Orbis Linguarum

Orbis Linguarum


Orbis
Aktuell
Diskussion
Suche
Archiv
Register
Redaktion

Bestellung

Impressum

Download dieses Dokuments als pdf-Datei
Diskutieren Sie mit Kollegen über diesen Artikel im Forum.
Orbis Linguarum Vol. 24/2004

Krzysztof Biliński

Wrocław

Zwischen Postmoderne, Kommunitarismus und analytischer Philosophie - Humanistik auf der Suche nach ihren Rechten

Der Begriff "Post-Moderne" ist, neben "Post-Neuzeitlichkeit", "Post-Stru­ktu­rali­mus" und "Dekonstruktion", eine der am häufigsten verwendeten Bezeich­nun­gen in der modernen Humanistik, in den Gesellschaftswissenschaften, in der Philo­so­phie und Geschichte. Es ist auch hier nicht leicht, eine zufriedenstellende Defi­ni­tion abzugeben. Frederic Jameson hat festgestellt: "Von Zeit zu Zeit fühle ich mich wie niemand anderer durch die Losung 'Postmoderne' erschöpft, wenn ich je­doch Lust habe, in die nebligen Bereiche von deren Betrachtung einzutauchen, um deren Miss­brauch und Verbreitung zu bedauern und um mit Abneigung festzu­stel­len, dass sie mehr Probleme schafft als löst, beginne ich plötzlich zu überlegen, ob irgend­eine andere Idee die Diskussionen so tief und so wirksam dramatisieren kann." [1]

Es ist schwierig, in einer kurzen Skizze alle Forschungsmeinungen darzustellen, ich neige jedoch dazu, "Postmoderne" als eine breitere Formel als "Post-Neu­zeit­lichkeit", "Post-Strukturalismus" und "Dekonstruktion" zu betrachten. Es darf dabei nicht vergessen werden, dass sich die Postmoderne dank der Zu­sammenstellung mit der Moderne charakterisieren lässt. Huyssen hat Recht, wenn er feststellt: "Poststrukturalismus bildet überwiegend eine Debatte zum Thema Moderne [...] [und deshalb] müssen wir uns mit dem Gedanken ver­traut machen, dass das Haupt­ziel dieser französischen Theorie nicht die Schaffung der Konzeption von Post­neu­zeitlichkeit oder die Lieferung von ausführ­lichen Ana­lysen der modernen Kultur, sondern die Festlegung einer be­stimmten "Ar­chäologie der Neuzeit­lich­keit", der Diagnose von Moderne im Zustand von Marasmus und Ausschöpfung ist" [2] .

Am kürzesten lässt sich die Postmoderne, wie es scheint, ähnlich wie die Post­neuzeitlichkeit durch die Berufung auf die Pragmatik definieren. Diese Be­grif­fe erscheinen meistens in drei unterschiedlichen Bedeutungen und diese be­zeich­nenden Berufungen:

1.       "Zum Suggerieren von Unterschieden im Verhältnis zur Neuzeitlichkeit, bei der gleichzeitigen Einhaltung der Kontinuität,

2.       zur Unterstreichung des vollständigen Abbruchs von der modernen Welt und modernen Bedingungen, sowie

3.       als Bestimmung der Verhaltensweisen gegenüber modernen Lebensformen, gegen­­über der Neuzeitlichkeit, deren Vorteilen und ihren problematischen Fol­gen und Beschränkungen". [3]

Der Streit zwischen den Postmodernisten und den analytischen Philosophen ist an­ge­sichts der aufgeführten Probleme metamethodologisch, das heißt er konzen­triert sich auf die Erläuterung, ob sich die sprachliche Ereignisbeschreibung per se or­ganisiert, oder ob sie sich auf die Wirklichkeit bezieht.

Hier gehen die Wege dieser zwei wissenschaftlichen Lager eigentlich ausein­an­der. Die Postmodernisten, darunter auch die Vertreter der Dekonstruktion, ver­su­chen zu beweisen, dass wir bereits im Sprachsystem mit der Spaltung und Desor­ganisation zu tun haben, wobei es möglich ist, die flache Struktur dieser Desor­ga­nisation durch den Hinweis auf die sie bestimmenden Elemente zu untersuchen. Gleichzeitig ermöglich die Spaltung des Textes und dessen Rekonstruktion (oder eigentlich Dekonstruktion), die scheinbar unwesentlichen Bestandteile zu finden, die in der Wirklichkeit sehr wesentlich sind, weil sie den "Prä-Text" bilden, der die Grundbedeutung für die "Wahrhaftigkeit" des Werkes hat. Der Begriff "Wahrhaf­tig­keit" bedeutet hier selbstverständlich die Vielfältigkeit der Rechte und gleich­zeitig den Mangel an Möglichkeit, auf eine bevorzugte Meinung hinzu­weisen. Anders gesagt ver­liert der Status des Werkes jede Autonomie, weil es keinen Ge­genstand gibt, der sich vom Text unterscheidet und ein unabhängiges Dasein ist (alles ist nur Text), es gibt kein objektives Kriterium der Wahrheit und demzufolge der objektiven Bedeu­tung des Textes und dessen einzigen ausgezeichneten Ausle­gung. Dieser Meinung widerspricht entscheidend die analytische Philosophie, mit der fast hundertjährigen Tradition, die auf der Grundlage von Logik, Mengen­theo­rie und Metamethodologie des Wissens entstanden ist, sie versucht zu beweisen, dass den philosophischen Sta­tus der Postneuzeitlichkeit die Postmodernisten, die sich in unfruchtbaren Sprachspielen verlieren, selbst geschaffen haben. Zu einer ähnlichen, was interessant ist, Philosophie, obwohl sie sich förmlich von der Post­mo­derne unterscheidet, bekennt sich der berühmte Kommunitarist A. Macintyre. In der Erb­schaft der Tugend versucht er zu beweisen, dass das hervorragende - schöpferische und mehrdeutige Verhältnis des Menschen zur Welt keine Vermut­barkeit ist. Jeder Gegenstand generiert sogar keine Vermutbarkeit im sozialen Sinn. Der Wis­senschaftler zeigt, dass es möglich ist, die drei Kategorien der systemati­schen Un­vermutbarkeit, das heißt: radikal konzeptuelle Innovationen, der spiele­risch-theore­ti­sche Charakter des sozialen Lebens ("unbestimmtes Vergehen der spielerisch-theoretischen Situationen, Bestehen in sozialen Situationen des "un­vollkommenen" Wissens, Gleichzeitigkeit vieler Spiele und Vorgänge) und - der Joker in einem Kartenspiel - reiner Zufall, gebildet hat. [4]

Man muss keine tiefen methodologischen Analysen durchführen, um die Mei­nun­­gen von A. Macintyre als zwar auffallend, jedoch nur ein Spiel mit der Spra­che zu betrachten. Im Gegensatz zu Voraussichten ist die "Unvermutbarkeit" keine Kategorie, die sich der wissenschaftlichen Forschung entzieht. Die mehrwertigen Logiken, die Logik der aufweichenden Sammlungen, Wahrscheinlichkeitsrechnung und Statistik haben die "Unvermutbarkeit" bedeutend beschränkt. Es scheint auch nicht, dass die Größe des menschlichen Geistes, die den progressiven Erkenntnis­evolutionismus aufdrängt, den Status der "Unvermutbarkeit" besitzt, desto mehr, wenn wir einen durchschnittlichen Bürger jeder Gesellschaft in Anspruch nehmen. Sogar eine so scheinbar revolutionäre wissenschaftliche Entdeckung wie die weit ver­standene Relativitätstheorie haben die Gewohnheiten oder Neigungen des ein­fachen durchschnittlichen Menschen nicht verändert. Die sofortige Bemerkung des "un­voll­kommenen Wissens" in der Gesellschaft ist völlig verständlich, obwohl sie die Perspektive dessen vollständiger Umgestaltung in die Wissenschaft eröffnet hat, was bestimmt einen langsamen Prozess bildet. Ich verstehe dagegen nicht voll­ständig, warum ein Joker im Kartenspiel einfacher Zufall sein sollte. Die klas­sische Wahrscheinlichkeitsrechnung beweist, dass bei dieser Konfiguration die Chance, ihn zu finden, 3/55 oder 2/54 beträgt, dies kann demzufolge berechnet werden. Die Feststellung selbst - reiner - Zufall, der mit einer logischen Unschärfe über­rascht, bedeutet gar nicht die "Unvermutbarkeit". Der genannte Fall wurde hier erwähnt, um zu zeigen, dass die Postmodernisten oft für die Begründung ihrer Theorien nach verschiedenen wissenschaftlichen Gebieten greifen, zwischen denen zu den letzten die Mathematik nicht zugerechnet werden kann. Es ist jedoch die Mathe­matik, die auf eine instrumentale Weise - das heißt nicht berechtigt, betrach­tet wird. Julia Kristeva versucht, eine formalisierte Theorie der Gedichtssprache zu schaffen, die auf Grund dieses Wissens zu begründen wäre. In den Arbeiten von Paul Virillo wie­derholen sich die Begriffe "Hiperraum", "Objekt", "Struktur" oder "Topologie", deren Anwendung der genau bestimmten Definitionsbedeutung wi­der­spricht. Mo­disch sind auch die Berufungen auf die logischen Arbeiten von Fre­ge und auf die berühmte Monographie von Neumann und Morgenstern Theory of Games and Eco­nomic Behaviour (1944) und auf die Philosophie von Wittgenstein. In Der Postmo­dernen Kondition von Lyotard treffen wir fast überall diese mathe­matische Igno­ranz. Der Autor schreibt: "Diese Beschränkungen [förmlicher mathe­matischer Sys­teme] bedeuten, dass die Metasprache, die die Logik zur Beschrei­bung der künstli­chen Sprache (Axiomatik) bedeutet, eine "natürliche" oder Um­gangssprache ist, sie ist eine universale Sprache, weil sich alle anderen Sprachen in diese Sprache über­setzen lassen, aber sie ist nicht einheitlich im Verhältnis zu Ver­handlungen: sie lässt die Entstehung von Paradoxen zu." [5]

Lyotard vermischt im genannten Abschnitt ein paar Begriffe - die Axiomatik ist nicht der künstlichen Sprache gleich, die erste nimmt die Umgangssprache nicht in Anspruch, weil sie die ausdrücklichen semantischen Kategorien, d.h. Sätze, Na­men, Satzfunktionen, Funktoren und Operatoren, verwendet. Sie sind nicht beliebig, weil sie zu derselben Gruppe der Kategorien gehören sollen, obwohl z.B. die Argumen­te der Funktoren desweiteren die voraussichtlich unterschiedlichen Ausdrücke bil­den. Dies bedeutet, dass wir imstande sind, die namensbildenden und satzbilden­den Ausdrücke auszusondern. Über die satzbildenden Funktoren, die uns interessieren werden, wird festgestellt, dass sie zu der gegebenen Situation nur dann und aus­schließlich dann gehören, wenn sie die Funktoren mit der gleichen Zahl von Argu­menten sind. Auf dieser Grundlage stellen die Logiker unter anderem fest, "dass die Implikation-, Konjunktion-, Alternative- und Gleichgewichtszeichen zu der­selben semantischen Kategorie gehören, zu der wir das Verhandlungszeichen nicht rechnen, weil es ein Ein-Argument-Funktor ist, die früher genannten Funktoren dagegen sind Zwei-Argument-Funktoren" [6] . Der Autor der Postmodernen Kon­dition vermischt unter anderem auch zwei unterschiedliche semantische Katego­rien miteinander, wobei er ihnen den Vorwurf fehlender Kohäsion in gegenseitigen Be­ziehungen macht.

Gleichzeitig soll festgestellt werden, dass die nicht scharfe Bezeichnung "Um­gangssprache" keine eindeutige logische Bindung impliziert - wir wissen demzu­folge nicht, ob sie eine Sammlung von lexikalischen Kategorien, der Syntax und der Weise von Schlussfolgerungen, die für die gegebene Sprache typisch sind, bedeutet, die jedoch die Eigenschaften der Informationsgenüglichkeit aufweisen, anders ge­sagt führen sie zu keiner semantischen Inkohärenz, sie sollen vielleicht mit dem alltäglichen Stil und mit allen Konsequenzen, die daraus erfolgen, verbun­den wer­den. Im ersten Fall kann die Sprache der allgemein gültigen Mathematik gebildet werden, aber nicht mehr der Metamathematik (Metabeschreibung der Mathematik), im zweiten Fall wird der Grad der Zufälligkeit so groß, dass er alle logischen Vor­gänge disqualifiziert. Außerdem führt das Bestehen von Paradoxen zu keiner An­tinomie in der förmlichen Sprache oder sie können beseitigt werden, im weite­ren Sinne - sie lässt die Paradoxen zu, was gerade aus der Inkohärenz der natürli­chen Sprache erfolgt. Davon wussten die Sofisten, die gern nach der Anti­nomie grif­fen, wodurch sie, wie allgemein bekannt, die Bewunderung von Laien erweckten. Es muss jedoch hinzugefügt werden, dass die Antinomien der Alter­tü­mer verhältnis­mäßig leicht zu erklären sind, wenn wir die Metasprache verwenden, also wenn wir genau und eindeutig, und nur eindeutig die Bedeutungen der in einem bestimmten sprachlichen Fall (Pragmatik) verwendeten Wörter beschreiben und auf den logi­schen Mechanismus des durchgeführten Vorgangs hinweisen. Lyotard beruft sich, um seine Rechte zu beweisen, auf den ersten Lehrsatz von Gödl über die Unvoll­ständigkeit. Und auch in dem von uns analysierten Abschnitt muss die­ser vorhanden sein, obwohl sich der Autor von Der Postmodernen Kondition in der Glosse auf Alfred Tarski beruft. Die Unvollständigkeit im Sinne von Lyotard und Derrida hat nicht viel mit den Definitionen mit dem ausdrücklichen metama­the­ma­ti­schen und Metasystemstatus zu tun. Der Lehrsatz von Gödl über die Unvollstän­digkeit besagt, "für jedes nicht widersprechende förmliche System, das die Arith­me­­tik der natür­lichen Zahlen enthält, gibt es die nicht zu entscheidenden Sätze, d.h. die sich in ihm nicht beweisen lassen, obwohl sie in der Sprache des gegebenen Systems ausge­drückt werden können. Es ist die syntaktische Form dieses Lehr­satzes, der auch die semantische Fassung besitzt, für jedes nicht widersprechende förmliche System, das die Arithmetik der natürlichen Zahlen enthält, gibt es die wahren Sätze, die in dessen Sprache ausgedrückt werden können, aber sie lassen sich in diesem System nicht beweisen" [7] . Für die Postmodernisten bildet der Lehr­satz von Gödl den Be­weis der Schwäche von Wissenschaft, die so präzis und genau scheint, welche die Mathematik bildet, was des weiteren eine verständliche Schluss­folgerung implizie­ren soll, dass dieses Problem desto mehr die anderen Fachge­bie­te betreffen soll, die scheinbar nicht so radikal im Bezug auf die von diesen ange­wendeten Methoden sind. Der Folgesatz dieser Schlussfolgerung, der sicher die Eigenschaften der Wahr­haftigkeit besitzt, wird durch den falschen Vorsatz anti­zi­piert, was schließlich zum Satz führt, der als wahr nicht betrachtet werden kann. Daraus erfolgt, dass das Be­stehen von ausschließlich syntaktischen Beziehungen in der Sprache zu schwach ist, um mit deren Hilfe die Metabeschreibung der Sprache selbst durchzuführen. Dies führt zur Notwendigkeit, zu dieser Sprache die Seman­tik einzuführen oder so­gar die ausschließlichen auf die Semantik gestützten Regeln zu bilden. Die Post­mo­dernisten scheinen zu vergessen, dass die natürliche Konse­quenz des Lehrsatzes von Gödl keine Möglichkeit ist, die Referenzfunktion der Sprache zu internen sprach­lichen Regeln zu vereinfachen. In der Praxis müssen wir uns demzufolge mit den Beschränkungen der Sprache abfinden, die ausschließlich den Systemcharakter haben und sich nur und ausschließlich mit Hilfe dieser Syste­me ableiten lassen. Davon spricht außerdem der zweite Lehrsatz von Gödl über die Unvollständigkeit, der durch die Postmodernisten nicht berücksichtigt wird. Er sagt, es gebe keine Möglichkeit "diesen Beweis keiner Widersprüchlichkeit der Systeme, die die Arithmetik ent­halten, anzugeben, der ausschließlich die Mittel dieser Systeme in Anspruch nimmt; den Beweis von keiner Widersprüchlichkeit solcher Systeme erfordert die Ver­wendung von Konstruktionen, die keine Vertre­tung im Rahmen der arithmetischen Rechnung haben" [8] .

Völlig unklar scheint die Berufung von Lyotard auf Tarski, das heißt auf den Lehrsatz über die Undefinierbarkeit der Wahrheit. Ohne seine ausgebaute Defi­ni­tion ausführlich zu betrachten, kann kurz festgestellt werden, dass der Begriff der Wahrheit für die Formeln der gegebenen Theorie in ihr selbst nicht ausgedrückt wer­den kann. Selbstverständlich entsteht auch in diesem Fall die ausdrückliche Ab­hängigkeit der Sprache und der Metasprache, jedoch mit dem Vorbehalt, dass die letzte entscheidend stärkere Formeln als die erste anwenden muss. Schließ­lich, wie man sich leicht überzeugen kann, schreiten sowohl Lyotard als auch Derrida in die sumpfige Strömung der Logik, der Mengentheorie und der Metame­thodologie ein, in denen die dominierende Rolle seit Jahren die analytische Philo­so­phie spielt. Die von diesen zitierten wichtigen mathematischen Lehrsätze, mei­stens unverständlich sogar für die Forscher anderer Wissenschaften, stellen sie in der Situation von Laien und Uneingeweihten. Diese Denkweise der Postmo­der­nisten wäre nur dann berechtigt, wenn das Greifen nach den genannten mathema­tischen Methoden die eigene Theorie erweitern sollte. Meistens ist es jedoch so, dass dazu dienen, ihre ungenügenden Rechte zu beweisen. Sie vernachlässigen so die triviale Konstatie­rung, dass die Präzision der mathematischen Methoden nicht zu diskutieren ist, mindestens in diesem Sinne, dass diese gleichzeitig wahr oder unwahr (Tautologie) sein können, es ist leicht, den Eindruck zu gewinnen, dass die­se Handlungen mit dem seltsamen Genuss aus der Entdeckung ihrer Unvoll­kom­menheit motiviert werden. Das nächste Jahrhundert, in dem der Glauben an das Wis­sen und dem­zu­folge die Forschungsdekadenz die entscheidende Stimme ge­winnt, bedeutet noch nicht, dass die Postmodernisten Recht haben. Die Humanistik auf dem Abwege kennt doch noch einen Ausweg aus der Sackgasse - gerade die Logik.

Die Tatsache des Verzichts durch die Mehrheit von Postneuzeitlichkeitsarten auf das klassische System von Aristoteles und die Umwandlung in einen apho­ri­stischen und scharfsinnigen deutschen Philosophen - Nietzsche - ist wahrschein­lich charakteristisch. Und doch, die Rückkehr zur Referenzkonzeption des Schrift­tums stößt auf Widerstand. Lyotard stellte in der schon genannten Postmodernen Kondition fest: "[...] Pragmatik der wissenschaftlichen Forschungen betont auf besondere Weise die Schaffung von neuen 'Zügen', und sogar neuen Regeln von Sprachspielen, besonders, wenn es sich um die Suche nach neuen Argumentationen handelt. Es soll jetzt dieser auf der derzeitigen Etappe des wissenschaftlichen Wis­sens entscheidende Aspekt unterstrichen werden. Über dieses Wissen könnte scherz­haft gesagt werden, dass es "den Ausweg aus der Krise" und konkret aus der Krise des Determinismus sucht" [9] .

Die Sache sieht jedoch nicht so einfach aus, wie dies uns der Autor darstellen will, vor allem deshalb, weil gerade die Postmoderne die Krise des Wissens und gleichzeitig der Sprache dieses Wissens angemeldet hat. Naiv ist auch die Mei­nung über den Determinismus der exakten Wissenschaften, und es entsteht die Fra­ge, was das überhaupt bedeutet. Die Quantenmechanik, Astronomie, Mengentheo­rie - es sind nur ein paar Beispiele, die dem widersprechen. Höchstens kann man über die Mängel von Probabilismus (z.B. die durch die Postmodernisten mit Ver­gnügen zitierte Unbestimmtheitsregel von Heisenberg besagt nicht, dass es kei­ne Möglich­keit gibt, die Elementarteilchen zu untersuchen, sondern nur die Beschränkungen bei gleich­zei­tiger Untersuchung von ein paar physischen Größen). Es ist auch un­klar, wie die Bezeichnung der wissenschaftlichen Argumentation - als ein Sprach­spiel - zu ver­stehen ist, wenn sich die Definitionen selbst nicht ändern, oder wenn sie zuein­ander komplementär sind. Außerdem ist die Theorie von Einstein, die den Postmo­dernisten zufolge die derzeitige Sicht der Wirklichkeit scheinbar stürzt, be­deutet nicht die Falsifikation der Theorie von Newton, die einen Abschnitt der ers­ten Theorie bildet. Es gibt wahrscheinlich keinen Zweifel darüber, dass der Unter­gang der Referenztheorie in der Wirklichkeit eine ausprobierte Denk- und Hand­lungsweise angesichts der wis­senschaftlichen Schismen ist. Die so ver­standene Struktur der gegenseitigen Beziehun­gen zwischen dem Subjekt und dem Objekt (adequatio rei et intelectu) erweist sich nicht widersprüchlich mindestens im Aspekt der sog. Barcan-Formel, die sagt, wenn das Bestehen von etwas möglich ist, was eine bestimmte Bedingung erfüllt, dann gibt es etwas, was sie erfüllen kann. Es muss hier selbstverständlich vorbehalten werden, dass die Formeln "für jeden" und "es gibt solche" (allgemeiner und aus­führlicher Quantifikator) nicht mehr re­fe­rential sein müssen, sondern als Darstel­lung betrachtet werden, was in der Folge zu einem neuen Typ von Semantik führt, den truth value semantics. In diesem Sinne mit dem vorausgesetzten primären Begriff ist es der Begriff von Wahrheit, und jeder andere Begriff - unter anderem die Denota­tion - ist sekundär. Wenn wir die humanistischen Wissenschaften als idiographisch betrachten, also solche, die die einzelnen Tatsachen untersuchen, kann leicht nach­gewiesen werden, dass das oben dargestellte Schema ihr Bestehen (ihre Wahrhaf­tigkeit) als unbestreitbar be­trachtet, im engen Sinne deren Betrachtung als Erzeug­nis­se und nicht Handlungen. Eine andere außerlogische Weise, wichtig in einem anderen Verständnis der Huma­nistik, ist, wie es scheint, eine individuelle For­schungs­intuition (Insight), die die rich­tige Auslegung, Charakteristik der Literaturhelden, Gefühle und Motivationen, die die Handlungen von anderen Personen leiten usw. ermöglichen. Es ist schwer, nicht mit Dorota Heck einverstanden zu sein, die in ihrem Buch In der Richtung von Kultur­morphologie. Perspektiven der Literaturwissenschaft gegenüber dem sog. Schluß von Literaturtheorie, die veröf­fentlicht werden, bemerkt: "Nach dem Muster von traditionell gesinnten Forschern kann, und im Namen der huma­nistischen Eigenart glaube ich, dass sogar soll die Anerkennung für intuitive Mei­nungen, Forschungs­entscheidungen und ihre Moti­va­tionen, angepasst an die idio­graphische Material­beschreibung, festgehalten wer­den. Diese geschätzte Intuition muss nicht mit dem limitierten, ich unterstreiche limitierten Interesse an empiri­schen Untersuchungen kollidieren. Sie gehören zur Soziologie des Literaturlebens, sie gehören zum poly­disziplinären (und nicht inter­disziplinären) Muster der Aus­führung von huma­nisti­schen Interessen. Sie bilden die Konsituation der stricte literaturwissenschaftlichen Auslegung der Werke. Vor allem soll jedoch gefragt werden, was es gibt, wie es ist, und nicht - ob das "recht" ist, und der modischen, "geltenden" Theorie ent­spricht. Als einen Versuch von Kon­formismus würde ich die Grundeigenschaft in der Frage bezeichnen: auf wel­chen Gebieten des Wissens die Norm im Verhältnis Meister - Schüler die Überein­stimmung ist, in welchen deren Gegensatz? Der Un­sinn von "Untersuchung" des­sen, was eigentlich bekannt ist (im Gegensatz zur Be­trachtung den mathematischen Problemen selbst bedeutet unter anderem die er­zwungene Nachahmung vom Idio­lekt, das dekonstruktio­nisti­sche Gerede könnte - nicht wohlgemeint als eine Vor­führung der Selbstsicherheit gegenüber Prophanen und der Überlegenheit gegen­über Kennern der gegebenen "Me­thode" dargestellt werden)" [10] .

Nicht eine neue, sondern eine neu dargestellte Betrachtungsweise der Huma­nis­tik bildet der Vorschlag von Michael Fleischer, der als empirische Literaturwissen­schaft be­zeichnet wurde. Dieser Vorschlag, der sich auf die Festlegungen von Ka­zimierz Adjukiewicz beruft, hat jedoch diesen Nachteil, dass er teilweise die über­mäßige Selbstsicherheit der Neopositivisten des Wiener Kreises wiederholt. Wie daraus zu ersehen ist, sucht die Humanistik heute die Lösungen durch die Be­rufung auf die Referenztheorie, die Intuition, den Empirismus. Diesen folgt auch die Spra­che, die - im Gegensatz zu den Postmodernisten - nach der Genauigkeit strebt, durch die Anerkennung ihren regierenden Regeln der Semantik oder Prag­matik und durch den bewussten Verzicht auf die unzuverlässigen syntaktischen Beziehungen oder durch den Glauben an die phänomenologische Überzeugung, "die Sprache ist das Haus des Geistes". Das alles eröffnet vor der gegenwärtigen Humanistik opti­mistische Perspektiven, wobei es gleichzeitig den pessimistischen oder sogar apo­kalyptischen Ton der Aussagen von Postmodernisten verneint.



[1] Zitiert nach: B. Smart, Postmodernizm, übersetzt von M. Wasilewski, Poznań 1998, S. 7.

[2] A. Iluyssen, Mapping the Postmodernizm, "New Germany Critique" 1984, Nr. 33, S. 39.

[3] B. Smart, op. cit., S. 27

[4] Schema im Werk von A. Macintire, Dziedzictwo cnoty, Übersetzt von A. Chmielewski, War­szawa 1996.

[5] J. F. Lyotard, The Postmodern Condition: A Report on Knowledge, Manchester 1984, S. 123-124.

[6] J. Słupecki, L. Borkowski, Elementy logiki matematycznej i teorii mnogości, III. Ausgabe, Warszawa 1969, S. 261. Der Autor dieses Artikels hat auch viel aus der Arbeit von J. Woleński geschöpft: O postmodernizmie (krytycznie), "Przegląd Filozoficzny - Nowa Seria" 1997, Nr. 4, S. 137-160.

[7] J. Woleński, op. cit., S. 148.

[8] Barbara Stanosz, Twierdzenie Gödla, in: Mała Encyklopedia Logiki, 2. geänderte Aus­ga­be, Wrocław 1988, S. 210.

[9] J.F. Lyotard, op. cit., S. 241.

[10] D. Heck, W stronę morfologii kultury. Perspektywy literaturoznawstwa wobec tzw. końca teorii literatury, Wrocław 1999, S. 3-4.

 

 
 
CopyrightIFG
Aktualisierung dieser Seite: