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Orbis Linguarum Vol. 23/2002
Agnieszka Sochal
Warszawa
"Ist aus dem großen
Sterben der große Frieden erwachsen?"
Überblick über die pazifistischen Bestrebungen der deutschen Frauen
nach dem Zweiten Weltkrieg
Bereits am 28. Juni 1940 bemerkte Sophie Scholl
in einem ihrer Briefe: "Die Einstellung der meisten
Leute hier ist so: wie der Krieg ausgeht, ist egal, wenn nur mein Sohn
oder Mann bald wieder gesund heim kommt". (Scholl/Scholl,
Briefe, 1998, S. 185) 1945 war endlich das massenweise
Töten und Sterben vorbei. Damit
ging der größte Wunsch von Abermillionen Frauen in
der ganzen Welt in Erfüllung. In vielen Ländern Europas herrschte dementsprechend, trotz der großen
Zahl der Gefallenen und der beinahe apokalyptischen
Zerstörung, eine vage Stimmung der Erleichterung,
auf dem deutschen Gebiet zusätzlich die der Angst.
Die deutschen Frauen fürchteten die
Vergeltung. Der Krieg war für Deutschland mit
einer Niederlage ausgegangen, man gedachte der großen
Zahl der männlichen Kriegsgefallenen und vermisste
Tausende, die sich noch in Kriegsgefangenschaft befanden.
Mit Recht spricht man über das Deutschland nach dem
Zweiten Weltkrieg als einem
Land der Frauen. Das prägende Bild der deutschen Frau
war das der Trümmerfrau,
das bald zum Symbol der Nachkriegszeit wurde.
Die pazifistischen Bestrebungen deutscher Frauen
nach dem Zweiten Weltkrieg erwecken Interesse
schon aus dem Grunde, weil
das Deutschtum nach diesem Krieg unzertrennlich
mit Brutalität, Militarismus und der Schuld an allem
erdenklich Bösen assoziiert wurde. In diesem Artikel
möchte ich ein wichtiges Gegenargument zu dieser Auffassung
vorlegen, indem ich die, meiner Ansicht nach, wichtigsten
pazifistischen Bestrebungen deutscher Frauen unmittelbar
nach dem Zweiten Weltkrieg bis in die Hälfte der
50er Jahre hinein verfolge. Meine Aufmerksamkeit werde
ich zuerst auf die besondere, sich dem Pazifismus
zuneigende Stimmung unmittelbar nach dem Krieg lenken.
Ferner werden Organisationen genannt, Aufrufe, Kongresse
und andere Initiativen von deutschen Frauen in diesem
Bereich erörtert, um einen Überblick über den Verlauf
dieser Aktivitäten zu erhalten. In meine Untersuchungen werde ich
ebenfalls die Einstellung der Gesellschaft zu den
Pazifistinnen miteinbeziehen.
Unmittelbar
nach dem Krieg schrieb Erich Lüth in
Abkehr vom Militarismus. Die Leitartikel des Gefreiten
von Ghedi: "Heute können wir auch das feststellen
und vor aller Öffentlichkeit aussprechen: Die von
jeher in Deutschland verächtlich gemachten und verfolgten
‘Pazifisten’, die Warner vor dem totalen Krieg Hitlers
und des deutschen
Militärs, sind rehabilitiert. Sie hatten nur zu recht gehabt zu warnen, und als man ihre Warnungen
in den Wind schlug, trat in erschütternder Vollständigkeit
alles das ein, was sie aus Liebe zu ihrem Volke, aus
politisch-ethischer Überzeugung, aus Humanität, aus
brennendem Verantwortungsgefühl Deutschland und der
Welt gegenüber zu verhindern versucht hatten. Sie wollten den Frieden
und die Völkerverständigung in einem umfassenden Bund
der Völker. Sie bekämpften den Militarismus und
die aggressiven Bestrebungen der deutschen Rüstungsindustrie.
Sie wandten sich in Reden und Artikeln gegen das Machtstreben,
den Angriffsgeist und den Imperialismus der
deutschen Nationalisten. Sie
wollten Deutschland aus seiner völligen Isolierung
in der Welt lösen. Obgleich sie also die Katastrophe vermeiden wollten, und das Gute anstrebten,
beschimpfte man sie hierfür als
‘vaterlandslose Gesellen’. Man schleuderte den Vorwurf
der nationalen Würdelosigkeit und der Feigheit gegen sie, obgleich es bestimmt
tapferer war, gegen den Strom der militaristisch
verseuchten öffentlichen Meinung Deutschlands zu schwimmen,
als sich von diesem Strom treiben zu lassen". (Zit.
nach: Donat/Holl, Friedensbewegung, 1983, S. 91)
Man kann heute über die Notwendigkeit dieser Äußerung
ins Grübeln kommen. Tatsächlich
wurden die Pazifisten in Deutschland stärker als anderswo
angefeindet, wie es die Worte von Lüth hervorheben.
Nach dem Zweiten Weltkrieg schien es aber, dass ein
nächster Krieg unmöglich wäre, da endlich eine vage
antimilitärische Stimmung im deutschen Volk verbreitet
war. Gleichzeitig wurde jedoch die Auffassung geteilt,
dass die Friedensorganisationen- und Aktionen in
der Friedenszeit überflüssig seien, zumal die Wiederherstellung
der deutschen Armee unmittelbar nach dem Zweiten
Krieg als undenkbar galt. Nichtsdestoweniger war die Stimmung für Pazifismus vorhanden, was aber
seine Entwicklung in den ersten Nachkriegsjahren behinderte,
waren einerseits die materiellen Rahmenbedingungen, andererseits eine allgemeine Erschöpfung.
Dessen ungeachtet entwuchs aus dem starken Friedensbedürfnis
ein breiter Protest gegen die verschiedenen Etappen
der Remilitarisierung der Bundesrepublik und andere
Kriegsgefahren, wie z.B. gegen den NATO-Beitritt,
die Wiederaufrüstung, die Einführung der allgemeinen
Wehrpflicht, gegen Atomwaffen sowie Notstandsgesetze.
Die Slogans: Nie wieder Faschismus, Nie wieder Krieg waren allgemein anerkannt,
doch diesbezügliche Aktivitäten wurden jedoch nur
von einer Minderheit getragen. (Vgl.
Hervé, Geschichte, 2001, S. 131)
Unmittelbar nach Kriegsende entstanden zahlreiche
Frauenvereine und Frauenausschüsse, in deren Entwicklung
einige gemeinsame Tendenzen zu beobachten sind. Viele entstandene Organisationen knüpften
an die Erfahrungen, Traditionen und Erfahrungen der
pazifistischen Frauenorganisationen vor 1933 an. (Vgl.
Hervé, Geschichte, 2001, S. )
Die Friedensarbeit der Frauen nach dem Zweiten Weltkrieg
umfasste viele Spektren. Die Frauen verfassten Artikel, Reden, Rundbriefe,
verteilten Flugblätter, schickten spontane Protestbriefe
an die Mächtigen dieser Welt. In der Frauenpublizistik
jener Zeit findet das starke politische Selbstbewusstsein
der deutschen Frauen seinen Ausdruck (Vgl. Chronik,
1992, S. 519), so wurden u.a. Zeitschriften mit friedenspolitischen
Inhalten herausgegeben. Bereits 1952 bekamen die Frauen ihr
erstes pazifistisches Monatsblatt Frau
und Frieden. Klara-Marie Fassbinder, die damals
zur Redaktionsgemeinschaft gehörte, bemerkte 1964
rückblickend: "Blättert man die 12 Jahrgänge durch,
dann ist man selbst als ständiger Mitarbeiter erstaunt,
was Frauen hier in ehrenamtlicher Arbeit zusammen
und als Einzelne geleistet haben". (Fassbinder, Töchter,
1964, S. 42) Die Frauen betätigten sich ferner künstlerisch,
indem sie Antikriegsgedichte, -lieder, -romane verfassten. Diesen Frauen lag bestimmt mehr die
stille Friedensarbeit. Die literarische Produktivität
der deutschen Frauen in diesem Bereich besiegeln im
Übrigen zahllose veröffentlichte Tagebücher und Aufzeichnungen,
die über das Friedensengagement der Frauen berichteten
und damit als Vorbild für
andere Frauen gelten sollten. Ihre Tagebücher veröffentlichten
u.a. Anna Haag, Klara-Marie Fassbinder, Constanze
Hallgarten, Mira von Kühlmann, Ingeborg Küster, Anna
Siemsen, Vilma Sturm. Häufig verbanden künstlerische Reaktionen
auf den Krieg den Appell gegen das Vergessen mit einer
Ermahnung, wachsam zu sein. (Vgl.
Chronik, 1992, S. 519) Es gab weiterhin auch eine
andere Art der Friedensarbeit. So sammelte die Naturwissenschaftlerin Freda Wuesthoff
Informationen über die Zerstörung, die die
Atombombe verursacht, um die Konsequenzen des Abwurfs
dieser Waffe anschaulich zu machen. In ihren Aufzeichnungen
formuliert sie folgende Schlussfolgerung: "Entweder:
die Menschheit geht auf dem seit Jahrtausenden gewohnten
Weg, ihre Streitigkeiten durch Krieg auszutragen,
dann geht die Menschheit unter, oder es gelingt das
zunächst unmöglich scheinende, es gelingt die Überwindung
des Krieges, dann liegen von der Menschheit ungeheuere
Entwicklungsmöglichkeiten". (Chronik,
1992, S. 516)
Von
allen erwähnten Aktivitäten waren jedoch Kongresse,
Frauenfriedenstage Friedenskundgebungen und Demonstrationen
besonders spektakulär. Viele Frauenkongresse der Nachkriegszeit fanden
unter dem Motto Friedensbewegung,
Völkerverständigung und Völkerversöhnung als
Aufgabe der Frau statt. (Vgl. Chronik,
1992, S. 520) Doch etwas Besonderes, meines Erachtens,
waren die Friedenskongresse, mit denen Frauen an
die Tradition vor 1933 anknüpften. Im Bereich der Friedenskongresse wird
hauptsächlich zwischen den deutschen und internationalen
Frauenkongressen sowie den Weltfriedenskongressen unterschieden. Der Auftakt zu den Frauenkongressen
bildete Der
Internationale Mütterkongress gegen die Atomgefahr
in Lausanne im Jahre 1955, in dessen Manifest es u.a.
heißt: "Wir sind hierher gekommen, von dem gleichen
Willen beseelt, unsere Kinder vor dem Krieg zu schützen und ihnen eine Zukunft des Friedens und des Glückes zu sichern
... Wenden wir uns an jene, die auch für den
Frieden arbeiten, aber noch nicht gemeinsam handeln
wollen. Isoliert oder getrennt
vermögen wir nichts, vereint sind wir unbesiegbar
... Wir wollen keinen Krieg! Möge sich unsere Stimme immer lauter erheben. Wir wollen mit
Abscheu schon die bloße Vorstellung zurückweisen,
dass man je Atomwaffen anwenden könnte. Verlangen
wir Verbot und ihre Vernichtung. Wir können nicht
dulden, dass ungeheuere Geldsummen von den Kriegsvorbereitungen
verschlungen werden, während unzählige Menschen Hunger
leiden. Erzwingen wir die Abrüstung. Frauen aller
Länder! Wir wollen nicht, dass unsere Söhne einander
töten. Erziehen wir unsere Kinder in der Liebe zu
allen Völkern. Lassen wir nicht
zu, dass man ihren Geist verdirbt, indem man Überheblichkeit
und Rassenvorurteile züchtet".
(Chronik, 1992, S. 540) In Deutschland ist
an dieser Stelle an den Kongress in Velbert zu erinnern, der am 14. Oktober 1951
zustande kam, und der im Grunde um eine Frage kreiste:
"Sollte diese so lebendig angefangene Frauenbewegung
ein Teil der Weltfriedensbewegung werden oder etwas
Eigenständiges bleiben?"
(Fassbinder, Töchter, 1964, S. 41) Die Notwendigkeit
des Kampfes für den Frieden, der nur auf dem Forum
der breiten internationalen Öffentlichkeit Erfolg
verspricht, trug zum Sieg der Auffassung bei, dass
sich deutsche Frauen nicht nur auf die deutsche Problematik,
sondern ebenfalls auf die Durchsetzung der Friedensidee
in der ganzen Welt konzentrieren sollten. (Vgl. S.
41)
Zu Friedenskundgebungen kam es auch
während der Internationalen Frauentage. So stand der Internationale Frauentag im Jahre
1951 unter dem Leitmotiv Frauen
kämpfen für Frieden und Freiheit.
Das Manifest, das anlässlich dieser Tage entworfen
wurde, spiegelte die damals übliche Friedensthematik
wieder: "Ihr könnt den Frieden retten! Sprecht mit allen Menschen über die Kriegsgefahr - gewinnt sie für die
Volksbefragung gegen die Remilitarisierung! Schickt Delegationen von Frauen, Männern, Jugendlichen
und Kindern nach Bonn mit der Forderung der Durchführung
der Volksbefragung gegen die Remilitarisierung Deutschlands,
gegen die Rekrutierung deutscher Männer! Noch
kann der Krieg verhindert werden! Ruft alle zur Verteidigung
des Lebens". (Chronik, 1992, S. 533)
Die Träger aller genannten Aktivitäten waren regionale
und überregionale Organisationen. Aus der Reihe
nach 1945 entstandener Vereine, Ausschüsse, Verbände
und Gruppen müssen hierzu folgende erwähnt werden:
die deutsche Sektion der Internationalen
Frauenliga für Frieden und Freiheit
(IFFF), der Demokratische
Frauenbund Deutschlands (DFD), die Westdeutsche
Frauenfriedensbewegung (WFFB), der Stuttgarter
Friedenskreis, die deutsche Sektion der Weltbewegung
der Mütter (MMM), die deutsche Sektion der Internationalen Demokratischen Frauenföderation
(IDFF) sowie die Deutschlandzentrale der W.O.M.A.N (Weltorganisation der Mütter Aller Nationen). Sie alle haben ihre
bewegende Geschichte und umfangreiche Tätigkeitsfelder,
deren Schilderung jedoch den Rahmen dieses Artikels
sprengen würde. Die Frauen
betätigten sich auch innerhalb der zahlreichen Organisationen
und Kampagnen von friedenspolitischem Charakter, die
de facto als nicht frauenspezifische Organisationen
bezeichnet werden können. In diesem Zusammenhang sollen hier
nur einige genannt werden: die Deutsche
Friedensgesellschaft (DFG), die Internationale
der Kriegsdienstgegner (IdK) (Vgl. Grünewald,
Friedensgesellschaft, 1992, S. 139-155), die Notgemeinschaft
für den Frieden,
wo eine der zentralen Rollen Helene Wessel spielte,
sowie die Kampagne Kampf gegen den Atomtod.
(Vgl. Schenk, Waffen, 1983, S.
51)
Wenn
man über die Geschichte und Inhalte des Friedenskampfes
nachdenkt, Protestbriefe und Manifeste analysiert,
kann man zur Überzeugung kommen, dass die Mittel und
Rituale sich ähnelten, nur die Waffen immer moderner
(d.h. noch schrecklicher und zerstörender) wurden,
was jedoch von Pazifisten in Kassandrarufen allzeit
prophezeit wurde. So, wie es die oben genannten Beispiele
der Protestbriefe und Manifeste zum Ausdruck bringen,
kämpften die Frauen gegen die Wiederbewaffnung von
Deutschland, und nach dem Schock, den die Weltöffentlichkeit
nach Hiroschima und Nagasaki erlebte, gegen die atomare
Aufrüstung, sie kämpften gegen den Zwang zum Kriegsdienst
und gegen Rassenvorurteile. Sie kämpften für die Kriegsdienstverweigerung,
für Frieden, für die Erringung und den Schutz der
nationalen Unabhängigkeit und der demokratischen Freiheit,
für eine Ost-West-Verständigung, für die Wiedervereinigung
Deutschlands und eine friedliche Lösung des Deutschlandsproblems,
für die militärische Neutralität Gesamtdeutschlands
(nach dem Vorbild
Österreichs) sowie für eine friedliche Erziehung
der Kinder. Doch nicht allein
der Wunsch nach Frieden wurde von Frauen geäußert. Was nämlich diese Aktivitäten kennzeichnet,
ist die Verknüpfung frauen-
und friedenspolitischer Anliegen. "(Sie) verknüpften
ihre Ablehnung der Wiederaufrüstung mit Forderungen
nach dem Ausbau der Sozialleistungen, Steuer- und
Preissenkungen, Schaffung preiswerten Wohnraums,
nach einer gesicherten Altersversorgung und Verbesserung
des Bildungswesens", wie Karola Maltry beobachtete.
(Maltry, Frauenfriedensbewegung, 1993, S. 64) Die
Frauen engagierten sich dabei für die Durchsetzung
und Verteidigung der Rechte der Frauen, denn sie empfanden
es als Pflicht, sich für einen dauerhaften Frieden einzusetzen,
dabei sollten aber ihre politischen, wirtschaftlichen,
zivilen und sozialen Rechte verteidigt und gewährleistet
werden.
Die Zerstörung und Leiden des Zweiten Weltkrieges, die noch
gegenwärtig waren, gaben den Impuls zum Friedenskampf.
Von größter Bedeutung war auch
der Schock nach Hiroschima und Nagasaki sowie Adenauers
Politik und Überzeugung von der Notwendigkeit einer
Remilitarisierung der Bundesrepublik. Das waren die
Impulse, die die Frauen aktivierten. Klara-Marie Fassbinder artikuliert
es folgendermaßen: "Als ich Mitte August 1950 ...
von einem Interview las, das Adenauer in der "New
York Times" gegeben hatte und worin er von der Unvermeidlichkeit
eines Krieges zwischen den USA und der Sowjetunion
sprach, da sei es wichtig, dass die Bundesrepublik
Soldaten hätte. Das war nach
dem Zweiten Weltkrieg der Anfang meiner Arbeit für
den Frieden". (Chronik, 1992, S. 530)
Doch immer noch bemerkten die Pazifistinnen, dass sie angefeindet, verleumdet
werden. So fragte Edith Hoereth-Menge am Ende ihres
Lebens stehend: "Was für eine Welt ist das, in der
diejenigen, die für Frieden und Menschlichkeit kämpfen,
in der Anklagebank Platz nehmen müssen". (Brändle-Zeile,
Frauen, 1983, S. 54) Da sie gegen die Remilitarisierung
auftrat und die Stelle der Vorsitzenden im Westdeutschen
Friedenskomitee einnahm, wurde sie als "Rädelsführer(in)
einer verfassungsfeindlichen und kriminellen Geheimorganisation"
angeklagt und 1958 auf Gefängnisstrafe mit Bewährung
verurteilt. (Vgl. Brändle-Zeile, Frauen, 1983, S.
59) Zusammen mit anderen Angeklagten entwarf und veröffentlichte sie eine
Flugschrift, in der sie ihre Einstellung zum Krieg
explizierte: "Aus der Erkenntnis, dass Konflikte zwischen
Staaten im Atomzeitalter nur noch auf dem Wege friedlicher
Verhandlungen gelöst werden können, haben wir in unserer
Arbeit die Beseitigung der militärischen Blockbildung,
die allgemeine kontrollierte Abrüstung - besonders
bei den A- und H- Waffen und ausschließlich friedliche
Verwendung der Kernenergie gefordert, weil wir überzeugt
sind, dass von der Lösung dieser Probleme heute der
Friede abhängt ... Bereits im Jahre 1950 haben wir
in den Veröffentlichungen des Friedenskomitees
erklärt, dass die Wiederaufrüstung und der Beitritt
zur NATO das allgemeine Wettrüsten verschärfen und
die Lösung der großen politischen Fragen, vor denen
Deutschland stand - nämlich Wiedervereinigung und
Friedensvertrag - verhindern würden. Die Entwicklung
hat uns recht gegeben".
In der Hälfte der 50er Jahre wurde deutlich bemerkbar, dass der Widerstand
gegen den Krieg nachließ. Viele Frauen resignierten
angesichts der massiven Aufrüstungspropaganda. Ursachen
für das Scheitern dieser Bestrebungen sind auch in
der Realität des Kalten Krieges zu suchen. Die Angst
vor dem "Kommunistischen Überfall" flammte stärker
als die Furcht vor der Remilitarisierung der Bundesrepublik
auf. (Vgl. Chronik, 1992, S.
540)
Die Frauen schufen nach dem Zweiten Weltkrieg eine vage
Öffentlichkeit für den Pazifismus,
die u.a. durch ihre Aktivitäten zustande kam. Einerseits
glaubte man nicht an die Möglichkeit eines neuen Krieges,
andererseits versuchte man aber, den Zweiten Weltkrieg
als Warnung auszunutzen. Frauen hatten aus dem Krieg
gelernt, und ihr fester Glaube, dass Frieden möglich
ist, bewegt, inspiriert und überzeugt heute noch.
Sie versuchten ein breites Bündnis von Frauen verschiedener
weltanschaulicher Herkunft, unterschiedlicher politischer
Couleur, aus beiden Konfessionen und aus verschiedenen
Frauenorganisationen zu schaffen. Mit der Propagierung
ihrer Idee von einer Welt ohne Krieg gingen sie nach
außen, indem sie ständig Kontakt zum Ausland
suchten. Die Frauen beschränkten sich nicht nur auf
die deutsche Problematik, sondern sie setzten sich
für den Kampf für den Frieden in der ganzen Welt ein,
denn, wie es Klara-Marie Fassbinder deutete: "Kampf
ist etwas anderes als Krieg. Kampf ist der leidenschaftliche
Einsatz für das, was man als recht erkennt, auch -
vor allem bei einer Frau - das Wartenkönnen und Eingehen
auf Sein und Wollen des Anderen". (Fassbinder, Töchter,
1964, S. 43) Die Frauen blieben auch dem Goetheschen
Motto: "Das ewig Weibliche zieht uns hinan" nicht
eindeutig treu. Sie handelten aus der Stimmung
heraus und verstanden, dass die Frauen als Mütter
und Hüterinnen des Lebens sowie Erzieherinnen von
Kindern als Hoffnung für diese Welt fungieren, doch
gleichzeitig waren sie davon überzeugt, dass eine
friedvolle Welt gemeinsam (mit Männern) gebaut werden
muss und soll. Leider muss ich die Titelfrage meines
Artikels im Licht der politischen Ereignisse unmittelbar
nach dem Zweiten Weltkrieg (u.a. Kalter Weltkrieg,
Remilitarisierung der Bundesrepublik, von dem Korea-
und Vietnamkrieg ganz zu schweigen) mit einem traurigen
Nein beantworten. Nur eines ist sicher: Zuschauen
hilft nicht. Man muss handeln. Und die Tatkraft der
deutschen Pazifistinnen, mit der sie die Verbreitung
der Friedensidee vorantrieben, gab und gibt weiterhin
Hoffnung.
Literatur
Brändle-Zeile, Elisabeth: Seit 90 Jahren Frauen für Frieden. Dokumentation. Stuttgart 1983. Zit.: Brändle-Zeile, Frauen, 1983.
Die
Chronik der Frauen.
Herausgegeben von Annette Kuhn. Dortmund 1992. Zit.:
Chronik, 1992.
Donat, Helmut/Holl, Karl (Hg.): Die Friedensbewegung. Organisierter Pazifismus
in Deutschland,
Österreich und in der Schweiz. Düsseldorf 1983.
Zit.: Donat/Holl, Friedensbewegung, 1983.
Fassbinder, Klara-Marie: Bertha von Suttner und ihre Töchter. Ein Versuch. Gelsenkirchen 1964. Zit.:
Fassbinder, Töchter, 1964.
Grünewald, Guido (Hg.): Nieder die Waffen! Hundert Jahre Deutsche Friedensgesellschaft (1892-1992).
Bremen 1992. Zit.: Grünewald, Friedensgesellschaft,
1992.
Hervé, Florence (Hg.): Geschichte der deutschen Frauenbewegung.
7., verbesserte und überarbeitete Auflage, Köln 2001.
Zit.: Hervé, Geschichte, 2001.
Maltry, Karola: Die neue Frauenfriedensbewegung. Entstehung, Bedeutung, Entwicklung.
Frankfurt am Main/New York
1993. Zit.: Maltry, Frauenfriedensbewegung,
1993.
Nave-Herz, Rosemarie: Die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. In:
Rosemarie Nave-Herz: Die
Geschichte der Frauenbewegung in Deutschland.
Opladen 1994, S. 58-60. Zit. Nave-Herz, Zeit, 1994.
Niedhart, Gottfried/Riesenberger, Dietetr
(Hg.): Lernen
aus dem Krieg? Deutsche Nachkriegszeiten
1918 und 1945. München 1992. Zit.: Niedhart/Riesenberger,
Nachkriegszeiten, 1992.
Schenk, Herrad: Frauen kommen ohne Waffen. Feminismus und Pazifismus. München 1983.
Zit.: Schenk, Waffen, 1983.
Scholl, Hans/Scholl, Sophie: Briefe und Aufzeichnungen. Frankfurt am
Main 1998. Zit.: Scholl/Scholl, Briefe, 1998.