Katarzyna Dzikowska
Poznań
Lob der Ungleichheit. Einige
Betrachtungen zum Europa der Nationen
ungleiche brauchen einander
sie
verstehen am besten, dass alle auf
alle angewiesen sind
und ahnen das Ganze
Jan Twardowski
Europa und Nation
"Das kleine, zierliche,
wie von einem Goldschmied gegliederte Gebilde zwischen
den Kolossen Asien, Amerika, Afrika. Die Fülle seiner
Formen, das Ineinander von Meer und Land, die Mannigfaltigkeit
seiner volklichen Verhältnisse von den Hochalpen
bis zur Tiefebene
- das alles erscheint wie eine Zubereitung
für das Erwachen hellsten
Geistes, für großes Werk und kühne Unternehmung".
So gesehen, in seiner Vielfalt von Formen
- sowohl rein naturhaft-geographisch, wie auch kulturell-geistig
betrachtet - bietet Europa ein Bild von wohlgeformter
Harmonie, einem Kleinod ähnlich. Eine solche Betrachtung
des "alten Kontinents" wirkt in der Tat
sentimental. Und man spürt in diesen Worten wirklich
eine Art Rührung, der sich der Autor selbst ein
bisschen zu schämen scheint. Und doch sind es Worte
von einer recht großen Aussagekraft, wenige und
doch äußerst treffende. Denn es ist einer der größten
Schätze Europas - die Mannigfaltigkeit. Diese Vielheit
an Formen, sowohl der Natur, als auch, und vor
allem verschiedener Nationen und ihrer Kulturen,
bildet einen wesentlichen Zug seiner Identität.
Dass aber Romano Guardini uns nicht ins utopische
Wunschdenken verführen will, zeigen direkt folgende
Worte, in denen er seiner Besorgnis Ausdruck verleiht,
ob Europa das in ihm befindliche Potential wirklich
schöpferisch zu nutzen verstehen kann und wird:
"Und man empfindet die Sorge, was Europa groß
gemacht hat, könne ihm zum Verhängnis werden - so
wie einst Hellas an seiner eigenen Differenzierung
und Spannungsfülle zu Grunde gegangen ist. Ich
habe mich immer gewundert, wie wenig die Hellenophilen
auch unserer Zeit die Tatsache würdigen, dass Griechenland
vor der höchsten ihm geschichtlich gestellten Aufgabe,
nämlich zu einer echten nationalen Gemeinschaft
zusammenzuwachsen, versagt hat. Das wird weder durch
Kunst, noch durch Dichtung oder Philosophie aufgewogen;
denn darin offenbart sich eine Schwäche im personalen
Kern - eine Schwäche, die sich auf breiter Ebene
heute wieder zu zeigen scheint".
Heute heißt in diesem Fall im Jahre 1955, aus welchem
die Rede Guardinis stammt, also vor fast einem halben,
und dazu im vorigen Jahrhundert und Jahrtausend.
Was wir von dieser alten, wohl aber nicht veralteten
Aussage heute, im Jahre 2002 zweifelsohne übernehmen
könnten und sollten, ist das uralte (wie es uns
meistens scheint) Problem der Spannung zwischen
dem Europäischen und dem Nationalen.
Ob
es aber wirklich ein uraltes Problem ist? Wenn man
Krzysztof Pomian folgt,
kommt man zu einer völlig anderen Einsicht, und
zwar als eine Art Spannung ist es ein eher neues
Problem, das sich im Laufe der letzten zweihundert
Jahre herausgebildet hat. Damit soll natürlich
nicht behauptet werden, das nationale Wesen
sei erst zweihundert Jahre alt, bis dahin sei das
Faktum somit auch Begriff des Nationalen nicht
bekannt bzw. habe es so etwas wie eine Nation in
ganz Europa gegeben. Was hier behauptet wird ist
die Existenz einer gemeinsamen europäischen Kultur,
ohne dass die Besonderheiten der einzelnen Nationen
in einem Spannungs- wenn nicht Feindschaftsverhältnis
stünden. Ihre erste Form hatte die europäische Kultur
in der mittelalterlichen Respublica christiana.
Diese wurde nach der schmerzhaften Spaltung der
Reformation durch die Respublica Litteraria
ersetzt und man kann von einer zweiten kulturellen
Einigung Europas unter der Führung der sog. Aufgeklärten
Vernunft sprechen. Diese übernationale Kultur der
Eliten beginnt mit der Verbreitung der Romantischen
Ideen schwächer zu wirken, da diese eben romantische
Auffassung der Kultur sich auf das Besondere und
Eigenartige der jeweiligen Nation konzentrieren
ließ. Die Revolutionen und napoleonische Kriege
des 19. Jahrhundert in ganz Europa hatten bei allen
Völkern Europas ein starkes Nationalgefühl geweckt
und somit die letzte Phase der Herausbildung und
Festigung der Nationen und Nationalstaaten eingeleitet.
"Am Vorabend des Ersten Weltkrieges ist Europa
schon lange nicht mehr ein Europa von Staaten, deren
Eliten an einer gemeinsamen übernationalen Kultur
teilhaben. Es ist nunmehr ein Europa der Nationen,
in dem selbst die Kultur nicht als europäische,
einheitliche und einigende Kultur existiert, sondern
in Gestalt einer Pluralität nationaler Kulturen"
- lautet die Schlussdiagnose von Pomian. Sie wird noch zusätzlich mit
der Feststellung bekräftigt, es seien Nationen,
die einander nicht bloß beeinflussen sondern, was
schlimmer noch ist, bekämpfen.
Hiermit sei eine Antwort
zu geben und eine Frage zu stellen.
Die Antwort auf die
eingangs gestellte Frage, ob die Spannung zwischen
dem Europäischen und dem Nationalen eine uralte
sei, lautet also: nein. In den Dimensionen der
Weltgeschichte gerechnet sind zweihundert Jahre
ein Augenblick. Und das ist der erste Strahl der
Hoffnung. Die Frage, die hier zu stellen sei, ist
die nach der Endgültigkeit der von Pomian geschilderten
Prozesse. Oder besser: hat man mit einem endgültigen
Untergang der gesamteuropäischen Kultur zu tun,
oder nur mit einer Krise, die zu überwinden eine
Aufgabe sei, eine Aufgabe für alle Nationen, wollen
sie sich als europäisch verstehen.
Krise und Hoffnung - Drei Stimmen
Zauberlehrling,
den seine Besen bemeistern. Ein unsäglicher Relativismus
um ihn als schwindelnde kreisende Atmosphäre: die
Sitten von heute und ehedem als relativ enthüllt,
alles als ein Werden gefasst, Wissenschaft, Kunst,
Sittlichkeit selber in Frage gestellt. Eine verzehrende
Ironie über all unser Tun gekommen. Eine Kritik,
die alles ergriff, noch nach innen. Zweifel an der
Möglichkeit, mit der Sprache etwas von dem Weltstoff
fassen zu können. Sprachkritik als Welle der Verzweiflung
über die Welt laufend: als jene Seelenverfassung,
die sich ergeben hatte, weil nicht Wahrheit, sondern
Technik das Ergebnis des wissenschaftlichen Geistes
gewesen war. (...) Ohne Scheu betete diese Welt
die drei Götzen Gesundheit, Sicherheit und langes
Leben an.
Vielleicht in fünfzig
Jahren, Mitte des 21. Jahrhunderts, werden die Gymnasialschüler
in ihren Geschichstbüchern in dem Kapitel "Europa
um die Jahrtausendwende" eine solche Charakteristik
der vergangenen Epoche finden können. Es ist aber
weder eine Zukunftsvision Europas der kommenden
Jahre, noch ein Urteil über die gegenwärtige Situation,
sondern Worte, die aus dem Anfang des vorigen Jahrhunderts
stammen. So sah Hugo von Hofmannsthal die geistige
Lage Europas vor dem Ausbruch des ersten Weltkrieges,
darin auch dessen Ursache. In seiner Rede, die er
im Jahre 1917 in der Schwiez hielt, angesichts des
maßlosen Leids und der Schrecken des Krieges, rief
er nach einer neuen Wirklichkeit, die er eine neue
europäischen Idee nannte. Neu sollte jedoch die
Idee in dem Sinne sein, dass sie sich der erfolgten
Verunstaltung widersetzen sollte. Im Grunde genommen
plädierte Hofmannsthal für keine neue europäische
Idee, sondern "das erneute Erlebtwerden der
Idee in ihrer alten Heiligkeit".
Auch wenn, wie es Hofmannsthal selbst skizzierte,
Europa als Begriff, als eine geistige Wirklichkeit
in seiner Jahrhunderte langen Geschichte manchen Wandlungen unterlag, so gab es doch
in jeder Entwicklungsphase des Begriffs einen
festen Kern. Als das wichtigste Charakteristikum
Europas nannte Hofmannsthal "höchste Gemeinbürgschaft
für ein heiliges Gut, dessen Benennung mit den Zeiten
gewechselt hat". Diese Gemeinbürgschaft sah
er verwirklicht schon in der ursprünglichen Phase
des Europa-Begriffes, mit der griechischen für
Delphi, römischen für die hellenische Welt, über
die Missionsarbeit des mittelalterlichen Christentums,
Pflege des antiken Erbes in der Renaissance, bis
zur humanistischen Auffassung des Sittlichen als
eines ungeschriebenen europäischen Kodexes. Zu
dem heiligen Gut Europas gehörten, Hofmannsthal
nach, der Glaube, das Wissen, die Toleranz. "Die
Religion Europas, die Humanität Europas waren unkäuflich
gewesen, schwer zu geben, unendlich schwer zu nehmen,
aber: aus dem ganzen der Seele fließend, das Ganze
fordernd, das Ganze gestaltend".
Zu einer solchen Auffassung des Europäischen, zur
Verwirklichung einer solchen Idee rief Hofmannsthal
auf, mit der Hoffnung, dass ähnlich wie es im Falle
des Pietismus, der nach der Tragödie des Dreißigjährigen
Krieges eine geistig-religiöse Erneuerung des Menschen
bewirken sollte, auch dem Weltkrieg eine neue Epoche
der Seele folgen
werde. Als Österreicher wollte er sich als besonders
berufen verstehen, einer solchen Hoffnung
Ausdruck zu geben, denn ihm nach gerade Österreich
die höchste Verkörperung des Europäischen sei, des
Ringens um Europa, der Sendung Europas, des Glaubens
an Europa. Seine Rede über die Idee Europa beendete
er mit einem Appell, das von seinem tiefsten Vertrauen
in die geistige Erneuerung, seiner Überzeugung von
der einzigmaligen Größe und Sendung des Europäischen
zeugte: "Für uns (...) Deutsche und Slawen
und Lateiner, ein gemeinsames Geschick und Erbe
zu tragen auserlesen, - für uns wahrhaft ist Europa
die Grundfarbe des Planeten, für und ist Europa
die Farbe der Sterne, wenn aus entwölktem Himmel
wieder Sterne über uns funkeln. Wir, nicht auf errechenbare
Macht, nicht auf die Wucht des nationalen Daseins,
sondern sehenden Auges auf einen Auftrag vor Gott
gestellt, - wie sollten wir leben, wenn wir nicht
glauben wollten, und was wäre des Glaubens würdiger
als das Hohe, das sich verbirgt, und das Ungreifbare,
das sich dem gebundenen Sinn, dem stumpfen Herzen
versagt".
Von
der geistigen Krankheit Europas, oder vielleicht
einem Aspekt jener, wusste auch Edmund Husserl,
als er im Jahre
1935, fast zwanzig Jahre später, lange nach
dem Ende des Ersten, leider kurz vor dem Ausbruch
eines neuen Weltkrieges, in einer Vortragsreihe
in Prag, nicht bloß von der Krise des Begriffs Europa,
sondern von einer viel tieferen Krise, Krise des
europäischen Menschentums sprach. Den Grund
sah Husserl in dem "sich verirrenden Rationalismus",
wobei er den Akzent auf die Verirrung setzte. Nicht
die Vernunft selbst, sondern ihre Versponnenheit
in den "Naturalismus"
und "Objektivismus" sei an der Krisis
schuld. Diese Verstrickung der Vernunft bei Husserl erinnert
an die Vertrickung des Menschen in den praktischen
Materialismus, der das Geld und die Gesundheit zu
Götzen erhoben hat, welchen Hofmannsthal für den
Verfall des Europäischen verantwortlich machte.
Ähnlich aber wie der Dichter, schaute auch der
Philosoph in die Zukunft voller Hoffnung und Zuversicht.
In der Befreiung der Vernunft
von ihren Verirrungen sah Husserl die Rettung für
Europa, dessen geistige Gestalt die menschliche
Suche nach der Wahrheit, die einen absoluten Wert
darstellt, geprägt ist. Als
europäisch bezeichnete Husserl eine besondere Seinsweise
des Menschen, welcher "in der Endlichkeit
lebend, auf Pole der Unendlichkeit hin lebt". Das
Besondere der philosophischen Haltung, die Europa
den antiken Griechen verdankt, blieb jedoch, Husserl
nach, nicht, wie viele andere Kulturgüter, national
gebunden, sondern umfasst im geistigen Austausch
alle Menschen. Aufgrund einer gemeinsamen Denkungsart
konnte, so Husserl, eine übernationale Gemeinschaft
entstehen, das, was er die geistige Gestalt Europas
nannte: "Es ist nun nicht mehr ein Nebeneinander
verschiedener, nur durch Handel- und Machtkämpfe
sich beeinflussender Nationen, sondern: Ein neuer,
von Philosophie und ihren Sonderwissenschaften herstammender
Geist freier Kritik und Normierung auf unendliche
Aufgaben hin durchherrscht das Menschentum, schafft
neue, unendliche Ideale! Es
sind solche für die einzelnen Menschen in ihren
Nationen, solche für die Nationen selbst. Aber schließlich sind es auch unendliche Ideale für die sich ausbreitende
Synthese der Nationen, in welcher jede dieser Nationen
gerade dadurch, dass sie ihre eigene ideale Aufgabe
im Geiste der Unendlichkeit anstrebt, ihr Bestes
den mitvereinten Nationen schenkt. In
diesem Schenken und Empfangen steigt das übernationale
Ganze mit all seinen aufgestuften Sozietäten empor,
erfüllt von dem Geiste einer überschwänglichen in
vielfacher Unendlichkeit gegliederten, und doch
einzigen unendlichen Aufgabe".
In den Entwürfen der
europäischen Zukunft von Hofmannsthal und Husserl,
auch wenn sie von verschiedenen Standpunkten aus
formuliert wurden, lassen sich viele Gemeinsamkeiten
finden. Eine muss besonders hervorgehoben werden,
da sie nicht nur das Wesen des Begriffes Europa
betrifft, sondern auch zutiefst den Menschen angeht.
Sowohl der Dichter Hofmannsthal, als auch der Philosoph
Husserl verweisen auf die Berufung des Europäers,
in einer Ausrichtung und zugleich Suche nach dem
Transzendenten und Absoluten hin zu leben. Sei es
die absolute Wahrheit, die die Philosophie sucht,
sei es die Verantwortung für sein und der anderen
Menschen Leben, nicht zuletzt vor Gott.
Das, was die beiden
Autoren unterscheidet, ist ihr Verhältnis zum Nationalen.
Ohne auf die Gründe der verschiedenen Auffassungen
näher einzugehen, kann man sagen, dass man bei Hofmannsthal,
der als Österreicher die Probleme eines Vielvölkerstaates
und dieses Staates Zerfall und Untergang "am
eigenen Leibe" empfinden musste, gewisse
Vorbehalte bemerken kann, die in dem Nationalen
eher eine Bedrohung für Europa befürchten lassen,
während bei Husserl, einem deutschen Philosophen
jüdischer Abstammung, getauft in der evangelichen
Kirche, das Nationale und das Europäische einander
zu fördern und Stufen einer organischen Einheit
zu bilden scheinen.
Eine dritte Auffassung
der Beziehung zwischen dem Nationalen und dem Europäischen
finden wir bei Romano Guardini, einem deutschen
Philosophen und Theologen, geborenen Italiener.
Zwanzig Jahre nach Husserl, nach der Erfahrung nicht
nur eines, sondern sogar zwei Weltkriege, sieht
er in dem Nationalen nicht nur keine Bedrohung,
nicht bloß eine Stufe eines Prozesses, sondern einen
wesentlichen Bestandteil des Europäischen. Im Jahre
1955 sprach Guardini in München: "Der Nationalismus
hat gewiss Unheil genug angerichtet; doch es ist
sehr die Frage, ob mit seinem Verschwinden nicht
auch die Verbundenheit mit dem eigenen Volk und
Staat schwächer - und vielleicht sagen wir besser:
ob nicht unsicherer, abstrakter zu werden droht?
Was wird aber dann aus den Werten, die sich früher,
wenn auch oft in enger und gewalttätiger Form, an
die Nation knüpften? Die Unbedingtheit einer aus
Wesen und Schicksal kommende Liebe und die sittliche
Bereitschaft, für sie einzustehen?"
Gerade Romano Guardini scheint zu einer solchen
Aussagen besonders berechtigt zu sein. In Italien
geboren, übersiedelte er mit den Eltern nach Deutschland
und nachdem er seine tiefe Verbundenheit mit dem
"deutschen Wesen" festgestellt hatte,
entschloss er sich für ein Leben in Deutschland,
als deutscher Staatsbürger. Diese Entscheidung bedeutete
jedoch keinen Bruch mit Italien, im Gegenteil, die
tiefe Verbundenheit mit der Heimat machte die Entscheidung
doch sehr schwer. Die Lösung war Europa. So erinnert
er sich: "Da ist mir aus persönlichster Beanspruchung
heraus jene Realität deutlich geworden, deren Name
heute in aller Mund ist, von der man aber damals
kaum sprach: das Faktum >>Europa<<.
Ich erkannte es als die Basis, auf der ich allein
existieren könne: hineingewandt in das deutsche
Wesen, aber in Treue festhaltend die erste Heimat;
und beides nicht als bloßes Nebeneinander, sondern
eins in der Realität >>Europa<<, die
wohl aus geschichtlichen Notwendigkeiten, aber auch
aus dem Leben derer geboren wird, die sie im eigenen
Leben erfahren".
Europäisch-nationale Ordnung
Der Mensch kann ohne die Grenzen nicht existieren. Diese negativ klingende
Feststellung sollte jedoch auch äußerst positiv
aufgefasst werden. Am deutlichsten veranschaulicht
diese These das Beispiel unseres Leibes: ohne die
"Grenze", die die Haut bildet, kann der
Mensch in seiner Leiblichkeit nicht bestehen. Weiter
und tiefer aufgefasst - der Mensch verdankt seine
Identität auch und nicht zuletzt dem Anderen und
dem Fremden, indem er sich von einem Anderen
unterscheidet, also wenn zwischen ihm und dem Anderen
eine klare Grenze gezogen werden kann. Man könnte
sagen, dass der Begriff der Grenze sehr ähnlich
dem der Freiheit sei, auch oder vor allem in seiner
Vieldeutigkeit. Wie es die Freiheit von und zu etwas gibt, so auch muss man die Grenze
als etwas jeweils Trennendes oder Verbindendes
betrachten. Aber wie man die Freiheit nicht aufheben und auch nicht aufgeben darf,
so auch die Grenzen. Der
Begriff der Grenze ruft sofort den der Ordnung hervor,
Grenzziehung schafft
eine gewisse Ordnung, man schafft Ordnung,
indem man bestimmte Grenzen zieht. Und
so wie die Grenze, so auch die Ordnung soll hier
nicht als etwas Einengendes aufgefasst werden, was
ein Weniger nach sich zieht, sondern als ein Fundament.
Bernhard Waldenfels in seiner
Studie Der Stachel des Fremden unterscheidet
zwei Formen der Ordnung, wobei doch nur eine, die
klassische, Ordnung im eigentlichen Sinne des
Wortes ist:
Diese klassische
Form der Ordnung zeichnet sich dadurch aus, dass
sie dem Menschen (a) vorgegeben, dass sie (b) allumfassend,
dass sie (c) mehr oder weniger fest umgrenzt und
(d) in ihren Grundzügen repetitiv ist. Eine radikale
Form der Änderung und Neuerung kann es nicht geben,
außer im Sinne von Verfall und Wiederherstellung.
Denn zu dieser allumfassenden Ordnung gibt es keine
andere Alternative als das Chaos, das, gemessen
an der rechten Ordnung, buchstäblich nichts
ist. Ihren plastischen Ausdruck fand diese Gesamtordnung,
die Welt, Leben und Gesellschaft umgreift, im griechischen
Kosmos, im mittelalterlichen Ordo.
In dieser Auffassung der allumfassenden
Ordnung lässt sich auch, eigentlich schon in dem
Begriff des mittelalterlichen Ordo so gut wie zitierte,
Idee Europas wiederfinden.
An dieser Stelle sei
an das von Husserl angeführte griechische Ethos
der philosophischen Wahrheit erinnert. Die Gefahr
für Europa, für seinen Geist kam nicht von außen
her, sondern lag in der inneren Schwäche. Sowohl
Hofmannsthal, als auch Husserl sprachen von einem
Verrat an der Wahrheit. Die Geschichte des 20. Jahrhunderts
ist Geschichte des Verrates an der Idee der Wahrheit
- sowohl im philosophischen, wie auch im religiösen
Sinne. Es ist für Europa und seine Völker Geschichte
des Verrates an sich selbst. Im Zusammenhang mit
dem Begriff der Ordnung geht Waldenfels auch zu
dem der Wahrheit über und zum Problem der Wahrheitsbewährung:
"Ob die Wahrheit sich selbst durchsetzt oder
ob ihr durch Feuer und Schwert nachzuhelfen ist,
hat mit Fragen der moralischen Toleranz und politischen
Klugheit zu tun, nicht mit der Wahrheit selbst,
die keinen Widerspruch duldet. Dieser Wahrheitszwang
lockert sich, wenn die große allumfassende Ordnung
in Ordnungen zerfällt, die ihrerseits (a) wandelbar
und (b) beschränkt sind, (c) bewegliche Grenzen
aufweisen und (d) grundlegende Innovationen zulassen".
In diesem Zusammenhang drängt sich der ganze Komplex
der sog. Postmoderne auf (um es nur schlagwortartig
zu nennen) und somit die Ähnlichkeit mit der schon
zitierten Zeitdiagnose Hofmannsthals. Auch wenn
mancher in der Zerstörung einer Ordnung ein Positives
in Form der Pluralisierung sehen möchte, dann ist
eine solche Entwicklung doch mit einer großen Gefahr
verbunden. "Wenn eine Ordnung sich gegen mögliche
oder wirkliche andere Ordnung durchsetzt - schreibt
weiter Waldenfels - ohne dass eine übergreifende Regelung
zur Verfügung steht, so kommt die Bewegung
der Geschichte immer wieder an einen toten Punkt,
wo Erfindungen sich überstürzen, wo Fremdartiges
hereindrängt, wo Macht und Willkür zu regieren beginnen".
Diesen bedrohlichen Schwund der Ordnung sieht Waldenfels
als ein besonderes Problem der Moderne an. Als ein
folgenträchtiger Prozess dieser Art sei hier auf
die 68er Bewegung und ihre langjährigen Auswirkungen
auf die ganze Kultur genannt.
Die Parallele zwischen
eben angeführten Analysen des Ordnungsphänomens
und der Frage nach der Verhältnis des Europäischen
und des Nationalen zwingen sich von selbst auf.
Und das sie nicht unberechtigt ist, davon zeugt
der Titel des Kapitels, dem sie entnommen wurden:
"Ordnung in Potentialis. Zur Krisis der europäischen
Moderne". Die Applikation des von Waldenfels
entworfenen Ordnungsschemas für das Europäische
erscheint demnach als völlig berechtigt. Also erneut
hören wir von einer europäischen Krise, deren Folge
ein kulturelles Chaos sein würde. Andererseits versichere
die Bewahrung der Ordnung auch die Bewahrung der
Wahrheit, die als eine ontische Wahrheit mit dem
Begriff der Identität aufs Engste verbunden ist.
Und die Identität der europäischen Kultur ist aufs
Innigste verbunden mit der Religion und Humanität,
mit einer Auffassung vom Menschen, der seine Endlichkeit
transzendieren will und nach einer Unendlichkeit
strebt, dessen Vernunft zwar irren kann, aber auch
zu einer unvoreingenommenen Suche nach der Wahrheit
fähig ist. Und wenn man die europäische Kultur als
die Ordnung auffassen möchte, so darf man
die jeweiligen nationalen Kulturen als die der einen
europäischen Kultur einverleibten sehen. Sowohl
Husserl als auch Guardini betonen die Notwendigkeit
eines tiefen Austausches zwischen den Nationen,
beide sagen deutlich,
dass ein bloßes Nebeneinander zu wenig sei (selbst
Hofmannsthal, obwohl dem Nationalen gegenüber
misstrauisch, schließe sich somit dieser Forderung
an, indem er die Gemeinschaft verschiedener Nationen
herbeischwört). Die Kulturordnung der jeweiligen
Nation solle sich in die gesamteuropäische fügen.
Ob aber eine solche Forderung nicht zur Auflösung
des national Spezifischen zu führen droht? Entstünde
dadurch nicht eine europäische Totalität? Wenn man
dem Gedankengang von Waldenfels folgt, kommt man
auf den Begriff der Grenze in ihrer positiven Auffassung
zurück, welche gerade die Wahrung der eigenen Identität
sichert. "Das Übergreifen von einer Ordnung
auf die andere, die Verflechtung von Eigenem und
Fremdem, von Neuem und Altem setzt weiterhin voraus,
dass jemand, der sich redend und handelnd in den
Grenzen einer bestimmten Ordnung bewegt, diese
Grenzen zugleich überschreitet, ohne sie zu überwinden".
Diese Feststellung scheint die Lösung der Frage
nach dem Verhältnis des Europäischen und Nationalen
zu bieten.
Diesen Gedankenweg geht
auch Hans Georg Gadamer, der in seiner Schrift über
das Erbe und die Zukunft Europas eine ähnliche Forderung
stellte: man solle mit den anderen für den anderen
leben, um aneinader teilzuhaben.
Teilhaben am Anderen, sei es der andere Mensch,
sei ein anderes Volk, eine andere Kultur, hat nicht
nur mit der Gewalt der Unterwerfung, oder Dominanz,
aber auch jeglicher Form
der Aneignung, die Waldenfels nach immer von Gewalt
gekennzeichnet sei, ganz und gar nichts
gemeinsam. Im Einklang mit den Forderungen von Waldenfels
und Gadamer, als eine Art Ergänzung und Erweiterung
steht die Idee der Übersetzbarkeit der Kulturen
von Wolf Lepenies.
In der Notwendigkeit und jahrhundertealten Praxis
des Übersetzens, insbesondere im Bereich des Schriftlichen,
der Nationalliteraturen, will er sogar eine Besonderheit
des europäischen Kontinents, somit der europäischen
Kultur sehen. Es wird also von Lepenies eine weitere
Übersetzbarkeit postuliert, welche sich jedoch
keine Angleichung der jeweiligen Nationalkulturen
zum Ziel setzen soll, sondern einer Begegnung dieser
unter dar Wahrung ihrer Eigenarten.
An dieser Stelle drängt
sich mit großer Kraft die Frage auf, ob dieses Europa
noch heute geistige Farbe für den ganzen Planeten
werden kann, wie es vor Jahren Hofmannsthal postulierte?
Ob "das besondere Telos des europäischen Menschentums,
in welchem das besondere Telos der Sondernationen
und der einzelnen Menschen beschlossen ist",
welches Husserl weiter als unendliche Idde bezeichnet
und mit dem griechichen Ethos der selbstlosen Wahrheitssuche
identifiziert, ob man dies als eine globale Idee
der anbieten kann?
Die europäische
Identität auf den Status eines Provinzionellen Patrimoniums
zu reduzieren und denkmalpflegerisch zu betreuen,
hieße diese Identität töten - stellt Robert Spaemann
in seinem Beitrag zum Problem der Spannung des Europäichen
und Weltuniversalen fest. - Das europäische Erbe
ist von seiner immanenten universalistischen Dynamik
nicht zu trennen (...) Das Unbedingte ist in dieser
Tradition nicht da im Schutz mythischer Verhüllung,
in Form des Unvordenklichen, in Form von Sitte und
Ritus, sondern in der Form offenbarter Wahrheit,
in der Form von Vernunft, Evidenz und Glaube. Gefärhlich
ist diese Form deshalb, weil als Alternative für
Europa nur Unglaube und Nihilismus zur Verfügung
stehen. Wenn Europa nicht seinen Glauben exportiert,
den Glauben, dass um mit Nietzsche zu reden >Gott
die Wahrheit, dass die Wahrheit göttlich ist<
, dann exportiert es unvermeidlich seinen Unglauben,
d.h. die Überzeugung, dass es keine Wahrheit, kein
Recht, dass es das Gute nicht gibt. Tertium non
datur.
Die These von Spaemann, die
die Auffassung der europäischen Kultur sowohl von
Hofmannsthal, als auch von Husserl und Guardini
teilt, müsste man auch um die Dimensionen des Nationalen
ergänzen, der nach Waldenfels postulierten übergreifenden
Ordnung der europäischen Kultur in welcher die Nationalkulturen
ihren Platz finden. Eine Ordnung, in der die Grenzen
überschritten, aber nicht aufgehoben werden, eine
Ordnung, die nur mit diesen Grenzen und den Differenzen
denkbar ist, eine Ordnung deren Ganzheit durch
die Ungleichheit garantiert ist. Entweder eine
solche Ordnung oder Chaos. Tertium non datur.
***
Das 20. Jahrhundert war
für Europa und seine Nationen zweifelsohne ein Jahrhundert
schrecklicher Kriege und kultureller Krisen. Und
seine Zeitgenossen haben allen Grund dazu gehabt,
an der europäischen Kultur zu verzweifeln, an dem
Sinn des Europäischen und des Nationalen. Dass jedoch
viele die Hoffnung nicht verloren haben, dass sie
weder das eine, noch das andere haben aufgeben wollen,
zeigen die hier angeführten Aussagen. Sie sind
nicht nur ein Zeugnis der Hoffnung. Sie sind auch
ein Beweis dafür, dass die Kultur Europas immer
wieder, in jeder Generation zwar aufs Neue definiert
werden will, aber zugleich in dieser Identitätssuche
immer wieder dieselben festen, grundlegenden Bestandteile
erscheinen, ohne die sich über Europa - einer geistigen
Wirklichkeit - nicht sprechen lässt.