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Orbis Linguarum Vol. 23/2002
Natasza Stelmaszyk
Frankfurt an der Oder
Das
"Karl Dedecius Archiv" in der Bibliothek
des Collegium Polonicum in Słubice an der
Oder
Am 17. Oktober wurde, nach genau
einem Jahr intensiver Vorbereitungsarbeiten, in der
Bibliothek des Collegium Polonicum das neue Karl Dedecius
Archiv der Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder)
offiziell dem Publikum zugänglich gemacht.
Das Collegium Polonicum,
eine Gemeinschaftseinrichtung der Frankfurter Europa-Universität
und der Adam-Mickiewicz-Universität in Poznań,
ist seit seiner feierlichen Eröffnung am 6. Februar
2001 eine wichtige Drehscheibe des deutsch-polnischen
Austausches von Kultur und Wissenschaft. Die Bildungsstätte
verfügt über ausgezeichnete Forschungsbedingungen.
Ihre Bibliothek gehört zu den modernsten in beiden
Regionen, sie birgt sogar eine im europäischen Raum
einzigartige Büchersammlung. Neben den wichtigsten
Werken der polnischen Literatur, darunter viele Roman-
und Lyrikausgaben der jungen und jüngeren Schriftstellergeneration,
findet man deren sämtliche Übersetzungen, vor allem
in die deutsche Sprache. Ebenfalls vorhanden sind
die Hauptwerke der deutschen Literatur, sowie ihre
Ausgaben in Polnisch. Somit bietet die Bibliothek
den Studenten des Collegium Polonicum und der Europa-Universität
Viadrina, zu denen auch zahlreiche angehende Übersetzer
gehören, sehr gute Möglichkeiten für vergleichende
Studien.
Einige in der Bibliothek
zugängliche Bücher wurden von bekannten Publizisten
und Übersetzern polnischer Literatur zur Verfügung
gestellt; so findet man hier Gaben von Henryk Bereska
oder Karin Wolff. 2001 kam eine große Buchsammlung
von dem wohl bekanntesten deutschsprachigen Übersetzer
polnischer Lyrik, Karl Dedecius, hinzu. Etwa 1000
Exemplare verschiedener Werkausgaben und Anthologien
wurden zusammen mit umfangreichen privaten Dokumenten
des "Botschafters polnischer Kultur" in die Oderregion
gebracht.
Um den ‚Vorlass’ des langjährigen
Direktors des Deutschen Polen-Instituts in Darmstadt
bemühten sich einige Städte und Institutionen aus
Deutschland und Polen. Endgültig aber entschied sich
Dedecius für das Collegium Polonicum in Słubice
als neuen Standort seiner bis in die 50er Jahre des
vergangenen Jahrhunderts zurückreichende Sammlung.
Die Gründe dafür liegen auf der Hand.
Zum
einen ist diese moderne Institution technisch und
räumlich außerordentlich gut ausgestattet, was eine
fachgerechte Archivierung und Aufbewahrung wichtiger
Dokumente ermöglicht. Bei der Standortwahl für das
Archiv spielte aber auch die geographische Lage von
Słubice eine nicht geringe Rolle - und zwar sowohl
in praktischer als auch symbolischer Hinsicht. Wo,
wenn nicht hier in der Oderregion, treffen so unmittelbar
zwei Kulturkreise - der polnische und der deutsche
- aufeinander, und wo sonst zeigt es sich deshalb
so deutlich, dass eine intensive Kommunikation zwischen
ihnen wichtig wie unabwendbar ist? Die Politiker beider
Länder unterstreichen seit langem die Wichtigkeit
eines vorurteilsfreien deutsch-polnischen Dialogs.
An dem Prozess der interkulturellen Verständigung
beteiligten sich aber auch Literatur wie Wissenschaft.
In den Grenzregionen, wie in Frankfurt an der Oder
und Słubice können sie, genau wie die Politik,
in besonders hohem Maße verbindend wirken.
Da
sich Karl Dedecius zeit seines Lebens der Vermittlung
polnischer Literatur im deutschsprachigen Raum widmet,
ist auch sein Archiv zweisprachig - "bilateral" und
"bikulturell". Deshalb ist es besonders wichtig, dass
es Wissenschaftlern in Polen wie auch in Deutschland
gleichermaßen zugänglich ist. Diese Voraussetzung
ist in Słubice gegeben, obgleich die aus Deutschland
kommenden Besucher des Archivs vorerst bis zum Eintritt
Polens in die EU an der Frankfurter Oder-Brücke eine
Passkontrolle passieren müssen. Das Collegium Polonicum
wurde als eine Bildungsstätte der deutsch-polnischen
Kooperation nach der Idee kultureller Vielfalt in
Europa konzipiert. Studenten und Professoren aus beiden
Kulturkreisen finden in Słubice ideale Bedingungen
für interkulturelle Forschung auf europäischem Niveau.
All diese Möglichkeiten, die die Institution am östlichen
Ufer der Oder bietet, haben Karl Dedecius als einen
der eifrigsten Vertreter der Verständigung zwischen
den beiden Völkern überzeugt.
Dass seine Sammlung als
Depositum nach Polen kam, ist jedoch vor allem dem
Einsatz der Frankfurter Europa-Universität Viadrina
und insbesondere ihrer Präsidentin Prof. Dr. Gesine
Schwan, zu verdanken. In ihrem Vorhaben unterstützt
wurde sie vom Präsidenten der Stiftung Preußischer
Kulturbesitz Prof. Dr. h.c. Klaus-Dieter Lehmann.
Nach Abschluss der Verhandlungen zwischen der Universität
und Karl Dedecius, erreichten bereits im Sommer 2001
zwei große LKW-Ladungen die Region. Das Dedecius Archiv
ist seitdem Eigentum der Frankfurter Europa-Universität
Viadrina, die es im Juli 2001 ihrem polnischen Partner,
der Posener Adam-Mickiewicz-Universität als Depositum
übergab. Beide Institutionen einigten sich, dass die
Sammlung im Collegium Polonicum ihren Platz findet.
Die Finanzierung des gesamten Projektes übernahm die
deutsche Seite - die Dokumente wurden aus den Mitteln
des Landes Brandenburg erworben und an den Sach- und
Personalkosten für die Erschließung des Archivs beteiligen
sich die Universität Viadrina und die Deutsche Forschungsgemeinschaft.
Für Karl Dedecius ist es
wichtig, dass das Archiv, das seinen Namen trägt,
nicht nur zur Anlaufstelle für Interessierte aus beiden
Kulturregionen wird, sondern auch junge Wissenschaftler
zur Arbeit an einem gemeinsamen Europa anregt. Das
geschieht, wie es der Übersetzer selbst unterstreicht,
am besten durch Koedukation, Kooperation und Koexistenz.
An der Verwirklichung seiner Vision arbeitet seit
Oktober 2001 die Projektleiterin des Dedecius Archivs
Margarete Hager. Seit Februar 2002 wird sie dabei
von ihrer Mitarbeiterin Agnieszka Świerszcz unterstützt.
Als unabdingbar bei der Dokumentationsarbeit hat sich
auch die Hilfe zahlreicher Praktikanten erwiesen,
die in dem neuen Archiv ihre ersten berufsbezogenen
Erfahrungen sammeln.
Die Sammlung umfasst 200
Ordner geordnetes sowie ca. 80 laufende Meter ungeordnetes
Material. Bis heute wurde ein Drittel davon archiviert
und ist bereits im Internet recherchierbar. Dies konnte
dank der Unterstützung durch die Staatsbibliothek
Preußischer Kulturbesitz in Berlin und die Deutsche
Forschungsgemeinschaft in Bonn realisiert werden.
Beide Institutionen ermöglichen dem Archiv die Anwendung
des offenen Verbundinformationssystems für die Verzeichnung
von Nachlässen und Autographen "Kalliope". Zur
Zeit können auf den Internetseiten, welche über die
Adresse http://kalliope.opac.staatsbibliothek-berlin.de
zugänglich sind, die Grundinformationen zu mehr als
3000 Dokumenten aus dem Dedecius Archiv eingesehen
werden. In Vorbereitung ist darüber hinaus eine eigene
Internetplattform des Archivs, die nach ihrer Fertigstellung
über die Adresse http://dedecius.ub.euv-frankfurt-o.de
erreichbar sein wird.
Die mehr
als 1000 Buchausgaben aus den Beständen des Dedecius
Archivs, welche die Sammlung der Bibliothek in Słubice
erweitern, sind bereits im OPAC des Collegium Polonicum
und der Universitätsbibliothek in Frankfurt an der
Oder bundesweit recherchierbar.
Der Umfang des Dedecius
Archivs ist imponierend wie interessant. Seine Dokumente
bieten spannende Einblicke in fünf jahrzehnte Korrespondenz
mit den bedeutendsten polnischen Autoren der Gegenwart
wie Tadeusz Różewicz, Czesław Miłosz,
Wisława Szymborska, Zbigniew Herbert u.v.a. Darüber
hinaus mit Persönlichkeiten aus der deutschen Kultur,
wie, um nur eine zu nennen, Marion Gräfin Dönhoff.
Für politisch Interessierte dürfte der Briefwechsel
des Übersetzers mit hochrangigen Politikern aus Polen
und Deutschland aufschlussreich sein. Die meisten
Dokumente beziehen sich jedoch - wie kann es anders
sein - auf die polnische Literatur. Hier findet man
Materialien zur Problematik ihrer Übertragung ins
Deutsche sowie zu ihrer Förderung im deutschsprachigen
Raum. Einblick in die Entstehungsprozesse der deutschsprachigen
Ausgaben polnischer Werke vermitteln zahlreiche Typo-
und Manuskripte.
Außer den Hunderten von
Briefen (Originale und Kopien) umfasst das Archiv
zahlreiche Notizen von Karl Dedecius, Fotografien,
Plakate, Zeitungsausschnitte, Grafiken, Druckschriften,
Postkarten, Manuskripte der Buchausgaben und von Radiosendungen,
Urkunden der Verleihungen von Preisen und Ehrentiteln
an Karl Dedecius, Niederschriften über Hilfsaktionen,
die der Übersetzer zu Gunsten vergessener und verfolgter
Schriftsteller ins Leben gerufen hatte und anderes.
Das Archiv im Collegium Polonicum ist eine Fundgrube
für Zeitdokumente des deutsch-polnischen Kulturaustausches,
die den Literatur- und Sprachwissenschaftlern wie
auch den Kultur- und Medienwissenschaftlern in beiden
Ländern dienen will. Aus der vielseitigen Materialsammlung
können auch die an der deutsch-polnischen Kommunikation
interessierten Politologen, Historiker und Publizisten
schöpfen.
Das Dedecius
Archiv entwickelt sich zu einer lebendigen offenen
Institution. Deren Mitarbeiter konzentrieren sich
nicht nur auf die klassische Archivierungsarbeit.
Sie wirken auch bei weiteren Projekten mit, die in
Anlehnung an das Archiv in Słubice realisiert
werden. In der Zukunft wären außerdem internationale
Übersetzerkonferenzen und
Schulungen für junge Wissenschaftler aus Polen und
Deutschland denkbar.
Ein Teil der Bestände des Archivs wird bereits
seit über einem Jahr im Rahmen der ständigen Ausstellung
in der Bibliothek des Collegium Polonicum präsentiert.
Diese wurde von Przemysław Chojnowski und Anna
Dąbek im Juli 2001 konzipiert und stellt das
Leben und Werk des bekannten Übersetzers, Publizisten
und Vermittlers polnischer Kultur fachkundig vor.
Die Mitarbeiter des Archivs wollen sukzessive weitere
Dokumente und Materialien auf ähnliche Weise anschaubar
machen.
Die Frankfurter Europa-Universität
Viadrina und das benachbarte Collegium Polonicum in
Słubice streben eine intensive Zusammenarbeit
zugunsten der Entwicklung eines breitangelegten deutsch-polnischen
Wissenschaftstransfers an. Das Karl Dedecius Archiv
wird hierbei eine wichtige Rolle spielen - es kann
zur Intensivierung der kulturellen und wissenschaftlichen
Kontakte zwischen den beiden Ländern gewiss maßgeblich
beitragen. Dies wiederum wird der gesamten Oderregion
zugute kommen, wenn die Chancen ergriffen werden,
das brandenburgische Frankfurt und die polnische Nachbarstadt
Słubice auf ihrem gemeinsamen europäischen Weg
zu wichtigen Standorten des deutsch-polnischen Kultur-
und Wissenschaftsaustausches zu entwickeln. Aber
auch auf gesellschaftspolitischer Ebene ist eine solche
positive Entwicklung mehr als denkbar.