sie sich für eine der Identitäten entscheiden und die leidenschaftliche Seite ihres Charakters - das Erbe der Mutter - beherrschen. Dies geschieht auf zweifache Weise: einerseits durch ihre Liebe zu einem schlesischen Edelmann, der im Auftrag von Graf Götzen im Riesengebirge den Aufstand gegen die Franzosen vorbereiten soll, andererseits durch den Anschluß der individuellen Identität an ein kulturelles Gedächtnis[34] - nämlich durch die Einbindung der Rübezahl-Sage in die schlesische (wie bereits gesagt eindeutig als deutsche aufgefaßte) Identität. Dabei wird über eine Art der Grenzüberschreitung reflektiert, nämlich wie weit das aktive Eingreifen der Frau in den Kampf gegen den Feind gehen kann und ob es nicht der "weiblichen Bestim­mung" widerspricht. Heloise wird vor die Entscheidung gestellt, dem Freikorps von Graf Götzen Zuflucht auf ihrem Familienschloß zu gewähren. Im Namen ihrer Liebe zu Erich und aus Rache für die Gefangennahme des Vaters unterstützt das Mädchen tatkräftig die Aufständischen: "Wäre Rübezahl nicht so ein friedlicher Gott ... er hätte sie längst mit seinen Wettern vernichtet. Doch Haus und Herd zu vertheidigen, ziemt auch den Jungfrauen dieses Landes."[35] Ihre für eine Frau un­gewöhnliche Aktivität wird bereits früher durch die Erwähnung der Tatsache, daß sie schießen kann und auf der Jagd zuweilen Raubvögel und andere Schädlinge (eine deutliche Vorwegnahme des Urteils über französische Besatzungstruppen) tötet, vorbereitet; dennoch wird ihr tätiges Engagement für das Vaterland zusätz­lich durch ihre Liebe zu Erich gerechtfertigt.[36] Das Mädchen kämpft an der Seite des Geliebten und tötet die Feinde, wird aber am Ende des Gefechtes als einzige gefangengenommen. Zwar steht als Strafe für den bewaffneten Widerstand so­for­tige Hinrichtung, Heloise wird um ihrer Schönheit willen jedoch verschont und ei­nem höheren Offizier vorgeführt, der letztendlich beschließt, sie der Gnade des als Weiberheld verrufenen Prinzen Jerome zu überlassen. Dem wie in einem Rausch­zustand erfahrenen Tod auf dem Schlachtfeld[37], an der Seite des Geliebten wird der Tod durch das Hinrichtungskommando als unweiblich und entehrend gegenüber­gestellt[38] - die Wortwahl bei der Beschreibung beider Vorgänge verweist dabei auf einen zweiten Antagonismus: die erste Todesart evoziert zugleich die Vorstellung der höheren, geistigen Liebe, die zweite - den als selbstentfremdend erlebten se­xuellen Akt - die Vergewaltigung.

Die Ambivalenz von Heloises Tat - gegen die Soldaten zu kämpfen - wird zu­sätzlich durch das ablehnende Urteil des als Vorbild konzipierten Vaters manifest, wonach sie damit gegen die Pflicht der Frauen, Erbarmen, Trost und Mitleid zu spenden, verstoßen hätte.[39] So wird das Mädchen gezwungen, die Frage nach den Motiven ihres Handelns zu beantworten:

War es allein der aufflammende Geist der Vaterlandsliebe gewesen, der ihr die Waffe in die Hand drückte gegenüber den fremden Eindringlingen? Nein, nein, sie mußte es sich selbst beichten - es war die Liebe zu ihm, es war der Wunsch, mit ihm gemeinsam zu kämpfen, zu siegen, zu sterben; sie fühlte sich wie hingerissen von ihm, wie zu ihm hinaufgehoben ... willenlos eins mit ihm, und so betheiligte sie sich am blutigen Männerwerk! War dies weiblich? Das anklagende Wort des Vaters lastete auf ihrer Seele ... unwürdig war es nicht, den Landesfeind zu be­käm­pfen, wie so viele Heldenmädchen gethan, deren Namen die Geschichte aufge­zeich­net hat. Unweiblich war es nicht, denn sie folgte dem Gebot der Liebe, die ihr Herz erfüllte. War`s aber eine Schuld, so büßte sie jetzt schweigend und duldend.[40]

Das Mißtrauen der weiblichen kriegerischen Aktivität gegenüber erfolgt auch hier aus der Befürchtung heraus, die nationale Geschlechterordnung hätte so ge­fährdet werden können, weil deren Grundsatz - allein der Mann sei zum Waffen­tragen berechtigt - in Frage gestellt worden wäre.[41] Wie aus dem obigem Zitat ersichtlich, handelt Heloise nicht nur aus einem patriotischen Imperativ heraus, ihre Übertretung der traditionellen weiblichen Rolle wird durch die Liebe zu einem Mann gerechtfertigt und nur deswegen nicht als "unweiblich" eingestuft. Darüber hinaus scheint die Aktivität den Jungfrauen vorbehalten zu sein: nachdem Heloise geheiratet und einen Sohn bekommen hat, entspricht sie ganz dem Ideal des treuen Weibes, das sich vom Ort des Kämpfens fernhält und geduldig auf den heimkeh­renden Ehemann wartet. Im Schlußbild des Romans erscheint sie demgemäß als verklärte Madonna mit dem Kind auf dem Arm. Damit fällt Gottschall zurück in den Topos der "Mutter der Nation"[42], in der die Frau auf ihre Gebär- und Soziali­sationsfunktion reduziert wird.

Eine gegensätzliche Einstellung zum Problem der nationalen Identität und der Liebe zum Vaterland wird an Heloises Mutter Lodoiska (Die Tochter Rübezahls) und Leontine von Wallwitz (Auf dem Kynast) präsentiert. Der Kontrast schlägt sich bereits im Äußeren nieder: Beide sind dunkelhaarig und dunkeläugig, was sie dem Typus der femme fatale zurechnen läßt. Damit einhergehend beanspruchen beide sexuelle Freiheit. Bereits bevor Heloise ihre totgeglaubte Mutter Lodoiska in Bres­lau als Maitresse von Prinz Jerome trifft, wurde dieser Frau in Erinnerungen der Personen, die sie kannten, Freizügigkeit und Treulosigkeit angelastet. Die ganze Familie der berückend schönen und temperamentvollen Polin wurde als spiel­süch­tig, dem Alkohol verfallen und verschwenderisch dargestellt. Aussagen über ihre Identität macht Lodoiska erst als reife und erfahrene Frau: "Nun, wenn ich auch in Deutschland geboren bin ... eine Deutsche bin ich deshalb doch nicht. Ich habe nicht das träge Blut, das durch die Adern deutscher Frauen rollt, nicht den schwerfälligen Sinn [...]."[43] Ihre kontroversen Ansichten befremden und empören in gleichem Maße Angehörige beider verfeindeten Nationen, umso mehr als sich Lodoiska weder mit Deutschland noch mit Polen identifiziert:

Das Vaterland [...] ich habe keins. Fremd war ich hier auf dem deutschen Boden ... [...] Das Vaterland ... und ist`s denn nicht ein Phantom unserer Träume? Hüben und drüben stehen kämpferische Schaaren, wehen die Banner, dröhnen die Kanonen ... und doch ist`s dieselbe Mutter Erde, die Alle trägt! Bunte Linien auf der Karte be­zeichnen das Vaterland der Einen und der Anderen ... draußen die Berge, Bäume und Felder wissen nichts davon, und wenn die angestrichenen Grenzpfähle um so und so viel Meilen weiterrücken ... die geduldige Natur läßt es sich ruhig gefallen. Die Vaterländer, das ist doch nichts als ein Farbenspiel, ich aber bin mit Bezug hier­auf zeitlebens farbenblind gewesen![44]

Diese scheinbar progressive kosmopolitische Einstellung wird eindeutig abgelehnt - womit übrigens eine zeittypische Einstellung verarbeitet zu sein scheint - und zusätzlich dadurch bedenklich gemacht, daß Lodoiska den nationalen Diskurs mit dem erotischen verbindet, weil sie im selben Atemzug für die freie Liebe plädiert[45], d.h. die Institution der Familie in Frage stellt. In der Gestalt dieser Frau erscheint die Versuchung der neuen Ideen zugleich als erotische Versuchung und muß als sittlich-nationale Gefährdung domestiziert werden.[46] So wird die Heimatlosigkeit und Fremdheit mit sexueller Freizügigkeit gleichgesetzt und dadurch entwertet. Lo­doiska wird für ihre Abtrünnigkeit allerdings nicht mit dem Tod bestraft: da sie sich am Ende für ihre Tochter opfert und freiwillig Europa verläßt, wird sie verschont.

Ein anderes Schicksal wird Leontine (Auf dem Kynast) zuteil. Ihre Charakter­ei­genschaften und genossene Erziehung erleichtern ihr eine Identifikation mit Frank­reich, die zusätzlich durch die Liebe zu einem Offizier der napoleonischen Armee verstärkt wird:

[...] sie war im Herzen eine Französin und in französischer Bildung aufgewachsen. [...] Geist, Witz, Leidenschaft, das war, was sie verlangte, was sie besaß - und das deutsche "Bärentum" konnte ihr nur wenig davon bieten. Der Krieg zwischen Frank­reich und Preußen war ihr peinlich; sie kümmerte sich anfangs wenig darum. Das Reich der Frauen war für sie das Reich der Liebe, der Leidenschaft, und da gibt es keine Grenzpfähle; die schwarzen Adler Preußens und diejenigen der Legionen des Cäsars mochten sich zerfleischen: das war ein Kampf hoch in den Lüften; hier auf Erden gab es für Frauen andere Kämpfe, Herzenskämpfe mit ihren Siegen und Niederlagen, die nicht in die Bücher der Geschichte kommen.[47]

Auch in diesem Werk greift Gottschall in den Sagenhort des Riesengebirges und verarbeitet hier neben der Rübezahl-Sage die Sage um Kunigunde vom Kynast. Kunigunde gleich will Leontine ihre Verehrer auf eine Probe stellen: um uner­wünschte deutsche Bewerber loszuwerden und für den geliebten Franzosen frei zu sein, verlangt sie von ihnen den Eintritt in das Freikorps des Grafen Götzen. Sie mißbraucht die patriotischen Gefühle der Männer für eigene egoistische Ziele. Wenn auch die Verbindung beider Sagen: um Rübezahl und um Kunigunde nicht zum ersten Mal erfolgt[48], so fällt auf, daß Gottschall eine deutliche Akzent­verschie­bung in der Kunigunde-Sage vornimmt. Während bei Kunigunde ihre männliche Erziehung, der infolgedessen vollzogene Rollentausch zu "unweiblichen" Eigen­schaften wie Selbständigkeit, Unabhängigkeit, Aktivität sowie ihr Männerhaß als problematisch erscheinen und geahndet werden, wird in Gottschalls Erzählung noch einmal der nationale Aspekt bemüht. Als besonders verwerflich gilt in diesem Zusammenhang Leontines Treulosigkeit den in den Kampf für das Vaterland ge­schickten Verehrern gegenüber, so daß selbst der französische Geliebte sich empört von ihr lossagt. Wie Kunigunde wählt Leontine den Sturz in den Abgrund als die einzige Lösung. In der ursprünglichen Kynast-Sage war der nationale Diskurs so gut wie nicht vorhanden[49], im Vordergrund stand eindeutig der Geschlechter­dis­kurs: es ging um die Domestizierung der unabhängigen Weiblichkeit, die symbol­haft in der Gestalt der schönen und spröden Jungfrau Kunigunde wie auch im Bild der jungfräulichen, d.h. nie eroberten Burg selbst evoziert wurde[50].

Signifikanterweise sind beide Frauen, die ihre deutsche Identität ablehnen, dem französischen Kulturkreis, d.h. also dem "Erbfeind"[51] zuzuordnen. Gottschall ver­arbeitet hier zeittypische Vorurteile und nationale Stereotype. In seiner Auffassung des nationalen Diskurses besteht die schlimmste Sünde nicht in der einfachen Ab­lehnung jeglicher nationalen Identität, sondern vielmehr im eindeutigen Engage­ment für den Feind. In diesem Zusammenhang erscheint Leontines Tod als unaus­weichliche Strafe dafür: "Um ihrer Liebe willen dürfen wir ihr vieles verzeihen! Nur daß sie unser liebes, deutsches Vaterland verleugnete - das möge ihr Gott ver­geben!"[52] Durch die Art ihres Todes - der Sturz in den Höllenschlund - und das Ergebnis der totalen Zerstörung - "ihr zerschmettertes Gebein"[53] - verleiht der Autor seinem Text eine dramatische Suggestionskraft und kreiert ein drastisches Fabula docet.

Wie aus den obigen Ausführungen ersichtlich, verbindet Rudolf von Gottschall in seiner Bearbeitung der Rübezahl-Sage mehrere Tendenzen zu einem Ganzen: so die pädagogische Rolle des Berggeistes, seine Unberechenbarkeit (als Wetterdä­mon) und seine Vermenschlichung; besonders auffallend ist jedoch die Hervorhe­bung der Rolle Rübezahls als nationales Symbol. Damit realisiert Gottschall die eigene Theorie des historischen Romans, dem er nur dann eine künstlerische Be­rechtigung zuerkennt, wenn er "entweder auf nationalem Boden wurzelt, oder im geistigen Inhalte seiner Verwicklungen ein Spiegelbild der Gegenwart gibt, oder das allgemein Menschliche, das durch die Zeiten hindurchgeht, das Bleibende im Vergänglichen, mit dichterischer Weihe in den Vordergrund stellt"[54]. Analysiert man Gottschalls Strategie, sich bei der Konstruktion der deutschen Identität auf schlesische Geschichten als Elemente des kulturellen Gedächtnisses zu berufen, so fällt auf, daß er hier eine gewisse Manipulation vornimmt, um seinen Werken die gewünschte nationale Prägung zu verleihen. Einerseits sind sowohl die Rübezahl- als auch die Kunigunde-Sage regional gebundene Mythen (gestiftet durch die ge­meinsame Landschaft - das Riesengebirge) und somit Bestandteile des spezifisch schlesischen kulturellen Gedächtnisses (insbesondere die Rübezahl-Sage fungiert als ein Teil des identitätsstiftendes Wissen vermittelnden, als "Mythomotorik"[55] bezeichneten Komplexes auch bei Tschechen und Polen), andererseits sind sie an sich patriarchale Mythen, die die traditionelle Rolle der Frau bestätigen und jeg­li­che Überschreitungen ahnden.

Eine ähnliche Manipulation im Namen der Stiftung der deutschen Identität läßt sich auch an der Einführung der Identitätenhierarchie beobachten. Das "engere Vaterland" Schlesien bleibt dabei untergeordnet, wobei die Dominanz der preußi­schen = deutschen Identität unbestritten bleibt und selbst moralisch zweifelhafte Entscheidungen, wie etwa Verrat oder Spionage, rechtfertigt. Überdies wird auch hier Schlesien - so wie bei dem Rückgriff auf regionale Mythologie - nur für Deut­sche vereinnahmt, das Zusammenleben mit anderen Nationen wird kaum erwähnt. Besonders Polen werden in einem schlechten Licht gezeigt: entweder als Trinker, Verschwender und Sittenlose (Im Banne des Schwarzen Adlers, Die Tochter Rü­bezahls) oder als Verräter (Im Banne des Schwarzen Adlers).

Bemerkenswert bleibt dagegen, trotz gewisser Ambivalenz, die intensive Ein­bindung der Frauen in den patriotisch-nationalen Diskurs. Der sonst weiblichen emanzipatorischen Bestrebungen gegenüber aufgeschlossene Autor[56] erweist sich hier als eher konservativ und ordnet dem nationalen Gedanken alle sonstigen Ideen unter. Somit erweisen sich die hier vorgestellten Texte eindeutig als Tendenzlite­ra­tur, die im Dienste des Landespatriotismus steht und darin ihre Existenzbe­rechti­gung sucht. Ihre Aufgabe bestand darin, das deutsche Nationalbewußtsein auch in den zeitgenössischen Leserinnen zu wecken resp. zu bekräftigen und sie so auf die patriotischen Frauenpflichten im Falle eines eventuellen Krieges vorzubereiten. Letztendlich sollten sie doch den durch Männer definierten Interessen des "Vater­landes" dienen.



[1] Vgl. hierzu Walter Killy (Hg.): Literatur-Lexikon. Autoren und Werke deutscher Sprache, Bd.4, Gütersloh/München 1989, S.286-287 und Josef Joachim Menzel (Hg.): Geschichte Schlesiens, Bd. 3, Stuttgart 1998, S.388ff.

[2] Angaben zur Biographie vgl. Killy (wie Anm. 1); Moritz Brasch: Rudolf von Gottschall. Ein literarisches Portrait, Leipzig 1893 und Rudolf von Gottschall: Aus meiner Jugend. Erinnerungen, Berlin 1898.

[3] Der Roman "Die Tochter Rübezahls" wird als geeignete Lektüre für Mädchen empfohlen, vgl. Günther Häntzschel: Bildung und Kultur bürgerlicher Frauen 1850-1918. Eine Quel­lendokumentation aus Anstandsbüchern und Lebenshilfen für Mädchen und Frauen als Beitrag zur weiblichen literarischen Sozialisation, Tübingen 1986, S.438.

[4] Vgl. hierzu Ute Frevert: Nation, Krieg und Geschlecht im 19. Jahrhundert. In: Manfred Hettling / Paul Nolte (Hg.): Nation und Gesellschaft in Deutschland. Historische Essays, München 1996, S.151-170, hier S.151.

[5] Vgl. Marek Czapliński / Elżbieta Kaszuba / Gabriela Wąs / Rościsław Żerelik: Historia Śląska, Wrocław 2002, S.192f.

[6] Rudolf von Gottschall: Im Banne des Schwarzen Adlers, 4. Aufl., Breslau 1884, S.178.

[7] Ebenda, S.295.

[8] Vgl. Karen Hagemann: Nation, Krieg und Geschlechterordnung. Zum kulturellen und po­li­tischen Diskurs in der Zeit der antinapoleonischen Erhebung Preußens 1806-1815. In: Ge­schichte und Gesellschaft, Jg.22, 1996, S.562-591, hier S.571.

[9] Gottschall: Im Banne ... (wie Anm. 6), S.303.

[10] Vgl. z.B. Hagemann: Nation (wie Anm. 8), S.588f.

[11] Gottschall: Im Banne ... (wie Anm. 6), z.B. S.180, 305, 360.

[12] Vgl. Frevert (wie Anm. 4), S.159f.

[13] Gottschall: Im Banne ... (wie Anm. 6), S.87.

[14] Selbst die Wahl der Symbole bestätigt männliche Überlegenheit: Während die Tanne für Unsterblichkeit, Kühnheit, Sieg, Treue und Männlichkeit steht, symbolisiert die Kiefer u.a. Geduld, Frömmigkeit, Tugend und Weiblichkeit - vgl. Władysław Kopaliński: Słow­nik symboli, Warszawa 1991, S.395/396 u. 132/133.

[15] Vgl. Karen Hagemann: Heldenmütter, Kriegerbräute und Amazonen. Entwürfe "patrio­tischer" Weiblichkeit zur Zeit der Freiheitskriege. In: Ute Frevert (Hg.): Militär und Ge­sell­schaft im 19. und 20. Jahrhundert, Stuttgart 1997, S.174-200, hier S.192-195.

[16] Gottschall: Im Banne ... (wie Anm. 6), S.424.

[17] Ebenda, S.452.

[18] Vgl. Hagemann: Heldenmütter (wie Anm. 15), S.196ff.

[19] Vgl. Gottschall: Aus meiner Jugend (wie Anm. 2), S.157 u.347ff.

[20] Gottschall: Das Schlesische Gebirge, Leipzig: 1857, S.1.

[21] Gottschall: Auf der Koppe. In: Neue Gedichte, Breslau 1858, S.43-47.

[22] Henning Eichberg: Rübezahl. Historischer Gestaltwandel und schamanische Aktualität. In: Der Herr der Berge Rübezahl. Katalog zur Ausstellung, hg. vom Museum für schle­si­sche Landeskunde im Haus Schlesien, Königswinter 2000, S. 3-22, hier S.6.

[23] Vgl. Gottschall: Die Tochter Rübezahls. Breslau 1890, Bd. 1, S.11, 19ff, 27, 53ff.

[24] Ebenda, Bd.1, S.11.

[25] Gottschall: Auf dem Kynast. In: Neue Erzählungen, S.254.

[26] Vgl. hierzu: Eichberg (wie Anm. 22), S.12; ferner Bruno Wille: Die Sagenhalle des Rie­sengebirges (Schreiberhau). Der Mythus von Wotan-Rübezahl in Werken der bilden­den Kunst, Leipzig: 1903.

[27] Gottschall: Die Tochter ... (wie Anm. 23), Bd. 1, S.54

[28] Vgl. ebenda, Bd. 2, S.7-19.

[29] "[...] trotz seiner Denkart, welche über alles Kleinliche des Lebens erhaben war, konnte er Aerger und Gram nicht überwinden, Dienste zu leisten bei der rohen französischen Sol­dateska, die hier in Schlesien hauste; war es doch eine Zumuthung, welche die Duldungs­fähigkeit eines stoischen Gemüthes überschritt." - ebenda, Bd. 3, S.25.

[30] Vgl. Eichberg (wie Anm. 22), S.18/19.

[31] Zu einem ähnlichen Vorgang vgl. Aleida Assmann: Trauma des Krieges und Literatur. In: Elisabeth Bronfen / Birgit R. Erdle / Sigrid Weigel (Hg.): Trauma. Zwischen Psycho­ana­lyse und kulturellem Deutungsmuster. Köln, Weimar, Wien 1999, S. 95-116, hier S. 96.

[32] Vgl. Karin Bruns: Das moderne Kriegsweib. Mythos und nationales Stereotyp heroischer Weiblichkeit 1890-1914. In: Annegret Pelz (Hg.): Frauen - Literatur - Politik, Hamburg 1988, S. 132-145, hier S.135.

[33] Zu Völkerstereotypen vgl. Michael Jeismann: Das Vaterland der Feinde: Studien zum nationalen Feindbegriff und Selbstverständnis in Deutschland und Frankreich 1792-1918, Stuttgart 1992, S.81.

[34] Vgl. Assmann (wie Anm. 31), S.109.

[35] Gottschall: Die Tochter ... (wie Anm. 23), Bd.2, S.202.

[36] "Heloise aber befand sich in einer kampflustigen Erregung, welche unweiblich erschie­nen wäre, wenn es nicht die Liebe zu dem Kampfgenossen gewesen, was ihrer Begeiste­rung für die Sache des Vaterlandes einen so kriegerischen Schwung gab." - ebenda, S. 206.

[37] Zur Vorstellung des Heldentodes als eines schönen Todes vgl. Mechtild Rumpf: Staat­liches Gewaltmonopol, nationale Souveränität und Krieg. Einige Aspekte des "männli­chen Zivilisationsprozesses". In: L´Homme. Zeitschrift für Feministische Geschichts­wissen­schaft, Jg.3, 1992, H.1: Krieg, S.7-30, hier S.29f.

[38] "So muthig Heloise war, so erbebte sie doch in innerster Seele vor einer Hinrichtung nach den Kriegsgesetzen; es beleidigte ihr weibliches Schamgefühl, sich zur Zielscheibe für die Gewehre roher Soldaten hinzugeben." - Gottschall: Die Tochter .... (wie Anm. 23), Bd. 2, S.33.

[39] "Dieser höheren Sendung bist Du untreu geworden, liebes Kind! Du hast die Waffe ergriffen, hast verwundet und getödtet, und Dich trieb dazu nicht des Kriegers Pflicht, nicht der Eid, den Du dem König und dem Vaterland geleistet ... die Liebe zum Vaterland vielleicht, aber Du hättest sie den Opfern des Krieges zuwenden sollen ... das wäre weib­lich, das wäre menschlich gewesen. Viele mögen Dich als eine Heldin preisen ... ich beklage Deine Verirrung!" - ebenda, S.39/40.

[40] Ebenda, S.45.

[41] Vgl. Karen Hagemann: "Deutsche Heldinnen": Patriotisch-nationales Frauenhandeln in der Zeit der antinapoleonischen Kriege. In: Ute Planert (Hg.): Nation, Politik und Ge­schlecht. Frauenbewegungen und Nationalismus in der Moderne, Frankfurt/M 2000, S. 86-112, hier S.89.

[42] Vgl. Hagemann: Heldenmütter (wie Anm. 15), S. 190.

[43] Gottschall: Die Tochter ... (wie Anm. 23), S.86.

[44] Ebenda, S.112/113.

[45] "Was Sprache! Was Vaterland! Es giebt nur eine Sprache, welche Ost und West versteht ... das ist die Sprache der Liebe. Es giebt nur eine Heimat ... wo ihr Glück uns blüht! Doch nicht das erlogene Glück am häuslichen Herd ... da schürt nur die Langeweile die Flamme!" - ebenda, S.115.

[46] Zu einem ähnlichen Fall in der polnischen Literatur vgl. Maria Janion: Kobiety i duch in­noś­ci. Warszawa 1996, S.57-61.

[47] Gottschall: Auf dem Kynast (wie Anm. 25), S. 270/271.

[48] Vgl. Julius Gesellhofen: Die Jungfrau vom Kynast. Ein Sang aus Schlesiens Bergen, 3.Aufl., Breslau 1885, S.126; und später Adolf Schiller: Kynast-Sagen, Schweidnitz 1913, S. 24-41.

[49] Nur in einer Variante spricht Kunigundes Bezwinger, Graf Adalbert von Thüringen, expressis verbis ihre Schuld gegen die Nation an: Jetzt hat mich Frau Margareth selber gesandt / Von der Plage zu lösen das deutsche Land, / Darein ein dämonisches Weib es verstrickt, / Das grausam manch` sprossende Blüthe geknickt. - Gesellhofen (wie Anm. 48), S. 189.

[50] Vgl. H. Nentwig: Kunigunde vom Kynast und andere Kynastsagen, Warmbrunn 1896, S. 25.

[51] Zur Ähnlichkeit zwischen Polen und Franzosen vgl. Hubert Orłowski: Zur "Erfindung der (deutschen) Nation" Von historischer Semantik und historischer Stereotypen­for­schung. In: Joanna Jabłkowska / Małgorzata Półrola (Hg.): Nationale Identität. Aspekte, Probleme und Kontroversen in der deutschsprachigen Literatur, Łódź 1998, S.10-24, hier S. 20f.

[52] Gottschall: Auf dem Kynast (wie Anm. 25), S. 314.

[53] Ebenda, S. 313.

[54] Zit. nach Menzel (wie Anm. 1), S. 388/389.

[55] Vgl. dazu Ewa M. Thompson: Nacjonalizm, kolonializm, tożsamość. In: Teksty Drugie, 1999, H. 5, S. 25-39, hier S. 33ff.

[56] Er hat der Emanzipationsproblematik den umfangreichen Roman "Auf freien Bahnen" (Jena 1900) gewidmet, in dem er u.a. weibliche Berufstätigkeit und Entfaltungs­möglich­keiten diskutiert, dabei jedoch zu einem pessimistischen Schluß kommt und die Emanzi­pa­tion nur außerhalb Europas möglich sieht.

 

 
 
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