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Orbis Linguarum Vol. 23/2002

Eugeniusz Klin

Zielona Góra

Preußische Endzeitstimmung im Roman Anna Wentscher von Jan Christ*

Die letzten Jahre brachten eine ganze Reihe von Werken zur deutsch-polnischen Geschichtsbewältigung. Eines von diesen, das von der polnischen Wissenschaft keinesfalls übersehen werden sollte, dürfte der Roman "Anna Wentscher" sein. Un­ter diesem scheinbar nichtssagenden Titel verbirgt sich ein Werk von prinzi­pieller Bedeutung für die literarische Deutung der preußisch-polnischen Beziehungen, ins­besondere im ehemaligen ostpreußischen und sog. westpreußischen Raum.

Von der Anlage vermutet man dieses Werk zunächst als sog. Familiensaga, in der Tradition etwa von John Galsworthys "Forsyte Saga" oder Thomas Manns "Buddenbrooks". Die Handlung des Romans nämlich beginnt mit der Geburt der Titelheldin Anna im Jahre 1869 und endet mit ihrem Tod im Vorfeld der sog. Macht­ergreifung durch Hitler. Gut sechzig Jahre also werden in diese Familiengeschichte eingebracht, aber wesentlicher erscheint dabei immer noch der historische Hinter­grund der literarischen Ereignisse, der seinen allmächtigen Schatten auf diese wirft. Deshalb wäre es sinnvoller, von einem zeithistorischen Roman zu sprechen, weil er in erster Linie die Gründe aufdeckt, die im mentalen und gesellschaftlichen Bereich zum Untergang der preußischen Herrscherschicht im erwähnten Raum geführt ha­ben. Einer dieser Gründe wäre auf sozialer und nationaler Ebene zu suchen.Die Handlung spielt sich nämlich weitgehend im Milieu der preußischen Großgrund­be­sitzer ab, anfänglich im ostpreußsischen Semionken und Salusken, später im west­preußischen Saengerau bei Thorn (heute Piwnice), zuletzt im brandenburgischen Schattin. Recht konsequent sind unter den Landarbeitern und anderen Bediensteten mehrheitlich Polen zu finden, deren Los in der Regel nicht gerade beneidenswert war. Der Schriftsteller schildert das wirtschaftliche und soziale Umfeld ohne jegli­che Verschönerung oder Verharmlosung bestehender Konflikte und Widersprüche. Entscheidend für die Herrscherklasse aber soll das sich besonders unter den Frau­en­gestalten immer stärker verbreitende Gefühl der Endzeitstimmung gewesen sein. Es gehört zu den unumstrittenen Vorzügen des Romans, intellektuell anspruchs­vol­le Frauenfiguren des preußischen Adels geschaffen zu haben, deren Format dem Leser geistige Denkarbeit in großer Fülle aufträgt.

So zum Beispiel die Gräfin von der Goltz, die übrigens auf ein authentisches Vorbild zurückgeht. Die Untergangsstimmung ihrer Klasse hat sie zur Zynikerin ge­macht, die sich in scharfen Angriffen auf die sog.preußische Mentalität der Män­ner Luft macht. Berüchtigt als "Hexengeneralin"greift sie deren Hauptstütze, nämlich das Militär, an: "eine Organisation männlicher Hoheit, gepaart mit Stumpfsinn" (S. 176), damit aber auch die Einplanung des Kriegsausbruchs: "Der Krieg ist Euer Instrument, den Rest der Gesellschaft zu tyrannisieren" (S. 176). Für die scharfzün­gige Gräfin führt die sog. Kriegslogik früher oder später zum Todeswahn (S. 187).

Nicht minder kritisch und kämpferisch äußert sich die Seniora der Familie Went­scher auf Saengerau. Die geistvolle Skeptikerin übt mehrfach Kritik am Kaiser Wil­helm II., den sie für ein schlechtes Vorbild für die deutsche Jugend hält. Auf fahrlässige Weise bringe er immer wieder Beweise dafür, "sich über die Wirklich­keit in Europa zu täuschen" (S. 420) und der Höhe seiner Vorgänger nicht gewach­sen zu sein. Ihre Ansichten bringen auch ihren Sohn, immerhin einen pensionierten General, zu dem Bekenntnis: "Wir Preußen benötigen ja weit mehr Anstrengung bei der Verhinderung des Krieges als zu seiner Auslösung" (S.420). Aber das wa­ren ja nur Ansichten von Außenseitern, die keinen direkten Einfluß auf die politi­sche Richtung der wilhelminischen Regierungszeit aufweisen konnten. Auch die ätzende Kritik am deutschen Kaiser, den die Seniora im privaten Gespräch vor­nimmt, zählte damals nicht: "Einem Souverän unterworfen zu sein, das ist es ja nicht, aber diesem Souverän, den ich den Verschnitt der Geschichte nenne, eine katastrophale Mißgeburt. Der Anschein zieht die Katastrophe nach sich" (S. 470).

Die Verhinderung eben dieser spürbaren heranziehenden Katastrophe versucht die Hauptgestalt, Anna Wentscher, auf spektakuläre Weise vorzunehmen, indem sie bei allen möglichen öffentlichen Anlässen gegen jede Form von Militarismus und Überheblichkeit protestiert. Für den Schriftsteller bildet diese Figur gewisser­maßen die Wortsprecherin seiner heutigen Ansichten, was aber mitunter dadurch beeinträchtigt wird, dass der Autor in Anna den Lebensweg seiner eigenen Groß­mutter nachzeichnen wollte. Indem sie überall an den Schranken der gesellschaft­lichen Mentalität anstößt, wird sie schnell als verrückte Geisterseherin oder als Witzfigur gedeutet. Dadurch erschwert sie sich die Realisierung ihrer gesellschaft­lichen Ziele und erscheint dem Leser manchmal als wenig konsequent oder zu we­nig pragmatisch. Einerseits nämlich hegt sie von kleinauf Sympathie für die poli­tisch unterdrückten Polen, andererseits aber heiratet sie eben einen jener preußi­schen Offiziere, von dem sie ja nicht die geringste Unterstützung ihrer Meinungen erwarten kann. Von einer polnischen Amme aufgezogen, hält sie die Polen für eine "ehrenhafte Nation", so wie ihre Freundin, Gräfin von der Goltz, aber für diese kann sie kaum etwas tun. Konsequent erweist sie sich lediglich in der Ablehnung jeglicher Art von Kriegsvorbereitung sowie der Ausbeutung der Kolonien und der polnischen Provinzen. Aber auch hierin muß sie eine besonders empfindliche Nie­derlage hinnehmen: gegen ihren Willen wird ihr einziger überlebender Sohn Robert auf eine Kadettenschule geschickt und zu einem Werkzeug des deutschen Heeres getrimmt. Wie stark der preußische Drill in solchen Anstalten ausgesehen haben mag, geht aus der Schilderung Roberts hervor, indem er munter erzählte, "wie man die Spinds einräume, nachdem der Spieß alles gewaltsam heraus- oder durcheinan­der gerissen habe: Oberstes Fach Nippes, zweites Waffenröcke, wobei das Futter nach außen gehört, Ärmel nach innen, drittes Drillichzeug, Wäsche, viertes Putzzeug, Kammzeug, Putz links, Kamm rechts..." (S. 458). Die Beschränktheit dieser pedan­ti­schen Ordnung beruhte darauf, dass den Eleven die weiterreichende Perspektive des Nachdenkens über den Sinn ihres Tuns recht gründlich ausgetrieben wurde. Annas sarkastische Bemerkung dazu: "der Soldatentod ist bereits erkennbar an der peniblen Ordnung eines Spinds", findet dann Jahre später tatsächliche Bestätigung durch den frühen Tod ihres Sohnes an der deutsch-französischen Westfront. Nach dem verlorenen ersten Weltkrieg durch das deutsche Kaiserreich führt Anna ihren aussichtslosen Kampf gegen die Reichswehr und dann gegen die erstarkende na­tionalsozialistische Bewegung konsequent fort und wird kurz vor der sog. Macht­übernahme durch Hitler, letzten Endes wie ein gejagtes Stück Wild, von einem braunen Fanatiker erschossen.

Der besondere Wert dieser von Historikern ja recht häufig beschriebenen Ab­läufe der deutschen Geschichte beruht eben auf einer reichen intellektuellen Dis­kussion um Sinn und Unsinn dieser Vorgänge. Diese bereichert den Leser um zahl­reiche Einsichten und Erkenntnisse in Bezug auf die damalige Mentalität der ge­schilderten Menschen. Freilich setzt der Schriftsteller seine eigenen Meinungen und Akzente, mit Hilfe seiner Wortträger, deutlich, mitunter sogar überdeutlich genug. Dadurch kann sich der Leser manchmal nicht des Eindrucks erwehren, dass der Verfasser des Romans sich bewusst auch anachronistischer Ansichten bedient, die in der geschilderten Zeit in dieser Form noch kaum hätten gedacht oder gar gesagt werden können. Jan Christ stellt diese Akzente in den Dienst der beabsich­tigten Korrektur der historischen Mentalität in der preußischen Gesellschaft, was zwar löblich, aber manchmal auch verwunderlich erscheinen mag. Beispielsweise sind einige seiner literarischen Frauenfiguren imstande, hellseherisch die Zukunft Deutschlands vorauszusagen. So prophezeit die Gräfin von der Goltz noch vor der Jahrhundertwende: "Ein Krieg droht uns, ein viel schlimmerer als von 1812, ein Krieg der Welten, ein Weltkrieg" (S. 204). An einer anderen Stelle warnt sie vor den Folgen des vorausgesagten Krieges: "Unsere Nachbarvölker warten nur auf irgendeinen Schwächebeweis unsererseits, um uns eines Tages über den Haufen zu kehren! Diese hungernden Massen, die uns zerdrücken werden..." (S. 204). Vor­weggenommen scheint auch die wiederholte Formel seiner Heldinnen, lange Zeit vor dem Ausspruch von Kurt Tucholsky, wonach alle Soldaten Mörder seien, ohne freilich zwischen den Werkzeugen von Angriffskriegen und den Verteidigern eines überfallenen Vaterlandes Unterschiede zu machen.

Selbstverständlich wendet Jan Christ diese scheinbaren Zeitwidrigkeiten ganz bewusst an mit der Absicht, die entsprechenden Lehren aus der fehlerhaften deut­schen Geschichte seinerseits deutlich zu machen. Das betrifft auch das unselige Thema des Antisemitismus. Der Schriftsteller zeichnet vielfach positive Gestalten von Juden, u. a. den ehemaligen Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde zu Thorn, Simon Wiener (übrigens eine historische Gestalt), seinen intelligenten Sohn Aaron Wiener, den großen Freund Annas, den Schauspieler Czubak, der unter dem Deck­mantel eines Clowns scharfe Angriffe auf die damaligen Verhältnisse vornimmt und den Judenhass zu ertragen gelernt hat.Allerdings verwundert die eindeutig ne­ga­tive Einschätzung des später ermordeten deutschen Außenministers Walther Ra­the­nau. Sein Einsatz für die Weimarer Republik kann aus heutiger Sicht zwar als "grandiose Selbsttäuschung" gewertet werden, aber vom Standpunkt eines assimi­lierten Juden gleichwohl als Zeugnis seines patriotischen Eintretens für sein am Boden liegendes Gastland, in welchem gerade damals Sozis und Juden als vater­landslose Gesellen beschimpft wurden. Freilich konnte auch dieser Opfertod die hereinbrechende Katastrophe des Nationalsozialismus nicht aufhalten.

Neben einer Fülle von historischen Einsichten enthält der Roman "Anna Went­scher" auch eine Reihe von Schilderungen, die bedeutsam für die Region in und um Toruń bzw. Thorn erscheinen. Da der Schriftsteller mehrere Jahre seiner Kind­heit und dann später noch besuchsweise viel Zeit in dieser Stadt verbracht hat, fiel es ihm leicht, denkwürdige Ereignisse, Personen und Gebäude in die Geschehnisse einzubauen. Das erhöht den kulturhistorischen und regionalen Wert dieses Buches. Dafür findet der Leser hier kaum längere Beschreibungen der Natur, mit Ausnahme des schicksalhaft anmutenden Weichselstomes, der viele Einzelszenen miteinander verbindet. Vorwiegend nämlich bietet der Schriftsteller anschauliche und drama­tisch zugespitzte Szenen, durchflochten mit gehaltvollen Gesprächen. Beide könn­ten bei entsprechender Kürzung, wie es scheint, den Stoff für ein interessantes deutsch-polnisches Filmszenarium abgeben. Wenn wir eine wirkliche Annäherung deutsch-polnischer Mentalität anstreben, sollten wir dieses Buch nutzen, die Ab­rech­nung eines deutschen Intellektuellen mit der preußisch-polnischen Geschichte auch in Polen zu verbreiten.Eine polnische Übersetzung des Romans dürfte sich als schwierig erweisen, denn die Sprache des Schriftstellers ist originell und schöpfe­risch und banale, einfache Sätze finden sich im ganzen Buch nicht.Leichter als eine Übertragung des Werkes ins Polnische dürfte z. B. eine Fernsehserie auf der Grund­lage eines nach ihm angefertigten Drehbuches sein. Mit dieser Empfehlung, die die Korrektur einiger Angaben über Polen nicht ausschließt, hoffe ich entsprechende Kreise polnischer Filmleute anzusprechen und anzuregen. Damit greife ich auch ein Postulat des polnischen Rezensenten Tadeusz Zakrzewski auf (Toruń w nie­miec­kiej powieści Jana Christa "Anna Wentscher", in: Przegląd Artystyczno-Lite­racki PAL, Toruń 1998, 1-2, S. 161-165).

 



* Klett-Cotta, Stuttgart 1995, 612 S.

 
 
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