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Orbis Linguarum Vol. 24/2004

Katarzyna Dzikowska

Poznań

Lob der Ungleichheit. Einige Betrachtungen zum Europa der Nationen

ungleiche brauchen einander

sie verstehen am besten, dass alle auf

alle angewiesen sind

und ahnen das Ganze

Jan Twardowski

Europa und Nation

"Das kleine, zierliche, wie von einem Goldschmied gegliederte Gebilde zwischen den Kolossen Asien, Amerika, Afrika. Die Fülle seiner Formen, das Ineinander von Meer und Land, die Mannigfaltigkeit seiner volklichen Verhältnisse von den Hoch­alpen bis zur Tiefebene - das alles erscheint wie eine Zubereitung für das Erwachen hellsten Geistes, für großes Werk und kühne Unternehmung"[1]. So gesehen, in seiner Vielfalt von Formen - sowohl rein naturhaft-geographisch, wie auch kulturell-gei­stig betrachtet - bietet Europa ein Bild von wohlgeformter Harmonie, einem Klein­od ähnlich. Eine solche Betrachtung des "alten Kontinents" wirkt in der Tat senti­mental. Und man spürt in diesen Worten wirklich eine Art Rührung, der sich der Autor selbst ein bisschen zu schämen scheint. Und doch sind es Worte von einer recht großen Aussagekraft, wenige und doch äußerst treffende. Denn es ist einer der größten Schätze Europas - die Mannigfaltigkeit. Diese Vielheit an Formen, so­wohl der Natur, als auch, und vor allem verschiedener Nationen und ihrer Kultu­ren, bildet einen wesentlichen Zug seiner Identität. Dass aber Romano Guardini uns nicht ins utopische Wunschdenken verführen will, zeigen direkt folgende Wor­te, in denen er seiner Besorgnis Ausdruck verleiht, ob Europa das in ihm befind­li­che Potential wirklich schöpferisch zu nutzen verstehen kann und wird: "Und man empfindet die Sorge, was Europa groß gemacht hat, könne ihm zum Verhängnis werden - so wie einst Hellas an seiner eigenen Differenzierung und Spannungs­fülle zu Grunde gegangen ist. Ich habe mich immer gewundert, wie wenig die Hel­lenophilen auch unserer Zeit die Tatsache würdigen, dass Griechenland vor der höchsten ihm geschichtlich gestellten Aufgabe, nämlich zu einer echten nationalen Gemeinschaft zusammenzuwachsen, versagt hat. Das wird weder durch Kunst, noch durch Dichtung oder Philosophie aufgewogen; denn darin offenbart sich eine Schwäche im personalen Kern - eine Schwäche, die sich auf breiter Ebene heute wieder zu zeigen scheint"[2]. Heute heißt in diesem Fall im Jahre 1955, aus welchem die Rede Guardinis stammt, also vor fast einem halben, und dazu im vorigen Jahr­hundert und Jahrtausend. Was wir von dieser alten, wohl aber nicht veralteten Aus­sage heute, im Jahre 2002 zweifelsohne übernehmen könnten und sollten, ist das uralte (wie es uns meistens scheint) Problem der Spannung zwischen dem Euro­pä­ischen und dem Nationalen.

Ob es aber wirklich ein uraltes Problem ist? Wenn man Krzysztof Pomian folgt[3], kommt man zu einer völlig anderen Einsicht, und zwar als eine Art Spannung ist es ein eher neues Problem, das sich im Laufe der letzten zweihundert Jahre herausge­bildet hat. Damit soll natürlich nicht behauptet werden, das nationale Wesen sei erst zweihundert Jahre alt, bis dahin sei das Faktum somit auch Begriff des Natio­nalen nicht bekannt bzw. habe es so etwas wie eine Nation in ganz Europa gege­ben. Was hier behauptet wird ist die Existenz einer gemeinsamen europäischen Kul­tur, ohne dass die Besonderheiten der einzelnen Nationen in einem Spannungs- wenn nicht Feindschaftsverhältnis stünden. Ihre erste Form hatte die europäische Kultur in der mittelalterlichen Respublica christiana. Diese wurde nach der schmerz­haften Spal­tung der Reformation durch die Respublica Litteraria ersetzt und man kann von einer zweiten kulturellen Einigung Europas unter der Führung der sog. Aufgeklär­ten Vernunft sprechen. Diese übernationale Kultur der Eliten beginnt mit der Ver­breitung der Romantischen Ideen schwächer zu wirken, da diese eben romantische Auffassung der Kultur sich auf das Besondere und Eigenartige der jeweiligen Na­tion konzentrieren ließ. Die Revolutionen und napoleonische Kriege des 19. Jahr­hundert in ganz Europa hatten bei allen Völkern Europas ein starkes National­ge­fühl geweckt und somit die letzte Phase der Herausbildung und Festigung der Na­tionen und Nationalstaaten eingeleitet. "Am Vorabend des Ersten Weltkrieges ist Europa schon lange nicht mehr ein Europa von Staaten, deren Eliten an einer ge­meinsamen übernationalen Kultur teilhaben. Es ist nunmehr ein Europa der Na­tio­nen, in dem selbst die Kultur nicht als europäische, einheitliche und einigende Kul­tur existiert, sondern in Gestalt einer Pluralität nationaler Kulturen" - lautet die Schlussdiagnose von Pomian[4]. Sie wird noch zusätzlich mit der Feststellung be­kräf­tigt, es seien Nationen, die einander nicht bloß beeinflussen sondern, was schlim­mer noch ist, bekämpfen.

Hiermit sei eine Antwort zu geben und eine Frage zu stellen.

Die Antwort auf die eingangs gestellte Frage, ob die Spannung zwischen dem Eu­ro­päischen und dem Nationalen eine uralte sei, lautet also: nein. In den Dimen­sionen der Weltgeschichte gerechnet sind zweihundert Jahre ein Augenblick. Und das ist der erste Strahl der Hoffnung. Die Frage, die hier zu stellen sei, ist die nach der Endgültigkeit der von Pomian geschilderten Prozesse. Oder besser: hat man mit einem endgültigen Untergang der gesamteuropäischen Kultur zu tun, oder nur mit einer Krise, die zu überwinden eine Aufgabe sei, eine Aufgabe für alle Nationen, wollen sie sich als europäisch verstehen.

Krise und Hoffnung - Drei Stimmen

Zauberlehrling, den seine Besen bemeistern. Ein unsäglicher Relativismus um ihn als schwindelnde kreisende Atmosphäre: die Sitten von heute und ehedem als relativ enthüllt, alles als ein Werden gefasst, Wissenschaft, Kunst, Sittlichkeit selber in Fra­ge gestellt. Eine verzehrende Ironie über all unser Tun gekommen. Eine Kritik, die alles ergriff, noch nach innen. Zweifel an der Möglichkeit, mit der Sprache etwas von dem Weltstoff fassen zu können. Sprachkritik als Welle der Verzweiflung über die Welt laufend: als jene Seelenverfassung, die sich ergeben hatte, weil nicht Wahr­heit, sondern Technik das Ergebnis des wissenschaftlichen Geistes gewesen war. (...) Ohne Scheu betete diese Welt die drei Götzen Gesundheit, Sicherheit und langes Leben an[5].

Vielleicht in fünfzig Jahren, Mitte des 21. Jahrhunderts, werden die Gymna­sial­schü­ler in ihren Geschichstbüchern in dem Kapitel "Europa um die Jahr­tausend­wende" eine solche Charakteristik der vergangenen Epoche finden können. Es ist aber weder eine Zukunftsvision Europas der kommenden Jahre, noch ein Urteil über die gegenwärtige Situation, sondern Worte, die aus dem Anfang des vorigen Jahrhunderts stammen. So sah Hugo von Hofmannsthal die geistige Lage Europas vor dem Ausbruch des ersten Weltkrieges, darin auch dessen Ursache. In seiner Rede, die er im Jahre 1917 in der Schwiez hielt, angesichts des maßlosen Leids und der Schrecken des Krieges, rief er nach einer neuen Wirklichkeit, die er eine neue europäischen Idee nannte. Neu sollte jedoch die Idee in dem Sinne sein, dass sie sich der erfolgten Verunstaltung widersetzen sollte. Im Grunde genommen plädier­te Hofmannsthal für keine neue europäische Idee, sondern "das erneute Erlebt­wer­den der Idee in ihrer alten Heiligkeit"[6]. Auch wenn, wie es Hofmannsthal selbst skizzierte, Europa als Begriff, als eine geistige Wirklichkeit in seiner Jahrhunderte langen Geschichte manchen Wandlungen unterlag, so gab es doch in jeder Ent­wick­lungsphase des Begriffs einen festen Kern. Als das wichtigste Charakteristikum Europas nannte Hofmannsthal "höchste Gemeinbürgschaft für ein heiliges Gut, dessen Benennung mit den Zeiten gewechselt hat". Diese Gemeinbürgschaft sah er verwirklicht schon in der ursprünglichen Phase des Europa-Begriffes, mit der grie­chischen für Delphi, römischen für die hellenische Welt, über die Missionsarbeit des mittelalterlichen Christentums, Pflege des antiken Erbes in der Renaissance, bis zur humanistischen Auffassung des Sittlichen als eines ungeschriebenen euro­pä­ischen Kodexes. Zu dem heiligen Gut Europas gehörten, Hofmannsthal nach, der Glaube, das Wissen, die Toleranz. "Die Religion Europas, die Humanität Europas waren unkäuflich gewesen, schwer zu geben, unendlich schwer zu nehmen, aber: aus dem ganzen der Seele fließend, das Ganze fordernd, das Ganze gestaltend"[7]. Zu einer solchen Auffassung des Europäischen, zur Verwirklichung einer solchen Idee rief Hofmannsthal auf, mit der Hoffnung, dass ähnlich wie es im Falle des Pietis­mus, der nach der Tragödie des Dreißigjährigen Krieges eine geistig-religiöse Er­neuerung des Menschen bewirken sollte, auch dem Weltkrieg eine neue Epoche der Seele folgen werde. Als Österreicher wollte er sich als besonders berufen ver­stehen, einer solchen Hoffnung Ausdruck zu geben, denn ihm nach gerade Österreich die höchste Verkörperung des Europäischen sei, des Ringens um Europa, der Sendung Europas, des Glaubens an Europa. Seine Rede über die Idee Europa beendete er mit einem Appell, das von seinem tiefsten Vertrauen in die geistige Erneuerung, seiner Überzeugung von der einzigmaligen Größe und Sendung des Europäischen zeugte: "Für uns (...) Deutsche und Slawen und Lateiner, ein gemeinsames Ge­schick und Erbe zu tragen auserlesen, - für uns wahrhaft ist Europa die Grundfarbe des Planeten, für und ist Europa die Farbe der Sterne, wenn aus entwölktem Himmel wieder Sterne über uns funkeln. Wir, nicht auf errechenbare Macht, nicht auf die Wucht des nationalen Daseins, sondern sehenden Auges auf einen Auftrag vor Gott gestellt, - wie sollten wir leben, wenn wir nicht glauben wollten, und was wäre des Glaubens würdiger als das Hohe, das sich verbirgt, und das Ungreifbare, das sich dem gebundenen Sinn, dem stumpfen Herzen versagt"[8].

Von der geistigen Krankheit Europas, oder vielleicht einem Aspekt jener, wuss­te auch Edmund Husserl, als er im Jahre 1935, fast zwanzig Jahre später, lange nach dem Ende des Ersten, leider kurz vor dem Ausbruch eines neuen Weltkrieges, in einer Vortragsreihe in Prag, nicht bloß von der Krise des Begriffs Europa, sondern von einer viel tieferen Krise, Krise des europäischen Menschentums sprach[9]. Den Grund sah Husserl in dem "sich verirrenden Rationalismus", wobei er den Akzent auf die Verirrung setzte. Nicht die Vernunft selbst, sondern ihre Versponnenheit in den "Naturalismus" und "Objektivismus" sei an der Krisis schuld. Diese Ver­strickung der Vernunft bei Husserl erinnert an die Vertrickung des Menschen in den prakti­schen Materialismus, der das Geld und die Gesundheit zu Götzen erhoben hat, wel­chen Hofmannsthal für den Verfall des Europäischen verantwortlich machte. Ähn­lich aber wie der Dichter, schaute auch der Philosoph in die Zukunft voller Hoff­nung und Zuversicht. In der Befreiung der Vernunft von ihren Verirrungen sah Husserl die Rettung für Europa, dessen geistige Gestalt die menschliche Suche nach der Wahrheit, die einen absoluten Wert darstellt, geprägt ist. Als europäisch bezeichnete Husserl eine besondere Seinsweise des Menschen, welcher "in der End­lichkeit lebend, auf Pole der Unendlichkeit hin lebt"[10]. Das Besondere der philosophischen Haltung, die Europa den antiken Griechen verdankt, blieb jedoch, Husserl nach, nicht, wie viele andere Kulturgüter, national gebunden, sondern um­fasst im geistigen Austausch alle Menschen. Aufgrund einer gemeinsamen Den­kungsart konnte, so Husserl, eine übernationale Gemeinschaft entstehen, das, was er die geistige Gestalt Europas nannte: "Es ist nun nicht mehr ein Nebeneinander verschiedener, nur durch Handel- und Machtkämpfe sich beeinflussender Nationen, sondern: Ein neuer, von Philosophie und ihren Sonderwissenschaften herstam­men­der Geist freier Kritik und Normierung auf unendliche Aufgaben hin durchherrscht das Menschentum, schafft neue, unendliche Ideale! Es sind solche für die einzelnen Menschen in ihren Nationen, solche für die Nationen selbst. Aber schließlich sind es auch unendliche Ideale für die sich ausbreitende Synthese der Nationen, in wel­cher jede dieser Nationen gerade dadurch, dass sie ihre eigene ideale Aufgabe im Geiste der Unendlichkeit anstrebt, ihr Bestes den mitvereinten Nationen schenkt. In diesem Schenken und Empfangen steigt das übernationale Ganze mit all seinen aufgestuften Sozietäten empor, erfüllt von dem Geiste einer überschwänglichen in vielfacher Unendlichkeit gegliederten, und doch einzigen unendlichen Aufgabe"[11].

In den Entwürfen der europäischen Zukunft von Hofmannsthal und Husserl, auch wenn sie von verschiedenen Standpunkten aus formuliert wurden, lassen sich viele Gemeinsamkeiten finden. Eine muss besonders hervorgehoben werden, da sie nicht nur das Wesen des Begriffes Europa betrifft, sondern auch zutiefst den Men­schen angeht. Sowohl der Dichter Hofmannsthal, als auch der Philosoph Husserl verweisen auf die Berufung des Europäers, in einer Ausrichtung und zugleich Suche nach dem Transzendenten und Absoluten hin zu leben. Sei es die absolute Wahr­heit, die die Philosophie sucht, sei es die Verantwortung für sein und der an­deren Menschen Leben, nicht zuletzt vor Gott.

Das, was die beiden Autoren unterscheidet, ist ihr Verhältnis zum Nationalen. Ohne auf die Gründe der verschiedenen Auffassungen näher einzugehen, kann man sagen, dass man bei Hofmannsthal, der als Österreicher die Probleme eines Viel­völkerstaates und dieses Staates Zerfall und Untergang "am eigenen Leibe" emp­fin­den musste, gewisse Vorbehalte bemerken kann, die in dem Nationalen eher eine Bedrohung für Europa befürchten lassen, während bei Husserl, einem deut­schen Philosophen jüdischer Abstammung, getauft in der evangelichen Kirche, das Nationale und das Europäische einander zu fördern und Stufen einer organischen Einheit zu bilden scheinen.

Eine dritte Auffassung der Beziehung zwischen dem Nationalen und dem Euro­pä­ischen finden wir bei Romano Guardini, einem deutschen Philosophen und Theo­logen, geborenen Italiener. Zwanzig Jahre nach Husserl, nach der Erfahrung nicht nur eines, sondern sogar zwei Weltkriege, sieht er in dem Nationalen nicht nur keine Bedrohung, nicht bloß eine Stufe eines Prozesses, sondern einen wesent­lichen Bestandteil des Europäischen. Im Jahre 1955 sprach Guardini in München: "Der Nationalismus hat gewiss Unheil genug angerichtet; doch es ist sehr die Frage, ob mit seinem Verschwinden nicht auch die Verbundenheit mit dem eigenen Volk und Staat schwächer - und vielleicht sagen wir besser: ob nicht unsicherer, abstrakter zu werden droht? Was wird aber dann aus den Werten, die sich früher, wenn auch oft in enger und gewalttätiger Form, an die Nation knüpften? Die Un­bedingtheit einer aus Wesen und Schicksal kommende Liebe und die sittliche Be­reitschaft, für sie einzustehen?"[12] Gerade Romano Guardini scheint zu einer sol­chen Aussagen besonders berechtigt zu sein. In Italien geboren, übersiedelte er mit den Eltern nach Deutschland und nachdem er seine tiefe Verbundenheit mit dem "deutschen Wesen" festgestellt hatte, entschloss er sich für ein Leben in Deutsch­land, als deutscher Staatsbürger. Diese Entscheidung bedeutete jedoch keinen Bruch mit Italien, im Gegenteil, die tiefe Verbundenheit mit der Heimat machte die Entscheidung doch sehr schwer. Die Lösung war Europa. So erinnert er sich: "Da ist mir aus persönlichster Beanspruchung heraus jene Realität deutlich geworden, deren Name heute in aller Mund ist, von der man aber damals kaum sprach: das Faktum >>Europa<<. Ich erkannte es als die Basis, auf der ich allein existieren könne: hineingewandt in das deutsche Wesen, aber in Treue festhaltend die erste Heimat; und beides nicht als bloßes Nebeneinander, sondern eins in der Realität >>Europa<<, die wohl aus geschichtlichen Notwendigkeiten, aber auch aus dem Leben derer geboren wird, die sie im eigenen Leben erfahren"[13].

Europäisch-nationale Ordnung

Der Mensch kann ohne die Grenzen nicht existieren. Diese negativ klingende Feststellung sollte jedoch auch äußerst positiv aufgefasst werden. Am deutlichsten veranschaulicht diese These das Beispiel unseres Leibes: ohne die "Grenze", die die Haut bildet, kann der Mensch in seiner Leiblichkeit nicht bestehen. Weiter und tiefer aufgefasst - der Mensch verdankt seine Identität auch und nicht zuletzt dem Anderen und dem Fremden[14], indem er sich von einem Anderen unterscheidet, also wenn zwischen ihm und dem Anderen eine klare Grenze gezogen werden kann. Man könnte sagen, dass der Begriff der Grenze sehr ähnlich dem der Freiheit sei, auch oder vor allem in seiner Vieldeutigkeit. Wie es die Freiheit von und zu etwas gibt, so auch muss man die Grenze als etwas jeweils Trennendes oder Verbinden­des betrachten. Aber wie man die Freiheit nicht aufheben und auch nicht aufgeben darf, so auch die Grenzen. Der Begriff der Grenze ruft sofort den der Ordnung her­vor, Grenzziehung schafft eine gewisse Ordnung, man schafft Ordnung, indem man bestimmte Grenzen zieht. Und so wie die Grenze, so auch die Ordnung soll hier nicht als etwas Einengendes aufgefasst werden, was ein Weniger nach sich zieht, sondern als ein Fundament. Bernhard Waldenfels in seiner Studie Der Stachel des Fremden unterscheidet zwei Formen der Ordnung, wobei doch nur eine, die klas­si­sche, Ordnung im eigentlichen Sinne des Wortes ist:

Diese klassische Form der Ordnung zeichnet sich dadurch aus, dass sie dem Men­schen (a) vorgegeben, dass sie (b) allumfassend, dass sie (c) mehr oder weniger fest umgrenzt und (d) in ihren Grundzügen repetitiv ist. Eine radikale Form der Ände­rung und Neuerung kann es nicht geben, außer im Sinne von Verfall und Wieder­herstellung. Denn zu dieser allumfassenden Ordnung gibt es keine andere Alterna­tive als das Chaos, das, gemessen an der rechten Ordnung, buchstäblich nichts ist. Ihren plastischen Ausdruck fand diese Gesamtordnung, die Welt, Leben und Gesell­schaft umgreift, im griechischen Kosmos, im mittelalterlichen Ordo[15].

In dieser Auffassung der allumfassenden Ordnung lässt sich auch, eigentlich schon in dem Begriff des mittelalterlichen Ordo so gut wie zitierte, Idee Europas wieder­finden.

An dieser Stelle sei an das von Husserl angeführte griechische Ethos der philo­sophischen Wahrheit erinnert. Die Gefahr für Europa, für seinen Geist kam nicht von außen her, sondern lag in der inneren Schwäche. Sowohl Hofmannsthal, als auch Husserl sprachen von einem Verrat an der Wahrheit. Die Geschichte des 20. Jahrhunderts ist Geschichte des Verrates an der Idee der Wahrheit - sowohl im phi­losophischen, wie auch im religiösen Sinne. Es ist für Europa und seine Völker Geschichte des Verrates an sich selbst. Im Zusammenhang mit dem Begriff der Ordnung geht Waldenfels auch zu dem der Wahrheit über und zum Problem der Wahrheitsbewährung: "Ob die Wahrheit sich selbst durchsetzt oder ob ihr durch Feuer und Schwert nachzuhelfen ist, hat mit Fragen der moralischen Toleranz und politischen Klugheit zu tun, nicht mit der Wahrheit selbst, die keinen Widerspruch duldet. Dieser Wahrheitszwang lockert sich, wenn die große allumfassende Ord­nung in Ordnungen zerfällt, die ihrerseits (a) wandelbar und (b) beschränkt sind, (c) bewegliche Grenzen aufweisen und (d) grundlegende Innovationen zulassen"[16]. In diesem Zusammenhang drängt sich der ganze Komplex der sog. Postmoderne auf (um es nur schlagwortartig zu nennen) und somit die Ähnlichkeit mit der schon zitierten Zeitdiagnose Hofmannsthals. Auch wenn mancher in der Zerstörung einer Ordnung ein Positives in Form der Pluralisierung sehen möchte, dann ist eine sol­che Entwicklung doch mit einer großen Gefahr verbunden. "Wenn eine Ordnung sich gegen mögliche oder wirkliche andere Ordnung durchsetzt - schreibt weiter Waldenfels - ohne dass eine übergreifende Regelung zur Verfügung steht, so kommt die Bewegung der Geschichte immer wieder an einen toten Punkt, wo Erfindungen sich überstürzen, wo Fremdartiges hereindrängt, wo Macht und Willkür zu regieren beginnen"[17]. Diesen bedrohlichen Schwund der Ordnung sieht Waldenfels als ein besonderes Problem der Moderne an. Als ein folgenträchtiger Prozess dieser Art sei hier auf die 68er Bewegung und ihre langjährigen Auswirkungen auf die ganze Kultur genannt.

Die Parallele zwischen eben angeführten Analysen des Ordnungsphänomens und der Frage nach der Verhältnis des Europäischen und des Nationalen zwingen sich von selbst auf. Und das sie nicht unberechtigt ist, davon zeugt der Titel des Kapitels, dem sie entnommen wurden: "Ordnung in Potentialis. Zur Krisis der europäischen Moderne". Die Applikation des von Waldenfels entworfenen Ord­nungsschemas für das Europäische erscheint demnach als völlig berechtigt. Also erneut hören wir von einer europäischen Krise, deren Folge ein kulturelles Chaos sein würde. Andererseits versichere die Bewahrung der Ordnung auch die Bewah­rung der Wahrheit, die als eine ontische Wahrheit mit dem Begriff der Identität aufs Engste verbunden ist. Und die Identität der europäischen Kultur ist aufs Innig­ste verbunden mit der Religion und Humanität, mit einer Auffassung vom Men­schen, der seine Endlichkeit transzendieren will und nach einer Unendlichkeit strebt, dessen Vernunft zwar irren kann, aber auch zu einer unvoreingenommenen Suche nach der Wahrheit fähig ist. Und wenn man die europäische Kultur als die Ordnung auffassen möchte, so darf man die jeweiligen nationalen Kulturen als die der einen europäischen Kultur einverleibten sehen. Sowohl Husserl als auch Guar­dini betonen die Notwendigkeit eines tiefen Austausches zwischen den Nationen, beide sagen deutlich, dass ein bloßes Nebeneinander zu wenig sei (selbst Hof­manns­thal, obwohl dem Nationalen gegenüber misstrauisch, schließe sich somit dieser Forderung an, indem er die Gemeinschaft verschiedener Nationen herbeischwört). Die Kulturordnung der jeweiligen Nation solle sich in die gesamteuropäische fü­gen. Ob aber eine solche Forderung nicht zur Auflösung des national Spezifischen zu führen droht? Entstünde dadurch nicht eine europäische Totalität? Wenn man dem Gedankengang von Waldenfels folgt, kommt man auf den Begriff der Grenze in ihrer positiven Auffassung zurück, welche gerade die Wahrung der eigenen Iden­tität sichert. "Das Übergreifen von einer Ordnung auf die andere, die Ver­flech­tung von Eigenem und Fremdem, von Neuem und Altem setzt weiterhin voraus, dass jemand, der sich redend und handelnd in den Grenzen einer bestimmten Ord­nung bewegt, diese Grenzen zugleich überschreitet, ohne sie zu überwinden"[18]. Diese Feststellung scheint die Lösung der Frage nach dem Verhältnis des Europä­ischen und Nationalen zu bieten.

Diesen Gedankenweg geht auch Hans Georg Gadamer, der in seiner Schrift über das Erbe und die Zukunft Europas eine ähnliche Forderung stellte: man solle mit den anderen für den anderen leben, um aneinader teilzuhaben[19]. Teilhaben am Anderen, sei es der andere Mensch, sei ein anderes Volk, eine andere Kultur, hat nicht nur mit der Gewalt der Unterwerfung, oder Dominanz, aber auch jeglicher Form der Aneignung, die Waldenfels nach immer von Gewalt gekennzeichnet sei[20], ganz und gar nichts gemeinsam. Im Einklang mit den Forderungen von Waldenfels und Gadamer, als eine Art Ergänzung und Erweiterung steht die Idee der Über­setz­bar­keit der Kulturen von Wolf Lepenies[21]. In der Notwendigkeit und jahrhunderte­alten Praxis des Übersetzens, insbesondere im Bereich des Schriftlichen, der Na­tionalliteraturen, will er sogar eine Besonderheit des europäischen Kontinents, so­mit der europäischen Kultur sehen. Es wird also von Lepenies eine weitere Über­setzbarkeit postuliert, welche sich jedoch keine Angleichung der jeweiligen Na­tio­nalkulturen zum Ziel setzen soll, sondern einer Begegnung dieser unter dar Wah­rung ihrer Eigenarten.

An dieser Stelle drängt sich mit großer Kraft die Frage auf, ob dieses Europa noch heute geistige Farbe für den ganzen Planeten werden kann, wie es vor Jahren Hof­mannsthal postulierte? Ob "das besondere Telos des europäischen Menschen­tums, in welchem das besondere Telos der Sondernationen und der einzelnen Menschen beschlossen ist", welches Husserl weiter als unendliche Idde bezeichnet und mit dem griechichen Ethos der selbstlosen Wahrheitssuche identifiziert, ob man dies als eine globale Idee der anbieten kann?

Die europäische Identität auf den Status eines Provinzionellen Patrimoniums zu reduzieren und denkmalpflegerisch zu betreuen, hieße diese Identität töten - stellt Robert Spaemann in seinem Beitrag zum Problem der Spannung des Europäichen und Weltuniversalen fest. - Das europäische Erbe ist von seiner immanenten uni­versalistischen Dynamik nicht zu trennen (...) Das Unbedingte ist in dieser Tradition nicht da im Schutz mythischer Verhüllung, in Form des Unvordenklichen, in Form von Sitte und Ritus, sondern in der Form offenbarter Wahrheit, in der Form von Ver­nunft, Evidenz und Glaube. Gefärhlich ist diese Form deshalb, weil als Alterna­tive für Europa nur Unglaube und Nihilismus zur Verfügung stehen. Wenn Europa nicht seinen Glauben exportiert, den Glauben, dass um mit Nietzsche zu reden >Gott die Wahrheit, dass die Wahrheit göttlich ist< , dann exportiert es unver­meid­lich seinen Unglauben, d.h. die Überzeugung, dass es keine Wahrheit, kein Recht, dass es das Gute nicht gibt. Tertium non datur[22].

Die These von Spaemann, die die Auffassung der europäischen Kultur sowohl von Hofmannsthal, als auch von Husserl und Guardini teilt, müsste man auch um die Dimensionen des Nationalen ergänzen, der nach Waldenfels postulierten übergrei­fenden Ordnung der europäischen Kultur in welcher die Nationalkulturen ihren Platz finden. Eine Ordnung, in der die Grenzen überschritten, aber nicht aufgeho­ben werden, eine Ordnung, die nur mit diesen Grenzen und den Diffe­renzen denk­bar ist, eine Ordnung deren Ganzheit durch die Ungleichheit garantiert ist. Ent­weder eine solche Ordnung oder Chaos. Tertium non datur.

***

Das 20. Jahrhundert war für Europa und seine Nationen zweifelsohne ein Jahr­hundert schrecklicher Kriege und kultureller Krisen. Und seine Zeitgenossen haben allen Grund dazu gehabt, an der europäischen Kultur zu verzweifeln, an dem Sinn des Europäischen und des Nationalen. Dass jedoch viele die Hoffnung nicht ver­loren haben, dass sie weder das eine, noch das andere haben aufgeben wollen, zei­gen die hier angeführten Aussagen. Sie sind nicht nur ein Zeugnis der Hoffnung. Sie sind auch ein Beweis dafür, dass die Kultur Europas immer wieder, in jeder Generation zwar aufs Neue definiert werden will, aber zugleich in dieser Identi­tätssuche immer wieder dieselben festen, grundlegenden Bestandteile erscheinen, ohne die sich über Europa - einer geistigen Wirklichkeit - nicht sprechen lässt.



[1] Romano Guardini: >>Europa<< und >>Christliche Weltanschauung<<, in: ders. Werke. Stationen und Rückblicke. Berichte über mein Leben, Mainz 1995, S. 297.

[2] Ebda.

[3] Vgl. Krzysztof Pomian: Europa und seine Nationen, in: Krzysztof Michalski (ed.): Euro­pa und die Folgen, Stuttgart. 1988, S. 84-116.

[4] Ebda, 114.

[5] Hugo von Hofmannsthal: Die Idee Europa. Notizen zu einer Rede, in: Paul Michael Lützeler (ed.): Plädoyers für Europa. Stellungnahmen deutschsprachiger Schriftsteller 1915-1949, Frankfurt am Main 1987, S.71.

[6] Ebda, S. 75.

[7] Ebda, S. 70.

[8] Ebda, S. 76.

[9] Edmund Husserl: Die Krisis des europäischen Menschentums und die Philosophie, in: ders. Husserliana, Bd. VI, Den Haag 1954, S.315-348.

[10] Ebda, S. 322.

[11] Ebda, S. 336.

[12] Guardini, op. cit., S. 295-6.

[13] Ebda, S. 296.

[14] Vgl. Bernhard Waldenfels: Der Stachel des Fremden, Frankfurt am Main 1991.

[15] Ebda, S. 18.

[16] Ebda, S. 19.

[17] Ebda.

[18] Ebda, S. 26.

[19] Vgl. Hans-Georg Gadamer: Das Erbe Europas: Beiträge, Frankfurt am Main 1989.

[20] Vgl. Bernhard Waldenfels: Topographie des Fremden, Frankfurt am Main 1997.

[21] Wolf Lepenies: Die Übersetzbarkeit der Kulturen, in: Anselm Haverkamp (ed.): Die Sprache der Anderen. Übersetzungspolitik zwischen den Kulturen, Frankfurt am Main 1997, S.95-115.

[22] Robert Spaemann: Universalismus oder Eurozentrismus, in: Michalski, op. cit., S.318-319.

 

 
 
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