Ernest Kuczyński
Łódź
Ein Diskurs
zu geschichtlichen, terminologischen und definitorischen
Fragen der "falschen Freunde des Übersetzers"
Im
Übersetzungsprozess kommt es häufig vor, dass man
gewisse Schwierigkeiten hat, ein entsprechendes Pendant
in der Zielsprache zu finden. In den meisten Fällen
sind es Probleme der Übersetzbarkeit und der Wortwahl,
wobei es an dieser Stelle zu erwähnen ist, dass es
sich nicht selten um so genannte "falsche Freunde
des Übersetzers" handelt (d.h. Wörter zweier
Sprachen, die trotz äußerlicher Ähnlichkeit/Identität
andere Bedeutung haben und daher zum falschen Gebruch
einer Sprache führen).
Dieser Fragenkomplex bereitet nicht nur den Lernern der Anfangsstufe sondern
auch Sprechern mit breiter Sprachkompetenz (Übersetzern)
und sogar bilingualen Personen relativ große Probleme
und stellt einen nicht zu unterschätzenden Feind dar.
Für Schüler, Übersetzer, Lehrer und Diplomaten ist
das Phänomen der "faux amis" ein vertrauter
Freund, auf den man sich jedoch nicht immer verlassen
kann. Trotz einer ganzen Reihe
von Arbeiten zu diesem Thema, die innerhalb langjähriger
lexikologischer Forschung entstanden sind, lassen
wir uns permanent an der Nase herumführen. Warum denn? Die einen halten es nicht für nötig, in einem Wörterbuch nachzuschlagen,
denn sie sind ihrer Meinung sicher, die anderen ahnen
überhaupt nicht, dass ein von ihnen übersetztes Wort
über falsche bzw. keine Entsprechung in der Zielsprache
verfügt.
In Bezug auf die deutsche Sprache ist für einen polnischen Lerner die
Gefahr noch größer, denn die Nachbarschaft von Deutschland
und Polen und vielfältige historische und gegenwärtige
Beziehungen beider Länder haben dazu beigetragen,
dass sich die beiden Sprachen, zwar nicht in einem
ähnlichen Grade, aber doch stark gegenseitig beeinflusst
haben. Eine ganze Reihe von
deutschen Wörtern wurde in mehr oder weniger veränderter
Form in die polnische Sprache übernommen. Demzufolge
laufen wir bei der Verwendung einer fremden Sprache
ständig das Risiko, im Übersetzungs- bzw. Lernprozess
falschen Freunden zu begegnen, die sich aus einer
zwischensprachlichen Interferenz ergeben.
Obwohl die sprachwissenschaftliche Erforschung der falschen Freunde
noch unbeleuchtet bleibt, sind bisher viele Berufsübersetzer
in die von "faux amis" aufgestellte Falle
gegangen.
Viele hatten aus diesem Grund zahlreiche Übersetzungsprobleme, wie z.B.
einer der hervorragendsten polnischen Übersetzer J.
Tuwim. Es ist schon hinreichend bekannt,
dass es am einfachsten ist, bei der Übersetzung eines
unkomplizierten, keinen Verdacht hegenden, unscheinbaren
Wortes, zu stolpern. Schwierige, ausgesuchte und
wenig bekannte Fachtermini werden von uns ohnehin
in einem Wörterbuch nachgeschlagen, denn wir befürchten
intuitiv eine lauernde Gefahr. Bei der Lektüre der
einschlägigen Literatur wird auch oft wiederholt,
dass Wörter, die zu verwandten Sprachen gehören, zum
Beispiel ein polnisches und ein russisches Wort, leichter
falsch gebraucht werden als solche aus weitverwandten
Sprachen, z.B. ein deutsches und ein russisches Wort.
Dabei ist es zu erwähnen, dass die Gefahr, einen Fehler
zu begehen, zusammen mit dem Grad der Verwandtschaft
innerhalb einer Sprachfamilie wächst. Wenn
wir es schon gewohnt sind, eine gewisse Phrase in
der Muttersprache zu verwenden, ist es dann nicht
leicht, eine richtige Gewohnheit in einer Fremdsprache
zu gewinnen.
Die Erscheinung solcher Wörter, die gleich oder ähnlich geschrieben
werden (bzw. klingeln) aber unterschiedliche und/oder
stilistische Färbung haben, insbesondere innerhalb
genetisch verwandter Sprachen, macht für die Lexikologen,
Lexikographen, Didaktiker und Übersetzer ein äußerst
interessantes Fragenkomplex aus. Eben
aus diesem Grund hat der Autor des Artikel angefangen,
sich mit den sog. "faux
amis" zu befassen und beschloss, ein wenig ihre
Geschichte, Bezeichnungen (falsche Freunde verfügen
über mannigfaltige Terminologie), Problematik, Auffassung
und Definitionen zu ergründen. Meines Erachtens wird
die Problematik der falschen Freunde, einer gefährlichen
Interferenzquelle, noch nicht genügend behandelt;
es wird relativ selten auf ihre Erscheinung im Lernprozess
(z.B. bei der Ausbildung von Germanisten) hingewiesen,
vor allem im Rahmen eines Unterrichts in der schriftlichen
und mündlichen Übersetzung, wo sich ohne Zweifel eine
sehr gute Gelegenheit bietet, dieses Problem den Studenten
ausführlich zu erörtern. Es ist nicht zu vergessen, dass "faux amis" zu den gravierenden
Problemen im Bereich der Übersetzung und Interferenz
gehören.
Der Autor des Artikels ist der Ansicht, dass es im Falle der falschen
Freunde an Arbeiten mangelt, welche sich die Zusammenstellung
und Systematisierung von terminologischen, typologischen
bzw. definitorischen Fragen zum Ziel setzten. Beispielsweise
wurden während der Suche nach entsprechenden Materialien
zur Magisterarbeit nur wenige Arbeiten gefunden, die
zur Klärung bestimmter Fragen im Bereich der Lexikologie
oder Lexikographie beitragen. Erst die Möglichkeit
einer Forschungsarbeit in Deutschland brachte zufriedenstellende
Ergebnisse. Demzufolge hat
sich der Autor entschieden, in Anlehnung an deutsche
Autoren die Geschichte, Terminologie, Typologie und
definitorische Überlegungen in Form eines Artikels
darzustellen, der als ein Versuch verstanden werden
soll, dem polnischen Leserkreis das Phänomen "falscher
Freunde des Übersetzers" auf eher theoretische
Weise näher zu bringen. Die vorliegende Arbeit ist
nur mit wenigen Beispielen versehen, was jedoch auf
ihren theoretischen Charakter zurückzuführen ist.
Es braucht noch unterstrichen zu werden, an welche Adressaten sich
diese Arbeit richtet und für wen unter Umständen
von Nutzen sein könnte:
1. Zur Geschichte und Terminologie der "falschen
Freunde des Übersetzers"
Nach
H. Kühnel geht die deutsche Bezeichnung "falsche Freunde
des Übersetzers" bekanntlich auf das
Jahr 1928 zurück. Maxime Koessler und Jule Deroquigny,
zwei französische Sprachwissenschaftler, haben den
Begriff "faux amis du traducteur" zum ersten
Mal in der einschlägigen Literatur verwendet. "Falsche
Freunde" sind eine der entsprechenden Lehnübersetzungen
des französischen Ausdrucks, die
wir in verschiedenen Sprachen, vgl. pol."fałszywi
przyjaciele tłumacza", engl. "false
friends of a translator", it. "falsi amici",
sp."falsos amigos", russ."ło¾nyje
druzja perevodčika", tsch."fale¹ni
přátelé překladatele" u. a. finden
können.
An dieser Stelle möchte ich nur kurz erwähnen, dass andere verschiedene
problematische Bezeichnungen der falschen Freunde
weiter im Text genannt und dargestellt werden.
J. Mertens ist der Auffassung, dass die Beschäftigung
mit fehlerträchtigen Wortpaaren,
ihrer Identifizierung, Sammlung und Auflistung weit
ins 18. Jahrhundert zurückreiche; "es entstanden
Arbeiten, in denen unter der Bezeichnung Germanismus
von französischer Seite fehlerhafter Sprachgebrauch
kommentiert und korrigiert wurde. Aus
der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts stammen mehrere
kürzere Veröffentlichungen, in denen Französischlehrer
besonders markante Fehler ihrer Schüler im lexikalischen
Bereich aufgelistet haben, die aufgrund von Lehn-
oder Fremdwortbeziehungen fehlerträchtig waren. Oftmals wurde dieser besondere Fehlertyp nicht näher bezeichnet" und wird daher von Mertens Paraphrase genannt. Seiner Meinung
nach seien heute all diese Arbeiten nur noch von sprachhistorischem
Interesse.
Bei K.H. Gottlieb ist zu finden, dass auf die Erscheinung der falschen
Freunde schon in den 80ger Jahren des 19. Jahrhunderts
J. Moers hinwies und er "eine ziemlich umfangreiche Liste irreführender
deutsch-französischer Wortpaare anführte; seither
war dieses Phänomen immer wieder Gegenstand von Betrachtungen,
die sowohl auf den Fremdsprachenunterricht und Übersetzung
als auch auf den sprachwissenschaftlichen Aspekt bezogen
sind, die es unmittelbar oder in Verbindung mit anderen
linguistischen Problemen wie Entlehnung, Bedeutungswandel,
interlinguale Interferenz, Bilingualität und vielen
anderen Fragen der konfrontativen Lexikologie erörtern".
Die problematische Definitionssituation der falschen Freunde hat verursacht,
dass sich im Laufe der Zeit neben dem Terminus "faux
amis" (dieser Begriff hat in der Fachliteratur
Eingang gefunden) und seinen zahlreichen Lehnübersetzungen
eine ganze Reihe alternativer Bezeichnungen in der
sprachwissenschaftlichen Terminologie mehr oder weniger
eingebürgert haben. Es herrscht keine Einigkeit darüber,
wie man eigentlich das Phänomen der falschen Freunde
benennen sollte. Viele Forscher haben es schon versucht,
meistens erfolglos, Ordnung in das reiche Vokabular
zu bringen. Heute sind im
Polnischen, Deutschen, Englischen und anderen Sprachen
verschiedene Äquivalente der Erscheinung der "faux
amis" problemlos zu finden. In den meisten Fällen waren es sprachwissenschaftliche Arbeiten, in denen
man seine Vorschläge erörterte. Bisher hat keine Bezeichnung
weltweite und enthusiastische Anerkennung gefunden;
viele sind kritisch beurteilt worden und somit von
anderen Forschern abgelehnt. Nach einem geeigneten
Terminus wird immer wieder gesucht. Hoffentlich
erzielt man in der nächsten Zeit die Einigung darüber.
Der Autor des Artikels hat sich zum Ziel gesetzt, aus der Fülle der
Bezeichnungen für "faux amis" mehrere
näher darzustellen und eventuelle Einwände einzelner
Sprachwissenschaftler zu veranschaulichen.
Ein guter Einstieg wäre die Betrachtung ausgewählter Termini im
Polnischen; (in Klammern wurden Autoren genannt,
bei denen diese Ausdrücke aufgetreten sind):
·
"fałszywi
przyjaciele tłumacza" (Lehnübersetzung aus
dem Französischen), heterosemia międzyjęzykowa (Grosbart), heterofemia międzyjęzykowa(Grosbart),
homonimia międzyjęzykowa
(Grosbart), relacja mylących podobieństw
międzyjęzykowych
(Grosbart), pozorne odpowiedniki
(Zaręba), pułapki leksykalne, wyrazy zdradliwe (Lotko), złudne odpowiedniki,
falsiekwiwalencja międzyjęzykowa
(Grosbart), zwodnicze odpowiedniki, aproksymaty (Karpaczewa/Symeonowa), tautonimy
(Lipczuk).
Schon am Beispiel des Polnischen lässt sich erkennen, wie viele Äquivalente
sich der Terminus "faux amis" angeeignet
hat. Es ist vielleicht erstaunlich, aber sogar gegen
die Lehnübersetzung "fałszywi przyjaciele
tłumacza" werden von verschiedenen Seiten
Einwände erhoben. Nach Grosbart sei ein solcher metaphorischer
Ausdruck zu einem wissenschaftlichen Terminus kaum
prädestiniert. Außerdem liegen "fałszywi przyjaciele tłumacza"(und
alle anderen Lehnübersetzungen) nicht nur im Interessenkreis
der (Berufs-) Übersetzer und Dolmetscher.
Während der Untersuchung der einschlägigen Literatur wurden vom Autor
des Artikels folgende terminologische Vorschläge in
der deutschen und englischen Sprache gefunden (in
Klammern wurden Autoren genannt, bei denen diese Ausdrücke
aufgetreten sind):
Deutsch
·
"falsche Freunde
des Übersetzers" (Gottlieb), "faux amis",
zwischensprachliche Homonyme, Inter-Homonyme, interlinguale
Homonyme, interlinguale Paronyme, scheinbare Äquivalente,
Pseudointernationalismen, irreführende Fremdwörter (Keppler), Tautonyme (Lipczuk),
Fallstricke des Wortschatzes
(Pollak), lexikalische Scheinidentitäten
(Koch/Posor), Pseudoäquivalente
(Ehegötz), interlinguale Analogismen
(Gottlieb).
Englisch:
·
"false friends
of a translator" (Perl/Winter), misleading words
of foreign origin(Keppler),
deceptive words
(Wełna), deceptive cognates
(Lado).
Manche von den o. g. terminologischen Vorschlägen wurden von Lipczuk und Grosbart ausführlich und kritisch beurteilt. Viele klingen
zwar attraktiv, sind aber recht umständlich und nicht präzise genug. Deswegen wird immer noch nach einem geeigneten
Terminus Ausschau gehalten. Lipczuk selbst plädiert
für die Bezeichnung "Tautonyme" bzw. "Tautonymie"
(griech. ta uta - dasselbe; onyma - der Name, die
Bezeichnung), wobei hinzufügen ist, dass er auf das
Kriterium der Etymologie verzichtet (die von Lipczuk
verwendete Terminologie und seine Überlegungen zu
den "falschen
Freunden des Übersetzers" werden weiter im Text
erörtert).
Das erste Wörterbuch der "faux amis" von Koessler/Derocquigny
und ihre Neuschöpfung des o. g. Begriffes führte
zu Lehnübersetzungen wie "fałszywi przyjaciele
tłumacza" u.a. Seither sind ziemlich viele
Ausdrücke entstanden, deren terminologische Exaktheit
große Unterschiede nachweist. Manche
Autoren ziehen es nicht in Betracht und messen diesem
Fragenkomplex keine große Bedeutung bei, z.B. "Wandruszka
verwendet "faux amis", los falsos gemelos"
und "deceptive cognates" bedeutungsgleich
nebeneinander"".
So bleibt die Frage der adäquaten Bezeichnung der
"faux amis" immer noch offen.
Jürgen Mertens hat in seinem Buch versucht, terminologische Vorschläge
zum Terminus "faux amis" zusammenzustellen
und sie kritisch zu beurteilen. Wenn es um die terminologischen
Fragen der falschen Freunde geht, hat der Autor des
Artikels diese nach J. Mertens dargestellt und mit
jeweils mit kurzem Kommentar versehen. An dieser Stelle werden noch einmal mehrere Benennungen der "faux
amis" präsentiert, aber diesmal kann man bei
jeder Benennung entsprechende Erklärung finden, warum
der Vorschlag einer Kritik unterzogen worden ist:
·
faux amis
(samt Lehnübersetzungen) - kritisiert wird mangelnde
Wissenschaftlichkeit dieses Begriffes. Dazu kommt
noch die Tatsache, dass die Existenz von sogenannten
"echten/wahren Freunden" ("vrais amis")
suggeriert wird.
·
deceptive
cognate -
hauptsächlich geht es um die Nähe zur Bezeichnung
"cognate", deren Definition zu eng ist und
"in den wenigsten Fällen angewandt worden ist". Gleiche Herkunft sei keine notwendige
Bedingung.
·
lexikalische Scheinidentität - ein zu weit gefasster Terminus, bei dem offen bleibt, in welcher
Beziehung diese Schein-Identität bestehen soll: intra-
oder interlingual? Der Einschätzung von Lipczuk nach,
ist diese Bezeichnung etwas umständlich und zu weit,
denn sie umfasst auch lexikalische Einheiten innerhalb
derselben Sprache.
·
irreführende Fremdwörter
(misleading words of foreign origin) -
diese Benennung grenzt eine große Anzahl der "faux
amis" aus; nicht nur Entlehnungen aus einer
dritten Sprache kommen in Frage.
·
Heteronym -
ein Nachteil dieses Begriffes ist, dass er in der
Linguistik unter anderer Bezeichnung schon eingeführt
ist. Als wenig geeignet erscheint er auch dadurch,
dass er die Unterschiedlichkeit der Lautgestalt (gr.
"hetero" = "ungleich") suggeriert.
·
Dublette - zum
einen sind sie Wortpaare mit gemeinsamem Etymon,
was bei "faux amis" nicht zwingend - je
nach Standpunkt der Autoren - notwendig ist. Zum
anderen werden sie als intralinguale Kategorie betrachtet,
hingegen "faux amis" sind (nach Koessler/Derocquigny)
als interlinguale Erscheinung anzusehen.
·
Relation der irreführenden
zwischensprachlichen Ähnlichkeiten (=
"mpm"; vgl. 13) und zwischensprachliche
Falsiäquivalenz - die beiden Vorschläge von Grosbart
werden von Lipczuk
erörtert, der feststellt, die erste Bezeichnung sei
zu umständlich und schwer handhabbar und habe wegen
der komplizierten Formulierung wenige Chancen auf
breite Verwendung. Dem zweiten Vorschlag räumt Lipczuk
größere Chancen ein, aber nach Mertens ist er wenig
überzeugend. "Fasiäquivalenz" lässt offen,
worin die vermeintliche Übereinstimmung (= Äquivalenz)
bestehen soll.
·
Tautonymie - Lipczuks
eigener Vorschlag wird positiv gewertet. Mertens ist
der Meinung, Tautonymie könnte als Fachbegriff geeignet
sein. In deren Definition von Henne ist von "identischen
phonemischen bzw. Graphemischen Regeln " die
Rede und Tautonymie kann diese Ansprüche nicht erfüllen;
Lipczuk hebt selbst hervor, es bestehe neben formaler
Gleichheit "(meistens) Ähnlichkeit"
zwischen den signifiants der betroffenen Sprache.
2. Zur Typologie der "falschen
Freunde des Übersetzers"
Bei
J. Mertens ist auch eine repräsentative Auswahl
von Vorschlägen vorhanden, die von verschiedenen Forschern
der falschen Freunde in Bezug auf deren Klassifizierung
und Beschreibung unterbreitet worden sind. An dieser
Stelle muss man erwähnen, dass der Autos des Artikels
während bisheriger Recherchen in der einschlägigen
Literatur noch nicht auf eine so transparent formulierte
Struktur einer wissenschaftlichen Arbeit in Bezug
auf "faux amis" - Typologie gestoßen ist.
An der Dissertation von J. Mertens Beispiel genommen, habe ich es versucht, die von ihm ausführlich
vorgestellten und kritisch diskutierten Denkmodelle
zur Gliederung der "faux amis" in einer
komprimierten Form näher zu bringen (es ist
nur schade, dass Mertens seine Überlegungen nur mit
wenigen Beispielen versehen hat, denn sie hätten zum
besseren Verständnis erörterter Fragenkomplexe entscheidend
beigetragen). Es ist zu betonen, dass alle 10 Typologieversuche
J. Mertens Dissertation entnommen sind. Dagegen
vom Autor des Artikels werden manche Erklärungen
(zwecks besserer Verständlichkeit der bisweilen schwer
zu nachvollziehbaren Fragenkomplexe) und Beispiele
angegeben.
1) Die Typologie der "faux amis" bei
Haensch:
In lexikographischer Absicht beginnt Haensch Mitte der 50er Jahre in
der Fachzeitschrift "Lebende Sprachen" verschiedene
Ausprägungen von "faux amis" zu systematisieren.
Es werden semantische und formale falsche Freunde
beschrieben, ohne jedoch auf terminologische Präzision
zu achten. Seiner Ansicht nach sollen falsche Freunde folgendermaßen
eingeteilt werden:
a)
"die eigentlichen
faux amis" - Wortpaare, die:
1.
rein formal gleich aber
inhaltlich völlig verschieden sind (frz. perron
= dt. Bahnsteig, frz. le perron = dt.
Freitreppe)
2.
sich
in manchen ihrer Bedeutungen decken, in anderen aber
nicht (dt. Kompass = frz.
la bousolle, frz. le compas = dt. Zirkel;
aber dt. Bordkompass e-s Schiffes/Flugzeugs
= frz. le compas);
b)
"deutsche Wörter"
(man glaubt, sie im Französischen anwenden zu können,
da sie aus dem Lateinischen abgeleitet sind. Solche Wörter existieren im Französischen gar nicht)
z.B.: dt. labil
= frz. instable, aber frz. *labile existiert
nicht;
c)
"Wörter, die in beiden
Sprachen verschiedenes Geschlecht haben":
z.B.: dt. die Ziffer vs. frz.
le chiffre, dt. die Geste
vs. frz. le geste
d)
"Wörter,
die in beiden Sprache den gleichen Stamm haben,
die aber Verschiedenheiten in der Schreibweise oder
in der Endung aufweisen, die zu Fehlern Anlass geben
können", z.B.: dt. ostentativ = frz. ostentatoire.
Mertens schreibt, das Verdienst der bei Haensch genannten Klassifizierung
bestehe darin, dass er die grundlegende Einteilung
von "faux amis", auf die andere Klassifizierungen
aufbauten, vorgegeben habe und er selbst "auch
auf den häufig anzutreffenden Fremdwortstatus vieler
im Deutschen in sehr ähnlicher Form vorkommender
Wörter mit oftmals differierender Bedeutung hinweist".
2) Die Typologie der "faux amis" bei
Klein:
Klein hat ein Spezialwörterbuch in der deutsch-französischen Relation
herausgegeben, wobei er "seine Arbeit jedoch
nicht als ein Wörterbuch verstanden wissen will". Klein beschreibt nicht nur "faux amis", sondern auch Fehlermöglichkeiten,
die aus der divergierenden Struktur der deutschen
und französischen Sprache resultieren. Im
Vorwort seiner Arbeit ist eine Gliederung der "faux
amis" zu finden:
a)
faux amis de sens
(nach Klein geht es um "die Schwierigkeiten semantischer
Art (...) bei Wörtern, die einander zwar der Form
nach in beiden Sprachen entsprechen, die aber verschiedene
Bedeutungen haben").
Diese Gruppe wird als der eigentliche Kern des Buches von Klein verstanden,
denn damals (1968) seien viele der von ihm präsentierten
Lexeme noch nicht erfasst worden und entsprechende
Arbeitsmittel hätten nicht zur Verfügung gestanden.
Aus diesem Grund war Klein nicht
imstande, die semantischen Differenzen zu erkennen.
Bei den semantischen "faux amis" handelt es sich nur um etymologisch
zusammenhängende Lexeme aus dem Deutschen und Französischen,
was "von Klein im Hinblick auf den modernen Sprachgebrauch
dargestellt worden ist".
b)
faux amis de forme
(formale Scheinentsprechungen, vor allem bei Fremdwörtern,
orthographische Differenzen, verschiedene Genera in
den beiden Sprachen)
c)
pseudofranzösische
Wörter (sie verleiten zum Gebrauch nicht oder nicht mehr im Französischen belegter
Lexeme)
d)
Unterschiede
in der Sprachstruktur
(die Erscheinung der "faux amis" beeinflusst
den syntaktischen Bereich).
Da die von Klein vorgeschlagene Klassifizierung weitgehend der schon bei
Haensch genannten Zweiteilung in formale und semantische
"faux amis" ähnelt, werden übrige Gruppen
nur kurz erwähnt. Als eine Neuerung versteht Mertens
"die Ausweitung auf den Bereich der Syntax".
3) Die Typologie der "faux amis" bei Kühnel:
Das
Wörterbuch von Kühnel in der deutsch-französischen
und französisch-deutschen Relation sollte "besonders
diejenigen sprachlichen Fehlleistungen abbauen, die
sich aus der Existenz der sogenannten "faux amis"
ergeben", zitiert Mertens. Seines Erachtens hat Kühnel Übersetzungsrichtungen berücksichtigt und
sie hervorgehoben. Dies sei
eine generelle Neuerung im Vergleich zu Haensch und
Klein. Der Autor des Spezialwörterbuches
"geht davon aus, dass ein Lexem in der einen
Sprachenrichtung ein potentieller "faux ami"
sein kann, was in der anderen Richtung jedoch nicht
zutreffen muss". Als Beispiel wird dt. katastrophal
vs. frz. catastrophique genannt, denn
der Eintrag im dt.-frz. Teil des Wörterbuches ist
für einen deutschsprachigen Benutzer notwendig, dagegen
im frz.-dt. Teil nicht ("aufgrund des Dekodierungsvorganges
beim deutschen Sprecher - so ist zu vermuten").
Kühnel stellt einen detailliertesten Klassifizierungsvorschlag dar,
in dem er unterscheidet:
a)
semantische "faux
amis" (darunter werden Wörter verstanden, die "durch gleiche Herkunft
oder Entlehnung (...) in beiden Sprachen in gleicher
oder sehr ähnlicher Form existieren und deshalb auch
in der Bedeutung und Anwendung Deckungsgleichheit
vermuten lassen" aber "im Laufe der sprachlichen
Entwicklung in der einen oder anderen Sprache eine
abweichende Bedeutung angenommen haben")
b)
strukturelle "faux
amis" (Wortpaare, die sich in der Wortbildung
bzw. lautlichen Struktur unterscheiden)
c)
pseudofranzösische Wörter
d)
Wortpaare mit unterschiedlicher
Rektion
e)
Wortpaare mit unterschiedlichem
Genus
f)
Wortpaare mit unterschiedlicher
Schreibung.
Mertens kritisiert diese Klassifizierung in Bezug auf ihre Einteilung;
Unterpunkte b, d, e, f hat er als "formale faux
amis" gruppiert, denn morphologische Divergenzen
der Lexeme bedeuten zwangsläufig orthographische Abweichungen.
Kühnel unterscheidet sich von Klein dadurch, dass
er falsche Freunde als Lexeme mit ausdrucksseitiger
formaler Gleichheit bzw. großer Ähnlichkeit versteht.
Sein Gedanke, Übersetzungsrichtung
zu berücksichtigen, wird von Mertens positiv beurteilt.
Es bleibt jedoch unklar, ob "zufällige Homonyme,
ohne etymologische Beziehung zueinander, von Kühnel
zu den "faux amis" gezählt werden".
4) Die Typologie der deceptive words bei Wełna:
Seine Arbeit bezieht sich auf das Sprachenpaar Polnisch-Englisch und
beinhaltet "terminologische und auch inhaltliche
Ausdifferenzierung interlingual bestehender Bedeutungsdivergenzen
bei bestimmten Lexemen". Bei Wełna werden sie deceptive words
genannt. Es wird die ausdifferenzierte Darstellung
semantischer Beziehungsmuster der interlingualen "faux
amis" hervorgehoben und dabei eine formale Ähnlichkeit
als Grundvoraussetzung angenommen.
Er unterscheidet:
a)
morphologische
"faux amis" (es geht um die Übertragung
von muttersprachlichen Wortbildungsmechanismen auf
die Zielsprache in Kombination mit Entsprechungen
der Zielsprache)
b)
semantische "faux
amis" - diese werden noch nach der Art ihrer
semantischen Beziehung unterteilt:
1)
equivalence - es besteht
völlige semantische Übereinstimmung der
Lexeme, aber es können aufgrund variierender Gebrauchsfrequenzen
minimale Unterschiede bestehen (z.B. "dt. Analphabet
und engl. analphabete, wobei das üblicherweise
benutzte Wort im Englischen illiterate lautet").
2)
inclusion - ein Lexem
weist mehr Bedeutungen als das andere auf. Es müssen
hier auch die Verhältnisse der Konvergenz (L1>L2)
und der Divergenz (L1<L2) unterschieden werden.
3)
overlapping - Konvergenz-
und Divergenzbeziehungen werden kombiniert. Obwohl
ein Kern an gemeinsamer Bedeutung vorliegt, hat jede
Sprache jedoch weitere Bedeutungen entwickelt.
4)
contrast - die semantischen
Felder der betroffenen Lexeme überlappen sich nicht.
5) Die Typologie der "faux amis" bei Gauger:
Sein Interesse gilt für falsche Freunde in der deutsch-spanischen Relation.
Bei Gaugers Klassifikation werden nur die formalen
"faux amis" ein wenig differenziert dargestellt.
Ihm ist vorzuwerfen, dass er
"faux amis" - Begriff "auf Fälle von
Polysemie ausdehnt, die nicht auf formaler Ähnlichkeit
(z.B.: sp. el sueño vs. dt. der Schlaf,
Traum) beruhen".
Haschka meint, dass "es nicht gerechtfertigt
ist, Fälle ohne formale Ähnlichkeit unter dem Terminus
"falsche Freunde" zu behandeln, sondern
man sollte, wie bisher, Polysemie und "faux amis"
trennen" und hat Gaugers Einteilung in
6 verschiedene Typen von "faux amis" nach
drei Gesichtspunkten geordnet:
a)
"faux amis"
mit inhaltlichen Divergenzen; darunter werden Lexeme verstanden,
·
die "ähnliche materielle Form , jedoch verschiedene Bedeutung"
aufweisen
·
"die bei materieller Ähnlichkeit in mindestens einer Bedeutung
Übereinstimmung zeigen, in mindestens einer weiteren
sich unterscheiden"
·
"deren Bedeutungen sich in der einen Sprache auf zwei oder mehr
materiell verschiedene Wörter verteilen, während
sie in der anderen Sprache durch ein einziges Wort,
materiell gesehen, ausgedrückt werden".
b)
"faux amis"
mit strukturellen Divergenzen (Genusunterschiede
und morphologische Divergenzen z.B. dt. das Haus
und sp. la casa)
c)
pseudo-fremdsprachige
Wörter.
6) Die Typologie der "faux amis" bei Wotjak:
Von Wotjak werden Kongruenzen und Divergenzen im spanischen und deutschen
Wortschatz untersucht. Sowohl Lexeme, "deren
weitgehende Identität der äußeren Gestalt auf etymologischen
Verbindungen beruht, als auch solche, die keine semantischen
Gemeinsamkeiten haben", sind
Gegenstand Wotjaks Forschung. Bei
seiner Klassifizierung, die aufgrund der verwendeten
Terminologie schwer zugänglich aber dagegen wesentlich
exakter als alle bisherigen Vorschläge ist, handelt
es sich um eine sehr genaue Darstellung der "faux
amis". Er übernimmt die Typisierung von Kühnel
und erweitert nur den strukturellen "faux amis"
hinsichtlich der Betonung, "einer besonders
im mündlichen Sprachgebrauch spanisch-spezifischen
Fehlerquelle" (z.B.: dt. das Telefon, sp. le
téléphone, el teléfono).
Er unterscheidet:
1)
formale falsche Freunde
(er ist der Meinung, dass es "im Hinblick auf die morphologische
Struktur bei Präfixen und vor allem Suffixen, aber
auch auf die graphische Realisation, die aufs engste
mit der phonischen in der Wechselwirkung steht (...),
gewisse Kongruenzen zwischen spanischen und deutschen
lexikalischen Einheiten gibt, die als regulär anzusehen
sind". Wenn aber Lexeme von solchen
Übereinstimmungen abweichen, werden sie von Wotjak
formale falsche Freunde genannt) und darunter:
a)
morphematische falsche
Freunde (es wird die Kongruenz von Lexemen
hinsichtlich ihres Stammmorphems bei unterschiedlichen
grammatischen Morphemen gemeint)
b)
divergente Betonungsstellen
(für das Sprachenpaar Französisch-Deutsch lassen
sich keine Beispiele finden)
c)
orthoepische falsche
Freunde (es wird sowohl die abweichende Rechtschreibung
zweier Lexeme, z.B. dt. Amnestie vs. frz. amnistie,
als auch "homographe lexikalische Einheiten mit
unterschiedlicher Aussprache, bei gleichzeitiger innersprachlich
vorhandener Abweichung von bestehenden Phonem-Graphem-Entsprechungen"
gemeint)
d)
kategoriale falsche Freunde
- es geht um Wortartwechsel; frz. paradoxe (m.,
Substantiv) und dt. paradox (Adjektiv)
e)
intrakategoriale falsche
Freunde (Lexeme mit Genus- und/oder Numerusdivergenz).
2)
inhaltliche falsche
Freunde sind "inhaltsseitige Divergenzen zwischen zwei lexikalischen
Einheiten bei weitgehender kongruierender Ausdrucksstruktur". Sie werden gegliedert in:
a) semantische falsche Freunde (mit
Berücksichtigung der System- und Kontextbedeutung unterscheidet Wotjak bei lexikalischen Einheiten
extesional- und intensionalsemantische
Kongruenz)
b) kommunikative falsche Freunde
("hinsichtlich der kommunikativ-funktionalen
Charakteristik partielle oder totale Divergenz, wobei
semantisch Kongruenz der Lexeme gegeben ist")
3)
falsche Analogismen
(Wotjaks Bezeichnung für Pseudo-Ismen - es sind "Lexeme,
die zielsprachig Verwendung finden, ohne dass sie
dem Lexikon einer Zielsprache angehören, wie z.B.
dt. Friseur - frz. *friseur; dt. die Banane - sp.
*la banana").
Wotjak erweitert "die bisherigen Kriterien zur Bestimmung von Kongruenzen
(z.B. Inhalt, Genus) um das Kriterium der 'kommunikativ-situativ-funktionale(n),
pragmatisch-stilistisch-soziolinguistische(n) Charakteristik'
der lexikalischen Einheit"(z.B.: dt. Blinddarmentzündung /allgemeinsprachlich/ vs. sp. apendicitis /allgemein- und fachsprachlich/). Überdies stellte er eine detaillierte
Tabelle dar, die zur Zusammenfassung aller
Kriterien und Erscheinungsformen von Divergenzen
und Konvergenzen dient. Damit hat Wotjak "eine
ausführliche theoretische Grundlegung zu
Untersuchungen von Wortschatz und speziell von Entlehnungen
vorgelegt".
7) Die Klassifikation der "faux amis"
bei Lipczuk:
Wenn man sich mit den "falschen Freunden des Übersetzers"
in der deutsch-polnischen Relation beschäftigt, ist
der Name Lipczuk ein Begriff. Sein Interesse für "faux
amis" ist schon hinreichend bekannt, was beispielsweise
an seinen Publikationen deutlich zu sehen ist. Aus
diesem Grund halte ich es für angebracht, nicht nur
die Überlegungen von J. Mertens in bezug auf Lipczuks
Klassifikation zu erwähnen, sondern auch einen kleinen
Teil seiner wissenschaftlichen Arbeit hinsichtlich
der "faux amis" darzustellen. J. Mertens hat in seinem Buch nur wichtigste Aspekte der Denkweise jedes
einzelnen Forscher erwähnt. Deswegen erlaubt sich
der Autor des Artikels, Lipczuks Bemerkungen zum Problem
der falschen Freunde auf eine besondere Weise zu betrachten.
Bevor ich aber zur
genauen Beschreibung der einzelnen Kategorien bei
Lipczuk übergehe, stelle ich die von ihm in seinen
wissenschaftlichen Beiträgen verwendete Nomenklatur
dar.
Lipczuk unterscheidet eine enge und eine weite Auffassung
der "faux amis". Nach der engen Auffassung werden
falsche Freunde als Wörter von zwei (oder mehr) Sprachen
verstanden, die bei gleicher oder ähnlicher graphischen
und/oder phonemischen Form sich in ihrem semantischen
Gehalt unterscheiden.
Als Beispiel wird
genannt:
pol. komunikacja (1. Beförderung von Personen
und Gütern auf dafür vorgesehenen Wegen; 2. Kommunikation,
Verständigung, Informationsaustausch) und
dt. Kommunikation
(nur 2. Bedeutung des polnischen Wortes).
Wichtiger erscheint jedoch die weite Auffassung, nach
deren als "faux amis" Ausdrücke unterschiedlicher
Art betrachtet werden können, und zwar:
I. Wörter mit ähnlicher Form, aber unterschiedlichen Bedeutungen (vgl. die enge Auffassung). Sie "stammen oft aus einer dritten
Sprache (meistens aus dem Lateinischen) oder sind
voneinander entlehnt, haben also in den meisten Fällen
die gleiche Herkunft". Solche Erscheinungen in einer Sprache wurden als Tautonyme (Lipczuks
eigener Vorschlag) bezeichnet (griech. ta uta - dasselbe;
onyma - der Name, die Bezeichnung). So
bilden Tautonyme eine wichtige Unterklasse
der "faux amis";
z.B.: dt. Kriminalist
(Kriminalbeamter, Kriminalwissenschaftler)
pol. kryminalista
(Krimineller, Verbrecher)
dt. eventuell
(möglicherweise)
eng. eventual
(schließlich).
In Lipczuks "Niemiecko-polski słownik tautonimów" finden sich aber auch solche
Formative, die "keine gemeinsame Herkunft aufweisen,
aber aufgrund ihrer Interferenzanfälligkeit (formal-semantischer
Eigenschaften auf synchroner Ebene) zu den Tautonymen
gerechnet werden" können. Lipczuk meint, dass es nicht
plausibel erscheint, derartige Ausdrücke aus der
Betrachtung auszuschließen und für entscheidend nicht
das Kriterium der gemeinsamen Herkunft, sondern das
der potentiellen Interferenz hält.
z.B.: dt. Kraxe (Rucksack mit
Traggestell; Rückentragkorb); deutsches Wort
pol. kraksa
(Panne, Verkehrsunfall); aus dem Englischen
dt. a) Golf (Rasenspiel mit
Hartgummiball u. Schlägern); englische Herkunft
b) Golf (größere
Meeresbucht); aus dem Italienischen
pol. a) Golf
(entspricht der deutschen a)
b) Golf (Pullover);
aus dem Französischen.
II. Wörter mit gleicher/unterschiedlicher Bedeutung aber mit bestimmten
Unterschieden in der Schreibweise:
z.B.: dt. Aggression vs. pol. agresja
dt. Aggression vs. franz. agression.
III. Wörter mit
bestimmten Unterschieden in der Aussprache:
z.B.: dt. Laser
[le:z r] vs. pol. laser [laser]
dt. Waggon [va'go:n] vs. pol. wagon [wagon].
IV. Wörter, deren
Wortbildungsstruktur unterschiedlich ist:
z.B.: dt. absurd
vs. pol. absurdalny
dt. katastrophal
vs. franz. catastrophique.
V. Wörter, deren grammatische Merkmale unterschiedlich sind (z.B. Genus bei Substantiven):
z.B.: dt. die
Gabel vs. pol. ten widelec
dt. das
Haus vs. sp. la casa
VI. Wörter, die formal völlig unterschiedlich sind, aber global als
semantische Entsprechungen gelten, was jedoch nicht
immer zutrifft:
z.B.: dt. fehlen vs. franz. manquer
VII. Wörter, deren Wortbildungsstruktur gleich aber phonologisch-graphische
Gestalt und Bedeutung unterschiedlich ist:
z.B.: dt. überhören ("etwas hören, aber darauf nicht reagieren")
eng. to overhear
("etwas zufälligerweise zu hören bekommen").
VIII. Wörter, die einer Sprache zugehören
und im Laufe der Zeit eine andere, neue Bedeutung
gewonnen hatten:
z.B.: dt. List (früher: Wissen, Fähigkeit;
heute: Mittel, mit dessen Hilfe man (andere
täuschend) etw. zu erreichen sucht, was man auf normalem
Wege nicht erreichen konnte).
IX. Phraseologismen mit ähnlicher Struktur, aber unterschiedlichen
Bedeutungen:
z.B.: dt. den Kopf verlieren (verwirrt sein)
pol. stracić głowę (auch:
dem Charme einer Person erliegen).
Lipczuk ist der Meinung, dass eine solche Auffassung der "faux amis"
berechtigt sei, denn alle angeführten Beispiele
bergen in sich eine Interferenzgefahr und können zum
falschen Gebrauch einer Fremdsprache führen. Es wird
auch betont, dass den Tautonymen (siehe I.)
als formal ähnlichen, aber sich in ihrer Bedeutung
unterscheidenden Wörtern besondere Aufmerksamkeit
gewidmet werden muss. Dies gilt auch für andere Faktoren
(Arten der Bedeutung eines Lexems in einer Sprache),
die bei der Ermittlung der weiten Auffassung der "faux
amis" oft eine wichtige Rolle spielen und in
Betracht gezogen werden müssen:
·
die sog. Stilschichten (Kaprize im Deutschen gilt als gehoben, wobei das polnische
Gegenstück kaprys einer neutralen Schicht zugehört),
·
territorialer Gebrauch (z.B. in Österreich: lizitieren, im Sinne etw. Versteigern
in der Schweiz: manifestieren /an e-r Massenkundgebung teilnehmen/),
·
zeitliche Zuordnung (Unterschiede in der Aktualität des Gebrauchs,
z.B.: proponieren /vorschlagen/ - proponować)
oder
·
die Gebrauchshäufigkeit (Lexeme, die von einem begrenzten Sprecherkreis
benutzt werden und sich auf ein bestimmtes Gebiet
der menschlichen Tätigkeit beziehen; dt. Quästion
/Philosophie/ "in einer Diskussion entwickelte
und gelöste Frage"; pol. kwestia - "Frage,
Angelegenheit").
Lipczuks
Erachtens gehört eine Beschreibung bzw. Untersuchung
interlingualer semantischer Relationen zwischen einzelnen
Lexemen zu zentralen Aufgaben der tautonymen "faux
amis". Meiner Ansicht
nach sei noch an dieser Stelle hinzuzufügen, dass
wir "im Sinne einer weiten Bedeutungsauffassung
die Bedeutung eines Lexems als seine Gebrauchsregeln
betrachten wollen. Es erscheint
angebracht, besondere Aufmerksamkeit dieser Bedeutungsart
zu schenken, die man traditionell als denotative oder
begriffliche bezeichnet".
Im Bereich der Bezugsregeln
(der denotativen Bedeutung) unterscheidet Lipczuk
folgende Arten semantischer Verhältnisse, wobei er
für diese Bezeichnungen bestimmte Termini aus der
Phonologie und Logik verwendet:
1. Relation
der Privativität:
ein Lexem einer Sprache weist eine (oder mehr als eine) Bedeutung auf,
die in einer anderen Sprache nicht nachweisbar ist:
z.B.: dt. Konkurs
(Zahlungsunfähigkeit, Zahlungseinstellung)
pol. konkurs
(1. Zahlungsunfähigkeit, Zahlungseinstellung; 2. Wettbewerb,
Wettstreit)
dt. präparieren (1. einen toten Organismus
oder Teile davon durch spezielle Behandlung auf Dauer
haltbar machen; 2. vorbereiten)
pol. preparować (einen toten Organismus oder Teile davon durch
spezielle Behandlung auf Dauer haltbar machen).
2. Relation
der Inklusion:
die Bedeutung eines Lexems in einer Sprache ist weiter als die Bedeutung
eines entsprechenden Lexems in der anderen Sprache
aufzufassen, so dass die zweite in der ersten enthalten
ist:
z.B.: dt. Artist
(Zirkus-, Varietékünstler)
frz. artiste
(1. Künstler, 2. Zirkus-, Varietéartist).
3. Relation
der Äquipollenz:
eine Relation, wo sich Bedeutungen von zwei Lexemen teilweise decken,
das eine aber bestimmte Gebrauchsregeln aufweist,
die das andere entbehrt und umgekehrt:
z.B.: dt. Dramaturg (jemand, der für das Theater o.ä. Stücke auswählt und bearbeitet)
pol.
dramaturg (jemand, der Stücke, Dramen schreibt).
4. Relation
der Kontrarität:
die Bedeutungen sind
in den beiden Sprachen als gegensätzlich zu betrachten:
z.B.: dt. Handikap
(Nachteil, schlechtere Bedingungen)
pol. handicap
(Vorteil, bessere Bedingungen).
5. Relation
der Exklusion:
die Bedeutungen der
Lexeme weisen keine Gemeinsamkeiten auf:
z.B.: dt. Etat
(Budget)
frz. état (Staat).
Von Lipczuk selbst wird zugegeben, dass manche von seinen Bemerkungen
lediglich als methodische bzw. theoretische Vorschläge
zu verstehen sind. An dieser Stelle muss man betonen,
dass der Stettiner Sprachwissenschaftler mit seiner
Erforschung verbaler Tautonyme lateinischer Herkunft
in deutsch-polnischer Relation einen bedeutenden
Beitrag für den Sprachsystem beider Sprachen geleistet
hat. Leider werden seine Untersuchungen
von J. Mertens nicht so positiv bewertet, der Lipczuk
"einseitige Orientierung an der inhaltlichen
Seite des Problems" vorwirft. Es wäre problematisch,
einen Grund dafür zu finden. Vielleicht geht es darum,
dass Lipczuk bei der Untersuchung der "faux amis"
auf das etymologische Kriterium verzichtet hat?
8) Die Klassifikation der "faux amis"
bei Reiner:
Bei Reiner wird dieser Fragenkomplex als System der pénidentèmes
bezeichnet, wobei unter diesem Begriff Lexeme
mit interlingual bestehender formaler und inhaltlicher
Äquivalenz verstanden werden. Dieser
Oberbegriff wurde zum ersten Mal verwendet und umfasst
"alle Fälle gleicher und verschiedener Inhaltsseite
bei stets gleicher/ähnlicher Ausdrucksseite". Sein System der pénidentèmes
stellt "eine semantische Abstufung von völliger
Bedeutungsverschiedenheit bis zu absoluter Identität"
dar.
Eine Beschreibung der einzelnen Kategorien ist bei
Reiner nicht vorhanden, es wird eine Gradeinteilung
genannt, die von ihm angegeben wird: très grande divergence
(-P-),
divergence considérable (-p-),
divergence assez
faible (+p+) und
pratiquement
pas de divergence (+P+).
Mertens schreibt, dass Reiners Typologie der pénidentèmes "sich
auf etymologisch zusammenhängende Lexeme beschränkt". Eine Neuerung im Vergleich mit den bisher dargestellten Vorschlägen
macht die Berücksichtigung solcher Wortpaare aus,
die weitgehend in Inhalt und Form identisch sind.
Für Mertens bleiben seine Überlegungen "im großen
und ganzen hinter den bekannten Klassifizierungen"
zurück. Der Grund dafür sei die zu undifferenzierte
Berücksichtigung der formalen Seite im Bemühen um
die Inhaltsseite betreffende Abstufungen.
9) Die Klassifikation der "faux amis"
bei Van Roey:
Bei der Typologie von Van Roey werden common words, true/false friends,
deceptive/non-deceptive cognates und homomorphs unterschieden.
Seine Typologie "orientiert sich nicht an den
inhaltlichen bzw. formalen Übereinstimmungen bzw.
Unterschieden der zu klassifizierenden Lexeme, ihr
liegen die Kriterien: äußere Form sowie Vorhandensein
bzw. Fehlen einer etymologischen Verbindung zugrunde". Die
Bezeichnung common words umfasst alle identischen/ähnlichen
Lexeme, die bei Van Roey in true/false friends
geteilt werden. Unter true friends wird Identität
in formaler und inhaltlicher Hinsicht suggeriert,
wobei Van Roeys non-deceptive cognates synonym
zu gebrauchen sind. False friends beziehen
sich auf alle signifiant-ähnlichen Lexeme und werden "bei zufälliger
Ähnlichkeit als homomorphs", dagegen "bei etymologisch begründbarer
Ähnlichkeit als deceptive cognates bezeichnet".
Van Roey hat in seine Überlegungen die Unterscheidung etymologisch
gegenüber beliebig einbezogen. In
seinem Vorschlag werden "nicht nur divergierende
Lexeme miteingeschlossen, sondern auch identische". Mertens
stellt fest, dass es sich bei Van Roeys Einteilung
nicht erkennen lässt, ob "nach formalen und inhaltlichen
Abweichungen unterschieden wird". Das ist jedoch kein Vorwurf, seine Klassifizierung
muss noch in Bezug auf die formalen und inhaltlichen
Beziehungen der Lexeme zueinander detailliert ausgeführt
werden.
10) Die Klassifikation der "faux amis"
bei Svobodová-Chemlová:
Bei Svobodová-Chemlová wird dieser Fragenkomplex als System der interlingues
bezeichnet, wobei sie diesen Terminus hinsichtlich
aller in ihrer Untersuchung verwendeten Lexeme einführt.
Ihre Arbeit wurde eher praktischen Zielen (Erweiterung
der Übersetzungskompetenz in lexikalischer Hinsicht)
gewidmet und steht im Zusammenhang mit dem von ihr
geleiteten Übersetzungskurs für tschechische Studenten
der französischen Sprache. Die Einführung von Svobodová-Chemlová
des neu geprägten terminologischen Ausdrucks Interlingue
hat es ermöglicht, "Internationalismen, Fremdwörter
,common words unter einem Oberbegriff zusammenzufassen". Darunter wird ein muttersprachliches Wort verstanden, das einen "aspect
international" aufweist, d.h. es "besteht
ein von ihm ausgehender formaler Bezug zu einem fremdsprachlichen
Lexem".
Svobodová-Chemlová
unterscheidet ein interessantes Klassifikationsschema:
I. Les faux amis - (entsprechen
den totalen "faux amis"); dieser Begriff
bezieht sich auf 2 Gruppen von Lexemen:
1)auf das interferenzverursachende
Element:
a)
Analogie des signifiant
- es bestehen morphologische Analogiebezeichnungen
zwischen den zu kontrastierenden Lexemen (z.B. Analogie
der Präfixe, Suffixe usw.)
b)
Analogie des signifie
- umfasst annährend identische Sinnträger, "deren
Gesamtsinn sich jedoch unterscheidet"(z.B. Komposita,
idiomatische Wendungen).
2) auf die inhaltseitigen Divergenzen
- es geht um lexikalische Einheiten der Ausgangssprache,
die zu einem Lexem in der Zielsprache "formale
Übereinstimmungen bei den bestehenden signifié-Divergenzen
im semantischen und/oder stilistischen Bereich aufweisen".
Demzufolge wird weiter in semantische (dt. Marmelade
/= Konfitüre/ vs. frz. marmelade /= Mus/),
stilistische (dt. Vakanz /veraltet Ferien/
vs. frz. vacances /Ferien, Urlaub/) und semantisch-stilistische
(dt. kupieren /Ohren e-s Tieres beschneiden/
vs. frz. couper /schneiden/) "faux amis"
unterteilt.
II. Les (faux) amis partiels - (entsprechen
den partiellen "faux amis") der analoge
signifiant verursacht Unterschiede in Bezug
auf "semantische und stilistische Reichweite
der zu kontrastierenden Lexeme". Außer den stilistischen
und semantischen Unterschieden "kommen noch
teilweise (zielsprachlich) morphologische Abweichungen
hinzu", z.B. dt. Isolation
(1. Absonderung, 2. /fachsprl./ Abdichtung) -->
frz. isolement (Absonderung), --> frz. /fachsprl./
isolation (Abdichtung).
III. Amis - J. Mertens nennt an dieser
Stelle ein Beispiel (dt. der Moment vs. frz.
le moment), aus dem sich
schlussfolgern lässt, dass es sich um sog. "vrais amis" ("echte
Freunde des Übersetzers") handelt; es sind Lexeme,
bei deren Übersetzung überhaupt keine Schwierigkeiten
auftauchen (Reiner nannte sie "+P+").