Kinga Czuchraj
Wrocław
"Der erste
Humorist unter den Jugendschriftstellern"
Zu Kindheitsbildern im kinderliterarischen
Werk Wilhelm August Corrodis (1826-1885) am Beispiel
der Dorfgeschichte Was des Pfarrers Wilhelm während
der Sommerferien erlebte
Als
Otto von Greyerz den Winterthurer Zeichenlehrer August
Corrodi zum "ersten Humoristen unter den Jugendschriftstellern"
ernannte und dabei konstatierte, dass Heiterkeit die
"Grundbestimmung seiner Kinderbücher und Grundeigenschaft
seines eigenen Wesens" sei, initiierten er und Rudolf Hunziker in Winterthur
eine Wiederentdeckung des vergessenen Schweizer Kinderbuchautors
und -illustrators.
Über 30 Jahre nach Corrodis Tod, zwischen 1910 und 1940, erschien eine
Reihe von Beiträgen über ihn, unter denen die wichtigsten
der Lokalforschung in Winterthur zu verdanken sind.
Bis dahin wurde sein Werk in fast keiner kinderliteraturhistorischen
Arbeit erwähnt, dies geschah erst nach dem 2. Weltkrieg
bei Irene Dyhrenfurth oder Carmen Bravo-Villasante.
Auch dann tauchte sein Name
in den wichtigsten Arbeiten zur KJL nicht auf, bis
Reiner Wild 1990 in der "Geschichte der deutschen
Kinder- und Jugendliteratur" Corrodis famoses
Vorwort zur Simrockschen Sammlung volkstümlicher
Kinderreime besprach. Ein Durchbruch
kam 1995 mit dem Beitrag Hans-Heino Ewers', der auf
die Forschungslücken im Falle Corrodis hinweist und
eine neue glorifizierende Typologisierung des vergessenen
Kinderbuchautors unternimmt. O. v. Greyerz und besonders H.H.
Ewers vollzogen eine
Stil-, Gattungs- und Motivuntersuchung, deren Ergebnisse
Corrodi vor allem als einen kommunikativen
Erzähler klassifizierten; stellten ihn also in dieser
Hinsicht auf gleiche Höhe mit Erich Kästner. Damit
wurde das Moderne an dem Schweizer Kinderbuchautor
auf den Punkt gebracht.
Modern nimmt
sich seine Einstellung zur Kindheit und zu Kindern
als Zuhörern seiner Geschichten bzw. Adressaten seiner
literarischen Botschaften aus. Corrodi steht in der
Tradition der romantischen Wert-, ja Hochschätzung
von Kindheit, ohne deren Hypertrophie zu teilen. Er
redet zu Kindern ohne Herablassung, weil er sich selbst
auf einer Höhe mit ihnen wähnt, und glaubt von ein
und derselben Sinnesart zu sein.
Obwohl
Corrodi heutzutage bereits als eine "Lichtgestalt
der deutschsprachigen Kinderliteratur" anerkannt ist, steht er immer noch auf der Warteliste der kinderliterarischen
Forschung.
Nicht weniger
untersuchungswert als sein signifikanter Erzählstil
zeigen sich die im Corrodis Werk geschilderten Kindheitswelten.
Sie ähneln denen einer Astrid
Lindgren, mit dem Unterschied, dass sie sich nahezu
ein Jahrhundert früher abspielen. Es ist von Bedeutung, jene Kinderwelten unter die Lupe zu nehmen, da sie Träger einer
Botschaft sind, mit der sich die moderne industrielle
wie auch die Dienstleistungsgesellschaft sehr offen
konfrontiert sieht.
Vita des Autors
August
Wilhelm Corrodi (1826-1885) kam als Pfarrerssohn in
Zürich zur Welt. Seine Kindheit verbrachte er in
einer Schweizer Mittelgebirgslandschaft, in Töss,
später auch in Winterthur. In Zürich besuchte er das Gymnasium und trat ein Theologiestudium
an, das er dann in Basel abbrach. Sein
eigentliches Interesse galt der Kunst, so fing er
1847 in München an der Kunstakademie mit der Malerausbildung
an. Dort widmete er sich einer
intensiven Lektüre Jean Pauls und Joseph Eichendorffs.
Inspiriert durch das Werk Eichendorffs
schrieb er seine ersten Gedichte. Corrodi erwählte
den schlesischen Dichter zu seinem literarischen Ziehvater
und stand 5 Jahre in Briefkontakt mit ihm.
Die erste
Publikation Corrodis waren die 1853 in Kassel publizierten
Lieder. Ein Liederbuch schickte der Autor auch an Eichendorff und teilte ihm mit,
dass er sich nun auch der Kinderliteratur gewidmet
hatte. Darauf reagierte Eichendorff voller Begeisterung, Corrodi habe Recht,
"dass er sich aus der Philisterwelt der Altklugen
an die unvergängliche und ewig poetische Kinderwelt
wende, denn die Kinder sind geborene Poeten". Das erste Kinderbuch erschien 1853 bei der Luckhardschen Sortimentsbuchhandlung
ebenfalls in Kassel, es waren "Ferientage auf
Onkelschloß. Erzählungen und
Bilder für Mädchen und Knaben von 7-12 Jahren."
Ihre zweite Auflage brachte 1861 Flemming in Glogau
aus.
Insgesamt
erschienen 3 Werke für erwachsene Leser und 27 Kinderbücher
(davon 2 Titel doppelt, weil zwei Lustspiele auch
in Schweizer Mundart herausgegeben wurden).
Ab 1855 begann
die fruchtbarste, zehnjährige Phase seines Schaffens,
in der 12 Kinderbücher und separate kinderliterarische
Beiträge entstanden. Das Münchner Studium brachte Corrodi keinen beruflichen Erfolg, so
musste er 1856 in den Heimatort Töss zurückkehren
und seine Verlobung lösen.
Obwohl
er seit 1854 in St. Gallen als Dessinateur und freier
Schriftsteller lebte, bekam er erst 1862 in Winterthur eine feste Einstellung,
wo er bis 1881 als Zeichenlehrer an der höheren
Stadtschule tätig war. Sowohl in St. Gallen als auch
in Winterthur verkehrte er in Häusern, in denen er
als Onkel August die Kinder mit seinen Geschichten
unterhielt.
Sein
Leben verlief nach Ewers
in folgenden Stufen: bildender Künstler, romantischer
Poet, kinderliterarischer Erzähler, Illustrator (er illustrierte viele
seiner Bücher selbst), Bilderbuchkünstler, festeingestellter
Lehrer.
Bevor die
Beziehung zwischen ihm und Eichendorff abbrach, fing Corrodi an, sich
der Mundart zuzuwenden,
schrieb Dialektepen, übertrug auch Platus und
Burns ins Schweizerdeutsch.
Die Spuren
der Begeisterung für die Romantik sind dennoch in
Corrodis Werk nicht zu übersehen, er bedient sich
in vielen seiner Texten romantischer Topoi, mit denen
er spielerisch eine Erlebnistour durch die Natur für
die Stadtkinder veranstaltet. Obwohl
er manche Texte hektisch verfasste, lassen viele seiner
Stilelemente unter ihnen Meisterstücke erkennen.
Corrodi starb 1885, in Zürich und
es dauerte eine lange Zeit, bis sich einer der späteren
Jugendschriftsteller wieder mutig genug zeigte, als
ein munterer Plauderer seine kindlichen Leser in der
Manier des "Onkel August" ohne jegliche
didaktische Intentionen mit lustigen, vereinzelt absurden
Streichen und Geschichten zu unterhalten.
Kindergestalten und Kindheitsbild
in Was des Pfarrers Wilhelm während der Sommerferien
erlebte
Die
Dorfgeschichte "Was des Pfarrers Wilhelm während
der Sommerferien erlebte" erschien 1857 im
Band "Aus jungen Tagen. Geschichten
und Bilder" (Stuttgart) als Corrodi bereits eine
Entwicklung von einem gescheiterten Romantiker, über
einen Kinderbuchautor, der den Motivschatz der Romantik
entmachtet,
hin zu einem poetischen Realisten aufwies. Seine
literarischen Bilder enthielten damals keine romantischen
Topoi mehr, deren Existenzrecht im Kinderbuch durch
unterhaltende Funktion berechtigt wurde. Sie schlagen aber auch keinen Bogen um die Ästhetik des Biedermeiers,
der sie Gemütlichkeit, stilles Glück und Vertrautheit
der sich in einer Naturkulisse abspielenden Familienszenen
entnehmen.
Der Handlungsort
ist bei Corrodi zumeist irgendwo in der Schweiz, auf
dem Lande, außerhalb des Industrialisierten situiert.
Er zeigt sich heiter und idyllisch, beinahe im Sinne
einer Sentimentalität der Jahrhundertwende, die die
ländlichen Kindheitsorte mit ideologischen Verzehrungen
und mit einem reichlichen Einsatz des Erinnerungsweihrauchs
zum Status einer literarischen Arkadis erhebt. Corrodi
wagt das Experiment des poetischen Realismus' und
lässt seine Protagonisten ihre Kindheit in Stätten
vom Schlage eines Seldwylla erleben, die bloß ärmer
um die sozialkritischen Aspekte sind; sie tendieren
sehr stark in Richtung des Idyllischen.
Die Idylle in der Kinder- und Jugendliteratur jener Zeit kommt selten
als eine poetisch kohärente Gattung vor, der Texttypus
hat zum Gegenstand der Handlung ein Idyll, ein friedliches,
einfaches Leben in der Häuslichkeit einer ländlichen
Abgeschiedenheit. So eine "idyllische"
Kindheit bleibt von der sozialen Misere der Zeit ungetrübt,
und ihr ideologisch-ästhetischer Ursprung ist in dem
durch die Modernisierungsschube binnen der industriellen
Gesellschaft bewirkten Mentalitätswandel zu suchen.
Das ästhetische Bedürfnis
nach einer Idylle setzt in der KJL bereits früher
ein. Seine Genese erklärt man in der Forschung folgendermaßen:
Nicht nur
die Romantiker, auch die Autoren der Biedermeierzeit
fühlen die stärker werdenden Polarisierungen bei der
Lebensauffassung, die Zerrissenheit zwischen Rationalität
und subjektivem Empfinden, zwischen Vereinzelung und
Geborgenheit in der Gemeinschaft, zwischen Zivilisation
und Natur. Sie entwickeln dabei eine mit Sorgfalt
kultivierte Instanz, die zwischen diesen Polen vermittelt:
die Idylle. Sie ermöglicht den zeitweisen Ruckzug
vom Tagesgeschäft, ohne dies zu vernachlässigen, sie
ist naiv und einfach im Gegensatz zur Kompliziertheit
des sozialen und politischen Lebens, sie ist gefühlvoll
und intellektfern, ohne jedoch voll Pathos und Exzessivität
den ganzen Menschen für sich zu verlangen. Man liebt
die Natur, weil sie den Normen und Konventionen der
Zivilisation so fern steht, ohne jedoch eigene Ansprüche
zu erheben. Und insbesondere das Leben der Kinder,
die Kindheit, hält man für idyllisch, so dass die
Kinderliteratur in den verschiedensten Gattungen versucht,
diese Idylle wiederzugeben.
Eine
auf diese Art und Weise begriffene Kindheit wird in
Corrodis Dorfgeschichten für Kinder zur Staffage
der Handlung. Corrodis Kinderwelten, obwohl realistisch
geschildert, oszillieren sehr selten zwischen sozialen
Extremen einer Realität des industriellen Kapitalismus.
Schweizer Kinderliteratur bekommt ihre bekanntesten
realistischen Bilder einer Kinderarmut, die auch eine
handlungsrelevante Rolle spielt, erst mit den Erzählungen
Johanna Spyris, von denen der Romanzyklus Heidi
eine Ausnahme bildet.
In dem zu
untersuchenden Text spielt sich die Kindheit der Protagonisten
in einem Dorf ab, das ausschließlich von agrarischen
Strukturen geprägt wird. Seine Bezüge zur Stadt sind auf ein Minimum reduziert und kommen lediglich
zum Vorschein, wenn der Pfarrer einen Stadtbesuch
in der Sommerferienzeit bekommt. Das Dorf wird zu
einer ruhigen, heiteren, an Abenteuern und jeglichen
Naturattraktionen reichen Kindheitsstätte stilisiert.
Diese Attribute werden durch
die Pläne der Kinder für die Ferien unterstrichen:
"Na, und dann machen wir noch allerlei, wir gehen
spazieren, gehen in euern Garten, in den Wald und
ins Dorf (…) Es ward 'Fangen' ausgemacht." (195)
Das Dorf wird als ein Idyll arrangiert, aus dem die
traurigen Aspekte der sozialen Lage eines Schweizer
Dorfes jener Zeit ausgesperrt wurden.
Der Einstieg in eine zuvörderst pädagogische Kindheitsidylle
vollzieht sich gleich am Anfang des Textes: In dieser
Modellkindheitsstätte - in dem Dorf - erklärt ein,
natürlich, gutmütiger und pädagogisch progressiver
Schulmeister eines "sonnenklaren Spätnachmittages"
die Heuferien, ohne den jubelnden Kindern eine Hausaufgabe
auf den Weg zu geben (!). Seine Gutmütigkeit wird
mehrmals im Text bestätigt, z.B. äußert er sich zu
seiner Frau: "Liebe Frau Salomea, das Beste am
Schulmeisterstand ist doch das Feriengeben."
(193), wonach er "stillvergnügt" eine Pfeife
raucht. Corrodi scherzt mit
dem Leser, spricht ihn direkt an (194) und bringt
eine vorgetäuschte, kokette Verwunderung über die
Haltung seines Helden zum Ausdruck: "War eben
ein eigentümlicher Mann, dieser alte Schulmeister
Lebrecht." (193).
Die Darstellung
der Personen beruht
hier auf einer Gegenüberstellung zweier gegensätzlicher
Charaktere. Dies dient erstens einer Stadt-Land-Polarisierung,
zweitens einer geschlechtsbedingten Temperament-
und Veranlagungsunterscheidung, die einen kinderliterarischen
Bruch mit der bisher geltenden Geschlechtscharaktertheorie
schafft.
Zuerst
schildert der Erzähler in einer Schulszene das intelligente
Kind Gretchen, "des Müllers lustiges Töchterchen,
das viel Vorrechte hatte, weil es das Geschickteste
war und zu oberst sass." (191) Ein Gegenbild
zu dem begabten Mädchen ist der verfressene und geistig
träge Junge, "der Hansjakobli, ein unendlich
dicker, fauler Junge, der immer zuhinterst am Offen
sass und eigentlich das ganze Jahr über Ferien hatte,
(…)." (192). Ein
anderer gegensätzlicher Charakter zum fleißigen
Gretchen ist Pfarrers Wilhelm, sonst auch sein guter
Freund und Spielbegleiter. Bereits
auf dem Weg nach Hause verliert er "alle Griffel
und das Rechenbuch", was seine Einstellung zur
Bildung manifestieren soll. Doch
dieser Junge wird trotz des mangelnden Bildungseifers
als ein durchaus sympathischer dargestellt. Diesem Zweck dient auch die freiwillige Behebung sozialer Unterschiede
zwischen den beiden Kindern, die sich durch Wilhelms
Missachtung des weißen Brots zu Hause und der Vorliebe
zur einfachen Speise der Müllerfamilie kundtut "…
und solches Schwarzbrot
wie das in der Mühle hatten sie zu Hause nicht, lauter
weisses, langweiliges, und das schwarze sei doch viel
besser, meinte Wilhelm." (194).
Als ein "Kind wie es sein soll" zeigt sich Wilhelm in der Konfrontation mit seinen Cousingeschwistern Hans und Berta, die in der Geschichte plötzlich
als Stadtbesuch auftauchen. Die Stadt- und Landkinder
werden nicht schwarz-weiß gezeichnet. Der Erzähler
macht erneut eine Unterscheidung zwischen dem sozialen,
munteren, flotten, aktiven, hilfsbereiten und sympathischen
Mädchen Berta ("Die Kleine Berta ist viel beweglicher.
Sie isst merkwürdigerweise sehr wenig, …", S.
198) und ihrem als verfressen, karikaturreif dargestellten
Bruder, dem dickem, "sehr schwerfälligen, schweigsamen
und langweiligen" Hans: "…, denn in diesem
Augenblick sieht er mit dem Butterbrot, geschwollenen
Backen und den grossen, wasserblauen Augen in dem
grossen, blonden Kopf nichts weniger als darnach lüstern
aus, in der nächsten Zeit vom Tisch aufzustehen und
draussen herumzurennen." (198). Er wird zum Spottobjekt der Dorfkinder, die ihn den Stadtbub nennen und
über seine feine Strohkappe lachen (203). Corrodi
versucht durch die Gestalt Hans' die städtische Erziehungsmethode
zu karikieren und über sie den Stab zu brechen, indem
er sein tollpatschiges Verhalten im Wald zu einer
komischen Szene entwickelt und indem er Wilhelm
die Gesellschaft der Dorfkinder als interessanterer
empfinden lässt: "Wilhelm wäre lieber allein
gewesen und mit den Dorfkindern herumgerannt, die
verstand er viel besser als die verwöhnten Stadtkinder."
(199) Ebenfalls Berta kann ebenfalls zu Anfang der
Geschichte dem Dorfkind Gretchen nicht das Wasser
reichen: "Die kleine Berta war zwar wild genug,
fast noch wilder als Gretchen, aber sie hatte einen
grossen Fehler, sie wollte immer recht haben. Das war auch langweilig." (199). Der Autor
war sich natürlich vollkommen dessen bewusst, dass
sein Zielpublikum Stadtkinder sind, er erlaubt sich
auch nicht einen konsequenten Spott über ihre Vertreter.
Im Laufe der Geschichte macht das Geschwisterpaar
eine Metamorphose durch und wandelt sich in soziale,
spielaktive Wesen. Corrodi lässt
zwar keine Wunder geschehen, er demütigt aber die
Stadtkinder nicht weiter, lässt sie mit den Dorfkindern
kommunizieren lernen. Diese machen es auch den Stadtkindern
nicht besonders schwer, sich in die Gemeinschaft zu
integrieren. Corrodi zeigt gekonnt Gruppendynamik in den Beschreibungen von Kontakten
unter den Kindern, die Bilder bekommen einen besonderen
Wert durch die dokumentierte Kinderfolklore mit
Abzählreimen und Gelegenheitsdichtung.
Was unmodern
an Corrodis Bericht über die Kindheitswelt eines Schweizer
Dorfes zu sein scheint, ist die Legitimation der
Prügelstrafe. Wilhelm bekommt sie von seinem Vater
nach der zerstörerischen Attacke auf das Glasfenster
eines abgelegenen Waschhauses. Der Autor beschreibt
das Vorkommnis als eine logische Konsequenz der üblen Tat und lässt darüber keine Zweifel aufkommen, das Ganze erscheint zuerst pädagogisch-wertvoll und geht nachher
ins "Lustig" über.
Die kindlichen
Aktivitäten während der Ferien sind immer auf den
Nahrungserwerb ausgerichtet. Corrodi
wird wohl selber ein Feinschmecker gewesen sein, weil
die Attraktivität der Kinderspiele auch in den anderen
Dorfgeschichten durch den kulinarischen
Genuss bestimmt wird.
So enden die meisten Spiele mit einem Fisch-
oder Früchteverzehr, der zum Rang eines Festes oder
sogar Rituals erhoben wird. Der Näscherei, die auch
Stadtkinder mitzelebrieren, zeigt wiederholt die besondere
Qualität des Dorfes: Es bietet eine Möglichkeit, mühelos
und auf eine spielerische Art in Genuss von Köstlichkeiten
zu kommen; Spiel und attraktives Essen kommen von
der Natur. Das naturnahe Leben
ist ein Vorteil der Dorfkinder gegenüber den Stadtkindern,
es macht sie lustig, munter, gesund und intelligent.
Kinder, die in ihrem Alltag über keinen direkten Kontakt zur Natur verfügen,
gelten hier schlicht und einfach als langweilig.
Corrodi schafft in diesem Text eine Gradwanderung zwischen einer Verspottung
seiner (städtischen) Leser und der Lobpreisung der
ländlichen Arkadis, derer auf die Städter ausgerichteter Werbungszweck
nicht zu übersehen ist.
Es werden
jegliche Argumente zu Hilfe gezogen, mit einigen sollen
geschickt auch die impliziten Mitleser, die Vermittler
des kinderliterarischen Werkes angesprochen werden,
insbesondere die Eltern; ihnen wird nämlich vor Augen
geführt, zu welchen pädagogischen und gesundheitlichen
Wundern eine ländliche Kindheitsstätte führt. Obwohl
Corrodis Dorfgeschichten eine spezifische Kinderliteratur,
also für Kinder eigens hervorgebrachte Literatur sind,
kann man sie ebenfalls als doppeltadressierte KJL
auffassen, weil sie versteckte Botschaften an die
impliziten Leser richtet. Der
Inhalt dieser Botschaft lautet schlicht und einfach:
Lass dein Kind auf dem Lande aufwachsen, es wird ihm
gut bekommen.
Die Kindheitsbilder in Corrodis Werk werden von Geborgenheit,
Heiterkeit und Idylle gekennzeichnet. Der muntere
Kinderfreund Corrodi kann heute im gewissen Sinne
als Schweizer Vorläufer Astrid Lindgrens gelesen werden,
weil er den Kindern autarke Spielräume eröffnet,
wo sie fern und ungestört von den Erwachsenen das
freie Zusammensein mit der Natur und damit eine unbeschwerte
Kindheit genießen dürfen. Dieses
¦uvre ist ein antiindustrielles Manifest, mit dem
ein moderner Kindheitsmythos auf eine bahnbrechende
Weise zur Geltung kommt. Diesen Mythos kreierten gleichermaßen
Visionen Rousseaus wie der dekadenten Intellektuellen
proletarischer Herkunft; er bildet einen unübersehbaren
Faden durch die Moderne, denn er erwuchs aus der Sehnsucht
nach einem im Zuge der Modernisierung verlorenen
Paradies, das man nur noch in idyllischen Kindheitsbildern
festzuhalten glaubt. So machen
die Kindheitsbilder in Dorfgeschichten des Humoristen
Corrodi die Form jenes Mythos aus, und ihr Sinn lässt
eine ländliche Kindheit als eine glückliche Enklave
des Nicht-Industrialisierten erscheinen. Angesichts
der damals in Europa rasant fortschreitenden ökonomischen
Umwandlung und der mit ihr verbundenen massenhaften
Binnenmigration der Landbevölkerung in die Städte,
zusätzlich auch angesichts der neuen, sich gerade
kristallisierenden gesellschaftlichen Struktur des
westlichen Europa neigten viele zeitgenössischen Autoren
dazu, (bei einer solchen Form- und Sinnkonfiguration
eines literarischen Mythos) die idyllischen Kindheitsvisionen
dieser Art als Bilder einer Kindheit auf der Insel
des vorigen Tages zu entwerfen. Es ist ein forschungsrelevantes
literarisches Phänomen, das in der Kinder- und Jugendliteratur
bis heute in einem imposanten Ausmaß erkennbar ist.
Bibliographie
Corrodi, Wilhelm August: Vorwort. Von einem Kinderfreunde aus der Schweiz. In:
Karl Simrock: Das deutsch Kinderbuch. Altherkömmliche Reime, Lieder, Erzählungen, Übungen, Räthsel und Scherze
für Kinder. 2.
Aufl. Frankfurt am Main, 1857. S. III-X.
Ewers, Hans-Heino: August Corrodi (1826-1885). Anmerkungen zu einem vergessenem schweizerischen
Kinderliteraten. In: Nebenan. Der Anteil der Schweiz an der deutschsprachigen Kinder-
und Jugendliteratur. Schweizerisches
Jugendbuch-Institut (Hrsg.). Zürich 1997, S. 159-172.
Ders.:
Literatur für Kinder und Jugendliche. Eine
Einführung. München 2000.
Ders.: Kinderliteratur der Spätromantik. In: Reiner Wild
(Hrsg.): Geschichte der deutschen Kinder- und Jugendliteratur.
Stuttgart, 1990. S.108-128.
Greyerz, Otto von: August Corrodi Kinderschriften. In:
ders.: Sprache, Dichtung, Heimat. Studien
Aufsätze und Vorträge über Sprache und Schrifttum
der deutschen Schweiz und der östlichen deutschen
Alpenländer. Bern, 1933. S. 374-391.
Ders.: Onkel Augusts Geschichtenbuch. Geschichten, Sagen, Märchen und Schwänke für
die Jugend von August Corrodi. Ausgewählt und herausgegeben
von Otto v. Greyerz. Winterthur, 1922.
Hunziker, Rudolf: August Corrodi in seinen Beziehungen
zu Eichendorff. In:
Goswina v. Berlepsch und Rudofl Hunziker: Über August
Corrodi. Neujahrsblatt der Stadtbibliothek Winterthur.
248. Stück. Winterthur, 1913. S. 3-17.
Pech, Klaus-Ulrich: Kinder- und Jugendliteratur vom Biedermeier
bis zum Realismus. Eine
Textsammlung. Stuttgart 1985.
Reinhard, Ewald: Joseph von Eichendorff und sein Freund
August Corrodi. In:
Aurora. Eichendorff-Almanach. Jahresgabe der Eichendorff-Stiftung
16 (1956), S. 52-55.
Stuck, Elisabeth: Die Schauspieltruppe im
Text. Komödien für Kinder und
Jugendliche in der Schweizer Literatur des 19. Jahrhunderts.
In: Ewers, Hans-Heino u.a.
(Hrsg.): Kinder- und Jugendliteraturforschung. 2000/2001.
S. 24-41.