Adrian Bieniec
Regensburg
Totale Kunstrevolte
und Polit-Aktion
Die Gesetzesbestimmung und Neudefinierung von
Kunst und Gesellschaftskultur in Carl Einsteins Anmerkungen
zur Totalität und Revolte
Carl
Einstein gehörte ehemals zum Kreis vielgelesener Autoren
der Moderne und wurde noch in den 20er Jahren laut
einer französischen Umfrage "zusammen mit W.
Bode, Albert Einstein und Richard Strauss als einzige[r]
Deutsche[r]" genannt, "der über die Grenzen
hinaus "wahre internationale Bedeutung"
erlangt hätte", was er nicht zuletzt seiner bahnbrechenden Arbeit zur primitiven
Kunst in der Negerplastik (1915) und dem 16.
Band der Propyläen-Kunstgeschichte
des 20. Jahrhunderts, die zwischen 1926-1931 drei
Auflagen erreichte, zu verdanken hatte. Vordergründig
war Einstein ein scharfer Kunstkritiker, der selbst
vor seinen engsten Freunden und Kollegen nicht zurückschreckte,
schonungslos und eigensinnig ihre Arbeiten in sein
urteilssicheres Visier nehmend. Eben auf die Wirkung
dieses kritischen Geistes wäre zu verweisen, wollte
man sich erklären, warum der unbequeme Unruhestifter
scheinbar gänzlich in Vergessenheit geriet, so daß
sich spätestens nach dem Zweiten Weltkrieg nur vereinzelt
seiner entsonnen wird, wobei zu den wenigen Ausnahmen
beispielsweise Gottfried Benn gezählt werden darf,
der bis an sein Lebensende voller Anerkennung von
Einstein schreibt: "An Einstein denke ich oft
und lese in seinen Büchern, der hatte was los, der
war weit an der Spitze." Carl Einsteins Werk ist aber in seiner Breite nicht nur an die bildende
Kunst geklammert und bezieht sich nicht ausnahmslos
auf kunstkritische Arbeiten über Malerei und
Plastik, denn den größten Raum nimmt bei diesem
Avantgardisten die Begründung einer alles übergreifenden
Ästhetik ein, die den Spagat zwischen bildender Kunst,
Literatur, Kultur und Politik zu schaffen bemüht ist,
um mit all den dynamischen Kräften dieser schöpferischen
Handlungen eine gänzlich neue Epoche hervorzubringen,
eine neue Welt zu gebären. Vor
allem Einsteins frühe Ästhetik könnte demnach als
selbstgenügsam und idealistisch bezeichnet werden,
wäre da nicht der
gesellschaftliche und politische Anspruch, den Einstein
setzt, denn die bedeutenden kulturkritischen
Betrachtungen Einsteins berühren sowohl das eingesessene
wilhelminische Bürgertum wie auch die sich jüngst
abzeichnenden politischen und gesellschaftlichen Veränderungen
um die Jahrhundertwende. Folgerichtig strebt die
vorliegende Arbeit den Nachweis an, daß der Ideengehalt
der Anmerkungen zur Totalität seine
Wurzeln im politisch geprägten Revolte-Aufsatz
schlägt, somit ist die Wirkung beider Texte nicht
allein auf die Kunstebene zu beziehen, sondern läßt
sich auf den gesellschaftskritischen Einflußbereich
ausdehnen, wenn auch scheinbar unterschwellig und
entgegengesetzt der Praktik zeitgenössischer Schriftsteller.
Einstein läßt sich nämlich nicht vom affektierten
Revolutionsstrom mitreißen, sondern wird vom Willen
zur Begründung einer richtungsweisenden und elementaren
Gesetzmäßigkeit getragen, wobei der Kunst die Rolle
zugesprochen wird die "Augen der Allgemeinheit"
zu ordnen, um sie für den revolutionären Sinngehalt
empfänglich zu machen und auf den kommenden Umbruch
auf allen Gebieten des menschlichen Handelns und Wirkens
vorzubereiten.
Nach dem bedeutenderen Einstieg in die Reihe moderner
Dichter mit dem Denk-Epos Bebuquin oder Die Dilettanten des Wunders, profiliert sich Einstein zunehmend nicht nur als Literat, sondern
setzt neue Maßstäbe zur modernen Kunst in der Ästhetik
durch Abhandlungen und Aufsätze. Die neue Kunstform,
die metaphysisch bestimmt werden konnte, beschäftigte
Carl Einstein in den Vorkriegsjahren, bevor er bis
zum Anfang der 20er Jahren sein Werk mit sozialkritischen
Beiträgen bedeutend politisierte, um sich letztlich
bis zum Ende der 30er Jahre alleinig der Kunst und
vordergründig der Malerei wie der Plastik zu widmen,
da er resigniert nach Kriegsende meint, keine politische
Wirkung erzielen zu können. Einstein begibt sich auf
die unentwegte Suche nach einer sinngebenden Form
zwischen Politik, Kunst und Ästhetik, so daß sein
reflexives Frühwerk von der "Bewältigung der
nihilistischen Sinnkrise" beherrscht wird und
in einer Geste der "Neubewertung des Phänomens
Leben mit Hilfe der Kunst" entstand,
die nicht nur ästhetische, sondern auch philosophische
Züge tragen sollte, da sie die Begründung einer neuen
Weltordnung und -orientierung eines vom Bürgertum
abweichenden Kurses der Allgemeinheit zu sein hatte,
als welche sich die synthetische Kunst verstand,
die der dichterisch-schöpferischen Tätigkeit die Rolle
des Aufbruchs zu neuen Seinsmöglichkeiten zuschrieb
und den Dichter als unmittelbare Verkörperung eines
neuen existentiellen Zustandes sah. Kunst steht aber
für Einstein in einem engen Zusammenhang mit Religion
und aus dieser Symbiose ist sie nicht mehr natürlich
zu entreißen:
Gott ist aus
ästhetischen Gründen nie zu entbehren. Er ist das
Salz der absoluten Sonderung allgemein dargestellt
- wie die Seele des Gleichnis des einzelnen Trennens
ist - ein Korrelat zum in sich ruhenden schönen Körper.
Der schöne Körper ist still und unbewegt - er ist
lieblos. Kunst ist nichts anderes als die Forderung
des werks und die Vernichtung des menschen. Damit
er einen wert erlange - muß er sich in die Knechtschaft
des Werks begeben.
Einstein erkennt den Bankrott der "dicken Ideologien" (der Religion, Wissenschaft und der verstaubten Philosophien) und
daß die Gegenwart von einem Wirklichkeitsrelativismus
bestimmt wird, in dem einzig noch der Kunst die Potenz
der Sinnstiftung nicht abhanden gekommen ist, was
ihn in die Nähe seiner expressionistischen Kollegen rückt,
doch ist er mit seinem Willen zur Überwindung des
platonisch-christlichen Denkens, das er auf das dualistische
Verhältnis von Idee und Verwirklichung bezieht, und
der positiven Metaphysik eher allein gelassen, explizit
was den Anspruch auf neue Lebensbedingungen anbelangt,
die mit ästhetischen und schöpferischen Kunstmitteln
beschaffen werden und zur Umwertung in der Gesellschaft
führen sollen. Seiner Theorie entzieht aber Einstein
die Komponente der positiven Metaphysik, von der
sich auch sein Vorbild Nietzsche distanzierte, wenn er im Essay Kunst-Ausstellungen bemerkt:
Man
möge doch die Metaphysik so selten anrufen wie einen
Gläubiger, den man nicht auszahlen kann. Heute aber,
da jeder ein unbestimmtes Gesicht aufsetzt, steckt
sie in jedem üblen Wind; aber nicht wie eine üble
ausrede, daß der Verstand nicht reiche, sondern als
Positives, als Programm und einziger Gegenstand der
Darstellung. Da man sie gänzlich verlor, materialisiert
man sie dinglich. Selbstverständlich eine gänzlich
erdachte, die von einer anderen erdachten umgeworfen
wird: die Metaphysik wurde zur einzigen Sensation.
Gleichermaßen wird damit die Abkehr von dem französischen
Symbolismus ersichtlich, der als untauglicher Versuch
erscheint, da "das Wunder" sich "wandelte
[...] zum Wunderlichen, das Staunen, die religiöse
Unbegreiflichkeit wurde Bluff" und "die
Menschen des Vathek sind zur Bedingungslosigkeit gesteigert; sie verwerfen vor allem abbilden[den]
Positivismus und suchen was ihre Willkür übertrifft
- das unbeantwortete Staunen; dessen Lösung unmöglich
ist, denn für das Phantastische verliert jeder Gegenstand
durch die Existenz den Wert". Es geht
Einstein nämlich nicht um die unzulängliche Restauration
religiöser Transzendenz mit ästhetischem Werkzeug
und auch nicht darum, "die Kunst als transzendente
Sphäre der Wirklichkeit dialektisch entgegenzusetzen", sondern um die Lösung von den metaphysischen Bezügen des Religiösen
und Philosophischen in utopischen Theoriewelten,
die nur die Idealisierung der Kunst zu Folge hat,
ohne der dahinterstehenden irreligiösen Menschenschar
eine Orientierung zu geben und ihr somit Entwertung
des Lebens bescherend. Die artistische
Kunsttheorie wird als wirkungslos entlarvt und daher
will die ästhetische Absicht Einsteins über die Kunst
hinausreichen auf eine neue Begründung der Welt nach
der ersehnten Verwandlung der Gemeinschaft, die der
Grundstein und Voraussetzung des sozialen Umbruchs
ist. Einstein ankert also auf dem von Nietzsches Zarathustra
beschrittenen Grund der Nihilismuskritik, wenn er
im Snobismus und der Dekadenz "eine euphemistische
Flucht"
aus der Problematik der Gegenwart erkennt und nach
gründlicher Zerstörung der alten, hohl gewordenen
Werte verlangt, und dem Streben, den abhanden gekommenen
Gott zu ersetzen, entgegen tritt.
Im Snobb wird aber nicht nur das im Titel genannte
Kulturphänomen kritisiert, sondern auch dessen weiterführende
Folgen, sowohl für die Gesellschaft wie auch für den
Kunstbetrieb, der eine sich "mehrende Künstlichkeit
des Lebens" (ebd., S. 33) und lebensferne "Sterilität" mit der Wirklichkeitsflucht herbeiführt,
wofür auch der "Paraphriseur"
steht, welcher "die Dinge zu einem Mysterium
verdünn[t]", um "sie als mystisches Nichts
zu entdecken" (ebd., S. 251). Einstein ist aber
bewußt, daß er im Zeitalter einer "Dillettanten-Ideologie
[der] reinen Kunst" lebt, in dem sich die Kunst und
das Leben polarisierend gegenüberstehen, während das
eine mit seiner ästhetischen Idealität und das andere
mit Lebenswirklichkeit verblüfft, ist keine synthetische
Kunst denkbar, denn diese stützt sich auf der Versöhnung
beider, also letztlich der Idee mit dem Leben, und
wünscht sich damit das nihilistisch Häßliche zu überwinden
mit der "Kunst[, die] nur eine Art von Schönheit
ist" (ebd., S. 73). In der Tiefgründigkeit und
Bildhaftigkeit der Kunst will Einstein eine gesteigerte
Erfahrung der Realität bezwecken, um das Leben von
allen bestehenden Abhängigkeiten der ideell gedachten
Werte zu befreien, womit er die Philosophie verwirft,
denn "die schöpferische Dynamik des Lebensprozesses
kann für [ihn] nicht mehr begrifflich, sondern nur
ästhetisch erfahren werden".
Was alles
diese Gebilde der geistigen Welt trennt und somit
ihnen zu einem bestimmt geformten Sein verhilft,
ist ihre Geschlossenheit, ihre Totalität. Gebilde
sind erst überhaupt, wenn sie deutlich sind, Form
gewinnen; nur die Totalität, ihre Geschlossenheit
macht sie zu einem Gegenstand von Erkenntnis überhaupt
und ermöglicht es, daß sie realisiert werden können.
[...] Totalität macht, daß das Ziel jeder Erkenntnis
und Bemühung nicht mehr in Unendlichen liege, als
undefinierbarer Gesamtzweck, vielmehr
im einzelnen beschlossen ist, da die Totalität
das konkrete Sein der einzelnen Systeme rechtfertigt,
indem sie ihnen den Sinn des Ganzen verleiht.
Der ästhetisch-schöpferische
Akt wird damit für Einstein zum Erkenntnisakt, denn
das "Erkennen [macht] nicht ein kritisches Verhalten
aus, vielmehr ein Schaffen von geordneten Inhalten,
d.h. [von] totalen Systemen" damit die Erkenntnis
"dem Schaffen gleichgesetzt [wird] und ein Unmittelbares
geschaffen [werden kann], das zwar latent da war,
jedoch nicht dargestellt" worden ist - heißt
es weiter im Beitrag Totalität (S. 217/218).
Die schöpferische Energie des wahren Lebens mündet
auf diesem Wege in der künstlerischen Arbeit und wird
von ihr wiedergegeben, womit die Kunst als Schnittstelle
absoluter Lebenserfahrung zur metaphysischer Geltung
kommt und sich jeder begrifflichen Konkretion entzieht,
denn "Kunst erkenntnismäßig betrachtet, geht
nicht auf Begriffe, sondern auf die konkreten Elemente
der Darstellung".
Mit dem lebensphilosophischen Programm
der Totalität, dem ästhetischen Manifest Carl Einsteins
mit der Bestrebung die nihilistische Wertkrise wie
die unglaubwürdig gewordene metaphysische Kategorie
zu überwinden, beschäftigten sich eindringlich die
Anmerkungen zur Totalität.
Die
Aktion druckte 1914 fünf
Teile des Essays Totalität ab, die gleichermaßen
zu den undurchsichtigsten und damit am schwersten
begrifflich-rational faßbaren wie auch zu den vielschichtigsten
und am meisten den Eifer und das wissenschaftliche
Interesse weckenden theoretischen Texten Carl Einsteins
gezählt werden dürfen, da: 1. sie durch scheinbar
terminologische Inkonsequenzen Schwachstellen aufweisen;
2. durch den fehlenden konkreten Bezug zu einer Kunstform
keine Begriffsbestimmung von Totalität gelingt, die
die Verständlichkeit erheblich steigern könnte, denn
bei Totalität handelt es sich um einen Relationsbegriff,
der sich und die korrelierenden Elemente am deutlichsten
mittels Beispiel mit einem Umriß versehen könnte - wie Thomas Krämer zu erläutern
versucht.
Einstein
selbst faßt dieses Problem folgendermaßen zusammen:
Totalität
ist ein in keiner Weise ableitbarer Begriff, der weder
aus Teilen gewonnen, noch auf eine höhere Einheit
zurückgeführt werden kann (rechtfertigt jedes Lebewesen).
Totalität schließt niemals irgend etwas aus, d.h.
von ihr gibt es weder ein Positives noch ein Negatives,
denn der Kontrast, d.h. die unbedingte Einheit von
Gegensätzen macht die Totalität aus. Totalität ist
niemals irgendwie quantitativ bestimmt und kann immer
eintreten gemäß rein qualitativer Voraussetzungen.
Jeder individuelle Organismus muß total sein.
Demnach ist die Totalität "nichts anderes als ein System spezifischer
Qualitäten" (ebd., S. 217), das hermetisch aufgebaut
wird und zugleich "ins quantitativ Unendliche"
(S. 218) ragt, womit sich Einstein von der Psychologie,
der Kausalität wie auch der Logik abschottet, gewollt
das Zusammenspiel von Einheit und Vielfalt auskostend,
denn "Totalität ist [...] weder aus Teilen gewonnen,
noch auf eine höhere Einheit zurückzuführ[en]",
die einzelnen Teile der Totalität sind nicht gleich,
sondern "verschieden geartet" (ebd.) und
variieren daher "nicht quantitativ [...], sondern
intensiv", "ohne daß man genötigt ist, das
Individuelle der Tatsachen zu zerstören" (S.
217). Der Relationsbegriff der Intensität ist maßgebend für die Totalitäten,
die "sich voneinander durch Intensität [unterscheiden],
d.h. je kräftiger und reicher der Bezug ihrer Inhalte
ist, je mehr diese selbst vielseitige Elemente darstellen",
nimmt die "Intensität bald zu-, bald ab [...],
je nach Art und Intensität der Erlebnisse" in
"unmittelbaren Lebensprozessen", die "wir
an jedem beliebigen Punkt unsrer Erlebnisse [...]
wie ein ganzes betrachten" können, also als "konkrete
Anschauung".
Totalität
macht, daß das Ziel jeder Erkenntnis und Bemühung
nicht mehr im Unendlichen liege, als undefinierbarer
Gesamtzweck, vielmehr im einzelnen Beschlossen ist,
da die Totalität das konkrete Sein der einzelnen Systeme
rechtfertigt, ihnen denn Sinn verleiht.(ebd., S. 217)
Das endliche System der
Totalität wird dem endlosen Streben empirischer Kausalität
entgegengesetzt, die "eine rein rückschauende
[Betrachtung ist], welche stets den konkreten Gegenstand
überschreitet". Das
Kriterium der Intensität ist geknüpft an die Kunstauffassung
Carl Einsteins, der das Totale als Gebilde, das "an
sich schon organisiert ist", beschreibt, also
auf eine miteinander abgestimmt funktionierende und
gesetzmäßige Ganzheit anspielt, denn "indem wir
das Erkennen als Schaffen konkreter Organismen definieren,
entziehen wir die Erkenntnis der Lehre einer sich
wiederholenden Allgemeinheit", womit auf die kausale Schlußweise und psychologische Motivierung
der Kunst im historischen Kontext verwiesen wird,
die nun - laut Einstein - von der philosophisch verdinglicht
faßbaren Wirklichkeit unbefangen zu agieren hat.
In der Vorarbeit und den Notizen
zur Totalität unter den Titel Der Wille
zur Form
umreißt Einstein das immanente Problem des Gebildes
in der Totalität mit dem Begriff der Form folgendermaßen:
das was
totalität ausmacht - ist daß ein complex einheitliches
gebilde - eine form
erfaßt wird. In den menschlichen dingen und unserem
willen scheint ein trieb zu schaffen - der wille zu
form. Wenn ein künstler arbeitet ruht er nicht eher
bis er gewisse forderungen - nämlich die der totalität
seiner arbeit erfüllt hat. Totalität stellen wir
fest - wenn wir ein ding in einem einheitlichen
zusammenschluß - in genau abgegrenzter und bestimmter
weise erfassen - wenn es für sich ein ganzes bildet.
totalität ist nicht irgend ein begriff sondern die
zielstrebigkeit unseres willens. hiermit vermeiden
wir irgend einen spezifischen zweck - irgend eine
leere ideologie - nichts bedarf im gleichen maß
der form - der reinheit - der begrenzung als die
totalität. denn wenn irgend ein fremdes oder nur
begonnenes motiv verspürt wird - ist gerade die geschlossenheit
die totalität zerstört. denn diese ist so spezifischer
natur wie nur möglich - ihre seelische bedingung ist
einfachheit - reine genauigkeit des wollens und concentration.
der literarische maler oder der dekorative dichter
werden sie nie schaffen und besitzen. totalität und
form sind nichts abgeleitetes oder copiertes. die
natur weist nirgends totalität auf - in ihr erfassen
wir manigfaltigkeit - unermäßlichkeit - und sie
hört nie auf. totalität ist hingegen in ihren mitteln
wesentlich beschränkt.
Einstein begründet eine Erfassung der Umwelt in der
Kunst nicht mit der Totalität der Natur, dem Erbe
Spinozas folgend, sondern im dynamischen Prozeß des individuellen Lebens selbst mittels
der sich aus dem Bewußten, Unbewußten und der Originalität
der eigenen nuancenreichen Anschauung zusammensetzenden
Ganzheit des Erlebnisses, denn "die unbedingte
Einheit von Gegensätzen macht die Totalität aus". Der Künstler ist geführt von der "Zielstrebigkeit [seines] Willens",
unterwirft sich keiner "leeren Ideologie" und folgt
einzig und allein den von sich selbst bedachten und
spezifisch gesetzten qualitativen Bedingungen des Schöpfungsaktes, da "jeder individuelle Organismus [...]
total sein" muß - der Organismus tritt hier als begriffliches Symbol zweier Aggregatzustände
des Künstlerischen auf: Als absolut einzigartige
ästhetische Vorstellung, in Gestalt des Künstlers;
wie auch als verwirklichte künstlerische Vision des
Künstlers, in Form des Kunstwerks selber. Die Kunst
begründet ihr Sein einzig und allein in sich selbst,
"da die Totalität das konkrete Sein der einzelnen
Systeme rechtfertigt, ihnen den Sinn verleiht", wie auch "jedes Lebewesen" (ebd., S. 218) rechtfertigt
und daher ist es keinem "Theoretiker gestattet
[...] ein Programm aufzustellen", "denn
jedes Programm jede Idee ist als Abstraktion wertlos". Einstein sieht ausnahmslos im Künstler die einzige Instanz, die die artistische
Dimension erfassen kann in "größter lebendiger
Bedeutung" durch das "Bekenntnis schöpferischer
Tätigkeit" (ebd.), in der die neue Kunsttheorie
wurzelt. Damit beschreitet Carl Einstein den von Nietzsche
konstituierten Weg der Grenzsprengung empirischer
Erfahrungen durch die künstlerisch-schöpferische Aktivität,
denn für den Künstler eröffnet sich die Möglichkeit
der Erkenntnis des Lebens als einer Totalität von
bewußten und unbewußten Prozessen im rein ästhetischen
Schöpfungsakt, indem er intuitiv eintaucht in den
Lebensstrom, um das Leben selbst als Ganzheit wahrzunehmen.
Kontrastierend mit der rationalen und reflexiven Einsicht
ist das Kunstwerk nun der Erkenntnisakt selber, der
"die ästhetische Erlebnisform der Totalität des
Lebens verkörpert" (ebd.). Erkenntnis im Kunstwerk
ist so völlig entgegengesetzt der philosophischen
Erkenntnistheorie, denn sie ist nicht vom bewußt urteilenden
Subjekt der erkennenden objektiven Außenwelt gesetzt,
sondern vom subjektiv-ästhetischen Erleben des einzelnen,
worin nach Einstein der Ursprung aller Erkenntnis-
und Urteilstätigkeiten liegt. Im Widerspruch zu der
pietistischen Tradition
wird die Kunst durch die individuell-subjektive Erfahrung
erfaßt, die dem Künstler nicht vorenthalten bleibt,
da dieser die geniale Fähigkeit zur ästhetischen Totalwahrnehmung
initiiert bekommen hat, welche ihm die besondere Empfindungsfähigkeit
und phänomenale, intuitive Anschauung dynamischer
Lebensprozesse gestattet. Den
Künstler konstituiert Einstein also im Schaffenden,
der Empfänger von Impulsen unterschiedlicher Stärke
ist, die von der Umwelt her auf ihn niederschlagen,
und die losgelöst von der Außensphäre verarbeitet
werden mit flüchtigem Eintauchen in Wahrnehmungszustände,
wobei sich der Künstlerblick in das Innere visionärer
Bilderwelten verlagert, indem sich der Schaffende
seinen Empfindungen, Halluzinationen und Visionen
ausnahmslos hingibt. Diese absolute
Erfahrung, die sich in der geschauten, aber
nicht optisch ausgemachten, sondern kontemplativ nachvollzogenen
Identität von Subjektivem und Objektivem, von Bewußtem
und Unbewußtem offenbart, ist die metaphysisch begründete
ästhetische Erlebnisform, die Kunst zum Ort des Absoluten
an sich macht. "Jeder individuelle Organismus
muß total sein"
- "nicht als Unendlichkeit oder Gesamtzweck,
sondern aufgrund seiner Form und Geschlossenheit",
erkennt Dethlefs und fährt fort, daß, laut der Kunsttheorie
Einsteins, die Erlebnisse durch Qualitäten bestimmt
werden. Tatsächlich ist die qualitative Form der vermittelten
Erkenntnis im Kunstwerk eine andere als die der philosophischen
Erkenntnistheorie, da dem Bildnis keine begrifflich
fassende Gesetzlichkeit zugrunde liegt und das subjektive
ästhetische Erleben zum Erkenntnisakt erhebt. Einstein
erschließt mit der Totalität wie auch ihr verwandten
Schriften eine neue Perspektive der Weltsicht, die
sich stark an Conrad Fiedler zu orientieren scheint.
Fiedler beobachtete rund ein halbes Jahrhundert vor
Einstein, daß die Kunst sich zunehmend von den frühen
Bindungen im Verständnis antiker Griechen befreit
hatte, was sie zwar um neue bildnerische Ausdrucksmittel
bereicherte, aber gleichzeitig rückhaltlos machte,
denn nun ging es nicht lediglich um das Was (also
das Erwählen eines Themas, da in der Geschichte diesbezüglich
nicht immer strenge Bedingungen vorherrschten), sondern
auch um das Wie (also die Auslese der Stilmittel),
was zur Folge hatte, daß je stärker das persönliche
Ausdrucksvermögen und -verlangen des Künstlers war,
desto heftiger die Tiefe der Kluft zwischen jenem
und dem Publikum gerissen wurde. Delacroix notierte:
Man hält die
Malerei für eine materielle Kunst, weil man die Linien,
Figuren Farben nur mit den leiblichen Augen sieht
[...] Der wert des Bildes liegt im Unerklärlichen,
[...] in dem, was die Seele den Farben und Linien
hinzugefügt hat, um wiederum zur Seele zu sprechen.
Eckstein erläutert damit das zentrale Problem autonomer
Kunst in der Art und Weise der Darstellung, wobei
er in Bezug auf Delacroix auf die Erklärung des zitierten
Begriffes Seele, zurückgreift, sich auf das
Tagebuch Delacroixs berufend, worin die Seele die
Vorstellungsgabe des Künstlers, welche die Gegenstände
lebhaft vor Augen stellt, ja zu ihren eigentlichen
Ursachen hinführt, gemeint war (vgl. ebd.). Wo einst
"visuell erlebte Natur bildnerisch zum Ausdruck"
mittels "nur einer Sprache" gebracht
worden ist, muß nun "der Künstler seine eigene
Sprache" (ebd.) erwählen und kompromißlos seinem
Publikum präsentieren, auch wenn jenes, durch die
Unmittelbarkeit des Erlebten im Kunstwerk, mit großen
Verständigungsschwierigkeiten zu rechnen hat - der
Schwerpunkt ist gesetzt auf das Sichtbarmachen der
Welt im bildnerischen Prozeß. Auch wenn Schopenhauer
bereits "die anschauliche Erkenntnis durch den
bildnerischen Prozeß von der begrifflichen klar unterscheidet",
so ist er doch dem metaphysischen Gedanken Platos
zutiefst verpflichtet, denn die Tätigkeit des Künstlers
an sich bleibt für ihn eine rein mechanische, und
genau an dieser Stelle knüpft Fiedler an, der diese
bildnerische Tätigkeit im Abseits der verstaubten
Philosophien begreift und in Kontakt mit "lebende[r]
Kunst" bringt (ebd.). Marées und Hildebrand verdankt
Fiedler "die Fähigkeit zum mitschöpferisch anschauenden
Erleben des Kunstwerks, das seinem philosophischen
Denken erst den Zugang zu der auf der schöpferischen
Kraft des Auges beruhenden bildnerischen Gestaltung
öffnete, die vom begrifflichen Denken allein in ihrer
Intention und in ihren Resultaten niemals zu erfassen
ist" (ebd., S. 12), wonach der Kunsttheoretiker
über die Erkenntnis der allgemeinen Gesetzlichkeit
und des Verständnisses der Kunst hinausging und eine
besondere Bedeutung der künstlerischen Individualität
zugemessen hat, wovon die umfassende Schrift Über
die Beurteilung von Werken der bildenden Kunst
(1876) zeugt. Fiedler kommt es auf das Erlangen eines
Bewußtseins der Welt in ihrer sichtbaren Erscheinung
an, und maßgebend dafür ist ihm die bildnerische Form,
die der unmittelbare und einzige Ausdruck ist, worin
er einen objektiven Standpunkt zu gewinnen hofft,
denn der Künstler ist ihm, "in seinem ureigensten
Wesen begründeten Art und Weise, die Natur zu betrachten,
sich ihrer zu bemächtigen, sie seiner künstlersichen
Erkenntnis zu unterwerfen und sie demgemäß in seinen
Werken darzustellen",
der durch die Fähigkeit des wahren Sehens geprägte
Mensch mit Phantasie. Folgerichtig setzt sich Fiedler
von der Objektivität der Kunst ab, die in der Natur
oder dem willkürlich angenommenen Ideal gründete,
in der Schönheit
einen Zweck suchte, der "den Menschen das Gebiet
des ästhetisch Erlebbaren zu erschließen oder zu
erweitern und Inhalte zu vermitteln, die dem Menschen
auch auf anderem Wege als über die bildnerische Leistung
zugänglich" (ebd.) gemacht werden könnten. Die
bildnerische Gestaltung der Sinneswahrnehmung wird
von Fiedler als eine Erkenntnis eigener Art der begrifflichen
Erkenntnis gegenübergestellt, denn der Verstand enthält
in sich eine Gesetzgebung, die die bildnerische Gestaltung
von Sinneswahrnehmungen ebenso notwendig macht, wie
für das Denken eine Notwendigkeit zu einem in sich
zusammenhängenden Wirklichkeitsaufbau aus Begriffen
besteht, womit er neukantianisch-analytisch und mit
der erkenntnistheoretischen Methode den Begriff der
Sichtbarkeit durchleuchtet. Die Anschauungsbeziehung
zur Natur soll zu einer Ausdrucksbeziehung mittels
bildnerischer Tätigkeit werden, denn die menschliche
Weltauffassung wäre unvollständig, das menschliche
Sein bliebe unerfüllt, wenn dem Auge die Wirklichkeit
nicht auch als Sichtbarkeit erschlossen werden würde
- so die Prämisse der kunsttheoretischen Anschauung
von Fiedler, die sich mit der in Einsteins Totalität
dargestellten, im Einklang mit Mach, überschneidet.
Mach und Fiedler berühren sich "in der Absicht, die Empfindungen
von sinnlichen und geistigen Erlebnissen unter neuen
Bedingungen und mit neuen Zielsetzungen zu analysieren".
Außerdem bilden die psychophysiologischen
Erörterungen und experimentellen Entdeckungen bezüglich
der Sehprozesse in Machs Die Analyse der Empfindungen
und das Verhältnis des Physischen zum Psychischen
wie Die Mechanik in ihrer Entwicklung, in denen
er die Aufhebung des Gegensatzes zwischen Subjekt
und Objekt darlegt, eine gelungene Basis für die Konzeption
der funktionalen Abhängigkeit zwischen denselben wie
auch für die Bedingungen der Totalität bei Einstein. Oehm
macht auf die Mach Rezeption Einsteins im Zusammenhang
mit dem Begriff Funktion aufmerksam, wonach
Funktion "pure unverdinglichte Subjektivität"
wäre und die "funktionalen, metaphorischen Akte
des Subjekts konstituieren die Autonomie der Form", was bereits Kiefer als Entfremdung des Begriffs läutert, um mit einem
Zitat aus Machs Analyse der Empfindungen fortzufahren,
aus dem hervorgeht, daß dieser zwar versucht hat,
den Ursachenbegriff mit dem mathematischen Funktionsbegriff
zu ersetzen, wobei Einstein die Relativierungsgefahren
überwinden wollte, die jedoch über eine "restaurative
Restriktion [...] nicht hinaus" kamen.
Präziser läßt sich die Frage
nach der Funktion bei Einstein klären, wenn man wieder
auf Fiedlers Sehtheorie zurückgreift und auf die Negerplastik
verweist, in der die "Funktion des Beschauers"
beschrieben wird, der zur "aktiven optischen
Funktion aufgerufen" wird, denn "über die spezifisch
gesonderte Stellung hinaus bestimmt Kunst das Sehen
überhaupt" - wie es in den Anmerkungen
zur Totalität (I/II) heißt. Die
Aufgabe der Kunst muß es daher sein, vor allen inhaltlichen
Bestimmungen eine Kritik der konventionellen Anschauung
zu leisten.
Die Totalität
ermöglicht die konkrete Anschauung, und durch sie
wird jeder konkrete Gegenstand transzendent.
Konkret ist diese Anschauung, weil sie
innerhalb der vom Werk gesetzten Bezüge verbleibt,
und transzendent wird der Gegenstand dadurch
im Hinblick auf die empirische Realität. Einstein
stützt sich auf Fiedlers Erkenntnisakt und versteht
unter "konkrete[r] Anschauung" (ebd.) die
"über ein kritisches Verhalten hinausgeh[ende]"
Erkenntnis, also "das Schaffen von Inhalten,
die an sich gesetzmäßig, d.h. transzendent sind", d.h. das Kunstwerk ist der "Gegenstand von Erkenntnis". Wenn das Kunstwerk nicht von der bloßen Konventionalität der Wirklichkeitserfahrung
"abgeleitet oder kopiert" ist,
wenn es sich dieser gemeinen Ordnungsmäßigkeit entzieht,
indem es autonome werkimmanente Gesetzmäßigkeit voraussetzt,
transzendiert es ihren plastischen Hintergrund bzw.
die Quelle der Beobachtung, also die Wirklichkeit,
denn "Gegenstand der Kunst sind nicht Objekte,
sondern das gestaltete Sehen".
Die Kunst
verwandelt das Gesamtsehen, der Künstler bestimmt
die allgemeinen Gesichtsvorstellungen. Somit [hat
der Künstler] die Aufgabe, jene zu organisieren. Damit
die Augen der Allgemeinheit sich ordnen, sind Gesetze
des Sehens nötig, die das Material des physiologischen
Sehens werten, um ihm einen menschlichen Sinn zu verleihen.
Demnach muß die Kunst die unzulänglichen "dicken
Ideologien",
ihre Funktion des Verleihens der menschlichen Existenz
einer sinnvollen Ausrichtung ersetzen, indem sie die
alte Anschauung samt der Fundamente abreißt, also
nicht auf ihr aufbaut, und sich eine eigene, auf das
ästhetische, künstlerisch geprägte Sehen gegründete,
theoretische Basis schafft. Diese Konzeption Einsteins ist (wie Riechert treffsicher bemerkt) "eine
Utopie im wortwörtlichen Sinne [...], sie ist ohne
Ort - ou "nicht" und topos "Ort"
-, da sie weder die Gegenwart bejaht noch sich in
die Vergangenheit rettet, sondern einen Entwurf der
Zukunft formuliert; sie fordert ein, was nicht gegeben
ist und so auch nicht in der Vergangenheit gegeben
war". Von der Kunst wird die Ordnung der "Augen
der Allgemeinheit"
abverlangt, also soll sie eine gesellschaftliche Wirkung
erzeugen, den Aufbruch "zu einer neuen Daseinsorientierung"
versinnlichen, denn sie hat die Potenz zur "Umbildung
der Wertvorstellung" in unmittelbarer Erfahrung des
Lebens und verleiht neue Perspektiven der Weltsicht.
Das Kunstwerk soll sich an
alle, an die Allgemeinheit richten, wobei auf den
Mythos zu verweisen wäre, der sich dasselbe Ziel setzt,
indem er "narrativ entfaltet" und "poetisch
auslegt", was dem kontrastierenden Symbol vorenthalten
bleibt, da dieser in "komprimierte[r] Form eines
[...] Ausdrucks rätselhaft erscheint".
Einstein verlangt also nach einem modernen Mythos,
der kulturpolitisch eine neue Formulierung menschlicher
Gesellschaft herbeiführt und ihr neuen Sinn erteilt,
da er einsieht, daß ein Umbruch nicht zustande kommt,
solange ein Einzelner ihn beschwört, denn die mythische
Schöpfung ist nicht Sache des Individuums, sondern
die eines Volkes, und nur wenn diese Voraussetzung
gegeben ist, läßt sich die Verwandlung auslösen. Mit
dem mythischen Ansatzpunkt, der Forderung nach sozialen
Veränderungen mit Hilfe eines sehenden neuen Menschen,
betritt Einstein bereits eine kulturkritische Ebene
seiner ästhetischen Theorie, auf die er bereits in
der Revolte zu sprechen kam, mit dem Ziel der
Postulierung einer antinihilistischen Öffentlichkeit,
also einer kritischen Allgemeinheit, die den allein
agierenden und auf sich gestellten Revolteur zu
ersetzen hat.
Die Einstein-Forschung setzte den Schriftsteller abermals
in den politischen Zusammenhang der Begriffe Revolte
und Revolution, vermied es aber zuletzt, diesbezüglich
einen klärenden Überblick zu festigen, der die eigentliche
ästhetische Motivation Einsteins offenlegen würde.
Kiefer beklagte bereits, daß
Dethlefs, "der sichtlich die Anregungen des Revolteurs
in seine eigene Diktion umsetzt", "so gar
nicht verständlich macht, worum es ihm (Einstein)
eigentlich geht". In seiner Aufzählung versäumter
Revolutionsinterpreten führt Kiefer auch Sello
und Oehm auf, wobei die erste "auf das Thema
mitnichten ein[geht]", die zweite das "trennt,
was doch bei Einstein konsequent zusammenhängt, nämlich
politische und ästhetische Revolte" (ebd.),
um geradlinig, am Paradigma der Relation von Revolte,
Gesetz und Willkür, das Komplementäre
jener von Einstein so oft benutzten Bezeichnungen
aufzudecken. Die von Kiefer
sorgfältig zusammengetragenen Beweise erscheinen einleuchtend,
was die Aufräumarbeit mit dem Revolte-Topoi anbelangt,
lassen aber Einsteins frühes gesellschaftskritisches
Engagement außer Acht, somit grundlegende Fragen zur
Verbindung und Konstituierung der ästhetischen mit
der (in engerem Sinne) politischen Revolte aufwerfend,
die bei Kiefer unzertrennlich miteinander verschmolzen
sind. Wie zuvor erläutert worden ist, setzt sich Einstein
in seinem Frühwerk vordergründig mit der Ästhetik
der bildenden Künste und der Literatur auseinander,
wobei er kulturkritisch auffällt, indem er die Änderung
existentiell unumgänglicher gesellschaftlicher Voraussetzungen
fordert, um den noch öffentlich immateriellen sehenden
neuen Menschen in der umgeschlagenen gemeinen
Ordnung zu postulieren. Allerdings
bewegt sich der Idealist Einstein auf einer Ebene,
die noch weit vom revolutionären Pathos des sich immer
lauter geschichtlich abzeichnenden sozialistischen
Aufschreis bewegt, so daß in Einsteins Arbeiten zwar
eine tiefe Abneigung gegen Nihilismus, Bürgertum und
dessen beschränktes Blickfeld mitschwingt, aber die
rein revolutionär gedachte politische Komponente allerwenigstens
unterschwellig ausgemacht werden darf, wenn sie auch
im direkten Vergleich mit expressionistischen Kollegen
nicht auf den ersten Blick hervorstechen mag. Verglichen zum Beispiel mit Ludwig
Rubiner, einem Freund der Studienzeit und Kollegen
aus den literarischen Kreisen um Die Aktion,
setzt sich Einstein überraschend von der entfachten
Politikdebatte kurz vor Kriegsanfang ab und wird erst
vom Strudel des Kampfes um den sich abzeichnenden
Umbruch fortgerissen, um auch sozialpolitisch eindeutig
zu werden und konstruktive Vorschläge zu bieten. Rubiner
schreitet mit einer Vielzahl expressionistisch einträchtig
Gesinnter gleich, auf der Suche nach einem
wahren Polit-Modell, und stiftet den Schriftsteller
zum radikalen Handeln an. So verkündet Rubiner also
in Der Dichter greift in die Politik (1912)
lauthals:
Gar nicht
erst einlassen kann ich mich mit anderen Leuten, Schweinen
einer skeptischen Naivtuerei, die fragen: Wozu überhaupt
man denn Politik treibe - und das Leben - und es
komme doch alles von allein...
Politik ist
die Veröffentlichung unserer sittlichen Absichten.
Rubiner hofft "unermeßlich, daß die übermäßige Pressung der Seligkeit
das tägliche Leben der Zivilisation in Trümmern [ge]spreng[t]"
(ebd., S. 253) wird, darauf verweisend, daß "jede[r]
Kerl, der einen Moment lang die ganze Entwicklungssituation
der Zivilisation zum Gerinnen bringt" von äußerster
Wichtigkeit sei, denn "herrlich" [ist],
wer die Kontinuität [der politischen Starre] störe",
somit den "Krater gegen Demokrater" (ebd.,
S. 260) gestärkt habe. Der sich radikal angesetzt
manifestierende Anschlag deutlich herbeigeschworener
kommender politischer Revolutionen, ist bei Rubiner
nicht zu überhören, anders verhält es sich hingegen
bei Einstein, der sich von der "Katastrophe"
(ebd., S. 258) abwendet und seiner Arbeit differenziertere
Ziele setzt, denn er ist vordergründig auf der Suche
nach "gesellschaftlichen Verhaltensregeln" einer neuen Kollektiv-Mythologie,
die auf menschlicher Gemeinschaft aufbaut, fernab
sonderlicher "individueller Zerrissenheit"
und "subjektiver Willkür", eine "ethische
Verantwortlichkeit aller für ein Leben" (ebd.)
mitbringt, die in der "menschliche[n] Unmittelbarkeit"
gründet und ein allgemeingültiges "Gesetz"
(ebd.) erfaßt.
Es bezeichnet
die heutigen Gesetze, daß sie unser Menschliches nicht
berühren. Sie stehen fast außerhalb unseres Lebens.
Man meint, gerade hierdurch lasse man der sogenannten
freien Persönlichkeit offenes Feld. Unter dieser kann
ich mir nur das Undeutliche vorstellen, entweder etwas,
das kläglich im einzelnen bestimmt und stimmungsgemäß
sich im Einzelfall erledigt oder ängstlich nachahmend
ohne Sittlichkeit und Bewußtsein einen Brauch verbreitert.
Beide Arten solchen Reagierens schließen das Fordernde,
das Gesetz aus. [...] Einen bestimmten Willen gibt
es heute nicht; nur einen durch die Gleichart der
erstrebten Objekte zählbaren. Der Weg ist doch, der
zu diesen führt, bleibt der Person vorbehalten. Dies
ist der Sinn der Ethik, den Willen und den Weg zu
bestimmen, eine Ordnung der Wege zu geben, die vom
Einzelobjekt unabhängig und diesem nicht dialektisch
unterworfen sind.
Die Revolte steht für den "Aufstand gegen eine
indifferente und träge gewordene Welt", welche
von einer Gesellschaft getragen wird, die in ihren
Verfallszustand eingeht, in der "Perversität
des Willens von Niedergangszeiten" keinen
Rückhalt mehr hat. Wenn Einstein also vom Willen,
ein autonomes Kunstwerk zu etablieren, getragen
wird, so läßt er dennoch den kulturkritischen Bezug
auf die Allgemeinheit nicht außer Acht, ganz im Gegenteil,
denn er zerschlägt mit der Polemik seiner Arbeiten
die nihilistisch geprägte Gegenwart, wie auch ihre
ideologischen Machthaber Religion und Rationalität,
wobei ihm einzig und allein die Haltung der Revolte
vertretbar erscheint, obwohl er früh desillusioniert
vermerkt, "daß jeder revolutionäre Inhalt als
konservativ, ja reaktionär erfaßt werden kann", ist er doch ein idealistischer Widerständler, dessen ausgesprochenes
"Nein" kein absolutes ist, wie im Falle
des Nihilisten, der "mit der Existenz Gottes
die Existenzmöglichkeit ethischer Normen" leugnet,
der Revolteur "bestreitet [nämlich] die Existenz
Gottes gerade im Namen einer menschlichen Ethik". "Die [politische] Revolte hat ihr Prinzip
im Einzelnen; sie zerreißt jede Dialektik und gebärdet
sich primitiv", dabei ist sie "eine Gemüts-
und Denkform",
die die Gesinnung voraussetzt, "daß diese indifferente
Welt, deren Resultat nicht abzusehen, menschlich belanglos
ist, daß nur die Realisierung einer Idee wichtig ist"
(ebd.). "Revolte hat nur Sinn, insoweit Gesetzbildung
erstrebt wird",
daher ist Einstein nicht auf politische, sondern kulturelle
Revolte aus, denn er sieht ein, daß Revolte nicht
haltmacht, nicht zum absehbaren Stilstand nach dem
Erreichen gewählter Ziele gelangen kann, wenn sie
nicht die eigenen Grundsätze verraten will, denn ihre
Idee, die, "wenn sie jeweils realisiert zu sein
scheint, bereits geschändet ist im Zusammenfluß der
unabsehbaren Nuancierungen, Gegenströmungen usw. [...],
denn das Dogma gibt stets der Idee die Fassung einer
gewünschten Wirklichkeit".
Für den Revolteur "ist die Geschichte ganz unwesentlich,
sogar in sich falsch, da in ihr noch nie eine Idee
verwirklicht werden konnte und kann", er entzieht
(je-)dem politischen Ordnungssystem die Legitimation,
da er fortwährend an der Realisierung der Gegenwart
rüttelt und ihre Leistung anzweifelt, denn für ihn
"wäre diese Welt nur durch die reine Erfüllung
eines göttlichen Anspruchs, durch die Realisierung
einer Logik gerechtfertigt. Da dies nicht möglich
ist, wird er stets diese Welt verwerfen" (ebd.,
S. 143). Einstein erkennt die aussichtslose Position
des Revolteurs, denn nachdem sich jener von der Allmacht
Gottes abnabelte und gewillt ist für seine Freiheit
im Kampf einzustehen, wird diese nun beschnitten von
den "Omnipotenzansprüchen der Vernunft", was zur Folge hat, daß "die
Um-wertung innerhalb des Paradigmas der Revolution
[verharrt] und sich nicht gegen den Setzungscharakter
überhaupt"
wendet. Die Zwangslage und Problematik der Revolte
besteht also darin, daß sie gegen eigene Einsichten
zu handeln hat, wenn sie sich geschichtlich verwirklichen
will und auf diesem Wege würde sie dogmatisch werden,
wobei das Fehlen jenes Dogmas eben der Charakterzug
ist, mit dem sie sich von der Revolution unterscheidet;
die Revolte wird von der Tat des einzelnen getragen,
hingegen treibt die Revolution eine übergeordnete
gemeinschaftliche Idee an, z.B. die der klassenlosen
Gesellschaft, die einen allgemeingültigen Glaubenssatz
zur Bedingung macht. Der Revolutionär findet keinen
festen, lang anhaltenden Halt in der Geschichte, da
er aus der Gebärde der Verneinung agieren muß, um
keinem Dogma zu verfallen. Auf diese Weise ist er
gezwungen selbst gegen die siegreiche Revolution zu
protestieren, die zwar eine Grenzüberschreitung
ist, aber keine evolutionäre Entwicklung sichert, weil sich ihr Mechanismus des
Widersetzens und der Zerstörung erschöpft, nachdem
die revolutionäre Aktion zum Abschluß gebracht worden
ist und kein stabilisierender und konstruktiver Moment
eintritt. Einsteins zerschlagende Ansicht und Analyse
der Revolte gründet aber nicht in der restlosen Absage
an diese Gemütsform, vielmehr ist sie polemisierend
aufzufassen und deckt die Schwachstellen jener auf,
die die Gesellschaft ein wiederholtes Mal um das Schaffen
von langfristig angelegten existentiellen Inhalten
bringt, wobei er auf die historische Konstellation
eines Teufelskreises verweist, indem selbst
"jeder revolutionäre Inhalt [sich] als [ein]
konservativer"
entpuppt, "da nie eine Idee verwirklicht werden
[...] kann" (ebd., S. 143). Der Aufsatz Revolte
hat sein Ziel mit der Auseinandersetzung um die strittigen
Frage nach der vorbehaltlosen Revolution, die heiß
ersehnt worden ist, ohne die Konsequenzen ihrer Realisierung
zu berücksichtigen, und da Einstein die fanatisch-politische
Idee abschüttelt, schafft er Platz einer neuen Sinnsetzung,
die für ihn die Gestalt des metaphysischen Revolteurs
trägt, wenn er sich auch jede Illusion nimmt und einsichtig
zugesteht, daß "Metaphysik [...] unanwendbar"
ist. Einsteins metaphysischer Revolteur stellt sich
im Gegensatz zum politischen Revolutionär die Frage
nach der Folge seines Handelns und will eine Existenzform
schaffen, die ihn nicht wieder in den Sog des Nihilismus
geraten läßt, seine Chance in der ästhetischen Revolte
sehend, die aus der Erfahrung des Absoluten schöpft,
wenn ihm auch sein Idealismus einleuchtend erscheint,
denn seine Forderungen erfüllen sich nicht aufgrund
der unüberwindbaren gesellschaftlichen Hürden, so
daß er aus den unbedingten Widerstand, aus den Willen
für die Allgemeinheit schöpferisch zu wirken heraus
lebt, um die Kultur zu erneuern. Das individuelle
Streben des Revolteurs nach sozialem Umbruch bleibt
zwar unerreichbar und führt unabwendbar in den Untergang,
aber er scheitert nicht grundsätzlich, denn das vordergründige
Ziel, dem Leben Dynamik zu verleihen und schöpferische
Kräfte freizusetzen, im vergeblichen Versuch sich
der Gegenwart zu entreißen, wird eingehalten und realisiert,
was Schmidt folgendermaßen überzeugend formuliert:
Kunst wird
somit in Gestalt einer ästhetischen Handlung zur permanenten
Revolution. Nicht, indem sie revolutionäre Ideologien
thematisiert, sondern indem sie die Bedingtheit, Begrenztheit
und Vermitteltheit jeder Erkenntnis und jedes Gesellschaftszustandes
demonstriert und damit die Möglichkeit und Notwendigkeit
ihrer progressiven Veränderung paradigmatisch vorführt.