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Orbis Linguarum Vol. 24/2004

Maria Król

Mississippi State University, Lee Hall 300

Die mittelalterliche Chronik und "Chronik" bei Christoph Hein

Chronist ist für mich ein Homer wie ein Shakespeare wie ein Kafka. Ich benutze das Wort weniger im Sinne des Buchhalters als des wirklichen Chronikschreibers etwa des 14. und 15. Jahrhunderts, wo die kleinen Fürsten einen Schreiber hatten, der wirk­lich tagtäglich aufzeichnete, was da passierte, und dies auch mit ein bißchen Rück­grat machte. Er berichtete auch über Dinge, die nicht berichtet werden sollten. Ich habe ein paar dieser Chroniken gelesen, etwa die des Herzogs Ulrich von Baden-Württemberg. Es ist sehr beeindruckend, wie genau da die freundlichen und die schä­bigen Seiten des Fürstentums aufgezeichnet sind. Das war die eingetragene Be­rufsbezeichnung Chronist, in diesem Sinne also Chronist. [Christoph Hein][1]

Die mittelalterliche Chronik und der mittelalterliche Chronist dienen Christoph Hein als Vorbilder, auf die er sich beim Versuch einer Erklärung seiner Schreibweise gern beruft. Es gibt viele Arbeiten, die sich mit dem Thema "Chronik" und "Chro­nist" bei Christoph Hein befassen, bisher jedoch gibt es meines Wissens keine Stu­die, die die Frage nach den tatsächlichen Ähnlichkeiten und Unterschieden zwi­schen Heins Schreibstrategie und den gattungsspezifischen Merkmalen der histo­rio­graphischen Chronik des Mittelalters ausführlich behandeln würde.[2] Die Erör­terung dieses Problems soll Hauptanliegen dieses Artikels sein. Dabei sollen Ge­sichtspunkte wie die Stellung der Chronik zwischen Literatur und Wissenschaft und somit die Frage nach den Grenzen zwischen Fiktion und Faktizität, der Chro­nikstil sowie die Frage, ob chronikalische Darstellungen "unparteilich" sein kön­nen, berücksichtigt werden. Ferner werden verschiedene Typen der mittelalterli­chen Chronik untersucht, um feststellen zu können, mit welchem Typ Heins Werke am ehesten vergleichbar sind.

Die Frage nach dem wissenschaftlichen Charakter der Chronik soll dabei als Aus­gangspunkt der Analyse dienen. Die Aufgaben des Schriftsteller-Chronisten erklärend hebt Hein selbst hervor, daß er im Unterschied zum professionellen Chronisten nicht mit wissenschaftlichen, sondern mit literarischen Mitteln arbeite:

Der Autor, [...][ist] ja auch ein Historiker[...], ein Schreiber von Geschichten mit einer vergleichbaren Zielstellung, nämlich ein Chronist der Zeit zu sein, allerdings mit anderen, nicht-wissenschaftlichen Mitteln.[...][3]

[...] Ich empfinde den Beruf eines Schriftstellers als den eines Berichterstatters, ei­nes Chronisten. Ich bin ein Schreiber von Chroniken, mit literarischen Mitteln na­türlich.[4]

Der berufliche Chronist (der Historiker), so Hein, versucht die Realität auf wissen­schaftliche Weise darzustellen, der Schriftsteller dagegen beschreibe die Wirk­lich­keit aus einer unmittelbaren, aus einer subjektiven Perspektive, ohne in seinem Be­richt den Anspruch auf wissenschaftliche Objektivität zu erheben. Daraus ließe sich entnehmen, daß die Chronik des Chronisten als Teil der Wissenschaft und die des Schriftstellers als Teil von Dichtung anzusehen und somit die beiden Formen gegeneinander abzugrenzen sind. 

Denn Schriftsteller sind, denke ich, Chronisten. Schreiben ist nach meinem Ver­ständnis dem Bericht-Erstatten verpflichtet. Natürlich ist es die Chronik eines Schrift­stellers, sie ist nicht objektiv, sondern sehr viel mehr: Sie ist eingreifend und realistisch und phantastisch und magisch, Poesie eben. Eine Chronik, die von einem Menschen, dem Schriftsteller, und seiner Welt erzählt und nur dann und nur dadurch von Interesse ist. [5]

Ist eine solche Unterscheidung zwischen dem Chronisten-Historiker und dem Chronisten- Schriftsteller gerechtfertigt? Um diese Frage zu beantworten, sollte man sich der historiographischen Gattung der Chronistik in ihrer antiken und mit­telalterlichen Form zuwenden und ihre Beziehung zu Literatur und Wissenschaft untersuchen.

Wie man im Reallexikon der deutschen Literaturgeschichte nachlesen kann, läßt sich die Chronistik dieser Zeit nicht ohne weiteres ausschließlich dem Gebiet der Wissenschaft zuordnen.[6] Sie weist viele dichterische Merkmale auf. Man darf da­bei nicht vergessen, daß in der Zeit der Antike und des Mittelalters eine andere Vor­stellung von Wissenschaft als heute herrschte. Die Chronik als die Form der geschichtlichen Darstellung geht auf die römische Kaiserzeit zurück, erlebt ihre Blüte aber erst im Mittelalter. Ihr erstes Auftreten in der deutschen Sprache wird mit dem 12. Jahrhundert datiert, ihr quantitativer Höhepunkt mit dem 15./16. Jahr­hundert. Die chronikalische Darstellung der Geschichte hatte einen narrativen Cha­rakter und wies viele Ähnlichkeiten mit der literarischen Darstellungsart auf. Oft waren die Grenzen zwischen der Literatur und Geschichtsschreibung fließend. Die chronikalische Geschichtsschreibung bemühte sich kaum um den kritischen Um­gang mit historischen Quellen; sie stützte ihre Aussagen vielmehr auf mündliche und schriftliche Berichte anderer, ohne diese Aussagen auf ihre wissenschaftliche Stimmigkeit hin zu überprüfen. Erst die humanistische Geschichtsschreibung des 16. Jahrhunderts bemühte sich konsequent um die Erforschung der Quellen und initiierte damit eine neue Epoche in der Historiographie. Die Zeit der Chronistik war damit vorbei.

Die Frage, ob die chronikalische Darstellung der Geschichte eine wissenschaft­li­­che Tätigkeit sei, ist bis heute umstritten. Der heutige wissenschaftliche Ge­schichts­begriff basiert auf methodisch gesichertem Wissen, also nicht auf einem Wissen, das durch Erzählung gewonnen wird oder allein auf individueller Erfahrung ba­siert. Daher werden z.B. Memoiren, Zeitungsartikel, Tagebücher nicht als wissen­schaft­liche Texte betrachtet. Auch das Mittelalter kannte den Begriff der Wissenschaft, der aus der Antike übernommen wurde.[7] Seine Bedeutung war allerdings von dem heutigen weitgehend verschieden. Als Wissenschaft wurde damals sowohl das gesicherte schriftliche Wissen als auch die Erforschung der Wahrheit bezeichnet. Scientia bedeutete sowohl Wissen und Erkenntnis als auch Gewinn von Wissen. Als doctrina wurde die Lehre des gesicherten, wahren Wissens und des Richtigen bezeichnet, als investigatio die Erforschung des Wahren. Unter scientia verstand man meistens ein aus Büchern gewonnenes Wissen. Die Wissenschaft umfaßte im Mittelalter sowohl die Wissenssicherung als auch das literarische Festhalten von Aussagen über die Realität. Wenn die Aussagen richtig und plausibel zu sein schie­nen und ein Wiedererkennen ermöglichten, wurden sie als wahr angesehen, und die Aufgabe der Wissenschaft war es festzustellen, ob etwas wahr oder nicht wahr ist. Auch der Entstehungsprozeß von Literatur konnte als scientia bezeichnet werden, weil es dabei um eine Anwendung von wissenschaftlichen Disziplinen wie Gram­ma­tik, Rhetorik, Dialektik, Logik - der artes liberales des Triviums - ging. Da die Historiographie sich in ihrer Darstellung ebenso nach den Regeln dieser wissen­schaftlichen Disziplinen richtete, war sie in ihrem Bemühen, die Wahrheit festzu­halten, ebenfalls als Wissenschaft anzusehen. Die erwähnten Mittel der Rhetorik, Grammatik, Dialektik und Logik dienten dabei im damaligen Verständnis als Mit­tel zur Sicherung dessen, was als wahr galt.

Chroniken früherer Verfasser dienten späteren Chronisten dann häufig als wich­tige Grundlage, so z.B. die erste christliche Weltchronik von Sextus Julius Afri­ca­nicus (nach 240), die die Zeit von Adam bis 217 n. Ch. beschreibt, als Vorlage für Eusebius und Hieronymus, deren Chroniken wiederum für die folgende Zeit be­deut­sam waren.[8] Eine andere Grundlage für die spätantike Chronistik war der Staats­kalender. Ähnlich haben sich die Historiker allerdings auch hinsichtlich der mündlichen Überlieferungen verhalten. Die Plausibilität einer historischen Aussage konnte noch dadurch gestärkt werden, daß sie sich auf Nachrichten stützte, die nur aus einer einzigen Quelle stammten. Meist waren auch die Nachrichten durch mehrere Überlieferungen schon so vorgeformt, so daß sie in sich kaum Widersprü­che enthielten. Oft wählte der Autor aus seinen Informationen eben auch nur das­jenige aus, was ihm glaubhaft schien. Manchmal erwiesen sich auch allein die Bi­bliotheksverhältnisse als Ursache dafür, daß ein widerspruchsfreies Bild ent­stand: denn für denjenigen, der sich auf eine einzige Quelle stützen mußte, löste sich das Problem von selbst. Nicht zuletzt führte auch die Konzentration auf äußere Tat­sachen und der damit verbundene Verzicht auf die Darlegung von Kausalität bzw. auf psychologisierende Motivationen, Grundtendenz der Chronistik und Ana­lis­tik überhaupt, zu relativ großer Widerspruchsfreiheit und scheinbarer Stimmig­keit.

Auch in Heins Werken bewirkt die Art und Weise der Präsentation geschicht­li­cher Wirklichkeit eine Verwischung der Grenzen zwischen überprüfbaren Gege­ben­heiten und Fiktion. Eine an Hein gerichtete Frage von Krzysztof Jachimczak zum realen Hintergrund der Geschichte und der Figur Horn in Horns Ende beant­wortet der Autor wie folgt :

[...] Sehr vieles deutet wieder auf diese Stadt hin, und für alle Figuren gibt es mehr oder weniger Bezüge zu Figuren, die tatsächlich gelebt haben. Aber nicht in einem 1:1 Verhältnis, das waren manchmal zwei, drei Figuren, die bei mir dann eine Figur ergeben haben[...] Zu dem Hintergrund der Figur Horn - es ist etwas kompliziert. Es gab einen Philosophen Horn, der auch in den fünfziger Jahren Selbstmord beging - eine direkte Beziehung zu diesem Horn gibt es nicht. Der Philosoph Horn hatte eine völlig andere philosophische Konzeption als der Historiker Horn, der meinem Ro­man den Namen gegeben hat. Aber es gibt eine ganz ferne Beziehung, die einfach mit der Existenz und dem Tod des Philosophen zu tun hat, ohne daß das Identität ist. Dieses Verhältnis der Widersprüchlichkeit und Nichtidentifikation betrifft auch alle anderen Figuren oder besser: meine Arbeitsweise, wie ich auf Tatsächliches eingehe. Goethe hat das einmal programmatisch als "Dichtung und Wahrheit" bezeichnet.[9]

Hein bettet nicht selten bekannte historische Persönlichkeiten, reale Ereignisse und tatsächlich gemachte Aussagen direkt in die von ihm geschaffene fiktive Realität ein: so etwa Lassalle im Drama Lassalle fragt Herrn Herbert nach Sonja, Crom­well im Drama Cromwell, Racine in der Geschichte Einladung zum Lever Bour­geois und Humboldt in Die russischen Briefe des Jägers Johann Seifert. In letzte­ren gelingt Hein die Nachahmung des historischen Stils der fiktiven Briefe so gut, daß nur der Leser, der sich sehr gut mit der Biographie von Humboldt vertraut ge­macht hat, zwischen Fiktion und Realität unterscheiden kann. Auch genaue Daten, exakte Ortsangaben und konkrete Namen verleihen den Anschein von Authentizität.

Wie mittelalterliche Chronisten bezieht sich auch Hein häufig auf mündliche oder schriftliche Berichte anderer als Vorlagen für seine Geschichten. So beruft sich z. B. der Narrator in Charlottenburger Chaussee, einem Prosastück, auf eine Geschichte, die ihm von einem Philosophen, Dozenten an der Berliner Humboldt Universität, während des Sommerurlaubs im Strandbad Grünau erzählt worden sei. In Matzeln erzählt der Narrator eine Geschichte nach, die von einem Handwerks­meister am Tisch in einer Kneipe in der thüringischen Stadt Erfurt die Runde ge­macht haben soll.

Ferner stellt sich bei einer vergleichenden Analyse der Darstellungsprinzipien der mittelalterlichen Chroniken mit den Chroniken von Hein zwangsläufig die Frage nach dem Stil. Dabei scheint der chronikalische Stil Heins, folgt man den Definitionen von Gervasius von Canterbury, dem Stil der chronici durchaus ver­gleichbar.[10] Gervasius hatte zwischen den chronici und Annalisten einerseits und den historici andererseits unterschieden.

Der Stil der chronici sei durch Einfachheit charakterisiert, der der historici durch Aufwendigkeit. Man könnte den einen Sprache des Chronisten und den anderen Sprache des Erzählers nennen. Die Mitteilung in der Chronik ist demzufolge be­schränkt auf den Kern der Ereignisse, darauf, daß "etwas" geschehen ist, das "Wie" hingegen spielt keine Rolle. So wird beispielsweise beschrieben, daß jemand starb, wie dies aber geschehen ist, wird nur berichtet, wenn sich dabei etwas Besonderes zugetragen hat. Mit Bezug auf die Syntax ist festzuhalten, daß in einer chronika­li­schen Beschreibung der Hauptsatz und das Asyndeton vorherrschen; wieder­kehren­de Sachverhalte werden in stereotypen Wendungen beschrieben. Gegenüber dem Mitgeteilten entstünde durch diese Art der Beschreibung - bei gleichzeitigem Ver­zicht auf die Darstellung von Motivationen und Ursachen - der Eindruck von Ob­jektivität und großer Distanz. Dies werde verstärkt durch die Stereotypie von Wen­dungen und Inhalten (Todestage, Festtage etc.). In der erzählenden Geschichts­schrei­bung hingegen verschafften Analyse, Interpretation und Kommentare oft einer besonderen Tendenz des Autors Eingang in den Text. Die chronikalische Art der Darstellung berge andererseits die Gefahr, daß durch die Vereinfachung des Geschehens komplexe Vorgänge vor allem dann, wenn man die Aussagen allzu wörtlich nimmt, geradezu verfälscht erscheinen können. Die von Gervasius als historia bezeichnete Geschichtsschreibung sei dagegen durch einen wesentlich aufwendigeren Stil gekennzeichnet, einen solchen, der nicht nur der persönlichen Vorliebe des Historikers folge, sondern gleichzeitig auch überindividuellen Kon­ventionen und Erfordernissen der Rhetorik entspricht.

Heins Vorliebe, sich mit seinen Beschreibungen - bei Verzicht auf die Darstel­lung von Gründen - auf äußere Vorgänge zu konzentrieren, stellt ihn u.E. unmiß­ver­ständlich in die Tradition der mittelalterlichen Annalistik. Dies ist vor allem anhand seiner kurzen Prosastücke nachweisbar. Als Beispiel sei die Erzählung Die Vergewaltigung genannt. In dieser Geschichte werden zwei Erzählweisen einander gegenübergestellt. Über die Geschichte der Protagonistin Ilona wird vom Erzähler in einem ruhigen, gemäßigten Erzähltempo berichtet. Der Erzähler holt oft aus und beschreibt zahlreiche Einzelheiten und Kuriositäten. Mit einer Passage, in der der Autor das beschreibt, was sich "unterdessen" (während wir Ilonas persönliche Ge­schichte verfolgen) auf der politischen Makroebene des Landes abspielt, wird die Geschichte unterbrochen. Anstatt ein breites Panorama des ganzen Landes zu zeich­nen, entwirft der Autor auf diese Weise ein "Kleingemälde": Er zeigt die so­zialpolitischen Veränderungen während der Aufbauperiode des Landes, wider­gespiegelt in einem kleinen Ausschnitt aus der Wirklichkeit, der Chronik einer berühmt-berüchtigten Straße in Berlin, der Stalinallee. Die Passage über die Stalin­allee ist der am dichtesten zusammengedrängte Teil des Werks.

Man könnte, die Terminologie von Gervasius verwendend, sagen, daß Ilonas Geschichte im Stil der historici, die Chronik der Stalinallee hingegen im Stil der chronici verfaßt worden ist. Hein skizziert in der Beschreibung der Stalinallee einige bekannte Geschehnisse, die sich in den 50er und 60er Jahren in dieser Straße zugetragen hatten. Alles erfolgt wie in einem Atemzug, in telegraphischer Kürze, was es dem Leser im ersten Moment erschwert, die Ereignisse zeitlich auseinan­derzuhalten und genau bestimmten Daten zuzuordnen. Die Informationen erinnern an Zeitungsausschnitte. Daten werden in diesem Abschnitt aber nicht genannt; Hein überläßt es vielmehr dem Leser, die Begebenheiten zeitlich zuzuordnen. Die Geschehnisse werden in der Aufzählung mit der immer wieder wiederkehrenden Konjunktion "und" verbunden, so daß die Sachverhalte als gleichwertige neben­einanderstellt erscheinen. Dadurch ist die Bedeutungshierarchie der Ereignisse schwer zu erkennen. Generelle Gesichtspunkte, die die Auswahl der Ereignisse, deren Abfolge und die Mitteilung der Details begründen, bleiben dem Leser ver­borgen. Aus diesem Grund vermittelt die Darstellung einen zum Teil chaotischen Eindruck. Diese Darstellungsart steht in struktureller Hinsicht deutlich in der alten Tradition der Annalistik.

Da Hein allgemein über Chronik spricht, entsteht der Eindruck, als sei diese Gat­tung etwas in sich Uniformes. In Wahrheit ist es jedoch angezeigt, sich der For­men­vielfalt mittelalterlicher Chroniken bewußt zu werden: Es gab die Weltchronik (auch Universalchronik genannt), die Reichschronik, die Landeschronik, die Stadt­chronik u.a. Oft bezeichnete man auch Annalen und Gesta als Chroniken. Aller­dings wurde der Begriff Chronik im Mittelalter selbst recht flexibel gebraucht. So verstand man z.B. unter Chronik ebenso ein Werk, das die vorhandenen Über­lie­ferungen chronologisch zusammenfaßte und in geordneter Form präsentierte wie auch, im Hochmittelalter, sogenannte Tatenberichte, z.B. die Gesta Friderici von Otto von Freising.[11] Otto selbst bezeichnete seine Weltgeschichtsdarstellung meist als historia, gelegentlich aber auch als chronica. Seit dem 13. Jahrhundert meinte der Begriff Chronik Geschichtserzählungen verschiedenen Charakters.

Heins Auffassung von Chronik ließe sich u.E. am ehesten mit dem spätmittelal­terlichen Typ der Chronik, vor allem mit der Stadtchronik, vergleichen. Bevor wir zur Gattung der Stadtchronik selbst übergehen, soll kurz noch der Versuch unter­nommen werden, einige andere Typen von Chronik zu charakterisieren und auf ihre Ähnlichkeiten und Unterschiede mit dem von Hein als Chronik bezeichneten Typ der literarischen Darstellung hinzuweisen.

Die Darstellungskonzeption der Weltchronik unterscheidet sich wesentlich von Heins chronikalischem Verfahren. Schon das Zeitspektrum ist ein anderes. Wäh­rend Heins Chroniken sich vorwiegend auf die Zeitgeschichte konzentrieren, streb­te die Weltchronik nach universaler Breite unter heilsgeschichtlichem Aspekt und bezog zumeist den Zeitraum von der Schöpfung der Welt bis zur eigenen Gegen­wart des Verfassers ein. Sie war in der Regel von einem einzigen Autor verfaßt und für einen breiten Leserkreis bestimmt. Sie präsentierte eine Sinndeutung der Ge­schichte im Geiste der christlichen Religion, nahm aber nicht selten auch jüdische Elemente auf. Ihre Aufgabe war es, die ratio temporum, die von Gott gesetzte Fol­ge der Zeiten, aufzuzeigen. Die Terminologie der heutigen Historiographie ver­wen­dend, ließe sich sagen, daß sie - und das macht einen deutlichen Unterschied zu den Landes- und Stadtchroniken aus - ein totales Bild der Geschichte zu prä­sentieren versuchte. Diese Art der christlichen Weltgeschichtsschreibung stand seit der Spätantike im Zusammenhang mit einer universalen Staatsbildung.[12]

Daß eine solche Art Chronik geradezu das Gegenteil von dem ist, was Hein un­ter Chronik versteht, könnte aus dem erhellen, was Hein anläßlich des Histori­ker­streits 1989 geäußert hat. Es bezieht sich auf den Vorwurf der "Sinnstiftung durch Wissenschaft", mit dem die BRD- und die DDR-Historiker einander belasteten. Hein sagte dazu:

Ich halte solche Bedenken für gerechtfertigt, und ich teile sie sogar als Betroffener, denn nicht nur an die Geschichts- und Gesellschaftswissenschaften, auch an die Li­teratur werden immer wieder derartige Ansprüche gestellt[...]: Sinnstiftung und Re­ligionsersatz. Wir sind uns schnell einig, daß es nicht die Aufgabe von Geschichts­schreibung und Literatur sein kann und darf, dem Staat und der Kirche beizusprin­gen. Der Dissens, die abweichende Meinung, die ja immer eine Abweichung von der herrschenden Meinung ist, wird von uns verlangt, um ein einseitiges, erstarrtes Bild zu korrigieren. Ein Chronist, also auch der Autor als Chronist seiner Zeit, ist als Re­ligionsstifter untauglich, da für ihn das erste Gebot jeder Religion nicht gilt, nämlich andere Götter nicht anzuerkennen. Der Chronist muß dem anderen Gott Gerech­tig­keit widerfahren lassen, er hat die Tugenden und die Untugenden aller Götter zu nen­nen[...] Nicht Sinnstiftung und Religionsersatz, vielmehr ein Prüfen und Be­zwei­feln des Sinns, ein kritisches Durchleuchten der Gottheiten sind gefordert.[13]

Was Hein hier kritisiert, ist die Forderung nach der Erfüllung einer sinnstiften­den Aufgabe, eine Forderung, die sowohl an Geschichtswissenschaftler als auch an Schriftsteller wie auch an alle anderen Kulturschaffenden in der DDR seitens der DDR-Ideologen gestellt worden war. Der Chronist, der Ereignisse bloß beschreibt, ohne sie in einem bestimmten Sinne zu deuten, wird hier polemisch dem marxisti­schen DDR-Historiker gegenübergestellt, von dem verlangt worden war, die Ge­schichte nicht bloß zu beschreiben, sondern sie in Übereinstimmung mit den "Grund­prinzipien des historischen Materialismus" stets auch zu deuten.

Der von Marx entwickelte Schlüssel zum Studium der vorbürgerlichen Produk­tionsweise wurde in der DDR in nicht mehr zu hinterfragende Ergebnisse der histo­rischen Forschung verwandelt. Die Marxsche Theorie wurde dogmatisiert und zum Kernsatz der Geschichtsphilosophie gemacht. Sie wurde in der DDR, um hier Heins Worte zu gebrauchen, "zum Götzen gemacht," anstatt daß man sie in produktiver Auseinandersetzung mit anderen Theorien weiterentwickelt hätte. Außer der mar­xistischen Interpretation von Geschichte gab es für andere keinen Platz. Als Auf­gabe der marxistischen Historiker galt die Entwicklung eines sozialistischen Ge­schichtsbewußtseins, die Ausprägung sozialistischer Überzeugungen und die philo­sophische Deutung und Sinngebung der Geschichte hinsichtlich allgemeiner Ge­setzmäßigkeiten. Zur Grundkategorie der geschichtlichen Untersuchung wurde die Kategorie der ökonomischen Gesellschaftsformation. Geschichte wurde als eine gesetzmäßige Abfolge von ökonomischen Gesellschaftsformationen gefaßt, als fünffache Stufenfolge vom Urkommunismus über die Sklavenhaltergesellschaft, den Feudalismus und den Kapitalismus zum Sozialismus. Die allgemeine Theorie des Materialismus galt a priori; der Historiker hatte nur die Aufgabe, am Stoff zu demonstrieren, was historischer und dialektischer Materialismus theoretisch ver­meinten vorgeben zu können. Dadurch wurde ein freier und souveräner Umgang des Historikers mit seinem Material von vornherein verhindert. Die marxistische Philosophie bildete den Kanon unerschütterlicher Erkenntnis- und Erklärungs­prin­zipien: das Wahrheitskriterium.

Wie DDR-Politiker den Vorwurf der Bevormundung der Wissenschaft durch die Politik abzuwehren versuchten, läßt sich am Beispiel folgender Aussage von Walter Ulbricht zeigen:

Wenn wir die Auffassung von der notwendigen Verbindung von Wissenschaft und Politik vertreten, so bedeutet das nicht, daß unsere Partei den Wissenschaftlern die Ergebnisse ihrer wissenschaftlichen Arbeit vorschreibt, sondern es geht uns darum, daß die Wissenschaft helfen möge, daß durch die Erforschung und Ausnutzung der Gesetze der Natur und Gesellschaft das Leben der Werktätigen noch reicher und schöner wird. Wir verlangen von der Wissenschaft keine Verfälschung der Wirk­lichkeit wie die herrschenden Klassen der kapitalistischen Länder, sondern sind an der Entdeckung der objektiven Wahrheit interessiert.[14]

Anhand des Dargelegten lassen sich gewisse Parallelen zwischen der Praxis der marxistischen Geschichtswissenschaft in der DDR und der der mittelalterlichen Universalchroniken erkennen. Ähnlich wie in der DDR Thesen des historischen Materialismus jeder geschichtlichen Untersuchung voranstanden - wobei die Auf­gabe der letzteren nur noch darin bestand, die Richtigkeit der ersteren zu beweisen - , diente den mittelalterlichen Weltchronisten die Bibel als die unerschütterliche und von vornherein gültige Basis ihrer Darstellung von Geschichte. Allein die Kennt­nis der Bibel ermöglichte es, den gesamten Geschichtsverlauf nachzuzeichnen und ihn in der Heilsgeschichte seine Erfüllung finden zu lassen. Die Weltchronik bezog alles irdische Geschehen auf den großen heilsgeschichtlichen Ablauf, dessen Be­ginn die Schöpfung, dessen Peripetie die Erlösungstat Christi und dessen Ziel seine Wiederkunft war. Jenseits der klar umgrenzten Geschichte stand ungeschaffen und unendlich Gott. Darum wurde sehr häufig im Prolog zur Weltchronik der Anfang und Ende Setzende angerufen.[15] Die Bibelauslegung sah die Geschichte des Alten und Neuen Testaments unter dem Aspekt der Verheißung und Erfüllung und stellte typologische Verbindungslinien zwischen vergleichbaren Personen und Ereig­nis­sen her, auch über die Grenzen der biblischen Berichte hinaus. So wurde etwa die Geschichte Babylons als Präfiguration der Geschichte Roms betrachtet. Christliche Universalchroniken konnten bis zum Weltenende reichen. Als wichtigste Schemata für die Einteilung der Universalgeschichte seien genannt: die Gliederung in sechs Weltalter (nach den Tagen der Schöpfungswoche, analog zu den Lebensaltern) und die Abfolge von vier Weltreichen in Anlehnung an eine Traumdeutung des Prophe­ten Daniel, wobei das Römische Reich als letztes bis zum Ende der Zeiten andau­ern sollte.

Sowohl in der mittelalterlichen als auch in der marxistischen Geschichtsschrei­bung galt der Lauf der Geschichte als voraussehbar. An die Stelle der mittelalterli­chen Einteilung der Geschichte in Weltalter trat im vulgärmarxistischen Ge­schichts­bild die Abfolge bestimmter Gesellschaftsformationen: Urkommunismus - Klas­sen­gesellschaft - Kommunismus. Im Mittelalter stützte man sich auf den Glauben an die göttliche Offenbarung, in der Historiographie der DDR auf die Unfehl­bar­keit der wissenschaftlichen Thesen des historischen und dialektischen Materialis­mus. Wie bereits oben erwähnt, entspricht diese Art der Geschichtsdarstellung aber keinesfalls den chronikalischen Intentionen Christoph Heins. Hein kritisiert viel­mehr die Praxis einer Geschichtsschreibung, die nur Illustrationen zu einer voran­gestellten These zu liefern habe. Hein fordert von Historikern und Schriftstellern gleichermaßen die Befragung von "unerschütterlichen Wahrheiten" und die stän­di­ge kritische Prüfung anscheinend absolut geltender Kategorien.

In Heins Verständnis sind sowohl die Schriftsteller als auch die Chronisten vor die gleiche Aufgabe gestellt: nämlich dem Leser ein wahrheitsgetreues Zeugnis von den beschriebenen Zuständen und Ereignissen zu bieten. Dabei ist Unparteilichkeit für Hein eine wichtige Tugend des Chronisten wie des Schriftstellers. Mit dieser Auffassung wandte sich Hein demonstrativ gegen die Direktiven, mit denen DDR-Schriftsteller offiziell gesteuert werden sollten. Durch Parteilichkeit und Volks­ver­bundenheit hatte die Literatur - verstanden als wichtiger Teil des von der SED ge­lenkten kulturpolitischen Systems - "sozialistische Überzeugungen" bei den DDR-Bürgern auszuprägen und so an der "Formung sozialistischer Persön­lich­kei­ten" mit­zuwirken. Dabei wurde sowohl vom Autor als auch vom Werk eine tiefe innere Verbundenheit mit den Idealen des Sozialismus verlangt. Das zentrale nor­mative Kriterium für die Kunst war "sozialistische Parteilichkeit", die "bewußte Über­ein­stimmung des Künstlers mit dem Kampf der Partei als der führenden Kraft des so­zialistischen Aufbaus".[16] 

Da sich Hein auf die Chronik als eine die Ereignisse unparteiisch darstellende Gattung beruft, bleibt allerdings zu bemerken, daß die historische Chronik diesem Vorsatz durchaus nicht immer folgte. Die mittelalterlichen Schreiber wollten mit ihren Werken - und dies sogar öfter als angenommen wird - aktiv in das politische Leben eingreifen und nicht nur berichten von dem, was war. Indem sie, zumindest im Früh- und Hochmittelalter, nicht selten gleichzeitig Geistliche und Adlige wa­ren, gehörten sie also den Ständen an, in deren Händen die politische Führung lag. Viele von ihnen gehörten als Reichsbischöfe oder als wichtige politische Funk­tionsträger der höchsten Führungsschicht an und haben als solche nicht nur Ge­schichte geschrieben, sondern sie auch gemacht. Sie schrieben nicht unparteiisch Geschichte. So sahen sie sich dem durchaus berechtigten Vorwurf ausgesetzt, die mittelalterlichen Herrscher, die sie verherrlichen wollten, nicht selten geradezu zu Heiligen und zu Cäsaren stilisiert zu haben.[17] Auch die Landeschroniken dienten sehr häufig dem genealogischen Interesse der patrizischen Geschlechter oder der Verherrlichung eines ganz bestimmten Fürstentyps.

Hein hat wiederholt betont, daß die Chronik keinen moralischen Charakter ha­be. Der Prediger sei vielmehr geradezu das Gegenteil eines Chronisten:

Ja, es gibt vielleicht solch einen prophetischen Typ des Schriftstellers im Unter­schied zum Chronisten. Der Berichterstatter hat eigentlich nur etwas mitzuteilen und muß sich weitgehend der moralischen Wertung enthalten. Es reicht aus, von dieser schönen und grimmigen Welt zu sprechen, da braucht man keinen moralischen und ideologischen Exkurs anzuhängen. Außerdem sind Leser in der Lage, mit ihrem eigenen Verstand zu arbeiten. Es wäre ein Zeichen von Unmündigkeit, wenn sie Missionare nötig hätten.[18]

Eine der Aufgaben der mittelalterlichen Chronik war aber gerade die Belehrung der Leser. Wir denken dabei z.B. an den lehrhaften Charakter zahlreicher Universal­chroniken oder von Landeschroniken, die oft als Fürstenspiegel konzipiert gewesen sind. Auch die Weltchronistik diente sowohl dem Bedürfnis nach gesichertem his­to­rischen Wissen als auch dem der Belehrung und Ergötzung (delectatio) der Leser, manchmal auch der Privaterziehung und dem Schulunterricht.

Die Geschichtsschreiber im frühen Mittelalter, die nicht die gehobene Position eines Abtes, eines Propstes oder eines Bischofs hatten, sondern einfache Mönche oder Kleriker waren, verfügten oft nicht über entsprechende finanzielle Mittel und konnten deshalb nicht wirklich frei entscheiden, worüber sie schrieben. Sie waren in der Regel von der Erlaubnis oder dem Auftrag ihrer Vorgesetzten abhängig. Vie­le Widmungen an Bischöfe oder Herrscher oder die Erwähnung eines entspre­chen­den Auftrags bezeugen dies. Dabei ging es nicht selten um Probleme einer mate­riellen Unterstützung, z.B. für die Begleichung der Kosten für Pergament, Farben, Edelmetalle, für Einbände etc.[19] Daß die belegte Unfreiheit auch Folgen für die Konzeption der Werke haben mußte, versteht sich von selbst. Erst im späteren Mit­telalter, als sich Bürger, Inhaber von städtischen Ämtern vor allem, aus freiem An­trieb auf der Basis entsprechender finanzieller Voraussetzungen als Geschichts­schrei­ber zu betätigen anfingen, begann ein gewisser Wandel, auch wenn es wei­ter­hin Aufträge gab: Zum Beispiel fungierte der Stadtrat häufig als direkter Auftrag­geber für die Stadtchronik.

Heins chronikalische Aufzeichnungen richten ihr Augenmerk vorwiegend auf die Zeitgeschichte und basieren, wie der Autor behauptet, zumeist auf der unmit­telbaren Erfahrung des Chronisten.

Ich glaube, daß die meisten Schriftsteller nur über das schreiben können, was durch ihre Erfahrung gegangen ist, was sie wirklich sinnlich erfahren haben. Daß ich das in einer Form tue, die vom bloßen Bericht, vom Journalistischen abgeht, hat etwas mit Metamorphose zu tun, es findet doch eine Art Verwandlung statt: ich vermittle Erfahrungen mit Hilfe künstlerischer Genres, dem Stück, einem Roman, einer Ko­mö­die. Aber es sind immer Dinge - egal um was für einen Stoff es sich handelt, und egal aus welcher Zeit dieser Stoff ist -, es sind immer Dinge, die mit meinen Erfah­rungen und Erinnerungen zu tun haben. Insofern sagte ich einmal, daß ich eigentlich nur ein Chronist bin, sicherlich ein sehr subjektiver, sicherlich mit einer Weltsicht, die nur meinen Augen entspricht, aber im Grunde teile ich nur etwas über mich mit, über mein Verhältnis zur Welt, gebe also eine sehr subjektive Berichterstattung." [20]

[...]was ich vorher sagte mit dem Chronisten, das gilt auch für die Themenwahl. Da will ich erfahrene, erlebte Themen meiner Zeit, meines Landes auch in meinen Ar­beiten auftauchen lassen[...]am Beginn meiner jeweiligen Arbeit steht etwas sehr kon­kretes, ein konkreter Anlaß, eine konkrete Person, eine konkrete Situation.[21]

Eine Beschreibung der historischen Realität, die auf der unmittelbaren Erfahrung des Autors basierte, war ehedem aber nicht für jede Art von Chronik charakteristisch. Wohl aber lag dem historischen Typ der spätmittelalterlichen Stadtchronik eine ähnliche Konzeption zugrunde. Für die Weltchronik hingegen blieb das Bezugs­thema die Universalgeschichte, gedeutet im eschatologischen Sinne als Erfüllung des göttlichen Schöpfungsplanes. Die Weltchronisten begannen ihre historische Darstellung etwa mit der Erschaffung der Welt, um schließlich zur Gegenwart zu gelangen.[22]

Erst im späten Mittelalter ist in der Chronistik eine Hinwendung zu zeitge­schicht­li­chen Themen zu beobachten, allerdings verbunden mit einer Verengung des Blicks. Dieser Prozeß setzte mit dem Aufkommen der Landeschronik und Stadtchronik ein. In dem Maße, in dem sich das Reich in Territorialstaaten aufzulösen begann, gewann eine Landesgeschichtsschreibung an Bedeutung. Die - im Vergleich mit der Weltchronik festgestellte - Verengung des Blicks wurde aber durch seine in­tensivere Gerichtetheit auf Nähe kompensiert. Die Landeschronik wird vor allem zum Fürstenspiegel, der zu Gerechtigkeit und Gottesfurcht anhalten soll. Das gilt z.B. für die Chronik der Grafen von der Mark, die der westfälische Rittersohn Le­vold von Northof um die Mitte des 14. Jahrhunderts seinem Landesherren in Dank­barkeit widmete.[23]

Das wachsende Interesse an der Zeitgeschichte, verbunden mit der allmählichen Emanzipation von religiösen Konzepten, und der Rückgang des Interesses an Welt­geschichte gingen schon relativ zeitig mit einer Lockerung der chronikalischen Form einher. Es vollzieht sich ein Wandel im Charakter der Chronik: teilweise zu lehrbuchhaften Texten hin, teilweise zu volkstümlich-unterhaltenden. Auch Sagen, Fabeln und Anekdoten finden Platz im Rahmen der Chronik. Bei Johann von Win­terthur z.B. wird sogar das Alltagsleben und das Denken und Empfinden der ein­fachen, "kleinen" Leute thematisiert.[24]

Für Elfriede Stutz liegt die eigentliche Zäsur um 1250. Sie begründet dies da­mit, daß die Ära der bisherigen Trägerschicht der Chroniken zu Ende gegangen war: jener tiefreligiösen, hochgebildeten Historiker, die selbst noch Mönche der alten Orden gewesen sind und die Geschichte auf Kreuzzügen und bei eigenen diplomatischen Missionen aus unmittelbarer Nähe erfuhren und wohl auch selbst mitgestaltet hatten. Mit dieser Generation sei dann das vorrangige Interesse der Chronisten an Fragen der Kirche und des Reichs erloschen.[25]

Mit dem 13. und 14. Jahrhundert begann die Entwicklung einer städtischen Chronistik. Sie knüpfte an bereits vorhandene Tendenzen des Spätmittelalters an: an das Interesse an Reisebeschreibungen und Naturbeobachtungen und Beobach­tungen aus dem Alltag. Der Sinn der Schreiber für Kleines, Alltägliches und Selbst­erlebtes verschärfte sich. Nicht selten mischten sich historisch Bedeutsames und nur Kurioses. Hinsichtlich der Stoffwahl ähnelt der Inhalt der Stadtchronik immer öfter dem Lokalbericht einer modernen Tageszeitung: Es geht um Unfälle, Sterbe­fälle, Kriminalfälle, Wetter, Preise, prominente Gäste und sogar Mode. Manchmal handeln die Aufzeichnungen aber auch von der Politik der Bürgerschaft, von Krieg und spektakulären Verbrechen. Hinzu kommen schließlich die für die Epoche cha­rakteristischen Probleme: Ketzerverfolgung, Antisemitismus, Pest, Zunftaufstände, Hussitenkriege, Plünderungen etc. und im 16. Jahrhundert dann Umwälzungen in der Kirche, Wiedertäufer, Hexenverbrennungen und Bauernunruhen.[26] Der Raum, auf den sich die Stadtchronisten konzentrierten, ist meist die eigene Stadt und ihr näherer Umkreis. Gelegentlich ging der Blick des Chronisten aber auch über die Mauer hinaus, so etwa in Magdeburg, wo man 1314 das Ende des Tempelordens in Paris beschrieb oder in Lübeck, wo 1453 der Fall Konstantinopels Erwähnung fand. Dann, wenn sich innerhalb der Stadt "große Geschichte" abspielte, wie z.B. mit dem Konzil in Konstanz oder dem Reichstag in Augsburg im Jahre 1530, konn­te es selbstredend auch zur Ausweitung des Lokalberichts zu Landes- oder Reichs­geschichte kommen.[27]

Während im 13. Jahrhundert die Geschichtswerke in lateinischer Sprache die zahlenmäßig häufigsten waren, wagten sich die städtischen Chronisten im Spät­mit­telalter immer mehr an die selbständige deutschsprachige Darstellung der miter­leb­ten Geschichte heran. Die letztendliche Dominanz der deutschen Sprache in den Chroniken hatte damit zu tun, daß ihre Schreiber schließlich einer anderen gesell­schaftlichen Schicht entstammten als die des frühen Mittelalters.[28] Den Platz der hoch gebildeten Geistlichen des Frühmittelalters nahmen in der Chronistik später Angehörige des Bürgertums ein: Persönlichkeiten, die im städtischen Leben wirk­ten, Ratsmitglieder, Bürgermeister, Stadtschreiber und nur noch gelegentlich Geist­liche, die dann aber den Auftrag der Bürgerschaft oder eines anderen hohen Herren bzw. eines Ordens erfüllten. In der Regel waren es seit dem Ende des 13. Jahrhun­derts jedoch die Bürgerlichen selbst; sie wurden zum Träger der geschichtlichen Überlieferung. Im Ergebnis wirtschaftlicher Umschichtungsprozesse trat an die Stelle der Burgen und Klöster als den Mittelpunkten des geistigen Schaffens nun­mehr die Stadt mit ihren Patriziern. Als die Zünfte im 14. Jahrhundert dann in den meisten Städten die Vorherrschaft der Patrizier brachen, kam es - vor allem über neue Themen - zu einem weiteren Aufschwung der Stadtgeschichtsschreibung. Auch aus Handlungsbüchern, Merkbüchern, Tagebüchern oder Denkschriften der wirtschaftlich und politisch tätigen Bürger entstand nun eine Art von geschichts­trächtigen Aufzeichnungen.[29]

Mit der Sprache und dem Stand des Chronisten veränderte sich auch der Inhalt der Chroniken. Er hatte mit dem zu tun, was den Bürger unmittelbar betraf: mit dem Kampf gegen den mächtigen Herren, den Bischof oder Herzog, und den Konflikten zwischen den Zünften. Gemeldet wurden freudige Ereignisse, Feste etc. sowie wirt­schaftliche Nachrichten, wie z.B. das Gedeihen von Wein und Getreide oder Anga­ben zu Preisen. Nicht mehr auf die Vergangenheit und Ewigkeit, sondern auf die Nähe und die Gegenwart und auch das persönliche Leben der Menschen richtete sich der Blick des Chronisten in der Folgezeit. Fakten wurden oft unvermittelt an­einander gereiht. So entstanden die Hauschronik, die Familienchronik, der Lebens­lauf. Später entwickelten sich daraus Selbstzeugnisse, Lebenserinnerungen und Au­tobiographien.[30] 

Bezieht man solche Merkmale - wie zeitliches und räumliches Spektrum, The­menwahl, Schilderung vom Selbsterlebten, verwendete Sprache und den anek­do­tischen Charakter der Darstellung - als Kriterium zur Unterscheidung bestimmter Chronikarten in die Betrachtung mit ein, entsprechen Heins chronikalische Auf­zeichnungen u.E. in vielerlei Hinsicht am ehesten jenen spätmittelalterlichen Chro­niken, insonderheit der Stadtchronik. Wie diese beziehen sie sich meistens auf die­jenige Zeit, die der Autor selbst und unmittelbar erleben konnte, auch wenn es in Christoph Heins Texten durchaus auch Rückgriffe gibt, z.B. auf die Zeit des III. Reiches, auf die Vorkriegszeit und sogar auf die Periode des Bismarckschen Reichs. Auch bei den Orten handelt es sich zum größten Teil um solche, die der Autor aus eigenem Erleben kennt. Nicht selten wird so eine beinahe fragmentarisch anmu­tende Beschreibung eines ganz kleinen Ausschnitts aus einem konkreten Lebens­bereich zu einer wesentlich weiter reichenden Aussage über eine ganz bestimmte Zeit: so z.B. in der Vergewaltigung, der Geschichte einer Straße, und in Charlot­tenburger Chaussee, 11. Aug. Die Geschichte Die russischen Briefe des Jägers Johann Seifert hingegen, die wie ein Reisetagebuch konzipiert ist, läßt sich als eine Art Reisechronik lesen.

Heins Geschichten aus dem Erzählzyklus Ein Album: Berliner Stadtansichten präsentieren Bilder aus dem deutschen Alltag des letzten Jahrhunderts. Statt direkt politische Ereignisse darzustellen, beschreibt Hein in ihnen ein Stück deutscher Geschichte, festgehalten in den Erfahrungen durchschnittlicher Leute, von Bewoh­nern Berlins. Die wichtigen politischen Ereignisse und gesellschaftlichen Probleme werden im Schicksal dieser Menschen widergespiegelt. Schon der Titel des Erzäh­lungszyklus Ein Album: Berliner Stadtansichten, das sechs Geschichten umfaßt, deutet auf ihren dokumentarischen Charakter hin. Manche dieser Geschichten, so z.B. Friederike, Martha, Hilde und Frank, eine Kindheit mit Vätern haben den Charakter einer Familienchronik, da sie Erfahrungen einzelner Mitglieder einer Familie über mehrere Generationen festhalten. Wenn man "Stadtansichten" sagt, denkt man wohl eigentlich an fotografische Aufnahmen, die etwas für eine Stadt Charakteristisches dokumentieren. Hein bietet dem Leser solche Aufnahmen in Gestalt literarischer Bilder an, die sich jedoch keinesfalls als weniger detailliert erweisen. Genaue Angaben zu Zeit und Ort verleihen ihnen den Anschein von Authentizität. Da alle Erzählungen dieses "Albums" in Berlin spielen, bildet die Sammlung eine Art Stadtchronik, konstituiert aus Einzelschicksalen ihrer Bewoh­ner. Zu Ein Album: Berliner Stadtansichten sagte Hein in einem Gespräch mit dem Neuen Deutschland 1989 selbst:

Unter diesem Titel fasse ich kleinere Prosaarbeiten zusammen, die in Berlin han­deln, diesem Zentrum deutscher Geschichte, von dem in den letzten hundert Jahren drei Kriege ausgegangen sind. Im Band Einladung zum Lever Bourgeois sind 1980 schon mehrere solcher Texte erschienen. Es gibt noch mehr, bislang unveröffent­lich­te Texte dazu. Ich möchte noch einige Erzählungen für dieses Album schreiben.[31]

Es ist anzunehmen, daß Hein mit seinem Hinweis auf weitere Erzählungen wohl schon diejenigen meinte, die dann 1994 mit Exekution eines Kalbes erschienen sind. Zehn dieser insgesamt sechzehn Geschichten des Bandes spielen tatsächlich in Berlin. Berlin wird übrigens zum Handlungsort auch anderer Werke von Chris­toph Hein, z.B. von Der fremde Freund. Das Milieu dieser Stadt war ihm am meis­ten vertraut: Er wohnte dort - mit nur kurzen Unterbrechungen - seit etwa 1958. Da ihm, weil Pfarrerssohn, der Oberschulbesuch in der DDR verweigert worden war, hatte er ein humanistisches Gymnasium in Westberlin besucht, auch dann noch, als seine Familie nach Ostberlin umgezogen war.

Neben Berlin taucht in seinen Werken auch noch ein anderer Ort häufiger auf: Leipzig, besonders die Leipziger Universität, an der er in den Jahren 1967-1970 studierte. Direkt trifft dies auf den Tangospieler zu, indirekt auf Horns Ende und Schlötel... In einigen anderen seiner Werke führt er den Leser in sächsische Klein­städte: so in Sächsischer Tartüff, in Horns Ende (Bad Guldenberg) und in Der fremde Freund. (Hier führt er den Leser in die Stadt G., in der Claudia, bevor sie nach Berlin zieht, aufgewachsen war.) Hein selbst hatte als Kind in Bad Düben, einem solchen Ort in der Nähe von Leipzig, gelebt. Ein anderer authentischer Ort aus Heins eigener Biographie, der tatsächlich durch die Rote Armee befreit worden war (Heinzendorf), ist über die Geschichte von Ilona hinter einem der Handlungs­orte der Erzählung Die Vergewaltigung wiedererkennbar.

In Horns Ende - einer Art Stadtchronik der Stadt Bad Guldenberg - fungiert die Stadt, wie in anderen seiner Werke, als ein Mikrokosmos der ganzen Gesellschaft. Der reale Hintergrund ist, so Hein in einem Interview, daß ich selber, ähnlich wie der Thomas, aber nur ähnlich, ich bin nicht identisch mit ihm, in einer vergleich­baren Kleinstadt aufwuchs und versucht habe, die Erinnerung an diese Zeit in dem Roman zu beschreiben. Meine Stadt ist nicht identisch mit der Stadt Bad Gulden­berg, aber sie liefert gewissermaßen den Hintergrund dafür."[32] Die Geschehnisse in Bad Guldenberg werden nicht aus der Perspektive des Erzählers, sondern aus dem Blickwinkel von fünf verschiedenen Personen dargestellt. Einer der Protagonisten des Romans, Dr. Spodeck, schreibt in seiner Freizeit eine Chronik der Stadt Gul­denberg, die er "eine Geschichte der menschlichen Gemeinheit" nennt. An seinem Beispiel verdeutlicht Hein, daß auch die Aufzeichnungen eines Chronisten, der von sich selber glaubt, objektiv und unbestechlich zu sein, gleichzeitig subjektiv sind. Die Vielschichtigkeit der Perspektive in diesem Roman führt nur scheinbar zu grö­ßerer Objektivität; denn allein aus den Einzelimpressionen ergibt sich kein zusam­menhängendes, homogenes Bild der Vergangenheit. Hein stellt so mit dieser Schreib­strategie den Anspruch marxistischer Geschichtsschreiber, die vorgaben, die "ob­jek­tive Wahrheit" über die Vergangenheit präsentieren zu können, sichtbar in Fra­ge: ich werde mich immer auf die Chronistenrolle berufen, die eine subjek­tive Ob­jektivität anstrebt.[33]  

Auch nach der deutschen Wiedervereinigung will Hein die Veränderungen in seinem Land mit dem scharfen Blick eines Chronisten registrieren. Das bezeugt seine Rede vom 9. Februar 1992 in der Veranstaltungsreihe des Staatsschauspiels Dresden und der Verlagsgruppe Bertelsmann "Zur Sache Deutschland". Auch hier bedient er sich der Form der Stadtchronik. Diese Rede wurde zuerst unter dem Titel Ansichtskarte einer deutschen Kleinstadt, leicht retuschiert in der neuen deut­schen literatur, Berlin, H. 4/1992 abgedruckt. 1996 erschien sie dann unter dem Ti­tel Die Mauern von Jerichow in der gleichnamigen Sammlung von Essays und Re­den des Aufbau-Taschenbuch-Verlags Berlin. Als Ausgangspunkt benutzt er dabei ein Fragment aus den Jahrestagen von Uwe Johnson, im Roman "26. Mai 1968" datiert. Uwe Johnson hatte in diesem 1972 geschriebenen Fragment einen spekula­tiven Gedanken durchgespielt: Wie wäre es, wenn eine kleine Stadt namens Jeri­chow, eine Gemeinde in seiner Heimat Mecklenburg, damals DDR, West­deutsch­land beitreten würde?

Hein beginnt seine Rede mit der Beschreibung von Jerichow, wie man sie in einer alten Stadtchronik finden würde: Eine Kleinstadt in Mecklenburg, ansehnlich gewesen in der niederdeutschen Zeit, Stadtrecht seit 1270, abgebrannt 1732...[34] Ganz ähnlich wie in seiner Beschreibung der Stalinallee in Die Vergewaltigung weisen hier die Veränderungen im äußeren Bilde der Stadt, z.B. geänderte Stra­ßennamen, auf die Wandlungen auf der politischen Makroebene des Landes hin: Die Stadtstraße, später hieß sie Adolf-Hitler-Straße, wird in Stalinallee umbenannt, bald darauf in Straße des Friedens. Eine Straße der nationalen Einheit gab's nach dem Krieg auch, dann wurde das unzeitgemäß und - ohne Umzug - änderte sich erneut die Adresse: man wohnt nun in einer Wilhelm-Pieck-Straße.[35]

Auf die einführende Beschreibung der Stadt, wie sie zu DDR-Zeiten aussah, folgt dann die Passage von Uwe Johnson, in der geschildert wird, wie Jerichow aussehen würde, wenn die Stadt dem Westen beitreten würde. Johnson beschreibt dabei die Konsequenzen sowohl für das äußere Aussehen der Stadt als auch für das Leben der Einwohner. Im Anschluß an die Passage von Johnson kommt Hein auf die Gegenwart, auf 1992, zu sprechen und beschreibt, wie die Kleinstadt nun wirk­lich aussieht, nachdem nicht nur Jerichow, sondern die ganze DDR dem Westen beigetreten ist. Vieles sei so, meint Hein, wie es sich Johnson vorgestellt habe und wie Jerichow in seinen Vorstellungen nach dem Beitritt auf den offiziellen Ansichts­karten aussehen würde. Dennoch bedarf dieses Bild, das bei Hein stellvertretend für das offizielle Image Deutschlands nach der Wiedervereinigung fungiert, wohl einer Korrektur. Darauf deutet der Titel der Rede von Christoph Hein hin: An­sichts­karte einer deutschen Kleinstadt, leicht retuschiert.[36] Nicht alles ist so schön, wie es auf Ansichtskarten erscheint. Es gibt viele Probleme beim Zusammenwachsen der zwei doch so lange voneinander getrennten deutschen Staaten. Ins Auge springt ihm wie dem Leser zum Beispiel dies: Und noch eins ist zu spüren, fast zu greifen, ist allge­genwärtig vorhanden, was in der Eile und im Jubel übersehen wurde. Die aus Je­richow und die aus Travemünde waren einander recht fremd geworden.[37] Um die während der Nachkriegszeit entstandene Fremdheit zwischen den Ost- und West­deutschen zu überwinden, bedarf es, so Hein, einer freimütigen und aufrichtigen Auseinandersetzung mit dennoch immer existierenden Problemen, bedarf es der Wahrnehmung von Unterschieden, anstatt sie verschämt oder bewußt zu ver­schwei­gen; es bedarf einfach einer ehrlichen Aufarbeitung der deutschen Nachkriegs­ge­schichte.

Zusammenfassend läßt sich sagen, daß Heins Chroniken viele Gemeinsam­kei­ten mit der historiographischen Gattung der Chronik haben, dabei insbesondere mit dem Typ der Stadtchronik. Wie jene konzentrieren auch sie sich auf selbsterlebte Geschichte, richten den Blick auf Lokales und Besonderes. Einige von ihnen haben den Charakter einer Familienchronik, andere verfolgen das Leben einer Einzelper­son oder sind verfaßt wie einstige Reisechroniken. Sie bevorzugen die anekdo­ti­sche Darstellung von Geschichte, die oft absichtlich historisch Bedeutsames mit Kuriositäten unterhaltsamer Natur vermischt und die Grenzen zwischen Fiktion und Faktizität schwerer erkennbar macht.

Heins Geschichten zeigen, wie Durchschnittsmenschen die Geschichte als ihre Geschichte erleben und wie sie ihren Alltag bewältigen. Sie präsentieren kleine Ausschnitte aus dem Alltagsleben, erheben keinen Anspruch auf Totalität, bleiben aber im Detail dem "Wirklichen" treu. Sie registrieren genau gesellschaftliche Ver­änderungen in den persönlichen Geschichten und machen zugleich die Kluft zwi­schen der individuellen Wahrnehmung von Gegebenheiten und den abstrakten Ge­sellschaftstheorien bzw. politischen Wunschbildern sichtbar.


Literaturverzeichnis

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[1] "Dialog ist das Gegenteil von Belehren." Gespräch von Klaus Hammer mit Christoph Hein, Chronist ohne Botschaft, 12f.

[2] Vgl. dazu etwa: Dietrich Löffler. "Christoph Heins Prosa - Chronik der Zeitgeschichte." Weimarer Beiträge: 1484-1487; Joachim Lehmann. "Christoph Hein - Chronist und 'historischer Materialist.'" Text und Kritik: 44-56; Chronist ohne Botschaft. Christoph Hein. Ein Arbeitsbuch. Materialien, Auskünfte, Bibliographie. Hg. Klaus Hammer; Jens Dwars. "Nur ein Chronist? Vom angestrengten Versuch Geschichte(n) zu erzählen in der Prosa Christoph Heins." Neue Generationen - neues Erzählen. Deutsche Prosa-Literatur der 80-er Jahre: 166-175; Phillip McKnight. Understanding Christoph Hein; Graham Jackman. "'Unverhofftes Wiedersehen': Narrative Paradigmas in Christoph Hein's Nacht­fahrt und früher Morgen and Exekution eines Kalbes," German Life and Letters: 398-414; David Robinson. Deconstructing East Germany. Christoph Hein's Literature of Dissent.; Christoph Hein in Perspective. Hg. Graham Jackman.

[3] Christoph Hein. "Die Zeit die nicht vergehen kann oder das Dilemma des Chronisten. Gedanken zum Historikerstreit anläßlich zweier deutscher vierzigster Jahrestage,"Als Kind habe ich Stalin gesehen, 116.

[4] Christoph Hein. "Ich bin ein Schreiber von Chroniken". Ein Gespräch mit Neues Deutsch­land, Als Kind habe ich Stalin gesehen, 203.

[5] Christoph Hein. "Die Zensur ist überlebt, nutzlos, paradox, menschenfeindlich, volks­feindlich, ungesetzlich und strafbar," Als Kind habe ich Stalin gesehen, 100.

[6] Vgl. Reallexikon der deutschen Literaturgeschichte, Bd. I, 217.

[7] Vgl. Franz Joseph Schmale. Geschichtsschreibung als Wissenschaft, Funktion und For­men mittelalterlicher Geschichtsschreibung, 68ff.

[8] Lexikon des Mittelalters. Bd. II, 1955.

[9] Christoph Hein. "Wir werden es lernen müssen mit unserer Vergangenheit zu leben. Ge­spräch mit Krzysztof Jachimczak," Texte, Daten, Bilder, 59.

[10] Vgl. Joseph Schmale. Zum Handwerk des Geschichtsschreibers, Funktion und Formen mittelalterlicher Geschichtsschreibung, 99ff.

[11] Lexikon des Mittelalters. Bd. II, 1956.

[12]Lexikon des Mittelalters. Bd. II, 1957ff.

[13] Christoph Hein. "Die Zeit, die nicht vergehen kann oder Das Dilemma des Chronisten," Als Kind habe ich Stalin gesehen, 116ff.

[14] Walter Ulbricht. Freiheit, Wissenschaft und Sozialismus. Berlin(DDR), 1959, 32 auch Vgl. Die DDR in der Ära Honecker, 574.

[15] Vgl. Reallexikon der deutschen Literaturgeschichte, Bd. I, 216.

[16] Kulturbetrieb und Literatur in der DDR, Hg. Günther Rüther, 54.

[17] Vgl. Helmut Beumann. Wissenschaft vom Mittelalter, 205f.

[18] Christoph Hein. "Ich bin ein Schreiber von Chroniken," Als Kind habe ich Stalin ge­sehen, 203.

[19] Vgl. Franz Joseph Schmale. Funktion und Formen mittelalterlicher Geschichts­schrei­bung, 91.

[20] Christoph Hein. "Wir werden es lernen müssen mit unserer Vergangenheit zu leben. Ge­spräch mit Krzysztof Jachimczak," Christoph Hein. Texte, Daten, Bilder, 51.

[21] Christoph Hein. "Wir werden es lernen müssen mit unserer Vergangenheit zu leben. Ge­spräch mit Krzysztof Jachimczak," Christoph Hein. Texte, Daten, Bilder, 55.

[22] Vgl. Lexikon des Mittelalters. Bd. II, 1961.

[23] Vgl. Herbert Grundmann. Geschichtsschreibung im Mittelalter, 46.

[24] Lexikon des Mittelalters, Bd. II, 1962.

[25] Vgl. Reallexikon der deutschen Literaturgeschichte, Bd. I, 220.

[26] Vgl. Reallexikon der deutschen Literaturgeschichte, Bd. I, S. 217.

[27]Vgl. Reallexikon der deutschen Literaturgeschichte, Bd.I, 216.

[28] Vgl. Deutsche Chroniken, 8.

[29] Vgl. Herbert Grundmann. Geschichtsschreibung im Mittelalter, 48.

[30] Vgl. Reallexikon der deutschen Literaturgeschichte, Bd. I, 219.

[31] Christoph Hein. "Ich bin ein Schreiber von Chroniken," Als Kind habe ich Stalin ge­sehen, 207.

[32] Christoph Hein. "Wir werden es lernen müssen mit unserer Vergangenheit zu leben. Ge­spräch mit Krzysztof Jachimczak," Christoph Hein. Texte, Daten, Bilder, 59.

[33] Interview von Frauke Meyer-Gosau mit Christoph Hein. Text und Kritik. 111, Juli 1991, 89.

[34]Christoph Hein. Die Mauern von Jerichow, 71.

[35] Christoph Hein. Die Mauern von Jerichow, 71.

[36] "Retuschieren" heißt laut Duden: "an einem Foto nachträglich Veränderungen anbringen, um Fehler zu korrigieren, Details hinzuzufügen oder zu entfernen." Duden, 1032.

[37]Christoph Hein. Die Mauern von Jerichow, 75.

 

 
 
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