Orbis Linguarum

Orbis Linguarum


Orbis
Aktuell
Diskussion
Suche
Archiv
Register
Redaktion

Bestellung

Impressum

Download dieses Dokuments als pdf-Datei
Diskutieren Sie mit Kollegen über diesen Artikel im Forum.
Orbis Linguarum Vol. 24/2004

Kinga Czuchraj

Wrocław

"Der erste Humorist unter den Jugendschriftstellern"

Zu Kindheitsbildern im kinderliterarischen Werk Wilhelm August Corrodis (1826-1885) am Beispiel der Dorfgeschichte Was des Pfarrers Wilhelm während der Sommerferien erlebte

Als Otto von Greyerz den Winterthurer Zeichenlehrer August Corrodi zum "ersten Humoristen unter den Jugendschriftstellern" ernannte und dabei konstatierte, dass Heiterkeit die "Grundbestimmung seiner Kinderbücher und Grundeigenschaft seines eigenen Wesens" sei,[1] initiierten er und Rudolf Hunziker in Winterthur eine Wiederentdeckung des vergessenen Schweizer Kinderbuchautors und -illustrators.

Über 30 Jahre nach Corrodis Tod, zwischen 1910 und 1940, erschien eine Reihe von Beiträgen über ihn, unter denen die wichtigsten der Lokalforschung in Winter­thur zu verdanken sind. Bis dahin wurde sein Werk in fast keiner kinderliteratur­historischen Arbeit erwähnt, dies geschah erst nach dem 2. Weltkrieg bei Irene Dyhrenfurth oder Carmen Bravo-Villasante. Auch dann tauchte sein Name in den wichtigsten Arbeiten zur KJL nicht auf, bis Reiner Wild 1990 in der "Geschichte der deutschen Kinder- und Jugendliteratur" Corrodis famoses Vorwort zur Sim­rockschen Sammlung volkstümlicher Kinderreime besprach. Ein Durchbruch kam 1995 mit dem Beitrag Hans-Heino Ewers', der auf die Forschungslücken im Falle Corrodis hinweist und eine neue glorifizierende Typologisierung des vergessenen Kinderbuchautors unternimmt[2]. O. v. Greyerz und besonders H.H. Ewers vollzogen eine Stil-, Gattungs- und Motivuntersuchung, deren Ergebnisse Corrodi vor allem als einen kommunikativen Erzähler klassifizierten; stellten ihn also in dieser Hin­sicht auf gleiche Höhe mit Erich Kästner. Damit wurde das Moderne an dem Schweizer Kinderbuchautor auf den Punkt gebracht.

Modern nimmt sich seine Einstellung zur Kindheit und zu Kindern als Zuhörern seiner Geschichten bzw. Adressaten seiner literarischen Botschaften aus. Corrodi steht in der Tradition der romantischen Wert-, ja Hochschätzung von Kindheit, ohne deren Hypertrophie zu teilen. Er redet zu Kindern ohne Herablassung, weil er sich selbst auf einer Höhe mit ihnen wähnt, und glaubt von ein und derselben Sinnesart zu sein.[3]

Obwohl Corrodi heutzutage bereits als eine "Lichtgestalt der deutschsprachigen Kinderliteratur"[4] anerkannt ist, steht er immer noch auf der Warteliste der kinder­literarischen Forschung.

Nicht weniger untersuchungswert als sein signifikanter Erzählstil zeigen sich die im Corrodis Werk geschilderten Kindheitswelten. Sie ähneln denen einer Astrid Lindgren, mit dem Unterschied, dass sie sich nahezu ein Jahrhundert früher abspie­len. Es ist von Bedeutung, jene Kinderwelten unter die Lupe zu nehmen, da sie Trä­ger einer Botschaft sind, mit der sich die moderne industrielle wie auch die Dienst­leistungsgesellschaft sehr offen konfrontiert sieht.

Vita des Autors

August Wilhelm Corrodi (1826-1885) kam als Pfarrerssohn in Zürich zur Welt.[5] Seine Kindheit verbrachte er in einer Schweizer Mittelgebirgslandschaft, in Töss, später auch in Winterthur. In Zürich besuchte er das Gymnasium und trat ein Theo­logiestudium an, das er dann in Basel abbrach. Sein eigentliches Interesse galt der Kunst, so fing er 1847 in München an der Kunstakademie mit der Malerausbildung an. Dort widmete er sich einer intensiven Lektüre Jean Pauls und Joseph Eichen­dorffs. Inspiriert durch das Werk Eichendorffs schrieb er seine ersten Gedichte. Corrodi erwählte den schlesischen Dichter zu seinem literarischen Ziehvater und stand 5 Jahre in Briefkontakt mit ihm.[6]

Die erste Publikation Corrodis waren die 1853 in Kassel publizierten Lieder. Ein Liederbuch schickte der Autor auch an Eichendorff und teilte ihm mit, dass er sich nun auch der Kinderliteratur gewidmet hatte. Darauf reagierte Eichendorff voller Begeisterung, Corrodi habe Recht, "dass er sich aus der Philisterwelt der Altklugen an die unvergängliche und ewig poetische Kinderwelt wende, denn die Kinder sind geborene Poeten".[7] Das erste Kinderbuch erschien 1853 bei der Luck­hardschen Sortimentsbuchhandlung ebenfalls in Kassel, es waren "Ferientage auf Onkelschloß. Erzählungen und Bilder für Mädchen und Knaben von 7-12 Jahren." Ihre zweite Auflage brachte 1861 Flemming in Glogau aus.

Insgesamt erschienen 3 Werke für erwachsene Leser und 27 Kinderbücher (da­von 2 Titel doppelt, weil zwei Lustspiele auch in Schweizer Mundart herausgege­ben wurden).

Ab 1855 begann die fruchtbarste, zehnjährige Phase seines Schaffens, in der 12 Kinderbücher und separate kinderliterarische Beiträge entstanden. Das Münchner Studium brachte Corrodi keinen beruflichen Erfolg, so musste er 1856 in den Hei­matort Töss zurückkehren und seine Verlobung lösen.

Obwohl er seit 1854 in St. Gallen als Dessinateur und freier Schriftsteller lebte, bekam er erst 1862 in Winterthur eine feste Einstellung, wo er bis 1881 als Zeichen­lehrer an der höheren Stadtschule tätig war. Sowohl in St. Gallen als auch in Win­terthur verkehrte er in Häusern, in denen er als Onkel August die Kinder mit seinen Geschichten unterhielt.

Sein Leben verlief nach Ewers in folgenden Stufen: bildender Künstler, roman­ti­scher Poet, kinderliterarischer Erzähler, Illustrator (er illustrierte viele seiner Bücher selbst), Bilderbuchkünstler, festeingestellter Lehrer.

Bevor die Beziehung zwischen ihm und Eichendorff abbrach, fing Corrodi an, sich der Mundart zuzuwenden, schrieb Dialektepen, übertrug auch Platus und Burns ins Schweizerdeutsch.

Die Spuren der Begeisterung für die Romantik sind dennoch in Corrodis Werk nicht zu übersehen, er bedient sich in vielen seiner Texten romantischer Topoi, mit denen er spielerisch eine Erlebnistour durch die Natur für die Stadtkinder veran­stal­tet. Obwohl er manche Texte hektisch verfasste, lassen viele seiner Stilelemente unter ihnen Meisterstücke erkennen.

Corrodi starb 1885, in Zürich und es dauerte eine lange Zeit, bis sich einer der späteren Jugendschriftsteller wieder mutig genug zeigte, als ein munterer Plauderer seine kindlichen Leser in der Manier des "Onkel August" ohne jegliche didaktische Intentionen mit lustigen, vereinzelt absurden Streichen und Geschichten zu unter­halten.

Kindergestalten und Kindheitsbild in Was des Pfarrers Wilhelm während der Sommerferien erlebte[8]

Die Dorfgeschichte "Was des Pfarrers Wilhelm während der Sommerferien er­leb­te" erschien 1857 im Band "Aus jungen Tagen. Geschichten und Bilder" (Stuttgart) als Corrodi bereits eine Entwicklung von einem gescheiterten Romantiker, über einen Kinderbuchautor, der den Motivschatz der Romantik entmachtet,[9] hin zu einem poetischen Realisten aufwies. Seine literarischen Bilder enthielten damals keine romantischen Topoi mehr, deren Existenzrecht im Kinderbuch durch unter­haltende Funktion berechtigt wurde. Sie schlagen aber auch keinen Bogen um die Ästhetik des Biedermeiers, der sie Gemütlichkeit, stilles Glück und Vertrautheit der sich in einer Naturkulisse abspielenden Familienszenen entnehmen.

Der Handlungsort ist bei Corrodi zumeist irgendwo in der Schweiz, auf dem Lande, außerhalb des Industrialisierten situiert. Er zeigt sich heiter und idyllisch, beinahe im Sinne einer Sentimentalität der Jahrhundertwende, die die ländlichen Kindheitsorte mit ideologischen Verzehrungen und mit einem reichlichen Einsatz des Erinnerungsweihrauchs zum Status einer literarischen Arkadis erhebt. Corrodi wagt das Experiment des poetischen Realismus' und lässt seine Protagonisten ihre Kindheit in Stätten vom Schlage eines Seldwylla erleben, die bloß ärmer um die sozialkritischen Aspekte sind; sie tendieren sehr stark in Richtung des Idyllischen.

Die Idylle in der Kinder- und Jugendliteratur jener Zeit kommt selten als eine poetisch kohärente Gattung vor, der Texttypus hat zum Gegenstand der Handlung ein Idyll, ein friedliches, einfaches Leben in der Häuslichkeit einer ländlichen Ab­geschiedenheit. So eine "idyllische" Kindheit bleibt von der sozialen Misere der Zeit ungetrübt, und ihr ideologisch-ästhetischer Ursprung ist in dem durch die Mo­dernisierungsschube binnen der industriellen Gesellschaft bewirkten Menta­litäts­wandel zu suchen. Das ästhetische Bedürfnis nach einer Idylle setzt in der KJL be­reits früher ein. Seine Genese erklärt man in der Forschung folgendermaßen:

Nicht nur die Romantiker, auch die Autoren der Biedermeierzeit fühlen die stärker werdenden Polarisierungen bei der Lebensauffassung, die Zerrissenheit zwischen Rationalität und subjektivem Empfinden, zwischen Vereinzelung und Geborgenheit in der Gemeinschaft, zwischen Zivilisation und Natur. Sie entwickeln dabei eine mit Sorgfalt kultivierte Instanz, die zwischen diesen Polen vermittelt: die Idylle. Sie er­möglicht den zeitweisen Ruckzug vom Tagesgeschäft, ohne dies zu vernachlässigen, sie ist naiv und einfach im Gegensatz zur Kompliziertheit des sozialen und politi­schen Lebens, sie ist gefühlvoll und intellektfern, ohne jedoch voll Pathos und Ex­zessivität den ganzen Menschen für sich zu verlangen. Man liebt die Natur, weil sie den Normen und Konventionen der Zivilisation so fern steht, ohne jedoch eigene Ansprüche zu erheben. Und insbesondere das Leben der Kinder, die Kindheit, hält man für idyllisch, so dass die Kinderliteratur in den verschiedensten Gattungen ver­sucht, diese Idylle wiederzugeben.[10]

Eine auf diese Art und Weise begriffene Kindheit wird in Corrodis Dorfge­schich­ten für Kinder zur Staffage der Handlung. Corrodis Kinderwelten, obwohl realis­tisch geschildert, oszillieren sehr selten zwischen sozialen Extremen einer Realität des industriellen Kapitalismus. Schweizer Kinderliteratur bekommt ihre bekann­testen realistischen Bilder einer Kinderarmut, die auch eine handlungsrelevante Rolle spielt, erst mit den Erzählungen Johanna Spyris, von denen der Romanzyklus Heidi eine Ausnahme bildet.[11]

In dem zu untersuchenden Text spielt sich die Kindheit der Protagonisten in einem Dorf ab, das ausschließlich von agrarischen Strukturen geprägt wird. Seine Bezüge zur Stadt sind auf ein Minimum reduziert und kommen lediglich zum Vor­schein, wenn der Pfarrer einen Stadtbesuch in der Sommerferienzeit bekommt. Das Dorf wird zu einer ruhigen, heiteren, an Abenteuern und jeglichen Naturattrak­tio­nen reichen Kindheitsstätte stilisiert. Diese Attribute werden durch die Pläne der Kinder für die Ferien unterstrichen: "Na, und dann machen wir noch allerlei, wir gehen spazieren, gehen in euern Garten, in den Wald und ins Dorf (…) Es ward 'Fangen' ausgemacht." (195) Das Dorf wird als ein Idyll arrangiert, aus dem die traurigen Aspekte der sozialen Lage eines Schweizer Dorfes jener Zeit ausgesperrt wurden.[12] Der Einstieg in eine zuvörderst pädagogische Kindheitsidylle vollzieht sich gleich am Anfang des Textes: In dieser Modellkindheitsstätte - in dem Dorf - erklärt ein, natürlich, gutmütiger und pädagogisch progressiver Schulmeister eines "sonnenklaren Spätnachmittages" die Heuferien, ohne den jubelnden Kindern eine Hausaufgabe auf den Weg zu geben (!). Seine Gutmütigkeit wird mehrmals im Text bestätigt, z.B. äußert er sich zu seiner Frau: "Liebe Frau Salomea, das Beste am Schulmeisterstand ist doch das Feriengeben." (193), wonach er "stillvergnügt" eine Pfeife raucht. Corrodi scherzt mit dem Leser, spricht ihn direkt an (194) und bringt eine vorgetäuschte, kokette Verwunderung über die Haltung seines Helden zum Ausdruck: "War eben ein eigentümlicher Mann, dieser alte Schulmeister Leb­recht." (193).

Die Darstellung der Personen beruht hier auf einer Gegenüberstellung zweier ge­gensätzlicher Charaktere. Dies dient erstens einer Stadt-Land-Polarisierung, zwei­tens einer geschlechtsbedingten Temperament- und Veranlagungsunterscheidung, die einen kinderliterarischen Bruch mit der bisher geltenden Geschlechts­charakter­theorie schafft.

Zuerst schildert der Erzähler in einer Schulszene das intelligente Kind Gretchen, "des Müllers lustiges Töchterchen, das viel Vorrechte hatte, weil es das Geschick­teste war und zu oberst sass." (191) Ein Gegenbild zu dem begabten Mädchen ist der verfressene und geistig träge Junge, "der Hansjakobli, ein unendlich dicker, fauler Junge, der immer zuhinterst am Offen sass und eigentlich das ganze Jahr über Ferien hatte, (…)." (192). Ein anderer gegensätzlicher Charakter zum flei­ßi­gen Gretchen ist Pfarrers Wilhelm, sonst auch sein guter Freund und Spielbegleiter. Bereits auf dem Weg nach Hause verliert er "alle Griffel und das Rechenbuch", was seine Einstellung zur Bildung manifestieren soll. Doch dieser Junge wird trotz des mangelnden Bildungseifers als ein durchaus sympathischer dargestellt.[13] Die­sem Zweck dient auch die freiwillige Behebung sozialer Unterschiede zwischen den beiden Kindern, die sich durch Wilhelms Missachtung des weißen Brots zu Hause und der Vorliebe zur einfachen Speise der Müllerfamilie kundtut "… und solches Schwarzbrot wie das in der Mühle hatten sie zu Hause nicht, lauter weisses, langweiliges, und das schwarze sei doch viel besser, meinte Wilhelm." (194).

Als ein "Kind wie es sein soll" zeigt sich Wilhelm in der Konfrontation mit seinen Cousingeschwistern Hans und Berta, die in der Geschichte plötzlich als Stadt­be­such auftauchen. Die Stadt- und Landkinder werden nicht schwarz-weiß gezeich­net. Der Erzähler macht erneut eine Unterscheidung zwischen dem sozialen, mun­teren, flotten, aktiven, hilfsbereiten und sympathischen Mädchen Berta ("Die Klei­ne Berta ist viel beweglicher. Sie isst merkwürdigerweise sehr wenig, …", S. 198) und ihrem als verfressen, karikaturreif dargestellten Bruder, dem dickem, "sehr schwerfälligen, schweigsamen und langweiligen" Hans: "…, denn in diesem Au­genblick sieht er mit dem Butterbrot, geschwollenen Backen und den grossen, was­serblauen Augen in dem grossen, blonden Kopf nichts weniger als darnach lüstern aus, in der nächsten Zeit vom Tisch aufzustehen und draussen herumzu­rennen." (198). Er wird zum Spottobjekt der Dorfkinder, die ihn den Stadtbub nennen und über seine feine Strohkappe lachen (203). Corrodi versucht durch die Gestalt Hans' die städtische Erziehungsmethode zu karikieren und über sie den Stab zu brechen, indem er sein tollpatschiges Verhalten im Wald zu einer komischen Szene ent­wickelt und indem er Wilhelm die Gesellschaft der Dorfkinder als interessanterer empfin­den lässt: "Wilhelm wäre lieber allein gewesen und mit den Dorfkindern herumge­rannt, die verstand er viel besser als die verwöhnten Stadtkinder." (199) Ebenfalls Berta kann ebenfalls zu Anfang der Geschichte dem Dorfkind Gretchen nicht das Wasser reichen: "Die kleine Berta war zwar wild genug, fast noch wilder als Gret­chen, aber sie hatte einen grossen Fehler, sie wollte immer recht haben. Das war auch langweilig." (199). Der Autor war sich natürlich vollkommen dessen bewusst, dass sein Zielpublikum Stadtkinder sind, er erlaubt sich auch nicht einen konse­quenten Spott über ihre Vertreter. Im Laufe der Geschichte macht das Geschwister­paar eine Metamorphose durch und wandelt sich in soziale, spielaktive Wesen. Corrodi lässt zwar keine Wunder geschehen, er demütigt aber die Stadtkinder nicht weiter, lässt sie mit den Dorfkindern kommunizieren lernen. Diese machen es auch den Stadtkindern nicht besonders schwer, sich in die Gemeinschaft zu integrieren. Corrodi zeigt gekonnt Gruppendynamik in den Beschreibungen von Kontakten unter den Kindern, die Bilder bekommen einen besonderen Wert durch die doku­men­tierte Kinderfolklore mit Abzählreimen und Gelegenheitsdichtung.

Was unmodern an Corrodis Bericht über die Kindheitswelt eines Schweizer Dor­fes zu sein scheint, ist die Legitimation der Prügelstrafe. Wilhelm bekommt sie von seinem Vater nach der zerstörerischen Attacke auf das Glasfenster eines abgele­ge­nen Waschhauses. Der Autor beschreibt das Vorkommnis als eine logische Konse­quenz der üblen Tat und lässt darüber keine Zweifel aufkommen, das Ganze er­scheint zuerst pädagogisch-wertvoll und geht nachher ins "Lustig" über.

Die kindlichen Aktivitäten während der Ferien sind immer auf den Nahrungs­er­werb ausgerichtet. Corrodi wird wohl selber ein Feinschmecker gewesen sein, weil die Attraktivität der Kinderspiele auch in den anderen Dorfgeschichten durch den kulinarischen Genuss bestimmt wird.[14] So enden die meisten Spiele mit einem Fisch- oder Früchteverzehr, der zum Rang eines Festes oder sogar Rituals erhoben wird. Der Näscherei, die auch Stadtkinder mitzelebrieren, zeigt wiederholt die be­sondere Qualität des Dorfes: Es bietet eine Möglichkeit, mühelos und auf eine spie­lerische Art in Genuss von Köstlichkeiten zu kommen; Spiel und attraktives Essen kommen von der Natur. Das naturnahe Leben ist ein Vorteil der Dorfkinder gegen­über den Stadtkindern, es macht sie lustig, munter, gesund und intelligent. Kinder, die in ihrem Alltag über keinen direkten Kontakt zur Natur verfügen, gelten hier schlicht und ein­fach als langweilig. Corrodi schafft in diesem Text eine Gradwan­derung zwischen einer Verspottung seiner (städtischen) Leser und der Lobpreisung der ländlichen Arkadis, derer auf die Städter ausgerichteter Werbungszweck nicht zu übersehen ist.

Es werden jegliche Argumente zu Hilfe gezogen, mit einigen sollen geschickt auch die impliziten Mitleser, die Vermittler des kinderliterarischen Werkes ange­sprochen werden, insbesondere die Eltern; ihnen wird nämlich vor Augen geführt, zu welchen pädagogischen und gesundheitlichen Wundern eine ländliche Kind­heitsstätte führt. Obwohl Corrodis Dorfgeschichten eine spezifische Kinderli­tera­tur, also für Kinder eigens hervorgebrachte Literatur sind, kann man sie ebenfalls als doppeltadressierte KJL auffassen, weil sie versteckte Botschaften an die impli­ziten Leser richtet. Der Inhalt dieser Botschaft lautet schlicht und einfach: Lass dein Kind auf dem Lande aufwachsen, es wird ihm gut bekommen.

Die Kindheitsbilder in Corrodis Werk werden von Geborgenheit, Heiterkeit und Idylle gekennzeichnet. Der muntere Kinderfreund Corrodi kann heute im gewissen Sinne als Schweizer Vorläufer Astrid Lindgrens gelesen werden, weil er den Kin­dern autarke Spielräume eröffnet, wo sie fern und ungestört von den Erwachsenen das freie Zusammensein mit der Natur und damit eine unbeschwerte Kindheit ge­nießen dürfen. Dieses ¦uvre ist ein antiindustrielles Manifest, mit dem ein moder­ner Kindheitsmythos auf eine bahnbrechende Weise zur Geltung kommt. Diesen Mythos kreierten gleichermaßen Visionen Rousseaus wie der dekadenten Intel­lek­tuellen proletarischer Herkunft; er bildet einen unübersehbaren Faden durch die Moderne, denn er erwuchs aus der Sehnsucht nach einem im Zuge der Moderni­sie­rung verlorenen Paradies, das man nur noch in idyllischen Kindheitsbildern fest­zuhalten glaubt. So machen die Kindheitsbilder in Dorfgeschichten des Humoristen Corrodi die Form jenes Mythos aus, und ihr Sinn lässt eine ländliche Kindheit als eine glückliche Enklave des Nicht-Industrialisierten erscheinen. Angesichts der damals in Europa rasant fortschreitenden ökonomischen Umwandlung und der mit ihr verbundenen massenhaften Binnenmigration der Landbevölkerung in die Städ­te, zusätzlich auch angesichts der neuen, sich gerade kristallisierenden gesell­schaft­lichen Struktur des westlichen Europa neigten viele zeitgenössischen Autoren dazu, (bei einer solchen Form- und Sinnkonfiguration eines literarischen Mythos) die idyllischen Kindheitsvisionen dieser Art als Bilder einer Kindheit auf der Insel des vorigen Tages zu entwerfen. Es ist ein forschungsrelevantes literarisches Phäno­men, das in der Kinder- und Jugendliteratur bis heute in einem imposanten Ausmaß erkennbar ist.

Bibliographie

Corrodi, Wilhelm August: Vorwort. Von einem Kinderfreunde aus der Schweiz. In: Karl Simrock: Das deutsch Kinderbuch. Altherkömmliche Reime, Lieder, Erzählungen, Übungen, Räthsel und Scherze für Kinder. 2. Aufl. Frankfurt am Main, 1857. S. III-X.

Ewers, Hans-Heino: August Corrodi (1826-1885). Anmerkungen zu einem vergessenem schweizerischen Kinderliteraten. In: Nebenan. Der Anteil der Schweiz an der deutsch­spra­chigen Kinder- und Jugendliteratur. Schweizerisches Jugendbuch-Institut (Hrsg.). Zürich 1997, S. 159-172.

Ders.: Literatur für Kinder und Jugendliche. Eine Einführung. München 2000.

Ders.: Kinderliteratur der Spätromantik. In: Reiner Wild (Hrsg.): Geschichte der deut­schen Kinder- und Jugendliteratur. Stuttgart, 1990. S.108-128.

Greyerz, Otto von: August Corrodi Kinderschriften. In: ders.: Sprache, Dichtung, Hei­mat. Studien Aufsätze und Vorträge über Sprache und Schrifttum der deutschen Schweiz und der östlichen deutschen Alpenländer. Bern, 1933. S. 374-391.

Ders.: Onkel Augusts Geschichtenbuch. Geschichten, Sagen, Märchen und Schwänke für die Jugend von August Corrodi. Ausgewählt und herausgegeben von Otto v. Greyerz. Win­terthur, 1922.

Hunziker, Rudolf: August Corrodi in seinen Beziehungen zu Eichendorff. In: Goswina v. Berlepsch und Rudofl Hunziker: Über August Corrodi. Neujahrsblatt der Stadtbibliothek Winterthur. 248. Stück. Winterthur, 1913. S. 3-17.

Pech, Klaus-Ulrich: Kinder- und Jugendliteratur vom Biedermeier bis zum Realismus. Eine Textsammlung. Stuttgart 1985.

Reinhard, Ewald: Joseph von Eichendorff und sein Freund August Corrodi. In: Aurora. Eichendorff-Almanach. Jahresgabe der Eichendorff-Stiftung 16 (1956), S. 52-55.

Stuck, Elisabeth: Die Schauspieltruppe im Text. Komödien für Kinder und Jugendliche in der Schweizer Literatur des 19. Jahrhunderts. In: Ewers, Hans-Heino u.a. (Hrsg.): Kin­der- und Jugendliteraturforschung. 2000/2001. S. 24-41.



[1] Greyerz, Otto von: August Corrodi Kinderschriften. In: ders.: Sprache, Dichtung, Heimat. Studien Aufsätze und Vorträge über Sprache und Schrifttum der deutschen Schweiz und der östlichen deutschen Alpenländer. Bern, 1933. S. 379

[2] Ewers, Hans-Heino: August Corrodi (1826-1885). Anmerkungen zu einem vergessenem schweizerischen Kinderliteraten. In: Nebenan. Der Anteil der Schweiz an der deutsch­sprachigen Kinder- und Jugendliteratur. Schweizerisches Jugendbuch-Institut (Hrsg.). Zü­rich 1997

[3] Ewers, 1997. S. 170

[4] Ewers, Hans-Heino: Eine Lichtgestalt deutschsprachiger Kinderliteratur. Der Züricher Maler und Schriftsteller August Corrodi. In: NZZ, Nr. 1. 07.07.99. S. 63

[5] Die biographischen Angaben zu Corrodi entstammen Otto von Greyerz, 1933, Ewers, 1997.

[6] Dazu s.a..: Hunziker, Rudolf: August Corrodi in seinen Beziehungen zu Eichendorff. In: Gos­witha v. Berlepsch und Rudolf Hunziker: Über August Corrodi. Neujahrsblatt der Stadt Winterthur. Winterthur 1913, S. 3-17.

[7] Hunziker, 1913. S. 10.

[8] Alle Zitate aus "Was Pfarrers Wilhelm während der Sommerferien erlebte" von W.A. Cor­rodi wurden der folgenden Ausgabe entnommen: O. v. Greyerz: Onkel Augusts Ge­schichtenbuch. Geschichten, Sagen, Märchen und Schwänke für die Jugend von August Corrodi. Ausgewählt und herausgegeben von Otto v. Greyerz. Winterthur, 1922. S. 126-161. Die Erzählung wurde dem Band entnommen: "Aus jungen Tagen. Geschichten und Bilder". Stuttgart, 1857.

[9] S.a. Ewers, 1997.

[10] Pech, Klaus-Ulrich: Kinder- und Jugendliteratur vom Biedermeier bis zum Realismus. Eine Textsammlung. Stuttgart 1985. S.12f.

[11] Dennoch wird den Werken dieser Autorin im Zuge des marxistischen Interpretations­an­sat­zes als realitätsfernen, reaktionären und verklärenden ihr literarischer Wert abge­spro­chen. Vergl. Doderer, Klaus: Heidi (Artikel. In: Doderer (Hrsg.): Lexikon der Kinder- und Jugendliteratur. Bd.1. Weinheim u.a. 1975, S. 533 f.

Doderer, Klaus; Ingrid Doderer: Johanna Spyris "Heidi" - Fragwürdige Tugendwelt in verklärter Wirklichkeit. In: Doderer, Klaus (Hrsg.): Klassische Kinder- und Jugend­bü­cher. Kritische Betrachtungen. 3. Aufl. Wienheim u.a. 1975, S. 121-134.

[12] Interessant ist, dass eine realistische Schilderung der sozialen Verhältnisse auf dem Schwei­zer Lande in einer Dorfgeschichte der polnischen Autorin des Positivismus unter­nommen wurde, s.: Maria Konopnicka: Miłosierdzie gminy.

[13] Wilhelm erinnert in seiner Attitüde zur Bildung und sonst auch in den erzieherischen Prob­lemen, die er bereitet, an den Protagonisten der Lausbubengeschichten Ludwig Thomas. Ein Lausbube als positiver Held in der KJL erreicht die Spitze seiner Popularität mit den Max-und-Moritz-Geschichten Wilhelm Buschs und bedeutet einen Bruch mit der Gestalt eines Musterknaben, die zentral für die Erzählung der didaktischen Tendenz des Bieder­meiers war. Er beweist erneut die These Ewers' der Modernität von Corrodis Kin­der­schriften. Der Musterknabe kommt mit den Emil-Romanen Erich Kästners zurück, kann aber nicht mehr ihre Großstadtorientierung und damit die moderne Aussage be­drohen.

[14] Vgl. z. B. "Marie und Wilhelm"

 

 
 
CopyrightIFG
Aktualisierung dieser Seite: