Marta Czyżewska
Warszawa
Zur Orthographie
in der deutschen Sprache am Ende des 19. Jahrhunderts
mit besonderer Berücksichtigung der Fremdwortorthographie
(am Beispiel der "Allgemeinen
Zeitung", der "Kölnischen Zeitung"
und der "Vossischen Zeitung")
Zu den orthographischen
Fragen haben mehrere Sprachwissenschaftler, Lehrer,
Beamte in Büchern, Verordnungen oder Konferenzreferaten
Stellung genommen. Dabei konnte man sich hauptsächlich
zwischen dem historischen und dem phonetischen Prinzip
bewegen bzw. eine Mischform wählen, was immer für
begeisterte Befürworter oder entschiedene Gegner sorgte.
Die Rechtschreibungsvorschläge betrafen nicht nur
indogene Wörter, man bemühte sich intensiv um eine
Angleichung der Schreibung von Fremdwörtern an die
deutsche Schreibweise durch Einführung einer annähernd
lautgetreuen Schreibung, um Schreibschwierigkeiten
abbauen zu können.
Den größten Anteil an orthographischen
Varianten haben Wörter mit 'c', die aus dem Lateinischen
oder aus den romanischen Sprachen einschließlich des
lateinisch-romanisch beeinflussten Englischen und
Anglo-Amerikanischen übernommen worden sind (Muthmann,
1994, S. 117). Das Zeichen 'c' in Fremdwörtern wurde
als [k] oder [ts] gesprochen und konnte durch Grapheme
<k> bzw. <z> ersetzt werden. Das Konsonantengraphem
<c> zeugt am deutlichsten von der Entwicklung
der Fremdwortschreibung im 19. Jahrhundert. Schon
J.Ch. Gottsched verlangte im Jahre 1776 in seinem
Werk "Vollständigere und neuerläuterte deutsche
Sprachkunst" für griechische und hebräische Wörter
das Graphem <k> bei der Aussprache von [k],
hingegen für die lateinischen Fremdwörter sollte das
Graphem <c> in Geltung bleiben, leider ließ
sich diese Regel nicht durchsetzten. Zahlreiche lateinische
Wörter wurden seit längerer Zeit mit <k> geschrieben
z.B. Kaiser, Käse, Kanzel, Kloster. J.Ch. Adelung
vertrat dieselbe Meinung in seiner "Deutschen
Sprachlehre" (1871). J.CH. Heyse schlug 1838
in seinem Werk "Theoretisch-praktische deutsche
Grammatik oder Lehrbuch der deutschen Sprache"
vor, die aus der griechischen Sprache entlehnten Wörter,
denen ursprünglich ein ‚k' zukam, dieses 'k' eher
zu lassen (z.B. Anekdote, Komma), bei
den lateinischen Wörtern allerdings das 'c' dem 'k'
vorzuziehen (z.B. Candidat, College,
Contract). Er neigte einerseits zur
etymologischen Sonderung. Er verlangte für die lateinischen
Wörter 'c', wagte aber nicht, mit Entschiedenheit
bei den griechischen für 'k' zu plädieren und ließ
eigentlich überall 'c' zu. Dagegen setzte sich D.
Sanders in seinem "Katechismus der deutschen
Orthographie" (1856) eindeutig für eine einheitliche
k-Schreibung ein, ohne Unterscheidung der Fremdwörter
nach ihrer Herkunft. Sanders wiederholte seine Regelvorschläge
im Jahre 1879 im "Orthographischen Hilfsbuch"
und ließ bei der k-Aussprache nur die k-Schreibung
zu (und dementsprechend die z-Schreibung bei der z-Aussprache).
Im engen Zusammenhang
mit der Vereinheitlichung der deutschen Rechtschreibung
standen u.a. Schriften von R. von Raumer, der Anfang 70er
Jahre des 19. Jahrhunderts vom preußischen Kultusminister
Dr. Falk beantragt wurde, Regeln für die deutsche
Orthographie zu erarbeiten. Seine Schriften "Regeln
und Wörterverzeichnis für deutsche Orthographie"
und "Zur Begründung der Schrift: Regeln etc.
für deutsche Orthographie" richteten sich in
erster Linie an die Lehrer und waren für den Schulgebrauch
konzipiert. Im Januar 1876 fand in Berlin große Orthographie-Konferenz statt, deren
Ergebnisse unter dem Titel "Verhandlungen der
zur Herstellung größerer Einigung in der Deutschen
Rechtschreibung berufenen Konferenz" veröffentlicht
wurden. Neben zahlreichen Reformvorschlägen bezüglich
deutscher Wörter wurden im fünften Abschnitt "Besondere
Regeln für die Fremdwörter" formuliert. Zu den
wichtigsten Bestimmungen gehörten folgende (zit. nach
v. Raumer, 1876, S.23ff):
I.
Fremdwörter, die unverändert
ins Deutsche gekommen sind, sollten ihre fremde Schreibweise
beibehalten (z.B. Corps, Cousine, Chef, Tour, Souper,
Agio)
II.
Fremdwörter, die sich
in ihrer Lautform mehr oder weniger an die deutsche
Sprache angepasst haben, sollten der deutschen Orthographie
folgen:
A.
(frz.) ou ->
u (z.B. Diskurs, Truppe)
B.
(frz.) ai ->
ä (z.B. Militär, Sekretär),
(lat.) ae -> ä (z.B. Dämon,
Pädagogik, präparieren)
C.
(frz.) eu ->
ö (z.B. Möbel, religiös)
D.
(frz.) oeu ->
ö (z.B. Manöver)
E.
(frz.) u ->
ü (z.B. Lektüre, Broschüre)
F.
(frz.) au ->
o (z.B. Schafott)
G.
y
-> i (z.B. Silbe, Gips)
H.
(frz.) ch ->
sch (z.B. Schikane, Depesche,
Maschine)
I.
c
-> k (z.B. Kanal, Kapelle,
Kapital, Kommission, Kürassier;
Advokat, Artikel, Dekret, Respekt,
spekulieren - bei eingebürgerten Wörtern,
wenn c dem deutschen Laut k entspricht);
Ausnahmen sind Wörter, die undeutsche Lautbezeichnung
bewahrt haben, z.B. Campagne, Compagnie,
Commis, Couvert, Octroi;
cc und cq bleiben unverändert z.B. Accent,
Acquisition
J.
c
-> c (z.B. Censur, Procent,
Centrum, Ceremonie, citiren,
Civil, social - wenn c dem
deutschen Laut z entspricht, oder Zelle,
Zins, Kreuz, Prinz, Justiz
- wenn z statt des ursprünglichen c
durchgedrungen ist; bemerkbar sind viele Schwankungen
z.B. Zirkular, Konzert, Medizin,
Offizier, offiziös, Polizei,
publizieren u.s.w.
K.
q
-> k (z.B. Etikette, Fabrik,
Mosaik)
L.
(gr.) ph ->
ph (z.B. Philosoph,
Phantasie, Geographie, aber: Elefant
M.
(gr.) th ->
th (z.B. Thron, Apotheke,
Theater)
N.
(gr.) ch im Anlaut
-> ch (z.B. Chaos, Charakter,
Chor, Chronik)
O.
(gr.) y ->
y (z.B. Analyse, anonym, Physik)
P.
v
-> v (z.B. Vers, Vasall,
Kurve)
Q.
gu
-> gu (z.B. Intrigue, Guirlande)
R.
bei betonter Endsilbe
mit kurzem Vokal Doppelschreibung im Auslaut (z.B.
Appell, Ballett, Bankerott,
Bankett, Kabinett, Parkett.
Von Raumer
betonte mit Recht, dass die Schreibung der Fremdwörter
zu den schwierigsten und zwiespältigsten Kapiteln
der deutschen Orthographie gehört, weil sich hier
zwei entgegengesetzte Prinzipien gegenüberstehen.
Eine
Auseinandersetzung mit diesen Konferenzregelungen
finden wir bei Konrad Duden, der in seiner Arbeit
"Die Zukunftorthographie nach den Vorschlägen
der zur Herstellung größerer Einigung in der deutschen
Rechtschreibung berufenen Konferenz" eigene Verbesserungsvorschläge
machte. Er hat vor allem die Frage aufgeworfen, dass
der Assimilationsprozess von Fremdwörtern recht kompliziert
einzuschätzen ist und somit keine richtige Grundlage
für die Rechtschreibregularitäten geschaffen werden
kann. Duden schätzte viele Konferenzentscheidungen
als willkürlich ein und bedauerte, dass die deutsche
Sprache den fremdsprachlichen Elementen gegenüber
in der mittelhochdeutschen Zeit viel mehr Assimilationskraft
hatte als in späteren Sprachperioden (Duden, 1876,
S. 72f.). Kritische Bemerkungen Dudens fanden Widerhall
in seinem "Vollständigen Orthographischen Wörterbuch
der deutschen Sprache" aus dem Jahre 1880 größtenteils
in Form von Doppelschreibungen (z.B. Zentrum/Centrum),
mit denen er den Prozess der Eindeutschung vorantreiben
wollte.
Zwischen
1879 und 1901 wurde die deutsche Rechtschreibung in
einigen deutschen Bundesländern (u.a. Bayern, Preußen,
Baden-Württemberg) kodifiziert und im Schulunterricht
eingesetzt. Der Prozess der Vereinheitlichung wurde
offiziell jedoch erst auf der II. Orthographischen
Konferenz erreicht. Im Sommer 1901 fanden in Berlin
offizielle "Beratungen über die Einheitlichkeit
der deutschen Rechtschreibung" statt. Im Bereich
der Schreibung der Fremdwörter wurden folgende Grundsätze
angenommen (nach Nerius, 1980, S. 343):
a)
Beibehaltung fremder
Schreibweise, wenn die fremde Aussprache keine Änderung
erfahren hat (z.B. Chef, Jalousie, Journal);
Fremdwörter, die keine für das Deutsche fremden Laute
enthalten, haben deutsche Schreibweise (z.B. Gips,
Bluse, Sekretär)
b)
Laut k wird
meist mit k geschrieben:
S.
c
-> k (z.B. Publikum, Adjektiv)
T.
k
in der Vorsilbe Ko- und in der Verbindung mit t
(z.B. korrigieren, Konjunktiv)
U.
k
in Wörtern griechischen Ursprungs (z.B. Akademie,
Protokoll)
V.
c
bleibt zwar in solchen Fremdwörtern, die sonst undeutsche
Lautbezeichnung bewahrt haben (z.B. Coiffeur,
Directrice), aber sein Gebrauch ist schwankend
(z.B. Korps, Kompagnie, Kolportage)
3. Laut z wird mit
z geschrieben:
W.
c -> z (z.B. Medizin, Offizier,
Polizei)
X.
z in der Endung -zieren (z.B. exerzieren, musizieren)
Y.
z in Wörtern, in denen ein ursprüngliches c mit
dem Laut k durch k zu bezeichnen ist
(z.B. Konzert, Konzil)
Z.
ti
bleibt vor betonten Vokalen (z.B. Patient,
Nation), vor unbetontem e schreibt
man meist zi (z.B. Grazie, Ingredienzien),
hinter k schreibt man ti (z.B. Aktien)
AA.
cc wird beim Laut k mit kk geschrieben (z.B.
Akkord, Akkusativ), cc
wird dagegen mit kz beim Laut kz geschrieben
(z.B. Akzent, Akzise)
4. nach betonten kurzen Vokalen
(wie in den deutschen Wörtern) werden darauffolgende
Konsonanten doppelt geschrieben (z.B. Etappe,
Kontrolle), auch im Auslaut (z.B. Appell,
generell), dagegen wird nach einem unbetonten
Vokal die für die fremde Sprache übliche Verdoppelung
aufgegeben (z.B. Perücke, Pomade).
Zusammenfassend ist zu bemerken,
dass die Rechtschreibung von Fremdwörtern in erster
Linie vereinheitlicht wurde, wobei der Aspekt der
Vereinfachung etwas vernachlässigt wurde. Die Forderungen
der phonetischen Schule (vertreten u.a. durch F.W.
Fricke und R. Bax), eingebürgerte Fremdwörter und
Lehnwörter lautgetreu zu schreiben (z.B. Toalette,
Nazion, Följeton, Niwo u.s.w.), fanden in ihrer radikalen
Form keine Anerkennung, aber die Zielsetzung, im Interesse
des Schreibers eine Schreibung gemäß dem phonetischen
Prinzip durchzusetzen, ist nicht ohne Einfluss auf
die Beratungen und die Schlussbestimmungen der Konferenz
geblieben.
Einige Bemerkungen zur Orthographie
in den Zeitungsexzerpten aus dem Jahre 1880
Die erste Gruppe der Zeitungsbelege stammt
aus dem Jahre 1880, d.h. aus der Zeit, in der verbindliche
Rechtschreibregeln durch die Orthographiekonferenz
von 1876 geschaffen wurden. Bei der Durchführung der
angenommenen Lösungen zeigte sich jedoch, dass die
Grenze nicht so leicht einzuhalten war. Einerseits
wurden nicht alle orthographischen Zweifel beseitigt,
andererseits wurden bei weitverbreiteter Schreibweise
von geläufigen Wörtern unnötige Veränderungen eingeführt,
was eher einen Gegensatz der Vereinfachung bzw. Vereinheitlichung
darstellte. Nach 1876 sollte Karton wieder
Carton geschrieben werden, bei verwandten Wörtern
gab es einerseits Kollekte und kollektieren,
aber es blieb weiterhin beim Collecteur. Es
ist daher begreiflich, dass die Wörterverzeichnisse
sich nicht selten, das eine mehr, das andere weniger,
von der allgemeinen Norm entfernten und dazu noch
oft Doppelformen enthielten. Für Verwirrung sorgten
z.B. Cabinét/Kabinet (Heyse, 1838), später nur Cabinet
(Heyse, 1870) oder umgekehrt: Kanal (Heyse, 1838),
später wieder Doppelform Canal/Kanal (Heyse, 1870).
In dieser sprachlich unklaren
Situation mussten die Journalisten ihre Arbeit ausführen.
Nicht alle hatten die Neigung, im Zweifelsfall nach
einem Wörterbuch zu greifen, teils aus Bequemlichkeit,
teils aus Hektik in der Redaktion. Meldungen aus den
Nachrichtenagenturen mussten schnell bearbeitet und
weitergeleitet werden und es mangelte an oft an sorgfältiger
Korrektur der zu veröffentlichenden Texte.
Beispiele aus den untersuchten
Zeitungen spiegeln deutlich die schwankende Entwicklung
des Schreibusus bzw. der amtlichen Regeln wider. Aus
dem zeitlichen Nacheinander der Substitution resultieren
in den 80er und 90er Jahren des 19. Jahrhunderts eine
Reihe von Misch- und Doppelformen, die in den Zeitungsausschnitten
sichtbar zum Ausdruck kommen.
Im Bereich der Schreibweise
der deutschen Wörter lassen sich einige charakteristische
Merkmale feststellen:
a)
ß-Schreibung
in Substantiven (und seltener auch anderen Wortarten),
z.B.: Adreßbuch (KZ), Befugniß (VZ, aber Befugnis
in der KZ!), dieß (AZ), Erlaubnißschein (KZ), Gefängniß
(VZ), geheimnißvoll (AZ), Hinderniß (VZ), Rußland
(AZ);
b)
Besondere
Großschreibung der Umlaute in Substantiven und Präpositionen,
z. B.: Aera (VZ), Aehnlichkeit (AZ), Aerzte (AZ),
Oeffentlichkeit (VZ), Oekonomist (AZ), Oesterreich
(AZ, KZ, VZ), Uebelstände (AZ), Ueber (AZ, KZ), Ueberführung
(KZ), Uebersiedlung (KZ), Ueberraschung (VZ), Uebung
(AZ);
c)
th-Schreibung
in Substantiven, Verben und Adjektiven, z.B.: Besitzthümer
(AZ), Heimath (AZ, VZ), Noth (AZ), Bundesrath (AZ,
aber Bundesrat in der KZ)/ Landrath (VZ)/ Ministerrath
(VZ), Nachtheil (AZ, VZ)/ Theil (AZ, KZ, VZ) /Urtheil
(VZ) / Vortheil (AZ), Ertheilung (VZ) /Mittheilung
/(AZ,VZ), Thron (KZ), Thür (KZ); ertheilen (VZ), gerathen
(AZ), thun (VZ)/ gethan (AZ)/ thäte (AZ), verwerthen
(AZ); nothwendig (VZ), räthlich (AZ), rathlos (AZ),
thöricht (VZ), vermuthlich (AZ);
d)
Getrenntschreibung
von meist zweigliedrigen Zusammensetzungen (mit Doppelbindestrich),
darunter auch Hybridbildungen (Verbindungen von einheimischen
und fremden Elementen), z.B.: in der AZ - Gala=Uniform,
Infanterie=Bataillon, Cur=Methode, Marine=Schule,
Militär=Division, Südsee=Insel, Wasser=Bassin, Wähler=Versammlung;
in der KZ - Eisenbahn=Direction, Garnison=Lazarett,
General=Versammlung, Kaiserhof=Gesellschaft, Versicherungs=Gesellschaft;
in der VZ - Holz=Galanteriewaaren, Intelligenz=Comptoir,
Krieger=Verein, Land=Liga, Reichstags=Abgeordnete,
Stadtverordneten=Versammlung, (dreigliedrige Zusammensetzung:
Feld=Artillerie=Regiment);
e)
Damalige
Schreibweise, z.B.: Abhülfe (KZ)/ Hülfscomité
(AZ), /er/ giebt (VZ), sämmtlich (AZ,
KZ, VZ), Waare (VZ), /er/ ward (VZ);
Schwankungen bzw. (Druck)Fehler z.B.: Entwickelung
(VZ), Gewehr (KZ, AZ)/ Gewähr (AZ),
Grenze (KZ)/ Gränze (AZ).
Im Bereich der Orthographie der Fremdwörter lassen sich
folgende Bemerkungen machen:
(i)
Beibehaltung
fremder Schreibweise bei den nicht assimilierten Wörtern
(AZ, KZ, VZ), z.B.: Boulevard, Depeche, Cabinet, Comité,
Coupé, Palais, Portefeuille, Souper, Terrain, Trottoir;
in der AZ werden fremde Grapheme und diakritische
Zeichen häufiger berücksichtigt, z.B.: Déjeûner (AZ)/
Dejeuner (KZ, VZ), Dîner (AZ)/ Diner (KZ, VZ), aber:
Telegraph (AZ)/ Télégraphe (KZ), Bankier (AZ)/ Banquier
(KZ);
(ii)
k-Schreibung:
- bei gleichzeitig vorliegenden
Belegen aus allen drei Zeitungen tritt das Graphem
'k' in der VZ häufiger auf als in der AZ und KZ, z.B.:
Instruktion (VZ)/ Instruction (AZ, KZ), Kommission
(VZ)/ Commision (AZ, KZ), pekuniär (VZ)/ pecuniär
(AZ, KZ), Rekrut (VZ)/ Recrut (AZ, KZ);
- bei 2 Belegen: Advokat (VZ)/
Advocat (KZ), Distrikt (VZ)/ District (AZ);
- in Einzelbelegen häufiger
Gebrauch des Graphems 'k' in der KZ, z.B. Karawane,
Klimax, kooptiren, Kuratel oder Doppelformen z.B.
Canalisation/Kanalisation;
(iii)
Schwankungen
in der Schreibweise von th/tt, t/tt, z.B.: Lazareth
(AZ, VZ)/ Lazarett (KZ), Billet (KZ)/ Billett (VZ);
(iv)
Schwankungen
in der Schreibweise von z/c, z.B.: Dezennien (AZ)/
Decennien (VZ);
(v)
Schwankungen
in der Schreibweise von ai/ä, z.B.: Militair (AZ,
VZ)/ Militär (AZ, KZ);
(vi)
Schwankungen
in der Schreibweise von ch/sch, z.B. Chausse (KZ),
Depeche (AZ, KZ, VZ), aber: Schatulle (VZ) oder Schablone
(AZ, KZ);
(vii)
Verbsuffix
-iren bei Verben fremdsprachlicher Herkunft in allen
drei Zeitungen, z.B.: depossediren, figuriren, illustriren,
participiren, sistiren, ventliliren;
(viii)
Schwankungen
in der Kommasetzung u.a. vor Infinitivkonstruktionen
(in allen drei Zeitungen fehlende Kommas in einzelnen
Sätzen), vor Relativsätzen (besonders oft fehlen Kommas
in der AZ im Gegensatz zur KZ und VZ), vor Konjunktionalsätzen
(in der AZ befindet sich vor der Konjunktion 'daß'
nur selten ein Komma, dagegen fast immer korrekte
Kommasetzung in der KZ und VZ);
Zusammenfassend lässt sich
feststellen, dass die Orthographieregeln von 1876
oft außer Acht gelassen werden, wovon zahlreiche Schwankungen
in der Anwendung festgelegter Grapheme zeugen können.
Fehlende Kommasetzung, besonders in der AZ, erschwert
sogar das Lesen der Zeitungstexte. Vergleicht man
die Rechtschreibung der untersuchten Belege mit dem
Verdeutschungswörterbuch von Dunger, stellt man fest,
dass er z.B. bei der k-Aussprache k-Schreibung gelten
lässt, konsequent das Verbsuffix -ieren benutzt, also
sich an die von verbindlichen Regeln hält.
Einige Bemerkungen zur Orthographie
in den Zeitungsexzerpten aus dem Jahre 1896
Die aus dem Jahre 1896 stammende Gruppe
der Zeitungsbelege zeigt zahlreiche Abweichungen von
den verbindlichen Rechtschreiberegeln, die von der
Orthographiekonferenz von 1876 ausgearbeitet wurden.
Im Bereich der Schreibweise der deutschen Wörter konnten
folgende auffallende Merkmale festgestellt werden:
a)
1.ß-Schreibung
in Substantiven, z.B.: Besorgniß (AZ), Erkenntniß
(AZ), Erlaubniß (VZ), Gefängniß (VZ),
Rußland (AZ, KZ);
b)
Besondere
Großschreibung der Umlaute in Substantiven und Präpositionen,
z. B.: Aerzte (KZ), Oesterreich (KZ, VZ), Ueber
(AZ), Ueberführung (KZ), Uebernahme (KZ), Uebertritt
(VZ), Ueberzeugung (KZ), Uebung (AZ, KZ);
c)
th-Schreibung
in Substantiven, Verben und Adjektiven, z.B. Aufsichtsrath
(VZ) /Bundesrath (VZ)/ Oberkirchenrath (VZ), Berathung
(AZ), Fluth (VZ), Mittheilung (AZ), Thor (VZ), Werth
(AZ); berieth (AZ), getheilt (AZ)/ theilt ... mit
(VZ); telegraphisch (AZ), nöthig (VZ);
d)
Getrenntschreibung
von meist zweigliedrigen Zusammensetzungen (mit Doppelbindestrich),
darunter auch Hybridbildungen (Verbindungen von einheimischen
und fremden Elementen), z.B.: in der AZ - Ausstellungs=Zeitung,
Hubertus=Diner Cavallerie=Division, Kranken=Anstalten,
Localbahn=Ausschuß, Prinz=Regent; in der KZ - Ausstellungs=Direction,
Finanz=Deputation; in der VZ - Moltke=Brücke, Oktober=Posten,
Schullehrer=Seminar, Wettbewerb=Entwürfe; mehrere
dreigliedrige Zusammensetzungen, z.B.: in der AZ -
Garde=Pionier=Bataillons, Garde=Füsilier=Regiment,
in der KZ - Börsen=Enquete=Commission, Kaiser=Wilhelm=Canal,
in der VZ - Friedrich=Wilhelm=Universität, Joachim=Quartett=Soiree;
e)
Damalige
Schreibweise, z.B.: sämmtlich (AZ, VZ); Schwankungen
bzw. (Druck)Fehler z.B.: deßhalb (AZ), grade
(KZ), hiebei (AZ), jenseit (KZ) unsre (AZ);
Die Orthographie der Fremdwörter kennzeichnet sich durch
folgende Merkmale:
(i)
Beibehaltung
fremder Schreibweise bei den nicht assimilierten Wörtern
(AZ, KZ, VZ), z.B.: Bataillon, Depeche, Etablissement,
Palais, Portefeuille, Terrain; in der AZ werden fremde
Grapheme und diakritische Zeichen vergleichsweise
recht häufig berücksichtigt, z.B.: Coupé, Enquête;
seltener sind sie gleichzeitig auch in der KZ zu finden,
z.B.: Exposé, Comité. VZ verzichtet auf derartige
Zeichen im größten Maße, z.B. Komitee, Kupee.
(ii)
k-Schreibung:
- bei gleichzeitig vorliegenden
Belegen aus allen drei Zeitungen tritt das Graphem
'k' in der VZ häufiger auf als in der AZ und KZ, z.B.:
Eskorte (VZ)/ Escorte (AZ, KZ), fiskalisch (VZ)/ fiscalisch
(AZ, KZ), Klub (VZ)/ Club (AZ, KZ), Korps (VZ)/ Corps
(AZ, KZ), Proklamation (VZ)/ Proclamation (AZ, KZ),
Rekurs (AZ)/ Recurs (VZ);
- bei 2 Belegen: Dekret (VZ)/
Decret (AZ); Kontrakt (VZ)/ Contract (AZ), Rekrut
(VZ)/ Recrut (KZ);
(iii)
Schwankungen
in der Schreibweise von th/tt, t/tt, z.B.: Lazareth
(AZ, VZ)/ Lazarett (KZ), Billett (AZ)/ Billet (VZ);
(iv)
in der
Schreibweise von z/c bevorzugt die VZ die z-Schreibung,
z.B.: zirkuliren (aber: circuliren - AZ), Exerzitien
(aber: Exercitien - KZ), inspiziren (aber: inspiciren
- AZ);
(v)
bevorzugte
Schreibweise von ai statt ä, z.B.: maltraitiren (VZ),
raisonniren (AZ), Quarantaine (KZ);
(vi)
bevorzugte
Schreibweise von ch statt sch, z.B. Chaussee (KZ,
VZ), Depeche (AZ, KZ, VZ);
(vii)
Verbsuffix
-iren bei Verben fremdsprachlicher Herkunft in allen
drei Zeitungen, z.B.: inauguriren, revidiren;
(viii)
in allen
Zeitungen lässt sich eine korrekte Kommasetzung beobachten
(sowohl vor Infinitivkonstruktionen, als auch vor
Relativsätzen und Konjunktionalsätzen.
Zusammenfassend lässt sich
feststellen, dass die Orthographieregeln von 1876
oft außer Acht gelassen werden, wovon zahlreiche Schwankungen
in der Anwendung festgelegter Grapheme zeugen können.
Die Kommasetzung ist dagegen positiv einzuschätzen.
Vergleicht man die Rechtschreibung der untersuchten
Belege mit dem Verdeutschungswörterbuch von Dunger,
stellt man fest, dass er z.B. bei der k-Aussprache
k-Schreibung gelten lässt, konsequent das Verbsuffix
-ieren benutzt, also sich an die von verbindlichen
Regeln hält.
Beim Vergleich der Schreibweise
von 1880 und 1896 lassen sich sehr viele Gemeinsamkeiten
feststellen, was besonders die Beibehaltung der fremden
Schreibweise, k- und z-Schreibung sowie der Schreibweise
des Verbsuffixes -iren betrifft. Auffallend ist in
allen Zeitungen der Rückgang von der th-Schreibung,
in der "Kölnischen Zeitung" wird diese
Verbindung sogar konsequent vermieden (mit Ausnahme
von 'Sympathie'). Die Kommasetzung von 1896 wurde
im Vergleich zu 1880 auch wesentlich verbessert, so
dass das Lesen der Texte nicht mehr dadurch beeinträchtigt
ist.
Der
Prozess der Vereinheitlichung der Schreibweise der
deutschen Sprache wurde erst auf der II. Orthographischen
Konferenz im Sommer 1901 erreicht. Das Nachschlagewerk
zur Rechtschreibung des Deutschen ist seit 1915 nach
Konrad Duden benannt, dessen 1880 erschienenes "Vollständiges
orthographisches Wörterbuch der deutschen Sprache"
die Einheitlichkeit der deutschen Sprache begründete.
Die im Rechtschreibungs-DUDEN kodifizierten Schreibweisen
und Regeln gelten in allen Zweifelsfällen als verbindliche
Norm, und zwar seit 1955 mit staatlicher Sanktionierung
durch die Kultusministerkonferenz.
Bibliographie
BAX,
R. (1981): Vorschläge zur Reform der deutschen
Orthographie nach den Grundsätzen der Phonetik. Leipzig.
BAX,
R. (1997): Volksorthographie auf phonetischer Grundlage.
Frankfurt.
DUDEN,
K. (1876): Die Zukunftsorthographie nach den Vorschlägen
der zur Herstellung größerer Einigung in der deutschen
Rechtschreibung berufenen Konferenz. Leipzig.
DUDEN,
K. (1902): Orthographisches Wörterbuch der deutschen
Sprache. Nach den für Deutschland, Österreich und
die Schweiz gültigen amtlichen Regeln. Leipzig/Wien.
DUDEN - Fremdwörterbuch
(1994) - Duden. Das große Fremdwörterbuch.
Herkunft und Bedeutung der Fremdwörter. Mannheim.
HEYSE,
J.Ch.A. (1838): Allgemeines verdeutschendes und
erklärendes Fremdwörterbuch oder Handbuch zum Verstehen
und Vermeiden der in unserer Sprache mehr oder minder
gebräuchlichen fremden Ausdrücke, mit Bezeichnung
der Aussprache, der Betonung und der Abstammung.
Hannover.
HEYSE,
J.Ch.A. (1870): Allgemeines verdeutschendes und
erklärendes Fremdwörterbuch mit Bezeichnung der
Aussprache und Betonung der Wörter nebst genauer Angabe
ihrer Abstammung und Bildung. Hannover.
LEXIKON
sprachwissenschaftlicher Termini (1988). Leipzig.
MUTHMANN,
G. (1994): Doppelformen in der deutschen Sprache
der Gegenwart. Tübingen.
NERIUS,
D. (1980): Theoretische Probleme der deutschen
Orthographie. Berlin.
RAUMER,
R. v. (1876): Regeln und Wörterverzeichnis für
deutsche Orthographie. Berlin
RAUMER,
R. v. (1878): Zur Begründung der Schrift: Regeln
etc. für deutsche Orthographie. Berlin.
ZABEL,
H. (Hg.) (1987): Fremdwortorthographie. Beiträge
zu historischen und aktuellen Fragestellungen.
Tübingen.