Download
dieses Dokuments als pdf-Datei
Diskutieren Sie mit Kollegen über diesen Artikel im
Forum.
Orbis Linguarum Vol. 23/2002
Jolanta
Szafarz
Wrocław
Die
Antithetik in der Raum- und Körpergestaltung in der
Novelle Bahnwärter Thiel von Gerhart Hauptmann
Was sind wir
Menschen doch! Ein Wohnhaus grimmer Schmerzen,
Ein Ball des
falschen Glücks, ein Irrlicht dieser Zeit,
Ein Schauplatz
herber Angst, besetzt mit scharfem Leid,
Ein bald verschmelzter
Schnee und abgebrannte Kerzen.
Andreas
Gryphius
Nach der lyrischen Anfangsphase wurde das novellistische
Genre vor der Zuwendung zum Drama eine wichtige Aussageform
des Naturalismus. Die Novelle "entsprach einem Zugriff
auf die Wirklichkeit, der weniger an der gesellschaftlichen
Totalität als an der Besonderheit des Seelisch-Individuellen
interessiert war".
Ein unbestimmtes Chaos in der Welt und eine bestimmte Hierarchie im gesellschaftlichen
Umgang bildeten die Spannung im Denkstil der Jahrhundertwende.
Mit dem Zusammenbruch der gesellschaftlichen Ordnung,
den der I. Weltkrieg mit sich brachte, setzte sich
Kulturpessimismus durch. Die Dominanz der urbanen
Kultur und negative Auswirkungen der Entwicklung
der Technik hatten eine starke Polarisierung der Gesellschaft
und die Verarmung der niedrigsten Schichten zur Folge.
Diese Erscheinungen wurden auf
die Kunstvorstellungen übertragen. Eine
intellektuelle Distanz zum veränderten Selbstverständnis
der Kunst hat den Mangel an stabilen Maßstäben zur
Folge, den Pessimismus und einen Zusammenbruch des
menschenorientierten Wertsystems. Aus dieser kulturorientierten
Krise ergibt sich eine neue Denkart, die eine destruktive
Haltung mit einem Glauben an die Menschenwürde verbindet
und in einer dialektischen Entwicklung eine neue antithetische
Kunstkategorie darstellt. Die Spannung zwischen extremen
Lebensbildern wie z.B. Einheit und Vielfalt, Ein-
und Mehrschichtigkeit der Lebensabläufe, und schließlich
Geburt und Tod, die Diesseits und Jenseits verkörpern,
werden auf alle Bereiche der Kunst übertragen. Die
Widersprüche in der Lebensgestaltung werden durch
dynamische und raumorientierte Kunstkonzeptionen,
die die Bewegung als Antriebskraft der Kunst deutlich
werden lassen, überbrückt. Daher
ist das Leben ein Raum und
der Mensch ein Körper in diesem Raum. Der Schmerz
und die Angst sind Folgen
einer ständigen Bewegung und der erkennbaren Vergänglichkeit.
Die daraus resultierende Zerstörung jeglicher Stabilität
und der Mangel an Halt tragen zur Desorientierung
und zur Entfremdung bei. Hinzu kommt, dass die technisierte
Gesellschaft auf eine heimtückische Art und Weise
die allmähliche und unüberschaubare Vernichtung des
Lebens hervorruft. Das mehrdimensionale Bild dieser bedrohten
Gesellschaft wird durch die Raum und Zeitkategorie,
die keine festen Begriffe sind und ständigen Veränderungen
unterliegen, auf verschiedene Weise gestaltet.
Prägnantestes Beispiel dafür sind die Novellen
von Gerhart Hauptmann, die in der engen Räumlichkeit
eines geschlossenen Textes bewegte Bilder auf der
Ebene der unbegrenzten Räumlichkeit der Welt aus verschiedenen
Zeitperspektiven mehrschichtig auftreten lassen.
Liest man sie linear, so werden sie als "Anklage" gegen das eigene Schicksal
empfunden. Ar
mut und Unglück werden als
schwere Lebenserfahrungen dargestellt. Die
Forschung sah darin vor allem eine neue Erzähltechnik
in der "Doppelheit von analytischer und mythischer
Weltsicht" präsent werden.
Sieht
man aber mehrere Dimensionen der literarischen Darstellung,
so lassen sich Räume erkennen, die symbolisch voneinander
abgegrenzt werden. Die sich bewegenden Körper überschreiten
diese Grenzen und markieren eine Bewegung im Raum.
Das Experimentieren mit dem Körper im Raum und mit
der Zeitperspektive bestimmt die literarische
Darstellung. Nicht zufällig
wurde Hauptmanns
"Bahnwärter Thiel" im Erstdruck in der
Zeitschrift "Die Gesellschaft" im Jahre 1888
mit dem Untertitel eine "novellistische Studie" versehen.
Das verweist darauf, daß Hauptmann an ein Projekt
dachte, das durch die Verarbeitung eines noch nicht
geformten Materials verwirklicht wurde. Der zeitliche Prozeß läßt das Projekt entstehen. Dieses Experimentieren
mit Stoff, Zeit und Raum ist
eine für die Plastische Kunst charakteristische Verfahrensweise.
Gegen den klassischen Vorstellungen über die
Grenzen, die Lessing präzise im "Laokoon"
formulierte, versucht der Schriftsteller Methoden
der bildenden Kunst in der Erzählung anzuwenden. Nicht
ohne Bedeutung bei dieser Einstellung zur Literatur
ist Hauptmanns Versuch an
der Kunsthochschule in Breslau zu studieren, wo er sich Techniken
und Erfahrungen eines Bildhauers aneignete. Der
Kampf mit Material, Farbe und Zeitdimension hat zur
Folge, daß er Bilder entstehen läßt, die den Raum
und die Körperverhältnisse charakterisieren. Auf diese Bildlichkeit der Darstellung
verweist Peter Sprengel, indem er das Antithetische
als Konzept verstehen läßt. "Die Kombination von ‘romantischer’
Naturschilderung und ‚naturalistischer’ Darstellungstechnik
ist charakteristisch. "Es geht
Hauptmann, der auch hier dualistisch verfährt, gerade
um den Kontrast" zwischen Natur und Technik. Zwei Lebensräume - Natur und Kultur
werden polarisiert. Die Farbensymbolik deutet Lebensgefahren
an und erweckt Mißtrauen. "Symptomatisch ist hier die Häufung des Farbwerts
"Rot", dessen symbolischer Bezug "das blutige Ende"
vorausahnen läßt. "Zwei rote
runde Licher", ein "blutiger Schein", "Blutstropfen",
"Blutregen" sind Ausdrücke, die den vorbeirasenden
Zug im Bild festzuhalten. Im Kontrast dazu stehen
Naturbilder, die ebenfalls rot als dominante Farbe
hervorheben. Der im "Sonnenrot erglühende Waldwinkel"
bietet eine Dosis von Ruhe an, die jedoch durch den
sausenden Zug zerstört wird. Naturschilderungen werden als Existenzräume begriffen, das Haus, der Zug und die darin
agierenden Personen als Kulturräume. Beide Bereiche
sind dem Menschen kein Zufluchtsort.
Beiden kann man nicht vertrauen. Diese Zweifel kommen aus der Kultur
selbst. "Wir müssen uns vor ihr in acht nehmen. Und
nicht nur, weil es in ihr Mißstände gäbe, sondern
weil ihr Grundwille und ihr Maßbild falsch sind. Weil man dem Menschenwerk überhaupt
nicht vertrauen kann ... - ihm ebenso wenig wie der
Natur".
Hätte man die Argumentation vorgenommen, Hauptmann
wolle die Lebensräume als
menschenfeindliche Existenzräume in Bildern darstellen,
dann spielt die Bildmetaphorik eine wichtige Rolle.
Die erzählte Geschichte hätte
die Funktion die Präsenz der Zeit und die Aufeinanderfolge
der Bilder deutlich zu machen. "Zwei Jahre nun saß
das junge, zarte Weib ihm zur Seite in der Kirchenbank,
zwei Jahre blickte ihr hohlwangiges, feines Gesicht
neben seinem vom Wetter gebräunten in das uralte Gesangbuch
-, und plötzlich saß der Bahnwärter wieder allein
wie zuvor". Zwei
Bilder, einmal Thiel mit seiner Frau auf
der Kirchenbank, einmal al.lein, halten Augenblicke
fest und versinnbildlichen das Forschreiten der Zeit.
"Das neue Paar" kam "allsonntaglich" in die Kirche. Das Zusammenspiel von Bildern läßt
erkennen, daß der Körper ein Bestandteil verschiedener
figuraler Darstellungen ist.
Zu Hause in einem geschlossenem
Raum spielen sich die Zeremonien des Essens und des
Schlafens ab, in der Arbeit dagegen versinnbildlicht
der Körper sitzend oder liegend Träume und Sehnsüchte,
die seine eigene Identität bestätigen. "Nach dem Mittagessen legte sich der Wärter abermals zu kurzer Ruhe nieder.
Nachdem sie beendigt war, trank er den Nachmittagskaffee
und begann gleich darauf sich für den Gang in den
Dienst vorzubereiten" Die zwei mit Symbolen versehenen Welten
werden durch die Eisenbahnschienen voneinander getrennt.
In der Arbeit steht Thiel der ganze Raum zur Verfügung. Er steht, sitzt am Tisch oder liegt in dem geschlossenen Raum des Wärterhäuschen und
baut sich eine idyllische Vorstellung auf, indem
er sich mit dem Innenraum seiner Persönlichkeit beschäftigt.
"Minna, flüsterte der Wärter
wie aus einem Traum erwacht..... Er kapselt sich von dem äußerem
menschenfeindlichen Raum, in dem Mächte regieren,
die durch die Gewalt im persönlichen Umgang mit seiner
kräftigen und brutalen Ehefrau und durch die Kulturgewalt,
die aus dem Gesellschaftssystem hervorgeht, das Leben
unerträglich. Sein Körper verkommt dadurch und seine
Leidenschaften werden verdrängt. Sein Leiden bedeutet
ihm eine Hemmung der Bewegung und einen Freiheitsentzug
im offenen Raum. Dies charakterisiert die Art, wie
er sich bewegt. "Leicht gleich einem feinen Spinngewebe
und doch fest wie ein Netz von Eisen legte es sich
um ihn, fesselnd, überwindend, erschlaffend". Die Körper der Kinder veranschaulichen
ebenfalls ein Leiden, das sich aus der gehemmten Bewegung
ergibt. "Tobias entwickelte sich nur langsam; erst
gegen Anlauf seines zweiten lebensjahres lernte
er notdürftigt sprechen und gehen"
Das
Zusammenspiel von Körpern, die in einer figuralen
Beziehung zueinander stehen, ruft eine Bildlichkeit
hervor, die die verbale Beschreibung als Stoff für
die Figurengestaltung in einem Raum erkennen läßt.
Mit Worten werden farbige Bilder hervorgerufen, die
in einer simultanen Aneinanderreihung eine Schau der
Räume mit den agierenden Körpern ermöglichen. Die Technik der fotographischen Montage läßt
sich als eine Reihe von Bildern
anschauen und die Störung der zwischenmenschlichen
Kommunikation erkennen. Die Entfremdung
und Ausgrenzung sind charakteristisch für die Qualität
der Menschenfiguren. Auf diese Art und Weise werden
Probleme des modernen Menschen angesprochen, denn
im 20. Jahrhundert ist Leiden an der Einsamkeit
ein Merkmal, der die gesamte Kultur prägt.