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Orbis Linguarum Vol. 23/2002

Monika Szczepaniak

Bydgoszcz

Jason als "Macher" der Geschichte. Betrachtungen über das männliche Prinzip in Heiner Müllers und Christa Wolfs Adaptationen der Argonautensage

Der Mythos von den Argonauten

Männlichkeit ist - in den Worten von Walter Hollstein - "historisch zusammen­ge­wachsen mit dem Bild eines Homo Faber, der von unserem geschichtlichen Anfang an Kultur gestaltet, Zivilisation aufgebaut, der uns materiellen Fortschritt, Wohl­stand, höhere Lebenserwartung und Sicherheit gebracht hat, ein Macher also, der kein Risiko scheut und jeder Gefahr mutig entgegentritt, der Herausforderungen als selbstverständlich annimmt und die größere Welt mit seiner Leistung prägt" [1] .

Neben den Gründervätern von Sippen, Städten, Staaten (Gilgamesch, Romulus und Romus, König Artus u.a.), den Zivilisationsstiftern und Wohltätern der Mensch­heit (Herakles, Prometheus), gilt der Meeresbezwinger, Eroberer und Kolonisator Jason als Verkörperung der Idee des Heros, als Prototyp des Helden, der in die Welt hinauszieht, "um sich mit grimmigen Feinden, reißenden Bestien und unbe­rechen­baren Naturgewalten herumzuschlagen" [2] .

Im Falle der literarisch tradierten Argonautensage [3] handelt es sich um Schilde­rung einer außergewöhnlichen Fahrt mit den Zielen Entdeckung, Erforschung, Er­oberung. Jason ist bekannt als "Führer des kühnen Zugs der Argonauten, die mit dem Schiff Argo als erste einst durch Dardanellen und Bosporus ins Schwarze Meer und eben bis zum Sagenhaften Goldland Kolchis vorgestoßen waren" [4] .

Schon allein die Motive des Aufbruchs situieren Jason innerhalb des mehrmals analysierten männlichen Prinzips. Der Held des Mythos will an die Macht: Er for­dert von seinem Onkel Pelias die ihm von Rechts wegen zustehende Herrschaft über Iolkos. Pelias erklärt sich bereit abzutreten unter der Bedingung, daß Jason ihm das im Besitz des kolchischen Königs Aietes befindliche und dort sorgfältig gehütete Goldene Vlies zurückbringt. Sich dieser Herausforderung zu stellen, er­öffnet glänzende Zukunftsaussichten: Macht, Geld und Ruhm. Zudem wird das Goldene Vlies mit Symbolen der männlichen Fruchtbarkeit in Verbindung ge­bracht, so daß es zum Teil als ein Kultgegenstand fungiert, dessen jeweiliger Be­sitzer zu den Auserwählten gehört. Auf das sichtlich Spektakuläre an der Pionier­fahrt der Argonauten macht Geoffrey Stephen Kirk aufmerksam: "Mit wachsender Popularität wurde aus der Expedition eine panhellenische Angelegenheit; jeder, der Rang und Namen hatte, nahm daran Teil, einschließlich Orpheus und Herakles." [5]

Das Bild der mutigen Argonauten weicht nicht von der in der abendländischen Kultur anerkannten "echten" Männlichkeit ab. Diese bedarf "Prüfungen oder Be­weise in Form von Taten oder Auseinandersetzungen mit gefährlichen Feinden, oder eines dramatisch auf offener Bühne ausgetragenen Wettstreits um Sieg oder Niederlage" [6] . In den kulturellen Figurationen von Männlichkeit gehen Leistungs­fähigkeit, Mut zum Risiko, Selbstbestimmung, entschlossenes Handeln, Aggres­si­vi­tät und das Sich-Bewähren im Kampf (Wehrhaftigkeit) miteinander einher. Die für den Forschungsaspekt der vorliegenden Analyse besonders relevante heldische Komponente liegt - so Gilmore - "in Selbstbestimmung und Disziplin, in absolu­tem Selbstvertrauen des Mannes - mit einem Wort, in seiner Handlungsauto­no­mie" [7] . Um die gesellschaftliche Prüfung auf Männlichkeit hin bestehen zu können, löst sich der Held vom familiär-heimatlichen Zusammenhang und er zieht in die aben­teuerlich-gefährliche Fremde, wo sein Körper ständigen Risiken ausgesetzt wird.

Nach vielen Abenteuern und Auseinandersetzungen mit tödlicher Gefahr (Rie­sen, Harpyien u.ä.) gelangen die Argonauten nach Kolchis, wo sie erneut - um die vom König Aietes gestellte Bedingung zu erfüllen - lebensgefährliche Mutproben zu bestehen haben. Jason soll "zwei flammenspeiende Stiere mit ehernen Füßen an­schirren, Drachenzähne ins Feld säen und die aus der Saat emporsprießenden, bewaffneten Krieger vernichten" [8] . Das alles gelingt mit Hilfe einer Salbe, die ge­gen Feuer und Metall schützt und die Jason von der zauberkundigen Tochter des Aietes, Medea überreicht wird. Die Griechen rauben also das Goldene Vlies und kehren erfolgreich in die Heimat zurück. "Die Figurenkonzeption Jasons entspricht der des Helden. Der Held (außerordentlichen Herkunft, Geburt oder Erziehung) tritt in die Erzählung ein, nachdem er bereits Ruhm erworben hat, und verlangt sein Recht. Er muß unmögliche Aufgaben lösen, überwindet jedoch alle Hindernisse mit Hilfe mächtiger Freunde oder übernatürlicher Mächte." [9]

Heiner Müllers Verkommenes Ufer Medeamaterial Landschaft mit Argonauten

 Erobertes Ufer

Die Argonautensage interessiert Heiner Müller vordergründig als prototypische Il­lustration des Übergangs vom Mythos zur Geschichte. Inmitten des Zivilisations­prozesses, in dessen Verlauf die instrumentelle Vernunft im Glauben an die Mach­barkeit des Glücks die Reflexion abbricht, nisten jedoch durchaus dem Mythos zu­geschriebene irrationale Elemente. Es war eben irrsinnig zu glauben, daß die "vor­wegnehmende Identifikation der zu Ende gedachten mathematischen Welt mit der Wahrheit" [10] vor der Rückkehr des Mythischen zu schützen vermag.

Diesen unsinnigen Verlauf der Geschichte, in der parallel zum technischen Fort­schritt "die Saat der Barbarei heranreift" [11] , illustriert Müllers Verkommenes Ufer. Auf symptomatische Weise wird Jason - der Eroberer und Kolonisator par excel­lence, der die spezifisch männliche Ratio in extremis inkarniert - in Müllers Ver­sion des Mythos von seinem eigenen Schiff erschlagen: "Bis ihm die Argo den Schädel zertrümmert das nicht mehr gebrauchte Schiff." [12]

Das Werkzeug der Kolonisierung vernichtet den Kolonisator. Die männliche At­titüde der restlosen Aneignung und Unterwerfung von Land und Landschaft, von Natur und Frauen, nicht zuletzt vom eigenen Körper, stößt spektakulär an ihre Gren­­zen. Das Skandalon der dem anscheinend festgefügten, vernünftigen Universum der abendländischen Zivilisation innewohnenden Irrationalität entpuppt sich in all seinen menschheitsgefährdenden Aspekten. Die Dialektik der Aufklärung wird in Müllers zivilisationskritischer Lesart des antiken Mythos auf mahnend-makabre Weise ins Bild gesetzt.

Das in Müllers Stück evozierte Bild des "verkommenen" Ufers im Zusammen­hang mit dem "Zivilisationspionier" (W. Emmerich) Jason und dessen Kulturtaten weitet sich metaphorisch zum Schlachtfeld und Müllhaufen Geschichte aus. Da wird ein zeitgenössisches Ambiente heraufbeschworen: An einem See bei Straußberg registriert der Text eine "Spur flachstirniger Argonauten" [13] - Schilfborsten, totes Geäst, Fischleichen, Schlamm, Kothaufen, Zigarettenschachteln. Über dieses ge­genwartsbezogene Szenario schreibt Genia Schulz folgendes: "Die Spuren der ‘Be­satzer’ verweisen aufs Allgemeine: immer wieder betreten Eroberer fremdes Ufer, ‘beseitigen’ die Frauen, lassen eine verwüstete Landschaft zurück, zerstören die Kultur und werden schließlich zum Bestandteil ihrer eigenen Zerstörung [...]." [14] Heiner Müller verweist auf die den Zivilisationsprozeß begleitenden Blutspuren, auf die Abfälle der ihre Ziele - auch wenn über Leichen - verwirklichenden Indu­striegesellschaft, auf die verheerenden Wirkungen der gewaltsamen Eingriffe in die Natur. Die Ankunft der Argonauten in Kolchis bringt allumfassende Zerstörung - ein Muster, das Müller in der historischen Entwicklung überhaupt am Werk er­blickt. Das eroberte Ufer ist verkommen. Was bleibt, ist das deprimierende Bild einer apokalyptisch anmutenden Landschaft - ein "Todesmuseum" (T. Bernhard).

Jasonmaterial

Eine der Manifestationsformen des zerstörerischen männlichen Prinzips in Müllers dramatischer Adaptation des Argonautenmythos wird in Medeas Klage formuliert:

Du Mir Liebst du sie Jason deine Söhne

Willst du sie wiederhaben deine Söhne

Dein sind sie Was kann mein sein deiner Sklavin

Alles an mir dein Werkzeug alles aus mir

Für dich hab ich getötet und geboren

Ich deine Hündin deine Hure ich

Ich Sprosse auf der Leiter deines Ruhms

Gesalbt mit deinem Kot Blut deiner Feinde

Und wenn du zum Gedächtnis deines Siegs

Über mein Land und Volk der mein Verrat war

Aus ihren Eingeweiden einen Kranz

Um deine Schläfen flechten willst dein sind sie

Mein Eigentum die Bilder der Erschlagenen

Die Schreie der Geschundenen mein Besitz. [15]

Auch sie, Medea, ist Jasons Beute. "Im Vorschein auf das Glück der satten Bäu­che" [16] wird Verschleiß einkalkuliert. Die Frau mit dem zerschundenen, ver­brauch­ten Körper [17] brütet Rache [18] . Gleichzeitig macht sich Medea zum Vorwurf:

Wär ich das Tier geblieben das Ich war

Eh mich mein Mann zu seiner Frau gemacht hat. [19]

Jason sieht das allerdings anders. Aus der stolzen Frage "Was warst du vor mir Weib" [20] läßt sich der Hochmut eines Zivilisationsapostels heraushören, der sich dessen brüstet, die instinktgebundene Barbarin auf die eingefahrenen Pfade der Kul­tur gelenkt zu haben. Aber vorher hat sie ihm ihre magischen Kräfte zur Verfü­gung gestellt. Der Mann imaginiert sich in dieser Konstellation als "Anfangspunkt der menschlichen Existenz Medeas, als Lebensschaffenden, als Demiurgen" [21] .

In Müllers Text präsentiert sich der Mann nicht vorrangig als liebendes, sexu­el­les Geschöpf oder überhaupt ein psychologisch ausdifferenziertes Individuum, son­dern vielmehr als ein Prinzip - das Prinzip Jason. Dieses Männlichkeitsbild kor­res­pondiert mit der Konstatierung von Marlin French, daß der Mann in der Früh­zeit des Patriarchats vordergründig als tötendes Wesen in Erscheinung tritt [22] . "Während er in Wirklichkeit tötete, um Territorien zu erobern oder um Beute zu machen, er­klärte die Literatur jahrtausendelang Ruhm und Ehre zu den treibenden Motiven." [23]

Jason ist ein "politisches Tier" (H. Müller). Nicht aus Liebe läßt er sich mit der gesitteten Frau Glauke ein, sondern aus Nützlichkeitserwägungen. Die korinthsche Königstochter ist für den "Verwertungseuropäer" (H. Preußer) - wie einst Medea - eine Sprosse auf der Leiter des Ruhms. Die anvisierte Heirat gewährleistet den Auf­stieg in Machtkreise und die Etablierung auf der hohen gesellschaftlichen Position. Der Mann zögert nicht, wenn es darum geht, der Liebe zu entsagen: "es zählt ein anderer Geist auf ihn ..." [24] .

Medeas Identitätsverlust, die Auslöschung ihrer Persönlichkeit ist Voraus­set­zung für die Konstituierung einer Ordnung, die eine Reihe von Opfern [25] im vor­aus miteinkalkuliert hat.

Landschaft mit Verfall

Im dritten Teil des dramatischen Textes von H. Müller, der eine Kompilation aus Elementen des archaischen Mythos und erschreckenden Ikonen aus der modernen Alltagsrealität [26] bildet und der sich durch äußerste Kondensierung des Stoffs und das Einflechten von Anspielungen, Assoziationen und Traumsequenzen auszeich­net, wird Selbstentfremdung im Prozeß der Eroberung und Aneignung thematisiert, und zwar (auch) auf der Seite der Eroberer. In Landschaft mit Argonauten "lösen sich Fragmente aus der Geschichte des umgetriebenen Helden und Motive aus dem literarischen Arsenal des Autors Müller (Philoktet, Prometheus, Odysseus) in einer kollektiven Ich-Stimme auf" [27] . Diese Stimme ist anonym, es ist nicht nur Jason, der spricht, sondern ein abstrakter Mann, der sich seiner Identität nicht mehr sicher ist, dem bislang gültige Maßstäbe zur Selbstbestimmung und Weltinterpretation ab­han­den gekommen sind:

Soll ich von mir reden Ich war

Von wem ist die Rede wenn

Von mir die Rede geht Ich Wer ist das

Im Regen aus Vogelkot Im Kalkfell

Oder anders Ich eine Fahne ein

Blutiger Fetzen ausgehängt Ein Flattern

Zwischen Nichts und Niemand Wind vorausgesetzt [28]

Im "Kalkfell" eingeschlossen, den Sternen als "kalten Wegweisern" ausgesetzt, unter der "eisigen Aufsicht" des Himmels, steht das verhärtete [29] und verunsicherte Ich mit leeren Händen da und versucht - von einer Todesszenerie umgeben - eine Bilanz aus seiner Geschichte zu ziehen ("Wortschlamm aus meinem verlassenen Niemandsleib" [30] ). Das Unterfangen der Seefahrt und der Landbesetzung nahm kein glückliches Ende. Der Prozeß der zivilisatorischen Entwicklung erwies sich als eine Irrfahrt. Der Fortschritt erleidet einen Schiffbruch. Nichts qualitativ Neues ist geschaffen worden, nichts, was in der Lage wäre, den fatalen circulus vitiosus der abendländischen Geschichte durchzubrechen, der vom allumfassenden Prinzip der GEWALT angetrieben wird. Nicht einmal die Dichter können der Trostlosigkeit der Weltgeschichte eine positive Vision entgegensetzen. "WAS BLEIBT ABER STIFTEN DIE BOMBEN" [31] .

Verödung, Erstarrung und Kälte erfassen nicht nur das in Auflösung begriffene Sub­jekt, sondern auch die Landschaft. Die Müllersche Natur ist im Verfall be­grif­fen. Der Mechanismus der Geschichte hat "Sand im Getriebe". Es ist nicht zuletzt ein Desaster des männlichen Prinzips, das durch den selbstinszenierten Größen­wahn Destruktion herbeiführt.

Der innere Monolog Jasons - "ein zersprengter, in Schichten des Unbewußten, Traumhaften, Traumatischen gleitender Bewußtseinsstrom" [32] - ist als katastrophale Zukunftsvision zu deuten, als Müllers "Absage an das neuzeitliche Subjekt­ver­ständ­nis ebenso wie an das dialektische, teleologische heilsgeschichtliche Konzept der Menschheitsentwicklung" [33] .

Am Ende des triptychonartigen Theaterstücks reflektiert das männlich konno­tierte Subjekt vor dem Hintergrund des verdunkelten Geschichshorizonts über den eige­nen Tod:

Ich spürte MEIN BLUT aus MEINEN Adern treten

Und MEINEN Leib verwandeln in die Landschaft

MEINES Todes [34]

Christa Wolfs Medea. Stimmen

 "Er war ein herrlicher Mann"

In Christa Wolfs Roman bietet sich - schon allein aus gattungstheoretischen Grün­den - ein wesentlich umfangreicheres Jason-Material an. Der 1996 erschienene Ro­man Medea. Stimmen läßt sich als ein Beitrag zu den von Christa Wolf seit Jahr­zehn­ten durchgeführten tiefgreifenden Analysen der abendländischen Kultur inter­pre­tie­ren, in der sich bestimmte bereits in der Antike modellhaft wirkende Ge­schichts­mechanismen perpetuieren und zerstörerische Strukturen festgeschrieben werden. Ähnlich wie Müllers Theaterstück verweist Wolfs Text auf die dunkle Seite des Zi­vilisationsprozesses, auf jene tabuisierten Bereiche, die - selbst nicht besonders rühmenswert - so manchem Helden einen Ruhmestitel eingebracht haben. Jason fungiert in der von Christa Wolf entworfenen Konstellation, die "Macht- und Macht­mißbrauchstrukturen von zeitloser Gültigkeit aufdeckt" [35] , als Teilnehmer an den Ruchlosigkeiten des Patriarchats, in dem blindes Machtstreben, Geltungssucht, Lü­ge, Gewalt und Betrug über Liebe, Freundschaft, Mitgefühl, Hilfsbereitschaft längst gesiegt haben.

Das Heroische an Jason und den Argonauten wird im Roman immer wieder re­flektiert, allerdings erscheint es nicht so sehr als Ergebnis der Arrangements des Betroffenen, sondern vielmehr als Produkt einer diskursiven Praxis. In diesem Sin­ne ist Jason in Wolfs Text ein weitgehend "gemachter" Held, wobei der Aspekt der männlichen Selbstinszenierung zum Bild eines besonnenen Kulturmenschen (in je­der Situation Herr der Lage) an einigen Stellen des Romans hervorgehoben wird. So heißt es beispielsweise über die Argonauten: "Schon auf der Überfahrt fingen einige der Männer an, die Höhe des Wassers zu übertreiben, überhaupt von einer höchst gefährlichen Abfahrt zu reden, von Dünung und unruhiger See, von ihrer Besonnenheit und ihrer Kühnheit, denen es zu verdanken war, daß alle Frauen und Kinder heil an Bord gekommen seien. Ihre Legenden werden ausufern, wenn unse­re Lage sich weiter verschlechtert, und es wird nichts nutzen, ihnen die Tat­sachen entgegenzuhalten." [36]

Von Jason selbst stammen einige Lobsprüche über die Leistung der Argonau­ten­fahrt, von der er nicht zu behaupten ansteht, daß sie in die Geschichte eingehen wird. Mit Herablassung blickt der Eroberer auf die Eingeborenen - der Hochmut des weißen Mannes heißt ihn die wilden Sitten der Fremden mit Abscheu zurück­weisen, wie alles, was sein kulturimperialistisch geprägtes Bewußtsein auf niedri­geren Zivilisationsstufen verortet: "Mein Nachruhm war mir mit dem Augenblick sicher, da ich meinen Fuß als erster auf diese östlichste, fremdeste Küste gesetzt hatte, das stärkte mich. Wir, die wir in ein barbarisches Land vorstießen, waren barbarischer Sitten gewärtig und hatten uns durch die Anrufung unserer Götter in­nerlich gefestigt." [37] In Wolfs Text wird auch auf diese Komponente des tradierten Argonautenmythos angespielt, die das Heroische an Jason relativieren lassen, ohne daß die mythische Konstellation umgedeutet wird. Es handelt sich um die Mutpro­ben, denen Jason vom König Aietes ausgesetzt wird und denen er nur dank Medeas Zaubermitteln standhalten kann. Mit äußerster Knappheit wird dieser Umstand in Wolfs Text von Jason selbst auf den Punkt gebracht: "Ohne sie, ohne Medea, wäre ich zugrunde gegangen." [38] Nichtsdestoweniger werden von Jason - dem mutigen Drachentöter Lieder gesungen und Legenden verbreitet.

 Die Schwächen des Heroen

"Das Wort Held enthält [...] von jeher eine doppelte Bedeutung: einerseits ver­weist es auf die Männlichkeit, die kriegerische aber edle Gesinnung, die Kampferfahrung und Kraft des Helden, andererseits aber erinnern die Sprachwurzeln sich schützen, sich bedecken, sich rüsten an die schwache, verletzliche und deshalb schutzbedürf­tige Seite des Helden. Der Held ist nicht per se unbesiegbar, unverletzlich, sondern im Gegenteil: er ist höchst verwundbar und gefährdet und bedarf deshalb seiner Rüs­tung, seines Schutzschildes, seines heldenhaften Mutes. Die Tugenden des Hel­den entspringen seinen Schwächen und sollen diese kompensieren." [39]

Wolfs Jason ist weitgehend entheroisiert. Seine Identität wird von einer sich ver­schiedenartig manifestierenden Schwäche und Feigheit mitkonstituiert. Er hat es Medea dadurch angetan, daß er das Richtige zu sagen wußte, mitunter ein Trost­wort parat hatte und ihr in unverhofften Zärtlichkeitsgesten die Füße zu wärmen vermochte. Er liebte es zwar, unter Medeas Liebkosungen sich seinen Phantasien hinzugeben, an denen er die Frau nicht partizipieren ließ, aber immerhin war er zu (als ausgesprochen unmännlich gekennzeichneten) [40] Gefühlsaufwallungen fähig. Er konnte sogar mit dem in Medeas Schoß vergrabenen Gesicht lange weinen. Me­deas Kommentar zu der Szene des männlichen Sich-Ausweinens spricht Bände: "Dafür werde ich zahlen müssen. Immer muß die Frau dafür zahlen, wenn sie in Korinth einen Mann schwach sieht." [41]

Als Feigheit ist Jasons Weigerung einzustufen, der geliebten Frau zu helfen, wenn sie verleumdet und verfolgt wird, obwohl er um ihre Unschuld weiß. Der Umstand, daß diese Haltung moralisch fragwürdig erscheint, erlaubt einen Denkansatz, der darauf hinauslaufen könnte, den Diskurs über die geschlechtsspezifische Ethik, in dem Moral für Männer und Frauen nicht dasselbe Gewicht und nicht denselben In­halt besitzt [42] , ins Wanken zu bringen. Jasons Abwendung von Medea ist aller­dings auch durch seine patriarchalischen Machtgelüste motiviert. Ein weiteres Ar­gument von Christa Wolf, das Jasons heldische Männlichkeit abzuschwächen ver­mag, ist die Suggestion, daß die Argonautenfahrt keinerlei Mutprobe darstellt, son­dern sich auf die "verzwickte Familiengeschichte des armen Jason" [43] zurückführen läßt.

Interessanterweise läßt Christa Wolf in Jason - wenn auch nur bruchstückhaft und vorwiegend auf spekulativer Ebene - manche Bestandteile des durch den Abstand zum Weiblichen konstituierten Mythos Mann fortbestehen. Als Beleg sei Jasons verzweifelt-rebellische Phantasmagorie angeführt, die im nachhinein, nach Medeas Verurteilung seinem verwirrten und nach Selbstrechtfertigung lechzenden Gehirn entspringt und die die männliche Attitüde des Eroberers / Kolonisators in die intimsten Sphären verlegt und als Bestandteil der männlichen Sexualität prä­sen­tiert: "Ich konnte auch anders. Meiner Wut ihren Lauf lassen. Mich an sie heran­machen und sie gegen die Wand drängen. Ungestraft beleidigt man Jason nicht. Daß sie merkte, Jason kann einen schönen männlichen Zorn in sich wachsen lassen über die Listen der Weiber, er kann sehr stark werden, wenn er das weiche Fleisch, in das er sich verkrallt hat, nachgeben fühlt unter sich, wenn er in den Augen der Frau endlich etwas wie Überraschung sieht, ehe sie die Augen schließt und den Kopf abwendet und das Unvermeindliche geschehen läßt. Ja. Ich habe verstanden. So ist es gemeint. Wir sollen die Weiber nehmen. Wir sollen ihren Widerstand bre­chen. Nur so graben wir aus, was die Natur uns verliehen hat, die alles überspüllen­de Lust.

Kein Blick, kein Wort mehr. Ich ging. Ich sah sie nicht wieder." [44]

Als eine Alternative, auf die Jasons Arrangements gezielt zusteuerten, bietet sich die in Aussicht stehende Karriere in Kreons Staat: "Kreon zog mich näher an sich heran, alle möglichen Pflichten und Dienste wurden mir auferlegt, darunter glanz­volle, die die Person erhöhen." [45]

Das Realitätsprinzip gewinnt in Jasons Lebenslauf letztendlich die Oberhand.

Resümee

Wolfs und Müllers Aufarbeitungen der Argonautensage sind innerhalb jener Welle der "mythoshaltigen Literatur" (N. Bock-Lindenbeck) zu plazieren, die "gegen die Diktion einer theoretisch-wissenschaftlichen Vernunfterkenntnis, die Defizite des wissenschaftlich-technischen Zeitalters kompensierend, vor den Folgen der vor­herrschenden instrumentellen Vernunft warnend" [46] auf bekannte Mythologeme zu­rückgreift, sie teils direkt übernimmt, teils umdeutet, aktualisiert, um neue Sinnzu­sammenhänge bereichert.

Die Texte von Müller und Wolf bieten trostlose Weltbilder und pessimistische Menschendiagnosen. Wolfs resignierte Medea konstatiert am Ende des Romans: "Denn wir sind unbelehrbar." [47] Im gleichen Ton ist Heiner Müllers Äußerung über die conditio humana gehalten: "Die Entwicklung des Menschen als Gegenstand der Anthropologie ist absolut minimal." [48]

Christa Wolf und Heiner Müller sind "unbekehrbare" Fortschrittsskeptiker, für die die Herstellbarkeit von Katastrophen keinem Zweifel unterliegt. Beide "schmerzt die Wunde der Zivilisation" (Norbert W. Bolz). Und sie formulieren - auch in ihren Medea-Texten - scharfe Anklagen gegen den alles verwertenden Gestus des homo faber, dessen Kulturtaten in Welt- und Selbstentfremdung münden.

Die literarische Gestalt des Kolonisators Jason - in beiden Texten Inkarnation des "eindimensionalen Menschen" (H. Marcuse) - führt die Kehrseite des schein­bar glänzend verlaufenden Zivilisationsprozesses vor und demonstriert die ewig gültigen Mechanismen des An-die-Macht-Gelangens.

Heinz-Peter Preußer formuliert einen der gravierendsten Unterschiede zwischen den zur Debatte stehenden Aufarbeitungen der Argonautensage: Müller "verfährt reduktionistisch und schematisch" mit seinen Gestalten und Wolf "schmälert den Konflikt, den Müller bis ins Unerträgliche ausreizt" [49] . Ch. Wolf verzichtet diesmal in der Tat weitgehend auf epochenübergreifende Bilder und direkte Paralleli­sie­run­gen von antiken und gegenwärtigen Geschichtskonstellationen (obwohl sie ja indi­rekt nahegelegt werden). Dafür ist Wolfs Jason nicht - wie bei Müller - auf bloße Typologie reduziert, sondern mehr psychologisch ausdifferenziert, so daß er stel­lenweise nicht unbedingt wie ein hartgesottener Zivilisationsstifter wirkt, sondern sogar Momente tiefgreifender (Selbst)Reflexion hat. Um abschließend ein Beispiel zu nennen: "Überhaupt frage ich mich, ob die Lust, andere Leben zu zerstören, nicht daher kommt, daß man am eigenen Leben so wenig Lust und Freude hat." [50]

Entgegen der Hoffnungslosigkeit der beiden Texte kann von utopischen Ele­men­ten die Rede sein. Nur: Für deren Trägerin Medea gibt es keinen Ort innerhalb der sich reproduzierenden Gewaltgeschichte. Wolfs Medea verabschiedet sich folge­richtig von den Mitmenschen mit den Worten "Fluch über euch alle". Bei Müller wird dagegen das Bild der "leeren Mitte" zwischen "Mann" und "Weib" evoziert - ein Raum, der vielleicht bewohnt werden könnte.

LITERATUR:

Bachmann, Ingeborg: Werke. Hrsg. von Christine Koschel, Inge von Weidenbaum, Cle­mens Münster. Erster Band: Gedichte, Hörspiele, Libretti, Übersetzungen. München 1993.

Baumer, Franz: Christa Wolf. Berlin 1996.

Bock-Lindenbeck, Nicola: Letzte Welten - Neue Mythen. Der Mythos in der deutschen Gegenwartsliteratur. Köln / Weimar / Wien 1999.

Daemmrich, Horst S. und Ingrid S.: Themen und Motive in der Literatur. Tübingen / Basel 1995.

French, Marlin: Jenseits der Macht. Frauen, Männer und Moral. Reinbek bei Hamburg 1985.

Gilmore, David D.: Mythos Mann. Wie Männer gemacht werden. Rollen, Rituale, Leit­bilder. München 1993.

Hollstein, Walter: Männerdämmerung. Von Tätern, Opfern, Schurken und Helden. Göt­tingen 1999.

Horkheimer, Max; Adorno, Theodor W.: Dialektik der Aufklärung. (Adorno, Theodor W.: Gesammelte Schriften 3) Frankfurt am Main 1981.

Kirk, Geoffrey Stephen: Griechische Mythen. Ihre Bedeutung und Funktion. Reinbek bei Hamburg 1987.

Latacz, Joachim: Einführung in die griechische Tragödie. Göttingen 1993.

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Nunner-Winkler, Gertrud (Hrsg.): Weibliche Moral. Die Kontroverse um eine ge­schlechts­spezifische Ethik. München 1995.

Preußer, Heinz-Peter: Medea, die Barbarin. Über den elementaren Schrecken, seine Recht­fertigung und den vergeblichen Versuch einer Pädagogisierung der Antike oder Heiner Müller contra Christa Wolf. In: Text+Kritik 73 (1997), S. 119-130.

Schulz, Genia: Medea. Zu einem Motiv im Werk Heiner Müllers. In: Berger, Renate; Stephan, Inge (Hrsg.): Weiblichkeit und Tod in der Literatur. Köln / Wien 1987, S. 241-264.

Waschescio, Petra: Vernunftkritik und Patriarchatskritik. Mythische Modelle in der deutschen Gegenwartsliteratur. Heiner Müller, Irmtraud Morgner, Botho Strauß, Gisela von Wysocki. Bielefeld 1994.

Wilke, Sabine: Poetische Strukturen der Moderne. Zeitgenössische Literatur zwischen alter und neuer Mythologie. Stuttgart 1992.

Wirth, Hans-Jürgen: Die Sehnsucht nach Vollkommenheit. Zur Psychoanalyse der Heldenverehrung. In: Psychosozial 31 (1987), Jg. 10: Helden; Hrsg. von Hans-Jürgen Wirth, S. 96-113.

Wolf, Christa: Medea. Stimmen. München 1996.

 



[1] Hollstein, Walter: Männerdämmerung. Von Tätern, Opfern, Schurken und Helden. Göt­tin­gen 1999, S. 62.

[2] Wirth, Hans-Jürgen: Die Sehnsucht nach Vollkommenheit. Zur Psychoanalyse der Hel­denverehrung. In: Psychosozial 31 (1987), Jg. 10: Helden, Hrsg. von Hans-Jürgen Wirth, S. 96-113, hier: S. 97.

[3] Bei Stephen Geoffrey Kirk ist nachzulesen, in welchen Überlieferungen auf die Reise der Argo angespielt wird (Homer, Hesiods Theogonie, Pindars Pythische Oden, Apollonios Rho­dios). Vgl.: Kirk, Geoffrey Stephen: Griechische Mythen. Ihre Bedeutung und Funk­tion. Reinbek bei Hamburg 1987, S. 151. Euripides und Seneka liefern freilich aus­führ­liche Aufarbeitungen des Argonautenmythos.

[4] Latacz, Joachim: Einführung in die griechische Tragödie. Göttingen 1993, S. 281.

[5] Kirk, a.a.O., S. 154.

[6] Gilmore, David D.: Mythos Mann. Wie Männer gemacht werden. Rollen, Rituale, Leit­bilder. München 1993, S. 12.

[7] Ebenda, S. 245.

[8] Daemmrich, Horst S. und Ingrid S.: Themen und Motive in der Literatur. Tübingen / Ba­sel 1995, S. 57.

[9] Ebenda, S. 58.

[10] Horkheimer, Max; Adorno, Theodor W.: Dialektik der Aufklärung. (Adorno, Theodor W.: Ge­sammelte Schriften 3), Frankfurt am Main 1981, S. 41.

[11] Ebenda, S. 49.

[12] Müller, Heiner: Verkommenes Ufer Medeamaterial Landschaft mit Argonauten. In: Mül­ler, Heiner: Stücke. Hrsg. von Joachim Fiebach. Berlin 1988, S. 185-194, hier: S. 185.

[13] Müller, a.a.O., S. 185.

[14] Schulz, Genia: Medea. Zu einem Motiv im Werk Heiner Müllers. In: Berger, Renate; Stephan, Inge (Hrsg.): Weiblichkeit und Tod in der Literatur. Köln / Wien 1987, S. 241-264, hier: S. 250.

[15] Müller, a.a.O., S. 187 f.

[16] Ebenda, S. 189.

[17] Die alternde Medea kann in Müllers Text mit der jungen Glauke nicht konkurrieren. Die­ser Umstand betont zusätzlich den Aspekt des "verwerteten" Körpers.

[18] Durch den Kindermord versucht Medea das wiederzugewinnen, was ihr von Jason ge­nom­men wurde. In ihrem Streben danach, daß die Kinder nicht nach dem Vater geraten und daß die Erbfolge unterbrochen wird (die Söhne liebäugeln schon mit dem Vater als dem Repräsentanten der Ordnung), bemerkt sie kaum, wie sehr sie selbst die perverse Lo­gik des Patriarchats verinnerlicht hat.

[19] Müller, a.a.O., S. 191.

[20] Ebenda, S. 187.

[21] Waschescio, Petra: Vernunftkritik und Patriarchatskritik. Mythische Modelle in der deut­schen Gegenwartsliteratur. Heiner Müller, Irmtraud Morgner, Botho Strauß, Gisela von Wy­socki. Bielefeld 1994, S. 31.

[22] Vgl. French, Marlin: Jenseits der Macht. Frauen, Männer und Moral. Reinbek bei Ham­burg 1985, S. 442.

[23] Ebenda, S. 442.

[24] Bachmann, Ingeborg: Erklär mir, Liebe. In: Ingeborg Bachmann - Werke, Hrsg. von Chri­stine Koschel, Inge von Weidenbaum, Clemens Münster. Erster Band: Gedichte, Hörspiele, Libretti, Übersetzungen. München 1993, S. 109-110, hier: S. 110.

[25] Die von Jason und den Argonauten Getöteten und der Bruder von Medea seien stell­ver­tretend genannt. Es muß angemerkt werden, daß Medea diese Opferkette um weitere Ge­stalten erweitert. Durch die Morde an Glauke und den Kindern schreibt sie sich selbst in die Reihe der Urheber von Unheil und somit rückt sie in die Nähe des männlichen Prinzips.

[26] Auch Elemente der politischen Realität sind in dem Textgeflecht enthalten: z.B. der Ju­go­slawische Traum, die Problematik der Dritten Welt, Anspielungen auf die Realität des Sozialismus in der DDR. Sabine Wilke spricht in diesem Zusammenhang von der "im­perialistischen Grundkonstellation" des Müllerschen Textes (vgl.: Wilke, Sabine: Poe­ti­sche Strukturen der Moderne. Zeitgenössische Literatur zwischen alter und neuer My­tho­logie. Stuttgart 1992, S. 66).

[27] Schulz, a.a.O., S. 261.

[28] Müller, a.a.O., S. 191 f.

[29] Diese Verhärtung gehört zu den Preisen, die Eroberer vom Argonautentypus zu zahlen haben: Sie müssen Durst und Hunger leiden, am Rande der Erschöpfung agieren, kör­per­lichen Bedürfnissen entsagen. Ihre Fühllosigkeit ist zum Teil Voraussetzung für die er­folg­reiche Realisierung des Projekts, zum Teil aber wohl Effekt vieler Entbehrungen.

[30] Müller, a.a.O., S. 193.

[31] Ebenda, S. 193.

[32] Schulz, a.a.O., S. 262.

[33] Waschescio, a.a.O., S. 28.

[34] Müller, a.a.O., S. 194.

[35] Baumer, Franz: Christa Wolf. Berlin 1996, S. 101.

[36] Wolf, Christa: Medea. Stimmen. München 1996, S. 31.

[37] Ebenda, S. 42.

[38] Ebenda, S. 59.

[39] Wirth, a.a.O., S. 96 f.

[40] Freilich imponieren Medea auch Jasons ausgesprochen "männliche" Qualitäten: "Er war ein herrlicher Mann. Sein Gang, seine Haltung, das Spiel seiner Muskeln bei den Manö­vern auf dem Schiff [...]." (Wolf, a.a.O., S. 102)

[41] Wolf, a.a.O., S. 27.