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Orbis Linguarum Vol. 23/2002
Monika Mańczyk-Krygiel
Wrocław
"Aber die Seele des Kindes! Welchem
Volk gehörte die?"
Einige
Bemerkungen zum Thema "gender und nationale
Identität" in Marie Eugenie
delle Grazies Roman Donaukind
Der Roman Donaukind von Marie Eugenie delle
Grazie (1864-1931) ist ein
Jugend- und Adoleszenzroman, er schildert drei entscheidende
Jahre aus dem Leben von Nelly Gritti - die Maske der
Autorin selbst -, von ihrem 7. bis
zum 10. Lebensjahr. Es sind
die letzten glücklichen Jahre, die Nelly in ihrer
ursprünglichen Heimat - dem Banat, verbringt, denn
nach dem Tod des Vaters wird die Familie nach Wien
übersiedeln und so die vertraute Umgebung verlassen.
Die Anlage des Buches stimmt weitgehend mit anderen
österreichischen Jugend- und Adoleszenzromanen überein,
auch dieser Roman steht nämlich unter dem Vorzeichen
einer sich ankündigenden Reichsauflösung. Wenn auch die Handlung in den Anfang der 70er Jahre des 19. Jahrhunderts verlegt wird, also in
eine noch scheinbar sichere Zeit, so sind zwei andere
Aspekte bedeutsam: zum einen das Erscheinungsjahr
1918, in dem der Zerfall der Habsburger Monarchie
Wirklichkeit wurde, zum anderen der Handlungsort
- eine Grenzregion, in der mehrere Nationalitäten
miteinander leben und wo nationale Probleme und eine
damit verbundene Unsicherheit schon immer zum Alltag
gehört haben. Des weiteren weist das Buch noch ein
anderes für österreichische Jugend- und Adoleszenzromane
typisches Merkmal auf: "in den Protagonisten [widerspiegelt
sich] in der Unsicherheit des dargestellten Lebensabschnittes
auch eine sehr tiefe Unsicherheit der nationalen Zugehörigkeit". Dies wird auf mehreren Ebenen sichtbar:
in der Protagonistin Nelly selbst, aber auch in der
Perspektive der Autorin - eine reife Frau blickt in
die eigene Vergangenheit zurück und sucht dort nach
der verlorenen Sicherheit und nach dem Ursprung der
eigenen nationalen Identität.
Den Schauplatz der Handlung bildet,
wie bereits erwähnt, das Banat - eine im Südwesten
des heutigen Rumäniens liegende Region. Die abwechslungsreiche Geschichte
bescherte dem Land im Laufe der Jahrhunderte unterschiedliche
Herren - Römer, Ungarn, Türken, Serben, bis schließlich
zu Zeiten der Habsburger Monarchie österreichische
und deutsche Kolonisten
in das damalige Kronland kamen. Auf diese
Art und Weise wurde das Banat zu einer wahrhaft
multikulturellen Landschaft. Im Roman finden mehrere Diskussionen
über die Region sowie ihre Rolle und Bedeutung für
die Habsburger Monarchie statt. Es
geht hier vor allem um die Frage, ob die Region deutsch
bleibt oder slawisch wird, die letzte Bedrohung wird
durch Einflüsse Rußlands versinnbildlicht. Einer der Helden, Herr Gritti, ein assimilierter und fortschrittlicher
Italiener, anerkennt die Bedeutung der Donau sowohl
für das Österreich als auch für das Deutsche Reich:
"Und wenn der Germane einmal wieder die Weltherrschaft
antritt, was meine feste Überzeugung ist - wird sein
Schwert und sein Handel diese Straße nehmen
müssen". Dies widerspiegelt deutlich die
damaligen politischen Überlegungen, die Österreich
eine besondere Rolle für die Zukunft der an
der Donau liegenden Länder attestierten.
Die
äußere Welt der multinationalen Region findet ihre
Entsprechung in der privaten Welt der Familie Gritti:
der Vater ist Italiener, die Mutter und ihre ganze
Familie sind Deutsche, die ihre Wurzeln nicht nur
in der Region selbst, sondern sogar im hohen Norden
Deutschlands haben. Die
aus dieser Verbindung hervorgegangenen Kinder, vor
allem die älteste Tochter Nelly, vereinigen zwar in
ihrem Äußeren die Merkmale beider Nationen, es ist aber nicht sicher, welche nationale Identität sie entwickeln:
"Aber weil die deutsche Mutter des Kindes in diesen
zwei Goldlöckchen wie in einem lebendigen Merkzeichen
ihres Volkes Art verewigt hatte. Während
Augen und Antlitz den lateinischen Ursprung des Vaters
bekannten. Aber die Seele
des Kindes! Welchem Volk gehörte die?"
Beide Elternteile repräsentieren unterschiedliche
Eigenschaften und Lebensauffassungen: die Mutter
ist ruhig, besonnen und konventionell, der Vater phantasievoll,
weltoffen und wissenschaftlich interessiert. Und
vor allem der Vater macht sich Gedanken darüber, für
welches Volk sich seine Kinder entscheiden werden,
er beobachtet sie aufmerksam, denn er sieht ihren
inneren Kampf voraus: "Was ihm die Landschaft mit
ihren heroischen Erinnerungen ringsum soeben ganz
vage zu Bewußtsein gebracht: zweier Völker Kampf an
fernen Gestaden - hier sah es ihn an aus den Augen
des eigenen Kindes! Und niemand konnte ihm sagen, wie dieser
Kampf enden würde ..." Der Vater, von seiner Umgebung übrigens
recht oft "fremd" bezeichnet,
will keinen Zwang ausüben, die Kinder sollen frei
wählen, auch wenn er ahnen und befürchten muß, daß
sie sich nicht für sein Volk entscheiden: "Ich habe
ein deutsches Weib genommen [...] Und habe Kinder,
die nicht mehr meiner Väter Sprache reden werden.
So gewaltig die Größe ihres Stammlandes gerade an
diesen Ufern auch zu ihnen spricht ..."
Nellys
nationale Empfindung wird durch die Landschaft, in
der sie aufwächst, bestimmt, vor allem durch die Donau
- den Fluß, der sie durchquert. Wie fasziniert schleicht
sie sich immer wieder zum Fluß hinaus, beobachtet
ihn und eines Tages fällt sie so ihre Entscheidung:
Sie wußte
es nicht, hätte es auch mit keinem Worte sagen können.
Gebunden und dämmernd, wie es noch in dem kleinen
Herzen lag. Aber ein unsägliches Gefühl weitete ihre
Seele, nahm sie gleichsam hin. Daß sie mit einem Male
empfand: Die Erde, die ich hier trete - das Gras und
die Blumen, durch die ich gelaufen bin - die Wellen,
über die meine Hand hier hinstreicht - die Berge,
die mein Blick grüßt - sie wissen so gut von mir wie ich von ihnen! Und darum
ist hier, hier allein meine Heimat!
Wie ein befreites
Aufatmen war es - ein erstes Sich-selber-finden und
Sich-selbst-begrüßen in einer Welt, die dem Empfinden
des Kindes bisher nur immer Schranken entgegengesetzt
oder in der Form der Ehrfurcht irgendeine Entsagung
von dem kleinen Willen gefordert ... Ein rücksichtsvolles
Verstummen der Seele gerade dort, wo sie heimlich
am lautesten war.
Nelly
wußte: Dies Land ist nicht meines Vaters Heimat. Und
wenn er vom Land seiner Väter spricht, leuchten
noch heute seine Augen. In seine Stimme aber kommt
immer ein leises Beben - ein Beben, das Stolz und
Wehmut zugleich ist.
Italien! Das
ferne, schöne Land der Kunst und der Sonne und der
Erinnerungen einer Weltzeit, groß wie vielleicht keine
zweite seither. Immer wieder begann er ihr davon zu
erzählen. Bis sie fühlte, merkte, daß es mehr als
ein bloßes Erinnern war. Ein Belasten ihres eigenen
Empfindens ... ein verstohlenes Fragen in die Tiefen
ihrer eigenen kleinen Seele hinein: Wo bist du daheim?
Im Stammland oder im Mutterland?
Und sie hatte sich nie hervorgewagt mit
ihrer Liebe, nie ... bloß um dem Vater nicht wehzutun,
wie sie meinte.
Denn
ihre Liebe war hier - hier allein! Sie wurzelte
in der Sprache, in den Bergen, die sie so liebte -
zog sie immer wieder zu dem herrlichen Strom hinab,
dessen Wellen ihr all die heimlichen Lieder sangen,
die ihre Seele so froh und frei machten - die Donau!
Alle Personen im Roman scheinen der Überzeugung
zu sein, daß der mütterliche Anteil bei der Findung
der nationalen Identität von entscheidender Bedeutung
ist: "Er selbst hatte ja schon oft auf die Notwendigkeit
dessen hingewiesen, was sie heute zum erstenmal als
ein innerstes Gesetz ihres Wesens erkannt. ´Meiner
Kinder Heimat ist hier ... Sie haben eine deutsche
Mutter!´"
Parallel zu der nationalen Selbstfindung verläuft die Suche nach dem eigenen
Platz und nach der späteren Rolle im Leben. Nelly,
die bisher an eine große Liebe zwischen den Eltern
geglaubt hat, muß eines Tages erkennen, daß es für
die Mutter nur eine reine Versorgungsehe gewesen war.
Sie belauscht heimlich die Erzählung, wie die mit
ihr schwangere Mutter vor Verzweiflung dem Selbstmord
nahe war und nur ein seltsamer Traum sie davon abgehalten
hat. Sie träumte von einem Freitod durch Sturz in
die Donau und einer Begegnung mit der Donaunixe, die
ihr ein kleines Mädchen anvertraut und sie dann zurückgeschickt
hat, mit der Warnung, sie werde sich das Kind zurückholen. Dies
wird zu einem einschneidenden Erlebnis für Nelly:
einerseits fühlt sie sich noch enger an die Heimat und vor allem an die Donau gebunden, andererseits
erwachen in ihr eine große Einsamkeit und das Gefühl
der Fremdheit. Der Fluß wird
für sie zunehmend zu einem Ersatz für die Eltern,
zumal er im Text mal "der Strom" mal "die Donau" genannt
wird, also sowohl für das Männliche als auch für das
Weibliche steht - für Vater und Mutter:
Wie
oft hat sie den herrlichen Strom schon so nahe gesehen.
Wie inbrünstig ihn immer bewundert! Seit sie
aber um das Geheimnis der Mutter weiß, erscheint er
ihr so wunderbar und heilig zugleich wie nichts mehr
auf dieser Welt. Denn nun weiß sie ja, daß sie ihm
das Leben verdankt, oder glaubt es wenigstens zu wissen.
Ihm und den geheimnisvollen Mächten, die aus seiner
Tiefe nach ihr gegriffen und ihr Schicksal bestimmt,
ehe denn sie ward. So wird auch er wohl ihre wirkliche
Heimat sein. Ob ihr Vater auch einem anderen Volk
entstammt. Er und die lachenden Ufer, an denen der
herrliche Strom seine grünen Wogen vorüberträgt, die
er sagenflüsternd umspült, Völker einend und Völker
scheidend, wie Gott es will.
Die in beiden letzten Zitaten präsente Auffassung
von der tiefen Verwurzelung des Menschen in der heimatlichen
Landschaft korrespondiert mit dem romantischen Mythos
von der geographisch-mystischen Verbundenheit des
Menschen mit dem Ort seiner Herkunft. Die besondere Beziehung zur Donau
- dem Fluß, der ja nicht nur die Heimat durchfließt,
sondern auch in andere Länder weiter führt - verleiht
dem Ganzen eine neue, eine zusätzliche Bedeutung:
Auch wenn Nelly eines Tages ihre Heimat verläßt, dem
Lauf des Flusses aber folgt, wird sie überall heimisch
sein, sei es in der Erinnerung an die Vergangenheit,
sei es in der Hoffnung, das Neue und Fremde vertraut
zu machen.
Einsamkeit
und Fremdheit rücken Nelly wiederum in die Nähe des
Vaters. Auch sie wird nun eine Fremde, eine "Zigeunerin"
in der bisher so vertrauten Umgebung und wird zu einer
Reise gezwungen, zu einer Suche nach einer neuen Identität
als Frau. Wie andere "Zigeunerinnen" muß sie sich
einen neuen Platz erkämpfen und ihre eigene Weiblichkeit
aufbauen. Die
Fremdheit verdoppelt sich somit: Zu der anfänglichen
nationalen Fremdheit und Unsicherheit kommt noch eine
tiefe Skepsis gegen die traditionelle Frauenrolle
und vor allem deren Erfüllung in Liebe, Ehe und Familie
hinzu. Nelly wird in ihrem weiteren Leben nicht das konventionelle Leben der Mutter nachahmen, sondern das Erbe des
Vaters pflegen und entwickeln: Phantasie sowie
Interesse an der Natur und Wissenschaft, als ihre
spätere Berufung wird das Dichterdasein vorausgesagt:
"Woher das plötzlich alles über sie kommt - sie gleichsam
überströmt: dieser Trotz dem Leben entgegen; das Vertrauen
in die eigene Kraft; die geheimnisvoll-selige Gebundenheit an den uralten,
heiligen Strom, der wie ein Bild des Daseins
selbst unter ihr hinflutet."
An Nellys Gestalt wird die Möglichkeit gezeigt,
alternative Lebens- und Wertmodelle aufzubauen. Bezeichnend
ist dabei, daß diese Fähigkeit einem Mädchen verliehen
wird - Nelly hat auch einen Bruder, der aber weder
eine nationale noch rollengebundene Unsicherheit empfindet
und daher, in der Konvention gefangen, auch den Zerfall
der Monarchie wenn nicht mitverursachen, so doch wenigstens
schweigend begleiten wird.
Eine
besondere Bedeutung kommt in diesem Zusammenhang dem
Titel des Romans zu - "Donaukind"
schließt nämlich zwei Aspekte in sich ein:
zum einen den nationalen durch die Berufung auf den
Fluß, zum anderen den geschlechtsrollenspezifischen
durch den Verzicht auf den Artikel. So scheint das
"Kind", auch wenn wir im Text selbst sofort erfahren,
daß es sich um ein Mädchen handelt, noch unfertig,
mit der Fähigkeit ausgestattet, seine Rolle, seine
Geschlechtsidentität zu bestimmen, neu aufzubauen
oder zu verändern. Die Wichtigkeit des Titels wird
durch die Tatsache hervorgehoben, daß das letzte Kapitel,
in dem Nelly die Entscheidung über ihre Zukunft und
ihren Beruf trifft, dieselbe Überschrift trägt.
Delle
Grazies Roman wird von Claudio Magris in seinem berühmten
Buch über die Donau erwähnt - er sieht in Nellys Einsamkeit
ein Symptom der stolzen, jedoch kein Glück bringenden
weiblichen Emanzipation. Diese Interpretation scheint mir
ein wenig einseitig zu sein. Da das Buch mit Nellys zehntem Lebensjahr
endet, und ihre spätere Emanzipation bestenfalls nur
angedeutet oder vorhergesagt bleibt, interpretiert
Magris zu viel in den Text hinein und greift zu weit
in die Zukunft vor. Ferner scheint für ihn die Emanzipation
etwas Negatives zu bedeuten und diese dem Leser suggerierte
Überzeugung überdeckt die Aussage des Textes von delle
Grazie: auch wenn Nellys Entscheidung für ihr Alter
neu und ungewöhnlich ist, muß sie nicht negativ sein
- es ist ihre Wahl, deren Konsequenzen sie auch akzeptiert.
Übrigens wurde in der polnischen Übersetzung ironischerweise der Titel
des Romans als Córka Dunaju (Die Tochter der
Donau) wiedergegeben, was, wie schon oben ausgeführt,
die Aussage des Textes beeinträchtigt und die Protagonistin
eindeutig auf eine Rolle festlegt und sie jeder Möglichkeit
einer Wahl beraubt.