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Orbis Linguarum Vol. 24/2004

Ewa Drewnowska-Vargáné

Veszprém/Ungarn

"Sie haben gesagt Krieg. Am Anfang haben Sie behauptet, es gebe keinen Krieg [...]" Textsortenkonstitutive und intertextuelle Aspekte metakommunikativer Äußerungen in der Textsorte
Presse-Interview im interlingualen Vergleich

0. Vorbemerkungen

Betrachtet der Rezipient die im Titel zitierte Äußerung,[1] dürfte ihm auffallen, dass sie auf einer anderen Ebene als die der Objektsprache gemacht wurde: Ihr Urheber, der Interviewer, reflektiert über die Ausdrucksweise des Befragten. Somit wird die­se Äußerung auf der Ebene der Metasprache gemacht und ist ein Beispiel für gän­gige Verfahren, die die Kommunikationspartner einsetzen, um Verständnis­stö­run­gen in der alltagssprachlichen Kommunikation zu beseitigen oder, um eigene bzw. fremde Aussageabsichten zu klären.

Metakommunikative Äußerungen wie die obige stellen als Ausdruck der mensch­lichen Fähigkeit, über die eigene (und auch über fremde) Sprache zu reflektieren, ein universelles, d.h. von der Einzelsprache unabhängiges Phänomen sprach­philo­sophischen Ursprungs[2] dar. Dank ihrer Universalität können sie meiner Meinung nach bei interlingualen multilateralen Untersuchungen als tertium comparationis[3] dienen, wie dies im vorliegenden Aufsatz der Fall ist: Ich gehe der Frage nach, inwiefern metakommunikative Äußerungen (im Weiteren MK-Äußerungen) kommunikationskulturspezifisch bedingt sein können. Das Zentrum des Beitrages bildet eine exemplarische Darstellung einiger Befunde der vergleichenden Analyse von MK-Äußerungen in deutsch-, polnisch- und ungarischsprachigen Presse-Inter­views und die Interpretation aller Befunde dieser Analyse in textsortenspezifischer wie auch textsortenübergreifender Hinsicht.[4]

1. Presse-Interview als Grundlage der Untersuchung

Als Materialbasis für die Untersuchung dient das geschriebene Interview, das in dem Medium Zeitung bzw. Zeitschrift typischerweise in Form eines verschrift­lichten Dialogs, mit einem Titel, nicht selten auch mit einem redaktionellen monologischen Vorspann und sogar mit einem monologischen Text nach dem verschriftlichten Dialog erscheint.[5] Die wichtigste Ähnlichkeit des geschriebenen Interviews mit dem gesprochenen ist die Verteilung des Rederechtes und die aus dem Rederecht folgende innere Organisation, vor allem die Frage-Strategien zur Steuerung des Interviews (vgl. Drewnowska-Vargáné, im Druck a). Daraus resultiert, dass auch das geschriebene Interview ähnlich wie das gesprochene mit gesprächslingistischen Kategorien analysiert werden kann.

Das geschriebene Interview ist als medial vermittelte Textsorte einerseits mehrfachadressiert und andererseits wird es von mehreren Autoren verfasst (vgl. Drewnowska-Vargáné, im Druck a). Die deutsch-, polnisch- und ungarisch­sprachigen Mehrfachautoren betrachte ich als jeweils eine spezifische journa­listische Diskursgemeinschaft mit einer sie kennzeichnenden Schreibkultur und Vertextungsroutinen, die diese Diskursgemeinschaft von den anderen abheben (vgl. Drewnowska-Vargáné 2000, S. 14f.).

2. Metakommunikation als Gegenstand der Untersuchung

Den Gegenstand der Untersuchung stellen bestimmte kommunikationsfördernde Aspekte der Metakommunikation dar, die - zumindest auf dem Gebiet der ger­ma­nistischen Linguistik - zuerst als ein Phänomen der gesprochenen Sprache un­tersucht wurden (Schwitalla 1979, Schmitter/Adamzik 1982, Techtmeier 1984). Spätere Forschungsergebnisse deuten aber darauf hin, dass dieses Phä­nomen nicht nur in gesprochenen, sondern auch in geschriebenen Texten mit einem textsortenspezifischen Charakter auftritt (vgl. z.B. Wittich 1985; Gläser 1990; Fiedler 1991). Weitere interessante Einsichten in die Metakommunikation brin­gen Beiträge, die interlingual ausgerichtet sind wie beispielsweise der von Tiit­tula (1993, 1997) [empirische vergleichende Forschungen zur Meta­kom­munikation im deutschen und finnischen mündlichen Diskurs]. Auf dieser Folie stellt der vorliegende Beitrag keinen vereinzelten Ansatz dar. Jedoch dürfte er sowohl in Bezug auf die drei gewählten Diskursgemeinschaften als auch in Bezug auf die Textsorte und die Art des Diskurses (Presse-Interview/schriftlich) als eine erste interlinguale Untersuchung dieser Art aufgefasst werden.

Die theoretische Fundierung der Analyse bildet primär der empirische Ansatz von Techtmeier (1984, 1993, 1994 und 2001), da er im Vergleich zu den anderen metakommunikativen Ansätzen auf dem Gebiet der germanistischen Linguistik m.W. die am umfangreichsten systematisierte Klassifikation der MK-Äußerungen in dialogischen Texten darstellt. Unter dem Terminus Metakommunikation verstehe ich mit Techtmeier (2001, S. 1451f.) "die Bezugnahme auf Aspekte des Kommu­nikationsvorgangs, in dessen Verlauf die jeweilige MK [Metakommunikation] auf­tritt". Sie manifestiert sich in MK-Äußerungen. Eine MK-Äußerung gehöre der gleichen Interaktionseinheit an wie die nichtmetakommunikative Bezugsäußerung (ebenda, S. 1452). Die Mehrzahl der MK-Äußerungen haben ihren eigenständigen propositionalen Gehalt und eine bestimmte syntaktische Struktur, für die eine Do­minanz von Deklarativsätzen kennzeichnend ist (ebenda, S. 1459). Zu ihren sprach­lichen Besonderheiten gehören vor allem: die Häufung interaktionsbenennender Ausdrücke (vor allem Verben, aber auch Substantive), z.B. sagen, behaupten, er­gänzen, fragen, vorschlagen, Zusammenfassung, Antwort, Kritik (vgl. Techt­meier 1984, S. 181 und 2001, S. 1460 ) sowie stereotype Wendungen und Floskeln, z.B.: um es offen zu sagen; offen gesagt (vgl. Techtmeier 2001, S. 1460).

3. Hypothese

Eine der zentralen Ebenen des metasprachlien Wissens bildet "das Wissen um sprach­­liche Gemeinschaften" und um die sprachliche Identität (vgl. Schlieben-Lange (1975, S. 196). Ich gehe davon aus, dass auf dieser Ebene deutliche Un­ter­schiede in den drei journalistischen Diskursgemeinschaften bestehen. Dafür spre­chen neben den bereits erwähnten jeweils anderen Schreibkulturen und Vertex­tungs­routinen auch jeweils andere Kulturkomponenten,[6] die sich in den drei unter­suchten sprachlichen Teilkorpora der Textsorte Meinungsinterview wiederspiegeln dürften. Vor diesem Hintergrund kann die Hypothese aufgestellt werden, dass auch das Wissen um die Funktionen und Charakter der MK-Äußerungengen in der me­dial vermittelten Textsorte Presseinterview von Diskursgemein-schaft zu Dis­kurs­ge­mein­schaft unterschiedlich ist und sich in Form von Kontrasten im Gebrauch dieser Äußerungen von Teilkorpus zu Teilkorpus nachweisen lässt.

 Befunde der durchgeführten Analyse

Der Vergleich von Exemplaren aller drei sprachlichen Teilkorpora wird von mir in erster Linie auf den Beitrag des Interviewers zur Struktur des Interviews hin durch­geführt, während der Beitrag des Befragten (= des Interviewpartners) im Hinter­grund bleibt, denn: Die Interviews aller drei Teilkorpora wurden mit Politikern und Experten unterschiedlicher Staaten durchgeführt.

Die meisten MK-Äußerungen sind in den Meinungsinterviews jedes Sprach­kor­pus intra-textuell, d.h. es sind Normalanaphora, die sich auf die Äußerungen des jeweiligen Dialogs beziehen. Neben den Normalanaphora habe ich in jedem Teil­korpus auch intertextuelle MK-Äußerungen, d.h. Makroanaphora[7] festgestellt: Es sind Verweise auf frühere Aussagen der Befragten oder anderer Personen zu dem­selben thematischen Schwerpunkt in Texten, die meistens vor dem Zeitpunkt der Veröffentlichung des jeweiligen Interviews oder parallel mit ihm in der Presse erschienen sind, z.B. in anderen Interviews, in Berichten, in harten Nachrichten oder in Kommentaren. Normalanaphorische und makroanaphorische MK-Äuße­rungen unterscheiden sich also voneinander hinsichtlich ihrer Bezugsäußerungen grundsätzlich: Während sich die Makroanaphora primär auf die quasi "gegenwärtig laufende" Kommunikation im verschriftlichen Interview beziehen, verweisen die letzteren aus dem Interview auf die Vor-, Parallel- oder sogar Nach-Texte und damit verbinden sie den quasi "laufenden" verschriftlichen Dialog mit Texten, die zu derselben Interaktionseinheit[8] gehören. Daher halte ich es für sinnvoll, die Be­funde der Analyse in zwei dieser Unterscheidung entsprechenden Hauptgruppen auszuwerten und darzustellen:

·         normalanaphorische MK-Äußerungen: Punkt 4.1. bzw. Anhang I: Teil A,

·         makroanaphorische MK-Äußerungen: Punkt 4.2. bzw. Anhang I: Teil B.

Da der Bezug der Äußerungen in diesen zwei Gruppen unterschiedlich ist, sol­len auch ihre Betrachtungsaspekte verschieden sein: Während ich die Belege für normalanaphorische MK-Äußerungen hinsichtlich ihrer Funktion, ihres Charakters und ihrer Stellung in der Struktur der Presse-Interviews analysiere (= textsor­ten­konstitutive Aspekte), untersuche ich die makroanaphorischen MK-Äußerungen als intertextuelle Verweise primär unter dem Aspekt der Verankerung des verschft­lich­ten Interviews im Textsortennetz (= intertextueller Aspekt). Vorausgeschickt sei, dass ich mich beim letzteren Aspekt auf den pragmatischen Ansatz von Klein (1991, 2000) zu Textsorten-Intertextualität stütze, in dem die funktionalen Zusam­menhänge zwischen Textsorten innerhalb eines bestimmten Interaktionsrahmens expliziert werden.

4.1. Vergleich normalanaphorischer MK-Äußerungen in den Beiträgen deutsch-, polnisch- und ungarischsprachiger Interviewer unter text­sortenkonstitutiven Aspekten

Der erste Blick auf die gesamte Anzahl der normalanaphorischen Äußerungen in allen drei Teilkorpora lässt eine deutliche Diskrepanz erkennen, die zwischen dem deutschen und dem ungarischen Korpus besteht: Während die Interviewbeiträge der ungarischen Interviewer über die weitaus höchste Anzahl der MK-Äußerungen verfügen, sind die entsprechenden Werte im deutschen Teilkorpus die niedrigsten. Das polnische Teilkorpus bleibt hier im Mittelfeld (s. Anhang I, Teil A: Punkt 1).

4.1.1. Einzelne Funktionen der monofunktionalen MK-Äußerungen

Techtmeier (1994, S. 246 und 2001, S. 1454) schreibt MK-Äußerungen in mono­logischen und dialogischen Texten folgende drei Grundfunktionen zu:

·         Stützung des Verstehens der jeweiligen Bezugsäußerung,

·         Stützung der Akzeptanz der jeweiligen Bezugsäußerung,

·         Stützung der Ausführbarkeit der (vom Sprecher) erwünschter Handlung.[9]

Demnach unterscheidet sie in der Gesprächskonsitution verständnisstützende (oder: hier synonym verständnissichernde), akzeptanzstützende und dialog­steuern­de MK-Äußerungen. Jeder Typ ist mit bestimmten Grundannahmen seitens des Spre­chers verbunden, die im Folgenden vor jeder exemplarischen Darstellung der Er­gebnisse thematisiert bzw. dem Charakter der vorliegenden Analyse entspre­chend modifiziert werden.

4.1.1.1.Verständnissichernde MK-Äußerungen

Die Hauptfunktion der verständnissichernden MK-Äußerungen besteht in Siche­rung und Stützung des komplexen Verstehens des mit der Bezugsäußerung Ge­meinten. Techtmeier (2001, S. 1454) exemplifiziert diesen Typ u.a. so: "Das war eine Aufforderung/ Ich meine damit, daß.../Das soll heißen, daß..." Diese Äuße­run­gen basieren auf folgender Grundannahme (ebenda, S. 1455):

"S[precher] nimmt an, dass H[örer] die Äußerung von S[pre­cher] nicht unbedingt versteht."

MK-Äußerungen in der verständnisstützenden Funktion bildeten bis vor kurzem das Zentrum der Metakommunikationsforschung. Dies lässt meiner Meinung nach behaupten, dass sie den am meisten verbreiteten Typ im metakommunikativen Diskurs darstellen, was wohl auch durch die Ergebnisse meiner Analyse bestätigen dürften: In jedem Sprachkorpus bilden verständnisstüzende MK-Äußerungen den größten Anteil monofunktionaler Äußerungen. Erst der Vergleich aller drei Teil­korpora zeigt, dass die meisten Belege zwar im ungarischen Korpus zu finden sind, aber prozentual[10] gesehen das deutsche Korpus auf dem ersten Platz steht (s. An­hang I, Teil A: Punkt 2.1.1.).

An dem Charakter der mehrfachadressierten Textsorte Meinungsinterview liegt, dass es sich in den meisten verständnissichernden MK-Äußerungen um Klärung bzw. Verdeutlichung der komplexen Bedeutung der Aussagen der Befragten han­delt. Demnach soll die oben angeführte Grundannahme für die Zwecke der vor­liegenden Analyse m.E. folgendermaßen modifiziert werden:

Sprecher (der Interviewer) nimmt an, dass er bzw. die Mehr­fachadressaten des Interviews die Äußerung von Hörer (von Befragten) nicht unbedingt richtig ver­steht/verstehen.

Zur Veranschaulichung sei ein für diese Annahme typischer Beleg aus dem deut­schen Korpus angeführt, in dem die Äußerung zur Rekonstruktion der Be­deu­tung der Bezugsäußerung dient:

1. verständnissichernd

(Hauptüberschrift): "Die NATO wird noch lange gebraucht"

(Befragter: Klaus Kinkel): [...] Es muß ja zunächst vor allem darum gehen, die Eigenverantwortung der betroffenen Staaten zu stärken und Hilfe zur Selbsthilfe zu geben. Im übrigen gilt: first things first. Die aktuellen Konflikte wie das Kosovo-Problem müssen zunächst gelöst werden.

(Interviewer:Klar-Ludwif Günsche): Das heißt: Sie plädieren für kleine Schritte?

(Befragter: Klaus Kinkel): Das ist richtig. [...]"

(Die Welt vom 25. Mai 1999; Nr. 26 im Korpus, Hervorhebungen inter­aktions­benennender Ausdrücke von mir[11])

4.1.1.2. Akzeptanzstützende MK-Äußerungen

Die akzeptanzstützende Funktion resultiert aus der Einsicht, dass zum Erfolg in der Kommunikation - neben einem gegenseitigen Verstehen - auch eine "(wech­sel­seitige) Akzeptanz des Gesagten" gehört (Techtmeier 2001, S. 1455). Eine meta­kommunikative Akzeptanzstützung könne sich sowohl auf die Akzeptanz des propositionalen Gehalts (z.B. "Was ich jetzt sage, ist eine grobe Vereinfachung") als auch auf die Akzeptanz der Funktion (z.B. "Ich muß[12] dich jetzt einfach kriti­sieren, das war doch zu oberflächlich, was du da gesagt hast.") oder auf die Ak­zep­tanz von Aspekten der sprachlichen Formulierung beziehen. Dieser Typ der Äu­ße­rungen basiert auf folgender Grundannahme (ebenda):

"S[precher] nimmt an, dass H[örer] die Äußerung von S[pre­cher] nicht unbedingt akzeptiert."

Diese Annahme lässt sich für die Zwecke der vorliegenden Untersuchung zwar ohne Modifikationen übernehmen, doch ist aus der Zusammenstellung der Befunde ersichtlich, dass monofunktionale akzeptanzstützende Äußerungen in den drei untersuchten sprachlichen Korpora besonders rar sind (s. Anhang I, Teil A: Punkt 2.1.2.). Folgender Beleg stammt aus dem deutschen Korpus:

2. akzeptanzstützend

Hauptüberschrift): "Die neue Ernsthaftigkeit

  (Interviewer: Matthias Geis, Gunter Hoffman zum Befragten: Wolfgang Schäuble): [...] Es fällt auf, daß die Politiker der Union relativ skeptisch über den Krieg reden. Sie selbst haben vor einer Übermoralisierung des Kosovo-Konfliktes gewarnt. Erlaubt das Weniger an Verantwortung in der Opposition ein Mehr an Nachdenklichkeit? [...]"

(Die Zeit vom vom 22. April 1999; Nr. 14 im Korpus)

Diese Äußerung "Sie selbst haben vor einer Übermoralisierung des Kosovo-Konfliktes gewarnt." wurde vom Interviewern gemacht, damit der Befragte (der CDU-Vorsitzende, Wolfgang Schäuble) sowohl den propositionalen Gehalt der vorhin gemachten Feststellung "Es fällt auf [...] skeptisch reden" als auch den der danachfolgenden Frage: "Erlaubt das Weniger an [...]" akzeptiert.

4.1.1.3. Dialogsteuernde MK-Äußerungen

Während die MK-Äußerungen mit verständnis- und akzeptanzstützender Funktion sowohl dialogische als auch monologische Texte kennzeichnen, ist die dialog­steuernde Funktion strukturgemäß nur für dialogische Texte charakteristisch: Das Kommunizieren im Dialog muss als gemeinsame Aktivität von den Partnern orga­ni­­siert werden. Dem liegt folgende Annahme zu Grunde (Techtmeier 2001, S. 1456):

"S[precher] und H[örer] nehmen an, dass für den Erfolg der Kommunikation organisatorische Aktivitäten erfor­der­lich sind."

Da meine Untersuchung die Person des Interviewers in den Vordergrund stellt, modifiziere ich diese Annahme folgendermaßen:

Sprecher (der Interviewer) nimmt an, dass für den Erfolg der Kommunikation organisatorische Aktivitäten erfor­der­lich sind.

Die meisten Belege für Äußerungen mit dieser Funktion sind im polnisch­sprachigen Teilkorpus zu finden (s. Anhang I, Teil A: Punkt 2.1.3.). Die folgende Äußerung bezieht sich beispielsweise auf die Wiederaufnahme eines früheren Themas, d.h. auf die inhaltliche Steuerung des Gesprächs (vgl. Schwitalla 1979, S. 131; Schmitter und Adamzik 1982, S. 67):

3. dialogsteuernd/inhaltlich

 (Interviewer: Wiesław Walkiewicz): "[...] Wróćmy do historii konfliktu. Jak to się zaczęło? [...]"

 (Gazeta Wyborcza vom 24.-25. April 1999; Nr. 13 im Korpus)

dt.:

  (Interviewer: Wiesław Walkiewicz): "[...] Kehren wir zur Geschichte des Konflikts zurück. Wie hat er denn angefangen? [...]"

Die meisten Belege für monofunktionale dialogsteuernde Äußerungen dienen im polnischen Teilkorpus der formalen Steuerung des Gesprächs (Schmit­ter/­Adam­zik 1982, S. 66), indem sie zur Vorstellung der Interviewer und der Be­fragten und auch zur Markierung der Eröffnungs- und Schlussphasen der Inter­views gebraucht werden:

4. dialogsteuernd/formal

(Dachzeile): "Mówi James Hooper

(Hauptüberschrift): Miloszević wygra tę wojnę

[...]

(‚Endtext? nach dem verschriftlichten Dialog): Rozmawiał Bartosz Węglar­czyk

[...]"

(Gazeta Wyborcza vom 12. Mai 1999; Nr. 17 im Korpus)

dt.:

(Dachzeile): "Es spricht James Hooper

(Hauptüberschrift): Milo¹ević gewinnt diesen Krieg

[...]

(‚Endtext? nach dem verschriftlichten Dialog): Das Interview wurde von Bartosz Węglarczyk geführt

[...]"

Häufiger als in deutsch- oder in ungarischsprachigen verschriftlichten Dialogen finden sich im polnischen Teilkorpus Äußerungen, die eigentlich für die gespro­chene Sprache charakteri-stisch sind:

5. dialogsteuernd/formal

(‚Endtext? nach dem verschriftlichten Dialog): "[...] Dziękuję za rozmowę.

Rozmawiał Jerzy Piekarski"

(Przekrój vom 02. Mai 1999; Nr. 15 im Korpus)

dt.:

(‚Endtext? nach dem verschriftlichten Dialog): "[...] Ich danke Ihnen für das Gespräch.

Das Interview wurde von Jerzy Piekarski geführt"

4.1.2. Polyfunktionale MK-Äußerungen

Die Polyfunktionalität der MK-Äußerungen bildet - so Techtmeier (1984, S. 144; 1994, S. 247; 2001, S. 1457) - ein typisches Phänomen in der Metakom­mu­nikation: Ein und dieselbe Äußerung kann mehrere Funktionen in der Dialog­struk­tur haben.[13]

Aus der Zusammenstellung der Befunde ist auch ersichtlich, dass viele MK-Äußerungen meistens zwei Funktionen auf einmal ausüben. Unter den polyfunk­tio­nalen Äußerungen ist der Typ verständnissichernd und dialogsteuernd in den Beiträgen der Interviewer aller drei journalistischen Diskursgemeinschaften am meisten verbreitet (s. Anhang I, Teil A: Punkt 2.2.).

4.1.2.1. Verständnissichernde und dialogsteuernde MK-Äußerungen

Die bei weitem höchste Anzahl von Belegen weist das ungarischen Teilkorpus auf: Es macht ca. das Dreifache der Belegzahl aus. Die meisten der Äußerungen von die­sem Typ finden sich in den Vorspannen, d.h. in den monologischen redak­tionellen Texten, die vor dem verschriftlichten Dialog stehen:

6. verständnissichernd und dialogsteuernd/publikumsadressiert

Sorozatunkban a riporter kiemel az elmúlt hét sajtójából néhány közfigyelemre érdemesnek tartott hírt, s megkérdez egy-egy közéleti személyiséget: mit szól hozzá? Ezúttal a neves televíziós újságírót szembesítette ilyen hírcsokorral Orbán Györgyi. Válaszol Horváth János

(168 óra vom 29. April 1999; Nr. 12 im Korpus)

  dt.:

In unserer Serie hebt der Reporter aus der Presse der jeweils vorigen Woche einige Probleme hervor, die eine öffentliche Aufmerksamkeit verdienen und fragt jeweils eine in der Öffentlichkeit bekannte Persönlichkeit, was sie zu diesen Problemen meint. Dieses Mal hat Györgyi Orbán den bekannten Fernsehjournalisten mit einem solchen Nach­rich­tenbündel konfrontiert. Es antwortet János Horváth

Verständnisstützend sind diese Äußerungen, weil sie schon am Anfang der In­terviews über die wichtigsten thematischen Aspekte der Kommunikation infor­mieren. Zugleich sind sie auch dialogsteuernd, weil sie sozusagen als eine Ankün­digung des verschriftlichten Dialogs, also seine Eröffnungsphase darstellen.

4.1.2.2. Verständnissichernde und akzeptanzstützende MK-Äußerungen

Polyfunktionale Äußerungen kommen in diesen zwei Funktionen in jedem Teil­korpus deutlich seltener vor. Da die Beiträge der deutschen Interviewer die ver­hältnismäßig höchste Anzahl ergaben, sei hier ein Beleg aus dem deutschen Korpus angeführt:

7. verständnissichernd und akzeptanzstützend

Hauptüberschrift): "Beschleunigte Erosion

  (Interviewer: Jochen Buchsteiner, Fritz Vorholz zum Befragten: Jürgen Trittin): [...] Sie nennen das Ziel der Nato legitim. Vor vier Jahren ging es darum, das Morden in Bosnien zu beenden. Sie haben sich damals vehement gegen eine deutsche Beteiligung an der UN-Friedenstruppe ausgespro-chen. [...]"

(Die Zeit vom 06. Mai 1999; Nr. 21 im Korpus)

Die Äußerung "Sie nennen..." dient einerseits als logische Grundlage der danach folgenden Kritik und andererseits auch als Akzeptanz des Vorwurfs "Sie haben sich damals..." Ferner illustriert sie einen typischen Fall für die Stellung der MK-Äußerungen im deutschen Teilkorpus (vgl. Punkt 4.1.4.1).

4.1.3. Charakter der mono- und polyfunktionaler MK-Äußerungen

Vielen der bis jetzt behandelten mono- und polyfunktionalen MK-Äußerungen wurde von ihren Autoren ein bestimmter Charakter verleihen: Sie sind forcierend, bewertend und/oder publikumsadressiert.

4.1.3.1. MK-Äußerungen mit einem forcierendem Charakter

Ein bedeutender Ansatz zum so genannten Forcieren im Gespräch stammt von Kallmeyer und Schmitt (1996). Die Autoren betrachten das Forcieren als "[d]ie Beteiligungsweise einer erkennbar eingeschränkter Kooperativität mit dem Ziel, sich gegen den anderen im Gespräch durchzusetzen" und somit als "Vergrößern eigener Rechte und fremder Pflichten". Zu den typischen forcierenden Aktivitäten in Gesprächen zählen die Autoren u.a. "Dazwischenreden, wenn der andere das Wort hat [...]; Den anderen provozieren durch überspitzte oder unzutreffende Be­hauptungen; Dem anderen eine Fangfrage stellen; Den Gegner diskreditieren, d.h. seine Glaubwürdigkeit oder seine Kompetenz in Frage stellen" (ebenda, S. 22). Auch bei der Produktion der MK-Äußerungen spielt das Forcieren eine erhebliche Rolle. Darauf deutet bespielsweise Tiittula (1997, S. 377) hin: Das Forcieren erscheint in der deutschen Diskussion u.a. als "[m]etakommunikative Themati­sie­rung des Themas oder Problems, worüber diskutiert werden soll; dabei wird dem Gesprächspartner vorgeworfen, er rede an dem eigentlichen Thema vorbei".

Aus meiner Untersuchung ist deutlich ersichtlich, dass das Forcieren im deut­schen und polnischen Teilkorpus praktisch keine Rolle spielt. Jedoch können die sieben Belege in den Beiträgen der ungarischsprachigen Autoren nicht außer Acht gelassen werden (s. Anhang I, Teil A: Punkt 3.1.). Nehmen wir einen dieser Be­lege unter die Lupe:

8. forcierend

(Hauptüberschrift): "Milosevics megüzente

(der Interviewer: Varga Gergely): [...] Miért hisz inkább Milosevicsnek mint az ország vezetőinek?

(der Befragte: Thürmer Gyula): Nem Milosevicsnek hiszek, hanem a tényeknek. Csapatösszevonás lesz, a NATO szárazföldi háborúra készül. Akkor hinnék Orbánnak, ha kijelentené: akármit kér a NATO, mi nem adjuk át a területeinket, nem veszünk részt a háborúban. A NATO több figyelmet fordít a médiaháborúra, mint a konkrét hadmű­veletekre. Az amerikaiak csak akkor lépnek katonai téren, ha a közvélemény-kutatások azt jelzik: a többség támogatja a háborút. Ugyenez történik nálunk is. [...]

(der Interviewer: Varga Gergely): Nem válaszolt a kérdésre. [...]"

(168 óra vom 29. April 1999; Nr. 11 im Korpus)

dt.:

(Hauptüberschrift): "Milo¹ević hat ausrichten lassen

(der Interviewer: Gergely Varga): [...] Warum glauben Sie eher Milo¹ević als der Regierung?

(der Befragte: Gyula Thürmer, Vorsitzender der Arbeiterpartei in Ungarn): Ich glaube nicht Milo¹ević, ich glaube den Tatsachen. Die Truppen werden zusammengezogen, die NATO bereitet sich auf den Einsatz der Bodentruppen vor. Ich würde Orbán glauben, wenn er Folgendes deklarierte: Egal, worum auch die NATO bittet, wir geben unsere Gebiete nicht ab und beteiligen uns am Krieg nicht. Die NATO schenkt dem Medienkrieg mehr Aufmerksamkeit als den konkreten militärischen Manövern. Die Amerikaner treten erst dann militärisch auf, wenn die Ergebnisse der Meinungsforschungen darauf hindeuten, dass die Mehrheit den Krieg unterstützt. Dasselbe geschieht auch bei uns. [...]

(der Interviewer: Gergely Varga): Sie haben die Frage nicht beantwortet.

 [...]"

Die Antwort des Befragten interpretiert der Interviewer als 'Am-Thema-Vorbei­reden' und forciert mit seiner MK-Äußerung eine direkte Antwort. Dabei stellt diese Äußerung nur eine von vielen nicht-metakommunikativen Aktivitäten des For­cierens dar, die der Interviewer in dieser Sequenz des Interviews einsetzt. So­mit hat die vorliegende Äußerung eine unterstützende Funktion. Sie unterstützt die Fangfrage, die dem Befragten mehrmals gestellt wird.

Auch im folgenden Beleg bedient sich der Interviewer des Forcierens, indem er den Befragten provoziert, zu der schon benannten politischen Situation noch einmal Stellung zu nehmen:

9. forcierend

(Hauptüberschrift): keine[14]

(Befragter: Szabó János; BÄ[15] ): "[...] Nem kell presztízskérdést csinálni egy háborúból és abból, ki a győztes, ki a vesztes. Ezt is elmondtam már április közepén.

(Interviewer: Varga Gergely; Berufung): Háborút mondott. Az elején azt állította: nincs is háború.

(Befragter: Szabó János; Akzeptanz ): Krízishelyzetet akartam mondani. [...]"

(168 óra vom 20. Mai 1999; Nr. 19 im Korpus)

dt.:

(Hauptüberschrift): keine

(Befragter: János Szabó; BÄ ): "[...] Man soll aus dem Krieg und daraus, wer der Sieger und wer der Verlierer ist, keine Prestigefrage machen. Das habe ich schon Mitte April gesagt.

(Interviewer: Gergely Varga; Berufung): Sie haben gesagt Krieg. Am Anfang haben Sie behauptet, es gebe keinen Krieg.

(Befragter: János Szabó; Akzeptanz ): Ich wollte Krisenlage sagen. [...]"

Mit der MK-Äußerung provoziert der Interviewer den Befragten dazu, dass die­ser ihm erklärt, wie er die vorhin thematisierte politische Lage eigentlich ver­steht. Zugleich stellt dieser Beleg ein Paradebeispiel dafür dar, dass die Metakom­muni­ka­tion zur Unterstützung der Argumentation dient: Der Interviewer konfrontiert den Ausdruck des Befragten "Krieg" mit dessen Anfangsaussage in diesem Inter­view: "Hier gibt es keinen Krieg". Dabei setzt er als Argumentationsstrategie die Technik 'Berufung' ein. Diese 'Berufung' wird vom Befragten mit 'Akzeptanz' bearbeitet, indem er auf den Ausdruck "Krieg" zugunsten des Ausdrucks "Kri­sen­lage" verzichtet (s. weiter in: Drewnowska-Vargáné, im Druck b).

4.1.3.2. MK-Äußerungen mit einem bewertenden Charakter

Tiittula (1993, S. 41) stellt in ihrer vergleichenden Untersuchung der deutschen und finischschen mündlichen Diskussionen und Gespräche Redebewertungen fest, als "[t]ypische Beispiele für Metakommunikation", also MK-Äußerungen über bestimmte sprachliche Aspekte der laufenden Kommunikation, beispeilsweise: "das ist eine gute Frage". Im Vergleich zu den Ergebnissen der Autorin lassen die ziemlich niedrigen Belegzahlen in meinen drei Teilkorpora die redebewertenden MK-Äußerungen zwar nicht als typisch bezeichnen. Doch haben sie im deutsch­sprachigen Korpus nicht nur zahlenmäßig, sondern vor allem prozentual einen deutlich höheren Anteil als im polnischen und im ungarischen (s. Anhang I, Teil A: Punkt 3.2). Die meisten redebewertenden MK-Äußerungen befinden sich im redaktionellen Vorspann, wie beispielsweise in folgenden Belegen:

10. bewertend/publikumsadressiert

Hauptüberschrift): "Völkerrechtlich hoch zweifelhaft

SPD-Politiker Henning Voscherau kritisiert den Nato-Einsatz im Kosovo [...]"

(Die Welt vom 27. März 1999; Nr. 2 im Korpus)

11. bewertend/ publikumsadressiert

Hauptüberschrift): "‚Greueltaten ungeahnten Ausmaßes durch die Serben?

Berlin - Der Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung, Gerd Poppe, hat sich besorgt über die Greueltaten von Serben an Albanern im Kosovo geäußert. [...]"

(Die Welt vom 23. April 1999; Nr. 16 im Korpus)

12. bewertend/ publikumsadressiert

Hauptüberschrift): "Zur Not auch Bodentruppen

Keiner provoziert die grünen Parteifreunde so wie er: Ein Zeit-Gespräch mit Daniel Cohn-Bendit über die Strategie der Nato im Kosovo [...]"

(Die Zeit vom 20. Mai 1999; Nr. 25 im Korpus)

In den Belegen Nr. 10 und 12 ist die Evaluation schon in den inter­aktions­benennenden Ausdrücken selbst,[16] während sie im Beleg Nr. 11 durch das Partizip besorgt ausgedrückt wurde.

4.1.3.3. MK-Äußerungen mit einem publikumsadressierten Charakter

Die Präsenz von MK-Äußerungen mit einem publikumsadressierten Charakter hat mit der eingangs erwähnten Mehrfachadressiertheit der Textsorte Presse-Interview zu tun. Burger (1991, S. 7) betrachtet das Phänomen der Mehr­fach­adressiertheit als die Tatsache, dass sich die Gesprächspartner von Mediendialogen nicht nur aneinander, sondern gleichzeitig an das Publikum in dem jeweiligen Kommunikationskreis wenden. So aufgefasst sind m.E. alle MK-Äußerungen, die in einem medial vermittelten Interview erscheinen, mehrfachadressiert.

Bei publikumsadressierten MK-Äußerungen geht es mir um einen besonderen Typ der metakommunikativen Mehrfachadressiertheit, die sich in den Einlei­tungs­sequenzen der Interviews (im Vorspann) findet, in denen sich die Interviewer mit den MK-Äußerungen nicht an die Befragten, sondern primär an das Publikum (an den Leserkreis) wenden. Obwohl die Autoren der einschlägigen Beiträge solche MK-Äußerungen vor allem mündlichen Diskussionen und Gesprächen in Hörfunk und Fernsehen und seltener Printmedien zuschreiben (vgl. Bucher 1994, S. 482; Techtmeier 2001, S. 1461), deuten die Befunde meiner Untersuchung darauf hin, dass publikumsadressierte MK-Äußerungen für die Textsorte Presse-Interview so­gar typisch sein können. So sind beispielsweise die MK-Äußerungen in den deutsch­sprachigen Belegen 10-12 publikumsadressiert in dem hier erörterten Sinne.

Ein Blick auf die Ergebnisse der durchgeführten Analyse (s. Anhang I, Teil A: Punkt 3.3.) überzeugt jedoch davon, dass nicht die Autoren der deutschsprachigen Dis­kursgemeinschaft die meisten mehrfachadressierten metakommunikativen Sequen­zen produzieren, sondern die Interviewer der ungarisch- und der polnisch­sprachigen Diskursgemeinschaft: und zwar nicht nur zahlenmäßig, sondern auch prozentual (s. Anhang I, Teil A: Punkt 3.3). Ein typisches Beispiel für publikums­adressierte metakommunikative Sequenzen verkörpert der ungarischsprachige Be­leg 6: dort ist jede MK-Äußerung mehrfachadressiert, indem sie zur Informierung des Leserkreises über die wichtigsten thematischen Aspekte des nachfolgenden Dia­logs dient.

Der publikumsadressierte Charakter der folgenden MK-Äußerung ("[...] - sagt der Generalsekretär [...]") im Vorspann eines polnischen Interviews besteht darin, dass sie als eine explizite Redekennzeichnung für die reformulierte Wiedergabe der Kernaussage des Befragten aus dem verschriftlichten Dialog fungiert:[17]

13. publikumsadressiert

(Hauptüberschrift): "Jawier Solana: To nie była wojna

(Vorspann): Celem operacji NATO nie było niszczenie, lecz powstrzymanie przemocy - wycofanie wojsk serbskich z Kosowa, powrót uchodźców i stworzenie na tym terenie cywilnej administracji. Nie zamierzaliśmy zdobywać terytoriów. Nie chodziło o ropę ani o interesy handlowe, lecz jedynie o obronę wartości - mówi sekretarz generalny NATO Javier Solana w rozmowie z Adamem Michnikiem [...]"

(Gazeta Wyborcza vom 09. September 1999; Nr. 30 im Korpus)

dt.:

(Hauptüberschrift): "Jawier Solana: Das war kein Krieg

RA (Vorspann): Das Ziel der Operation der NATO war nicht die Zerstörung, sondern das Aufhalten der Gewalt - der Rückzug der serbischen Armee aus dem Kosovo, die Rückkehr der Flüchtlinge und die Bildung einer Ziviladministration auf diesem Gebiet. Wir wollten keine Territorien erobern. Es ging uns weder um Erdöl noch um Geschäfte, sondern nur um die Verteidigung der Werte - sagt der Generalsekretär der NATO, Javier Solana im Gespräch mit Adam Michnik [...]"

Einen ähnlichen Charakter hat auch die MK-Äußerung im Vorspann des als Be­leg Nr. 14 im Folgenden zitierten Interviews (vgl. Punkt 4.1.4.2).

Die hohe Anzahl der publikumsadressierten MK-Äußerungen im ungarischen und im polnischen Teilkorpus steht in einem engen Zusammenhang mit der redak­tio­nel­len Bearbeitung und mit der medienspezifischen Erscheinung der Interviews: Alle ungarischen und die meisten polnischen Interviews sind mit Vorspannen ver­sehen, während lediglich ein Drittel der deutschen Interviews über solche Ein­lei­tungs­pha­sen verfügt. Außerdem sind die ungarisch- und polnischsprachigen Vor­spanntexte deutlich länger als die deutschen (vgl. Drewnowska-Vargáné im Druck a).

4.1.4. Stellung der MK-Äußerungen in der Gesprächsstruktur

4.1.4.1. Vorgestellt

Vorgeschaltet stehen MK-Äußerungen als Ausdruck der Vorwegnahme von Prob­le­men, die beim Verstehen oder bei der Akzeptanz des aufgenommenen propo­sitionalen Gehalts beim Partner entstehen können. Ferner können sie als Hilfe bei planenden Aktivitäten, z.B. zur Gliederung der Gesprächsbeiträge dienen (Techt­meier 2001, S. 1458).

Aus der Zusammenstellung der Befunde ergibt sich Folgendes: Während die polnischen Interviewbeiträge hier die wenigsten Belege aufweisen, ist die Anzahl der Belege im deutschen Teilkorpus genauso hoch wie die im ungarischen Teil­korpus. Dennoch ist der prozentuale Anteil der Befunde im deutschen Teilkorpus deut­lich höher als im ungarischen (s. s. Anhang I, Teil A: Punkt 4.1). Dass sich das deutsche Teilkorpus mit den meisten Belegen für diese Stellung auszeichnet, ist mit den vielen Belegen für verständnissichernde und auch (im Vergleich zu polnischen und ungarischen Interviews) verhältnismäßig vielen polyfunktionalen Belegen für verstehens- und akzeptanzstützende MK-Äußerungen in diesem Teilkorpus ver­bun­den (s. Anhang I, Teil A: Punkt 4.1; 2.1.1. und 2.2.1).

Dass vorgeschaltete verständnis- und akzeptanzstützende MK-Äußerungen im deutschen Teilkorpus die Antizipation der Interviewer von eventuellen Verstehens- und Akzeptanzproble-men bei Befragten ausdrücken, veranschaulicht der bereits angeführte Beleg Nr. 7: Die MK-Äußerung des Interviewers "Sie nennen das Ziel der NATO legitim" ist vor dem Vorwurf platziert, dass der Befragte früher einen anderen Standpunkt vertreten hatte. Somit antizipiert der Interviewer, dass der Befragte diesen Vorwurf mit mangelnder Akzeptanz aufnehmen könnte.

4.1.4.2. Zwischengestellt

Zwischengestellt sind Äußerungen, die mindestens zwei Bezugsäußerungen haben. So hat die Äußerung: "Nur eine kleine Ergänzung zu dem, was X vorhin gesagt hat" (Techtmeier 2001, S. 1457f.) einen doppelte Verbindung: einerseits ver­weise sie auf eine zurückliegende Äußerung eines anderen Gesprächspartners, und andererseits verweise sie auch auf eine nachfolgende Äußerung, deren Funk­tion "eine kleine Ergänzung" sei. Viele zwischengestellte MK-Äußerungen seien - so Techtmeier (2001, S. 1459) - zugleich reaktiv-initiativ, weil sie gleichzeitig auf das bisherige Geschehen reagieren und zugleich auch eine neue Äußerung einleiten, z.B. "X, du darfst dich jetzt verteidigen" (ebenda, S. 1457).

Aus den Befunden der Analyse ist ersichtlich, dass zwischen den drei Teil­kor­pora prozentual keine gravierenden Unterschiede bestehen: Den höchsten pro­zentualen Anteil besitzt allerdings das polnische Teilkorpus, während die ver­gleichbaren Werte im ungarischen Korpus nur um zwei Prozent und im deutschen Teilkorpus um fünf Prozent niedriger sind (s. Anhang I, Teil A: Punkt 4.2). Die von Techtmeier betonte Zwischenstellung mit rekaktiv-initiativer Funktion tritt bei MK-Äußerungen jedes Teilkorpus häufig auf. Ein typisches Beispiel für reaktiv-initiative zwischengestellte MK-Äußerung im polnischen Teilkorpus stellt folgender Beleg dar:

14. zwischengestellt/verständnissichernd

(Hauptüberschrift): "Mój ojciec popiera Miloszevicia

(Untertitel): Podzielona Czarnogóra

(Vorspann): Łatwo rozniecić w Czarnogórze konflikt na miarę drugiego Kosowa. Nasza polityka ma na celu uniknięcie go ta wszelką cenę - mówi Miodrag Vuković

(Interviewer: Marcin Wojciechowski): [...] Co zrobicie, jeżeli Miloszević zostanie przy władzy?

(Befragter: Miodrag Vuković): Będziemy starać się renegocjować umowę federacyjną, aby zapewnić Czarnogórze utrzymanie status quo. Nie ma znaczenia, czy przyszłe państwo nazwiemy federacją, czy konfederacją. Czarnogóra i Serbia mogą funkcjonować razem, jeżeli będą ściśle rozgraniczone kompetencje republik i władz federacji, a te ostatnie przestaną być zawłaszczane przez Serbów. Kluczowym problemem jest przyszły status stacjonującej u nas II Armii. Powinna ona zostać podporządkowana miejscowym władzom cywilnym.

(Interviewer: Marcin Wojciechowski): Był Pan członkiem zespołu, który opracował poprzednią konstytucję Jugosławii. Dlaczego nie uwzględniliście w niej postulatów, o których Pan mówi?

(Befragter: Miodrag Vuković): Byliśmy pod ogromną presją. [...]"

Gazeta Wyborcza vom 27. Mai 1999; Nr. 25 im Korpus)

dt.:

(Hauptüberschrift): "Mein Vater unterstützt Milo¹ević

(Untertitel): Das geteilte Montenegro

(Vorspann): Es ist einfach, in Montenegro einen Konflikt in dem Umfang eines zweiten Kosovos zu entfesseln. Unsere Politik hat sich zum Ziel gesetzt, dies um jeden Preis zu vermeiden - sagt Miodrag Vuković

(Interviewer: Marcin Wojciechowski): [...] Was werdet ihr machen, wenn Milo¹ević an der Macht bleibt?

(Befragter: Miodrag Vuković): Wir werden versuchen, über den Bundesvertrag erneut zu verhandeln, damit wir Montenegro Status quo versichern können. Es ist ohne Be­deu­tung, ob wir den zukünftigen Staat eine Föderation oder eine Konföderation nennen. Montenegro und Serbien können gemeinsam funktionieren, wenn die Kompetenzen der Republiken und der Föderationsmächte voneinander streng abgegrenzt werden und wenn die Serben aufhören, die Föderationsmächte in ihre Gewalt zu bekommen. Die Schlüs­sel­frage ist der zukünftige Status der bei uns stationierenden II. Armee. Sie sollte den örtlichen zi­vilen Behörden untergeordnet werden.

(Interviewer: Marcin Wojciechowski): Sie waren Mitglied eines Teams, das die vorige Verfassung Jugoslawiens erarbeitet hatte. Warum habt ihr darin die Postulate nicht berücksichtigt, über die Sie jetzt reden?

(Befragter: Miodrag Vuković): Wir waren unter einem riesigen Druck. [...]"

Die MK-Äußerung "Warum habt ihr darin die Postulate nicht berücksichtigt, über die Sie jetzt reden?", die sich mitten im verschrifltichten Dialog findet, ist einerseits reaktiv, indem sie darauf verweist, was im unmittelbar zurückliegenden Redebeitrag des Befragten thematisiert wurde (" die Postulate [...], über die Sie jetzt reden?"). Andererseits ist sie aber auch initiativ, indem sie den Befragten zum Erteilen neuer Informationen über das bereits Thematisierte veranlasst ("Warum habt ihr [...] die Postulate nicht berücksichtigt [...]").

Reaktiv-initiativ ist - jedoch in einer anderen Weise als im vorangehenden Beleg aus dem polnischen Teilkorpus - auch die folgende Äußerung am Anfang des verschriftlichten Dialogs im Beleg aus dem ungarischen Teilkorpus:

15. zwischengestellt/verständnissichernd und dialogsteuernd

(Hauptüberschrift): "Mit enged az Isten?

(Untertitel): Fejtõ Ferenc - interjú

(Vorspann): Fejtõ Ferenc ma, kilencvenévesen legújabb könyvének megjelenésére vár, és lapunk megjelenésekor Budapestre érkezve is szokása szerint keresni fogja azokat, akiket meggyõzhet és inspirálhat. Például a jugoszláv kérdésben, amelyben - ha idõnként Kasszandra-jóslatokkal is -, mértékadó szakértõnek tartják. Fejtõ a térség múltját vizsgálva főként a századelőn szétesett Monarchiában keresi és találja meg azokat a logikai alapelemeket, amelyekből a többnyire lehangaló jelenben megpróbálja összerakni a ritkán biztató jövőt - mint tette azt még párizsi lakásán a HVG kérdéseire válaszolva.

(Interviewerin: Ágnes Bőhm): A Le Monde azt írta, ami ma a Balkánon zajlik, az a 21. század első háborúja. Ha egyetért ezzel, szinte 'örülhet?, hogy megért egy ilyen szép modern háborút...[...]"

(HVG vom 29. Mai 1999; Nr. 24 im Korpus)

dt.:

(Hauptüberschrift): Was lässt der liebe Gott zu?

(Untertitel): Ein Interview mit Ferenc Fejtõ

(Vorspann): Der heute neunzig Jahre alte Ferenc Fejtõ wartet auf die Publikation seines neuesten Buches. Zur Zeit des Erscheinens unseres Blattes nach Budapest kommend, wird er diejenigen aufsuchen, die er überzeugen und inspirieren kann. Z. B. in der Frage Jugoslawiens, in welcher er für einen maßgebenden Experten gehalten wird, auch wenn er ab und zu mit Orakeln nach Kassandras Art kommt. Fejtõ, der die Geschichte unseres Kulturraumes erforscht, sucht und findet in der am Jahrhundertanfang zerfallenen Monarchie die logischen Grundelemente, aus denen er in der meist deprimierenden Gegenwart eine besonders vielversprechende Zukunft zusammenzubauen versucht, was er auch tat, als er noch in seiner Pariser Wohnung die Fragen der HVG [= eine ungarische Wochenzeitung] beantwortete.

(Interviewerin: Ágnes Bőhm): Die Le Monde hat geschrieben, dass das, was sich heute auf dem Balkan abspielt, der erste Krieg des 21. Jahrhunderts ist. Wenn Sie damit einverstanden sind, können Sie sich fast darüber 'freuen?, einen so schönen modernen Krieg zu erleben ... [...]"

Die sich auf interaktive Verhältnisse beziehende Äußerung: "Wenn sie damit einverstanden sind [...]" hat eine Bezugsäußerung, die selbst ein (makro­anapho­rischer) Verweis auf einen propositionalen Gehalt in einem früher erschienenen Text darstellt: "Die Le Monde hat geschrieben, dass [...]". Somit handelt es sich hier um eine metakommunikative intertextuelle Verknüpfung, die im Punkt 4.2.1 näher erörtert wird.

4.1.4.3. Nachgestellt

Nachgestellte MK-Äußerungen zeugen - so (Techtmeier 2001, S. 1458) - "von der Fähigkeit des Sprechers zur ständigen begleitenden Analyse des Erfolgs bzw. Mißerfolgs der kommunikativen Interaktion."

Solche Äußerungen liegen im Falle der oben angeführten polnischen Belege Nr. 13: ("[...] - sagt der Generalsekretär der NATO, Jawier Solana [...]") bzw. Nr. 14 ("[...] - sagt Miodrag Vuković [...]") und des ungarischen Belegs Nr. 15 ("[...] als er noch in seiner Pariser Wohnung die Fragen der HVG beantwortete [...]") vor. Sie stehen jeweils nach der im Vorspann von den Interviewern reformulierten Kern­aussage, die den Beträgen des Befragten entnommen wurde.

Ferner stehen MK-Äußerungen, die zur formalen Dialogsteuerung dienen, auch in der nachgestellten Position, wie dies die oben angeführten Belege Nr. 4 und 5 (Das Interview hat X geführt und Ich danke Ihnen für das Gespräch) ver­an­schaulichen.

Wie schon die angeführten Beispiele signalisieren, finden sich die meisten Befunde für Äußerungen mit dieser Stellung im ungarischen und im polnischen Teilkorpus (s. Anhang I, Teil A: Punkt 4.3).

4.2. Vergleich makroanaphorischer MK-Äußerungen in den Beiträgen deutsch-, polnisch- und ungarischsprachiger Interviewer unter dem Aspekt der Intertextualität

Aus den Befunden der Analyse ergibt sich eindeutig, dass neben normal-anpho­ri­schen MK-Äußerungen auch die im Punkt 4 als makroanaphorisch bezeichneten, intertextuellen MK-Äußerungen in allen drei Teilkorpora präsent sind (s. Anhang I, Teil B: Punkte 1 und 2). Ihr prozentualer und zahlenmäßiger Anteil ist im unga­rischen Teilkorpus am höchsten. Im polnischen Teilkorpus sind dieselben Werte allerdings auch nicht viel niedriger, während sich die wenigsten MK-Äußerungen dieses Typs in den Beiträgen deutscher Interviewer finden. Nun besteht mein Anliegen in dem Versuch, diese Zahlen und Prozente in allen drei Teilkorpora text(sorten)linguistisch fundiert zu interpretieren.

 Eine Klassifikation intertextueller MK-Äußerungen liegt m.W. noch nicht vor. Zu Beginn der empirischen Erforschung der Metakommunikation wurden meta­kom­munikative Makroana-phora in Interviews nicht primär unter dem Aspekt der Intertextualität betrachtet, man hat sich eher mit dem Problem ihrer Legitimität be­fasst, d.h. ob sie überhaupt als Bestandteile der jeweiligen kommunikativen In­ter­aktionseinheit angesehen werden können (Schwitalla 1979, S. 140).[18] Schmit­ter und Adamzik (1982, S. 67) betonen bei makroanaphorischen Äuße­rungen ebenfalls nicht primär die Text-Text-Verknüpfungen, sondern den Umfang des The­mas (Äußerungen zur Themensteuerung, die sich auf ein "Großthema" be­ziehen). Bei Roloff (1990, S. 228) handelt es sich wohl um makroanaphorische Äußerungen, wenn die Autorin von "[d]ialogorganisierenden Phrasen und Sequen­zen" spricht, mit denen neue Themen "eingeführt werden", (z.B. "Wir wenden uns nun einem neuen Abschnitt zu"). Den intertextellen Aspekt spricht Techtmeier (2001, S. 1453) explizit an, indem sie die Funktion folgender MK-Äußerung im Gespräch: "Was du sagst, erinnert mich an den Slogan: Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben." als "thematische Bezugnahme auf eine intertextuelle Relation" bezeichnet.

Die meisten hier erwähnten Ansätze explizieren also eindeutig, dass MK-Äuße­rungen mit intertextuellen Relationen bestimmte thematische Funktion/en in der Gesprächsstruktur ausüben. Diese Einsicht lässt annehmen, dass bestimmte Rela­tionen zwischen dem jeweiligen Interviewtext und seinen durch die intertextuellen MK-Äußerungen mit ihm verbundenen Ko-Texten bei einer genaueren Bestim­mung dieser Funktionen einen wichtigen Aspekt bilden können. Hier führt wohl der Ansatz der Textsorten-Intertextualität von Klein (1991, 2000) weiter: Der Autor erweitert die von Brinker (1997) bei der Definition des Textes und der Textfunktion[19] vorgeschlagenen Kriterien zur Klassifikation der Textsorten auf handlungstheoretischer Basis u.a. um die Kategorie der Intertextualität.[20] Darunter versteht Klein (2000, S. 33) eine "funktionale Vernetzung" der Relationen zwi­schen der jeweiligen Textsorte und ihren Vor-, Parallel- und Nachtextsorten. Es liegen bis jetzt folgende zwei Interaktionsrahmen vor, in denen der Autor diese Relationen prädikatenlogisch bzw. in Form von Pfeilrelationen erfasst hat: der In­teraktionsrahmen der politischen Textsorte "Gesetz" (Klein 1991) und der Inter­aktionsrahmen der Textsorte "Folge einer TV-Soap­-Opera" (Klein 2000).

Die in meiner Untersuchung festgestellten intertextuellen metakommunikativen Relationen ähneln eher den Relationen in Kleins Interaktionsrahmen der Textsorte "Folge einer TV-Soap­-Opera". In diesem Rahmen unterscheidet er Vor-, Parallel-, Nach- und Filter-Textsorten (Klein 2000, S. 35f.):

·         Als Vor-Textsorten der oben genannten zentralen Textsorte werden hier z.B. "vorherige Folge" oder "Drehbuch" genannt, also Texte, deren Exemplare modellbildend, untergeordnet oder motivierend für die Pro­duktion der zu beschreibenden Textsorte sind.

·         Parallel-Textsorten z.B. "Werbespot", sind hier Textsorten, deren Exemplare "unter einem einheitlichen Gesichtspunkt" (ebenda, S. 36) in der gleichen Zeit mit der zentralen Textsorte produziert und /oder emit­tiert werden.

·         Nach-Textsorten: z.B. "TV-Kritiken" , "Fortsetzung", sind Textsorten, für die zentrale Textsorte eine Vor-Textsorte darstellt.

·         Filter-Textsorten: z.B. "Ankündigungstext", sind Textsorten, mit der Hauptfunktion, den Inhalt der zentralen Textsorte "in gefilterter Form, d.h. meist in einer komprimierten Reformulierung [...] wiederzugeben" (ebenda).

In Anlehnung an Kleins Ansatz kann ich auf Grund der vergleichenden Ana­lyse von intertextuellen MK-Äußerungen von Textsortennetzen folgendermaßen sprechen: Die jeweils bei einem Interview festgestellten makroanaphorischen MK-Äußerungen verbinden dieses Interview mit seinen Vor-, Parallel- oder sogar Nach-Textsorten in ein Netz. Im Mittelpunkt des jeweiligen Netzes steht die Text­sorte Presse-Interview.[21] Der Rahmen des Netzes deckt sich mit dem von mir für die kommunikative Interaktionseinheit festgestellten Rahmen: Es sind Textsorten zum Thema Kosovo-Konflikt, die meist in einem öffentlichen Medium (Fernsehen, Radio, Presse) produziert und durch dieses Medium emittiert wurden.

Für alle drei Teilkorpora ist gemeinsam, dass die jeweilige Textsorte, auf wel­che eine MK-Äußerung Bezug nimmt, selten genannt wird. Nicht dies ist hier je­doch von primärer Relevanz, sondern die thematischen Relationen, die zwischen der zentralen Textsorte und ihren Nach-Vor und Paralletexten durch MK-Äuße­run­gen hergestellt werden.

Die Verteilung der Vor-, Parallel- und Nachtextsorten ist von Teilkoprus zu Teilkorpus recht unterschiedlich. Im Folgenden werden diese Relationen mit Bei­spielen exemplifiziert und kommentiert.

4.2.1. Makroanaporische MK-Äußerungen in der Relation 'Interview - Vor-Textsorte?

Die meisten MK-Äußerungen, die die Interviews mit ihren Vor-Textsorten verbin­den, sind im ungarischen Teilkorpus vorhanden. Allein auf Grund der Zahlen und Pro­zente könnte man behaupten, dass die ungarischen Interviewer makro­ana­phorisch metakommunikativ vorwiegend auf die Vor-Textsorten verweisen. Im polnischen Teilkorpus bezieht sich etwa die Hälfte der MK-Äußrungen mit intertextuellen Rela