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Orbis Linguarum Vol. 24/2004

Ewa Drewnowska-Vargáné

Veszprém/Ungarn

"Sie haben gesagt Krieg. Am Anfang haben Sie behauptet, es gebe keinen Krieg [...]" Textsortenkonstitutive und intertextuelle Aspekte metakommunikativer Äußerungen in der Textsorte
Presse-Interview im interlingualen Vergleich

0. Vorbemerkungen

Betrachtet der Rezipient die im Titel zitierte Äußerung,[1] dürfte ihm auffallen, dass sie auf einer anderen Ebene als die der Objektsprache gemacht wurde: Ihr Urheber, der Interviewer, reflektiert über die Ausdrucksweise des Befragten. Somit wird die­se Äußerung auf der Ebene der Metasprache gemacht und ist ein Beispiel für gän­gige Verfahren, die die Kommunikationspartner einsetzen, um Verständnis­stö­run­gen in der alltagssprachlichen Kommunikation zu beseitigen oder, um eigene bzw. fremde Aussageabsichten zu klären.

Metakommunikative Äußerungen wie die obige stellen als Ausdruck der mensch­lichen Fähigkeit, über die eigene (und auch über fremde) Sprache zu reflektieren, ein universelles, d.h. von der Einzelsprache unabhängiges Phänomen sprach­philo­sophischen Ursprungs[2] dar. Dank ihrer Universalität können sie meiner Meinung nach bei interlingualen multilateralen Untersuchungen als tertium comparationis[3] dienen, wie dies im vorliegenden Aufsatz der Fall ist: Ich gehe der Frage nach, inwiefern metakommunikative Äußerungen (im Weiteren MK-Äußerungen) kommunikationskulturspezifisch bedingt sein können. Das Zentrum des Beitrages bildet eine exemplarische Darstellung einiger Befunde der vergleichenden Analyse von MK-Äußerungen in deutsch-, polnisch- und ungarischsprachigen Presse-Inter­views und die Interpretation aller Befunde dieser Analyse in textsortenspezifischer wie auch textsortenübergreifender Hinsicht.[4]

1. Presse-Interview als Grundlage der Untersuchung

Als Materialbasis für die Untersuchung dient das geschriebene Interview, das in dem Medium Zeitung bzw. Zeitschrift typischerweise in Form eines verschrift­lichten Dialogs, mit einem Titel, nicht selten auch mit einem redaktionellen monologischen Vorspann und sogar mit einem monologischen Text nach dem verschriftlichten Dialog erscheint.[5] Die wichtigste Ähnlichkeit des geschriebenen Interviews mit dem gesprochenen ist die Verteilung des Rederechtes und die aus dem Rederecht folgende innere Organisation, vor allem die Frage-Strategien zur Steuerung des Interviews (vgl. Drewnowska-Vargáné, im Druck a). Daraus resultiert, dass auch das geschriebene Interview ähnlich wie das gesprochene mit gesprächslingistischen Kategorien analysiert werden kann.

Das geschriebene Interview ist als medial vermittelte Textsorte einerseits mehrfachadressiert und andererseits wird es von mehreren Autoren verfasst (vgl. Drewnowska-Vargáné, im Druck a). Die deutsch-, polnisch- und ungarisch­sprachigen Mehrfachautoren betrachte ich als jeweils eine spezifische journa­listische Diskursgemeinschaft mit einer sie kennzeichnenden Schreibkultur und Vertextungsroutinen, die diese Diskursgemeinschaft von den anderen abheben (vgl. Drewnowska-Vargáné 2000, S. 14f.).

2. Metakommunikation als Gegenstand der Untersuchung

Den Gegenstand der Untersuchung stellen bestimmte kommunikationsfördernde Aspekte der Metakommunikation dar, die - zumindest auf dem Gebiet der ger­ma­nistischen Linguistik - zuerst als ein Phänomen der gesprochenen Sprache un­tersucht wurden (Schwitalla 1979, Schmitter/Adamzik 1982, Techtmeier 1984). Spätere Forschungsergebnisse deuten aber darauf hin, dass dieses Phä­nomen nicht nur in gesprochenen, sondern auch in geschriebenen Texten mit einem textsortenspezifischen Charakter auftritt (vgl. z.B. Wittich 1985; Gläser 1990; Fiedler 1991). Weitere interessante Einsichten in die Metakommunikation brin­gen Beiträge, die interlingual ausgerichtet sind wie beispielsweise der von Tiit­tula (1993, 1997) [empirische vergleichende Forschungen zur Meta­kom­munikation im deutschen und finnischen mündlichen Diskurs]. Auf dieser Folie stellt der vorliegende Beitrag keinen vereinzelten Ansatz dar. Jedoch dürfte er sowohl in Bezug auf die drei gewählten Diskursgemeinschaften als auch in Bezug auf die Textsorte und die Art des Diskurses (Presse-Interview/schriftlich) als eine erste interlinguale Untersuchung dieser Art aufgefasst werden.

Die theoretische Fundierung der Analyse bildet primär der empirische Ansatz von Techtmeier (1984, 1993, 1994 und 2001), da er im Vergleich zu den anderen metakommunikativen Ansätzen auf dem Gebiet der germanistischen Linguistik m.W. die am umfangreichsten systematisierte Klassifikation der MK-Äußerungen in dialogischen Texten darstellt. Unter dem Terminus Metakommunikation verstehe ich mit Techtmeier (2001, S. 1451f.) "die Bezugnahme auf Aspekte des Kommu­nikationsvorgangs, in dessen Verlauf die jeweilige MK [Metakommunikation] auf­tritt". Sie manifestiert sich in MK-Äußerungen. Eine MK-Äußerung gehöre der gleichen Interaktionseinheit an wie die nichtmetakommunikative Bezugsäußerung (ebenda, S. 1452). Die Mehrzahl der MK-Äußerungen haben ihren eigenständigen propositionalen Gehalt und eine bestimmte syntaktische Struktur, für die eine Do­minanz von Deklarativsätzen kennzeichnend ist (ebenda, S. 1459). Zu ihren sprach­lichen Besonderheiten gehören vor allem: die Häufung interaktionsbenennender Ausdrücke (vor allem Verben, aber auch Substantive), z.B. sagen, behaupten, er­gänzen, fragen, vorschlagen, Zusammenfassung, Antwort, Kritik (vgl. Techt­meier 1984, S. 181 und 2001, S. 1460 ) sowie stereotype Wendungen und Floskeln, z.B.: um es offen zu sagen; offen gesagt (vgl. Techtmeier 2001, S. 1460).

3. Hypothese

Eine der zentralen Ebenen des metasprachlien Wissens bildet "das Wissen um sprach­­liche Gemeinschaften" und um die sprachliche Identität (vgl. Schlieben-Lange (1975, S. 196). Ich gehe davon aus, dass auf dieser Ebene deutliche Un­ter­schiede in den drei journalistischen Diskursgemeinschaften bestehen. Dafür spre­chen neben den bereits erwähnten jeweils anderen Schreibkulturen und Vertex­tungs­routinen auch jeweils andere Kulturkomponenten,[6] die sich in den drei unter­suchten sprachlichen Teilkorpora der Textsorte Meinungsinterview wiederspiegeln dürften. Vor diesem Hintergrund kann die Hypothese aufgestellt werden, dass auch das Wissen um die Funktionen und Charakter der MK-Äußerungengen in der me­dial vermittelten Textsorte Presseinterview von Diskursgemein-schaft zu Dis­kurs­ge­mein­schaft unterschiedlich ist und sich in Form von Kontrasten im Gebrauch dieser Äußerungen von Teilkorpus zu Teilkorpus nachweisen lässt.

 Befunde der durchgeführten Analyse

Der Vergleich von Exemplaren aller drei sprachlichen Teilkorpora wird von mir in erster Linie auf den Beitrag des Interviewers zur Struktur des Interviews hin durch­geführt, während der Beitrag des Befragten (= des Interviewpartners) im Hinter­grund bleibt, denn: Die Interviews aller drei Teilkorpora wurden mit Politikern und Experten unterschiedlicher Staaten durchgeführt.

Die meisten MK-Äußerungen sind in den Meinungsinterviews jedes Sprach­kor­pus intra-textuell, d.h. es sind Normalanaphora, die sich auf die Äußerungen des jeweiligen Dialogs beziehen. Neben den Normalanaphora habe ich in jedem Teil­korpus auch intertextuelle MK-Äußerungen, d.h. Makroanaphora[7] festgestellt: Es sind Verweise auf frühere Aussagen der Befragten oder anderer Personen zu dem­selben thematischen Schwerpunkt in Texten, die meistens vor dem Zeitpunkt der Veröffentlichung des jeweiligen Interviews oder parallel mit ihm in der Presse erschienen sind, z.B. in anderen Interviews, in Berichten, in harten Nachrichten oder in Kommentaren. Normalanaphorische und makroanaphorische MK-Äuße­rungen unterscheiden sich also voneinander hinsichtlich ihrer Bezugsäußerungen grundsätzlich: Während sich die Makroanaphora primär auf die quasi "gegenwärtig laufende" Kommunikation im verschriftlichen Interview beziehen, verweisen die letzteren aus dem Interview auf die Vor-, Parallel- oder sogar Nach-Texte und damit verbinden sie den quasi "laufenden" verschriftlichen Dialog mit Texten, die zu derselben Interaktionseinheit[8] gehören. Daher halte ich es für sinnvoll, die Be­funde der Analyse in zwei dieser Unterscheidung entsprechenden Hauptgruppen auszuwerten und darzustellen:

·         normalanaphorische MK-Äußerungen: Punkt 4.1. bzw. Anhang I: Teil A,

·         makroanaphorische MK-Äußerungen: Punkt 4.2. bzw. Anhang I: Teil B.

Da der Bezug der Äußerungen in diesen zwei Gruppen unterschiedlich ist, sol­len auch ihre Betrachtungsaspekte verschieden sein: Während ich die Belege für normalanaphorische MK-Äußerungen hinsichtlich ihrer Funktion, ihres Charakters und ihrer Stellung in der Struktur der Presse-Interviews analysiere (= textsor­ten­konstitutive Aspekte), untersuche ich die makroanaphorischen MK-Äußerungen als intertextuelle Verweise primär unter dem Aspekt der Verankerung des verschft­lich­ten Interviews im Textsortennetz (= intertextueller Aspekt). Vorausgeschickt sei, dass ich mich beim letzteren Aspekt auf den pragmatischen Ansatz von Klein (1991, 2000) zu Textsorten-Intertextualität stütze, in dem die funktionalen Zusam­menhänge zwischen Textsorten innerhalb eines bestimmten Interaktionsrahmens expliziert werden.

4.1. Vergleich normalanaphorischer MK-Äußerungen in den Beiträgen deutsch-, polnisch- und ungarischsprachiger Interviewer unter text­sortenkonstitutiven Aspekten

Der erste Blick auf die gesamte Anzahl der normalanaphorischen Äußerungen in allen drei Teilkorpora lässt eine deutliche Diskrepanz erkennen, die zwischen dem deutschen und dem ungarischen Korpus besteht: Während die Interviewbeiträge der ungarischen Interviewer über die weitaus höchste Anzahl der MK-Äußerungen verfügen, sind die entsprechenden Werte im deutschen Teilkorpus die niedrigsten. Das polnische Teilkorpus bleibt hier im Mittelfeld (s. Anhang I, Teil A: Punkt 1).

4.1.1. Einzelne Funktionen der monofunktionalen MK-Äußerungen

Techtmeier (1994, S. 246 und 2001, S. 1454) schreibt MK-Äußerungen in mono­logischen und dialogischen Texten folgende drei Grundfunktionen zu:

·         Stützung des Verstehens der jeweiligen Bezugsäußerung,

·         Stützung der Akzeptanz der jeweiligen Bezugsäußerung,

·         Stützung der Ausführbarkeit der (vom Sprecher) erwünschter Handlung.[9]

Demnach unterscheidet sie in der Gesprächskonsitution verständnisstützende (oder: hier synonym verständnissichernde), akzeptanzstützende und dialog­steuern­de MK-Äußerungen. Jeder Typ ist mit bestimmten Grundannahmen seitens des Spre­chers verbunden, die im Folgenden vor jeder exemplarischen Darstellung der Er­gebnisse thematisiert bzw. dem Charakter der vorliegenden Analyse entspre­chend modifiziert werden.

4.1.1.1.Verständnissichernde MK-Äußerungen

Die Hauptfunktion der verständnissichernden MK-Äußerungen besteht in Siche­rung und Stützung des komplexen Verstehens des mit der Bezugsäußerung Ge­meinten. Techtmeier (2001, S. 1454) exemplifiziert diesen Typ u.a. so: "Das war eine Aufforderung/ Ich meine damit, daß.../Das soll heißen, daß..." Diese Äuße­run­gen basieren auf folgender Grundannahme (ebenda, S. 1455):

"S[precher] nimmt an, dass H[örer] die Äußerung von S[pre­cher] nicht unbedingt versteht."

MK-Äußerungen in der verständnisstützenden Funktion bildeten bis vor kurzem das Zentrum der Metakommunikationsforschung. Dies lässt meiner Meinung nach behaupten, dass sie den am meisten verbreiteten Typ im metakommunikativen Diskurs darstellen, was wohl auch durch die Ergebnisse meiner Analyse bestätigen dürften: In jedem Sprachkorpus bilden verständnisstüzende MK-Äußerungen den größten Anteil monofunktionaler Äußerungen. Erst der Vergleich aller drei Teil­korpora zeigt, dass die meisten Belege zwar im ungarischen Korpus zu finden sind, aber prozentual[10] gesehen das deutsche Korpus auf dem ersten Platz steht (s. An­hang I, Teil A: Punkt 2.1.1.).

An dem Charakter der mehrfachadressierten Textsorte Meinungsinterview liegt, dass es sich in den meisten verständnissichernden MK-Äußerungen um Klärung bzw. Verdeutlichung der komplexen Bedeutung der Aussagen der Befragten han­delt. Demnach soll die oben angeführte Grundannahme für die Zwecke der vor­liegenden Analyse m.E. folgendermaßen modifiziert werden:

Sprecher (der Interviewer) nimmt an, dass er bzw. die Mehr­fachadressaten des Interviews die Äußerung von Hörer (von Befragten) nicht unbedingt richtig ver­steht/verstehen.

Zur Veranschaulichung sei ein für diese Annahme typischer Beleg aus dem deut­schen Korpus angeführt, in dem die Äußerung zur Rekonstruktion der Be­deu­tung der Bezugsäußerung dient:

1. verständnissichernd

(Hauptüberschrift): "Die NATO wird noch lange gebraucht"

(Befragter: Klaus Kinkel): [...] Es muß ja zunächst vor allem darum gehen, die Eigenverantwortung der betroffenen Staaten zu stärken und Hilfe zur Selbsthilfe zu geben. Im übrigen gilt: first things first. Die aktuellen Konflikte wie das Kosovo-Problem müssen zunächst gelöst werden.

(Interviewer:Klar-Ludwif Günsche): Das heißt: Sie plädieren für kleine Schritte?

(Befragter: Klaus Kinkel): Das ist richtig. [...]"

(Die Welt vom 25. Mai 1999; Nr. 26 im Korpus, Hervorhebungen inter­aktions­benennender Ausdrücke von mir[11])

4.1.1.2. Akzeptanzstützende MK-Äußerungen

Die akzeptanzstützende Funktion resultiert aus der Einsicht, dass zum Erfolg in der Kommunikation - neben einem gegenseitigen Verstehen - auch eine "(wech­sel­seitige) Akzeptanz des Gesagten" gehört (Techtmeier 2001, S. 1455). Eine meta­kommunikative Akzeptanzstützung könne sich sowohl auf die Akzeptanz des propositionalen Gehalts (z.B. "Was ich jetzt sage, ist eine grobe Vereinfachung") als auch auf die Akzeptanz der Funktion (z.B. "Ich muß[12] dich jetzt einfach kriti­sieren, das war doch zu oberflächlich, was du da gesagt hast.") oder auf die Ak­zep­tanz von Aspekten der sprachlichen Formulierung beziehen. Dieser Typ der Äu­ße­rungen basiert auf folgender Grundannahme (ebenda):

"S[precher] nimmt an, dass H[örer] die Äußerung von S[pre­cher] nicht unbedingt akzeptiert."

Diese Annahme lässt sich für die Zwecke der vorliegenden Untersuchung zwar ohne Modifikationen übernehmen, doch ist aus der Zusammenstellung der Befunde ersichtlich, dass monofunktionale akzeptanzstützende Äußerungen in den drei untersuchten sprachlichen Korpora besonders rar sind (s. Anhang I, Teil A: Punkt 2.1.2.). Folgender Beleg stammt aus dem deutschen Korpus:

2. akzeptanzstützend

Hauptüberschrift): "Die neue Ernsthaftigkeit

  (Interviewer: Matthias Geis, Gunter Hoffman zum Befragten: Wolfgang Schäuble): [...] Es fällt auf, daß die Politiker der Union relativ skeptisch über den Krieg reden. Sie selbst haben vor einer Übermoralisierung des Kosovo-Konfliktes gewarnt. Erlaubt das Weniger an Verantwortung in der Opposition ein Mehr an Nachdenklichkeit? [...]"

(Die Zeit vom vom 22. April 1999; Nr. 14 im Korpus)

Diese Äußerung "Sie selbst haben vor einer Übermoralisierung des Kosovo-Konfliktes gewarnt." wurde vom Interviewern gemacht, damit der Befragte (der CDU-Vorsitzende, Wolfgang Schäuble) sowohl den propositionalen Gehalt der vorhin gemachten Feststellung "Es fällt auf [...] skeptisch reden" als auch den der danachfolgenden Frage: "Erlaubt das Weniger an [...]" akzeptiert.

4.1.1.3. Dialogsteuernde MK-Äußerungen

Während die MK-Äußerungen mit verständnis- und akzeptanzstützender Funktion sowohl dialogische als auch monologische Texte kennzeichnen, ist die dialog­steuernde Funktion strukturgemäß nur für dialogische Texte charakteristisch: Das Kommunizieren im Dialog muss als gemeinsame Aktivität von den Partnern orga­ni­­siert werden. Dem liegt folgende Annahme zu Grunde (Techtmeier 2001, S. 1456):

"S[precher] und H[örer] nehmen an, dass für den Erfolg der Kommunikation organisatorische Aktivitäten erfor­der­lich sind."

Da meine Untersuchung die Person des Interviewers in den Vordergrund stellt, modifiziere ich diese Annahme folgendermaßen:

Sprecher (der Interviewer) nimmt an, dass für den Erfolg der Kommunikation organisatorische Aktivitäten erfor­der­lich sind.

Die meisten Belege für Äußerungen mit dieser Funktion sind im polnisch­sprachigen Teilkorpus zu finden (s. Anhang I, Teil A: Punkt 2.1.3.). Die folgende Äußerung bezieht sich beispielsweise auf die Wiederaufnahme eines früheren Themas, d.h. auf die inhaltliche Steuerung des Gesprächs (vgl. Schwitalla 1979, S. 131; Schmitter und Adamzik 1982, S. 67):

3. dialogsteuernd/inhaltlich

 (Interviewer: Wiesław Walkiewicz): "[...] Wróćmy do historii konfliktu. Jak to się zaczęło? [...]"

 (Gazeta Wyborcza vom 24.-25. April 1999; Nr. 13 im Korpus)

dt.:

  (Interviewer: Wiesław Walkiewicz): "[...] Kehren wir zur Geschichte des Konflikts zurück. Wie hat er denn angefangen? [...]"

Die meisten Belege für monofunktionale dialogsteuernde Äußerungen dienen im polnischen Teilkorpus der formalen Steuerung des Gesprächs (Schmit­ter/­Adam­zik 1982, S. 66), indem sie zur Vorstellung der Interviewer und der Be­fragten und auch zur Markierung der Eröffnungs- und Schlussphasen der Inter­views gebraucht werden:

4. dialogsteuernd/formal

(Dachzeile): "Mówi James Hooper

(Hauptüberschrift): Miloszević wygra tę wojnę

[...]

(‚Endtext? nach dem verschriftlichten Dialog): Rozmawiał Bartosz Węglar­czyk

[...]"

(Gazeta Wyborcza vom 12. Mai 1999; Nr. 17 im Korpus)

dt.:

(Dachzeile): "Es spricht James Hooper

(Hauptüberschrift): Milo¹ević gewinnt diesen Krieg

[...]

(‚Endtext? nach dem verschriftlichten Dialog): Das Interview wurde von Bartosz Węglarczyk geführt

[...]"

Häufiger als in deutsch- oder in ungarischsprachigen verschriftlichten Dialogen finden sich im polnischen Teilkorpus Äußerungen, die eigentlich für die gespro­chene Sprache charakteri-stisch sind:

5. dialogsteuernd/formal

(‚Endtext? nach dem verschriftlichten Dialog): "[...] Dziękuję za rozmowę.

Rozmawiał Jerzy Piekarski"

(Przekrój vom 02. Mai 1999; Nr. 15 im Korpus)

dt.:

(‚Endtext? nach dem verschriftlichten Dialog): "[...] Ich danke Ihnen für das Gespräch.

Das Interview wurde von Jerzy Piekarski geführt"

4.1.2. Polyfunktionale MK-Äußerungen

Die Polyfunktionalität der MK-Äußerungen bildet - so Techtmeier (1984, S. 144; 1994, S. 247; 2001, S. 1457) - ein typisches Phänomen in der Metakom­mu­nikation: Ein und dieselbe Äußerung kann mehrere Funktionen in der Dialog­struk­tur haben.[13]

Aus der Zusammenstellung der Befunde ist auch ersichtlich, dass viele MK-Äußerungen meistens zwei Funktionen auf einmal ausüben. Unter den polyfunk­tio­nalen Äußerungen ist der Typ verständnissichernd und dialogsteuernd in den Beiträgen der Interviewer aller drei journalistischen Diskursgemeinschaften am meisten verbreitet (s. Anhang I, Teil A: Punkt 2.2.).

4.1.2.1. Verständnissichernde und dialogsteuernde MK-Äußerungen

Die bei weitem höchste Anzahl von Belegen weist das ungarischen Teilkorpus auf: Es macht ca. das Dreifache der Belegzahl aus. Die meisten der Äußerungen von die­sem Typ finden sich in den Vorspannen, d.h. in den monologischen redak­tionellen Texten, die vor dem verschriftlichten Dialog stehen:

6. verständnissichernd und dialogsteuernd/publikumsadressiert

Sorozatunkban a riporter kiemel az elmúlt hét sajtójából néhány közfigyelemre érdemesnek tartott hírt, s megkérdez egy-egy közéleti személyiséget: mit szól hozzá? Ezúttal a neves televíziós újságírót szembesítette ilyen hírcsokorral Orbán Györgyi. Válaszol Horváth János

(168 óra vom 29. April 1999; Nr. 12 im Korpus)

  dt.:

In unserer Serie hebt der Reporter aus der Presse der jeweils vorigen Woche einige Probleme hervor, die eine öffentliche Aufmerksamkeit verdienen und fragt jeweils eine in der Öffentlichkeit bekannte Persönlichkeit, was sie zu diesen Problemen meint. Dieses Mal hat Györgyi Orbán den bekannten Fernsehjournalisten mit einem solchen Nach­rich­tenbündel konfrontiert. Es antwortet János Horváth

Verständnisstützend sind diese Äußerungen, weil sie schon am Anfang der In­terviews über die wichtigsten thematischen Aspekte der Kommunikation infor­mieren. Zugleich sind sie auch dialogsteuernd, weil sie sozusagen als eine Ankün­digung des verschriftlichten Dialogs, also seine Eröffnungsphase darstellen.

4.1.2.2. Verständnissichernde und akzeptanzstützende MK-Äußerungen

Polyfunktionale Äußerungen kommen in diesen zwei Funktionen in jedem Teil­korpus deutlich seltener vor. Da die Beiträge der deutschen Interviewer die ver­hältnismäßig höchste Anzahl ergaben, sei hier ein Beleg aus dem deutschen Korpus angeführt:

7. verständnissichernd und akzeptanzstützend

Hauptüberschrift): "Beschleunigte Erosion

  (Interviewer: Jochen Buchsteiner, Fritz Vorholz zum Befragten: Jürgen Trittin): [...] Sie nennen das Ziel der Nato legitim. Vor vier Jahren ging es darum, das Morden in Bosnien zu beenden. Sie haben sich damals vehement gegen eine deutsche Beteiligung an der UN-Friedenstruppe ausgespro-chen. [...]"

(Die Zeit vom 06. Mai 1999; Nr. 21 im Korpus)

Die Äußerung "Sie nennen..." dient einerseits als logische Grundlage der danach folgenden Kritik und andererseits auch als Akzeptanz des Vorwurfs "Sie haben sich damals..." Ferner illustriert sie einen typischen Fall für die Stellung der MK-Äußerungen im deutschen Teilkorpus (vgl. Punkt 4.1.4.1).

4.1.3. Charakter der mono- und polyfunktionaler MK-Äußerungen

Vielen der bis jetzt behandelten mono- und polyfunktionalen MK-Äußerungen wurde von ihren Autoren ein bestimmter Charakter verleihen: Sie sind forcierend, bewertend und/oder publikumsadressiert.

4.1.3.1. MK-Äußerungen mit einem forcierendem Charakter

Ein bedeutender Ansatz zum so genannten Forcieren im Gespräch stammt von Kallmeyer und Schmitt (1996). Die Autoren betrachten das Forcieren als "[d]ie Beteiligungsweise einer erkennbar eingeschränkter Kooperativität mit dem Ziel, sich gegen den anderen im Gespräch durchzusetzen" und somit als "Vergrößern eigener Rechte und fremder Pflichten". Zu den typischen forcierenden Aktivitäten in Gesprächen zählen die Autoren u.a. "Dazwischenreden, wenn der andere das Wort hat [...]; Den anderen provozieren durch überspitzte oder unzutreffende Be­hauptungen; Dem anderen eine Fangfrage stellen; Den Gegner diskreditieren, d.h. seine Glaubwürdigkeit oder seine Kompetenz in Frage stellen" (ebenda, S. 22). Auch bei der Produktion der MK-Äußerungen spielt das Forcieren eine erhebliche Rolle. Darauf deutet bespielsweise Tiittula (1997, S. 377) hin: Das Forcieren erscheint in der deutschen Diskussion u.a. als "[m]etakommunikative Themati­sie­rung des Themas oder Problems, worüber diskutiert werden soll; dabei wird dem Gesprächspartner vorgeworfen, er rede an dem eigentlichen Thema vorbei".

Aus meiner Untersuchung ist deutlich ersichtlich, dass das Forcieren im deut­schen und polnischen Teilkorpus praktisch keine Rolle spielt. Jedoch können die sieben Belege in den Beiträgen der ungarischsprachigen Autoren nicht außer Acht gelassen werden (s. Anhang I, Teil A: Punkt 3.1.). Nehmen wir einen dieser Be­lege unter die Lupe:

8. forcierend

(Hauptüberschrift): "Milosevics megüzente

(der Interviewer: Varga Gergely): [...] Miért hisz inkább Milosevicsnek mint az ország vezetőinek?

(der Befragte: Thürmer Gyula): Nem Milosevicsnek hiszek, hanem a tényeknek. Csapatösszevonás lesz, a NATO szárazföldi háborúra készül. Akkor hinnék Orbánnak, ha kijelentené: akármit kér a NATO, mi nem adjuk át a területeinket, nem veszünk részt a háborúban. A NATO több figyelmet fordít a médiaháborúra, mint a konkrét hadmű­veletekre. Az amerikaiak csak akkor lépnek katonai téren, ha a közvélemény-kutatások azt jelzik: a többség támogatja a háborút. Ugyenez történik nálunk is. [...]

(der Interviewer: Varga Gergely): Nem válaszolt a kérdésre. [...]"

(168 óra vom 29. April 1999; Nr. 11 im Korpus)

dt.:

(Hauptüberschrift): "Milo¹ević hat ausrichten lassen

(der Interviewer: Gergely Varga): [...] Warum glauben Sie eher Milo¹ević als der Regierung?

(der Befragte: Gyula Thürmer, Vorsitzender der Arbeiterpartei in Ungarn): Ich glaube nicht Milo¹ević, ich glaube den Tatsachen. Die Truppen werden zusammengezogen, die NATO bereitet sich auf den Einsatz der Bodentruppen vor. Ich würde Orbán glauben, wenn er Folgendes deklarierte: Egal, worum auch die NATO bittet, wir geben unsere Gebiete nicht ab und beteiligen uns am Krieg nicht. Die NATO schenkt dem Medienkrieg mehr Aufmerksamkeit als den konkreten militärischen Manövern. Die Amerikaner treten erst dann militärisch auf, wenn die Ergebnisse der Meinungsforschungen darauf hindeuten, dass die Mehrheit den Krieg unterstützt. Dasselbe geschieht auch bei uns. [...]

(der Interviewer: Gergely Varga): Sie haben die Frage nicht beantwortet.

 [...]"

Die Antwort des Befragten interpretiert der Interviewer als 'Am-Thema-Vorbei­reden' und forciert mit seiner MK-Äußerung eine direkte Antwort. Dabei stellt diese Äußerung nur eine von vielen nicht-metakommunikativen Aktivitäten des For­cierens dar, die der Interviewer in dieser Sequenz des Interviews einsetzt. So­mit hat die vorliegende Äußerung eine unterstützende Funktion. Sie unterstützt die Fangfrage, die dem Befragten mehrmals gestellt wird.

Auch im folgenden Beleg bedient sich der Interviewer des Forcierens, indem er den Befragten provoziert, zu der schon benannten politischen Situation noch einmal Stellung zu nehmen:

9. forcierend

(Hauptüberschrift): keine[14]

(Befragter: Szabó János; BÄ[15] ): "[...] Nem kell presztízskérdést csinálni egy háborúból és abból, ki a győztes, ki a vesztes. Ezt is elmondtam már április közepén.

(Interviewer: Varga Gergely; Berufung): Háborút mondott. Az elején azt állította: nincs is háború.

(Befragter: Szabó János; Akzeptanz ): Krízishelyzetet akartam mondani. [...]"

(168 óra vom 20. Mai 1999; Nr. 19 im Korpus)

dt.:

(Hauptüberschrift): keine

(Befragter: János Szabó; BÄ ): "[...] Man soll aus dem Krieg und daraus, wer der Sieger und wer der Verlierer ist, keine Prestigefrage machen. Das habe ich schon Mitte April gesagt.

(Interviewer: Gergely Varga; Berufung): Sie haben gesagt Krieg. Am Anfang haben Sie behauptet, es gebe keinen Krieg.

(Befragter: János Szabó; Akzeptanz ): Ich wollte Krisenlage sagen. [...]"

Mit der MK-Äußerung provoziert der Interviewer den Befragten dazu, dass die­ser ihm erklärt, wie er die vorhin thematisierte politische Lage eigentlich ver­steht. Zugleich stellt dieser Beleg ein Paradebeispiel dafür dar, dass die Metakom­muni­ka­tion zur Unterstützung der Argumentation dient: Der Interviewer konfrontiert den Ausdruck des Befragten "Krieg" mit dessen Anfangsaussage in diesem Inter­view: "Hier gibt es keinen Krieg". Dabei setzt er als Argumentationsstrategie die Technik 'Berufung' ein. Diese 'Berufung' wird vom Befragten mit 'Akzeptanz' bearbeitet, indem er auf den Ausdruck "Krieg" zugunsten des Ausdrucks "Kri­sen­lage" verzichtet (s. weiter in: Drewnowska-Vargáné, im Druck b).

4.1.3.2. MK-Äußerungen mit einem bewertenden Charakter

Tiittula (1993, S. 41) stellt in ihrer vergleichenden Untersuchung der deutschen und finischschen mündlichen Diskussionen und Gespräche Redebewertungen fest, als "[t]ypische Beispiele für Metakommunikation", also MK-Äußerungen über bestimmte sprachliche Aspekte der laufenden Kommunikation, beispeilsweise: "das ist eine gute Frage". Im Vergleich zu den Ergebnissen der Autorin lassen die ziemlich niedrigen Belegzahlen in meinen drei Teilkorpora die redebewertenden MK-Äußerungen zwar nicht als typisch bezeichnen. Doch haben sie im deutsch­sprachigen Korpus nicht nur zahlenmäßig, sondern vor allem prozentual einen deutlich höheren Anteil als im polnischen und im ungarischen (s. Anhang I, Teil A: Punkt 3.2). Die meisten redebewertenden MK-Äußerungen befinden sich im redaktionellen Vorspann, wie beispielsweise in folgenden Belegen:

10. bewertend/publikumsadressiert

Hauptüberschrift): "Völkerrechtlich hoch zweifelhaft

SPD-Politiker Henning Voscherau kritisiert den Nato-Einsatz im Kosovo [...]"

(Die Welt vom 27. März 1999; Nr. 2 im Korpus)

11. bewertend/ publikumsadressiert

Hauptüberschrift): "‚Greueltaten ungeahnten Ausmaßes durch die Serben?

Berlin - Der Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung, Gerd Poppe, hat sich besorgt über die Greueltaten von Serben an Albanern im Kosovo geäußert. [...]"

(Die Welt vom 23. April 1999; Nr. 16 im Korpus)

12. bewertend/ publikumsadressiert

Hauptüberschrift): "Zur Not auch Bodentruppen

Keiner provoziert die grünen Parteifreunde so wie er: Ein Zeit-Gespräch mit Daniel Cohn-Bendit über die Strategie der Nato im Kosovo [...]"

(Die Zeit vom 20. Mai 1999; Nr. 25 im Korpus)

In den Belegen Nr. 10 und 12 ist die Evaluation schon in den inter­aktions­benennenden Ausdrücken selbst,[16] während sie im Beleg Nr. 11 durch das Partizip besorgt ausgedrückt wurde.

4.1.3.3. MK-Äußerungen mit einem publikumsadressierten Charakter

Die Präsenz von MK-Äußerungen mit einem publikumsadressierten Charakter hat mit der eingangs erwähnten Mehrfachadressiertheit der Textsorte Presse-Interview zu tun. Burger (1991, S. 7) betrachtet das Phänomen der Mehr­fach­adressiertheit als die Tatsache, dass sich die Gesprächspartner von Mediendialogen nicht nur aneinander, sondern gleichzeitig an das Publikum in dem jeweiligen Kommunikationskreis wenden. So aufgefasst sind m.E. alle MK-Äußerungen, die in einem medial vermittelten Interview erscheinen, mehrfachadressiert.

Bei publikumsadressierten MK-Äußerungen geht es mir um einen besonderen Typ der metakommunikativen Mehrfachadressiertheit, die sich in den Einlei­tungs­sequenzen der Interviews (im Vorspann) findet, in denen sich die Interviewer mit den MK-Äußerungen nicht an die Befragten, sondern primär an das Publikum (an den Leserkreis) wenden. Obwohl die Autoren der einschlägigen Beiträge solche MK-Äußerungen vor allem mündlichen Diskussionen und Gesprächen in Hörfunk und Fernsehen und seltener Printmedien zuschreiben (vgl. Bucher 1994, S. 482; Techtmeier 2001, S. 1461), deuten die Befunde meiner Untersuchung darauf hin, dass publikumsadressierte MK-Äußerungen für die Textsorte Presse-Interview so­gar typisch sein können. So sind beispielsweise die MK-Äußerungen in den deutsch­sprachigen Belegen 10-12 publikumsadressiert in dem hier erörterten Sinne.

Ein Blick auf die Ergebnisse der durchgeführten Analyse (s. Anhang I, Teil A: Punkt 3.3.) überzeugt jedoch davon, dass nicht die Autoren der deutschsprachigen Dis­kursgemeinschaft die meisten mehrfachadressierten metakommunikativen Sequen­zen produzieren, sondern die Interviewer der ungarisch- und der polnisch­sprachigen Diskursgemeinschaft: und zwar nicht nur zahlenmäßig, sondern auch prozentual (s. Anhang I, Teil A: Punkt 3.3). Ein typisches Beispiel für publikums­adressierte metakommunikative Sequenzen verkörpert der ungarischsprachige Be­leg 6: dort ist jede MK-Äußerung mehrfachadressiert, indem sie zur Informierung des Leserkreises über die wichtigsten thematischen Aspekte des nachfolgenden Dia­logs dient.

Der publikumsadressierte Charakter der folgenden MK-Äußerung ("[...] - sagt der Generalsekretär [...]") im Vorspann eines polnischen Interviews besteht darin, dass sie als eine explizite Redekennzeichnung für die reformulierte Wiedergabe der Kernaussage des Befragten aus dem verschriftlichten Dialog fungiert:[17]

13. publikumsadressiert

(Hauptüberschrift): "Jawier Solana: To nie była wojna

(Vorspann): Celem operacji NATO nie było niszczenie, lecz powstrzymanie przemocy - wycofanie wojsk serbskich z Kosowa, powrót uchodźców i stworzenie na tym terenie cywilnej administracji. Nie zamierzaliśmy zdobywać terytoriów. Nie chodziło o ropę ani o interesy handlowe, lecz jedynie o obronę wartości - mówi sekretarz generalny NATO Javier Solana w rozmowie z Adamem Michnikiem [...]"

(Gazeta Wyborcza vom 09. September 1999; Nr. 30 im Korpus)

dt.:

(Hauptüberschrift): "Jawier Solana: Das war kein Krieg

RA (Vorspann): Das Ziel der Operation der NATO war nicht die Zerstörung, sondern das Aufhalten der Gewalt - der Rückzug der serbischen Armee aus dem Kosovo, die Rückkehr der Flüchtlinge und die Bildung einer Ziviladministration auf diesem Gebiet. Wir wollten keine Territorien erobern. Es ging uns weder um Erdöl noch um Geschäfte, sondern nur um die Verteidigung der Werte - sagt der Generalsekretär der NATO, Javier Solana im Gespräch mit Adam Michnik [...]"

Einen ähnlichen Charakter hat auch die MK-Äußerung im Vorspann des als Be­leg Nr. 14 im Folgenden zitierten Interviews (vgl. Punkt 4.1.4.2).

Die hohe Anzahl der publikumsadressierten MK-Äußerungen im ungarischen und im polnischen Teilkorpus steht in einem engen Zusammenhang mit der redak­tio­nel­len Bearbeitung und mit der medienspezifischen Erscheinung der Interviews: Alle ungarischen und die meisten polnischen Interviews sind mit Vorspannen ver­sehen, während lediglich ein Drittel der deutschen Interviews über solche Ein­lei­tungs­pha­sen verfügt. Außerdem sind die ungarisch- und polnischsprachigen Vor­spanntexte deutlich länger als die deutschen (vgl. Drewnowska-Vargáné im Druck a).

4.1.4. Stellung der MK-Äußerungen in der Gesprächsstruktur

4.1.4.1. Vorgestellt

Vorgeschaltet stehen MK-Äußerungen als Ausdruck der Vorwegnahme von Prob­le­men, die beim Verstehen oder bei der Akzeptanz des aufgenommenen propo­sitionalen Gehalts beim Partner entstehen können. Ferner können sie als Hilfe bei planenden Aktivitäten, z.B. zur Gliederung der Gesprächsbeiträge dienen (Techt­meier 2001, S. 1458).

Aus der Zusammenstellung der Befunde ergibt sich Folgendes: Während die polnischen Interviewbeiträge hier die wenigsten Belege aufweisen, ist die Anzahl der Belege im deutschen Teilkorpus genauso hoch wie die im ungarischen Teil­korpus. Dennoch ist der prozentuale Anteil der Befunde im deutschen Teilkorpus deut­lich höher als im ungarischen (s. s. Anhang I, Teil A: Punkt 4.1). Dass sich das deutsche Teilkorpus mit den meisten Belegen für diese Stellung auszeichnet, ist mit den vielen Belegen für verständnissichernde und auch (im Vergleich zu polnischen und ungarischen Interviews) verhältnismäßig vielen polyfunktionalen Belegen für verstehens- und akzeptanzstützende MK-Äußerungen in diesem Teilkorpus ver­bun­den (s. Anhang I, Teil A: Punkt 4.1; 2.1.1. und 2.2.1).

Dass vorgeschaltete verständnis- und akzeptanzstützende MK-Äußerungen im deutschen Teilkorpus die Antizipation der Interviewer von eventuellen Verstehens- und Akzeptanzproble-men bei Befragten ausdrücken, veranschaulicht der bereits angeführte Beleg Nr. 7: Die MK-Äußerung des Interviewers "Sie nennen das Ziel der NATO legitim" ist vor dem Vorwurf platziert, dass der Befragte früher einen anderen Standpunkt vertreten hatte. Somit antizipiert der Interviewer, dass der Befragte diesen Vorwurf mit mangelnder Akzeptanz aufnehmen könnte.

4.1.4.2. Zwischengestellt

Zwischengestellt sind Äußerungen, die mindestens zwei Bezugsäußerungen haben. So hat die Äußerung: "Nur eine kleine Ergänzung zu dem, was X vorhin gesagt hat" (Techtmeier 2001, S. 1457f.) einen doppelte Verbindung: einerseits ver­weise sie auf eine zurückliegende Äußerung eines anderen Gesprächspartners, und andererseits verweise sie auch auf eine nachfolgende Äußerung, deren Funk­tion "eine kleine Ergänzung" sei. Viele zwischengestellte MK-Äußerungen seien - so Techtmeier (2001, S. 1459) - zugleich reaktiv-initiativ, weil sie gleichzeitig auf das bisherige Geschehen reagieren und zugleich auch eine neue Äußerung einleiten, z.B. "X, du darfst dich jetzt verteidigen" (ebenda, S. 1457).

Aus den Befunden der Analyse ist ersichtlich, dass zwischen den drei Teil­kor­pora prozentual keine gravierenden Unterschiede bestehen: Den höchsten pro­zentualen Anteil besitzt allerdings das polnische Teilkorpus, während die ver­gleichbaren Werte im ungarischen Korpus nur um zwei Prozent und im deutschen Teilkorpus um fünf Prozent niedriger sind (s. Anhang I, Teil A: Punkt 4.2). Die von Techtmeier betonte Zwischenstellung mit rekaktiv-initiativer Funktion tritt bei MK-Äußerungen jedes Teilkorpus häufig auf. Ein typisches Beispiel für reaktiv-initiative zwischengestellte MK-Äußerung im polnischen Teilkorpus stellt folgender Beleg dar:

14. zwischengestellt/verständnissichernd

(Hauptüberschrift): "Mój ojciec popiera Miloszevicia

(Untertitel): Podzielona Czarnogóra

(Vorspann): Łatwo rozniecić w Czarnogórze konflikt na miarę drugiego Kosowa. Nasza polityka ma na celu uniknięcie go ta wszelką cenę - mówi Miodrag Vuković

(Interviewer: Marcin Wojciechowski): [...] Co zrobicie, jeżeli Miloszević zostanie przy władzy?

(Befragter: Miodrag Vuković): Będziemy starać się renegocjować umowę federacyjną, aby zapewnić Czarnogórze utrzymanie status quo. Nie ma znaczenia, czy przyszłe państwo nazwiemy federacją, czy konfederacją. Czarnogóra i Serbia mogą funkcjonować razem, jeżeli będą ściśle rozgraniczone kompetencje republik i władz federacji, a te ostatnie przestaną być zawłaszczane przez Serbów. Kluczowym problemem jest przyszły status stacjonującej u nas II Armii. Powinna ona zostać podporządkowana miejscowym władzom cywilnym.

(Interviewer: Marcin Wojciechowski): Był Pan członkiem zespołu, który opracował poprzednią konstytucję Jugosławii. Dlaczego nie uwzględniliście w niej postulatów, o których Pan mówi?

(Befragter: Miodrag Vuković): Byliśmy pod ogromną presją. [...]"

Gazeta Wyborcza vom 27. Mai 1999; Nr. 25 im Korpus)

dt.:

(Hauptüberschrift): "Mein Vater unterstützt Milo¹ević

(Untertitel): Das geteilte Montenegro

(Vorspann): Es ist einfach, in Montenegro einen Konflikt in dem Umfang eines zweiten Kosovos zu entfesseln. Unsere Politik hat sich zum Ziel gesetzt, dies um jeden Preis zu vermeiden - sagt Miodrag Vuković

(Interviewer: Marcin Wojciechowski): [...] Was werdet ihr machen, wenn Milo¹ević an der Macht bleibt?

(Befragter: Miodrag Vuković): Wir werden versuchen, über den Bundesvertrag erneut zu verhandeln, damit wir Montenegro Status quo versichern können. Es ist ohne Be­deu­tung, ob wir den zukünftigen Staat eine Föderation oder eine Konföderation nennen. Montenegro und Serbien können gemeinsam funktionieren, wenn die Kompetenzen der Republiken und der Föderationsmächte voneinander streng abgegrenzt werden und wenn die Serben aufhören, die Föderationsmächte in ihre Gewalt zu bekommen. Die Schlüs­sel­frage ist der zukünftige Status der bei uns stationierenden II. Armee. Sie sollte den örtlichen zi­vilen Behörden untergeordnet werden.

(Interviewer: Marcin Wojciechowski): Sie waren Mitglied eines Teams, das die vorige Verfassung Jugoslawiens erarbeitet hatte. Warum habt ihr darin die Postulate nicht berücksichtigt, über die Sie jetzt reden?

(Befragter: Miodrag Vuković): Wir waren unter einem riesigen Druck. [...]"

Die MK-Äußerung "Warum habt ihr darin die Postulate nicht berücksichtigt, über die Sie jetzt reden?", die sich mitten im verschrifltichten Dialog findet, ist einerseits reaktiv, indem sie darauf verweist, was im unmittelbar zurückliegenden Redebeitrag des Befragten thematisiert wurde (" die Postulate [...], über die Sie jetzt reden?"). Andererseits ist sie aber auch initiativ, indem sie den Befragten zum Erteilen neuer Informationen über das bereits Thematisierte veranlasst ("Warum habt ihr [...] die Postulate nicht berücksichtigt [...]").

Reaktiv-initiativ ist - jedoch in einer anderen Weise als im vorangehenden Beleg aus dem polnischen Teilkorpus - auch die folgende Äußerung am Anfang des verschriftlichten Dialogs im Beleg aus dem ungarischen Teilkorpus:

15. zwischengestellt/verständnissichernd und dialogsteuernd

(Hauptüberschrift): "Mit enged az Isten?

(Untertitel): Fejtõ Ferenc - interjú

(Vorspann): Fejtõ Ferenc ma, kilencvenévesen legújabb könyvének megjelenésére vár, és lapunk megjelenésekor Budapestre érkezve is szokása szerint keresni fogja azokat, akiket meggyõzhet és inspirálhat. Például a jugoszláv kérdésben, amelyben - ha idõnként Kasszandra-jóslatokkal is -, mértékadó szakértõnek tartják. Fejtõ a térség múltját vizsgálva főként a századelőn szétesett Monarchiában keresi és találja meg azokat a logikai alapelemeket, amelyekből a többnyire lehangaló jelenben megpróbálja összerakni a ritkán biztató jövőt - mint tette azt még párizsi lakásán a HVG kérdéseire válaszolva.

(Interviewerin: Ágnes Bőhm): A Le Monde azt írta, ami ma a Balkánon zajlik, az a 21. század első háborúja. Ha egyetért ezzel, szinte 'örülhet?, hogy megért egy ilyen szép modern háborút...[...]"

(HVG vom 29. Mai 1999; Nr. 24 im Korpus)

dt.:

(Hauptüberschrift): Was lässt der liebe Gott zu?

(Untertitel): Ein Interview mit Ferenc Fejtõ

(Vorspann): Der heute neunzig Jahre alte Ferenc Fejtõ wartet auf die Publikation seines neuesten Buches. Zur Zeit des Erscheinens unseres Blattes nach Budapest kommend, wird er diejenigen aufsuchen, die er überzeugen und inspirieren kann. Z. B. in der Frage Jugoslawiens, in welcher er für einen maßgebenden Experten gehalten wird, auch wenn er ab und zu mit Orakeln nach Kassandras Art kommt. Fejtõ, der die Geschichte unseres Kulturraumes erforscht, sucht und findet in der am Jahrhundertanfang zerfallenen Monarchie die logischen Grundelemente, aus denen er in der meist deprimierenden Gegenwart eine besonders vielversprechende Zukunft zusammenzubauen versucht, was er auch tat, als er noch in seiner Pariser Wohnung die Fragen der HVG [= eine ungarische Wochenzeitung] beantwortete.

(Interviewerin: Ágnes Bőhm): Die Le Monde hat geschrieben, dass das, was sich heute auf dem Balkan abspielt, der erste Krieg des 21. Jahrhunderts ist. Wenn Sie damit einverstanden sind, können Sie sich fast darüber 'freuen?, einen so schönen modernen Krieg zu erleben ... [...]"

Die sich auf interaktive Verhältnisse beziehende Äußerung: "Wenn sie damit einverstanden sind [...]" hat eine Bezugsäußerung, die selbst ein (makro­anapho­rischer) Verweis auf einen propositionalen Gehalt in einem früher erschienenen Text darstellt: "Die Le Monde hat geschrieben, dass [...]". Somit handelt es sich hier um eine metakommunikative intertextuelle Verknüpfung, die im Punkt 4.2.1 näher erörtert wird.

4.1.4.3. Nachgestellt

Nachgestellte MK-Äußerungen zeugen - so (Techtmeier 2001, S. 1458) - "von der Fähigkeit des Sprechers zur ständigen begleitenden Analyse des Erfolgs bzw. Mißerfolgs der kommunikativen Interaktion."

Solche Äußerungen liegen im Falle der oben angeführten polnischen Belege Nr. 13: ("[...] - sagt der Generalsekretär der NATO, Jawier Solana [...]") bzw. Nr. 14 ("[...] - sagt Miodrag Vuković [...]") und des ungarischen Belegs Nr. 15 ("[...] als er noch in seiner Pariser Wohnung die Fragen der HVG beantwortete [...]") vor. Sie stehen jeweils nach der im Vorspann von den Interviewern reformulierten Kern­aussage, die den Beträgen des Befragten entnommen wurde.

Ferner stehen MK-Äußerungen, die zur formalen Dialogsteuerung dienen, auch in der nachgestellten Position, wie dies die oben angeführten Belege Nr. 4 und 5 (Das Interview hat X geführt und Ich danke Ihnen für das Gespräch) ver­an­schaulichen.

Wie schon die angeführten Beispiele signalisieren, finden sich die meisten Befunde für Äußerungen mit dieser Stellung im ungarischen und im polnischen Teilkorpus (s. Anhang I, Teil A: Punkt 4.3).

4.2. Vergleich makroanaphorischer MK-Äußerungen in den Beiträgen deutsch-, polnisch- und ungarischsprachiger Interviewer unter dem Aspekt der Intertextualität

Aus den Befunden der Analyse ergibt sich eindeutig, dass neben normal-anpho­ri­schen MK-Äußerungen auch die im Punkt 4 als makroanaphorisch bezeichneten, intertextuellen MK-Äußerungen in allen drei Teilkorpora präsent sind (s. Anhang I, Teil B: Punkte 1 und 2). Ihr prozentualer und zahlenmäßiger Anteil ist im unga­rischen Teilkorpus am höchsten. Im polnischen Teilkorpus sind dieselben Werte allerdings auch nicht viel niedriger, während sich die wenigsten MK-Äußerungen dieses Typs in den Beiträgen deutscher Interviewer finden. Nun besteht mein Anliegen in dem Versuch, diese Zahlen und Prozente in allen drei Teilkorpora text(sorten)linguistisch fundiert zu interpretieren.

 Eine Klassifikation intertextueller MK-Äußerungen liegt m.W. noch nicht vor. Zu Beginn der empirischen Erforschung der Metakommunikation wurden meta­kom­munikative Makroana-phora in Interviews nicht primär unter dem Aspekt der Intertextualität betrachtet, man hat sich eher mit dem Problem ihrer Legitimität be­fasst, d.h. ob sie überhaupt als Bestandteile der jeweiligen kommunikativen In­ter­aktionseinheit angesehen werden können (Schwitalla 1979, S. 140).[18] Schmit­ter und Adamzik (1982, S. 67) betonen bei makroanaphorischen Äuße­rungen ebenfalls nicht primär die Text-Text-Verknüpfungen, sondern den Umfang des The­mas (Äußerungen zur Themensteuerung, die sich auf ein "Großthema" be­ziehen). Bei Roloff (1990, S. 228) handelt es sich wohl um makroanaphorische Äußerungen, wenn die Autorin von "[d]ialogorganisierenden Phrasen und Sequen­zen" spricht, mit denen neue Themen "eingeführt werden", (z.B. "Wir wenden uns nun einem neuen Abschnitt zu"). Den intertextellen Aspekt spricht Techtmeier (2001, S. 1453) explizit an, indem sie die Funktion folgender MK-Äußerung im Gespräch: "Was du sagst, erinnert mich an den Slogan: Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben." als "thematische Bezugnahme auf eine intertextuelle Relation" bezeichnet.

Die meisten hier erwähnten Ansätze explizieren also eindeutig, dass MK-Äuße­rungen mit intertextuellen Relationen bestimmte thematische Funktion/en in der Gesprächsstruktur ausüben. Diese Einsicht lässt annehmen, dass bestimmte Rela­tionen zwischen dem jeweiligen Interviewtext und seinen durch die intertextuellen MK-Äußerungen mit ihm verbundenen Ko-Texten bei einer genaueren Bestim­mung dieser Funktionen einen wichtigen Aspekt bilden können. Hier führt wohl der Ansatz der Textsorten-Intertextualität von Klein (1991, 2000) weiter: Der Autor erweitert die von Brinker (1997) bei der Definition des Textes und der Textfunktion[19] vorgeschlagenen Kriterien zur Klassifikation der Textsorten auf handlungstheoretischer Basis u.a. um die Kategorie der Intertextualität.[20] Darunter versteht Klein (2000, S. 33) eine "funktionale Vernetzung" der Relationen zwi­schen der jeweiligen Textsorte und ihren Vor-, Parallel- und Nachtextsorten. Es liegen bis jetzt folgende zwei Interaktionsrahmen vor, in denen der Autor diese Relationen prädikatenlogisch bzw. in Form von Pfeilrelationen erfasst hat: der In­teraktionsrahmen der politischen Textsorte "Gesetz" (Klein 1991) und der Inter­aktionsrahmen der Textsorte "Folge einer TV-Soap­-Opera" (Klein 2000).

Die in meiner Untersuchung festgestellten intertextuellen metakommunikativen Relationen ähneln eher den Relationen in Kleins Interaktionsrahmen der Textsorte "Folge einer TV-Soap­-Opera". In diesem Rahmen unterscheidet er Vor-, Parallel-, Nach- und Filter-Textsorten (Klein 2000, S. 35f.):

·         Als Vor-Textsorten der oben genannten zentralen Textsorte werden hier z.B. "vorherige Folge" oder "Drehbuch" genannt, also Texte, deren Exemplare modellbildend, untergeordnet oder motivierend für die Pro­duktion der zu beschreibenden Textsorte sind.

·         Parallel-Textsorten z.B. "Werbespot", sind hier Textsorten, deren Exemplare "unter einem einheitlichen Gesichtspunkt" (ebenda, S. 36) in der gleichen Zeit mit der zentralen Textsorte produziert und /oder emit­tiert werden.

·         Nach-Textsorten: z.B. "TV-Kritiken" , "Fortsetzung", sind Textsorten, für die zentrale Textsorte eine Vor-Textsorte darstellt.

·         Filter-Textsorten: z.B. "Ankündigungstext", sind Textsorten, mit der Hauptfunktion, den Inhalt der zentralen Textsorte "in gefilterter Form, d.h. meist in einer komprimierten Reformulierung [...] wiederzugeben" (ebenda).

In Anlehnung an Kleins Ansatz kann ich auf Grund der vergleichenden Ana­lyse von intertextuellen MK-Äußerungen von Textsortennetzen folgendermaßen sprechen: Die jeweils bei einem Interview festgestellten makroanaphorischen MK-Äußerungen verbinden dieses Interview mit seinen Vor-, Parallel- oder sogar Nach-Textsorten in ein Netz. Im Mittelpunkt des jeweiligen Netzes steht die Text­sorte Presse-Interview.[21] Der Rahmen des Netzes deckt sich mit dem von mir für die kommunikative Interaktionseinheit festgestellten Rahmen: Es sind Textsorten zum Thema Kosovo-Konflikt, die meist in einem öffentlichen Medium (Fernsehen, Radio, Presse) produziert und durch dieses Medium emittiert wurden.

Für alle drei Teilkorpora ist gemeinsam, dass die jeweilige Textsorte, auf wel­che eine MK-Äußerung Bezug nimmt, selten genannt wird. Nicht dies ist hier je­doch von primärer Relevanz, sondern die thematischen Relationen, die zwischen der zentralen Textsorte und ihren Nach-Vor und Paralletexten durch MK-Äuße­run­gen hergestellt werden.

Die Verteilung der Vor-, Parallel- und Nachtextsorten ist von Teilkoprus zu Teilkorpus recht unterschiedlich. Im Folgenden werden diese Relationen mit Bei­spielen exemplifiziert und kommentiert.

4.2.1. Makroanaporische MK-Äußerungen in der Relation 'Interview - Vor-Textsorte?

Die meisten MK-Äußerungen, die die Interviews mit ihren Vor-Textsorten verbin­den, sind im ungarischen Teilkorpus vorhanden. Allein auf Grund der Zahlen und Pro­zente könnte man behaupten, dass die ungarischen Interviewer makro­ana­phorisch metakommunikativ vorwiegend auf die Vor-Textsorten verweisen. Im polnischen Teilkorpus bezieht sich etwa die Hälfte der MK-Äußrungen mit intertextuellen Relationen auf die Vor-Textsorten, während das deutschen Teil­korpus hier die wenigsten Belege aufweist (s. Anhang I, Teil B: Punkt 1.1).

Die Funktion der makroanaphorischen MK-Äußerungen lässt sich - für jedes Teilkorpus - generell folgendermaßen beschreiben: Sie betten das jeweilige Inter­view in seiner Vorgeschichte (in der/den Vor-Textsorte/n) ein und unterstützen die Entnahme der zu diskutierenden Themenschwerpunkte für das Interview aus dieser Vorgeschichte.

Im Einzelnen habe ich MK-Äußerungen mit zwei Funktionen erschlossen:

4.1.2.1.     Metakommunikative Unterstützung des thematischen Einstiegs in das Interview:

Im folgenden ungarischen Beleg bilden die aus den hier als Nachrichten ge­nann­ten Vor-Textsorten stammenden Informationen die Grundlage für die Frage, den dem Befragten gestellt wird:

16.

(Hauptüberschrift): " 'Itt vagyunk és itt maradunk?

(Interviewer: András Németh): [...] Az utóbbi napokban olyan hírek terjedtek el, hogy a vajdasági magyarok menekülésre készülnek, mert egyre gyakrabban érik õket támadások, s nem a NATO részérõl. Mi az igazság mindebből?

(Befragter: László Józsa): Máig egyetlen komoly támadás történt [...]"

(HVG vom 17. April 1999; Nr. 9 im Korpus)

dt.:

(Hauptüberschrift): " 'Hier sind wir und wir bleiben hier?

(Interviewer: András Németh): [...] In den letzten Tagen haben sich Nachrichten verbreitet, laut derer die Ungarn in der Wojwodina sich auf die Flucht vorbereiten, weil sie immer häufiger angegriffen werden, und dies nicht von der Seite der Nato. Was stimmt von all dem?

(Befragter: László Józsa): Bis heute ist ein einziger Angriff passiert [...]"

Dies ist ein Einstieg mit einem allgemein-informativen Charakter. Der Befragte wird persönlich/direkt nicht angegangen. Es wird ihm mit dieser Frage: "Was alles kann daran stimmen" sogar Freiraum gestellt, dieser Frage auszuweichen. Im Kon­trast dazu werden von polnischen Interviewern Fragen mit derselben meta­kommu­nikativen Funktion viel direkter und persönlicher formuliert:

17.

(Hauptüberschrift): "Wszystko zaczynam od zera

(Interviewerin: Miłada Jędrysik): [...] W pierwszych dniach nalotów NATO błędnie podało, że został Pan zamordowany przez serbskie bojówki. Jak czuje się człowiek, który został uznany za zmarłego?

(Befragter: Baton Haxhiu): Gdy ukrywałem się w piwnicy w Prisztinie, naprawdę miałem uczucie, że umarłem. [...]"

(Gazeta Wyborcza vom 21. Mai 1999; Nr. 22 im Korpus)

dt.:

(Hauptüberschrift): "Ich fange alles vom Nullpunkt an

(Interviewerin: Miłada Jędrysik): [...] In den ersten Tagen der Luftanschläge hat die Nato fälschlicherweise angegeben, dass Sie von serbischen Kampftruppen ermordet wurden. Wie fühlt sich jemand, der für tot erklärt wurde?

(Befragter: Baton Haxhiu): Als ich mich in Pristina in einem Keller versteckte, hatte ich tatsächlich das Gefühl, als wäre ich tot. [...]"

Im Unterschied zum deutschen und polnischen Teilkorpus kommt in den Beiträgen der ungarischen Interviewer nur selten vor, dass der Befragte mittels eines makroanaphorischen metakommunikativen Verweises mit der Vor-Textsorte kon­frontiert wird: Ein Beispiel dafür stellt allerdings die MK-Äußerung im vorhin zitierten Beleg Nr. 15: Die Le Monde hat geschrieben, dass [...]" dar.

4.1.2.2.Metakommunikative Ünterstützung des Themenwechsels:

Ein typisches Beispiel für diese Funktion der MK-Äußerungen im ungarischen Teilkorpus stellt der nächste Beleg dar:

18.

(Hauptüberschrift): keine

(Interviewer: Bedõ Iván): "[...] Belgrádban tárgyalt Milosevics jugoszláv elnök és Ibrahim Rugova koszovói albán vezető. A jugoszláv televizió és rádió szerint mindketten kijelentették: a válságot kizárólag politikai eszközökkel lehet megoldani.

(Befragter: Kozma Imre): Nem lehet komolyan venni ezt a találkozást, hiszen eddig is megadott a lehetőség arra, hogy tárgyaljanak egymással. [...]"

(168 óra vom 08. April 1999; Nr. 5 im Korpus)

dt.:

(Hauptüberschrift): keine

(Interviewer: Iván Bedõ): "[...] In Belgrad haben der jugoslawische Präsident Milo¹ević und Ibrahim Rugova, albanischer Führer im Kosovo, miteinander verhandelt. Laut des jugoslawischen Fernsehens und Radios haben beide erklärt: Die Krise kann ausschließlich mit politischen Mitteln gelöst werden.

(Befragter: Imre Kozma ): Dieses Treffen kann nicht ernst genommen werden; bis jetzt haben sich auch schon Möglichkeiten ergeben, miteinander zu verhandeln. [...]"

Für das ungarische Teilkorpus ist dieses Beispiel typisch, insofern als hier wie in vielen anderen Beiträgen die aus den Vor-Textsorten stammenden Sachverhalte dem Befragten fast narrativ mitgeteilt werden. Er wird nicht einmal mit einer Frage des Interviewers konfrontiert: Der Beitrag des Interviewers hat ja eine Aussa­ge­form.

Im Kontrast dazu haben die metakommunikativ-intertextuell unterstützten The­menübergänge im polnischen Teilkorpus einen konfrontativen Charakter: Der Be­fragte wird mit seinen eigenen Worten konfrontiert, welche der Vor-Textsorte (hier ebenfalls ein Interview) entnommen wurden:

19.

(Hauptüberschrift): "Rosja współodpowiedzialna

(Interviewer:Krzysztof Skowroński): [...] W jednym z wczorajszych wywiadów Pan prezydent powiedział, że współwinna temu, że doszło do ataku na Jugosławię jest Rosja.

(Befragter: Aleksander Kwaśniewski): Nie, nie. Ja powiedziałem, że jest współodpowiedzialna. [...]"

(Gazeta Wyborcza vom 27.-28. März 1999; Nr. 3 im Korpus)

dt.:

  (Hauptüberschrift): "Russland mitverantwortlich

(Interviewer:Krzysztof Skowroński): [...] In einem der gestrigen Interviews hat Herr Präsident gesagt, dass Russland die Mitschuld daran trägt, dass es zu einem Angriff auf Jugoslawien gekommen ist.

(Befragter: Aleksander Kwa¶niewski): Nein, nein. Ich habe gesagt, dass es mitverantwortlich ist. [...]"

Die makroanaphorischen Verweise auf Vor-Textsorten bilden sogar schon bei dieser Funktion Teile der Techniken des 'widersprechens' im Sinne von Spranz-Fogasy (1986), die ich als Argumentationstrategien von im Rahmen einer an dem­selben Korpus durchgeführten Untersuchung analysiert habe (vgl. dazu Punkt 4.2.2.3). Im folgenden polnischen Beleg bildet die MK-Äußerung einen Teil der Technik Gegenbehauptung.[22]

20.

(Hauptüberschrift): "Musimy przegrać tę wojnę

(Befragter: Stojan Cerovic): [...] Boję się, że Zachód zacznie negocjować z Miloszeviciem. Bo uwierzy, że może on być partnerem.

(Interviewer: Paweł Smoleński, Gegenbehauptung): Przecież premier Blair sugerował publicznie, że Miloszević powinien stanąć przed Międzynarodowym Trybunałem w Hadze. [...]"

(Gazeta Wyborcza vom 17.-18.. April 1999; Nr. 10 im Korpus)

dt.:

(Hauptüberschrift): "Wir müssen diesen Krieg verlieren

(Befragter: Stojan Cerovic): [...] Ich fürchte, dasss der Westen mit Milo¹ević zu verhandeln beginnt. Denn der [= der Westen] wird glauben, dass Milo¹ević ein Partner sein kann.

(Interviewer: Paweł Smoleński, Gegenbehauptung): Aber Premier Blair hat öffentlich suggeriert, dass Milo¹ević vor das Haager UN-Tribunal gestellt werden soll. [...]"

Im unten stehenden deutschen Beleg verweist der Interviewer durch einen di­rekten makro-anaphorischen Hinweis auf eine fremde Aussage aus der Vor-Text­sorte und verbindet diesen Hinweis mit einer direkten metakommunikativ gerich­te­ten Frage an den Befragten:

21.

(Hauptüberschrift): "Zur Not auch Bodentruppen

(Interviewer:Matthias Geis): [...] Der ungarische Schriftsteller Imre Kertész hat erklärt, der Krieg könne eine einigende europäische Idee schaffen. Teilen Sie diese Auffassung?

(Befragter: Danie Cohn-Bendit): Es ist umgekehrt. Dieser Krieg beweist, daß Europa nicht nur der Euro ist, die Butter und das Rindfleisch. Europa ist eine Idee von Zusammenleben und Menschenrechten. [...]"

(Die Zeit vom 20. Mai 1999; Nr. 25 im Korpus)

Unter den wenigen Belegen für makroanaphorische metakommunikative Verweise auf die Vor-Textsorten dienen im deutschen Teilkorpus fast alle Belege einer Konfrontation des Befragten entweder mit seinen eigenen Worten oder mit fremden Aussagen: Der unter Punkt 4.1.2.2 im Beleg Nr. 7 zitierte Vorwurf des In­terviewers "Sie haben sich damals vehement gegen eine deutsche Beteiligung an der UN-Friedenstruppe ausgesprochen. [...]" ist ebenfalls eine solche Konfron­tation.

4.2.2. Makroanaporische MK-Äußerungen in der Relation Interview - Parallel-Textsorte

Bei der insgesamt niedrigen Anzahl der makroanaphorischen MK-Äußerungen im deutschen Teilkorpus wirken die hohe Anzahl der Belege und der prozentuale An­teil für makroanaphorische MK-Äußerungen mit dem Bezug auf Parallel-Textsor­ten in diesem Korpus überraschend (s. Anhang I, Teil B, Punkt: 1.2): Diese Werte sind hier sogar im Vergleich zum polnischen und ungarischen Korpus noch deut­lich höher. Allein auf Grund der Zahlen lässt sich die Schlussfolgerung ziehen, dass die deutschen Interviewer ihre Beiträge am häufigsten mit metakommunikativ verbundenen Informationen aus den Parallel-Texsorten unterstützen, während dies die polnischen Interviewer in weniger als die Hälfte der Fälle und die ungarischen noch seltener, in etwa einem Drittel der Fälle tun.

Die von mir auf der Basis der Beleglage in allen drei Teilkorpora erschlossene thematische Funktion lässt sich allgemein bezeichnen als eine intertextuelle Bezug­nahme auf Ereignisse, die zu denen in dem jeweiligen Interview thematisierten sozusagen gleich laufen und auf Sachverhalte, die genauso aktuell sind wie die im Interviewtext, referieren. Im Einzelnen lassen sich folgende vier Funktionen - wie bei MK-Äußerungen mit der Relation zu den Vor-Textsorten - unterscheiden:

·         Metakommunikative Unterstützung des thematischen Einstiegs,

·         Metakommunikative Unterstützung der Themenerweiterung im Interviewtext,

·         Metakommunikative Unterstützung des Themenwechsels,

·           Metakommunikative Unterstützung der Techniken des 'Widersprechens? im Interview.

4.1.2.3.     Metakommunikative Unterstützung des thematischen Einstiegs

Im folgenden deutschen Beleg wird der Befragte mit zwei entgegengesetzten Mei­nungen konfrontiert:

22.

(Hauptüberschrift): " 'Politisch und Moralisch hat die Nato verloren?

(Interviewer:Die Welt): [...] Die Nato bombardiert Jugoslawien, um, wie sie sagt, eine menschliche Tragödie im Kosovo zu verhindern. In Rußland wird das eine Aggression genannt. Wie sehen Sie das?

(Befragter: Michail Gorbatschow): [...] und so sehe ich das, man hat sich das Recht auf Verurteilung und Vollstreckung zugleich angeeignet. Und das geht über den Rahmen dieses Konfliktes weit hinaus.

[...]"

(Die Welt vom 11. Mai 1999; Nr. 22 im Korpus)

Dem Befragten im unten stehenden polnischen Beleg werden sogar mehrere Po­sitionen gegenübergestellt, was sich auf den Grad seiner Responsivität[23] deutlich auswirkt:

23.

(Hauptüberschrift): "NATO zaczęło. Nie chce kończyć

(Interviewer: Jacek Pawlicki): [...] Włosi mówią - przerwijmy naloty, Brytyjczycy - wejdźmy do Kosowa. Czy ku uciesze Miloczewicia jedność NATO nie zaczyna pękać?

(Befragter: James Lyon): Podziały są oczywiste. Włosi i Grecy są przeciw siłowej opozycji lądowej. Amerykanie popierają tylko naloty [...] Brytyjczycy jako jedyni chyba mówią, że jeśli coś robimy, to róbmy to właściwie.

(Interviewer: Jacek Pawlicki): Dlatego szef brytyjskiej dyplomacji Robin Cook mówi o możliwości wkroczenia do Kosowa. [...]"

(Gazeta Wyborcza vom 19. Mai 1999; Nr. 19 im Korpus)

dt.:

(Hauptüberschrift): "Die Nato hat angefangen und will nicht beenden

(Interviewer: Jacek Pawlicki): [...] Die Italiener sagen - hören wir mit den Luftanschlägen auf, die Briten - marschieren wir ins Kosovo ein. Beginnt die Einheitlichkeit der Nato - zu Milo¹evićs Freude - nicht zusammenzubrechen?

(Befragter: James Lyon): Die Teilungen (= Meinungsverschiedenheiten) sind evident. Die Italiener und die Griechen sind gegen den Einsatz der Bodentruppen. Die Amerikaner unterstützen nur die Luftanschläge [...] Die Briten - als die einzigen - sagen, wenn wir was tun, dann sollen wir das auch richtig tun.

(Interviewer: Jacek Pawlicki): Daher spricht der Chef der biritschen Diplomatie über eine Möglichkeit des Einsatzes der Bodentruppen im Kosovo. [...]"

4.1.2.4.     Metakommunikative Unterstützung der Themenerweiterung im Interviewtext

Unter dieser Funktion verstehe ich die Erweiterung des Interview-Gesprächs um neue Aspekte, wie dies im folgenden deutschen Beleg der Fall ist:

24.

(Hauptüberschrift): " 'Eine Katastrophe ohne Ende?

(Befragter: Vuk Dra¹ković): Die Nato-Bomben sind schuld an dem Haß, der sich auf serbischer Seite aufgestaut hat. Man erblickt in den Albanern die Hauptververantwortlichen für das Unglück. Aber nach dem Krieg werden beide Seiten begreifen, daß sie gemeinsam Opfer einer schrecklichen, kriminellen Nato-Strategie geworden sind.

(Interviewerin: Renate Flottau): Die Nato behauptet, Beweise für Massen­exeku­tionen an Albanern zu haben, die Serben sollen Konzentrationslater errichtzen und alba­ni­sche Frauen in großer Zahl zu vergewaltigen. [...]"?

(Der Spiegel vom 03. Mai 1999; Nr. 19 im Korpus)

Eine ähnliche Funktion hat die MK-Äußerung: "Daher spricht der Chef der biritschen Diplomatie über eine Möglichkeit des Einsatzes der Bodentruppen im Kosovo. [...]" im vorhin angeführten polnischen Beleg Nr. 23:

4.1.2.5.     Metakommunikative Unterstützung der Techniken des 'widersprechens' im Interview:

In meiner Vorstudie zu argumentativen Strukturen in den Interviewbeiträgen (vgl. Drewnowska-Vargáné im Druck b) habe ich die meisten Techniken des 'widersprechens? im deutschen Teilkorpus festgestellt. Den zweiten Platz nimmt in dieser Hinsicht das polnische Teilkorpus ein, während sich in den Beiträgen der un­garischen Interviewer die weitaus wenigsten Techniken als argumentative Stra­tegien finden. Jene Befunde dürften die verhältnismäßig hohe Anzahl der makro­anaphorischen metakommunikativen Verweise auf die Parallel-Textsorten im deut­schen und auch im polnischen Teilkorpus - im Unterschied zu der niedrigen An­zahl im ungarischen Teilkorpus - erklären: Die deutschen und die polnischen In­terviewer unterstützen ihre argumentativen Strategien metakommunikativ.

Der folgende deutsche Beleg illustriert beispielsweise, wie die Technik der in­di­rekten Gegen-einschätzung[24] durch eine makroanaphorische MK-Äußerung unter­stützt wird:

25.

(Hauptüberschrift): "'Es gibt keine Planung für den Einsatz von Bodentruppen?

(Befragter: Rudolf Scharping; BÄ): "[...] Frieden und Aussöhnung brauchen Zeit. Und sie brauchen eine feste Grundlage, an der Europa mitarbeiten muß, damit nach dem Ende militärischer Maßnahmen mehr entsteht als Gewaltfreiheit - nämlich tatsächlich stabiler Frieden.

(Interviewer: Nikolaus Blome; 'Gegeneinschätzung'): Es mehren sich die Stimmen, die genau das in Frage stellen. [...]"

(Die Welt vom 30. März 1999; Nr. 3 im Korpus)

Im folgenden polnischen Beleg verfügt die metakommunikative Unterstützung über einen komplexeren Charakter, indem die eine makroanaphorische Äußerung einen Teil des Topos (Ursache-Wirkung) bildet und die andere die Technik der Be­rufung unterstützt:[25]

26.

(Hauptüberschrift): "Gibt es den gerechten Frieden?

(Interviewer: Thomas Asheuer): Konservative Intellektuelle sagen, [Ursache:] der Westen sei einem fatalen Irrtum aufgesessen. [Wirkung:] In seinem Glauben an die multikulturelle Gesellschaft habe er übersehen, dass im Kosovo blutig, aber doch irgendwie natürlich ein Nationalstaat entsteht.

(Befragter: Avishai Margalit): Was für ein fürchterliches Argument. Das ist ja blanker Darwinismus.

(Interviewer: Thomas Asheuer, Berufung): Andere sagen, der Westen rufe Moral, wolle aber kein Blut vergießen... [...]"

(Die Zeit vom 10. Juni 1999; Nr. 29 im Korpus)

4.1.2.6. Metakommunikative Unterstützung des Themenwechsels

Die folgende polnische MK-Äußerung hat eine doppelte Funktion: Sie unter­stützt zugleich den thematischen Übergang und die Technik der Berufung:

27

(Hauptüberschrift): "Musimy przegrać tę wojnę

(Befragter: Stojan Cerovic): [...] Miloszevic może być dla Zachodu bardziej wygodny niż nieprzewidywalna Serbia [...] Wtedy zostawią go, tak, jak oszczędzili Saddama.

(Interviewer: Paweł Smoleński, Berufung): Lecz Serbia twierdzi a na Zachodzie potwierdza to wielu ekspertów, że inwazja lądowa zgotuje NATO nowy Wietnam. [...]"

(Gazeta Wyborcza vom 17.-18.. April 1999; Nr. 10 im Korpus)

dt.:

(Hauptüberschrift): "Wir müssen diesen Krieg verlieren

(Befragter: Stojan Cerovic): [...]Milo¹ević kann für den Westen bequemer sein als das unberechen-bare Serbien [...] Dann lassen sie ihn in Ruhe, so wie sie den Saddam verschont haben.

(Interviewer: Paweł Smoleński, Berufung): Aber Serbien behauptet, und im Westen bestätigen dies viele Experten, dass die Invasion der Bodentruppen der Nato ein neues Vietnam entfesseln kann. [...]"

Unter den wenigen Belegen für metakommunikative Verweise auf Parallel-Text­sorten im ungarischen Teilkorpus stellt dieser ein relativ seltenes Beispiel dar, in­dem der Befragte mit anderen Positionen bei einem thematischen Übergang meta­kommunikativ konfrontiert wird:

28.

(die Interviewerin: Orbán Györgyi): "[...] A Daily Telegraph azt állítja: nagy diplomáciai nyomás nehezedik majd Magyarországra, hogy NATO-katonákat engedjen a területére.

(der Befragte: Horváth János): "[...] Tudomásul kell vennünk, hogy egy katonai szövetség tagjai vagyunk, és nem lehetünk egyszerre kint is, bent is. [...]"

(168 óra vom 29. April 1999; Nr. 12 im Korpus)

dt.:

(die Interviewerin: Györgyi Orbán): "[...] Daily Telegraph behauptet, dass ein großer diplomati-scher Druck auf Ungarn ausgeübt wird, damit es die NATO-Soldaten auf sein Gebiet einmarschieren lässt.

(der Befragte: János Horváth): "[...] Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass wir Mitglieder eines militärischen Bündnisses sind, und dass wir auf einmal innen und außen nicht sein können [...]"

4.2.2. Makroanaporische MK-Äußerungen in der Relation Interview - Nach-Textsorte

In dieser Relation kommen die wenigsten MK-Äußerungen vor (s. Anhang I, Teil B, Punkt: 1.3). Über die verhältnismäßig höchste Anzahl an Belegen verfügt das polnische Korpus. Eine interessante intertextuelle Vernetzung besteht im folgenden polnischen Vorspann: Die MK-Äußerungen verbinden den danachfolgenden ver­schriftlichten Dialog mit Texten, die für den Zusammenhang der im Vorspann dar­gestellten Geschichte einen Hintergrund bilden. Das Kuriose dabei ist, dass die mei­sten Bezugsäußerungen nach der Durchführung des Interviews produziert wurden:

29.

(Hauptüberschrift): "Broń przy skroni

(Untertitel): Nie publikowany wywiad z Fehmim Aganim, niedawno zastrzelonym współpracow-nikiem Ibrahima Rugowy

(Vorspann): [...] Już 29 marca br. źródła NATO poinformowały, że Agani nie żyje, ale tamta wiadomość okazała się nieprawdziwa. Polityk [...] wyruszył pociągiem do Macedonii. Jak twierdzą świadkowie, z pociągu wyciągnęli go serbscy policjanci. Po dwóch dniach jego ciało znaleziono w okolicach wsi Lipjan. Serbowie twierdzą, że albański działacz został zamordowany przez UCK [...] Z Femim Aganim Reporter 'Polityki' rozmawiał w kwietniu 1998 [...]"

(Polityka vom 22. Mai 1999; Nr. 23 im Korpus)

dt.:

(Hauptüberschrift): "Die Waffe an der Schläfe

(Untertitel): Ein nicht publiziertes Interview mit Fehmi Agani, dem unlängst erschossenen Mitarbeiter von Ibrahim Rugova

(Vorspann): [...] Schon am 29. März 1999 haben die Informationsquellen der NATO mitgeteilt, dass Agani tot ist, aber jene Nachricht erwies sich als falsch. Der Politiker [...] machte sich mit dem Zug auf den Weg nach Mazedonien. Wie die Augenzeugen behaupten, zerrten ihn serbische Polizisten aus dem Zug. Nach zwei Tagen fand man seine Leiche in der Gegend des Dorfes Lipjan. Die Serben behaupten, dass der albanische Politiker von der UCK ermordet wurde [...] Mit Fehmi Agani sprach der Reporter der 'Politik'* im April 1998 [...]"

*polnischsprachiges Wochenmagazin

5. Zusammenfassung und Ausblick

Die eingangs gestellte Hypothese, nach der im Gebrauch der MK-Äußerungen von Teilkorpus zu Teilkorpus Kontraste nachweisbar sind, dürfte durch die Befunde der durchgeführten Analyse bestätigt sein. Im Folgenden werden diese Kontraste sowohl in textsortenspezifischer als auch in textsortenübergreifender Hinsicht[26] zusammengefasst.

5.1.  Kontraste im Gebrauch der MK-Äußerugen in textsortenspezifischer Hinsicht

Bei der Textsorte Meinungsinterview erweist sich der metakommunikative Haus­halt der deutschsprachigen Mehrfachautoren im Vergleich zu dem der polnisch- und ungarisch-sprachigen am bescheidendsten: Darauf deutet die niedrigste Ge­samtzahl sowohl der normal- als auch der makroanaphorischen MK-Äußerungen in diesem Teilkorpus hin, während sich das ungarische Teilkorpus durch die weitaus höchste Gesamtzahl sowohl der normal- als auch der makroanaphorischen MK-Äußerungen auszeichnet. Dies zeugt - insbesondere im Kontrast zu den deutschen In­terviews - von einem reichen metakommunikativen Haushalt der ungarischen Inter­viewautoren. Die Gesamtzahl der normalanaphorischen MK-Äußerungen betreffend, verhält sich das polnische Teilkorpus im Mittelfeld, aber die Beleg­zahlen für die makroanaphorischen MK-Äußerungen sind dort fast so hoch ist wie im ungarischen Teilkorpus (s. Anhang I, Teile A und B).

 Während die meisten normalanaphorischen MK-Äußerungen in den deutschen und polnischen Teilkorpora monofunktional (verständnisstützend) sind, sind die meisten normal-anaphorischen Äußerungen im ungarischen Teilkorpus poly­funk­tional (verständnisstützend und dialogsteuernd). Ferner finden sich in den deut­schen Interviews im Vergleich zu den zwei anderen Teilkorpora die relativ meisten akzeptanzstützenden Äußerungen und im polnischen Teilkorpus die meisten Äuße­rungen mit der dialogsteuernden Funktion. Inwiefern diese so unterschiedlichen Funk­tionen mit der Stellung der MK-Äußerungen zusammenhängen, wurde in Punkten 4.1.4.1. -4.1.4.3. erörtert.

Den Charakter der normalanaphorichen MK-Äußerungen prägen im deutschen Teilkorpus deutlich mehr bewertende Äußerungen als in den zwei anderen Teil­kor­pora. Dafür aber bedienen sich die deutschen Interviewer viel seltener publikums­adressierter Äußerungen als die polnischen und insbesondere die ungarischen Mehr­fachautoren. Dies lässt die Schlussfolgerung zu, dass die deutschen Inter­viewautoren - im Unterschied zu den ungarischen und auch zu den polnischen - viel mehr die kommunikative Interaktion zwischen den Interviewpaertnern expo­nieren als zwischen den Interviewautoren und dem Leserpublikum. Als ein weite­rer textsortenspezifischer Kontrast gilt wohl die relativ höchste Anzahl der forcie­renden Äußerungen im ungarischen Teilkorpus im Vergleich zu den raren Belegen in den zwei anderen Teilkorpora.

In Bezug auf die makroanaphorischen MK-Äußerungen, lässt sich ein deutli­cher Unterschied zwischen dem deutschen und dem polnischen Teilkorpus einer­seits und dem ungarischen andererseits nachweisen: Während die deutschen und polnischen Interviewmacher die Äktualität der im Interview thematisierten Sach­verhalte und Ereignisse durch die meisten bzw. durch relativ viele Verweise auf die Parallel-Textsorten hervorheben, verweisen die Autoren der ungarischen Diskurs­gemeinschaft auf vorwiegend auf die Vor-Textsorten (s. Anhang I, Teil B). Im Resultat wirken die MK-Äußerungen in deutschen und polnischen Interviews eher konfrontierend-argumentativ (z.B. auch durch die Unterstützung der Techniken des 'widersprechens?), während sie im ungarischen Teilkorpus einen kommen­tierend-narrativen Charakter haben. Als ein Kuriosum gilt für das polnische Korpus die Präsenz der Verweise auf Nach-Textsorten.

5.2. Textsortenübergreifende Tendenzen im Gebrauch der makroanaphorischen MK-Äußerungen

Um für jede der drei journalistischen Diskursgemeinschaften spezifische text­sor­ten­übergreifende Tendenzen im Gebrauch der makroanaphorischen MK-Äuße­rungen nachzuweisen, ziehe ich einen Vergleich zu den Befunden der früher durch­geführten Analysen der Metakommunikation in den Textsorten Leserbrief und harte Nachricht (s. Anhang II): Die im Falle der deutschen und auch der polni­schen Interviews festgestellte Tendenz, die im Interview laufende Kommunikation mit Hilfe der makroanaphorischen Äußerungen mit Parallel-Textsorten zu verbin­den, zeigt sich auch bei zwei anderen Textsorten - im polnischen Korpus sogar noch deutlicher als im deutschen. Doch für die beiden Diskursgemeinschaften gilt, dass diese Tendenz in der Textsorte Interview am deutlichsten ausgeprägt ist.

Demgegenüber werweisen die MK-Äußerungen der ungarischsprachigen journa­lis­tischen Diskursgemeinschaft in allen drei Textsorten - auch prozentual be­trachtet - am häufigsten auf die Vor-Textsorten.


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Anhang: Befunde der durchgeführten Untersuchung

I. Interview: normal- und makroanaphorische MK-Äußerungen im textsortenspezifischen Vergleich

Deutsch Polnisch Ungarisch

A Intratextuelle metakommunikative Äußerungen (= MK-Äußerungen) - Normalanaphora bzw. -kataphora

1. Prozentualer Anteil der MK-Äußerungen in der Gesamtzahl der Beiträge der Interviewer

 17% 26,5% 37%

gerechnet auf Grund Gesamtzahl der MK-Äußerungen in den Beiträgen der Interviewer : 

 72 92 124

im Verhältnis zur Gesamtzahl der Beiträge der Interviewer

 422 347 335

 (= 411 + 11) (= 321 + 26) (= 305 + 30) 

2. Funktion der MK-Äußerungen

2.1. Monofunktionale MK-Äußerungen

2.1.1. Verständnissichernd:

 32 (zu 72 = 44,5%) 34 (zu 92 = 37 %) 44 (zu 124 = 35,5%)

2.1.2. Akzeptanzstützend:

  2 ( zu 72 = 2,7%) 1 (zu 92 = 1, 1%) 1 (zu 124 = 0,8%)

2.1.3. Dialogsteuernd:

 14 (zu 72 = 19,4%) 29 (zu 92 = 31,5%) 12 (zu 124 = 9,7%)

2.2. Polyfunktionale MK-Äußerungen:

2.2.1. Verständnissichernd und dialogsteuernd:

 18 ( zu 72 = 25%) 23 (zu 92 = 25%) 63 (zu 124 = 51,5%)

2.2.2. Verständnissichernd und akzeptanzstützend:

 6 ( zu 72 = 8,3%) 4 (zu 92 = 4,3%) 4 (zu 124 = 3,2%)

2.2.3. Akzeptanzstützend, dialogsteuernd und verständnissichernd:

 - 1 (zu 92 = 1, 1%) -

3. Charakter der mono- und polyfunktionaler MK-Äußerungen

3.1. Forcierend:

 2 ( zu 72 = 2,7%) 1 (zu 92 = 1, 1%) 7 (zu 124 = 5,6 %)

3.2. Bewertend:

 11 (zu 72 = 15,3%) 5 ( zu 92 = 5,4%) 8 (zu 124 = 6, 5%) 

3.3. Publikumsadressiert:

 30 (zu 72 = 42%) 48 (zu 92 = 52%) 71 (zu 124 = 57 %) 

4. Stellung der MK-Äußerungen in der Gesprächsstruktur:

4.1. Vorgestellt:

 37 (zu 72 = 51%) 23 ( zu 92= 25%) 37 (zu 124 = 30%)

4.2. Zwischengestellt:

 25 (zu 72 = 35%) 37 ( zu 92 = 40,2%) 47 (zu 124 = 38%)

4.3. Nachgestellt:

 10 (zu 72 = 13,9%) 32 ( zu 92 = 35%) 40 (zu 124 = 32,2%)

Deutsch Polnisch Ungarisch

B Intertextuelle MK-Äußerungen - Makroanaphora

4.Gesamtzahl der Befunde:

 34 56 61

4.1.In Vor-Textsorten: 

  9 (zu 34= 26,5%) 28 (zu 56= 50%) 49 (zu 61 = 80, 3%)

1.2. In Parallel-Textsorten:

 24 (zu 34 = 70, 6%) 22 (zu 56 = 39%) 12 (zu 61 = 19, 7%)

1.3. In Nach-Textsorten:

 1 (zu 34 = 2,9%) 6 (zu 56 = 10, 7%) -

2. Prozentualer Anteil der MK-Äußerungen in der Gesamtzahl der Beiträge der Interviewer

gerechnet auf Grund Gesamtzahl der MK-Äußerungen in den Beiträgen der Interviewer im Verhältnis zur Gesamtzahl der Beiträge der Interviewer

  8% 16,1% 18,2%

(=34 zu 422 ) (= 56 zu 347) (= 61 zu 335)

II. Intertextueller Vergleich der makroanaphorischen MK-Äußerungen in Leserbriefen, harten Nachrichten und Interviews (s. Anhang I, B)

Leserbriefe

Deutsch: Polnisch: Ungarisch

1. Gesamtzahl der MK-Äußerungen:

 19  55 41

(in 16 Briefen) (in 35 Briefen)  (in 25 Briefen)

2. Prozentualer Anteil der makroanaphorischen Verweise im Verhältnis zur Gesamtzahl der MK-Äußerungen

  13 (zu 19= 68%) 40 (zu 55= 68%) 28 (zu 41=72%) 

4.1.In Vor-Textsorten:

 5 (zu 13= 38,5%) 14 (zu 40 = 35%) 19 (zu 28 = 67,8%)

4.2.In Parallel-Textsorten:

 8 (zu 13 = 61,5%) 26 (zu 40 = 65%) 9 (zu 28 = 32%)

4.3.In Nach- Textsorten

  -  - - 

harte Nachrichten

 Deutsch: Polnisch: Ungarisch:

1. Gesamtzahl der makroanaphorischen MK-Äußerungen (in jedem Korpus 100%):

 268 279 256

1.1. In Vor-Textsorten:

 241 (zu 268= 89,9%) 228 (zu 279 = 81,7%) 235 (zu 256 = 91,7%))

1.2. In Parallel-Textsorten:

  26 (zu 268 = 9,7%) 46 (zu 279 = 16,5%)) 18 (zu 256 = 7%) )

1.3. In Nach- Textsorten

  1 (zu 268 =0, 4%)  5 (zu 279 = 1,7%)  3 (zu 256 = 1,2%)



[1] Das Zitat stammt aus einem Presse-Interview von Gergely Varga in der ungarischen Wochenzeitung 168 óra vom 20. Mai 1999.

[2] Auf den sprachphilosophischen Hintergrund der Metakommunikation bin ich in einem anderen Beitrag näher eingegangen (s. Drewnowska-Vargáné im Druck c).

[3] Unter tertium comparationis verstehe ich mit Krause (2000, S. 60) eine übereinzel­sprach­liche Größe, zu der komparable Erscheinungen aus zwei oder mehreren Sprachen "kon­frontierend in Bezug gesetzt werden".

[4] Der vorliegende Aufsatz stellt einen Teilbereich eines umfangreicheren Forschungs­pro­jektes vor. Im Rahmen dieses Projektes werden sowohl monologische als auch dialo­gi­sche deutsch-, polnisch- und ungarischsprachige Textsorten der Presse im Hinblick auf kom­munikationskulturspezifisch bedingte Kontraste untersucht. Über die festgestellten Kontraste hinaus, die in der jeweiligen journalistischen Diskursgemeinschaft (ein Terminus von mir s. Drewnowska-Vargáné 2001) einen textsortenspezifischen Cha­rak­ter aufweisen, bin ich um Herausarbeitung von textsortenübergreifenden Tendenzen bemüht, die für die Kommunikationskultur in jeder der drei journalistischen Diskurs­gemeinschaften kennzeichnend sind und die jeweils von den zwei anderen unterscheiden.

  [5] Das Korpus besteht aus 90 Meinungsinterviews (jeweils 30 pro Sprachkorpus). Alle In­ter­views wurden je drei deutsch-, polnisch- und ungarischsprachigen Tages- und Wochen­zeitungen sowie Wochenmagazinen (dt.: "Die Welt", "Die Zeit", "Der Spiegel"; poln.: "Gazeta Wyborcza", "Polityka", "Przekrój"; ung.: "Magyar Hírlap", "168 óra", "HVG") entnommen und befassen sich mit dem übergreifenden Thema: Kosovo-Konflikt. Das ganze Korpus stammt aus dem Zeitraum vom 24. März 1999 (also vom Beginn der Nato-Luftangriffe auf Jugoslawien) bis zum 10. Juni 1999, dem Tag, an dem der UN-Sicher­heitsrat eine Resolution zur Entsendung einer internationalen Friedenstruppe (Kfor) ins Kosovo verabschiedet hat - nach dem offiziellen Ende des Krieges, das mit dem Abkom­men von Kumanovo am 9. Juni 1999 besiegelt wurde. Ferner befinden sich in jedem Sprach­korpus je ein bzw. zwei Interviews, die zeitlich einige Monate nach dem offiziellen Ende des Konflikts entstanden sind.

[6] Den Terminus Kulturkomponente übernehme ich von Krause (2000, S. 50), der ihn als eine Wiederspiegelung von Elementen "der nationalen Kultur und Psychologie, aber auch der in der jeweiligen Gesellschaft [hier: in der jeweiligen Diskursgemeinschaft] obwalten­den politischen, ideologischen und ökonomischen Verhältnisse" versteht. Nach seinem - der kontrastiven Textsortenforschung verpflichteten - Ansatz bildet die Kulturkom­ponen­te eines der relevantesten kommunikativen Merkmale der Textsorten.

[7] Die Begriffe Normal- und Makroanaphora verwende ich im Sinne von Canisius (1996, S. 88), der unter den ersteren "satzverbindende Anaphora" [desselben Textes] und unter den letzteren "textverbindende Anaphora" versteht. Ferner gebrauche ich den Terminus Ana­phora als Oberbegriff für Links- und Rechtsverweise im Text.

[8] Die Grenzen der kommunikativen Interaktionseinheit sind immer von den für diese Ein­heit annehmbaren - von Ansatz zu Ansatz unterschiedlichen - Kriterien aghängig (vgl. Meyer-Hermann 1978, S. 125-129; Schwitalla 1979, S. 140; Schmitter und Adam­zik 1982, S. 62; Techtmeier 1984, S. 126-131 und 2001, S. 1452).

[9] Diese Klassifikation der Grundfunktionen stellt die Autorin im Sinne der Konzeption der Handlungsstruktur des Textes von Brandt und Rosengren (1991) auf: Die Hand­lungs­struktur bei sowohl dialogischen als auch monologischen Texten ergebe sich "aus der hierarchischen Verzahnung bzw. koordinativer Verknüpfung von jeweils do­mi­nierenden und stützenden sprachlichen Handlungen" Techtmeier (1993, S. 376). Stützende oder subordinierte Handlungen entstehen dann, - so die Autorin (1994, S. 246f.) - "wenn die je­weils dominierenden Handlungen durch spezifische Handlungen gestützt werden". Die subordienierten Handlungen unterstützen das Verständnis, die Akzeptanz und die Aus­führ­barkeit der jeweiligen dominierenden Handlung.

[10] Dies bedeutet hier den Anteil der verständnissichernden Äußerungen in der Gesamt­an­zahl der intratextuellen kommunikativen Äußerungen in dem jeweiligen Teilkorpus.

[11] In jedem Beleg hebe ich die zutreffenden interaktionsbennendenden Ausdrücke durch Speerdruck, Fett- und Kursivschrift hervor.

[12] Die zitierten Beispiele übernehme ich in der jeweils alten oder neuen Orthographie.

[13] Im Sinne der Polyfunktionalität deuten z.B. Schmitter und Adamzik (1982, S. 68) auf der Grundlage der Textkorpora der deutschen gesprochenen Standardsprache selbst inner­halb der Dialogorganisation auf eine Doppelfunktion einzelner Äußerungen: die Funktion der Anknüpfung und die der Themensteuerung. Ähnlich führt auch Roloff (1990, S. 231) auf der Grundlage des Unterrichtsduskurses in unterschiedlichen deutschen Bildungsein­richtungen vor, dass MK-Äußerungen auf einmal als Einleitung des Redebeitrags und als Ankündigung der Verfahrensweise fungieren können. Im Rahmen von interlingualen Vergleichen stellt Tiittula (1993, S. 102) in ihrer Untersuchung des mündlichen deut­schen und finnischen Metadiskurses fest, dass sich bei denselben metadiskursiven Sätzen (MK-Äußerungen) mehrere Funktionen überlagern können.

[14] Bei der Analyse der Hauptüberschriften habe ich festgestellt, dass in etwa einem Drittel der ungarischen Interviews keine Hauptüberschriften vorhanden sind (vgl. Drew­now­ska-Vargáné, im Druck a).

[15] Bezugsäußerung

[16] Zu illokutiven Bestimmungen der Äußerungen des Interviewten vgl. Schwitalla 1979, S. 131.

[17] Zu Reformulierungen als Formen der Textoptimierung in den Interivewbeiträgen s. Drew­nowska-Vargáné (im Druck a).

[18] Der Forscher hält das vom Autor des Konzeptes der kommunikativen Interkaionseinheit, Meyer-Hermann (1978, S. 125) vorgeschlagene entscheidende Kriterium der "Identität der Konstellation der Kommunikations-beteiligten" für unzureichend und plädiert dafür, auch "Kommentare zu Akten" des Interviewpartners als MK-Äußerungen, deren Folgen "die aktuelle Interaktion betreffen" zu erachten (Schwitalla 1979, S. 140).

[19] Das Konzept der Textualität von Brinker habe ich in meinem Ansatz zur interlingualen textlinguistischen Analyse der Textsorte Leserbrief übernommen (vgl. z.B. Drew­now­ska-Vargáné 2001).

[20] Geltungsmodus und Texthandlungsmuster bilden die zwei weiteren Kategorien (vgl. Klein 2000, S. 36-40).

[21] In diesem Netz unterscheide ich keine Filter-Textsorten. Von Relationen dieser Art spre­che ich in einem anderen Beitrag, in dem ich die Beziehungen zwischen den Inter­viewtexten in ihrern Vorspannen erörtere, die mittels Reformulierungen hergestellt wer­den (vgl. Drewnowska-Vargáné im Druck a).

[22] Die 'Gegenbehauptung' beruht - so Spranz-Fogasy (1986: 38) - auf einer direkten kontradiktatorischen Umkehrung "der Sachverhaltsdarstellung des Gegenübers". Sie "hat die Form einer Behauptung und formuliert noch einmal explizit den Sachverhalt, der zwischen Opponent und Gegenüber strittig ist".

[23] Es geht mir hier um eine volle Responsitität im Sinne von Schwitalla (1979a, S. 134): "wenn der Antwortende auf die Erwartungsnorm und den Inhalt des initiierenden Zuges eingeht".

[24] Bei der 'Gegeneinschätzung' gibt der Opponent dem Gegenüber zu verstehen, dass seine Auffassung des betreffenden Sachverhaltes eine andere ist als die des Gegenübers. Jedoch wird dabei die Auffassung des Opponenten nicht thematisiert, z.B. "des glaub isch net" oder "also da denke ich en bißchen an"ders" (vgl. Spranz-Fogasy 1986: 37).

[25] Unter 'Berufung' verstehe ich im Sinne von Spranz-Fogasy (1986: 113) "den Verweis auf Zeugnisse oder Personen, der eine Darstellung absichern soll".

[26] Hier ziehe ich lediglich Vergleiche den Gebrauch der makroanaphorischen MK-Äuße­run­gen betreffend.

 

 
 
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