Download
dieses Dokuments als pdf-Datei
Diskutieren Sie mit Kollegen über diesen Artikel im
Forum.
Orbis Linguarum Vol. 23/2002
Monika Szczepaniak
Bydgoszcz
Jason als "Macher" der Geschichte.
Betrachtungen über das männliche Prinzip in Heiner
Müllers und Christa Wolfs Adaptationen der Argonautensage
Der Mythos von den Argonauten
Männlichkeit
ist - in den Worten von Walter Hollstein - "historisch
zusammengewachsen mit dem Bild eines Homo Faber,
der von unserem geschichtlichen Anfang an Kultur gestaltet,
Zivilisation aufgebaut, der uns materiellen Fortschritt,
Wohlstand, höhere Lebenserwartung und Sicherheit
gebracht hat, ein Macher also, der kein Risiko scheut
und jeder Gefahr mutig entgegentritt, der Herausforderungen
als selbstverständlich annimmt und die größere Welt
mit seiner Leistung prägt".
Neben
den Gründervätern von Sippen, Städten, Staaten (Gilgamesch,
Romulus und Romus, König Artus u.a.), den Zivilisationsstiftern
und Wohltätern der Menschheit (Herakles, Prometheus),
gilt der Meeresbezwinger, Eroberer und Kolonisator
Jason als Verkörperung der Idee
des Heros, als Prototyp des Helden, der in
die Welt hinauszieht, "um sich mit grimmigen Feinden,
reißenden Bestien und unberechenbaren Naturgewalten
herumzuschlagen".
Im
Falle der literarisch tradierten Argonautensage handelt es sich um Schilderung
einer außergewöhnlichen Fahrt mit den Zielen Entdeckung,
Erforschung, Eroberung. Jason ist bekannt als "Führer
des kühnen Zugs der Argonauten,
die mit dem Schiff Argo
als erste einst durch Dardanellen und Bosporus ins Schwarze
Meer und eben bis zum Sagenhaften Goldland Kolchis vorgestoßen waren".
Schon
allein die Motive des Aufbruchs situieren Jason innerhalb
des mehrmals analysierten männlichen Prinzips. Der
Held des Mythos will an die Macht: Er fordert von
seinem Onkel Pelias die ihm von Rechts wegen zustehende
Herrschaft über Iolkos. Pelias erklärt sich bereit
abzutreten unter der Bedingung, daß Jason ihm das
im Besitz des kolchischen Königs Aietes befindliche
und dort sorgfältig gehütete Goldene Vlies zurückbringt.
Sich dieser Herausforderung zu stellen, eröffnet
glänzende Zukunftsaussichten: Macht, Geld und Ruhm.
Zudem wird das Goldene Vlies mit Symbolen der männlichen
Fruchtbarkeit in Verbindung gebracht, so daß es zum
Teil als ein Kultgegenstand fungiert, dessen jeweiliger
Besitzer zu den Auserwählten gehört. Auf das sichtlich
Spektakuläre an der Pionierfahrt der Argonauten macht
Geoffrey Stephen Kirk aufmerksam: "Mit wachsender
Popularität wurde aus der Expedition eine panhellenische
Angelegenheit; jeder, der Rang und Namen hatte, nahm
daran Teil, einschließlich Orpheus und Herakles."
Das
Bild der mutigen Argonauten weicht nicht von der in
der abendländischen Kultur anerkannten "echten" Männlichkeit
ab. Diese bedarf "Prüfungen oder Beweise in Form
von Taten oder Auseinandersetzungen mit gefährlichen
Feinden, oder eines dramatisch auf offener Bühne ausgetragenen
Wettstreits um Sieg oder Niederlage". In den kulturellen Figurationen
von Männlichkeit gehen Leistungsfähigkeit, Mut zum
Risiko, Selbstbestimmung, entschlossenes Handeln,
Aggressivität und das Sich-Bewähren im Kampf (Wehrhaftigkeit)
miteinander einher. Die für den Forschungsaspekt der
vorliegenden Analyse besonders relevante heldische
Komponente liegt - so Gilmore - "in Selbstbestimmung
und Disziplin, in absolutem Selbstvertrauen
des Mannes - mit einem Wort, in seiner Handlungsautonomie". Um die gesellschaftliche Prüfung
auf Männlichkeit hin bestehen zu können, löst sich
der Held vom familiär-heimatlichen Zusammenhang und
er zieht in die abenteuerlich-gefährliche Fremde,
wo sein Körper ständigen Risiken ausgesetzt wird.
Nach
vielen Abenteuern und Auseinandersetzungen mit tödlicher
Gefahr (Riesen, Harpyien u.ä.) gelangen die Argonauten
nach Kolchis, wo sie erneut - um die vom König Aietes
gestellte Bedingung zu erfüllen - lebensgefährliche
Mutproben zu bestehen haben. Jason soll "zwei flammenspeiende
Stiere mit ehernen Füßen anschirren, Drachenzähne
ins Feld säen und die aus der Saat emporsprießenden,
bewaffneten Krieger vernichten". Das alles gelingt mit Hilfe einer
Salbe, die gegen Feuer und Metall schützt und die
Jason von der zauberkundigen Tochter des Aietes, Medea
überreicht wird. Die Griechen rauben also das Goldene
Vlies und kehren erfolgreich in die Heimat zurück.
"Die Figurenkonzeption Jasons entspricht der des Helden.
Der Held (außerordentlichen Herkunft, Geburt oder
Erziehung) tritt in die Erzählung ein, nachdem er
bereits Ruhm erworben hat, und verlangt sein Recht.
Er muß unmögliche Aufgaben lösen, überwindet jedoch
alle Hindernisse mit Hilfe mächtiger Freunde oder
übernatürlicher Mächte."
Heiner Müllers Verkommenes
Ufer Medeamaterial Landschaft mit Argonauten
Erobertes Ufer
Die
Argonautensage interessiert Heiner Müller vordergründig
als prototypische Illustration des Übergangs vom
Mythos zur Geschichte. Inmitten des Zivilisationsprozesses,
in dessen Verlauf die instrumentelle Vernunft im Glauben
an die Machbarkeit des Glücks die Reflexion abbricht,
nisten jedoch durchaus dem Mythos zugeschriebene
irrationale Elemente. Es war eben irrsinnig zu glauben,
daß die "vorwegnehmende Identifikation der zu Ende
gedachten mathematischen Welt mit der Wahrheit" vor der Rückkehr des Mythischen
zu schützen vermag.
Diesen unsinnigen Verlauf der Geschichte, in der parallel zum technischen
Fortschritt "die Saat der Barbarei heranreift", illustriert Müllers Verkommenes
Ufer. Auf symptomatische Weise wird Jason - der
Eroberer und Kolonisator par excellence, der die spezifisch männliche
Ratio in extremis
inkarniert - in Müllers Version des Mythos von seinem
eigenen Schiff erschlagen: "Bis ihm die Argo den Schädel
zertrümmert das nicht mehr gebrauchte Schiff."
Das
Werkzeug der Kolonisierung vernichtet den Kolonisator.
Die männliche Attitüde der restlosen Aneignung und
Unterwerfung von Land und Landschaft, von Natur
und Frauen, nicht zuletzt vom eigenen Körper,
stößt spektakulär an ihre Grenzen. Das Skandalon
der dem anscheinend festgefügten, vernünftigen Universum
der abendländischen Zivilisation innewohnenden Irrationalität
entpuppt sich in all seinen menschheitsgefährdenden
Aspekten. Die Dialektik der Aufklärung wird in Müllers
zivilisationskritischer Lesart des antiken Mythos
auf mahnend-makabre Weise ins Bild gesetzt.
Das
in Müllers Stück evozierte Bild des "verkommenen"
Ufers im Zusammenhang mit dem "Zivilisationspionier"
(W. Emmerich) Jason und dessen Kulturtaten weitet
sich metaphorisch zum Schlachtfeld und Müllhaufen Geschichte
aus. Da wird ein zeitgenössisches Ambiente
heraufbeschworen: An einem See bei Straußberg registriert
der Text eine "Spur flachstirniger Argonauten" - Schilfborsten, totes Geäst, Fischleichen,
Schlamm, Kothaufen, Zigarettenschachteln. Über dieses
gegenwartsbezogene Szenario schreibt Genia Schulz
folgendes: "Die Spuren der ‘Besatzer’ verweisen aufs
Allgemeine: immer wieder betreten Eroberer fremdes
Ufer, ‘beseitigen’ die Frauen, lassen eine verwüstete
Landschaft zurück, zerstören die Kultur und werden
schließlich zum Bestandteil ihrer eigenen Zerstörung
[...]." Heiner Müller verweist auf die
den Zivilisationsprozeß begleitenden Blutspuren, auf
die Abfälle der ihre Ziele - auch wenn über Leichen
- verwirklichenden Industriegesellschaft, auf die
verheerenden Wirkungen der gewaltsamen Eingriffe in
die Natur. Die Ankunft der Argonauten in Kolchis bringt
allumfassende Zerstörung - ein Muster, das Müller
in der historischen Entwicklung überhaupt am Werk
erblickt. Das eroberte Ufer ist verkommen. Was bleibt,
ist das deprimierende Bild einer apokalyptisch anmutenden
Landschaft - ein "Todesmuseum" (T. Bernhard).
Jasonmaterial
Eine
der Manifestationsformen des zerstörerischen männlichen
Prinzips in Müllers dramatischer Adaptation des Argonautenmythos
wird in Medeas Klage formuliert:
Du Mir Liebst du sie Jason deine Söhne
Willst du sie wiederhaben deine Söhne
Dein sind sie Was kann mein sein deiner
Sklavin
Alles an mir dein Werkzeug alles aus
mir
Für dich hab ich getötet und geboren
Ich deine Hündin deine Hure ich
Ich Sprosse auf der Leiter deines Ruhms
Gesalbt mit deinem Kot Blut deiner Feinde
Und wenn du zum Gedächtnis deines Siegs
Über mein Land und Volk der mein Verrat
war
Aus ihren Eingeweiden einen Kranz
Um deine Schläfen flechten willst dein
sind sie
Mein Eigentum die Bilder der Erschlagenen
Die Schreie
der Geschundenen mein Besitz.
Auch sie, Medea, ist Jasons Beute. "Im Vorschein auf das Glück
der satten Bäuche" wird Verschleiß einkalkuliert.
Die Frau mit dem zerschundenen, verbrauchten Körper brütet Rache. Gleichzeitig macht sich Medea
zum Vorwurf:
Wär ich das Tier geblieben das Ich war
Eh mich mein Mann zu seiner Frau gemacht
hat.
Jason
sieht das allerdings anders. Aus der stolzen Frage
"Was warst du vor mir Weib" läßt sich der Hochmut eines Zivilisationsapostels
heraushören, der sich dessen brüstet, die instinktgebundene
Barbarin auf die eingefahrenen Pfade der Kultur gelenkt
zu haben. Aber vorher hat sie ihm ihre magischen Kräfte
zur Verfügung gestellt. Der Mann imaginiert sich
in dieser Konstellation als "Anfangspunkt der menschlichen
Existenz Medeas, als Lebensschaffenden, als Demiurgen".
In
Müllers Text präsentiert sich der Mann nicht vorrangig
als liebendes, sexuelles Geschöpf oder überhaupt
ein psychologisch ausdifferenziertes Individuum, sondern
vielmehr als ein Prinzip - das Prinzip Jason. Dieses
Männlichkeitsbild korrespondiert mit der Konstatierung
von Marlin French, daß der Mann in der Frühzeit des
Patriarchats vordergründig als tötendes Wesen in Erscheinung
tritt. "Während er in Wirklichkeit tötete,
um Territorien zu erobern oder um Beute zu machen,
erklärte die Literatur jahrtausendelang Ruhm und
Ehre zu den treibenden Motiven."
Jason
ist ein "politisches Tier" (H. Müller). Nicht aus
Liebe läßt er sich mit der gesitteten Frau Glauke
ein, sondern aus Nützlichkeitserwägungen. Die korinthsche
Königstochter ist für den "Verwertungseuropäer" (H.
Preußer) - wie einst Medea - eine Sprosse auf der
Leiter des Ruhms. Die anvisierte Heirat gewährleistet
den Aufstieg in Machtkreise und die Etablierung auf
der hohen gesellschaftlichen Position. Der Mann zögert
nicht, wenn es darum geht, der Liebe zu entsagen:
"es zählt ein anderer Geist auf ihn ...".
Medeas
Identitätsverlust, die Auslöschung ihrer Persönlichkeit
ist Voraussetzung für die Konstituierung einer Ordnung,
die eine Reihe von Opfern im voraus miteinkalkuliert hat.
Landschaft mit Verfall
Im dritten Teil des dramatischen Textes von H. Müller, der
eine Kompilation aus Elementen des archaischen Mythos
und erschreckenden Ikonen aus der modernen Alltagsrealität bildet und der sich durch äußerste
Kondensierung des Stoffs und das Einflechten von Anspielungen,
Assoziationen und Traumsequenzen auszeichnet, wird
Selbstentfremdung im Prozeß der Eroberung und Aneignung
thematisiert, und zwar (auch) auf der Seite der Eroberer.
In Landschaft
mit Argonauten "lösen sich Fragmente aus der Geschichte
des umgetriebenen Helden und Motive aus dem literarischen
Arsenal des Autors Müller (Philoktet, Prometheus,
Odysseus) in einer kollektiven Ich-Stimme auf". Diese Stimme ist anonym, es ist
nicht nur Jason, der spricht, sondern ein abstrakter
Mann, der sich seiner Identität nicht mehr sicher
ist, dem bislang gültige Maßstäbe zur Selbstbestimmung
und Weltinterpretation abhanden gekommen sind:
Soll ich von mir reden Ich war
Von wem ist die Rede wenn
Von mir die Rede geht Ich Wer ist das
Im Regen aus Vogelkot Im Kalkfell
Oder anders Ich eine Fahne ein
Blutiger Fetzen ausgehängt Ein Flattern
Zwischen
Nichts und Niemand Wind vorausgesetzt
Im
"Kalkfell" eingeschlossen, den Sternen als "kalten
Wegweisern" ausgesetzt, unter der "eisigen Aufsicht"
des Himmels, steht das verhärtete und verunsicherte Ich mit leeren
Händen da und versucht - von einer Todesszenerie umgeben
- eine Bilanz aus seiner Geschichte zu ziehen ("Wortschlamm
aus meinem verlassenen Niemandsleib"). Das Unterfangen der Seefahrt
und der Landbesetzung nahm kein glückliches Ende.
Der Prozeß der zivilisatorischen Entwicklung erwies
sich als eine Irrfahrt. Der Fortschritt erleidet einen
Schiffbruch. Nichts qualitativ Neues ist geschaffen
worden, nichts, was in der Lage wäre, den fatalen
circulus vitiosus der abendländischen Geschichte durchzubrechen, der
vom allumfassenden Prinzip der GEWALT angetrieben
wird. Nicht einmal die Dichter können der Trostlosigkeit
der Weltgeschichte eine positive Vision entgegensetzen.
"WAS BLEIBT ABER STIFTEN DIE BOMBEN".
Verödung,
Erstarrung und Kälte erfassen nicht nur das in Auflösung
begriffene Subjekt, sondern auch die Landschaft.
Die Müllersche Natur ist im Verfall begriffen. Der
Mechanismus der Geschichte hat "Sand im Getriebe".
Es ist nicht zuletzt ein Desaster des männlichen Prinzips,
das durch den selbstinszenierten Größenwahn
Destruktion herbeiführt.
Der
innere Monolog Jasons - "ein zersprengter, in Schichten
des Unbewußten, Traumhaften, Traumatischen gleitender
Bewußtseinsstrom" - ist als katastrophale Zukunftsvision
zu deuten, als
Müllers "Absage an das neuzeitliche Subjektverständnis
ebenso wie an das dialektische, teleologische heilsgeschichtliche
Konzept der Menschheitsentwicklung".
Am Ende des
triptychonartigen Theaterstücks reflektiert das männlich
konnotierte Subjekt vor dem Hintergrund des verdunkelten
Geschichshorizonts über den eigenen Tod:
Ich spürte MEIN BLUT aus MEINEN Adern
treten
Und MEINEN Leib verwandeln in die Landschaft
MEINES Todes
Christa
Wolfs Medea. Stimmen
"Er war ein herrlicher Mann"
In Christa Wolfs Roman bietet sich - schon allein aus
gattungstheoretischen Gründen - ein wesentlich umfangreicheres
Jason-Material an. Der 1996 erschienene Roman Medea. Stimmen läßt sich als ein Beitrag zu den von Christa Wolf
seit Jahrzehnten durchgeführten tiefgreifenden
Analysen der abendländischen Kultur interpretieren,
in der sich bestimmte bereits in der Antike modellhaft
wirkende Geschichtsmechanismen perpetuieren und
zerstörerische Strukturen festgeschrieben werden.
Ähnlich wie Müllers Theaterstück verweist Wolfs Text
auf die dunkle Seite des Zivilisationsprozesses,
auf jene tabuisierten Bereiche, die - selbst nicht
besonders rühmenswert - so manchem Helden einen Ruhmestitel
eingebracht haben. Jason fungiert in der von Christa Wolf entworfenen Konstellation,
die "Macht- und Machtmißbrauchstrukturen von
zeitloser Gültigkeit aufdeckt", als Teilnehmer an den Ruchlosigkeiten
des Patriarchats, in dem blindes Machtstreben, Geltungssucht,
Lüge, Gewalt und Betrug über Liebe, Freundschaft, Mitgefühl, Hilfsbereitschaft längst
gesiegt haben.
Das Heroische an Jason und
den Argonauten wird im Roman immer wieder reflektiert,
allerdings erscheint es nicht so sehr als Ergebnis
der Arrangements des Betroffenen, sondern vielmehr
als Produkt einer diskursiven Praxis. In diesem Sinne
ist Jason in Wolfs Text ein weitgehend "gemachter"
Held, wobei der Aspekt der männlichen Selbstinszenierung
zum Bild eines besonnenen Kulturmenschen (in jeder
Situation Herr der Lage) an einigen Stellen des Romans
hervorgehoben wird. So heißt es beispielsweise über
die Argonauten: "Schon auf der Überfahrt fingen einige
der Männer an, die Höhe des Wassers zu übertreiben,
überhaupt von einer höchst gefährlichen Abfahrt zu
reden, von Dünung und unruhiger See, von ihrer Besonnenheit
und ihrer Kühnheit, denen es zu verdanken war, daß
alle Frauen und Kinder heil an Bord gekommen seien.
Ihre Legenden werden ausufern, wenn unsere Lage sich
weiter verschlechtert, und es wird nichts nutzen,
ihnen die Tatsachen entgegenzuhalten."
Von Jason selbst stammen einige
Lobsprüche über die Leistung der Argonautenfahrt,
von der er nicht zu behaupten ansteht, daß sie in
die Geschichte eingehen wird. Mit Herablassung blickt
der Eroberer auf die Eingeborenen - der Hochmut des
weißen Mannes heißt ihn die wilden Sitten der Fremden
mit Abscheu zurückweisen, wie alles, was sein kulturimperialistisch
geprägtes Bewußtsein auf niedrigeren Zivilisationsstufen
verortet: "Mein Nachruhm war mir mit dem Augenblick
sicher, da ich meinen Fuß als erster auf diese östlichste,
fremdeste Küste gesetzt hatte, das stärkte mich. Wir,
die wir in ein barbarisches Land vorstießen, waren
barbarischer Sitten gewärtig und hatten uns durch
die Anrufung unserer Götter innerlich gefestigt." In Wolfs Text wird auch auf diese
Komponente des tradierten Argonautenmythos angespielt,
die das Heroische an Jason relativieren lassen, ohne
daß die mythische Konstellation umgedeutet wird. Es
handelt sich um die Mutproben, denen Jason vom König
Aietes ausgesetzt wird und denen er nur dank Medeas
Zaubermitteln standhalten kann. Mit äußerster Knappheit
wird dieser Umstand in Wolfs Text von Jason selbst
auf den Punkt gebracht: "Ohne sie, ohne Medea, wäre
ich zugrunde gegangen." Nichtsdestoweniger werden von Jason
- dem mutigen Drachentöter Lieder gesungen und Legenden
verbreitet.
Die Schwächen des Heroen
"Das
Wort Held enthält [...] von jeher eine doppelte Bedeutung:
einerseits verweist es auf die Männlichkeit, die
kriegerische aber edle Gesinnung, die Kampferfahrung
und Kraft des Helden, andererseits aber erinnern die
Sprachwurzeln sich
schützen, sich bedecken, sich rüsten an die schwache,
verletzliche und deshalb schutzbedürftige Seite des
Helden. Der Held ist nicht per se unbesiegbar, unverletzlich,
sondern im Gegenteil: er ist höchst verwundbar und
gefährdet und bedarf deshalb seiner Rüstung, seines
Schutzschildes, seines heldenhaften Mutes. Die Tugenden
des Helden entspringen seinen Schwächen und sollen
diese kompensieren."
Wolfs
Jason ist weitgehend entheroisiert.
Seine Identität wird von einer sich verschiedenartig
manifestierenden Schwäche und Feigheit mitkonstituiert.
Er hat es Medea dadurch angetan, daß er das Richtige
zu sagen wußte, mitunter ein Trostwort parat hatte
und ihr in unverhofften Zärtlichkeitsgesten die Füße
zu wärmen vermochte. Er liebte es zwar, unter Medeas
Liebkosungen sich seinen Phantasien hinzugeben, an
denen er die Frau nicht partizipieren ließ, aber immerhin
war er zu (als ausgesprochen unmännlich gekennzeichneten) Gefühlsaufwallungen fähig. Er konnte
sogar mit dem in Medeas Schoß vergrabenen Gesicht
lange weinen. Medeas Kommentar zu der Szene des männlichen
Sich-Ausweinens spricht Bände: "Dafür werde ich zahlen
müssen. Immer muß die Frau dafür zahlen, wenn sie
in Korinth einen Mann schwach sieht."
Als Feigheit ist Jasons Weigerung einzustufen,
der geliebten Frau zu helfen, wenn
sie verleumdet und verfolgt wird, obwohl er um ihre
Unschuld weiß. Der Umstand, daß diese Haltung moralisch
fragwürdig erscheint, erlaubt einen Denkansatz, der
darauf hinauslaufen könnte, den Diskurs über die geschlechtsspezifische
Ethik, in dem Moral für Männer und Frauen nicht dasselbe
Gewicht und nicht denselben Inhalt besitzt, ins Wanken zu bringen. Jasons
Abwendung von Medea ist allerdings auch durch seine
patriarchalischen Machtgelüste motiviert. Ein weiteres
Argument von Christa Wolf, das Jasons heldische Männlichkeit
abzuschwächen vermag, ist die Suggestion, daß die
Argonautenfahrt keinerlei Mutprobe darstellt, sondern
sich auf die "verzwickte Familiengeschichte des armen
Jason" zurückführen läßt.
Interessanterweise
läßt Christa Wolf in Jason - wenn auch nur bruchstückhaft
und vorwiegend auf spekulativer Ebene - manche Bestandteile
des durch den Abstand zum Weiblichen konstituierten
Mythos Mann fortbestehen. Als Beleg sei Jasons verzweifelt-rebellische
Phantasmagorie angeführt, die im nachhinein, nach
Medeas Verurteilung seinem verwirrten und nach Selbstrechtfertigung
lechzenden Gehirn entspringt und die die männliche
Attitüde des Eroberers / Kolonisators in die intimsten
Sphären verlegt und als Bestandteil der männlichen
Sexualität präsentiert: "Ich konnte auch anders.
Meiner Wut ihren Lauf lassen. Mich an sie heranmachen
und sie gegen die Wand drängen. Ungestraft beleidigt
man Jason nicht. Daß sie merkte, Jason kann einen
schönen männlichen Zorn in sich wachsen lassen über
die Listen der Weiber, er kann sehr stark werden,
wenn er das weiche Fleisch, in das er sich verkrallt
hat, nachgeben fühlt unter sich, wenn er in den Augen
der Frau endlich
etwas wie Überraschung sieht, ehe sie die Augen schließt
und den Kopf abwendet und das Unvermeindliche
geschehen läßt. Ja. Ich habe verstanden. So ist es
gemeint. Wir sollen die Weiber nehmen. Wir sollen
ihren Widerstand brechen. Nur so graben wir aus, was die Natur uns verliehen
hat, die alles überspüllende Lust.
Kein
Blick, kein Wort mehr. Ich ging. Ich sah sie nicht
wieder."
Als eine Alternative, auf die Jasons Arrangements gezielt zusteuerten,
bietet sich die in Aussicht stehende
Karriere in Kreons Staat: "Kreon zog mich näher an
sich heran, alle möglichen Pflichten und Dienste wurden
mir auferlegt, darunter glanzvolle, die die Person
erhöhen."
Das
Realitätsprinzip gewinnt in Jasons
Lebenslauf letztendlich die Oberhand.
Resümee
Wolfs
und Müllers Aufarbeitungen der Argonautensage sind
innerhalb jener Welle der "mythoshaltigen Literatur"
(N. Bock-Lindenbeck) zu plazieren, die "gegen die
Diktion einer theoretisch-wissenschaftlichen Vernunfterkenntnis,
die Defizite des wissenschaftlich-technischen Zeitalters
kompensierend, vor den Folgen der vorherrschenden
instrumentellen Vernunft warnend" auf bekannte Mythologeme zurückgreift,
sie teils direkt übernimmt, teils umdeutet, aktualisiert,
um neue Sinnzusammenhänge bereichert.
Die
Texte von Müller und Wolf bieten trostlose Weltbilder
und pessimistische Menschendiagnosen. Wolfs resignierte
Medea konstatiert am Ende des Romans: "Denn wir sind
unbelehrbar." Im gleichen Ton ist Heiner Müllers
Äußerung über die conditio humana gehalten: "Die Entwicklung des Menschen als Gegenstand
der Anthropologie ist absolut minimal."
Christa
Wolf und Heiner Müller sind "unbekehrbare" Fortschrittsskeptiker,
für die die Herstellbarkeit von Katastrophen keinem Zweifel unterliegt.
Beide "schmerzt die Wunde der Zivilisation" (Norbert W. Bolz). Und sie formulieren - auch
in ihren Medea-Texten - scharfe Anklagen gegen den
alles verwertenden Gestus des homo
faber, dessen Kulturtaten in Welt- und Selbstentfremdung
münden.
Die
literarische Gestalt des Kolonisators Jason - in beiden
Texten Inkarnation des "eindimensionalen Menschen"
(H. Marcuse) - führt die Kehrseite des scheinbar
glänzend verlaufenden Zivilisationsprozesses vor und
demonstriert die ewig gültigen Mechanismen des An-die-Macht-Gelangens.
Heinz-Peter
Preußer formuliert einen der gravierendsten Unterschiede
zwischen den zur Debatte stehenden Aufarbeitungen
der Argonautensage: Müller "verfährt reduktionistisch
und schematisch" mit seinen Gestalten und Wolf "schmälert
den Konflikt, den Müller bis ins Unerträgliche ausreizt". Ch. Wolf verzichtet diesmal in
der Tat weitgehend auf epochenübergreifende Bilder
und direkte Parallelisierungen von antiken und
gegenwärtigen Geschichtskonstellationen (obwohl sie
ja indirekt nahegelegt werden). Dafür ist Wolfs Jason
nicht - wie bei Müller - auf bloße Typologie reduziert,
sondern mehr psychologisch ausdifferenziert, so daß
er stellenweise nicht unbedingt wie ein hartgesottener
Zivilisationsstifter wirkt, sondern sogar Momente
tiefgreifender (Selbst)Reflexion hat. Um abschließend
ein Beispiel zu nennen: "Überhaupt frage ich mich,
ob die Lust, andere Leben zu zerstören, nicht daher
kommt, daß man am eigenen Leben so wenig Lust und
Freude hat."
Entgegen
der Hoffnungslosigkeit der beiden Texte kann von utopischen
Elementen die Rede sein. Nur: Für deren Trägerin
Medea gibt es keinen Ort innerhalb der sich reproduzierenden
Gewaltgeschichte. Wolfs Medea verabschiedet sich folgerichtig
von den Mitmenschen mit den Worten "Fluch über euch
alle". Bei Müller wird dagegen das Bild der "leeren
Mitte" zwischen "Mann" und "Weib" evoziert - ein Raum,
der vielleicht bewohnt werden könnte.
LITERATUR:
Bachmann, Ingeborg: Werke. Hrsg. von Christine
Koschel, Inge von Weidenbaum, Clemens Münster. Erster
Band: Gedichte, Hörspiele, Libretti, Übersetzungen.
München 1993.
Baumer, Franz: Christa Wolf. Berlin 1996.
Bock-Lindenbeck,
Nicola: Letzte Welten - Neue Mythen. Der Mythos in
der deutschen Gegenwartsliteratur. Köln / Weimar /
Wien 1999.
Daemmrich, Horst S. und Ingrid S.: Themen und
Motive in der Literatur. Tübingen / Basel 1995.
French, Marlin: Jenseits der Macht. Frauen, Männer
und Moral. Reinbek bei Hamburg 1985.
Gilmore, David D.: Mythos Mann. Wie Männer gemacht
werden. Rollen, Rituale, Leitbilder. München 1993.
Hollstein, Walter: Männerdämmerung. Von Tätern,
Opfern, Schurken und Helden. Göttingen 1999.
Horkheimer, Max; Adorno, Theodor W.: Dialektik
der Aufklärung. (Adorno, Theodor W.: Gesammelte Schriften
3) Frankfurt am Main 1981.
Kirk, Geoffrey Stephen: Griechische Mythen. Ihre
Bedeutung und Funktion. Reinbek bei Hamburg 1987.
Latacz, Joachim: Einführung in die griechische
Tragödie. Göttingen 1993.
Müller, Heiner: Verkommenes Ufer Medeamaterial
Landschaft mit Argonauten. In: Müller, Heiner: Stücke.
Hrsg. von Joachim Fiebach. Berlin 1988, S. 185-194.
Nunner-Winkler, Gertrud (Hrsg.): Weibliche Moral.
Die Kontroverse um eine geschlechtsspezifische Ethik.
München 1995.
Preußer, Heinz-Peter: Medea, die Barbarin. Über
den elementaren Schrecken, seine Rechtfertigung und
den vergeblichen Versuch einer Pädagogisierung der
Antike oder Heiner Müller contra Christa Wolf. In:
Text+Kritik 73 (1997), S. 119-130.
Schulz,
Genia: Medea. Zu einem Motiv im Werk Heiner Müllers.
In: Berger, Renate; Stephan, Inge (Hrsg.): Weiblichkeit
und Tod in der Literatur. Köln / Wien 1987, S. 241-264.
Waschescio,
Petra: Vernunftkritik und Patriarchatskritik. Mythische
Modelle in der deutschen Gegenwartsliteratur. Heiner
Müller, Irmtraud Morgner, Botho Strauß, Gisela von
Wysocki. Bielefeld 1994.
Wilke, Sabine: Poetische Strukturen der Moderne.
Zeitgenössische Literatur zwischen alter und neuer
Mythologie. Stuttgart 1992.
Wirth, Hans-Jürgen: Die Sehnsucht nach Vollkommenheit.
Zur Psychoanalyse der Heldenverehrung. In: Psychosozial
31 (1987), Jg. 10: Helden; Hrsg. von Hans-Jürgen Wirth,
S. 96-113.
Wolf, Christa: Medea.
Stimmen.
München 1996.