Orbis Linguarum

Orbis Linguarum


Orbis
Aktuell
Diskussion
Suche
Archiv
Register
Redaktion

Bestellung

Impressum

Download dieses Dokuments als pdf-Datei
Diskutieren Sie mit Kollegen über diesen Artikel im Forum.
Orbis Linguarum Vol. 23/2002

Agnieszka Sochal

Warszawa

 "Ist aus dem großen Sterben der große Frieden erwachsen?" [1]

Überblick über die pazifistischen Bestrebungen der deutschen Frauen nach dem Zweiten Weltkrieg

Bereits am 28. Juni 1940 bemerkte Sophie Scholl in einem ihrer Briefe: "Die Ein­stellung der meisten Leute hier ist so: wie der Krieg ausgeht, ist egal, wenn nur mein Sohn oder Mann bald wieder gesund heim kommt". (Scholl/Scholl, Briefe, 1998, S. 185) 1945 war endlich das massenweise Töten und Sterben vorbei. Damit ging der größte Wunsch von Abermillionen Frauen in der ganzen Welt in Erfül­lung. In vielen Ländern Europas herrschte dementsprechend, trotz der großen Zahl der Gefallenen und der beinahe apokalyptischen Zerstörung, eine vage Stimmung der Erleichterung, auf dem deutschen Gebiet zusätzlich die der Angst. Die deut­schen Frauen fürchteten die Vergeltung. [2] Der Krieg war für Deutschland mit einer Niederlage ausgegangen, man gedachte der großen Zahl der männlichen Kriegsge­fallenen und vermisste Tausende, die sich noch in Kriegsgefangenschaft befanden. Mit Recht spricht man über das Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg als ei­nem Land der Frauen. Das prägende Bild der deutschen Frau war das der Trüm­mer­frau, das bald zum Symbol der Nachkriegszeit wurde. [3]

Die pazifistischen Bestrebungen deutscher Frauen nach dem Zweiten Weltkrieg erwecken Interesse schon aus dem Grunde, weil das Deutschtum nach diesem Krieg unzertrennlich mit Brutalität, Militarismus und der Schuld an allem erdenklich Bö­sen assoziiert wurde. In diesem Artikel möchte ich ein wichtiges Gegenargument zu dieser Auffassung vorlegen, indem ich die, meiner Ansicht nach, wichtigsten pazifistischen Bestrebungen deutscher Frauen unmittelbar nach dem Zweiten Welt­krieg bis in die Hälfte der 50er Jahre hinein verfolge. Meine Aufmerksamkeit wer­de ich zuerst auf die besondere, sich dem Pazifismus zuneigende Stimmung unmit­telbar nach dem Krieg lenken. Ferner werden Organisationen genannt, Aufrufe, Kongresse und andere Initiativen von deutschen Frauen in diesem Bereich erörtert, um einen Überblick über den Verlauf dieser Aktivitäten zu erhalten. [4] In meine Un­tersuchungen werde ich ebenfalls die Einstellung der Gesellschaft zu den Pazifis­tinnen miteinbeziehen.

Unmittelbar nach dem Krieg schrieb Erich Lüth in Abkehr vom Militarismus. Die Leitartikel des Gefreiten von Ghedi: "Heute können wir auch das feststellen und vor aller Öffentlichkeit aussprechen: Die von jeher in Deutschland verächtlich gemachten und verfolgten ‘Pazifisten’, die Warner vor dem totalen Krieg Hitlers und des deutschen Militärs, sind rehabilitiert. Sie hatten nur zu recht gehabt zu war­nen, und als man ihre Warnungen in den Wind schlug, trat in erschütternder Voll­ständigkeit alles das ein, was sie aus Liebe zu ihrem Volke, aus politisch-ethischer Überzeugung, aus Humanität, aus brennendem Verantwortungsgefühl Deutschland und der Welt gegenüber zu verhindern versucht hatten. Sie wollten den Frieden und die Völkerverständigung in einem umfassenden Bund der Völker. Sie bekämpften den Militarismus und die aggressiven Bestrebungen der deutschen Rüstungs­indus­trie. Sie wandten sich in Reden und Artikeln gegen das Machtstreben, den An­griffs­geist und den Imperialismus der deutschen Nationalisten. Sie wollten Deutschland aus seiner völligen Isolierung in der Welt lösen. Obgleich sie also die Katastrophe vermeiden wollten, und das Gute anstrebten, beschimpfte man sie hierfür als ‘va­terlandslose Gesellen’. Man schleuderte den Vorwurf der nationalen Würdelo­sig­keit und der Feigheit gegen sie, obgleich es bestimmt tapferer war, gegen den Strom der militaristisch verseuchten öffentlichen Meinung Deutschlands zu schwimmen, als sich von diesem Strom treiben zu lassen". (Zit. nach: Donat/Holl, Friedensbe­wegung, 1983, S. 91) Man kann heute über die Notwendigkeit dieser Äußerung ins Grübeln kommen. Tatsächlich wurden die Pazifisten in Deutschland stärker als anderswo angefeindet, wie es die Worte von Lüth hervorheben. Nach dem Zweiten Weltkrieg schien es aber, dass ein nächster Krieg unmöglich wäre, da endlich eine vage antimilitärische Stimmung im deutschen Volk verbreitet war. Gleichzeitig wurde jedoch die Auffassung geteilt, dass die Friedensorganisationen- und Aktio­nen in der Friedenszeit überflüssig seien, zumal die Wiederherstellung der deut­schen Armee unmittelbar nach dem Zweiten Krieg als undenkbar galt. Nichts­desto­weniger war die Stimmung für Pazifismus vorhanden, was aber seine Entwicklung in den ersten Nachkriegsjahren behinderte, waren einerseits die materiellen Rah­menbedingungen [5] , andererseits eine allgemeine Erschöpfung. Dessen ungeachtet entwuchs aus dem starken Friedensbedürfnis ein breiter Protest gegen die ver­schie­denen Etappen der Remilitarisierung der Bundesrepublik und andere Kriegsge­fah­ren, wie z.B. gegen den NATO-Beitritt, die Wiederaufrüstung, die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht, gegen Atomwaffen sowie Notstandsgesetze. Die Slo­gans: Nie wieder Faschismus, Nie wieder Krieg waren allgemein anerkannt, doch diesbezügliche Aktivitäten wurden jedoch nur von einer Minderheit getragen. (Vgl. Hervé, Geschichte, 2001, S. 131)

Unmittelbar nach Kriegsende entstanden zahlreiche Frauenvereine und Frauen­ausschüsse, in deren Entwicklung einige gemeinsame Tendenzen zu beobachten sind. [6] Viele entstandene Organisationen knüpften an die Erfahrungen, Traditionen und Erfahrungen der pazifistischen Frauenorganisationen vor 1933 an. (Vgl. Hervé, Geschichte, 2001, S. ) Die Friedensarbeit der Frauen nach dem Zweiten Weltkrieg umfasste viele Spektren. Die Frauen verfassten Artikel, Reden, Rundbriefe, verteil­ten Flugblätter, schickten spontane Protestbriefe an die Mächtigen dieser Welt. In der Frauenpublizistik jener Zeit findet das starke politische Selbstbewusstsein der deutschen Frauen seinen Ausdruck (Vgl. Chronik, 1992, S. 519), so wurden u.a. Zeitschriften mit friedenspolitischen Inhalten herausgegeben. Bereits 1952 beka­men die Frauen ihr erstes pazifistisches Monatsblatt Frau und Frieden. Klara-Ma­rie Fassbinder, die damals zur Redaktionsgemeinschaft gehörte, bemerkte 1964 rückblickend: "Blättert man die 12 Jahrgänge durch, dann ist man selbst als stän­di­ger Mitarbeiter erstaunt, was Frauen hier in ehrenamtlicher Arbeit zusammen und als Einzelne geleistet haben". (Fassbinder, Töchter, 1964, S. 42) Die Frauen betä­tigten sich ferner künstlerisch, indem sie Antikriegsgedichte, -lieder, -romane ver­fassten. [7] Diesen Frauen lag bestimmt mehr die stille Friedensarbeit. Die literarische Produktivität der deutschen Frauen in diesem Bereich besiegeln im Übrigen zahl­lose veröffentlichte Tagebücher und Aufzeichnungen, die über das Friedensen­ga­gement der Frauen berichteten und damit als Vorbild für andere Frauen gelten soll­ten. Ihre Tagebücher veröffentlichten u.a. Anna Haag, Klara-Marie Fassbinder, Constanze Hallgarten, Mira von Kühlmann, Ingeborg Küster, Anna Siemsen, Vil­ma Sturm. [8] Häufig verbanden künstlerische Reaktionen auf den Krieg den Appell gegen das Vergessen mit einer Ermahnung, wachsam zu sein. (Vgl. Chronik, 1992, S. 519) Es gab weiterhin auch eine andere Art der Friedensarbeit. So sammelte die Naturwissenschaftlerin Freda Wuesthoff Informationen über die Zerstörung, die die Atombombe verursacht, um die Konsequenzen des Abwurfs dieser Waffe an­schaulich zu machen. In ihren Aufzeichnungen formuliert sie folgende Schlussfol­gerung: "Entweder: die Menschheit geht auf dem seit Jahrtausenden gewohnten Weg, ihre Streitigkeiten durch Krieg auszutragen, dann geht die Menschheit unter, oder es gelingt das zunächst unmöglich scheinende, es gelingt die Überwindung des Krieges, dann liegen von der Menschheit ungeheuere Entwicklungsmöglich­keiten". (Chronik, 1992, S. 516)

Von allen erwähnten Aktivitäten waren jedoch Kongresse, Frauenfriedenstage Friedenskundgebungen und Demonstrationen besonders spektakulär. Viele Frauen­kongresse der Nachkriegszeit fanden unter dem Motto Friedensbewegung, Völker­verständigung und Völkerversöhnung als Aufgabe der Frau statt. (Vgl. Chronik, 1992, S. 520) Doch etwas Besonderes, meines Erachtens, waren die Friedens­kon­gresse, mit denen Frauen an die Tradition vor 1933 anknüpften. [9] Im Bereich der Friedenskongresse wird hauptsächlich zwischen den deutschen und internationalen Frauenkongressen sowie den Weltfriedenskongressen [10] unterschieden. [11] Der Auf­takt zu den Frauenkongressen bildete Der Internationale Mütterkongress gegen die Atomgefahr in Lausanne im Jahre 1955, in dessen Manifest es u.a. heißt: "Wir sind hierher gekommen, von dem gleichen Willen beseelt, unsere Kinder vor dem Krieg zu schützen und ihnen eine Zukunft des Friedens und des Glückes zu sichern ... Wen­den wir uns an jene, die auch für den Frieden arbeiten, aber noch nicht ge­mein­sam handeln wollen. Isoliert oder getrennt vermögen wir nichts, vereint sind wir unbe­siegbar ... Wir wollen keinen Krieg! Möge sich unsere Stimme immer lauter er­he­ben. Wir wollen mit Abscheu schon die bloße Vorstellung zurückweisen, dass man je Atomwaffen anwenden könnte. Verlangen wir Verbot und ihre Vernichtung. Wir können nicht dulden, dass ungeheuere Geldsummen von den Kriegsvorbereitungen verschlungen werden, während unzählige Menschen Hunger leiden. Erzwingen wir die Abrüstung. Frauen aller Länder! Wir wollen nicht, dass unsere Söhne einander töten. Erziehen wir unsere Kinder in der Liebe zu allen Völkern. Lassen wir nicht zu, dass man ihren Geist verdirbt, indem man Überheblichkeit und Rassenvor­urtei­le züchtet". (Chronik, 1992, S. 540) In Deutschland ist an dieser Stelle an den Kon­gress in Velbert zu erinnern, der am 14. Oktober 1951 zustande kam, und der im Grunde um eine Frage kreiste: "Sollte diese so lebendig angefangene Frauen­be­we­gung ein Teil der Weltfriedensbewegung werden oder etwas Eigenständiges blei­ben?" (Fassbinder, Töchter, 1964, S. 41) Die Notwendigkeit des Kampfes für den Frieden, der nur auf dem Forum der breiten internationalen Öffentlichkeit Erfolg verspricht, trug zum Sieg der Auffassung bei, dass sich deutsche Frauen nicht nur auf die deutsche Problematik, sondern ebenfalls auf die Durchsetzung der Frie­dens­idee in der ganzen Welt konzentrieren sollten. (Vgl. S. 41)

Zu Friedenskundgebungen kam es auch während der Internationalen Frauen­ta­ge. So stand der Internationale Frauentag im Jahre 1951 unter dem Leitmotiv Frau­en kämpfen für Frieden und Freiheit. Das Manifest, das anlässlich dieser Tage ent­worfen wurde, spiegelte die damals übliche Friedensthematik wieder: "Ihr könnt den Frieden retten! Sprecht mit allen Menschen über die Kriegsgefahr - gewinnt sie für die Volksbefragung gegen die Remilitarisierung! Schickt Delegationen von Frauen, Männern, Jugendlichen und Kindern nach Bonn mit der Forderung der Durchführung der Volksbefragung gegen die Remilitarisierung Deutschlands, ge­gen die Rekrutierung deutscher Männer! Noch kann der Krieg verhindert werden! Ruft alle zur Verteidigung des Lebens". (Chronik, 1992, S. 533)

Die Träger aller genannten Aktivitäten waren regionale und überregionale Or­ga­nisationen. Aus der Reihe nach 1945 entstandener Vereine, Ausschüsse, Verbän­de und Gruppen müssen hierzu folgende erwähnt werden: die deutsche Sektion der Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit (IFFF), der Demokratische Frauenbund Deutschlands (DFD), die Westdeutsche Frauenfriedensbewegung (WFFB), der Stuttgarter Friedenskreis, die deutsche Sektion der Weltbewegung der Mütter (MMM) [12] , die deutsche Sektion der Internationalen Demokratischen Frauenföderation (IDFF) sowie die Deutschlandzentrale der W.O.M.A.N (Weltor­ganisation der Mütter Aller Nationen). [13] Sie alle haben ihre bewegende Geschichte und umfangreiche Tätigkeitsfelder, deren Schilderung jedoch den Rahmen dieses Artikels sprengen würde. Die Frauen betätigten sich auch innerhalb der zahlreichen Organisationen und Kampagnen von friedenspolitischem Charakter, die de facto als nicht frauenspezifische Organisationen bezeichnet werden können. In diesem Zusammenhang sollen hier nur einige genannt werden: die Deutsche Friedens­ge­sell­schaft (DFG), die Internationale der Kriegsdienstgegner (IdK) (Vgl. Grüne­wald, Friedensgesellschaft, 1992, S. 139-155), die Notgemeinschaft für den Frie­den, wo eine der zentralen Rollen Helene Wessel spielte, sowie die Kampagne Kampf gegen den Atomtod. (Vgl. Schenk, Waffen, 1983, S. 51)

Wenn man über die Geschichte und Inhalte des Friedenskampfes nachdenkt, Protestbriefe und Manifeste analysiert, kann man zur Überzeugung kommen, dass die Mittel und Rituale sich ähnelten, nur die Waffen immer moderner (d.h. noch schrecklicher und zerstörender) wurden, was jedoch von Pazifisten in Kassandra­rufen allzeit prophezeit wurde. So, wie es die oben genannten Beispiele der Pro­testbriefe und Manifeste zum Ausdruck bringen, kämpften die Frauen gegen die Wiederbewaffnung von Deutschland, und nach dem Schock, den die Weltöffent­lichkeit nach Hiroschima und Nagasaki erlebte, gegen die atomare Aufrüstung, sie kämpften gegen den Zwang zum Kriegsdienst und gegen Rassenvorurteile. Sie kämpften für die Kriegsdienstverweigerung, für Frieden, für die Erringung und den Schutz der nationalen Unabhängigkeit und der demokratischen Freiheit, für eine Ost-West-Verständigung, für die Wiedervereinigung Deutschlands und eine fried­liche Lösung des Deutschlandsproblems, für die militärische Neutralität Gesamt­deutschlands (nach dem Vorbild Österreichs) sowie für eine friedliche Erziehung der Kinder. Doch nicht allein der Wunsch nach Frieden wurde von Frauen geäu­ßert. Was nämlich diese Aktivitäten kennzeichnet, ist die Verknüpfung frauen- und frie­denspolitischer Anliegen. "(Sie) verknüpften ihre Ablehnung der Wiederaufrüstung mit Forderungen nach dem Ausbau der Sozialleistungen, Steuer- und Preissen­kun­gen, Schaffung preiswerten Wohnraums, nach einer gesicherten Altersversorgung und Verbesserung des Bildungswesens", wie Karola Maltry beobachtete. (Maltry, Frauenfriedensbewegung, 1993, S. 64) Die Frauen engagierten sich dabei für die Durchsetzung und Verteidigung der Rechte der Frauen, denn sie empfanden es als Pflicht, sich für einen dauerhaften Frieden einzusetzen, dabei sollten aber ihre po­litischen, wirtschaftlichen, zivilen und sozialen Rechte verteidigt und gewährleistet werden.

Die Zerstörung und Leiden des Zweiten Weltkrieges, die noch gegenwärtig wa­ren, gaben den Impuls zum Friedenskampf. Von größter Bedeutung war auch der Schock nach Hiroschima und Nagasaki sowie Adenauers Politik und Überzeugung von der Notwendigkeit einer Remilitarisierung der Bundesrepublik. Das waren die Impulse, die die Frauen aktivierten. Klara-Marie Fassbinder artikuliert es folgen­dermaßen: "Als ich Mitte August 1950 ... von einem Interview las, das Adenauer in der "New York Times" gegeben hatte und worin er von der Unvermeidlichkeit eines Krieges zwischen den USA und der Sowjetunion sprach, da sei es wichtig, dass die Bundesrepublik Soldaten hätte. Das war nach dem Zweiten Weltkrieg der Anfang meiner Arbeit für den Frieden". (Chronik, 1992, S. 530)

Doch immer noch bemerkten die Pazifistinnen, dass sie angefeindet, verleumdet werden. So fragte Edith Hoereth-Menge am Ende ihres Lebens stehend: "Was für eine Welt ist das, in der diejenigen, die für Frieden und Menschlichkeit kämpfen, in der Anklagebank Platz nehmen müssen". (Brändle-Zeile, Frauen, 1983, S. 54) Da sie gegen die Remilitarisierung auftrat und die Stelle der Vorsitzenden im West­deutschen Friedenskomitee einnahm, wurde sie als "Rädelsführer(in) einer verfas­sungsfeindlichen und kriminellen Geheimorganisation" angeklagt und 1958 auf Gefängnisstrafe mit Bewährung verurteilt. (Vgl. Brändle-Zeile, Frauen, 1983, S. 59) Zusammen mit anderen Angeklagten entwarf und veröffentlichte sie eine Flug­schrift, in der sie ihre Einstellung zum Krieg explizierte: "Aus der Erkenntnis, dass Konflikte zwischen Staaten im Atomzeitalter nur noch auf dem Wege friedlicher Verhandlungen gelöst werden können, haben wir in unserer Arbeit die Beseitigung der militärischen Blockbildung, die allgemeine kontrollierte Abrüstung - besonders bei den A- und H- Waffen und ausschließlich friedliche Verwendung der Kern­ener­gie gefordert, weil wir überzeugt sind, dass von der Lösung dieser Probleme heute der Friede abhängt ... Bereits im Jahre 1950 haben wir in den Veröffent­li­chun­gen des Friedenskomitees erklärt, dass die Wiederaufrüstung und der Beitritt zur NATO das allgemeine Wettrüsten verschärfen und die Lösung der großen politischen Fragen, vor denen Deutschland stand - nämlich Wiedervereinigung und Friedensvertrag - verhindern würden. Die Entwicklung hat uns recht gegeben". [14]

In der Hälfte der 50er Jahre wurde deutlich bemerkbar, dass der Widerstand ge­gen den Krieg nachließ. Viele Frauen resignierten angesichts der massiven Auf­rüstungspropaganda. Ursachen für das Scheitern dieser Bestrebungen sind auch in der Realität des Kalten Krieges zu suchen. Die Angst vor dem "Kommunistischen Überfall" flammte stärker als die Furcht vor der Remilitarisierung der Bundes­re­publik auf. (Vgl. Chronik, 1992, S. 540)

Die Frauen schufen nach dem Zweiten Weltkrieg eine vage Öffentlichkeit für den Pazifismus, die u.a. durch ihre Aktivitäten zustande kam. Einerseits glaubte man nicht an die Möglichkeit eines neuen Krieges, andererseits versuchte man aber, den Zweiten Weltkrieg als Warnung auszunutzen. Frauen hatten aus dem Krieg gelernt, und ihr fester Glaube, dass Frieden möglich ist, bewegt, inspiriert und überzeugt heute noch. Sie versuchten ein breites Bündnis von Frauen verschie­dener welt­an­schaulicher Herkunft, unterschiedlicher politischer Couleur, aus bei­den Konfes­sio­nen und aus verschiedenen Frauenorganisationen zu schaffen. Mit der Propagie­rung ihrer Idee von einer Welt ohne Krieg gingen sie nach außen, in­dem sie ständig Kontakt zum Ausland suchten. Die Frauen beschränkten sich nicht nur auf die deut­sche Problematik, sondern sie setzten sich für den Kampf für den Frieden in der ganzen Welt ein, denn, wie es Klara-Marie Fassbinder deutete: "Kampf ist etwas anderes als Krieg. Kampf ist der leidenschaftliche Einsatz für das, was man als recht erkennt, auch - vor allem bei einer Frau - das Wartenkönnen und Eingehen auf Sein und Wollen des Anderen". (Fassbinder, Töchter, 1964, S. 43) Die Frauen blieben auch dem Goetheschen Motto: "Das ewig Weibliche zieht uns hinan" nicht eindeutig treu. [15] Sie handelten aus der Stimmung heraus und verstanden, dass die Frauen als Mütter und Hüterinnen des Lebens sowie Erzieherinnen von Kindern als Hoffnung für diese Welt fungieren, doch gleichzeitig waren sie davon überzeugt, dass eine friedvolle Welt gemeinsam (mit Männern) gebaut werden muss und soll. Leider muss ich die Titelfrage meines Artikels im Licht der politischen Ereignisse unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg (u.a. Kalter Weltkrieg, Remilitarisierung der Bundesrepublik, von dem Korea- und Vietnamkrieg ganz zu schweigen) mit einem traurigen Nein beantworten. Nur eines ist sicher: Zuschauen hilft nicht. Man muss handeln. Und die Tatkraft der deutschen Pazifistinnen, mit der sie die Ver­breitung der Friedensidee vorantrieben, gab und gibt weiterhin Hoffnung.

 Literatur

Brändle-Zeile, Elisabeth: Seit 90 Jahren Frauen für Frieden. Dokumentation. Stutt­gart 1983. Zit.: Brändle-Zeile, Frauen, 1983.

Die Chronik der Frauen. Herausgegeben von Annette Kuhn. Dortmund 1992. Zit.: Chronik, 1992.

Donat, Helmut/Holl, Karl (Hg.): Die Friedensbewegung. Organisierter Pazifismus in Deutschland, Österreich und in der Schweiz. Düsseldorf 1983. Zit.: Donat/Holl, Friedens­bewegung, 1983.

Fassbinder, Klara-Marie: Bertha von Suttner und ihre Töchter. Ein Versuch. Gelsen­kirchen 1964. Zit.: Fassbinder, Töchter, 1964.

Grünewald, Guido (Hg.): Nieder die Waffen! Hundert Jahre Deutsche Friedens­gesellschaft (1892-1992). Bremen 1992. Zit.: Grünewald, Friedensgesellschaft, 1992.

Hervé, Florence (Hg.): Geschichte der deutschen Frauenbewegung. 7., verbesserte und überarbeitete Auflage, Köln 2001. Zit.: Hervé, Geschichte, 2001.

Maltry, Karola: Die neue Frauenfriedensbewegung. Entstehung, Bedeutung, Ent­wick­lung. Frankfurt am Main/New York 1993. Zit.: Maltry, Frauenfriedensbewegung, 1993.

Nave-Herz, Rosemarie: Die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. In: Rosemarie Nave-Herz: Die Geschichte der Frauenbewegung in Deutschland. Opladen 1994, S. 58-60. Zit. Nave-Herz, Zeit, 1994.

Niedhart, Gottfried/Riesenberger, Dietetr (Hg.): Lernen aus dem Krieg? Deu­tsche Nachkriegszeiten 1918 und 1945. München 1992. Zit.: Nied­hart/Riesenberger, Nachkriegs­zeiten, 1992.

Schenk, Herrad: Frauen kommen ohne Waffen. Feminismus und Pazifismus. Mün­chen 1983. Zit.: Schenk, Waffen, 1983.

Scholl, Hans/Scholl, Sophie: Briefe und Aufzeichnungen. Frankfurt am Main 1998. Zit.: Scholl/Scholl, Briefe, 1998.

 



[1] Das Zitat stammt aus der Gedenkrede von Vilma Mönkenberg-Kollmar, die sie am Totensonntag 1958 hielt, und in der sie ihres im Zweiten Weltkrieg gefallenen Sohnes ge­dacht hat. Das Zitat wird angegeben nach: Fassbinder, Töchter, 1964, S. 40.

[2] Damit werden u.a. die Aufseherinnen in KZs gemeint.

[3] Über die soziale, berufliche und materielle Situation von deutschen Frauen in der Nach­kriegs­zeit siehe bei: Chronik, 1992, S. 513-545; Hervé, Geschichte, 2001, S. 127-154; Nave-Herz, Zeit, 1994, S. 58-60.

[4] Ich konzentriere mich jedoch nur auf Bestrebungen von westdeutschen Frauen.

[5] Über die materiellen Rahmenbedingungen vgl.: Grünewald, Friedensgesellschaft, 1992, S. 139.

[6] Ich möchte mich in dieser Hinsicht nur auf die Tendenzen innerhalb der Organisationen, die sich dem Frieden widmeten, begrenzen.

[7] Marie-Luise Kaschnitz schrieb ihr ergreifendes Poem Ich lebte für das Monatsblatt Frau und Frieden. (Vgl. Fassbinder, Töchter, 1964, S. 50)

[8] Vgl. hierzu Brändle-Zeile, Frauen, 1983.

[9] Über die Frauenfriedenskongresse vor 1933 siehe bei Sabine Hering/Cornelia Wenzel: Frauen riefen, aber man hörte sie nicht. Die Rolle der deutschen Frau in der inter­na­tio­nalen Frauenfriedensbewegung zwischen 1892-1933. Kassel 1986, S. 21-56.

[10] Die Friedenskongresse fanden in den 50er und 60er Jahren u.a. in Stockholm, Helsinki, Wien, Moskau statt. (Vgl. Fassbinder, Töchter, 1964, S. 45)

[11] Deutsche Frauen nahmen zudem an Abrüstungskonferenzen und einer allgemeinen Au­di­enz bei Papst Johannes XXIII. teil, wo sie ihre Postulate vorgestellt hatten. (Vgl. Fass­bin­der, Töchter, 1964, S. 45-46)

[12] Die Abkürzung nach der französischen Bezeichnung Mouvement Mondial des Mères.

[13] Vgl. hierzu Hervé, Geschichte, 2001, S. 133-136 und 139-154; Fassbinder, Töchter, 1964, S. 39-53.

[14] Es handelt sich um die Flugschrift In eigener Sache von Edith Hoereth-Menge, Erwin Eckert, Walter Diehl, Gustav Thiefes, Johannes Oberhof, Gerhard Wohlrath, Erich Kom­palla. Das Fragment wird zitiert nach: Brändle-Zeile, Frauen, 1983, S. 59-60.

[15] Mit diesem Grundsatz beenden die Pazifistinnen Heymann und Augspurg ihr Buch Er­lebtes - Erschautes. Deutsche Frauen kämpfen für Freiheit, Recht und Frieden 1850-1940. Zit. nach der Ausgabe aus dem Jahre 1992, S. 327. Beide Frauen gelten als die be­deutendsten Vertreterinnen eines weiblichen Pazifismus, der jeder Frau eine, aufgrund der lebensschaffenden Bestimmung der Frau, natürliche Abneigung gegen den Krieg zuschrieb.

 
 
CopyrightIFG
Aktualisierung dieser Seite: