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Orbis Linguarum Vol. 24/2004

Ernest Kuczyński

Łódź

Ein Diskurs zu geschichtlichen, terminologischen und definitorischen Fragen der "falschen Freunde des Übersetzers"*

Im Übersetzungsprozess kommt es häufig vor, dass man gewisse Schwierigkeiten hat, ein entsprechendes Pendant in der Zielsprache zu finden. In den meisten Fällen sind es Probleme der Übersetzbarkeit und der Wortwahl, wobei es an dieser Stelle zu erwähnen ist, dass es sich nicht selten um so genannte "falsche Freunde des Übersetzers" handelt (d.h. Wörter zweier Sprachen, die trotz äußerlicher Ähnlich­keit/Identität andere Bedeutung haben und daher zum falschen Gebruch einer Spra­che führen).

Dieser Fragenkomplex bereitet nicht nur den Lernern der Anfangsstufe sondern auch Sprechern mit breiter Sprachkompetenz (Übersetzern) und sogar bilingualen Personen relativ große Probleme und stellt einen nicht zu unterschätzenden Feind dar. Für Schüler, Übersetzer, Lehrer und Diplomaten ist das Phänomen der "faux amis" ein vertrauter Freund, auf den man sich jedoch nicht immer verlassen kann. Trotz einer ganzen Reihe von Arbeiten zu diesem Thema, die innerhalb langjäh­ri­ger lexikologischer Forschung entstanden sind, lassen wir uns permanent an der Nase herumführen. Warum denn? Die einen halten es nicht für nötig, in einem Wörterbuch nachzuschlagen, denn sie sind ihrer Meinung sicher, die anderen ahnen überhaupt nicht, dass ein von ihnen übersetztes Wort über falsche bzw. keine Ent­sprechung in der Zielsprache verfügt.

In Bezug auf die deutsche Sprache ist für einen polnischen Lerner die Gefahr noch größer, denn die Nachbarschaft von Deutschland und Polen und vielfältige historische und gegenwärtige Beziehungen beider Länder haben dazu beigetragen, dass sich die beiden Sprachen, zwar nicht in einem ähnlichen Grade, aber doch stark gegenseitig beeinflusst haben. Eine ganze Reihe von deutschen Wörtern wurde in mehr oder weniger veränderter Form in die polnische Sprache über­nom­men. Demzufolge laufen wir bei der Verwendung einer fremden Sprache ständig das Risiko, im Übersetzungs- bzw. Lernprozess falschen Freunden zu begegnen, die sich aus einer zwischensprachlichen Interferenz ergeben.

Obwohl die sprachwissenschaftliche Erforschung der falschen Freunde noch un­beleuchtet bleibt, sind bisher viele Berufsübersetzer in die von "faux amis" auf­gestellte Falle gegangen.

Viele hatten aus diesem Grund zahlreiche Übersetzungsprobleme, wie z.B. einer der hervorragendsten polnischen Übersetzer J. Tuwim[1]. Es ist schon hinreichend bekannt, dass es am einfachsten ist, bei der Übersetzung eines unkomplizierten, keinen Verdacht hegenden, unscheinbaren Wortes, zu stolpern. Schwierige, ausge­suchte und wenig bekannte Fachtermini werden von uns ohnehin in einem Wör­ter­buch nachgeschlagen, denn wir befürchten intuitiv eine lauernde Gefahr. Bei der Lektüre der einschlägigen Literatur wird auch oft wiederholt, dass Wörter, die zu verwandten Sprachen gehören, zum Beispiel ein polnisches und ein russisches Wort, leichter falsch gebraucht werden als solche aus weitverwandten Sprachen, z.B. ein deutsches und ein russisches Wort[2]. Dabei ist es zu erwähnen, dass die Gefahr, einen Fehler zu begehen, zusammen mit dem Grad der Verwandtschaft innerhalb einer Sprachfamilie wächst[3]. Wenn wir es schon gewohnt sind, eine ge­wisse Phrase in der Muttersprache zu verwenden, ist es dann nicht leicht, eine rich­tige Gewohnheit in einer Fremdsprache zu gewinnen.

Die Erscheinung solcher Wörter, die gleich oder ähnlich geschrieben werden (bzw. klingeln) aber unterschiedliche und/oder stilistische Färbung haben, insbe­sondere innerhalb genetisch verwandter Sprachen, macht für die Lexikologen, Le­xikographen, Didaktiker und Übersetzer ein äußerst interessantes Fragenkomplex aus. Eben aus diesem Grund hat der Autor des Artikel angefangen, sich mit den sog. "faux amis" zu befassen und beschloss, ein wenig ihre Geschichte, Bezeich­nungen (falsche Freunde verfügen über mannigfaltige Terminologie), Problematik, Auffassung und Definitionen zu ergründen. Meines Erachtens wird die Problematik der falschen Freunde, einer gefährlichen Interferenzquelle, noch nicht genügend behandelt; es wird relativ selten auf ihre Erscheinung im Lernprozess (z.B. bei der Ausbildung von Germanisten) hingewiesen, vor allem im Rahmen eines Unter­richts in der schriftlichen und mündlichen Übersetzung, wo sich ohne Zweifel eine sehr gute Gelegenheit bietet, dieses Problem den Studenten ausführlich zu erörtern. Es ist nicht zu vergessen, dass "faux amis" zu den gravierenden Problemen im Bereich der Übersetzung und Interferenz gehören.

Der Autor des Artikels ist der Ansicht, dass es im Falle der falschen Freunde an Arbeiten mangelt, welche sich die Zusammenstellung und Systematisierung von terminologischen, typologischen bzw. definitorischen Fragen zum Ziel setzten. Beispielsweise wurden während der Suche nach entsprechenden Materialien zur Magisterarbeit nur wenige Arbeiten gefunden, die zur Klärung bestimmter Fragen im Bereich der Lexikologie oder Lexikographie beitragen. Erst die Möglichkeit einer Forschungsarbeit in Deutschland brachte zufriedenstellende Ergebnisse. Dem­zufolge hat sich der Autor entschieden, in Anlehnung an deutsche Autoren die Geschichte, Terminologie, Typologie und definitorische Überlegungen in Form eines Artikels darzustellen, der als ein Versuch verstanden werden soll, dem pol­ni­schen Leserkreis das Phänomen "falscher Freunde des Übersetzers" auf eher theo­retische Weise näher zu bringen. Die vorliegende Arbeit ist nur mit wenigen Bei­spielen versehen, was jedoch auf ihren theoretischen Charakter zurückzuführen ist.

Es braucht noch unterstrichen zu werden, an welche Adressaten sich diese Ar­beit richtet und für wen unter Umständen von Nutzen sein könnte:

a)        für diejenigen, die sich mit einer fremden Sprache professionell beschäfti­gen als Lehrende (in der Fremdsprachendidaktik), Lernende, forschende Wis­sen­­schaftler einer Philologie und allgemeiner Sprachwissenschaft, Überset­zer und Dolmetscher;

b)        für diejenigen, die gewisse Kenntnisse einer fremden Sprache besitzen und aus nichtprofessionellem Interesse in einer Fremdsprache lesen oder schreiben[4].

1. Zur Geschichte und Terminologie der "falschen Freunde des Übersetzers"

Nach H. Kühnel[5] geht die deutsche Bezeichnung "falsche Freunde des Überset­zers" bekanntlich auf das Jahr 1928 zurück. Maxime Koessler und Jule Deroquigny[6], zwei französische Sprachwissenschaftler, haben den Begriff "faux amis du tra­ducteur" zum ersten Mal in der einschlägigen Literatur verwendet. "Falsche Freun­de" sind eine der entsprechenden Lehnübersetzungen des französischen Ausdrucks, die wir in verschiedenen Sprachen, vgl. pol."fałszywi przyjaciele tłumacza", engl. "false friends of a translator", it. "falsi amici", sp."falsos amigos", russ."ło¾nyje druzja perevodčika", tsch."fale¹ni přátelé překladatele" u. a. finden können.

An dieser Stelle möchte ich nur kurz erwähnen, dass andere verschiedene prob­lematische Bezeichnungen der falschen Freunde weiter im Text genannt und dar­gestellt werden.

J. Mertens ist der Auffassung, dass die Beschäftigung mit fehlerträchtigen Wort­paaren, ihrer Identifizierung, Sammlung und Auflistung weit ins 18. Jahrhundert zurückreiche; "es entstanden Arbeiten, in denen unter der Bezeichnung Germa­nis­mus von französischer Seite fehlerhafter Sprachgebrauch kommentiert und korri­giert wurde. Aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts stammen mehrere kürzere Veröffentlichungen, in denen Französischlehrer besonders markante Fehler ihrer Schüler im lexikalischen Bereich aufgelistet haben, die aufgrund von Lehn- oder Fremdwortbeziehungen fehlerträchtig waren. Oftmals wurde dieser besondere Fehlertyp nicht näher bezeichnet"[7] und wird daher von Mertens Paraphrase ge­nannt. Seiner Meinung nach seien heute all diese Arbeiten nur noch von sprachhis­torischem Interesse[8].

Bei K.H. Gottlieb ist zu finden, dass auf die Erscheinung der falschen Freunde schon in den 80ger Jahren des 19. Jahrhunderts J. Moers[9] hinwies und er "eine ziemlich umfangreiche Liste irreführender deutsch-französischer Wortpaare an­führte; seither war dieses Phänomen immer wieder Gegenstand von Betrachtungen, die sowohl auf den Fremdsprachenunterricht und Übersetzung als auch auf den sprachwissenschaftlichen Aspekt bezogen sind, die es unmittelbar oder in Verbin­dung mit anderen linguistischen Problemen wie Entlehnung, Bedeutungswandel, interlinguale Interferenz, Bilingualität und vielen anderen Fragen der konfronta­ti­ven Lexikologie erörtern"[10].

Die problematische Definitionssituation der falschen Freunde hat verursacht, dass sich im Laufe der Zeit neben dem Terminus "faux amis" (dieser Begriff hat in der Fachliteratur Eingang gefunden) und seinen zahlreichen Lehnübersetzungen eine ganze Reihe alternativer Bezeichnungen in der sprachwissenschaftlichen Terminologie mehr oder weniger eingebürgert haben. Es herrscht keine Einigkeit darüber, wie man eigentlich das Phänomen der falschen Freunde benennen sollte. Viele Forscher haben es schon versucht, meistens erfolglos, Ordnung in das reiche Vokabular zu bringen. Heute sind im Polnischen, Deutschen, Englischen und an­deren Sprachen verschiedene Äquivalente der Erscheinung der "faux amis" prob­lem­los zu finden. In den meisten Fällen waren es sprachwissenschaftliche Arbeiten, in denen man seine Vorschläge erörterte. Bisher hat keine Bezeichnung weltweite und enthusiastische Anerkennung gefunden; viele sind kritisch beurteilt worden und somit von anderen Forschern abgelehnt. Nach einem geeigneten Terminus wird immer wieder gesucht. Hoffentlich erzielt man in der nächsten Zeit die Eini­gung darüber.

Der Autor des Artikels hat sich zum Ziel gesetzt, aus der Fülle der Bezeich­nun­gen für "faux amis" mehrere näher darzustellen und eventuelle Einwände einzelner Sprachwissenschaftler zu veranschaulichen.

Ein guter Einstieg wäre die Betrachtung ausgewählter Termini im Polni­schen[11]; (in Klammern wurden Autoren genannt, bei denen diese Ausdrücke aufgetreten sind):

·                  "fałszywi przyjaciele tłumacza" (Lehnübersetzung aus dem Fran­zö­sischen), heterosemia międzyjęzykowa[12] (Grosbart), heterofemia między­językowa[13](Grosbart), homonimia międzyjęzykowa[14] (Grosbart), re­lac­ja my­lących podobieństw międzyjęzykowych[15] (Grosbart), pozorne odpo­wiedniki[16] (Zaręba), pułapki leksykalne, wyrazy zdradliwe[17] (Lotko), złudne odpowied­niki, falsiekwiwalencja międzyjęzykowa[18] (Grosbart), zwodnicze odpowied­ni­ki, aproksymaty[19] (Karpaczewa/Symeonowa), tautonimy[20] (Lipczuk).

Schon am Beispiel des Polnischen lässt sich erkennen, wie viele Äquivalente sich der Terminus "faux amis" angeeignet hat. Es ist vielleicht erstaunlich, aber sogar gegen die Lehnübersetzung "fałszywi przyjaciele tłumacza" werden von ver­schiedenen Seiten Einwände erhoben. Nach Grosbart sei ein solcher metapho­ri­scher Ausdruck zu einem wissenschaftlichen Terminus kaum prädestiniert[21]. Außer­dem liegen "fałszywi przyjaciele tłumacza"(und alle anderen Lehnübersetzungen) nicht nur im Interessenkreis der (Berufs-) Übersetzer und Dolmetscher.

Während der Untersuchung der einschlägigen Literatur wurden vom Autor des Artikels folgende terminologische Vorschläge in der deutschen und englischen Spra­che gefunden (in Klammern wurden Autoren genannt, bei denen diese Aus­drücke aufgetreten sind):

Deutsch[22]

·                  "falsche Freunde des Übersetzers"[23] (Gottlieb), "faux amis", zwi­schen­sprachliche Homonyme, Inter-Homonyme, interlinguale Homonyme, interlinguale Paronyme, scheinbare Äquivalente, Pseudointernationalismen, irreführende Fremdwörter[24] (Keppler), Tautonyme (Lipczuk), Fallstricke des Wortschatzes[25] (Pollak), lexikalische Scheinidentitäten[26] (Koch/Posor), Pseudoäquivalente[27] (Ehegötz), interlinguale Analogismen[28] (Gottlieb).

Englisch:

·                  "false friends of a translator"[29] (Perl/Winter), misleading words of fo­reign origin[30](Keppler), deceptive words[31] (Wełna), deceptive cognates[32] (Lado).

Manche von den o. g. terminologischen Vorschlägen wurden von Lipczuk[33] und Grosbart[34] ausführlich und kritisch beurteilt. Viele klingen zwar attraktiv, sind aber recht umständlich und nicht präzise genug. Deswegen wird immer noch nach ei­nem geeigneten Terminus Ausschau gehalten. Lipczuk selbst plädiert für die Be­zeich­nung "Tautonyme" bzw. "Tautonymie" (griech. ta uta - dasselbe; onyma - der Name, die Bezeichnung), wobei hinzufügen ist, dass er auf das Kriterium der Ety­mologie verzichtet (die von Lipczuk verwendete Terminologie und seine Über­le­gungen zu den "falschen Freunden des Übersetzers" werden weiter im Text erörtert).

Das erste Wörterbuch der "faux amis" von Koessler/Derocquigny und ihre Neu­schöpfung des o. g. Begriffes führte zu Lehnübersetzungen wie "fałszywi przy­ja­ciele tłumacza" u.a. Seither sind ziemlich viele Ausdrücke entstanden, deren ter­minologische Exaktheit große Unterschiede nachweist. Manche Autoren ziehen es nicht in Betracht und messen diesem Fragenkomplex keine große Bedeutung bei, z.B. "Wandruszka verwendet "faux amis", los falsos gemelos" und "deceptive cognates" bedeutungsgleich nebeneinander""[35]. So bleibt die Frage der adäquaten Bezeichnung der "faux amis" immer noch offen.

Jürgen Mertens hat in seinem Buch versucht, terminologische Vorschläge zum Terminus "faux amis" zusammenzustellen und sie kritisch zu beurteilen. Wenn es um die terminologischen Fragen der falschen Freunde geht, hat der Autor des Ar­tikels diese nach J. Mertens dargestellt und mit jeweils mit kurzem Kommentar versehen[36]. An dieser Stelle werden noch einmal mehrere Benennungen der "faux amis" präsentiert, aber diesmal kann man bei jeder Benennung entsprechende Er­klärung finden, warum der Vorschlag einer Kritik unterzogen worden ist:

·                  faux amis (samt Lehnübersetzungen) - kritisiert wird mangelnde Wissenschaftlichkeit dieses Begriffes. Dazu kommt noch die Tatsache, dass die Existenz von sogenannten "echten/wahren Freunden" ("vrais amis") sugge­riert wird.

·                  deceptive cognate - hauptsächlich geht es um die Nähe zur Be­zeich­nung "cognate", deren Definition zu eng ist und "in den wenigsten Fäl­len an­gewandt worden ist"[37]. Gleiche Herkunft sei keine notwendige Bedin­gung[38].

·                  lexikalische Scheinidentität - ein zu weit gefasster Terminus, bei dem offen bleibt, in welcher Beziehung diese Schein-Identität bestehen soll: intra- oder interlingual? Der Einschätzung von Lipczuk nach, ist diese Bezeichnung etwas umständlich und zu weit, denn sie umfasst auch lexi­kalische Einheiten innerhalb derselben Sprache[39].

·                  irreführende Fremdwörter (misleading words of foreign origin) - diese Benennung grenzt eine große Anzahl der "faux amis" aus; nicht nur Entl­­ehnungen aus einer dritten Sprache kommen in Frage.

·                  Heteronym - ein Nachteil dieses Begriffes ist, dass er in der Lin­guis­tik unter anderer Bezeichnung schon eingeführt ist. Als wenig geeignet erscheint er auch dadurch, dass er die Unterschiedlichkeit der Lautgestalt (gr. "hetero" = "ungleich") suggeriert[40].

·                  Dublette - zum einen sind sie Wortpaare mit gemeinsamem Etymon, was bei "faux amis" nicht zwingend - je nach Standpunkt der Auto­ren - notwendig ist. Zum anderen werden sie als intralinguale Kategorie betrachtet, hingegen "faux amis" sind (nach Koessler/Derocquigny) als inter­linguale Erscheinung anzusehen.

·                  Relation der irreführenden zwischensprachlichen Ähnlichkeiten (= "mpm"; vgl. 13) und zwischensprachliche Falsiäquivalenz - die beiden Vor­schläge von Grosbart werden von Lipczuk[41] erörtert, der feststellt, die erste Bezeichnung sei zu umständlich und schwer handhabbar und habe wegen der komplizierten Formulierung wenige Chancen auf breite Verwendung. Dem zweiten Vorschlag räumt Lipczuk größere Chancen ein, aber nach Mertens ist er wenig überzeugend. "Fasiäquivalenz" lässt offen, worin die vermeintliche Übereinstimmung (= Äquivalenz) bestehen soll.

·                  Tautonymie - Lipczuks eigener Vorschlag wird positiv gewertet. Mertens ist der Meinung, Tautonymie könnte als Fachbegriff geeignet sein. In deren Definition von Henne ist von "identischen phonemischen bzw. Gra­phemischen Regeln " die Rede und Tautonymie kann diese Ansprüche nicht erfüllen[42]; Lipczuk hebt selbst hervor, es bestehe neben formaler Gleichheit "(meistens) Ähnlichkeit" zwischen den signifiants der betroffenen Sprache.

2. Zur Typologie der "falschen Freunde des Übersetzers"

Bei J. Mertens ist auch eine repräsentative Auswahl von Vorschlägen vorhanden, die von verschiedenen Forschern der falschen Freunde in Bezug auf deren Klassi­fizierung und Beschreibung unterbreitet worden sind. An dieser Stelle muss man erwähnen, dass der Autos des Artikels während bisheriger Recherchen in der ein­schlägigen Literatur noch nicht auf eine so transparent formulierte Struktur einer wissenschaftlichen Arbeit in Bezug auf "faux amis" - Typologie gestoßen ist. An der Dissertation von J. Mertens Beispiel genommen[43], habe ich es versucht, die von ihm ausführlich vorgestellten und kritisch diskutierten Denkmodelle zur Gliede­rung der "faux amis" in einer komprimierten Form näher zu bringen (es ist nur schade, dass Mertens seine Überlegungen nur mit wenigen Beispielen versehen hat, denn sie hätten zum besseren Verständnis erörterter Fragenkomplexe entscheidend beigetragen). Es ist zu betonen, dass alle 10 Typologieversuche J. Mertens Disser­tation entnommen sind. Dagegen vom Autor des Artikels werden manche Erklä­rungen (zwecks besserer Verständlichkeit der bisweilen schwer zu nachvollzieh­baren Fragenkomplexe) und Beispiele angegeben.

1) Die Typologie der "faux amis" bei Haensch:

In lexikographischer Absicht beginnt Haensch Mitte der 50er Jahre in der Fachzeitschrift "Lebende Sprachen" verschiedene Ausprägungen von "faux amis" zu systematisieren. Es werden semantische und formale falsche Freunde beschrie­ben, ohne jedoch auf terminologische Präzision zu achten[44]. Seiner Ansicht nach sollen falsche Freunde folgendermaßen eingeteilt werden[45]:

a)        "die eigentlichen faux amis" - Wortpaare, die:

1.        rein formal gleich aber inhaltlich völlig verschieden sind (frz. perron = dt. Bahnsteig, frz. le perron = dt. Freitreppe)

2.        sich in manchen ihrer Bedeutungen decken, in anderen aber nicht (dt. Kompass = frz. la bousolle, frz. le compas = dt. Zirkel; aber dt. Bordkompass e-s Schiffes/Flugzeugs = frz. le compas);

b)        "deutsche Wörter" (man glaubt, sie im Französischen anwenden zu können, da sie aus dem Lateinischen abgeleitet sind. Solche Wörter exis­tie­ren im Französischen gar nicht)

z.B.: dt. labil = frz. instable, aber frz. *labile existiert nicht;

c)        "Wörter, die in beiden Sprachen verschiedenes Geschlecht haben":

z.B.: dt. die Ziffer vs. frz. le chiffre, dt. die Geste vs. frz. le geste

d)        "Wörter, die in beiden Sprache den gleichen Stamm haben, die aber Verschiedenheiten in der Schreibweise oder in der Endung aufweisen, die zu Fehlern Anlass geben können", z.B.: dt. ostentativ = frz. ostentatoire.

Mertens schreibt, das Verdienst der bei Haensch genannten Klassifizierung bestehe darin, dass er die grundlegende Einteilung von "faux amis", auf die andere Klassifizierungen aufbauten, vorgegeben habe und er selbst "auch auf den häufig anzutreffenden Fremdwortstatus vieler im Deutschen in sehr ähnlicher Form vor­kommender Wörter mit oftmals differierender Bedeutung hinweist"[46].

2) Die Typologie der "faux amis" bei Klein:

Klein hat ein Spezialwörterbuch in der deutsch-französischen Relation heraus­gegeben, wobei er "seine Arbeit jedoch nicht als ein Wörterbuch verstanden wissen will"[47]. Klein beschreibt nicht nur "faux amis", sondern auch Fehlermöglichkeiten, die aus der divergierenden Struktur der deutschen und französischen Sprache re­sultieren. Im Vorwort seiner Arbeit ist eine Gliederung der "faux amis" zu finden:

a)        faux amis de sens (nach Klein geht es um "die Schwierigkeiten se­mantischer Art (...) bei Wörtern, die einander zwar der Form nach in bei­den Sprachen entsprechen, die aber verschiedene Bedeutungen haben")[48].

Diese Gruppe wird als der eigentliche Kern des Buches von Klein verstanden, denn damals (1968) seien viele der von ihm präsentierten Lexeme noch nicht er­fasst worden und entsprechende Arbeitsmittel hätten nicht zur Verfügung gestan­den. Aus diesem Grund war Klein nicht imstande, die semantischen Differenzen zu erkennen.

Bei den semantischen "faux amis" handelt es sich nur um etymologisch zu­sam­menhängende Lexeme aus dem Deutschen und Französischen, was "von Klein im Hinblick auf den modernen Sprachgebrauch dargestellt worden ist"[49].

b)        faux amis de forme (formale Scheinentsprechungen, vor allem bei Fremdwörtern, orthographische Differenzen, verschiedene Genera in den beiden Sprachen)

c)        pseudofranzösische Wörter (sie verleiten zum Gebrauch nicht oder nicht mehr im Französischen belegter Lexeme)

d)        Unterschiede in der Sprachstruktur (die Erscheinung der "faux amis" beeinflusst den syntaktischen Bereich).

Da die von Klein vorgeschlagene Klassifizierung weitgehend der schon bei Haensch genannten Zweiteilung in formale und semantische "faux amis" ähnelt, werden übrige Gruppen nur kurz erwähnt. Als eine Neuerung versteht Mertens "die Ausweitung auf den Bereich der Syntax"[50].

3) Die Typologie der "faux amis" bei Kühnel:

Das Wörterbuch von Kühnel in der deutsch-französischen und französisch-deut­schen Relation sollte "besonders diejenigen sprachlichen Fehlleistungen ab­bauen, die sich aus der Existenz der sogenannten "faux amis" ergeben"[51], zitiert Mertens. Seines Erachtens hat Kühnel Übersetzungsrichtungen berücksichtigt und sie her­vorgehoben. Dies sei eine generelle Neuerung im Vergleich zu Haensch und Klein. Der Autor des Spezialwörterbuches "geht davon aus, dass ein Lexem in der einen Sprachenrichtung ein potentieller "faux ami" sein kann, was in der anderen Rich­tung jedoch nicht zutreffen muss". Als Beispiel wird dt. katastrophal vs. frz. ca­ta­strophique genannt, denn der Eintrag im dt.-frz. Teil des Wörterbuches ist für einen deutschsprachigen Benutzer notwendig, dagegen im frz.-dt. Teil nicht ("auf­grund des Dekodierungsvorganges beim deutschen Sprecher - so ist zu vermuten")[52].

Kühnel stellt einen detailliertesten Klassifizierungsvorschlag dar, in dem er un­terscheidet:

a)        semantische "faux amis" (darunter werden Wörter verstanden, die "durch gleiche Herkunft oder Entlehnung (...) in beiden Sprachen in glei­cher oder sehr ähnlicher Form existieren und deshalb auch in der Bedeu­tung und Anwendung Deckungsgleichheit vermuten lassen" aber "im Lau­fe der sprachlichen Entwicklung in der einen oder anderen Sprache eine abweichende Bedeutung angenommen haben")[53]

b)        strukturelle "faux amis" (Wortpaare, die sich in der Wortbildung bzw. lautlichen Struktur unterscheiden)

c)        pseudofranzösische Wörter

d)        Wortpaare mit unterschiedlicher Rektion

e)        Wortpaare mit unterschiedlichem Genus

f)         Wortpaare mit unterschiedlicher Schreibung.

Mertens kritisiert diese Klassifizierung in Bezug auf ihre Einteilung; Unter­punkte b, d, e, f hat er als "formale faux amis" gruppiert, denn morphologische Divergenzen der Lexeme bedeuten zwangsläufig orthographische Abweichungen. Kühnel unterscheidet sich von Klein dadurch, dass er falsche Freunde als Lexeme mit ausdrucksseitiger formaler Gleichheit bzw. großer Ähnlichkeit versteht. Sein Gedanke, Übersetzungsrichtung zu berücksichtigen, wird von Mertens positiv be­urteilt. Es bleibt jedoch unklar, ob "zufällige Homonyme, ohne etymologische Be­ziehung zueinander, von Kühnel zu den "faux amis" gezählt werden"[54].

4) Die Typologie der deceptive words bei Wełna:

Seine Arbeit bezieht sich auf das Sprachenpaar Polnisch-Englisch und beinhal­tet "terminologische und auch inhaltliche Ausdifferenzierung interlingual bestehen­der Bedeutungsdivergenzen bei bestimmten Lexemen"[55]. Bei Wełna werden sie deceptive words genannt. Es wird die ausdifferenzierte Darstellung semantischer Beziehungsmuster der interlingualen "faux amis" hervorgehoben und dabei eine formale Ähnlichkeit als Grundvoraussetzung angenommen.

Er unterscheidet:

a)        morphologische "faux amis" (es geht um die Übertragung von mut­tersprachlichen Wortbildungsmechanismen auf die Zielsprache in Kombi­nation mit Entsprechungen der Zielsprache)

b)        semantische "faux amis" - diese werden noch nach der Art ihrer semantischen Beziehung unterteilt:

1)       equivalence - es besteht völlige semantische Überein­stim­mung der Lexeme, aber es können aufgrund variierender Gebrauchs­frequenzen minimale Unterschiede bestehen (z.B. "dt. Analphabet und engl. analphabete, wobei das üblicherweise benutzte Wort im Englischen illiterate lautet")[56].

2)       inclusion - ein Lexem weist mehr Bedeutungen als das andere auf. Es müssen hier auch die Verhältnisse der Konvergenz (L1>L2) und der Divergenz (L1<L2) unterschieden werden.

3)       overlapping - Konvergenz- und Divergenzbeziehungen werden kombiniert. Obwohl ein Kern an gemeinsamer Bedeutung vorliegt, hat jede Sprache jedoch weitere Bedeutungen entwickelt.

4)       contrast - die semantischen Felder der betroffenen Lexeme überlappen sich nicht.

5) Die Typologie der "faux amis" bei Gauger:

Sein Interesse gilt für falsche Freunde in der deutsch-spanischen Relation. Bei Gaugers Klassifikation werden nur die formalen "faux amis" ein wenig differen­ziert dargestellt. Ihm ist vorzuwerfen, dass er "faux amis" - Begriff "auf Fälle von Polysemie ausdehnt, die nicht auf formaler Ähnlichkeit (z.B.: sp. el sueño vs. dt. der Schlaf, Traum) beruhen"[57]. Haschka meint, dass "es nicht gerechtfertigt ist, Fälle ohne formale Ähnlichkeit unter dem Terminus "falsche Freunde" zu behan­deln, sondern man sollte, wie bisher, Polysemie und "faux amis" trennen" [58] und hat Gaugers Einteilung in 6 verschiedene Typen von "faux amis" nach drei Ge­sichtspunkten geordnet:

a)                "faux amis" mit inhaltlichen Divergenzen; darunter werden Lexe­me verstanden,

·  die "ähnliche materielle Form , jedoch verschiedene Bedeutung" aufweisen

·  "die bei materieller Ähnlichkeit in mindestens einer Bedeutung Über­ein­stimmung zeigen, in mindestens einer weiteren sich unterscheiden"

·  "deren Bedeutungen sich in der einen Sprache auf zwei oder mehr ma­te­riell verschiedene Wörter verteilen, während sie in der anderen Sprache durch ein einziges Wort, materiell gesehen, ausgedrückt werden"[59].

b)                "faux amis" mit strukturellen Divergenzen (Genusunterschiede und morphologische Divergenzen z.B. dt. das Haus und sp. la casa)

c)                pseudo-fremdsprachige Wörter.

6) Die Typologie der "faux amis" bei Wotjak:

Von Wotjak werden Kongruenzen und Divergenzen im spanischen und deut­schen Wortschatz untersucht. Sowohl Lexeme, "deren weitgehende Identität der äußeren Gestalt auf etymologischen Verbindungen beruht, als auch solche, die keine semantischen Gemeinsamkeiten haben"[60], sind Gegenstand Wotjaks For­schung. Bei seiner Klassifizierung, die aufgrund der verwendeten Terminologie schwer zugänglich aber dagegen wesentlich exakter als alle bisherigen Vorschläge ist, handelt es sich um eine sehr genaue Darstellung der "faux amis". Er übernimmt die Typisierung von Kühnel und erweitert nur den strukturellen "faux amis" hin­sicht­lich der Betonung, "einer besonders im mündlichen Sprachgebrauch spanisch-spezifischen Fehlerquelle" (z.B.: dt. das Telefon, sp. le téléphone, el teléfono)[61].

Er unterscheidet:

1)        formale falsche Freunde (er ist der Meinung, dass es "im Hinblick auf die morphologische Struktur bei Präfixen und vor allem Suffixen, aber auch auf die graphische Realisation, die aufs engste mit der phonischen in der Wechselwirkung steht (...), gewisse Kongruenzen zwischen spanischen und deutschen lexikalischen Einheiten gibt, die als regulär anzusehen sind"[62]. Wenn aber Lexeme von solchen Übereinstimmungen abweichen, werden sie von Wotjak formale falsche Freunde genannt) und darunter:

a)         morphematische falsche Freunde (es wird die Kongruenz von Lexemen hinsichtlich ihres Stammmorphems bei unter­schied­lichen grammatischen Morphemen gemeint)

b)        divergente Betonungsstellen (für das Sprachenpaar Franzö­sisch-Deutsch lassen sich keine Beispiele finden)

c)        orthoepische falsche Freunde (es wird sowohl die abwei­chen­de Rechtschreibung zweier Lexeme, z.B. dt. Amnestie vs. frz. amnistie[63], als auch "homographe lexikalische Einheiten mit unterschiedlicher Aussprache, bei gleichzeitiger innersprachlich vorhandener Abweichung von bestehenden Phonem-Graphem-Entsprechungen" gemeint)

d)        kategoriale falsche Freunde - es geht um Wortartwechsel; frz. paradoxe (m., Substantiv) und dt. paradox (Adjektiv)

e)        intrakategoriale falsche Freunde (Lexeme mit Genus- und/­oder Numerusdivergenz).

2)        inhaltliche falsche Freunde sind "inhaltsseitige Divergenzen zwi­schen zwei lexikalischen Einheiten bei weitgehender kongruierender Ausdrucksstruktur"[64]. Sie werden gegliedert in:

a) semantische falsche Freunde (mit Berücksichtigung der Sys­tem- und Kontextbedeutung unterscheidet Wotjak bei lexika­li­schen Einheiten extesional- und intensionalsemantische Kon­gru­enz)

b) kommunikative falsche Freunde ("hinsichtlich der kommu­nikativ-funktionalen Charakteristik partielle oder totale Diver­genz, wobei semantisch Kongruenz der Lexeme gegeben ist")[65]

3)        falsche Analogismen (Wotjaks Bezeichnung für Pseudo-Ismen - es sind "Lexeme, die zielsprachig Verwendung finden, ohne dass sie dem Lexikon einer Zielsprache angehören, wie z.B. dt. Friseur - frz. *friseur; dt. die Banane - sp. *la banana").

Wotjak erweitert "die bisherigen Kriterien zur Bestimmung von Kongruenzen (z.B. Inhalt, Genus) um das Kriterium der 'kommunikativ-situativ-funktionale(n), pragmatisch-stilistisch-soziolinguistische(n) Charakteristik' der lexikalischen Ein­heit"(z.B.: dt. Blinddarmentzündung /allgemeinsprachlich/ vs. sp. apendicitis /all­gemein- und fachsprachlich/). Überdies stellte er eine detaillierte Tabelle dar, die zur Zusammenfassung aller Kriterien und Erscheinungsformen von Diver­gen­zen und Konvergenzen dient. Damit hat Wotjak "eine ausführliche theoretische Grund­le­gung zu Untersuchungen von Wortschatz und speziell von Entlehnungen vorgelegt"[66].

7) Die Klassifikation der "faux amis" bei Lipczuk:

Wenn man sich mit den "falschen Freunden des Übersetzers" in der deutsch-polnischen Relation beschäftigt, ist der Name Lipczuk ein Begriff. Sein Interesse für "faux amis" ist schon hinreichend bekannt, was beispielsweise an seinen Publi­kationen deutlich zu sehen ist. Aus diesem Grund halte ich es für angebracht, nicht nur die Überlegungen von J. Mertens in bezug auf Lipczuks Klassifikation zu er­wähnen, sondern auch einen kleinen Teil seiner wissenschaftlichen Arbeit hin­sicht­lich der "faux amis" darzustellen. J. Mertens hat in seinem Buch nur wichtigste Aspekte der Denkweise jedes einzelnen Forscher erwähnt. Deswegen erlaubt sich der Autor des Artikels, Lipczuks Bemerkungen zum Problem der falschen Freunde auf eine besondere Weise zu betrachten.

Bevor ich aber zur genauen Beschreibung der einzelnen Kategorien bei Lipczuk übergehe, stelle ich die von ihm in seinen wissenschaftlichen Beiträgen verwendete Nomenklatur dar.

Lipczuk unterscheidet eine enge und eine weite Auffassung der "faux amis"[67]. Nach der engen Auffassung werden falsche Freunde als Wörter von zwei (oder mehr) Sprachen verstanden, die bei gleicher oder ähnlicher graphischen und/oder phonemischen Form sich in ihrem semantischen Gehalt unterscheiden.

Als Beispiel wird genannt:

pol. komunikacja (1. Beförderung von Personen und Gütern auf dafür vorgese­henen Wegen; 2. Kommunikation, Verständigung, Informations­austausch) und

dt. Kommunikation (nur 2. Bedeutung des polnischen Wortes).

Wichtiger erscheint jedoch die weite Auffassung, nach deren als "faux amis" Aus­drücke unterschiedlicher Art betrachtet werden können, und zwar:

I. Wörter mit ähnlicher Form, aber unterschiedlichen Bedeutungen (vgl. die enge Auffassung). Sie "stammen oft aus einer dritten Sprache (meistens aus dem Lateinischen) oder sind voneinander entlehnt, haben also in den meisten Fäl­len die gleiche Herkunft"[68]. Solche Erscheinungen in einer Sprache wurden als Tautonyme (Lipczuks eigener Vorschlag) bezeichnet (griech. ta uta - dasselbe; onyma - der Name, die Bezeichnung). So bilden Tautonyme eine wichtige Unter­klasse der "faux amis";

z.B.: dt. Kriminalist (Kriminalbeamter, Kriminalwissenschaftler)

 pol. kryminalista (Krimineller, Verbrecher)

 dt. eventuell (möglicherweise)

 eng. eventual (schließlich).

In Lipczuks "Niemiecko-polski słownik tautonimów"[69] finden sich aber auch solche Formative, die "keine gemeinsame Herkunft aufweisen, aber aufgrund ihrer Interferenzanfälligkeit (formal-semantischer Eigenschaften auf synchroner Ebene) zu den Tautonymen gerechnet werden" können[70]. Lipczuk meint, dass es nicht plau­sibel erscheint, derartige Ausdrücke aus der Betrachtung auszuschließen und für entscheidend nicht das Kriterium der gemeinsamen Herkunft, sondern das der potentiellen Interferenz hält[71].

 z.B.: dt. Kraxe (Rucksack mit Traggestell; Rückentragkorb); deutsches Wort

 pol. kraksa (Panne, Verkehrsunfall); aus dem Englischen[72]

 dt. a) Golf (Rasenspiel mit Hartgummiball u. Schlägern); englische Herkunft

 b) Golf (größere Meeresbucht); aus dem Italienischen

 pol. a) Golf (entspricht der deutschen a)

 b) Golf (Pullover); aus dem Französischen[73].

II. Wörter mit gleicher/unterschiedlicher Bedeutung aber mit bestimmten Unterschieden in der Schreibweise:

z.B.: dt. Aggression vs. pol. agresja

  dt. Aggression vs. franz. agression[74].

III. Wörter mit bestimmten Unterschieden in der Aussprache:

 z.B.: dt. Laser [le:z r] vs. pol. laser [laser]

 dt. Waggon [va'go:n] vs. pol. wagon [wagon][75].

IV. Wörter, deren Wortbildungsstruktur unterschiedlich ist:

 z.B.: dt. absurd vs. pol. absurdalny

 dt. katastrophal vs. franz. catastrophique[76].

V. Wörter, deren grammatische Merkmale unterschiedlich sind (z.B. Genus bei Substantiven):

 z.B.: dt. die Gabel vs. pol. ten widelec

 dt. das Haus vs. sp. la casa

VI. Wörter, die formal völlig unterschiedlich sind, aber global als seman­ti­sche Entsprechungen gelten, was jedoch nicht immer zutrifft:

 z.B.: dt. fehlen vs. franz. manquer[77]

VII. Wörter, deren Wortbildungsstruktur gleich aber phonologisch-gra­phi­sche Gestalt und Bedeutung unterschiedlich ist:

 z.B.: dt. überhören ("etwas hören, aber darauf nicht reagieren")

 eng. to overhear ("etwas zufälligerweise zu hören bekommen")[78].

VIII. Wörter, die einer Sprache zugehören und im Laufe der Zeit eine an­dere, neue Bedeutung gewonnen hatten:

 z.B.: dt. List (früher: Wissen, Fähigkeit;

heute: Mittel, mit dessen Hilfe man (andere täuschend) etw. zu erreichen sucht, was man auf normalem Wege nicht erreichen konnte).

IX. Phraseologismen mit ähnlicher Struktur, aber unterschiedlichen Be­deu­tungen:

 z.B.: dt. den Kopf verlieren (verwirrt sein)

  pol. stracić głowę (auch: dem Charme einer Person erliegen)[79].

Lipczuk ist der Meinung, dass eine solche Auffassung der "faux amis" be­rech­tigt sei, denn alle angeführten Beispiele bergen in sich eine Interferenzgefahr und können zum falschen Gebrauch einer Fremdsprache führen. Es wird auch betont, dass den Tautonymen (siehe I.) als formal ähnlichen, aber sich in ihrer Bedeutung unterscheidenden Wörtern besondere Aufmerksamkeit gewidmet werden muss. Dies gilt auch für andere Faktoren (Arten der Bedeutung eines Lexems in einer Sprache), die bei der Ermittlung der weiten Auffassung der "faux amis" oft eine wichtige Rolle spielen und in Betracht gezogen werden müssen:

·  die sog. Stilschichten (Kaprize im Deutschen gilt als gehoben, wo­bei das polnische Gegenstück kaprys einer neutralen Schicht zugehört),

·   territorialer Gebrauch (z.B. in Österreich: lizitieren, im Sinne etw. Verstei­gern

in der Schweiz: manifestieren /an e-r Massenkundgebung teilnehmen/),

·   zeitliche Zuordnung (Unterschiede in der Aktualität des Gebrauchs, z.B.: proponieren /vorschlagen/ - proponować) oder

·   die Gebrauchshäufigkeit (Lexeme, die von einem begrenzten Sprecher­kreis benutzt werden und sich auf ein bestimmtes Gebiet der menschlichen Tätig­keit beziehen; dt. Quästion /Philosophie/ "in einer Diskussion ent­wickelte und gelöste Frage"; pol. kwestia - "Frage, Angelegenheit")[80].

Lipczuks Erachtens gehört eine Beschreibung bzw. Untersuchung interlingualer semantischer Relationen zwischen einzelnen Lexemen zu zentralen Aufgaben der tautonymen "faux amis". Meiner Ansicht nach sei noch an dieser Stelle hinzuzu­fügen, dass wir "im Sinne einer weiten Bedeutungsauffassung die Bedeutung eines Lexems als seine Gebrauchsregeln betrachten wollen. Es erscheint angebracht, besondere Aufmerksamkeit dieser Bedeutungsart zu schenken, die man traditionell als denotative oder begriffliche bezeichnet"[81]. Im Bereich der Bezugsregeln (der denotativen Bedeutung) unterscheidet Lipczuk folgende Arten semantischer Ver­hältnisse, wobei er für diese Bezeichnungen bestimmte Termini aus der Phonologie und Logik verwendet:

1. Relation der Privativität:

ein Lexem einer Sprache weist eine (oder mehr als eine) Bedeutung auf, die in einer anderen Sprache nicht nachweisbar ist:

z.B.: dt. Konkurs (Zahlungsunfähigkeit, Zahlungseinstellung)

pol. konkurs (1. Zahlungsunfähigkeit, Zahlungseinstellung; 2. Wett­bewerb, Wettstreit)

dt. präparieren (1. einen toten Organismus oder Teile davon durch spezielle Behandlung auf Dauer haltbar machen; 2. vorbereiten)

pol. preparować (einen toten Organismus oder Teile davon durch spezielle Behandlung auf Dauer haltbar machen)[82].

2. Relation der Inklusion:

die Bedeutung eines Lexems in einer Sprache ist weiter als die Bedeutung eines entsprechenden Lexems in der anderen Sprache aufzufassen, so dass die zweite in der ersten enthalten ist:

 z.B.: dt. Artist (Zirkus-, Varietékünstler)

 frz. artiste (1. Künstler, 2. Zirkus-, Varietéartist)[83].

3. Relation der Äquipollenz:

eine Relation, wo sich Bedeutungen von zwei Lexemen teilweise decken, das eine aber bestimmte Gebrauchsregeln aufweist, die das andere entbehrt und um­ge­kehrt:

 z.B.: dt. Dramaturg (jemand, der für das Theater o.ä. Stücke auswählt und be­arbeitet)

 pol. dramaturg (jemand, der Stücke, Dramen schreibt)[84].

4. Relation der Kontrarität:

die Bedeutungen sind in den beiden Sprachen als gegensätzlich zu betrachten:

 z.B.: dt. Handikap (Nachteil, schlechtere Bedingungen)

 pol. handicap (Vorteil, bessere Bedingungen)[85].

5. Relation der Exklusion:

die Bedeutungen der Lexeme weisen keine Gemeinsamkeiten auf:

 z.B.: dt. Etat (Budget)

 frz. état (Staat).

Von Lipczuk selbst wird zugegeben, dass manche von seinen Bemerkungen lediglich als methodische bzw. theoretische Vorschläge zu verstehen sind. An dieser Stelle muss man betonen, dass der Stettiner Sprachwissenschaftler mit seiner Erforschung verbaler Tautonyme lateinischer Herkunft in deutsch-polnischer Re­lation einen bedeutenden Beitrag für den Sprachsystem beider Sprachen geleistet hat. Leider werden seine Untersuchungen von J. Mertens nicht so positiv bewertet, der Lipczuk "einseitige Orientierung an der inhaltlichen Seite des Problems"[86] vorwirft. Es wäre problematisch, einen Grund dafür zu finden. Vielleicht geht es darum, dass Lipczuk bei der Untersuchung der "faux amis" auf das etymologische Kriterium verzichtet hat?

8) Die Klassifikation der "faux amis" bei Reiner:

Bei Reiner wird dieser Fragenkomplex als System der pénidentèmes bezeichnet, wobei unter diesem Begriff Lexeme mit interlingual bestehender formaler und in­haltlicher Äquivalenz verstanden werden. Dieser Oberbegriff wurde zum ersten Mal verwendet und umfasst "alle Fälle gleicher und verschiedener Inhaltsseite bei stets gleicher/ähnlicher Ausdrucksseite"[87]. Sein System der pénidentèmes stellt "eine semantische Abstufung von völliger Bedeutungsverschiedenheit bis zu abso­luter Identität" dar[88]. Eine Beschreibung der einzelnen Kategorien ist bei Reiner nicht vorhanden, es wird eine Gradeinteilung genannt, die von ihm angegeben wird: très grande divergence (-P-),

  divergence considérable (-p-),

 divergence assez faible (+p+) und

 pratiquement pas de divergence (+P+).

Mertens schreibt, dass Reiners Typologie der pénidentèmes "sich auf etymolo­gisch zusammenhängende Lexeme beschränkt"[89]. Eine Neuerung im Vergleich mit den bisher dargestellten Vorschlägen macht die Berücksichtigung solcher Wort­paare aus, die weitgehend in Inhalt und Form identisch sind. Für Mertens bleiben seine Überlegungen "im großen und ganzen hinter den bekannten Klassifizie­run­gen" zurück[90]. Der Grund dafür sei die zu undifferenzierte Berücksichtigung der formalen Seite im Bemühen um die Inhaltsseite betreffende Abstufungen.

9) Die Klassifikation der "faux amis" bei Van Roey:

Bei der Typologie von Van Roey werden common words, true/false friends, de­ceptive/non-deceptive cognates und homomorphs unterschieden. Seine Typo­logie "orientiert sich nicht an den inhaltlichen bzw. formalen Übereinstimmungen bzw. Unterschieden der zu klassifizierenden Lexeme, ihr liegen die Kriterien: äußere Form sowie Vorhandensein bzw. Fehlen einer etymologischen Verbindung zugrun­de"[91]. Die Bezeichnung common words umfasst alle identischen/ähnlichen Lexe­me, die bei Van Roey in true/false friends geteilt werden. Unter true friends wird Identität in formaler und inhaltlicher Hinsicht suggeriert, wobei Van Roeys non-de­ceptive cognates synonym zu gebrauchen sind. False friends beziehen sich auf alle signifiant-ähnlichen Lexeme und werden "bei zufälliger Ähnlichkeit als homo­morphs", dagegen "bei etymologisch begründbarer Ähnlichkeit als deceptive cognates be­zeichnet"[92].

Van Roey hat in seine Überlegungen die Unterscheidung etymologisch gegen­über beliebig einbezogen. In seinem Vorschlag werden "nicht nur divergierende Lexeme miteingeschlossen, sondern auch identische"[93]. Mertens stellt fest, dass es sich bei Van Roeys Einteilung nicht erkennen lässt, ob "nach formalen und inhalt­lichen Abweichungen unterschieden wird"[94]. Das ist jedoch kein Vorwurf, seine Klassifizierung muss noch in Bezug auf die formalen und inhaltlichen Beziehungen der Lexeme zueinander detailliert ausgeführt werden.

10) Die Klassifikation der "faux amis" bei Svobodová-Chemlová:

Bei Svobodová-Chemlová wird dieser Fragenkomplex als System der interlin­gues bezeichnet, wobei sie diesen Terminus hinsichtlich aller in ihrer Untersu­chung verwendeten Lexeme einführt. Ihre Arbeit wurde eher praktischen Zielen (Erweiterung der Übersetzungskompetenz in lexikalischer Hinsicht) gewidmet und steht im Zusammenhang mit dem von ihr geleiteten Übersetzungskurs für tschechi­sche Studenten der französischen Sprache. Die Einführung von Svobodová-Chem­lo­vá des neu geprägten terminologischen Ausdrucks Interlingue hat es ermöglicht, "Internationalismen, Fremdwörter ,common words unter einem Oberbegriff zusammenzufassen".[95] Darunter wird ein muttersprachliches Wort verstanden, das einen "aspect international" aufweist, d.h. es "besteht ein von ihm ausgehender for­maler Bezug zu einem fremdsprachlichen Lexem"[96].

Svobodová-Chemlová unterscheidet ein interessantes Klassifikationsschema:

I. Les faux amis - (entsprechen den totalen "faux amis"); dieser Begriff bezieht sich auf 2 Gruppen von Lexemen:

1)auf das interferenzverursachende Element:

a)             Analogie des signifiant - es bestehen morphologi­sche Analogiebezeichnungen zwischen den zu kontrastie­ren­den Lexemen (z.B. Analogie der Präfixe, Suffixe usw.)

b)             Analogie des signifie - umfasst annährend identi­sche Sinnträger, "deren Gesamtsinn sich jedoch unterschei­det"(z.B. Komposita, idiomatische Wendungen)[97].

2) auf die inhaltseitigen Divergenzen - es geht um lexikalische Einhei­ten der Ausgangssprache, die zu einem Lexem in der Zielsprache "formale Übereinstimmungen bei den bestehenden signifié-Divergenzen im seman­tischen und/oder stilistischen Bereich aufweisen". Demzufolge wird weiter in semantische (dt. Marmelade /= Konfitüre/ vs. frz. marmelade /= Mus/), stilistische (dt. Vakanz /veraltet Ferien/ vs. frz. vacances /Ferien, Urlaub/) und semantisch-stilistische (dt. kupieren /Ohren e-s Tieres beschneiden/ vs. frz. couper /schneiden/) "faux amis" unterteilt[98].

II. Les (faux) amis partiels - (entsprechen den partiellen "faux amis") der ana­loge signifiant verursacht Unterschiede in Bezug auf "semantische und stilistische Reichweite der zu kontrastierenden Lexeme". Außer den stilistischen und seman­tischen Unterschieden "kommen noch teilweise (zielsprachlich) morphologische Abweichungen hinzu", z.B. dt. Isolation (1. Absonderung, 2. /fachsprl./ Abdich­tung) --> frz. isolement (Absonderung), --> frz. /fachsprl./ isolation (Abdichtung)[99].

III. Amis - J. Mertens nennt an dieser Stelle ein Beispiel (dt. der Moment vs. frz. le moment), aus dem sich schlussfolgern lässt, dass es sich um sog. "vrais amis" ("echte Freunde des Übersetzers") handelt; es sind Lexeme, bei deren Übersetzung überhaupt keine Schwierigkeiten auftauchen (Reiner nannte sie "+P+").</