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Orbis Linguarum Vol. 23/2002
H.D.
Tschörtner
Berlin
Vom Zauberberg zum Nobelpreis.
Mit Briefen Thomas Manns und Gerhart Hauptmanns
Es gehört seit langem zum Allgemeinwissen, daß die
Gestalt des Mynheer Peeperkorn in Thomas Manns Roman
Der Zauberberg auf das Erlebnis der Persönlichkeit Gerhart Hauptmanns
zurückgeht. "Peeperkorn ist nicht nur die überragende
Gestalt des Romans, sie ist möglicherweise sogar
überhaupt die größte Menschenfigur, die Thomas Mann geschaffen hat, einzigartig, unvergeßlich,
überwältigend." Dies schrieb Peter de Mendelssohn,
wahrlich ein kompetenter Autor, in seiner voluminösen
Arbeit S. Fischer
und sein Verlag. In diesem 1970 erschienenen Werk
zitiert er auch wesentliche Teile zweier Briefe
Thomas Manns. Einer von ihnen, der berühmte Entschuldigungsbrief
an den Weber-Dichter vom 11. April 1925, ist von Hans
Mayer in dem Essay Zu einem Brief Thomas Manns an Gerhart Hauptmann
in Heft 6/1952 von "Sinn und Form" erstmals vollständig
wiedergegeben worden. Der zweite Brief, auf den
wir zuerst eingehen wollen, stammt aus dem Beginn
der Peeperkorn-Affäre und wurde 1988 in dem von Hans
Wysling herausgegebenen Band Thomas Mann Briefwechsel
mit Autoren vollständig gedruckt.
Dem Erscheinen des Zauberbergs waren
verschiedene Vorabdrucke und Lesungen vorausgegangen.
Ende September hatte Thomas Mann sein Finis Operis an den Schluß des Manuskriptes
gesetzt, danach fuhr er zur Erholung den Oktober über
nach Sestri Levante, wo sich auch Fischers und Hauptmanns
gern aufhielten. Nach der Rückkehr las er am 8. 11.
1924 in der Münchener Galerie Caspari zum ersten
Mal aus den Peeperkorn-Kapiteln. In dieser angesehenen
Privatgalerie veranstaltete ihr Inhaber Georg Caspari
häufig Lese- und Vortragsabende. Auf diese Veranstaltung
bezieht sich der Brief an Oskar Loerke, seit 1917
Lektor des S. Fischer Verlages und Sekretär der Sektion
für Dichtkunst in der Preußischen Akademie der Künste,
vom 12. 11. 1924. Anschließend trat Thomas Mann eine
Vortragsreise an, die ihn über Stuttgart, Freiburg,
Dresden, Hannover nach Berlin führte. Am Nachmittag
des 23. November traf sich im Hause S. Fischers im
Grunewald, Erdener Straße 8, die Verlagsfamilie
anläßlich des endlichen Erscheinens von Der Zauberberg, an dem sein Autor ja
seit 1913 gearbeitet hatte, dessen immer wieder verzögerte Vollendung lange erwartet worden war. Am nächsten Tag notierte
Loerke in seinem Tagebuch: "Gestern Mittag bei Fischer.
Es waren dort: Thomas Mann und Frau, seine reizende
Tochter Erika, Herr Schnitzler, der junge Sohn Arthur
Schnitzlers, musikalisch interessiert und gebildet.
Hans Reisiger. Tee. Im Auto zum Beethovensaal.
Mann las aus dem Zauberberg den Anfang der Peeperkornepisode.
Alle sagten: das ist Hauptmann. Besonders Herr von
Hülsen. Das wird möglicherweise eine große Aufregung
geben."
Natürlich war die Aufregung groß, zunächst im Kreise
der Eingeweihten. Brigitte Fischer, die Tochter von
Samuel und Hedwig Fischer, die später den Arzt Dr.
Gottfried Bermann heiratete, der das traditionsreiche
Haus nach dem Tode des Verlegers 1934 übernehmen
sollte, erinnert sich, daß "meine Mutter nach der
Vorlesung sehr bestürzt zu Thomas Mann ging, um
ihn zu bitten, einige Einzelheiten wie die Rotweinflecke
auf der Bettdecke fortzulassen, damit Hauptmann sich
nicht zu verletzt fühle. Er, Thomas Mann, war erstaunt,
daß man Hauptmann sofort identifizierte". Die Hauptbeteiligten - Thomas Mann,
Gerhart Hauptmann, S. Fischer - gaben sich große Mühe,
die Öffentlichkeit aus dem Konflikt herauszuhalten,
eine Pressewelle, massenhafte Stellungnahmen, publizistische
Auseinandersetzungen zu verhindern. Thomas
Mann stellte sich zunächst höchst überrascht und ahnungslos;
so in seinem Brief an Oskar Loerke:
Dr. Thomas Mann
München, den 12. XI. 24.
Poschingerstr.
1
Lieber Herr Loerke,
ich
bitte Sie um Rat und Meinung in einer Sache, von der
ich hoffen muß, daß Sie darüber lachen werden. Ich
las hier neulich in der Galerie Caspari vor einem
intelligenten Publikum aus dem Zauberberg
vor und zwar den ersten Teil der Peeperkorn-Episode,
das Gelage, Sie erinnern sich. Es las sich gut in
dem intimen Raum, die Leute waren in Stimmung, und
die Kritik fand die Figur des Holländers prachtvoll.
Am Abend selbst aber, in Gesellschaft nachher, sprach
ich mit einem befreundeten Maler, der voriges Jahr
auf Hiddensee war, und im Lauf des Gesprächs, nach
einigem lächelnden Zögern, gestand er mir, Gott möge
ihm die Sünde verzeihen, aber er hätte angesichts
Mynheer Peeperkorns ein paar mal an - Hauptmann denken
müssen.
Meine Reaktion
war Lachen, Stutzen, Nachdenken und Besorgnis. Sagen
Sie mir aufrichtig: Besteht Gefahr, daß noch andere
auf diesen waghalsigen Gedanken kommen können?
Unmittelbar
frage ich deshalb, weil ich morgen das Fragment mit
auf eine Vortragsreise nehme, die mich von Stuttgart
über Freiburg nach Dresden und von da auch nach Berlin
führen wird. Dort lese ich am 23. im Beethovensaal
und dachte, das bewährte Peeperkorn-Gelage zu produzieren
(ZBG II S. 345-390). Sie kennen Hauptmann. Warnen
Sie mich? Ist etwas allgemein zu Befürchtendes an
dem persönlichen Eindruck jenes Malers, und halten
Sie es für möglich, daß die Berliner Freunde des Dichters
auf den Gedanken kommen könnten, mit Peeperkorn sei
Hauptmann "gemeint"? Und daß es also Ärgernis geben
könnte?
Ich bitte
Sie dringend, meine Frage mit äußerster Diskretion
zu behandeln! Der Gedanke darf kein Leben bekommen,
und wenn er welches hat, so muß man ihn ersticken,
ermorden, mit allen Mitteln aus der Welt leugnen.
Schreiben
Sie mir, bitte, nach Dresden, wo ich am 16. eintreffe.
Ich wohne dort Bayreutherstr. 42 bei Herrn Dr. Arthur
Nikisch.
Auf jenen
Fall werden Sie zugeben: In der weiteren Öffentlichkeit
ist die befürchtete Ideenverbindung völlig ausgeschlossen.
Es fragt sich höchstens, ob sie sich bei persönlichen
Freunden des Dichters - und zwar im anstößigen Sinne
- wiederholen könnte. Ich gestehe, daß ich ungern
auf das Kapitel für den Vortrag verzichten würde,
nicht nur, weil es sich als wirksam erwiesen hat,
sondern auch, weil es schwer wäre, etwas anderes dafür
einzusetzen: Das Buch hat wenig Partien, die sich
herauslösen lassen, und dies wenige ist teils in der
Rundschau erschienen, teils habe ich es in Berlin
schon gelesen.
Herzlich Ihr Thomas Mann
Merkwürdigerweise scheint Thomas Mann weniger Furcht
vor Hauptmann zu haben als vor dessen Freunden. Glaubte
er wirklich, wenn man den "Gedanken" ersticken, ermorden,
mit allen Mitteln leugnen würde, könnte er "aus der
Welt" bleiben? Er hatte doch selbst wegen der Buddenbrooks Ärger genug gehabt und sich
mit dem Aufsatz Bilse
und ich (1906) zur Wehr setzen müssen. Aber er
wußte natürlich, daß auch Hauptmann in seinem Werk
immer wieder reale Vorbilder und Erlebnisse dichterisch
gestaltet und gedeutet hatte. Ersten Ärger gab es
deshalb schon wegen Das Friedensfest mit Frank Wedekind (der sich dann in der Komödie
Die
junge Welt
rächte). Thomas Mann muß von Anfang an überzeugt
gewesen sein, daß dies eine Sache zwischen
Hauptmann und ihm sei und daß er dessen Verständnis
und Verzeihung erlangen würde.
Über die Reaktionen Hauptmanns ist mehrfach geschrieben worden, von den Randnotizen
in seinem Exemplar des Zauberbergs
und den einschlägigen Eintragungen in den Tagebüchern
bis zur Wertung des Romans in dem Gruß
an Thomas Mann zu dessen 50. Geburtstag am 6.
Juni 1925. Zuletzt konnte ich in "Sinn und Form" II/1989
z.T. unveröffentlichte Briefe und Briefentwürfe des
Dichters an seinen Verleger vorstellen. Natürlich
war er tief getroffen, gekränkt und verärgert. Zu
der "großartigen
Duldsamkeit", von der Thomas Mann in der "Entstehung
des Doktor
Faustus"
sprach, mußte er sich erst durchringen.
Als Herbert Eulenberg von Samuel Fischer ein Zauberberg-Exemplar erbat, um über das
Buch und den "Fall Peeperkorn" zu schreiben, wurde
Thomas Mann natürlich informiert. Um Eulenberg
abzuhalten, schrieb er ihm einen Expreßbrief, in dem
es heißt: "Das Publikum mit der Nase drauf stoßen?
Skandal hervorrufen? Wem zu Gefallen? Hauptmann zu
Gefallen? Unmöglich! Der Öffentlichkeit zu Gefallen?
Aber Sie bereiten ihr nur eine Sensation, und mit
Entrüstung müßte ich mich gegen die Beschuldigungen
wehren, ich hätte in der Figur des Holländers G. Hauptmann
porträtiert. Das ist nicht wahr! [...] Pieter Peeperkorns
Geschichte [...] hat von der Wirklichkeit nur ein
paar Stirnfalten abbekommen..." Eulenberg verzichtete und berichtete
alles postwendend an Hauptmann. Dessen Antwort vom
13. Januar 1925, lange Zeit die einzige bekannte briefliche
Äußerung zu diesem Thema, lautete:
Haben
Sie Dank für die freundliche Zuschrift. Es ist uns
sehr lieb, daß Sie sich verwunden haben, von der Peeperkornsache
nicht zu schreiben. Ich würde auch alles mögliche
versucht haben, Sie davon abzubringen. Denn wozu sollte
es führen. Es ist in der Tat eine Angelegenheit zwischen
mir und Thomas Mann, und was diese betrifft, so ist,
soweit ich in Betracht komme, meine Entscheidung
gefallen. Man kann zwar nicht hindern, daß einem
solche Dinge ins Blut treten und fortwirken, aber
man leitet sie am besten ins Unpersönliche, läßt sie
in das allgemeine Bild von Welt und Menschen einmünden.
So! Und damit genug von Peeperkorn.
Hauptmann hat den Zauberberg im Ganzen objektiver aufgenommen als seinerzeit Frank
Wedekind die Verwendung seiner familiären Verhältnisse
in dem Familiendrama Das Friedensfest. Wie überliefert, las er ihn mit Verständnis und
Bewunderung und versagte
der so ganz anders gearteten Kunst des Jüngeren nicht
seine Hochachtung. Am 26. November 1924 schrieb
er an seinen Verleger S. Fischer: "Thomas Manns
Roman beschäftigt mich hier fast ausschließlich. Ich
bin auf Seite 333 angelangt. Was ich nach den Proben,
die Mann uns vorlas, vermutete, bestätigt sich jetzt
im höchsten Grade. Der Roman ist ein Wurf und ein
Werk. Ich bin überzeugt, daß, wenn er sich fortsetzt
wie bisher und an epischer Ruhe, Haltung und innerem
Reichtum nichts verliert, er unter die wenigen Meisterwerke
seiner Gattung zu rechnen ist. Einmal der Geburtsstunde
eines solchen Werkes beiwohnen zu können, ist für
mich kein geringes Ereignis." In seinem Tagebuch notierte er
noch am 15. Januar
1925 über den Zauberberg:
"bedeutendes Werk: endlich etwas Diskutables in
Deutschland". Zu diesem Zeitpunkt hatte Hauptmann
die Peeperkorn-Kapitel noch vor sich. Entsprechend
seiner Gewohnheit, haben sich seine Reaktionen in
Randbemerkungen niedergeschlagen. Sie finden sich
im 2. Band seines Exemplars der Erstausgabe auf den
Seiten 348-380 und reichen von Ausrufen der Überraschung
wie "O", "O, ich?" und "Stimmt!", "Aha!" über unsichere
Fragen "Was ist das überhaupt?" und "Was will das
alles?"
bis zu Unwilligkeitsäußerungen wie "Blödsinn".
"Neues von Mynheer Peeperkorn" erfahren wir in einem Aufsatz, für den Hans
von Brescius Nachlaßmaterial, vor allem Tagebuch-aufzeichnungen,
auswerten konnte. Am 19. Dezember 1924 notierte Hauptmann:
"Zauberberg.
Maskenhaft (bin ich) mit der Gestalt eines körperlich
und geistig ruinierten Holländers verbunden, eines
Potators und Selbstmörders. Th[omas] M[ann] hat also,
als ich ihm offen und vertraulich entgegengekommen
bin, gleichsam lange Finger gemacht. Das verdirbt
mir sein Bild. Was Zauberberg an sich betrifft: so
steht dies auf anderem Blatt." Brescius nimmt an, daß Hauptmann
die Peeperkorn-Kapitel, vielleicht nach Hinweisen
von dritter Seite, erneut kritisch gelesen hat, jedenfalls
sei das aus dem Schriftbild erkennbar. Weitere Randbemerkungen
lauten: "Was soll das alles? - Wieso eine so große
Wichtigkeit um diese uninteressante Gestalt? - Das
ist alles andere, nur nicht meine Redeform. - Wer
ist denn nun hier der Schwätzer: Peeperkorn oder
[Thomas] Mann? - Blödsinn. Geblök. - Kann ein Mensch
soviel Unsinn reden?" Zu den trunkenen Äußerungen Peeperkorns,
das Leben sei "ein hingespreitet Weib mit
dicht beieinander quellenden Brüsten... und schwellenden
Schenkeln" usw. findet sich die entgeisterte Frage: "Dieses
idiotische Schwein soll Ähnlichkeit mit meiner
geringen Person haben?" Bei einem Besuch Herbert Eulenbergs
soll viel über Peeperkorn "gespaßt" worden sein. Doch
die Verletzung läßt sich nicht wegdrücken. "Jetzt
nun, nach reich[erfüllt]em Morgen, überfällt mich
plötzlich wieder der Gedanke an die Erbärmlichkeit,
die in der Handlungsweise Th[omas] Manns liegt.
Er bleibt für mich ein >Kujon<."
Hauptmann war mit Thomas Mann im Oktober 1923 in Bozen und im Juli 1924 auf
Hiddensee zusammengetroffen. "Der College gewann meine
wirkliche Sympathie, und das drückte sich unter anderem darin aus, dass
ich ihn in Stockholm brieflich für den Nobel-Preis
empfahl", heißt es in einem Briefentwurf vom 4. Januar
1925 an S. Fischer. Diese Empfehlung blieb jedoch,
wie schon die von 1918 für Hugo von Hofmannsthal,
ohne Erfolg. In Hauptmanns Briefnachlaß, Handschriftenabteilung
der Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz zu Berlin,
findet sich leider keine Kopie eines entsprechenden
Schreibens nach Stockholm.
Durch Vermittlung des Kulturattaches
der Schwedischen Botschaft in Berlin erhielt ich
aus dem Archiv des "Svenska Akadiens Nobelkomité"
in Stockholm eine Kopie des Originals.
Agnetendorf im Riesengebirge,
Der Wiesenstein.
[handschr.]
Oct. 1923.
An
eine Hohe Kommission
der
NOBELSTIFTUNG
Stockholm In meiner Eigenschaft als Träger des Nobelpreises
von 1912 erlaube ich mir, für den gleichen Preis
einen deutschen Schriftsteller in Vorschlag zu bringen.
Sein Name ist Thomas Mann.
Ich glaube
nicht nötig zu haben, einer Hohen Kommission diesen
Autor besonders eingehend zu charakterisieren, da
er der Nobel-Kommission gewiss kein Unbekannter
ist. Auch ist der Kommission ohne Zweifel bekannt,
welch klar umrissener, rein und schlicht fundierter
Charakter diesen Schriftsteller auszeichnet, und welche
ernste Hochachtung er in Deutschland und über dessen
Grenzen hinaus allgemein geniesst. Die Erteilung
des Preises an diese hochbedeutende und durch und
durch integre Persönlichkeit, welche die besten Eigenschaften
deutscher Geistigkeit und Gründlichkeit in sich
verkörpert, würde in Deutschland allgemein als schlicht
und richtig empfunden werden und grosse Genugtuung
hervorrufen.
[handschr.] In Verehrung
Gerhart Hauptmann
Dann kam die bekannte Zauberberg-Affäre. Trotz der Irritation
und Verärgerung Hauptmanns über die nach ihm modellierte
Peeperkorn-Gestalt war mit Thomas Manns berühmtem
Entschuldigungsbrief, in dem er dem verehrten Älteren
zu erklären versuchte, wie es zu dieser "Künstlersünde"
kam, der Konflikt bereinigt.
München, den 11. IV. 25
Poschingerstr.
1
Lieber, großer, verehrter Gerhart Hauptmann,
lassen
Sie mich Ihnen endlich schreiben! Ich habe längst
gewünscht, es zu tun, habe es aber nicht gewagt.
Ich habe ja ein schlechtes Gewissen, weiß, daß ich
gesündigt habe.
Ich sage "gesündigt", weil das Wort eine doppelte
Dynamik hat: es ist stark und schwer, wie es sich gebührt, und doch auch wieder, in gewissem Gebrauchsfall,
ein halb gutmütiges,
vertrauliches und versuchsweise humoristisches Wort,
das freilich für eigentlich niederträchtige
Taten nicht gelten dürfte. Ich darf sagen: ich habe
gesündigt, wie Kinder sündigen. Denn glauben Sie mir,
(ich glaube, Sie glauben es): ich habe vom Künstlerkinde
viel mehr in mir, als diejenigen ahnen, die von meinem
"Intellektualismus" schwatzen; und da Sie auch ein
Künstlerkind sind, ein erhabenes, verständnisvolles
und nachsichtiges Kind der Kunst, so hoffe ich, mir
mit diesen Zeilen, mögen sie auch noch so unzulänglich
ausfallen, Ihre Verzeihung ganz
zu erringen, die ich - lassen Sie mich das glauben
- halb schon
immer besaß.
Ich
habe mich an Ihnen versündigt. Ich war in Not, wurde
in Versuchung geführt und gab ihr nach. Die Not war
künstlerisch: Ich trachtete nach einer Figur, die
notwendig und kompositionell längst vorgesehen war,
die ich aber nicht sah, nicht hörte, nicht besaß.
Unruhig, besorgt und ratlos auf der Suche kam ich
nach Bozen - und dort, beim Weine, bot sich mir an,
unwissentlich, was ich, menschlich-persönlich gesehen,
nie und nimmer hätte annehmen zu dürfen, das ich aber,
in einem Zustande herabgesetzter menschlicher Zurechnungsfähigkeit,
annahm, annehmen zu dürfen glaubte, blind von der
begeisterten Überzeugung (denn natürlich handelt
es sich nicht um Leben, sondern um eine der Wirklichkeit
innerlich überhaupt fremde und äußerlich kaum noch
verwandte Übertragung und Einstilisierung) die auf
immer merkwürdigste Figur eines, wie ich nicht länger
zweifle, merkwürdigen Buches daraus werden würde.
Das
war kein Wahn, ich hatte recht. Ich tat Unrecht, aber
ich hatte recht. Ich sage nicht, daß der Erfolg die
Mittel heiligt. Aber waren diese Mittel, war der Geist, in
dem ich mich jener menschlichen Äußerlichkeiten bediente,
infam, boshaft, lieblos, ehrfurchtslos? Lieber, verehrter
Gerhart Hauptmann, das war er nicht! Wenn ich
Verrat geübt habe, so übte ich ihn gewiß nicht an
meinen Empfindungen für Sie, die sich klar und deutlich
noch in der Behandlung äußern, die ich der innerlich
wirklichkeitsfernen Riesenpuppe zuteil werden lasse,
vor der alle Schwätzer verzwergen: noch in dem Ehrfurchtsverhältnis,
in das ich mein Söhnchen, den kleinen Hans Castorp,
vom ersten Augenblick an zu dem Gewaltigen setze,
der die Geliebte des
Jungen besitzt und sie bei ihm aussticht. Kein Fühlender
läßt sich darüber durch die - sagen wir:
ironischen und grotesken Kunstmittel täuschen, die
zu handhaben ich gewohnt bin. Ich lasse außer acht,
was Sie wissen: daß keiner, der Sie nicht genau und
nahe kennt, überhaupt "etwas merkt", daß mit einem
Worte die Sache nicht öffentlich ist. Das dient nicht
zu meiner Entlastung. Ich habe immer gewußt und gesagt,
daß es eine Sache ist zwischen Ihnen und mir. Aber
Ihre nächsten Freunde, Jünger und Verehrer, die Reisiger,
Chapiro, Loerke, Heimann, Eulenberg, die allenfalls
etwas "merken" konnten und gemerkt haben, - sind sie
beleidigt durch die Figur? Haben sie Ärgernis daran
genommen und sich empört? Es ist eine Tatsache: sie
haben es nicht getan, und diese merkwürdige Erscheinung
sollte doch, meine ich, auch Ihrem Zorne zu denken
geben.
Lieber,
verehrter Mann! Soll eines schlechten Streiches, einer
Künstlersünde wegen alles vergessen sein, was ich
über Sie gesagt habe, als es sich wirklich um Sie
und nicht um eine großartige Maske handelte: jener
Aufsatz zum Beispiel, der mir Ihre Freundschaft gewann,
und in dem ich Sie den König des Volkes nannte? In
der Not darf ich Sie daran erinnern. Und auch Ihre
gestrenge Gattin möge daran erinnert sein, - schon
wage ich es, Sie zu bitten, bei ihr ein gutes Wort
für mich einzulegen: so sehr glaube ich bereits
an Ihre eigene Verzeihung.
Seien
Sie versichert, daß ich keine übertriebenen Ansprüche
an Ihre Güte stellen werde, wenn das Leben uns wieder
einmal zusammenführt, - worauf ja Aussicht besteht.
Ich bin mir klar darüber, daß mein Streich - auf Zeiten
wenigstens - manches unmöglich gemacht hat, was
sonst hätte sein können. Aber wenn der Augenblick
kommt, so, bitte ich, versagen Sie mir nicht die Hand,
die ich Ihnen im Geiste mit all der wahren Empfindung
zu drücken wage, die niemals, zu keiner Stunde des
Lebens und der Arbeit, in Ihrer Gesellschaft oder
fern von Ihnen aufgehört hat für Sie in mir lebendig
zu sein!
Ihr ergebener Thomas Mann
Da es keine schriftlichen Reaktionen Hauptmanns auf
diesen Brief gibt, wird angenommen,
daß er impulsiv nach München telefonierte. Jedenfalls
war der Konflikt beendet, als sich die beiden
Autoren wenige Wochen später auf der Generalprobe
von Hauptmanns "Festaktus zur Eröffnung des Deutschen
Museums Mün-chen" trafen. Erleichtert schrieb der
Zauberberg-Schöpfer
am 7. Mai an seine Tochter Erika: "Wir haben uns
viel die Hände gedrückt, und es ist alles in der Reihe.
Er ist ein so gutes Format, ich liebe ihn sehr." In Hauptmanns Gruß zum 50. Geburtstag
Thomas Manns am 6. Juni 1925 wird der Zauberberg besonders hervorgehoben: "Im Zauberberg haben wir den ganzen Thomas Mann - Auch im Dichterischen
steht mir der Zauberberg
am nächsten - Von den Buddenbrooks
bis zum Zauberberg,
welch ein Weg!"
Daß Thomas Mann dann 1929 der Nobelpreis zufiel,
"war nicht zuletzt und vor allem sein Werk", steht
in der "Entstehung des Doktor Faustus". Am 15. Oktober schrieb er an Hauptmann
voller Entrüstung, daß eine "Oberlehrer-Clique" sich
für die Verleihung des Preises an Arno Holz einsetze,
was er "absurd und skandalös" finde, ganz Europa
würde sich "voller Verständnislosigkeit an den Kopf
greifen". Weiter heißt es in diesem Brief: "Seien
Sie versichert, daß ich sachlich spreche: ich habe
zu leben und würde zum Beispiel unserer klugen und
bedeutenden Ricarda Huch den Preis von Herzen gönnen.
Aber Holz? Es wäre ein wirkliches Ärgernis, und man
sollte wahrhaftig etwas dagegen tun..."
Hauptmann antwortete umgehend, am 19. Oktober 1929:
"Nun zu A.H. und dem Nobelpreis. Ich teile in dieser
Beziehung Ihre Ansicht durchaus. Wenn Ihnen eine Preisverleihung
an ihn absurd und skandalös vorkommen würde, so erschiene
sie mir außerdem
als eine schwere Blamage der Nobelkommission und der
deutschen Geisteswelt... Ist aber eine Propaganda
für A.H. im Gange, so kann man natürlich dagegen
nichts tun, am wenigsten ich, den man es als nackte
Mißgunst auslegen würde... Mein Nobelpreiskandidat
waren bereits vor 5 Jahren Sie, und ich habe das in
Stockholm schriftlich vertreten. Sie sind es heute
wieder. Für Ricarda Huch würde ich ebenfalls stimmen."
Kurz danach hat der schlesische Dichter erneut sein
Wort in Stockholm für den "Collegen"
eingelegt. Über den Erfolg hat er sich diesmal telefonisch
vergewissert, und er rief ihn dann auch in München an. Er habe gerade
mit dem "Kingmaker in Stockholm,
Professor Böök von der schwedischen Akademie", gesprochen
und "freue sich, der erste Gratulant zu sein". Unter diesem Namen wurde ich jetzt
im Briefnachlaß fündig, entdeckte einen längeren
Briefentwurf vom 21. Oktober 1929 an Frederik Böök, der bisher unbekannt war und hier mit freundlicher Genehmigung der
Staatsbibliothek vollständig wiedergegeben
werden soll.
Hochverehrter Herr Professor.
Bei unserer
Begegnung in Bochum erwiesen Sie mir die Ehre mich
zu fragen, wer in Deutschland meiner Ansicht nach
jetzt als Kandidat für den Nobelpreis in Betracht
käme. Es war mir im Augenblick schwer ein verantwortliches
Wort auszusprechen. Soviel ich mich erinnere,
wollten wir in einer späteren Stunde, die leider nicht
gekommen ist, die Frage eingehender erörtern.
Sie ist mir
inzwischen vielfach durch den Kopf gegangen. Erlauben
Sie mir also, meine schuldig gebliebene Antwort jetzt
auszusprechen. Im gegenwärtigen Zeitpunkt würde,
und zwar ganz unzweifelhaft, einer von zwei sehr entgegengesetzten
Persönlichkeiten des stärksten Echos und der allgemeinen
Zustimmung in Deutschland sicher sein: der Stefan
Georges und der Thomas Manns.
Dass
Thomas Mann mehr als Stefan George mitten im Leben
steht, ist Ihnen gewiss bekannt. Durch seine
geschlossene Prosakunst, seinen schlichten,
unbeirrbaren Mut, besitzt er das Ohr und das Vertrauen
unserer Öffentlichkeit. Bei der augenblicklichen
Spaltung Deutschlands in zwei politische Lager hat
er, politisch dem einen angehörend, natürlich im anderen
seine Gegnerschaft. Unzweifelhaft aber wird auch dort
seine Bedeutung nicht verkannt und durchaus respektiert.
Die Preiserteilung an ihn
würde zwar wie immer in solchen Fällen hie und da Missgunst erwecken, aber wie ich mit Bestimmtheit aussprechen
darf, jedermann verständlich sein.
Mit Stefan
George wäre es nicht ganz der gleiche Fall. Die hohe
Verehrung, die er in bestimmten Kreisen geniesst,
beruht auf einer Kunst, die Popularität weder sucht
noch gewinnen kann. Sein Name wird indes auch in der
weiteren Öffentlichkeit, ich möchte sagen mit einer
mystischen Achtung genannt und seine Krönung mit dem
Nobelpreis würde allgemein als organisch empfunden
werden. Freilich müsste man sicher sein, dass er
den Preis nicht zurückwiese [gestrichen: "was
bei der Art seiner ausschliessenden Persönlichkeit immerhin
denkbar ist"; handschriftlich:] Das
eigentlich glaube ich nicht, es besteht aber dafür,
bei der ausschliessenden Art seiner hochgestimmten
Seele, eine entfernte Möglichkeit.
Die beiden
von mir genannten Kandidaten haben bereits Weltruf
erlangt. Der Krönung eines von ihnen würde ein weites
Echo antworten. Die Stellung aber, die sie in ihrem Volke einnehmen, würde die Absicht des Institutes
verwirklichen, die über
die Person hinaus das Volk des Preisträgers ehren
will, denn dass man die Preiserteilung an
Stefan George oder Thomas Mann in Deutschland als
Ehre empfinden würde ist unzweifelhaft.
Wenn mir Ihre
Frage, hochverehrter Herr Professor, Gelegenheit zu
einer Antwort gegeben hat, so ist mir das ganz besonders
angenehm. Mit Stockholm, der Akademie und dem Nobel-Institut
als Preisträger sympathetisch verbunden, muss mir
der Anlass, mich in Ihren Dienst stellen zu können,
hochwillkommen sein, ja er gibt mir Gelegenheit, mich
einer Art Gewissenspflicht zu entbinden, wie es hier
geschehen ist.
Es handelt sich um ein außerordentlich geschicktes, sehr diplomatisch gehaltenes
Schreiben. Thomas Mann wird zuerst genannt und gewürdigt.
Zu Stefan George wird en
passant soviel Einschränkendes erwähnt, daß der
Empfehlungsakzent eindeutig bei Thomas Mann liegt.
Das wußte der Zauberberg-Autor,
dessen Verhältnis zu dem älteren, so erfolgreichen
und populären Weber-Dichter immer etwas ambivalent
war, wohl zu würdigen. In der "Entstehung des Doktor
Faustus" von 1949 hieß es daher noch: "Ich antwortete
ihm, die Auszeichnung sollte mir desto lieber sein,
je mehr ich sie ihm zu verdanken hätte."
Doch bald kam es zu einer neuen Verstimmung. Als Thomas Mann den Nobelpreis
erhalten hatte, gab er sich bescheiden-überrascht
und stellte in einem Interview die scheinheilige
Frage, ob nicht andere, etwa Arno Holz, würdiger gewesen
wären. Hauptmann war natürlich empört und notierte
im Tagebuch: "Sie machen es mir sehr schwer, Herr
T[homas] Mann, mich über Ihren Nobelpreis zu freuen.
Ihr öffentliches Bedauern darüber, daß Sie an die
Stelle von A[rno] H[olz] rücken mußten, der ohne
Zweifel den N[obel]preis verdient habe, reiht sich
den schwersten öffentlichen Lügen an, die aus niedriger
Heuchelei und Profitsucht..." Der Text bricht hier ab, aber man
kann verstehen, daß Hauptmann dem Jüngeren diese -
gelinde gesagt - Doppelzüngigkeit lange nachgetragen
hat.
Natürlich mußte ihm diese Erfahrung auch die Peeperkorn-Affäre wieder ins
Bewußtsein rufen. "Es vergingen noch einige Jahre",
schreibt Peter de Mendelssohn, "bis auch der letzte
Schatten verflog." Er glaubt, daß dieser Augenblick
in letzter Stunde kam, als es "fast schon zu spät
war": im Goethe-Jahr 1932, das auch
den 70. Geburtstag Gerhart Hauptmanns brachte. Im
Münchener Nationaltheater
hielt Thomas Mann die Festansprache, rühmte das Wesen,
die Würde und die Volkstümlichkeit des Jubilars. Die
"Chronik" von Bürgin/Mayer notiert für den 11. Dezember:
"Gerhart Hauptmann zu Gast bei T.M." - die Hauptmann-Chronik
von Behl/Voigt erwähnt dies nicht. Natürlich wäre
es möglich; Hauptmann war mehrfach in der
Poschingerstraße 1 - Klaus Mann spricht von "seltenen
Besuchen... die stets den Charakter solemner Staatsvisiten"
hatten. Katia Mann indes erzählt von
einem Essen in
kleinem Kreis, wonach der Champagner in Strömen floß.
Das Beisammensein, an dem auch Max Halbe und
seine Frau teilnahmen, dauerte "bis gegen sechs
Uhr nachmittags; dann fuhren wir nach Hause, um uns
umzuziehen" (für die Festaufführung der "Ratten").
Hier kam es zu dem, was Thomas Mann "den eigentümlich-komischsten
Augenblick unseres Umgangs" nannte - daß sie "um ein Haar" Brüderschaft
tranken, Hauptmann "im Begriffe war", dem Zauberberg-Autor
das Du anzubieten. In der "Entstehung des Doktor
Faustus" liest sich das so: "Also... Beachten
Sie wohl... Gut!... Wir sind doch Brüder, nicht wahr?
Sollten wir folglich nicht... Gewiß... Aber lassen
wir das!" In Katia Manns Erinnerungen steht:
"Also, Herr Mann - ich meine - wir beide, wir sind doch - wir sind doch
Brüder, da könnte man doch - nicht wahr? Kurzum: genug!" Es blieb beim Sie. Doch im Bewußtsein
der Nachwelt, in Publizistik und Literaturwissenschaft werden die beiden großen Schriftsteller
stets in Verbindung gebracht, fast wie Goethe und
Schiller. Der festeste Knoten, der Höhepunkt und
zugleich der größte Konfliktfall ihrer
Beziehungen hat einen Namen: Mynheer Peeperkorn.
Seine Rede zum 90. Geburtstag Hauptmanns von 1952 schloß Thomas Mann mit den
Worten: "Und seinem Deutschland, an dem er hing wie
der Sohn an der Mutter, das er liebte bis in seine
düsterste Verirrung hinein, wird das Werk, das er
ihm schenkte, eine hohe festivitas bleiben - allezeit."