Henk J. Koning
Putten / Holland
E.T.A.
Hoffmann in Holland.
Neue Funde
Bei Recherchen zur Ödön von Horváth-Rezeption in
den Niederlanden wurden per Zufall neue Materialien zu
E.T.A. Hoffmann entdeckt. Die hier präsentierten Übersetzungen,
Rezensionen, Aufsätze und Berichte zu seiner Tätigkeit
als Musiker und Karikaturist sind Ergänzungen zu früheren
Arbeiten und werden so weit wie möglich chronologisch
vorgestellt.
Von eigentümlichem Reiz ist eine Übersetzung von Don Juan
in ,Kunstkronijk. Uitgegeven ter aanmoediging
en verspreiding der schoone kunsten' ('s Gravenhage
1843/44. Jg. 4, S. 18-20). Doppelspaltig wird in kleinen
eleganten Buchstaben der größte Teil des Hoffmannschen
Textes wiedergegeben. Obwohl einzelne Stellen zu frei
übersetzt wurden und das Gespräch des Mittags an
der Wirtstafel, als Nachtrag nicht vorkommt, muß die Übertragung gelobt werden: Die Kunstbegeisterung,
die präzise Beschreibung des Bühnenvorgangs und die
exaltierte Stimmung des Erzählers werden in einem
Niederländisch angeboten, das dem Hoffmannschen Stil
genau entspricht. Dessen gejagte Erzählweise wird
gut nachempfunden. Die Holzschnittarbeiten sind sorgfältig
ausgeführt und bestechen durch ihre Genauigkeit.
Vor dieser ausgezeichnet illustrierten Übersetzung
ist ein Artikel abgedruckt, der Jacques Callot in
begeisterten Worten vorstellt:
Man hat seine Erfindungsgabe reich und munter genannt,
aber diese Lobpreisung ist zu dürr; wenn es auch nur
wegen der erstaunlichen Produktivität der Phantasie
und auch erstaunlichen Meisterschaft der Technik wäre,
mit der er seine geistreichen Zeichnungen, wir wollen
nicht sagen, radierte, sondern durch die Radierung
hervorzauberte mit doppelter Wahrheit, verfeinertem
Scherz, erhöhter Ironie; [...] (S. 17)
Von diesem unbekannten Kunstkenner wird
das Werk Callots in treffenden Zügen charakterisiert,
wonach er sein Urteil über Callot abrundet mit Worten,
die E.T.A. Hoffmann über diesen Künstler ausgesprochen
hat. Unser Callot-Liebhaber und E.T.A. Hoffmann-Bewunderer
verbindet beide Künstler miteinander und weist auf
ihre Verwandtschaft hin:
Der bekannte deutsche geniale Romanschriftsteller
Hoffmann hat einen Band mit sogenannten Fantasiestücken
veröffentlicht, die die Aufschrift in Callots
Manier tragen, eine Aufschrift, die er selber
als eine Captatio benevolentiae erklärt für das fremde,
seltsame Gewand, in dem er die Gestalten des gewöhnlichen
Lebens in einem romantischen, fast märchenhaften Licht
auftreten läßt. Vor allem Callots Versuchung
des heiligen Antonius war Hoffmanns
Lieblingsbild, und er konnte sich sehr ergötzen an
dem Teufelchen, dessen Nase zu einem Gewehr ausgewachsen
ist, womit er unaufhörlich auf den frommen Klausner
anlegt. (S. 18)
Ob der Anonymus durch Callot auf E.T.A. Hoffmann
aufmerksam geworden ist, oder, ob das Umgekehrte der
Fall war, kann nicht geklärt werden. Es ist anzunehmen,
daß es sich hier um die erste Übersetzung von Don
Juan in niederländischer Sprache handelt.
Das renommierte, 1837 gegründete Literaturblatt
,De Gids', das bis auf den heutigen Tag ein offenes
Auge für die Weltliteratur hat, widmete auch im vorigen
Jahrhundert der deutschen Literatur Aufmerksamkeit. So bot Jahrgang 1898 (S. 538f.) eine
ausführliche Rezension von Notenkraker en Muizenkoning.
Die Übersetzung stammte von Clara de Voogt, die Zeichnungen
von dem Maler und Grafiker L.W.R. Wenckebach. Der
unbekannte Rezensent ist begeistert von dem Hoffmannschen
Märchen und denkt an seine Jugend, als er mit der
Übersetzung Jacob van Lenneps (1840) bekannt geworden
war. Die oft gestellte Frage, ob sich alles im Werkchen
wirklich so zugetragen habe oder von Phantasievorstellungen
gesprochen werden müsse, ist für die Kinder des Rezensenten
und für ihn selbst nicht zu beantworten:
[...] für kein Geld der Welt will ich das zarte
Spinnengewebe berühren, das Hoffmann als Brücke
zwischen Wirklichkeit und Fiktion gewoben hat. Persönlich
schwebe ich noch hin und wieder in jener Nußknackerwelt,
die van Lennep mir offenbarte - sind es vierzig, sind
es dreißig Jahre her? Ich weiß es nicht, denn ein
solches Buch liest man mit ebenso viel Freude in seinem
17. Jahr als man es hört in seinem 7. Jahr. (S. 538)
Der
Rezensent lobt den bildhaften Charakter des Märchens
und bewundert dessen Konstruktion:
So
allmählich gleitet das Märchen aus der Wirklichkeit
in Fiktion ab, so daß man nicht bemerkt, wo über die
Schwelle des Zauberlandes getreten wird. Und zumal
es auch so realistisch anmutet, wird man dieses Märchen
nie vergessen. (S. 538)
In
dem Musikblatt ,Caecilia' (1904. Jg. 61) wird in der
Rubrik ,Feuilleton' auf den Seiten 32 - 39 eine genaue
und sachkundige Übersetzung von Don Juan angeboten,
die von einem kurzen Vorwort begleitet wird, das E.T.A.
Hoffmanns Begabung im Bereich der Musik hervorhebt:
Außer als Dichter war er groß als Musikschriftsteller.
Er lebte in der Musik, die er bewunderte und schrieb
herrliche Gedanken darüber nieder. Musik war für ihn
nicht anders als Poesie, sie hatte für ihn denselben
Zweck. (S. 32)
Der
Kritiker, Literat und Zeichner Cornelis Veth hat sich
wiederholt über E.T.A. Hoffmann geäußert: erstmals
1905, als er eine dreiseitige Einleitung zu einer
niederländischen Übersetzung des goldnen Topfes
verfaßte, in der er dem Wesen E.T.A. Hoffmanns wenig
gerecht wurde. Merkwürdig, daß eine
solche Vorrede einer Übersetzung vorangeschickt wird,
die breitere Bevölkerungsschichten mit diesem Romantiker
von Rang bekannt machen wollte. Im zweiten Jahrgang
der Zeitschrift ,De Ploeg. Geïllustreerd maandblad
van de wereldbibliotheek' Amsterdam 1909/10, S.
303 - 315) kommt Veth zu ähnlichen wirren Aussagen:
Seine Phantasie verfällt oft in ein mit dem besten
Willen nicht anders als kindisch zu nennendes Interesse
für vulgären Aberglauben. Er versucht uns, mit der
Eloquenz einer besseren Sache würdig, mit den banalsten
Ammenmärchen zu ängstigen. Hexerei, Schauer grobster
Art, krankhafte, geschmacklose Detailbeschreibungen
perverser Neigungen und perverser Taten, eine ekelhafte und
im Grunde unkünstlerische Vorliebe für ungelöste
Probleme von Spuk und Somnambulekunststücken verdirbt
manche seiner feinst komponierten, witzigst geschriebenen
Erzählungen. (S. 303)
Veth
charakterisiert dann u.a. die 'Nachtstücke' Der
Sandmann und Das Majorat und lobt Nußknacker
und Mausekönig:
Und was für ein Darstellungsvermögen hat Hoffmanns
Phantasie, wenn er all das Spielzeug der Kinder in
dieser Geschichte beschreibt und beseelt! Andersen
ist daneben arm an Einbildung. (S. 307)
Trotz der gelegentlich
merkwürdigen Urteile zu einzelnen Werken kann Veth
seine Bewunderung für E.T.A. Hoffmann nicht unterdrücken:
Seine Märchen sind feiner, schöner, reicher als
die soviel berühmteren von Hauff [so?], künstlerischer
als die oft didaktischen und ärmeren von Andersen.
sind. Es ist eine psychologische Clairvoyance in ihm,
die seine phantastische Pantomime und Possenfiguren,
kapriziös und frappant und originell wie die Gestalten
von Breughel oder Jeroen Bosch oder Callot präsentiert,
[…] (S.314).
Veth,
der als Karikaturist einen Namen hatte, widmete in
der Rubrik ,Zeichnungen von Schriftstellern'
in dem illustrierten Volksblatt ,Eigen Haard' (1917.
Jg. 43, S. 82 - 84) E.T.A. Hoffmann und Robert Louis
Stevenson als Zeichner Aufmerksamkeit. Von E.T.A.
Hoffmann erwähnt er seine Illustrationen zu Das
fremde Kind und Nußknacker und Mausekönig,
dessen Selbstporträt und die Kreislerfigur. Er endet
mit den Worten:
Hoffmann ist also in seinen Zeichnungen kein Künstler
von besonderem Interesse, der neben den klugen Deutschen
seiner eigenen Zeit: Ramberg und Richter bestehen könnte; er ist ein Dilettant [so?], der
sich hübsch und anspruchslos auszudrücken weiß. (S.
83)
Ein ausführlicher Bericht zu E.T.A. Hoffmann erschien 1909 in dem illustrierten
Monatsheft ,Elsevier' (Jg. 19, S. 95-106). Der Kritiker
M.H. Leopold bietet eine biographische Skizze und
stellt E.T.A. Hoffmanns Oeuvre vor, wobei er eine
Vorliebe für Werke an den Tag legt, die Tierfiguren
aufweisen. Aufmerksamkeit wird E.T.A. Hoffmanns Königsberger
Jugendzeit gewidmet, seine Bamberger Jahre mit seiner
Liebe zu Julia Mark werden erwähnt und sein Einfluß
auf die französische Literatur betont. Obwohl Leopold
der Vielseitigkeit E.T.A. Hoffmanns gerecht wird und
seine Musikbegeisterung sowie sein Zeichentalent nennt,
muß die Grundtendenz seines Artikels als verfehlt
gelten und ist dieser Aufsatz wohl kaum imstande,
neue niederländische Leser für ihn zu gewinnen, zumal
er zum Schluß schreibt:
Hoffmann wußte, daß er keine Meisterwerke schaffen
konnte [so?]; ihm fehlten die Ruhe, die Besonnenheit,
die Heiterkeit des großen Künstlers. Sein scharfer
nordpreußischer Verstand sah vollkommen klar, daß
ihm der hohe Kothurn nicht paßte, daß nur die Allerhöchsten
Erhabenheit und würdevolle Pracht ertragen. [...]
Dieser geniale Dilettant hat seine Schreiberei auch
nie ganz ernst genommen.
Interesse bei Literaturfreunden erregte Der goldne Topf, denn
die 1915 von Karel Wasch gelieferte Übersetzung De
gouden vaas erlebte schon in dem Wochenblatt ,De
Amsterdammer' vom 15. Sept. 1912 eine Vorveröffentlichung:
die erste Vigilie wurde in einer guten Übersetzung
mit einer Illustration präsentiert. In ,Den Gulden
Winckel' vom 15. Nov. 1915 wird der Buchübersetzung
eine Spalte (Sp. 189f.) gewidmet und ein kluges Urteil
ausgesprochen, das das Wesen dieses Wirklichkeitsmärchens
skizziert. Jac. Bosch schreibt:
Der Dichter trachtet nach der Einheit von Symbol
und Leben um so die schöne Bewegung der Dichterseele
zu deuten, und wahrscheinlich hat er nicht gewußt,
daß er diesen Traum gerade dort gegeben hat, wo er
die 'nüchterne' Wirklichkeit beschrieb. Denn darin
gehen bei ihm die Personen mit würdevollen Gebärden
einher, fast primitiv: die hüpfende Kinderseele
Veronikas, Konrektor Paulmanns murmelnde Gutmütigkeit,
und Kanzleichef Heerbrand, der mit einer ruhigen Gebärde
alle törichten und wunderbaren Ereignisse an sich
abgleiten läßt, mit in seinem Lächeln das Wissen,
daß in dem Buch des Verstandes die Formeln zur Erklärung
zu finden sind. Die Beschreibung vom Leben dieser
Personen zeigt dabei die Dichter-Eigentümlichkeiten
des Anselmus'; und wenn nun einzige obenerwähnte kurze
Sätze uns plötzlich aus der Sphäre der Realität in
jene des Symbols versetzen, dann wird auf einen Augenblick
der goldene Traum des Dichters auch von uns geträumt.
Es
war ,Den Gulden Winckel', der 1922 (Nr. 6, S. 90 -
92) anläßlich von E.T.A. Hoffmanns hundertstem Todestag
äußerst knapp niederländische Bücherfreunde über sein
Werk informierte und dabei auf viele bisher unbekannte
Artikel hinwies. Sein Einfluß auf die englische und französische
Literatur wird genannt, seine geringe Wirkung auf
die niederländische beklagt. In der nächsten Nummer
von ,Den Gulden Winckel' wird auf den Seiten 97 und
98 der Musiker E.T.A. Hoffmann von W. Sibmacher Zynen
mit lobenden Worten erwähnt. Es kommt zur deutlichen
Charakterisierung von E.T.A. Hoffmanns Leistungen
auf musikalischem Gebiet wobei der große Einfluß der
Musik auf sein literarisches Werk hervorgehoben wird:
Der Geist der Musik ist der Schlüssel zu seiner
rätselvollen Genialität. Aus seinem ganzen Wesen spricht
Musik. Hauptsächlich von der Musik aus ist die Eigenart
des Dichters zu verstehen. (S. 97)
Daß ausländische E.T.A. Hoffmann-Inszenierungen das Interesse niederländischer
Rezensenten erregen konnten, zeigen zwei Zeitungsberichte,
geschrieben anläßlich der 1922 in Berlin aufgeführten
Phantasmagorie Die wunderlichen Geschichten des
Kapellmeisters Kreisler. Episoden aus E.T.A. Hoffmanns
Leben werden locker aneinandergereiht: der Stammtisch
mit Ludwig Devrient bei Lutter und Wegner, eine Don
Juan -Aufführung in Potsdam und ein Treffen mit
seiner Gesangschülerin Julia Mark
in Bamberg. Für den E.T.A. Hoffmann-Kenner wird wenig
Neues geboten; das Theaterexperiment, das
bühnentechnisch interessant war, soll jedoch die Zuschauer
adäquat in den schauderhaften Charakter einzelner
Hoffmannscher Erzählungen eingeführt haben. Der
Kritiker Max Osborn charakterisiert in der Leeuwarder
Courant vom 18. Febr. 1922 E.T.A. Hoffmann stereotyp
als einen geheimnisvollen Schauerromantiker. Er beschreibt
wie das Publikum im Theater an der Königgrätzerstraße
durch die übereinander gebauten drehbaren Szenen,
die schlagartig beleuchtet werden konnten, einen
guten Eindruck von der Buntheit Hoffmannschen Schaffens
bekam. Trotz kritischer Töne sei das Ganze
Theater mit aller Aktion, Buntheit und plastischer
Tastbarkeit des Schauspiels, die das Kino doch nie
erreichen kann. Das Ganze hat eine phantastische Wirkung
von besonderer Kraft. Kreisler fördert aus seiner
Erinnerung die Geschichte einer Jugendliebe aus
Bamberg zutage - und sofort taucht diese Bamberger
Episode in schnellem Wechsel von farbigen Bildern
vor uns auf. Kreisler erzählt von der märchenhaften
Erscheinung in der Gestalt Donna Annas - und sofort
taucht auf dem Hintergrund in märchenhafter Geisterstunde
das Potsdamer Operntheater auf, wo zur nächtlichen
Gespensterstunde die Sängerin dem Musiker-Dichter
in die Arme sinkt, um sofort darauf zusammenzubrechen.
Im nächsten Augenblick sind wir wieder im Zimmer links,
und zu den beiden, die bei Kerzenlicht beisammensitzen,
fügt sich ein dritter, der erzählt, die Sängerin der
Donna Anna-Rolle sei zur nämlichen nächtlichen Stunde,
als Kreisler jene spukhafte Erscheinung sah, gestorben.
Es überläuft die Zuschauer kalt.
Auf
den filmischen Charakter wird auch in einer Besprechung
im ,Algemeen Handelsblad' vom 1. März 1922 hingewiesen;
vor allem die Beleuchtung einzelner Szenen wird bewundert
und als raffiniert und virtuos bezeichnet. Der anonyme
Rezensent dieser Zeitung ist der Meinung, daß dieser
Produktion ,,die düstere phantastische E.T.A. Hoffmann-Atmosphäre"
fehle, so daß auch hier der Berliner Kammergerichtsrat
als ein Schauerromantiker verstanden wird. Das Spiel
der einzelnen Darsteller ruft keine Bewunderung hervor;
die Musik von Reznicek hingegen wird gelobt:
Der schnelle
Bühnenwechsel zwingt den Komponisten größtenteils
zur aphoristischen Kürze: rasch aufleuchtende Gefühle
und Leidenschaften wie phantastische Visionen und
merkwürdige Traumgesichter hat er blitzschnell zu
illustrieren. Die schwere Aufgabe konnte nicht besser
ausgeführt sein, als Reznicek es tat. Er beschränkte
sich auf die einfachsten Mittel, auf ein sehr kleines
instrumentales Ensemble, bestehend aus einem Solostreichquartett,
einigen Blasinstrumenten, Harfe, [...], Klavier, Orgel,
Pauken und Schlagzeug. Und was er damit erreichte!
Nirgends übertrieben oder zudringlich, oft mit einer
kurzen musikalischen Unterstreichung von zwei, drei
Takten, [...]
Zählt man die
neuen E.T.A. Hoffmann-Funde zu den früheren, dann
muß man feststellen, daß ihre Gesamtzahl beachtlich
ist und E.T.A. Hoffmann in der niederländischen
Literatur und Musikwelt breite Resonanz gefunden hat.
Namentlich das Jahr 1922 weist eine stattliche Zahl
von Aufsätzen auf und beweist, daß seine Wirkung
auch noch hundert Jahre nach seinem Tode im niederländi-schen
Sprachraum nicht erloschen war.