Maria Król
Mississippi State University, Lee
Hall 300
Die mittelalterliche
Chronik und "Chronik" bei Christoph
Hein
Chronist ist
für mich ein Homer wie ein Shakespeare wie ein Kafka.
Ich benutze das Wort weniger im Sinne des Buchhalters
als des wirklichen Chronikschreibers etwa des 14.
und 15. Jahrhunderts,
wo die kleinen Fürsten einen Schreiber hatten,
der wirklich tagtäglich aufzeichnete, was da passierte,
und dies auch mit ein bißchen Rückgrat machte. Er
berichtete auch über Dinge, die nicht berichtet werden
sollten. Ich habe ein paar dieser Chroniken gelesen,
etwa die des Herzogs Ulrich von Baden-Württemberg.
Es ist sehr beeindruckend, wie genau da die freundlichen
und die schäbigen Seiten des Fürstentums aufgezeichnet
sind. Das war die eingetragene Berufsbezeichnung
Chronist, in diesem Sinne also Chronist. [Christoph
Hein]
Die mittelalterliche
Chronik und der
mittelalterliche Chronist dienen Christoph
Hein als Vorbilder, auf die er sich beim Versuch einer
Erklärung seiner Schreibweise gern beruft. Es gibt viele Arbeiten, die sich mit dem Thema "Chronik"
und "Chronist" bei Christoph Hein befassen,
bisher jedoch gibt es meines Wissens keine Studie,
die die Frage nach den tatsächlichen Ähnlichkeiten
und Unterschieden zwischen Heins Schreibstrategie
und den gattungsspezifischen Merkmalen der historiographischen
Chronik des Mittelalters ausführlich behandeln würde. Die Erörterung
dieses Problems soll Hauptanliegen dieses Artikels
sein. Dabei sollen Gesichtspunkte wie die Stellung
der Chronik zwischen Literatur und Wissenschaft und
somit die Frage nach den Grenzen zwischen Fiktion
und Faktizität, der Chronikstil sowie die Frage,
ob chronikalische Darstellungen "unparteilich"
sein können, berücksichtigt werden. Ferner werden
verschiedene Typen der mittelalterlichen Chronik
untersucht, um feststellen zu können, mit welchem
Typ Heins Werke am ehesten vergleichbar sind.
Die Frage
nach dem wissenschaftlichen Charakter der Chronik
soll dabei als Ausgangspunkt der Analyse dienen.
Die Aufgaben des Schriftsteller-Chronisten
erklärend hebt Hein selbst hervor, daß er im Unterschied
zum professionellen Chronisten nicht mit wissenschaftlichen,
sondern mit literarischen Mitteln arbeite:
Der Autor,
[...][ist] ja auch ein Historiker[...], ein Schreiber
von Geschichten mit einer vergleichbaren Zielstellung,
nämlich ein Chronist der Zeit zu sein, allerdings
mit anderen, nicht-wissenschaftlichen Mitteln.[...]
[...] Ich
empfinde den Beruf eines Schriftstellers als den eines
Berichterstatters, eines Chronisten. Ich bin ein
Schreiber von Chroniken, mit literarischen Mitteln
natürlich.
Der
berufliche Chronist (der Historiker), so Hein, versucht
die Realität auf wissenschaftliche Weise darzustellen,
der Schriftsteller dagegen beschreibe die Wirklichkeit
aus einer unmittelbaren, aus einer subjektiven Perspektive,
ohne in seinem Bericht den Anspruch auf wissenschaftliche
Objektivität zu erheben. Daraus ließe sich entnehmen, daß die Chronik des Chronisten als Teil der
Wissenschaft und die des Schriftstellers als Teil
von Dichtung anzusehen und somit die beiden Formen
gegeneinander abzugrenzen sind.
Denn Schriftsteller
sind, denke ich, Chronisten. Schreiben ist nach meinem
Verständnis dem Bericht-Erstatten verpflichtet. Natürlich
ist es die Chronik eines Schriftstellers, sie ist
nicht objektiv, sondern sehr viel mehr: Sie ist eingreifend
und realistisch und phantastisch und magisch, Poesie
eben. Eine Chronik, die von einem Menschen, dem Schriftsteller,
und seiner Welt erzählt und nur dann und nur dadurch
von Interesse ist.
Ist eine
solche Unterscheidung zwischen dem Chronisten-Historiker
und dem Chronisten- Schriftsteller gerechtfertigt?
Um diese Frage zu beantworten,
sollte man sich der historiographischen Gattung der
Chronistik in ihrer antiken und mittelalterlichen
Form zuwenden und ihre Beziehung zu Literatur und
Wissenschaft untersuchen.
Wie man
im Reallexikon der deutschen Literaturgeschichte
nachlesen kann, läßt sich die Chronistik dieser Zeit
nicht ohne weiteres ausschließlich dem Gebiet der
Wissenschaft zuordnen. Sie weist viele dichterische Merkmale
auf. Man darf dabei nicht
vergessen, daß in der Zeit der Antike und des Mittelalters
eine andere Vorstellung von Wissenschaft als heute
herrschte. Die Chronik als die
Form der geschichtlichen Darstellung geht auf die
römische Kaiserzeit zurück, erlebt ihre Blüte aber
erst im Mittelalter. Ihr erstes Auftreten in der deutschen
Sprache wird mit dem 12. Jahrhundert datiert, ihr
quantitativer Höhepunkt mit dem 15./16. Jahrhundert.
Die chronikalische Darstellung der Geschichte hatte
einen narrativen Charakter und wies viele Ähnlichkeiten
mit der literarischen Darstellungsart auf. Oft
waren die Grenzen zwischen der Literatur und Geschichtsschreibung
fließend. Die chronikalische Geschichtsschreibung
bemühte sich kaum um den kritischen Umgang mit historischen
Quellen; sie stützte ihre Aussagen vielmehr auf mündliche
und schriftliche Berichte anderer, ohne diese Aussagen
auf ihre wissenschaftliche Stimmigkeit hin zu überprüfen.
Erst die humanistische Geschichtsschreibung des 16.
Jahrhunderts bemühte sich konsequent um die Erforschung
der Quellen und initiierte damit eine neue Epoche
in der Historiographie. Die Zeit der Chronistik war
damit vorbei.
Die Frage,
ob die chronikalische Darstellung der Geschichte eine
wissenschaftliche Tätigkeit sei, ist bis heute umstritten. Der heutige
wissenschaftliche Geschichtsbegriff basiert
auf methodisch gesichertem Wissen, also nicht auf
einem Wissen, das durch Erzählung gewonnen wird oder allein auf individueller Erfahrung
basiert. Daher werden
z.B. Memoiren, Zeitungsartikel, Tagebücher nicht als
wissenschaftliche Texte betrachtet. Auch das Mittelalter
kannte den Begriff der Wissenschaft, der aus der Antike
übernommen wurde.
Seine Bedeutung war allerdings von dem heutigen weitgehend
verschieden. Als Wissenschaft wurde damals sowohl
das gesicherte schriftliche Wissen als auch die Erforschung
der Wahrheit bezeichnet. Scientia bedeutete
sowohl Wissen und Erkenntnis als auch Gewinn von Wissen.
Als doctrina wurde die Lehre des gesicherten,
wahren Wissens und des Richtigen bezeichnet, als investigatio
die Erforschung des Wahren. Unter scientia verstand
man meistens ein aus Büchern gewonnenes Wissen. Die
Wissenschaft umfaßte im Mittelalter sowohl die Wissenssicherung
als auch das literarische Festhalten von Aussagen
über die Realität. Wenn die
Aussagen richtig und plausibel zu sein schienen und
ein Wiedererkennen ermöglichten, wurden sie als wahr
angesehen, und die Aufgabe der Wissenschaft war es
festzustellen, ob etwas wahr oder nicht wahr ist.
Auch der Entstehungsprozeß von Literatur konnte als
scientia bezeichnet werden, weil es dabei um
eine Anwendung von wissenschaftlichen Disziplinen
wie Grammatik, Rhetorik, Dialektik, Logik - der
artes liberales des Triviums - ging. Da die Historiographie
sich in ihrer Darstellung ebenso nach den Regeln dieser
wissenschaftlichen Disziplinen richtete, war sie
in ihrem Bemühen, die Wahrheit festzuhalten, ebenfalls
als Wissenschaft anzusehen. Die erwähnten Mittel der
Rhetorik, Grammatik, Dialektik und Logik dienten dabei
im damaligen Verständnis als Mittel zur Sicherung
dessen, was als wahr galt.
Chroniken
früherer Verfasser dienten späteren Chronisten dann
häufig als wichtige Grundlage, so z.B. die erste
christliche Weltchronik von Sextus Julius Africanicus
(nach 240), die die Zeit von Adam bis 217 n. Ch. beschreibt,
als Vorlage für Eusebius und Hieronymus, deren Chroniken
wiederum für die folgende Zeit bedeutsam waren.
Eine andere Grundlage für
die spätantike Chronistik war der Staatskalender.
Ähnlich haben sich die Historiker
allerdings auch hinsichtlich der mündlichen Überlieferungen
verhalten. Die Plausibilität einer historischen Aussage
konnte noch dadurch gestärkt werden, daß sie sich
auf Nachrichten stützte, die nur aus einer einzigen
Quelle stammten. Meist waren
auch die Nachrichten durch mehrere Überlieferungen
schon so vorgeformt, so daß sie in sich kaum Widersprüche
enthielten. Oft wählte der Autor aus seinen Informationen
eben auch nur dasjenige aus, was ihm glaubhaft schien.
Manchmal erwiesen sich auch allein die Bibliotheksverhältnisse
als Ursache dafür, daß ein widerspruchsfreies Bild
entstand: denn für denjenigen, der sich auf eine
einzige Quelle stützen mußte, löste sich das Problem
von selbst. Nicht zuletzt führte
auch die Konzentration auf äußere Tatsachen und der
damit verbundene Verzicht auf die Darlegung von Kausalität
bzw. auf psychologisierende Motivationen, Grundtendenz
der Chronistik und Analistik überhaupt, zu relativ
großer Widerspruchsfreiheit und scheinbarer Stimmigkeit.
Auch
in Heins Werken bewirkt die Art und Weise der Präsentation
geschichtlicher Wirklichkeit eine Verwischung der
Grenzen zwischen überprüfbaren Gegebenheiten und
Fiktion. Eine an Hein gerichtete Frage von Krzysztof
Jachimczak zum realen Hintergrund der Geschichte und
der Figur Horn in Horns Ende beantwortet der
Autor wie folgt :
[...] Sehr
vieles deutet wieder auf diese Stadt hin, und für
alle Figuren gibt es mehr oder weniger Bezüge zu Figuren,
die tatsächlich gelebt haben. Aber nicht in einem
1:1 Verhältnis, das waren manchmal zwei, drei Figuren,
die bei mir dann eine Figur ergeben haben[...] Zu
dem Hintergrund der Figur Horn - es ist etwas kompliziert.
Es gab einen Philosophen Horn, der auch in den fünfziger
Jahren Selbstmord beging - eine direkte Beziehung
zu diesem Horn gibt es nicht. Der Philosoph Horn hatte
eine völlig andere philosophische Konzeption als der
Historiker Horn, der meinem Roman den Namen gegeben
hat. Aber es gibt eine ganz ferne Beziehung, die einfach
mit der Existenz und dem Tod des Philosophen zu tun
hat, ohne daß das Identität ist. Dieses Verhältnis
der Widersprüchlichkeit und Nichtidentifikation betrifft
auch alle anderen Figuren oder besser: meine Arbeitsweise,
wie ich auf Tatsächliches eingehe. Goethe hat das
einmal programmatisch als "Dichtung und Wahrheit"
bezeichnet.
Hein
bettet nicht selten bekannte historische Persönlichkeiten,
reale Ereignisse und tatsächlich gemachte Aussagen
direkt in die von ihm geschaffene fiktive Realität
ein: so etwa Lassalle im Drama Lassalle fragt Herrn
Herbert nach Sonja, Cromwell im Drama Cromwell,
Racine in der Geschichte Einladung zum Lever Bourgeois
und Humboldt in Die russischen Briefe des Jägers
Johann Seifert. In letzteren gelingt Hein die
Nachahmung des historischen Stils der fiktiven Briefe
so gut, daß nur der Leser, der sich sehr gut mit der
Biographie von Humboldt vertraut gemacht hat, zwischen
Fiktion und Realität unterscheiden kann. Auch
genaue Daten, exakte Ortsangaben und konkrete Namen verleihen den
Anschein von Authentizität.
Wie mittelalterliche
Chronisten bezieht sich auch Hein häufig auf mündliche
oder schriftliche Berichte anderer als Vorlagen für
seine Geschichten. So beruft sich z. B. der Narrator
in Charlottenburger Chaussee, einem Prosastück,
auf eine Geschichte, die ihm von einem Philosophen,
Dozenten an der Berliner Humboldt Universität, während
des Sommerurlaubs im Strandbad Grünau erzählt worden
sei. In Matzeln erzählt
der Narrator eine Geschichte nach, die von einem Handwerksmeister
am Tisch in einer Kneipe in der thüringischen Stadt
Erfurt die Runde gemacht haben soll.
Ferner stellt
sich bei einer vergleichenden Analyse der Darstellungsprinzipien
der mittelalterlichen Chroniken mit den Chroniken
von Hein zwangsläufig die Frage nach dem Stil. Dabei
scheint der chronikalische Stil Heins, folgt man den
Definitionen von Gervasius von Canterbury, dem Stil
der chronici durchaus vergleichbar. Gervasius hatte zwischen den chronici und Annalisten einerseits
und den historici andererseits unterschieden.
Der Stil
der chronici sei
durch Einfachheit charakterisiert, der der
historici durch Aufwendigkeit. Man könnte den
einen Sprache des Chronisten und den anderen Sprache
des Erzählers nennen. Die Mitteilung in der Chronik ist demzufolge beschränkt auf den Kern
der Ereignisse, darauf, daß "etwas" geschehen
ist, das "Wie" hingegen spielt keine Rolle.
So wird beispielsweise beschrieben,
daß jemand starb, wie dies aber geschehen ist, wird
nur berichtet, wenn sich dabei etwas Besonderes zugetragen
hat. Mit Bezug auf die Syntax
ist festzuhalten, daß in einer chronikalischen Beschreibung
der Hauptsatz und das Asyndeton vorherrschen; wiederkehrende
Sachverhalte werden in stereotypen Wendungen beschrieben.
Gegenüber dem Mitgeteilten entstünde durch diese Art
der Beschreibung - bei gleichzeitigem Verzicht auf
die Darstellung von Motivationen und Ursachen - der
Eindruck von Objektivität und großer Distanz. Dies
werde verstärkt durch die Stereotypie von Wendungen
und Inhalten (Todestage, Festtage etc.). In der erzählenden
Geschichtsschreibung hingegen verschafften Analyse,
Interpretation und Kommentare oft einer besonderen
Tendenz des Autors Eingang in den Text. Die
chronikalische Art der Darstellung berge andererseits
die Gefahr, daß durch die Vereinfachung des Geschehens
komplexe Vorgänge vor allem dann, wenn man die Aussagen
allzu wörtlich nimmt, geradezu verfälscht erscheinen
können. Die von Gervasius als historia bezeichnete Geschichtsschreibung
sei dagegen durch einen wesentlich aufwendigeren Stil
gekennzeichnet, einen solchen, der nicht nur der persönlichen
Vorliebe des Historikers folge, sondern gleichzeitig
auch überindividuellen Konventionen und Erfordernissen
der Rhetorik entspricht.
Heins Vorliebe,
sich mit seinen Beschreibungen - bei Verzicht auf
die Darstellung von Gründen - auf äußere Vorgänge
zu konzentrieren, stellt ihn u.E. unmißverständlich
in die Tradition der mittelalterlichen Annalistik.
Dies ist vor allem anhand seiner kurzen Prosastücke
nachweisbar. Als Beispiel sei die Erzählung Die
Vergewaltigung genannt. In dieser Geschichte werden
zwei Erzählweisen einander gegenübergestellt. Über
die Geschichte der Protagonistin Ilona wird vom Erzähler
in einem ruhigen, gemäßigten Erzähltempo berichtet.
Der Erzähler holt oft aus und beschreibt zahlreiche
Einzelheiten und Kuriositäten. Mit einer Passage, in der der Autor das beschreibt, was sich "unterdessen"
(während wir Ilonas persönliche Geschichte verfolgen)
auf der politischen Makroebene des Landes abspielt,
wird die Geschichte unterbrochen. Anstatt ein breites
Panorama des ganzen Landes zu zeichnen, entwirft
der Autor auf diese Weise ein "Kleingemälde":
Er zeigt die sozialpolitischen Veränderungen während
der Aufbauperiode des Landes, widergespiegelt in
einem kleinen Ausschnitt aus der Wirklichkeit, der
Chronik einer berühmt-berüchtigten Straße in Berlin,
der Stalinallee. Die Passage über die Stalinallee
ist der am dichtesten zusammengedrängte Teil des Werks.
Man könnte,
die Terminologie von Gervasius verwendend, sagen,
daß Ilonas Geschichte im Stil der historici,
die Chronik der Stalinallee hingegen im Stil der chronici
verfaßt worden ist. Hein skizziert in der Beschreibung
der Stalinallee einige bekannte Geschehnisse, die
sich in den 50er und 60er Jahren in dieser Straße
zugetragen hatten. Alles erfolgt
wie in einem Atemzug, in telegraphischer Kürze, was
es dem Leser im ersten Moment erschwert, die Ereignisse
zeitlich auseinanderzuhalten und genau bestimmten
Daten zuzuordnen. Die Informationen
erinnern an Zeitungsausschnitte. Daten werden in diesem
Abschnitt aber nicht genannt; Hein überläßt es vielmehr
dem Leser, die Begebenheiten zeitlich zuzuordnen.
Die Geschehnisse werden in
der Aufzählung mit der immer wieder wiederkehrenden
Konjunktion "und" verbunden, so daß die
Sachverhalte als gleichwertige nebeneinanderstellt
erscheinen. Dadurch ist die Bedeutungshierarchie
der Ereignisse schwer zu erkennen. Generelle
Gesichtspunkte, die die Auswahl der Ereignisse, deren
Abfolge und die Mitteilung der Details begründen,
bleiben dem Leser verborgen. Aus diesem Grund vermittelt die Darstellung einen zum Teil chaotischen
Eindruck. Diese Darstellungsart steht in struktureller
Hinsicht deutlich in der alten Tradition der Annalistik.
Da Hein
allgemein über Chronik spricht, entsteht der
Eindruck, als sei diese Gattung etwas in sich Uniformes.
In Wahrheit ist es jedoch angezeigt, sich der Formenvielfalt mittelalterlicher
Chroniken bewußt zu werden: Es gab die Weltchronik
(auch Universalchronik genannt), die Reichschronik,
die Landeschronik, die Stadtchronik u.a. Oft bezeichnete
man auch Annalen und Gesta als Chroniken. Allerdings wurde der Begriff Chronik im Mittelalter selbst
recht flexibel gebraucht. So
verstand man z.B. unter Chronik ebenso ein Werk, das
die vorhandenen Überlieferungen chronologisch zusammenfaßte
und in geordneter Form präsentierte wie auch, im Hochmittelalter,
sogenannte Tatenberichte, z.B. die Gesta Friderici
von Otto von Freising.
Otto selbst bezeichnete seine Weltgeschichtsdarstellung
meist als historia, gelegentlich aber auch
als chronica. Seit dem 13. Jahrhundert meinte
der Begriff Chronik Geschichtserzählungen verschiedenen
Charakters.
Heins Auffassung
von Chronik ließe sich u.E. am ehesten mit
dem spätmittelalterlichen Typ der Chronik, vor allem
mit der Stadtchronik, vergleichen. Bevor wir zur Gattung
der Stadtchronik selbst übergehen, soll kurz noch
der Versuch unternommen werden, einige andere Typen
von Chronik zu charakterisieren und auf ihre
Ähnlichkeiten und Unterschiede mit dem von Hein als
Chronik bezeichneten Typ der literarischen
Darstellung hinzuweisen.
Die Darstellungskonzeption
der Weltchronik unterscheidet sich wesentlich von
Heins chronikalischem Verfahren. Schon das Zeitspektrum
ist ein anderes. Während Heins Chroniken sich vorwiegend
auf die Zeitgeschichte konzentrieren, strebte die
Weltchronik nach universaler Breite unter heilsgeschichtlichem
Aspekt und bezog zumeist den Zeitraum von der Schöpfung
der Welt bis zur eigenen Gegenwart des Verfassers
ein. Sie war in der Regel von einem einzigen Autor
verfaßt und für einen breiten Leserkreis bestimmt.
Sie präsentierte eine Sinndeutung
der Geschichte im Geiste der christlichen Religion,
nahm aber nicht selten auch jüdische Elemente auf.
Ihre Aufgabe war es, die ratio temporum, die von Gott
gesetzte Folge der Zeiten, aufzuzeigen. Die Terminologie
der heutigen Historiographie verwendend, ließe sich
sagen, daß sie - und das macht einen deutlichen Unterschied
zu den Landes- und Stadtchroniken aus - ein totales
Bild der Geschichte zu präsentieren versuchte. Diese
Art der christlichen Weltgeschichtsschreibung stand
seit der Spätantike im Zusammenhang mit einer universalen
Staatsbildung.
Daß eine
solche Art Chronik geradezu das Gegenteil von dem
ist, was Hein unter Chronik versteht, könnte aus
dem erhellen, was Hein anläßlich des Historikerstreits
1989 geäußert hat. Es bezieht
sich auf den Vorwurf der "Sinnstiftung durch
Wissenschaft", mit dem die BRD- und die DDR-Historiker
einander belasteten. Hein sagte dazu:
Ich halte
solche Bedenken für gerechtfertigt, und ich teile
sie sogar als Betroffener, denn nicht nur an die Geschichts-
und Gesellschaftswissenschaften, auch an die Literatur
werden immer wieder derartige Ansprüche gestellt[...]:
Sinnstiftung und Religionsersatz. Wir sind uns schnell
einig, daß es nicht die Aufgabe von Geschichtsschreibung
und Literatur sein kann und darf, dem Staat und der
Kirche beizuspringen. Der Dissens, die abweichende
Meinung, die ja immer eine Abweichung von der herrschenden
Meinung ist, wird von uns verlangt, um ein einseitiges,
erstarrtes Bild zu korrigieren. Ein Chronist, also
auch der Autor als Chronist seiner Zeit, ist als Religionsstifter
untauglich, da für ihn das erste Gebot jeder Religion
nicht gilt, nämlich andere Götter nicht anzuerkennen.
Der Chronist muß dem anderen Gott Gerechtigkeit
widerfahren lassen, er hat die Tugenden und die Untugenden
aller Götter zu nennen[...] Nicht Sinnstiftung und
Religionsersatz, vielmehr ein Prüfen und Bezweifeln
des Sinns, ein kritisches Durchleuchten der Gottheiten
sind gefordert.
Was Hein
hier kritisiert, ist die Forderung nach der Erfüllung
einer sinnstiftenden Aufgabe, eine Forderung, die
sowohl an Geschichtswissenschaftler als auch an Schriftsteller
wie auch an alle anderen Kulturschaffenden in der
DDR seitens der DDR-Ideologen gestellt worden war.
Der Chronist, der Ereignisse bloß beschreibt, ohne
sie in einem bestimmten Sinne zu deuten, wird hier
polemisch dem marxistischen DDR-Historiker gegenübergestellt,
von dem verlangt worden war, die Geschichte nicht
bloß zu beschreiben, sondern sie in Übereinstimmung
mit den "Grundprinzipien des historischen
Materialismus" stets auch zu deuten.
Der von
Marx entwickelte Schlüssel zum Studium der vorbürgerlichen
Produktionsweise wurde in der DDR in nicht mehr zu
hinterfragende Ergebnisse der historischen Forschung
verwandelt. Die Marxsche Theorie
wurde dogmatisiert und zum Kernsatz der Geschichtsphilosophie
gemacht. Sie wurde in der DDR, um hier Heins
Worte zu gebrauchen, "zum Götzen gemacht,"
anstatt daß man sie in produktiver Auseinandersetzung
mit anderen Theorien weiterentwickelt hätte. Außer
der marxistischen Interpretation von Geschichte gab
es für andere keinen Platz. Als Aufgabe der marxistischen
Historiker galt die Entwicklung eines sozialistischen
Geschichtsbewußtseins, die Ausprägung sozialistischer
Überzeugungen und die philosophische Deutung und
Sinngebung der Geschichte hinsichtlich allgemeiner
Gesetzmäßigkeiten. Zur Grundkategorie der geschichtlichen Untersuchung wurde die Kategorie
der ökonomischen Gesellschaftsformation. Geschichte
wurde als eine gesetzmäßige Abfolge von ökonomischen
Gesellschaftsformationen gefaßt, als fünffache Stufenfolge
vom Urkommunismus über die Sklavenhaltergesellschaft,
den Feudalismus und den Kapitalismus zum Sozialismus.
Die allgemeine Theorie des
Materialismus galt a priori; der Historiker hatte
nur die Aufgabe, am Stoff zu demonstrieren, was historischer
und dialektischer Materialismus theoretisch vermeinten
vorgeben zu können. Dadurch wurde
ein freier und souveräner Umgang des Historikers mit
seinem Material von vornherein verhindert. Die
marxistische Philosophie bildete den Kanon unerschütterlicher
Erkenntnis- und Erklärungsprinzipien: das Wahrheitskriterium.
Wie DDR-Politiker
den Vorwurf der Bevormundung der Wissenschaft durch
die Politik abzuwehren versuchten, läßt sich am Beispiel
folgender Aussage von Walter Ulbricht zeigen:
Wenn wir die
Auffassung von der notwendigen Verbindung von Wissenschaft
und Politik vertreten, so bedeutet das nicht, daß
unsere Partei den Wissenschaftlern die Ergebnisse
ihrer wissenschaftlichen Arbeit vorschreibt, sondern
es geht uns darum, daß die Wissenschaft helfen möge,
daß durch die Erforschung und Ausnutzung der Gesetze
der Natur und Gesellschaft das Leben der Werktätigen
noch reicher und schöner wird. Wir verlangen von der
Wissenschaft keine Verfälschung der Wirklichkeit
wie die herrschenden Klassen der kapitalistischen
Länder, sondern sind an der Entdeckung der objektiven
Wahrheit interessiert.
Anhand des
Dargelegten lassen sich gewisse Parallelen zwischen
der Praxis der marxistischen Geschichtswissenschaft
in der DDR und der der mittelalterlichen Universalchroniken
erkennen. Ähnlich wie in der
DDR Thesen des historischen Materialismus jeder geschichtlichen
Untersuchung voranstanden - wobei die Aufgabe der
letzteren nur noch darin bestand, die Richtigkeit
der ersteren zu beweisen - , diente
den mittelalterlichen Weltchronisten die Bibel als
die unerschütterliche und von vornherein gültige
Basis ihrer Darstellung von Geschichte. Allein die
Kenntnis der Bibel ermöglichte es, den gesamten Geschichtsverlauf
nachzuzeichnen und ihn in der Heilsgeschichte seine
Erfüllung finden zu lassen. Die Weltchronik bezog
alles irdische Geschehen auf den großen heilsgeschichtlichen
Ablauf, dessen Beginn die Schöpfung, dessen Peripetie
die Erlösungstat Christi und dessen Ziel seine Wiederkunft
war. Jenseits der klar umgrenzten
Geschichte stand ungeschaffen und unendlich Gott.
Darum wurde sehr häufig im Prolog zur Weltchronik
der Anfang und Ende Setzende angerufen. Die Bibelauslegung
sah die Geschichte des Alten und Neuen Testaments
unter dem Aspekt der Verheißung und Erfüllung und
stellte typologische Verbindungslinien zwischen vergleichbaren
Personen und Ereignissen her, auch über die Grenzen
der biblischen Berichte hinaus. So
wurde etwa die Geschichte Babylons als Präfiguration
der Geschichte Roms betrachtet. Christliche Universalchroniken
konnten bis zum Weltenende reichen. Als wichtigste Schemata für die Einteilung der Universalgeschichte
seien genannt: die Gliederung in sechs Weltalter (nach
den Tagen der Schöpfungswoche, analog zu den Lebensaltern)
und die Abfolge von vier Weltreichen in Anlehnung
an eine Traumdeutung des Propheten Daniel, wobei
das Römische Reich als letztes bis zum Ende der Zeiten
andauern sollte.
Sowohl
in der mittelalterlichen als auch in der marxistischen
Geschichtsschreibung galt der Lauf der Geschichte
als voraussehbar. An die Stelle der mittelalterlichen
Einteilung der Geschichte in Weltalter trat im vulgärmarxistischen
Geschichtsbild die Abfolge bestimmter Gesellschaftsformationen:
Urkommunismus - Klassengesellschaft - Kommunismus.
Im Mittelalter stützte man sich auf den Glauben an
die göttliche Offenbarung, in der Historiographie
der DDR auf die Unfehlbarkeit der wissenschaftlichen
Thesen des historischen und dialektischen Materialismus.
Wie bereits oben erwähnt, entspricht
diese Art der Geschichtsdarstellung aber keinesfalls
den chronikalischen Intentionen Christoph Heins. Hein kritisiert vielmehr die Praxis einer Geschichtsschreibung, die
nur Illustrationen zu einer vorangestellten These
zu liefern habe. Hein fordert von Historikern und
Schriftstellern gleichermaßen die Befragung von "unerschütterlichen
Wahrheiten" und die ständige kritische Prüfung
anscheinend absolut geltender Kategorien.
In Heins
Verständnis sind sowohl die Schriftsteller als auch
die Chronisten vor die gleiche Aufgabe gestellt:
nämlich dem Leser ein wahrheitsgetreues Zeugnis
von den beschriebenen Zuständen und Ereignissen zu
bieten. Dabei ist Unparteilichkeit für Hein eine wichtige
Tugend des Chronisten wie des Schriftstellers. Mit
dieser Auffassung wandte sich Hein demonstrativ gegen
die Direktiven, mit denen DDR-Schriftsteller offiziell
gesteuert werden sollten. Durch
Parteilichkeit und Volksverbundenheit hatte die
Literatur - verstanden als wichtiger Teil des von
der SED gelenkten kulturpolitischen Systems - "sozialistische
Überzeugungen" bei den DDR-Bürgern auszuprägen
und so an der "Formung sozialistischer Persönlichkeiten"
mitzuwirken. Dabei wurde sowohl
vom Autor als auch vom Werk eine tiefe innere Verbundenheit
mit den Idealen des Sozialismus verlangt. Das
zentrale normative Kriterium für die Kunst war "sozialistische
Parteilichkeit", die "bewußte Übereinstimmung
des Künstlers mit dem Kampf der Partei als der führenden
Kraft des sozialistischen Aufbaus".
Da sich
Hein auf die Chronik als eine die Ereignisse unparteiisch
darstellende Gattung beruft, bleibt allerdings zu
bemerken, daß die historische Chronik diesem Vorsatz
durchaus nicht immer folgte. Die mittelalterlichen
Schreiber wollten mit ihren Werken - und dies sogar
öfter als angenommen wird - aktiv in das politische
Leben eingreifen und nicht nur berichten von dem,
was war. Indem sie, zumindest im Früh- und Hochmittelalter, nicht selten gleichzeitig
Geistliche und Adlige waren, gehörten sie also den
Ständen an, in deren Händen die politische Führung
lag. Viele von ihnen gehörten als Reichsbischöfe oder
als wichtige politische Funktionsträger der höchsten
Führungsschicht an und haben als solche nicht nur
Geschichte geschrieben, sondern sie auch gemacht.
Sie schrieben nicht unparteiisch Geschichte. So sahen sie sich dem durchaus
berechtigten Vorwurf ausgesetzt, die mittelalterlichen
Herrscher, die sie verherrlichen wollten, nicht selten
geradezu zu Heiligen und zu Cäsaren stilisiert zu
haben.
Auch die Landeschroniken dienten sehr häufig dem genealogischen
Interesse der patrizischen Geschlechter oder der Verherrlichung
eines ganz bestimmten Fürstentyps.
Hein
hat wiederholt betont, daß die Chronik keinen moralischen
Charakter habe. Der Prediger sei vielmehr geradezu das Gegenteil eines Chronisten:
Ja, es gibt
vielleicht solch einen prophetischen Typ des Schriftstellers
im Unterschied zum Chronisten. Der Berichterstatter
hat eigentlich nur etwas mitzuteilen und muß sich
weitgehend der moralischen Wertung enthalten. Es reicht
aus, von dieser schönen und grimmigen Welt zu sprechen,
da braucht man keinen moralischen und ideologischen
Exkurs anzuhängen. Außerdem sind Leser in der Lage,
mit ihrem eigenen Verstand zu arbeiten. Es wäre ein
Zeichen von Unmündigkeit, wenn sie Missionare nötig
hätten.
Eine der
Aufgaben der mittelalterlichen Chronik war aber gerade
die Belehrung der Leser. Wir denken dabei z.B. an
den lehrhaften Charakter zahlreicher Universalchroniken
oder von Landeschroniken, die oft als Fürstenspiegel
konzipiert gewesen sind. Auch die Weltchronistik diente sowohl
dem Bedürfnis nach gesichertem
historischen Wissen als auch dem der Belehrung und
Ergötzung (delectatio) der Leser, manchmal
auch der Privaterziehung und dem Schulunterricht.
Die Geschichtsschreiber
im frühen Mittelalter, die nicht die gehobene Position
eines Abtes, eines Propstes oder eines Bischofs hatten,
sondern einfache Mönche oder Kleriker waren, verfügten
oft nicht über entsprechende finanzielle Mittel und
konnten deshalb nicht wirklich frei entscheiden, worüber
sie schrieben. Sie waren in der Regel von der Erlaubnis
oder dem Auftrag ihrer Vorgesetzten abhängig. Viele
Widmungen an Bischöfe oder Herrscher oder die Erwähnung
eines entsprechenden Auftrags bezeugen dies. Dabei ging es nicht selten um Probleme einer materiellen Unterstützung,
z.B. für die Begleichung der Kosten für Pergament,
Farben, Edelmetalle, für Einbände etc.
Daß die belegte Unfreiheit auch Folgen für die Konzeption
der Werke haben mußte, versteht sich von selbst. Erst
im späteren Mittelalter, als sich Bürger, Inhaber
von städtischen Ämtern vor allem, aus freiem Antrieb
auf der Basis entsprechender finanzieller Voraussetzungen
als Geschichtsschreiber zu betätigen anfingen, begann
ein gewisser Wandel, auch wenn es weiterhin Aufträge
gab: Zum Beispiel fungierte der Stadtrat häufig als
direkter Auftraggeber für die Stadtchronik.
Heins chronikalische
Aufzeichnungen richten ihr Augenmerk vorwiegend auf
die Zeitgeschichte und basieren, wie der Autor behauptet,
zumeist auf der unmittelbaren Erfahrung des Chronisten.
Ich glaube,
daß die meisten Schriftsteller nur über das schreiben
können, was durch ihre Erfahrung gegangen ist, was
sie wirklich sinnlich erfahren haben. Daß ich das
in einer Form tue, die vom bloßen Bericht, vom Journalistischen
abgeht, hat etwas mit Metamorphose zu tun, es findet
doch eine Art Verwandlung statt: ich vermittle Erfahrungen
mit Hilfe künstlerischer Genres, dem Stück, einem
Roman, einer Komödie. Aber es sind immer Dinge -
egal um was für einen Stoff es sich handelt, und egal
aus welcher Zeit dieser Stoff ist -, es sind immer
Dinge, die mit meinen Erfahrungen und Erinnerungen
zu tun haben. Insofern sagte ich einmal, daß ich eigentlich
nur ein Chronist bin, sicherlich ein sehr subjektiver,
sicherlich mit einer Weltsicht, die nur meinen Augen
entspricht, aber im Grunde teile ich nur etwas über
mich mit, über mein Verhältnis zur Welt, gebe also
eine sehr subjektive Berichterstattung."
[...]was ich
vorher sagte mit dem Chronisten, das gilt auch für
die Themenwahl. Da will ich erfahrene, erlebte Themen
meiner Zeit, meines Landes auch in meinen Arbeiten
auftauchen lassen[...]am Beginn meiner jeweiligen
Arbeit steht etwas sehr konkretes, ein konkreter
Anlaß, eine konkrete Person, eine konkrete Situation.
Eine Beschreibung der historischen Realität, die
auf der unmittelbaren Erfahrung des
Autors basierte, war ehedem aber nicht für jede Art
von Chronik charakteristisch. Wohl aber lag dem historischen
Typ der spätmittelalterlichen Stadtchronik eine ähnliche
Konzeption zugrunde. Für die
Weltchronik hingegen blieb das Bezugsthema die Universalgeschichte,
gedeutet im eschatologischen Sinne als Erfüllung des
göttlichen Schöpfungsplanes. Die
Weltchronisten begannen ihre historische Darstellung
etwa mit der Erschaffung der Welt, um schließlich
zur Gegenwart zu gelangen.
Erst im späten Mittelalter ist in der Chronistik
eine Hinwendung zu zeitgeschichtlichen
Themen zu beobachten, allerdings verbunden mit einer
Verengung des Blicks. Dieser
Prozeß setzte mit dem Aufkommen der Landeschronik
und Stadtchronik ein. In dem Maße, in dem sich das
Reich in Territorialstaaten aufzulösen begann, gewann
eine Landesgeschichtsschreibung an Bedeutung. Die
- im Vergleich mit der Weltchronik festgestellte -
Verengung des Blicks wurde aber durch seine intensivere
Gerichtetheit auf Nähe kompensiert. Die Landeschronik wird vor allem zum Fürstenspiegel, der zu Gerechtigkeit
und Gottesfurcht anhalten soll. Das gilt z.B. für
die Chronik der Grafen von der Mark, die der westfälische
Rittersohn Levold von Northof um die Mitte des 14.
Jahrhunderts seinem Landesherren
in Dankbarkeit widmete.
Das wachsende
Interesse an der Zeitgeschichte, verbunden mit der
allmählichen Emanzipation von religiösen Konzepten,
und der Rückgang des Interesses an Weltgeschichte
gingen schon relativ zeitig mit einer Lockerung der
chronikalischen Form einher. Es
vollzieht sich ein Wandel im Charakter der Chronik:
teilweise zu lehrbuchhaften Texten hin, teilweise
zu volkstümlich-unterhaltenden. Auch Sagen, Fabeln
und Anekdoten finden Platz im Rahmen der Chronik.
Bei Johann von Winterthur z.B. wird sogar das Alltagsleben
und das Denken und Empfinden der einfachen, "kleinen"
Leute thematisiert.
Für Elfriede
Stutz liegt die eigentliche Zäsur um 1250. Sie
begründet dies damit, daß die Ära der bisherigen
Trägerschicht der Chroniken zu Ende gegangen war:
jener tiefreligiösen, hochgebildeten Historiker, die
selbst noch Mönche der alten Orden gewesen sind und
die Geschichte auf Kreuzzügen und bei eigenen diplomatischen
Missionen aus unmittelbarer Nähe erfuhren und wohl
auch selbst mitgestaltet hatten. Mit
dieser Generation sei dann das vorrangige Interesse
der Chronisten an Fragen der Kirche und des Reichs
erloschen.
Mit dem
13. und 14. Jahrhundert begann die Entwicklung einer
städtischen Chronistik. Sie knüpfte an bereits vorhandene Tendenzen des Spätmittelalters an:
an das Interesse an Reisebeschreibungen und Naturbeobachtungen
und Beobachtungen aus
dem Alltag. Der Sinn der Schreiber für Kleines, Alltägliches
und Selbsterlebtes verschärfte sich. Nicht selten mischten sich historisch Bedeutsames und nur Kurioses. Hinsichtlich
der Stoffwahl ähnelt der Inhalt der Stadtchronik immer
öfter dem Lokalbericht einer modernen Tageszeitung:
Es geht um Unfälle, Sterbefälle, Kriminalfälle, Wetter,
Preise, prominente Gäste und sogar Mode. Manchmal
handeln die Aufzeichnungen aber auch von der Politik
der Bürgerschaft, von Krieg und spektakulären Verbrechen.
Hinzu kommen schließlich die für die Epoche charakteristischen
Probleme: Ketzerverfolgung, Antisemitismus, Pest,
Zunftaufstände, Hussitenkriege, Plünderungen etc.
und im 16. Jahrhundert dann Umwälzungen in der Kirche,
Wiedertäufer, Hexenverbrennungen und Bauernunruhen. Der Raum, auf den sich die Stadtchronisten
konzentrierten, ist meist die eigene Stadt und ihr
näherer Umkreis. Gelegentlich ging der Blick des Chronisten
aber auch über die Mauer hinaus, so etwa in Magdeburg,
wo man 1314 das Ende des Tempelordens in Paris beschrieb
oder in Lübeck, wo 1453 der Fall Konstantinopels Erwähnung
fand. Dann, wenn sich innerhalb der Stadt "große
Geschichte" abspielte, wie z.B. mit dem Konzil
in Konstanz oder dem Reichstag in Augsburg im Jahre
1530, konnte es selbstredend auch zur Ausweitung
des Lokalberichts zu Landes- oder Reichsgeschichte
kommen.
Während
im 13. Jahrhundert die Geschichtswerke in lateinischer
Sprache die zahlenmäßig häufigsten waren, wagten sich
die städtischen Chronisten im Spätmittelalter immer
mehr an die selbständige deutschsprachige Darstellung
der miterlebten Geschichte heran. Die letztendliche
Dominanz der deutschen Sprache in den Chroniken hatte
damit zu tun, daß ihre Schreiber schließlich einer
anderen gesellschaftlichen Schicht entstammten als
die des frühen Mittelalters. Den Platz der hoch gebildeten Geistlichen des Frühmittelalters nahmen
in der Chronistik später Angehörige des Bürgertums
ein: Persönlichkeiten, die im städtischen Leben wirkten, Ratsmitglieder, Bürgermeister,
Stadtschreiber und nur noch gelegentlich Geistliche,
die dann aber den Auftrag der Bürgerschaft oder eines
anderen hohen Herren bzw. eines Ordens erfüllten.
In der Regel waren es seit dem Ende des 13. Jahrhunderts
jedoch die Bürgerlichen selbst; sie wurden zum Träger
der geschichtlichen Überlieferung. Im
Ergebnis wirtschaftlicher Umschichtungsprozesse trat
an die Stelle der Burgen und Klöster als den Mittelpunkten
des geistigen Schaffens nunmehr die Stadt mit ihren
Patriziern. Als die Zünfte im 14. Jahrhundert dann in den meisten Städten die Vorherrschaft
der Patrizier brachen, kam es - vor allem über neue
Themen - zu einem weiteren Aufschwung der Stadtgeschichtsschreibung.
Auch aus Handlungsbüchern, Merkbüchern, Tagebüchern oder Denkschriften
der wirtschaftlich und politisch tätigen Bürger entstand
nun eine Art von geschichtsträchtigen Aufzeichnungen.
Mit der
Sprache und dem Stand des Chronisten veränderte sich
auch der Inhalt der Chroniken. Er hatte mit dem zu
tun, was den Bürger unmittelbar betraf: mit
dem Kampf gegen den mächtigen Herren, den Bischof
oder Herzog, und den Konflikten zwischen den Zünften.
Gemeldet wurden
freudige Ereignisse, Feste etc. sowie wirtschaftliche
Nachrichten, wie z.B. das Gedeihen von Wein und Getreide
oder Angaben zu Preisen. Nicht mehr auf die Vergangenheit
und Ewigkeit, sondern auf die Nähe und die Gegenwart
und auch das persönliche Leben der Menschen richtete
sich der Blick des Chronisten in der Folgezeit. Fakten
wurden oft unvermittelt aneinander gereiht. So entstanden
die Hauschronik, die Familienchronik, der Lebenslauf.
Später entwickelten sich daraus
Selbstzeugnisse, Lebenserinnerungen und Autobiographien.
Bezieht
man solche Merkmale - wie zeitliches und räumliches
Spektrum, Themenwahl, Schilderung vom Selbsterlebten,
verwendete Sprache und den anekdotischen Charakter
der Darstellung - als Kriterium zur Unterscheidung
bestimmter Chronikarten in die Betrachtung mit ein,
entsprechen Heins chronikalische Aufzeichnungen u.E.
in vielerlei Hinsicht am ehesten jenen spätmittelalterlichen
Chroniken, insonderheit der Stadtchronik. Wie diese
beziehen sie sich meistens auf diejenige Zeit, die
der Autor selbst und unmittelbar erleben konnte, auch
wenn es in Christoph Heins Texten durchaus auch Rückgriffe
gibt, z.B. auf die Zeit des III. Reiches, auf die
Vorkriegszeit und
sogar auf die Periode des Bismarckschen Reichs.
Auch bei den Orten handelt es sich zum größten Teil
um solche, die der Autor aus eigenem Erleben kennt.
Nicht selten wird so eine beinahe fragmentarisch anmutende
Beschreibung eines ganz kleinen Ausschnitts aus einem
konkreten Lebensbereich zu einer wesentlich weiter
reichenden Aussage über eine ganz bestimmte Zeit:
so z.B. in der Vergewaltigung, der Geschichte
einer Straße, und in Charlottenburger Chaussee,
11. Aug. Die Geschichte Die russischen Briefe
des Jägers Johann Seifert hingegen, die wie ein
Reisetagebuch konzipiert ist, läßt sich als eine Art
Reisechronik lesen.
Heins Geschichten
aus dem Erzählzyklus Ein Album: Berliner Stadtansichten
präsentieren Bilder aus dem deutschen Alltag des letzten
Jahrhunderts. Statt direkt politische Ereignisse darzustellen, beschreibt Hein in
ihnen ein Stück deutscher Geschichte, festgehalten
in den Erfahrungen durchschnittlicher Leute, von Bewohnern
Berlins. Die wichtigen politischen
Ereignisse und gesellschaftlichen Probleme werden
im Schicksal dieser Menschen widergespiegelt. Schon
der Titel des Erzählungszyklus Ein Album: Berliner
Stadtansichten, das sechs Geschichten umfaßt,
deutet auf ihren dokumentarischen Charakter hin. Manche dieser Geschichten, so z.B. Friederike, Martha, Hilde und
Frank, eine Kindheit mit Vätern haben den Charakter
einer Familienchronik, da sie Erfahrungen einzelner
Mitglieder einer Familie über mehrere Generationen
festhalten. Wenn man "Stadtansichten" sagt,
denkt man wohl eigentlich an fotografische Aufnahmen,
die etwas für eine Stadt Charakteristisches dokumentieren.
Hein bietet dem Leser solche Aufnahmen in Gestalt
literarischer Bilder an, die sich jedoch keinesfalls
als weniger detailliert erweisen. Genaue Angaben zu
Zeit und Ort verleihen ihnen den Anschein von Authentizität.
Da alle Erzählungen dieses
"Albums" in Berlin spielen, bildet die Sammlung
eine Art Stadtchronik, konstituiert aus Einzelschicksalen
ihrer Bewohner. Zu Ein Album:
Berliner Stadtansichten sagte Hein in einem Gespräch
mit dem Neuen Deutschland 1989 selbst:
Unter diesem
Titel fasse ich kleinere Prosaarbeiten zusammen, die
in Berlin handeln, diesem Zentrum deutscher Geschichte,
von dem in den letzten hundert Jahren drei Kriege
ausgegangen sind. Im Band Einladung zum Lever Bourgeois
sind 1980 schon mehrere solcher Texte erschienen.
Es gibt noch mehr, bislang unveröffentlichte Texte
dazu. Ich möchte noch einige Erzählungen für dieses
Album schreiben.
Es ist
anzunehmen, daß Hein mit seinem Hinweis auf weitere
Erzählungen wohl schon diejenigen meinte, die dann
1994 mit Exekution eines Kalbes erschienen
sind. Zehn dieser insgesamt sechzehn Geschichten des
Bandes spielen tatsächlich in Berlin. Berlin wird
übrigens zum Handlungsort auch anderer Werke von Christoph
Hein, z.B. von Der fremde Freund. Das
Milieu dieser Stadt war ihm am meisten vertraut:
Er wohnte dort - mit nur kurzen Unterbrechungen -
seit etwa 1958. Da ihm, weil
Pfarrerssohn, der Oberschulbesuch in der DDR verweigert
worden war, hatte er ein humanistisches Gymnasium
in Westberlin besucht, auch dann noch, als seine Familie
nach Ostberlin umgezogen war.
Neben Berlin
taucht in seinen Werken auch noch ein anderer Ort
häufiger auf: Leipzig, besonders die Leipziger Universität,
an der er in den Jahren 1967-1970 studierte. Direkt
trifft dies auf den Tangospieler zu, indirekt
auf Horns Ende und Schlötel... In
einigen anderen seiner Werke führt er den Leser in
sächsische Kleinstädte: so in Sächsischer Tartüff,
in Horns Ende (Bad Guldenberg) und in Der
fremde Freund. (Hier führt er den Leser in die Stadt G., in der Claudia, bevor sie nach
Berlin zieht, aufgewachsen war.) Hein selbst hatte
als Kind in Bad Düben, einem solchen Ort in der Nähe
von Leipzig, gelebt. Ein anderer
authentischer Ort aus Heins eigener Biographie, der
tatsächlich durch die Rote Armee befreit worden war
(Heinzendorf), ist über die Geschichte von Ilona hinter
einem der Handlungsorte der Erzählung Die Vergewaltigung
wiedererkennbar.
In Horns
Ende - einer Art Stadtchronik der Stadt Bad Guldenberg
- fungiert die Stadt, wie in anderen seiner Werke,
als ein Mikrokosmos der ganzen Gesellschaft. Der reale Hintergrund ist, so Hein in einem
Interview, daß ich selber, ähnlich wie der Thomas,
aber nur ähnlich, ich bin nicht identisch mit ihm,
in einer vergleichbaren Kleinstadt aufwuchs und versucht
habe, die Erinnerung an diese Zeit in dem Roman zu
beschreiben. Meine Stadt ist nicht identisch mit der
Stadt Bad Guldenberg, aber sie liefert gewissermaßen
den Hintergrund dafür." Die Geschehnisse
in Bad Guldenberg
werden nicht aus der
Perspektive des Erzählers, sondern aus dem
Blickwinkel von fünf verschiedenen Personen dargestellt.
Einer der Protagonisten des Romans, Dr. Spodeck, schreibt in seiner Freizeit
eine Chronik der Stadt Guldenberg, die er "eine
Geschichte der menschlichen Gemeinheit" nennt.
An seinem Beispiel verdeutlicht Hein, daß auch die
Aufzeichnungen eines Chronisten, der von sich selber
glaubt, objektiv und unbestechlich zu sein, gleichzeitig
subjektiv sind. Die Vielschichtigkeit der Perspektive
in diesem Roman führt nur scheinbar zu größerer Objektivität;
denn allein aus den Einzelimpressionen ergibt sich
kein zusammenhängendes, homogenes Bild der Vergangenheit. Hein stellt so mit dieser Schreibstrategie
den Anspruch marxistischer
Geschichtsschreiber, die vorgaben, die "objektive
Wahrheit" über die Vergangenheit präsentieren
zu können, sichtbar in Frage: ich werde mich immer
auf die Chronistenrolle berufen, die eine subjektive
Objektivität anstrebt.
Auch nach
der deutschen Wiedervereinigung will Hein die Veränderungen
in seinem Land mit dem scharfen Blick eines Chronisten
registrieren. Das bezeugt seine Rede vom 9. Februar
1992 in der Veranstaltungsreihe des Staatsschauspiels
Dresden und der Verlagsgruppe Bertelsmann "Zur
Sache Deutschland". Auch hier bedient er sich
der Form der Stadtchronik. Diese Rede wurde zuerst
unter dem Titel Ansichtskarte einer deutschen Kleinstadt,
leicht retuschiert in der neuen deutschen
literatur, Berlin, H. 4/1992 abgedruckt. 1996
erschien sie dann unter dem Titel Die Mauern von
Jerichow in der gleichnamigen Sammlung von Essays
und Reden des Aufbau-Taschenbuch-Verlags Berlin.
Als Ausgangspunkt benutzt er dabei ein Fragment aus den Jahrestagen
von Uwe Johnson, im Roman "26. Mai 1968"
datiert. Uwe Johnson hatte in diesem 1972 geschriebenen
Fragment einen spekulativen Gedanken durchgespielt:
Wie wäre es, wenn eine kleine Stadt namens Jerichow,
eine Gemeinde in seiner Heimat Mecklenburg, damals
DDR, Westdeutschland beitreten würde?
Hein beginnt
seine Rede mit der Beschreibung von Jerichow, wie
man sie in einer alten Stadtchronik finden würde:
Eine Kleinstadt in Mecklenburg, ansehnlich gewesen
in der niederdeutschen Zeit, Stadtrecht seit 1270,
abgebrannt 1732... Ganz ähnlich wie in seiner
Beschreibung der Stalinallee in Die Vergewaltigung
weisen hier die Veränderungen im äußeren Bilde der
Stadt, z.B. geänderte Straßennamen, auf die Wandlungen
auf der politischen Makroebene des Landes hin: Die
Stadtstraße, später hieß sie Adolf-Hitler-Straße,
wird in Stalinallee umbenannt, bald darauf in Straße
des Friedens. Eine Straße der nationalen Einheit gab's
nach dem Krieg auch, dann wurde das unzeitgemäß und
- ohne Umzug - änderte sich erneut die Adresse: man
wohnt nun in einer Wilhelm-Pieck-Straße.
Auf die
einführende Beschreibung der Stadt, wie sie zu DDR-Zeiten
aussah, folgt dann die Passage von Uwe Johnson, in
der geschildert wird, wie Jerichow aussehen würde,
wenn die Stadt dem Westen beitreten würde. Johnson
beschreibt dabei die Konsequenzen sowohl für das äußere
Aussehen der Stadt als auch für das Leben der Einwohner.
Im Anschluß an die Passage von Johnson kommt Hein
auf die Gegenwart, auf 1992, zu sprechen und beschreibt,
wie die Kleinstadt nun wirklich aussieht, nachdem
nicht nur Jerichow, sondern die ganze DDR dem Westen
beigetreten ist. Vieles sei so, meint Hein, wie es sich Johnson vorgestellt habe und
wie Jerichow in seinen Vorstellungen nach dem Beitritt
auf den offiziellen Ansichtskarten aussehen würde. Dennoch
bedarf dieses Bild, das bei Hein stellvertretend für
das offizielle Image Deutschlands
nach der Wiedervereinigung fungiert, wohl einer Korrektur.
Darauf deutet der Titel der
Rede von Christoph Hein hin: Ansichtskarte einer
deutschen Kleinstadt, leicht retuschiert. Nicht alles ist so schön, wie es auf Ansichtskarten erscheint. Es gibt viele Probleme beim Zusammenwachsen der zwei doch so lange voneinander
getrennten deutschen Staaten. Ins
Auge springt ihm wie dem Leser zum Beispiel dies:
Und noch eins ist zu spüren, fast zu greifen, ist
allgegenwärtig vorhanden, was in der Eile und im
Jubel übersehen wurde. Die aus Jerichow und die aus
Travemünde waren einander recht fremd geworden. Um die während der Nachkriegszeit entstandene Fremdheit zwischen den
Ost- und Westdeutschen zu überwinden, bedarf es,
so Hein, einer freimütigen und aufrichtigen Auseinandersetzung
mit dennoch immer existierenden Problemen, bedarf
es der Wahrnehmung
von Unterschieden, anstatt sie verschämt oder bewußt
zu verschweigen; es bedarf einfach einer
ehrlichen Aufarbeitung der deutschen Nachkriegsgeschichte.
Zusammenfassend
läßt sich sagen, daß Heins Chroniken viele Gemeinsamkeiten
mit der historiographischen Gattung der Chronik haben,
dabei insbesondere mit dem Typ der Stadtchronik. Wie
jene konzentrieren auch sie sich auf selbsterlebte
Geschichte, richten den Blick auf Lokales und Besonderes.
Einige von ihnen haben den Charakter einer Familienchronik, andere
verfolgen das Leben einer Einzelperson oder sind
verfaßt wie einstige Reisechroniken. Sie bevorzugen
die anekdotische Darstellung von Geschichte, die
oft absichtlich historisch Bedeutsames mit Kuriositäten
unterhaltsamer Natur vermischt und die Grenzen zwischen
Fiktion und Faktizität schwerer erkennbar macht.
Heins Geschichten
zeigen, wie Durchschnittsmenschen die Geschichte als
ihre Geschichte erleben und wie sie ihren Alltag bewältigen.
Sie präsentieren kleine Ausschnitte aus dem Alltagsleben,
erheben keinen Anspruch auf Totalität, bleiben aber
im Detail dem "Wirklichen" treu. Sie registrieren
genau gesellschaftliche Veränderungen in den persönlichen
Geschichten und machen zugleich die Kluft zwischen
der individuellen Wahrnehmung von Gegebenheiten und
den abstrakten Gesellschaftstheorien bzw. politischen
Wunschbildern sichtbar.
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