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Orbis Linguarum Vol. 23/2002
Maria
Kłańska
Kraków
Thaddäus
Rittner als Romancier
Wenn der polnisch-österreichische Dichter der Moderne Tadeusz/Thaddäus Rittner
heute noch genannt wird, was eigentlich nur noch in
Polen zuweilen passiert, so ist damit ausschließlich
seine Tätigkeit als Dramatiker gemeint. Rittner schätzte
auch selbst die
dramatische Gattung wegen ihrer Bühnenwirksamkeit
am höchsten. Gleichzeitig war er aber auch ein produktiver und begabter Novellist
und Romancier. Vielleicht sollte man von dieser
Seite, wie eben bei Schnitzler, versuchen, sein ¦uvre
den heutigen Lesern nahe zu bringen. Wir wollen in
dem vorliegenden Beitrag unsere Aufmerksamkeit den vier von Rittner verfaßten Romanen schenken, von denen
die zwei ersten mehr
oder weniger autobiographisch geprägt sind, während
die zwei letzteren halb realistisch, halb märchenhaft
das Zeitgeschehen nach der Revolution von 1917 thematisieren.
Einige wichtige Themen dieser Romane sind auch das
Theater, die Vergänglichkeit des menschlichen Lebens,
die Rolle der Kunst und der Erste Weltkrieg. Mein
Anliegen ist, sie dem Leser möglichst facettenreich
vorzustellen und gleichzeitig zu ihrer Lektüre anzuregen.
Alle Romane Rittners wurden in zwei sprachlichen
Fassungen, Deutsch und Polnisch, geschrieben, allerdings
wurde die Übersetzung von "Die Brücke" ins Polnische
ganz und von "Das Zimmer des Wartens" teilweise von
der Frau des Dichters, Zofia Rittner, angefertigt.
Bereits seit dem Jahre 1906 arbeitete Rittner an
seinem besten Roman und wahrscheinlich seinem
besten Text überhaupt, an der Geschichte seiner Kindheit
und Jugend, die sich zur Geschichte seines ganzen
Lebens entwickelte. Die polnische Urfassung hieß "W
obcym mieście", die deutsche Fassung trug den
Titel "In einer fremden Stadt", war also eine völlige
Entsprechung. Diese polnische Fassung veröffentlichte
er, allerdings unter Auslassung des 5. und des 10.-25.
Kapitels in dem Krakauer Blatt "Czas". 1917 raffte
er sich zu einer deutschen Endfassung dieses Romans
auf, die im Deutschen den Titel "Das Zimmer des Wartens"
trägt. 1918 kam dieser Roman in Berlin heraus. Die
polnische Fassung "Drzwi zamknięte" wurde von
ihm 1920 vollendet und erschien postum 1922 in Warschau.
Nach seiner tödlichen Erkrankung schreibt Rittner
1920 den Roman "Die Brücke", der teilweise
auf seinen Krankheitserlebnissen basiert. Das Werk
wird 1921 in Berlin veröffentlicht. Die polnische
Fassung "Most" sollte erst 1926 erscheinen. Das letzte Lebensjahr Rittners
kennzeichnet ein fieberhaftes Schaffen an mehreren
Romanen, vielleicht in der Ahnung, daß ihm nicht
viel Zeit geblieben ist. Er schreibt 1920 "Duchy w
mieście" - "Geister in der Stadt" zuerst auf
Polnisch und dann auf Deutsch, und "Die andere Welt"
zuerst auf Deutsch und im Jahre 1921 unter dem Titel
"Między nocą a brzaskiem" auf Polnisch. Diese Texte zeugen von Rittners
Interesse an und der Angst vor dem Phänomen der sozialen
Revolution, wie er sie bei dem Zusammenbruch der Habsburgermonarchie
an der Adria und in Wien erlebte und vor welcher
er aufgrund der Nachrichten über die Einrichtung der
Sowjetherrschaft in Rußland zurückschrak. Die polnischen
Fassungen erscheinen in Fortsetzungen in polnischen
Zeitschriften, in "Tygodnik Ilustrowany" und in "Nowy
Przegląd Literatury i Sztuki". Auf Deutsch sollten
diese Romane erst postum erscheinen, ähnlich wie das
Drama "Die Feinde der Reichen", eine dramatische Umarbeitung
des Romans "Die andere Welt".
Rittners
bester Roman ist zweifellos "Das Zimmer des Wartens",
der autobiographische Züge trägt, aber doch ein Roman
ist, durch und durch komponiert und auf der Ebene
der dargestellten Welt Authentisches mit Fiktivem
vermischend. Es ist übrigens das einzige Werk Rittners,
das nach dem Zweiten Weltkrieg in deutscher Fassung
neuaufgelegt wurde, und zwar erschien es 1969 im Wiener
Bergland Verlag mit einem Nachwort von Hans Heinz
Hahnl. Das Leben des Erzählers und Protagonisten Adam
wird mit einem Rahmen umfaßt, der in den Anfangsszenen
einsetzt, wo die Kinder im "Zimmer des Wartens" am
Heiligen Abend darauf warten, daß die geschlossene
Tür zum Salon mit dem brennenden Weihnachtsbaum und
den Geschenken geöffnet wird. Obwohl diese Tür bereits
zu Anfang des zweiten Kapitels aufgeht, zieht sich
durch den ganzen Roman wie ein roter Faden die Metapher,
daß das ganze Leben ein Zimmer des Wartens sei. Erst
im letzten Kapitel, mit dem Tode des altgewordenen
Protagonisten, der nur poetisch zart angedeutet,
nicht plump geschildert wird, öffnet sich die Tür,
sodaß sie zu einer Tür zur Ewigkeit wird, von der
der Erzähler nur vage Vorstellungen hat.
Der
Standort des Erzählers profitiert im Roman vom Wechsel
zwischen der Perspektive des Helden im Moment der
Aufnahme seiner Eindrücke und dem überlegenen, reifen
Erzähler, der auf sein Leben zurückblickt und sich
folgerichtig bereits im Jenseits befinden müßte,
da das letzte Kapitel ja seinen Tod erörtert. Dieser
Erzähler hat den Überblick über sein verflossenes
Leben, aber mit seiner Einsicht und Entsagung kontrastieren
der Enthusiasmus und die Erlebnisfrische des Jungen
und dann des angehenden Theaterdichters und jungen
Ehemannes, der dem künftigen Leben erwartungsvoll
entgegenblickt. Zum Schluß sieht der reife Erzähler
sein Leben als eine Enttäuschung und eine ewige Sklaverei
der Brotarbeit, aber als einziges Gebiet, auf
dem er Erfüllung und Glück gefunden hat, betrachtet
er seine Ehe. Dieser sind zwar keine Kinder entsprungen,
aber der Erzähler lernt seine Neffen kennen, die sogar
genauso wie er und sein jüngerer Bruder, ihr Vater,
Adam und Paul heißen und ihnen im Temperament zu gleichen
scheinen. So erlebt er in ihnen die Fortsetzung der
Generationenkette.
Außer
dem Leitmotiv des Wartezimmers bzw. der geschlossenen
Tür gibt es andere, die den Roman kompositorisch
verbinden. Alle diese Motive werden bereits in den
Einleitungskapiteln festgelegt und erscheinen dann
im Laufe der Handlung des Romans. So gibt es z.B.
in den ersten zwei Kapiteln, "Die geschlossene Tür"
und "Der brennende Baum" das Motiv des Sternes auf
der Spitze des Weihnachtsbaums, von dem der jugendliche
Onkel Theodor seinen Neffen erzählt, daß mit ihm ein
Wunder passieren wird. Das Wunder bleibt aber aus,
da der Onkel, der gerade seiner geliebten Gräfin Malwine
einen Heiratsantrag machte und einen Korb bekam,
was die Kinder nicht verstehen, plötzlich vor dem
Heiligenabend abreist und dann in einer fernen Stadt
Selbstmord verübt. Als der erwachsene Adam nach Jahrzehnten
in sein Heimatstädtchen kommt, um es seiner jungen
Frau Lucie zu zeigen, womit sich in seinem Leben bereits
die fallende Linie abzeichnet, erkundigt er sich nach diesem Stern. Er erfährt, daß der Onkel beabsichtigt
hatte, den Stern verschwinden zu lassen, um
die Kinder zu verblüffen, da er aber selbst verschwand,
hatte keiner der Hausgenossen das technische Können,
es zu bewerkstelligen, und der Stern blieb unbeweglich.
Nun erlebt aber der erwachsene Adam das Wunder nach,
indem ihm anstatt des Weihnachtsbaumsterns ein wirklicher
Stern hinter einem Weidenbaum erscheint und dann
verschwindet. Darin sieht der Erzähler die Verwirklichung
des ihm in der Kindheit versprochenen Wunders. Anfang
und Ende verbinden auch die Schneeflocken, die an
jenem Weihnachtsabend vom Himmel fielen und die dem
Onkel Theodor Inspiration zu einem Kunstwerk aus Nägeln
gaben, das sich dann als der Anfangsbuchstabe des
Namens der Gräfin Malwine entpuppt. Auf dieses Andenken
an Theodor, an den sie sich nach seinem Tode wehmütig
erinnert, weist die gealterte, ehelos gebliebene Malwine
im Weihnachtszimmer den nun erwachsenen Adam hin.
Andere
Motive hängen mit den Geschenken zusammen, über die
der Onkel Theodor mit den Kindern im Zimmer des Wartens
sprach, um ihre Spannung zu steigern. So hatten wir
dort eine Arche Noah, ein Motiv, das sich dann im
vorletzten Kapitel "Die Arche Noah" verwirklicht,
als der todkranke Adam in der Begleitung seiner Frau
vom Besuch seines Bruders aus Amerika mit dem Schiff
zurückkehrt und in seinen Fieberträumen dieses Schiff
für die Arche Noah hält. Ein weiteres Geschenk, von
dem die Rede ist, ist der Hampelmann, vor dem Onkel
allerdings als vor einem langweiligen Spielzeug warnt.
Adam begegnet dann auf dem Wiener Gymnasium einem
langweiligen Musterschüler, der zum Günstling seines
Wiener Onkels, seinem Rivalen um die Hand Lucies wird
und als ein erfolgreicher Beamter den unbeholfenen
Beamten sein Leben lang gönnerhaft unterstützt, wie
er es seinem Onkel vor dessen Tode versprach. Adam
bezeichnet den ihm unsympathischen Genossen als
Hampelmann. Das Motiv der Spielzeugeisenbahn, die
die Kinder dann tatsächlich unter dem Weihnachtsbaum
finden, wird gleich im 3. Kapitel, "Die Eisenbahn",
entfaltet, als diese Eisenbahn sich in der Erinnerung
des erwachsenen und sicher
vorher in der Phantasie des kleinen Adam zu
einer wirklichen Eisenbahn
entwickelt, mit der die Jungen mit ihrer lungenkranken
Tante in die "warmen Länder", nach dem Süden
fahren. Schließlich erscheint das vor der Nazizeit
noch unbelastete Motiv der tausendjährigen Zwangsarbeit,
die die Gefangenen angeblich ausüben müssen, womit
der Onkel Theodor seine wartenden Neffen am Heiligen
Abend erschreckte. Der erwachsene Erzähler findet,
dass in seinem Leben diese Zwangarbeit das überragende
Lebensgefühl war, denn er bezeichnet sowohl das Gymnasium
als auch das Studium wie dann seine langjährige Büroarbeit
so. Alle einmal angefangenen leitmotivischen Fäden
werden in den Schlußpartien zu einem vollendeten Gewebe
verknüpft. Ich würde diese kompositorische Meisterschaft
auf Rittners dramatische Arbeit zurückführen, bei
der er sich offensichtlich die Verknüpfung des dramatischen
Konflikts und die Weiterführung der Motive bis zu
einer Lösung aneignete.
Die
äußeren Stationen des Helden sind seine Kindheit in
der kleinen Stadt, die Gymnasialjahre im Gefängnis
des mit Mauern umgebenen Schulgeländes und des Internats
"in einer fremden Stadt", d.h. in Wien. Dem Abitur
folgt ein kurzes Intervall der Freiheit während eines
an der Grenze zwischen Traum und Wirklichkeit geschilderten
Venedig-Aufenthalts. Dann kommt die langweilige Studienzeit,
die nach Ansicht des Erzählers selbst hätte interessanter
sein können, wenn sich der konziliante Adam nicht
dem Willen seines Vormunds gefügt hätte, Jus und nicht
etwa Philosophie zu studieren. Die Vermählung mit
der heiteren, künstlerisch veranlagten Lucie in der
deutschen und Wanda in der polnischen Fassung wird
als das einzig eindeutig Positive im Leben des Helden
dargestellt. Es folgen die "tausend
Jahre Zwangsarbeit", die ersten künstlerischen Versuche
des Dramatikers und Märchenschreibers, was der Erzähler
als seinen eigentlichen Beruf empfindet, das Treffen
mit ehemaligen Schulkameraden, die alle alte Leute
geworden sind, das Erkennen der ewigen Wiederkehr,
des Lebenskreislaufs in den Kindern des Bruders,
die schwere Erkrankung auf der Rückfahrt mit dem Schiff
aus Amerika, schließlich der Tod im Hause der Großeltern.
Das
einzige Motiv außer der glücklichen Ehe, das dem Helden
und Erzähler als sinnstiftend erscheint, ist seine
schriftstellerische Tätigkeit in den Mußestunden für
das Theater. Er schämt sich wegen dieser "unernsten"
Beschäftigung, die seine ganze Umgebung (mit Ausnahme
Lucies) eher als Ablenkung und Spiel betrachtet, aber
der Leser verfolgt es, daß das dichterische Schaffen
das einzige ist, das dem Erzähler Freude brachte.
Das fängt noch in seiner Schulzeit an, als er anstatt
fürs Abitur zu lernen, Gedichte oder autobiographische
Aufzeichnungen in seine blauen Hefte schreibt, die
ihm dann der fürsorgliche Hampelmann entwendet. Dann
schreibt er in der Zeit, als er als Student für seine
Staatsprüfung büffeln sollte, sein erstes Märchen
und ist glücklich und stolz darauf. Den Theaterbazillus
bekommt er schon in seiner Kindheit, als ein Wandertheater
in seinem Heimatort gastiert. Dem Examenszwang entwachsen,
spielt Adam mit seiner jungen Frau Theater, indem
er Stücke für sein privates Puppentheater schreibt
und die junge bildende Künstlerin Puppen und Dekorationen
dafür anfertigen läßt. Sie schämen sich vor ihrer
Haushälterin, wissen also, daß es nach den Ansichten
der Umgebung keine Beschäftigung für erwachsene Leute
ist. Eines dieser Stücke wird in einer literarischen
Zeitschrift Wiens veröffentlicht, und so erscheint
bei Adam ein Theaterdirektor einer Vorstadtbühne und
schlägt ihm die Aufführung dieses Stückes vor. Adam
verdient dabei sehr wenig, beschreibt als Erzähler
bitter, aber doch humorvoll seinen Mißerfolg auf
der Bühne. Er findet, daß die Schauspieler ganz anders
spielen, als er sich seine Rollen vorstellte, aber
trotzdem ist er vor der Einrichtung fasziniert, die
seine Arbeit auf Papier mit wirklichem Leben erfüllt:
Ich
freute mich aber vor allem über die Existenz von Menschen,
die augenscheinlich in zwei Welten lebten. Ich empfand
zum ersten Mal das Wunder Künstler - die einzige übernatürliche Erscheinung, die es diesseits
gibt.
Rittner berührt in diesem Roman mit der Bestimmung des Berufes seines Protagonisten
das in der Zeit der Jahrhundertwende sehr beliebte
Thema des Gegensatzes zwischen dem Bürger und dem
Künstler sowie der Lebensfremdheit des Künstlers.
Sein Held hat die Doppelnatur eines Tonio Kröger.
Nur anstatt sich wie Tonio nach dem bürgerlichen
Leben zu sehnen, übt er, als finanziell nicht unabhängiger
Mensch, den bürgerlichen Beruf eines Beamten
aus, so daß die Dichotomie in seinem Innern zwischen
seiner Brotarbeit und seiner Liebe zur Literatur und
zum Theater verläuft. Der junge Adam fühlt sich in
der Gesellschaft nicht wohl, will nicht tanzen, es
sei denn mit seiner geliebten Lucie. Sein hochgestellter
Onkel macht ihm Vorwürfe und bittet den gewandten
Hampelmann, sich seiner anzunehmen und ihn "ins Wasser
zu werfen". Am deutlichsten wird diese Fremdheit zwischen
dem Künstler und der Welt bei einem späteren Klassentreffen
bei dem Hampelmann. Als sich die ergrauten Exschüler
über die Zustände im Parlament und über den kommenden
Krieg unterhalten, hat Adam keine Meinung dazu und
antwortet verdutzt auf diesbezügliche Fragen, daß
er Märchen schreibe und keine Ahnung von den Tagesereignissen
habe. Während ihn der Hampelmann und andere als "leichtfertig
und kindisch" rügen, meint sein philosophisch veranlagter
Schulkamerad Storch, daß die überzeitlichen Stoffe
der Literatur sich so zu den politischen Tagesereignissen
verhalten wie die Ewigkeit zum Augenblick. Damit bekennt Rittner sich zu einer
nicht engagierten, zumindest nicht direkt engagierten
Kunst, wie es die Kunst um der Kunst willen in der
Zeit der Jahrhundertwende weitgehend war. Andererseits
erscheinen dem Erzähler selbst die tagesinteressierten
Kameraden, die dann mit Enkeln des Hampelmanns mit
Leidenschaft Soldaten spielen, kindisch und er gibt
zu, daß der Krieg in Japan wichtiger als seine verzauberten
Prinzessinnen ist, aber er könne darüber jetzt weder
schreiben noch sprechen, sondern vielleicht nach Jahren
aus einer zeitlichen Distanz.
Dieser
Roman, der das ganze Leben des Helden und Ich-Erzählers
beinhaltet, ist gleichzeitig auch ein Roman über den
Tod und die Vergänglichkeit. Jan Zieliński stellt
in seiner Monographie "Pępek powieści. Z problemów powieści autobiograficznej
przełomu XIX i XX wieku" (Der Nabel des Romans.
Aus den Problemen des autobiographischen
Romans an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert,
Wrocław 1983) den Tod als die Hauptkomponente
dieses Romans dar und vergleicht Rittners Werk mit
Rilkes "Aufzeichnungen des Malte Brigge", von denen
er stark beeinflußt sei. Diese Anregung ist sicherlich richtig,
obwohl sie keineswegs als eine Beanstandung der Selbständigkeit
Rittners verstanden werden darf, denn Rittner schöpft
hier vor allem aus dem eigenen Leben und hat viel
lebendigere Farben in der Palette als Rilke im besagtem
Werk. Eine Gemeinsamkeit sind bestimmt der wehmütige
Ton und die Allgegenwart des Todes in den Bildern
des Romans, das ist aber ein gemeinsamer Zug vieler
Neuromantiker. Rittners Held ist ein Waisenkind, das
von den Großeltern und verschiedenen Tanten und Onkels
erzogen wird. Bald verliert er durch dessen Selbstmord
den geliebten Onkel Theodor. Ein Kapitel ist dem
Tod des Großvaters gewidmet, den die Jungen in den
Sommerferien in dessen Haus erleben. Später stirbt
auch die Großmutter, und die Tante übernimmt das Regiment
im leeren Haus. Auch das gräfliche Schloß wird leer,
als der Vater Malwines stirbt, und die frühzeitig
gealterte Gräfin flüchtet sich immer wieder zu ihrer
Freundin, der Tante der Jungen. In den letzten Kapiteln
erkrankt auch der Erzähler tödlich und das letzte,
was der Leser mit ihm wahrnimmt, ist das Glöckchen
des Ministranten, der den Priester mit den Sterbesakramenten
zu ihm begleitet. Vielleicht ist er inzwischen tatsächlich
nach Galizien in das Haus seiner Großeltern zurückgekehrt,
vielleicht ist es nur eine Vision des Todkranken.
Dem fiebernden Helden scheint, daß die Tür des
Weihnachtszimmer geöffnet wird und daß sie
die Tür zur Ewigkeit ist. Da dem Leser keine Chance
geboten wird, diese Ewigkeit kennenzulernen, bleibt
das Ende offen - man weiß nicht, ob Adam tatsächlich
einen Neuanfang erlebt, oder im Nichts untergeht.
Immer
wieder wird das Bewußtsein der Vergänglichkeit bei
dem Protagonisten evoziert. An sie wird schon der
Schüler erinnert, als die Klasse obligatorisch in
einen Gottesdienst für die Seele des Kaiser Karl
VI. geführt wird. Der nachdenkliche Junge verfällt
der Reflexion über sie immer, wenn jemand stirbt.
Aber solange er jung ist, hofft er auf ein langes,
freies und reiches Leben, das nach der Schule und
dem Studium einsetzen wird. Dann kommen aber die gefürchteten
"tausend Jahre Zwangsarbeit" im Ministerium, und in
den letzten vier Kapiteln geht der Roman schon auf
den Tod zu, und der reife Protagonist ist sich der
Kürze und Vergänglichkeit seines Lebens wohl bewußt.
Zuerst ist es der Besuch in der alten Heimat, wo er
als berühmter Mann, aber auch als der ergraute Adam
begrüßt wird, dann folgt das Klassentreffen,
wo er die ehemaligen Kameraden alle gealtert, der
einstigen Träume beraubt und entweder an Karriere
denkend oder bereits der Resignation verfallen sieht.
Das Kapitel wird "Schneemänner und Zinnsoldaten" betitelt,
da die Teilnehmer schon ergraut sind, so daß sie Schneemännern
ähneln, und wieder kindisch geworden, sich für die
Zinnsoldaten begeistern. In den letzten zwei Kapiteln
ahnt er schon seinen Tod und bereitet sich auf ihn
vor. Nur begleitet ihn in dieser letzten Lebensphase
stets die Reflexion, daß das Leben, bevor es richtig
anfing und die jugendlichen Hoffnungen erfüllte,
schon vorbei war.
Obwohl
hier das Thema des verlorenen Lebens, das durch "Zwangsarbeit"
in der Schule, an der Universität und im Büro vergeudet
wurde, anklingt, verleihen die kunstvolle Komposition
und die Betrachtung "sub specie aeternitatis" diesem
Leben nachträglich einen Sinn. Die übergroße Sensibilität
sowohl des kindlichen als auch des erwachsenen Erzählers,
sein Sinn für poetische Bilder und Metaphern legitimieren
den auktorialen Erzähler als einen wirklichen Dichter.
Der Erzähler kreiert ausgezeichnete Menschentypen,
wie sein Großvater, ein verdienter Arzt in einem galizischen
Städtchen, sowie andere Kleinstadthonorationen und
galizische Familienmitglieder, sein Onkel, der ein
hoher Wiener Beamter ist, seine Schulkameraden und
Lehrer usw. - sie alle erscheinen uns lebendig, obwohl
die meisten von ihnen nur mit einigen eindringlichen
und doch zarten Zügen gemalt worden sind. Offen bleibt
die Frage, ob das dichterische Schaffen dem Leben
Ewigkeit verleiht, wie der Storch es beim Klassentreffen
behauptet, obwohl der Erzähler einräumt, daß es ihm
am Ruhm nicht mehr liegt, und schließlich, ob der
Tod dem personalen Leben ein Ende setzt, oder ob
er eine neue Dimension eröffnet.
Rittner
hat in "Das Zimmer des Wartens" sein eigenes Leben
thematisiert. Er nennt dieses Werk aber nicht "Autobiographie",
nicht einmal "autobiographischen Roman", sondern "Roman".
Der Protagonist trägt sowohl in der deutschen als
auch in der polnischen Fassung den Vornamen "Adam",
der als Substitut von "Tadeusz" betrachtet werden
kann, was ein Hinweis, aber ein verschlüsselter
Hinweis auf den eigenen Namen ist. Der autobiographische
Pakt wird nicht geschlossen, der Erzähler heißt nicht
nur anders, sondern auch behauptet nirgendwo, daß
er die Wahrheit schreiben wird. Die
meisten biographischen Tatsachen stimmen mit Rittners
Leben überein: die Kindheit und Schulferien bei den
Großeltern auf dem Lande (in Ostgalizien - das jedoch
geographisch nicht festgelegt wird), die Reise nach
Arco, Venedig und San Remo, allerdings nicht mit
einer Tante, sondern mit den Eltern, Besuch des berühmten
Wiener Gymnasiums Theresianum, die Italienreise nach
dem Abitur, Jurastudium,
Arbeit in österreichischen Ministerien, Ehe mit einer
polnischen Kunststudentin, literarisches
Schaffen nur in der Freizeit. Die Erkrankung im Jahre
1919, nach der er nur vorläufig wiederhergestellt
wurde und der Tod im Jahre 1921 scheinen dazu zu gehören.
Da aber der Roman auf deutsch schon 1918 erschien, kann es nur eine verblüffenden
Antizipation des nahen Lebensendes sein.
Eine
wichtige Tatsache jedoch wird verändert: Rittner war
kein Waisenkind, er hatte als Junge beide Eltern und
drei Geschwister (nicht nur einen Bruder), sein Vater,
Eduard Rittner, wirkte seit 1885 in Wien zuerst im
Bildungsministerium und seit 1896 als Minister für
Galizien und starb erst 1899, seine Mutter überlebte
den Dichter gar um ein Jahr. Im Roman tritt aber nur ein "Onkel
Adam" als Vormund in Wien und hoher kaiserlicher Beamter
auf. Vielleicht wünschte Rittner nicht, daß sein berühmter
Vater im Porträt erkannt wurde. Den Freitod des Onkels
Theodor (Aleksander Tarnawski) verlegte Rittner vom
Jahr 1899 in seine Kindheitszeit und verband ihn mit
dessen Jugendliebe zur Fürstin Jabłonowska (im
Roman die Gräfin Malwine).Als Beamter soll er geradezu vorbildlich
gearbeitet haben, während Adam seine verhaßte Papierarbeit
als Fron empfand und entsprechend erledigte. Rittners
Neffe, Mikołaj Lenartowski, der im Wiener Hause
des Dichters zahlreiche Sommerferien sowie das erste
Jahr des Ersten Weltkrieges verbrachte, schreibt,
daß es nur eine
Legende sei, daß Rittner seine Dramen im Büro verfaßte,
denn er brauchte dafür absolute Ruhe, und im Büro war er fortwährend
beschäftigt. Rittner selbst war keineswegs so
weltfremd wie sein Held, obwohl er tatsächlich bekannte,
keine Geselligkeit und keinen Verkehr mit fremden
Menschen zu mögen. Während des Ersten Weltkrieges
engagierte er sich sehr für Polens Sache und plante
im wiedergeborenen Polen tätig zu werden, was sein verfrühter Tod verhinderte. Aber wahrscheinlich wollte
er es bewußt vermeiden, daß sein Roman nur als seine
Autobiographie gelesen wird. Er verschlüsselte darin
symbolisch und reflektierte doch andere, universelle Gehalte, wie Dasein des Künstlers, Tod,
Vergänglichkeit und Ewigkeit, und das wollte
er wahrscheinlich exponieren.
Ähnlich
wie in diesen Text sind in den ihm folgenden Roman
"Die Brücke" autobiographische Elemente eingegangen.
Einige der markantesten Gestalten wie der geisteskranke
Ingenieur, seine Frau, der Hauptheld - der Junge Jakob,
seine Mutter - die leichtsinnige, reizende Sängerin
Eugenia, der ehrgeizige Bürgermeister, der in Wien
Karriere macht, wurden Rittners Familie bzw. dem Bekanntenkreis
nachgebildet. Mikołaj Lenartowski berichtet,
daß Rittner ihm diesen Roman im Jahre 1920 übersandte,
mit der Widmung, daß er darin sich selbst finde -
er war nämlich das Vorbild für die Gestalt des Protagonisten.
Lenartowski charakterisiert das autobiographische
und familiengeschichtliche Element in diesem Roman
auf folgende Weise:
/.../
man soll erwähnen, daß ich in meinen Kindheits- und
Knabenjahren dank meinem hervorragenden Gedächtnis
und meinen großen Interessen an Naturwissenschaften
eine wahre Fundgrube verschiedener Informationen war,
und ich hatte die Unart, sie bei jeder Gelegenheit
mit großer Selbstsicherheit zu äußern, wobei ich auf
unbarmherzige Weise alle Fehler oder unexakte Aussagen
anderer Personen korrigierte. Mein Bruder Antoni
war eher schüchtern und in der Schule immer unsicher,
ob seine Antwort richtig sei. Er war eher eine künstlerische
Natur und war überdurchschnittlich musikalisch
begabt. Er fiel in der polnischen Armee im Jahre 1919.
Wir sind beide in den Roman Die
Brücke eingegangen, er als der reiche Piotruś,
und ich als Jakob, obwohl die Heimsuchungen Jakobs
im Endteil des Romans eine recht exakte Beschreibung
der Krankheit Rittners sind. In Jakobs Jugend flocht
Rittner, die Tatsachen selbst natürlich transponierend,
eine Menge meiner charakteristischen Wendungen und
Verhaltensweisen ein.
und:
Eugenie
aus der Brücke, die im ersten Teil des Romans teilweise
manche Züge meiner Mutter trägt, obwohl sie nie Künstlerin
gewesen war, wird im zweiten Teil zu seiner Frau Zofia,
die ihn mit unerhörter Hingabe während der Krankheit
pflegte, während Jakob, dessen Urbild ich in seiner
Kindheit war, immer mehr zum Schriftsteller selbst
wird.
Allerdings erfüllen alle die Gestalten im Roman eine souveräne Funktion.
Der Leser verfolgt mit Spannung die äußeren und inneren
Abenteuer des unternehmungslustigen, altklugen
Jungen Jakob, seine Kindheit in einem kleinen Städtchen,
seinen Schulbesuch, den sinnlosen Freitod seines
Vaters als ein verirrtes Opfer während des Ersten
Weltkrieges, seine rührende Sorge um seine Mutter
Eugenia, eine Kind-Frau, seine ersten erotischen Erfahrungen
und seine erste Liebe. Den letzten Teil des Romans
bildet schließlich die detaillierte Darstellung der
verhängnisvollen Krankheit, die sich Jakob während
der Ferien in Dalmatien geholt hat und die an seiner
geistigen Substanz zehrt und ihn zu vernichten scheint,
zum Schluß aber dank dem Autovakzin überwunden wird.
Dieser letzte Teil wurde Rittners eigener Krankheit
nachgebildet, die aber keinen so günstigen Ausgang
hatte. Er war nämlich in Abbazia (Opatija) an einer
schweren Grippe erkrankt, die sich zu einer allgemeinen
Infektion entwickelte, wurde unter Kriegsgefahren
von seiner Frau nach Wien gebracht, wo er zunächst
geheilt schien, aber dann kam ein Rückfall, bei dem
das Gehirn des Kranken angegriffen wurde, der geisteskrank geworden zu sein schien. Erst nach einigen
Wochen wurde eine Streptokokkenvergiftung festgestellt.
Dank dem Autovakzin, einem Impfstoff, der aus Bakterien
gewonnen wird, die dem eigenen Organismus des Kranken
entstammen, wurde der Dichter überraschend schnell
wiederhergestellt, aber im Frühjahr 1919 kam der Rückfall. Die Krankheitsvisionen des Abiturienten
Jakob im Roman "Die Brücke" sind vor erschreckender
Suggestivität. Sie scheinen naturalistisch und gleichzeitig
psychoanalytisch angehaucht zu sein, erfüllt vom Grauen
des Kriegs und der Revolution.
Der
Roman besteht aus zwei ungleichen Teilen, ohne eine
formale Gliederung in solche. Der erste Teil wäre
als ein typischer und sehr gelungener Sittenroman
zu bezeichnen. Der auktoriale Erzähler zeichnet mit
großer Erzählerfreude realistisch verschiedene Menschentypen,
zuerst in der Provinz der Monarchie und dann in der
Metropole, wohin die Haupthelden umziehen. Diese Darstellungsweise
erinnert an die realistischen Dramen Rittners wie
"Das kleine Heim" oder "Der dumme Jakob". Es gibt
im Roman eigentlich zwei Protagonisten, den altklugen,
technisch interessierten Jungen Jakob und den Ingenieur,
bei dessen Familie Jakob in Pflege ist. Der letztere
wurde Lenartowski zufolge Rittners Onkel Aleksander
nachgebildet. Der Ingenieur spielt eine wichtige
Rolle in der Struktur des Romans. Einerseits verkörpert
er für Jakob die moderne Welt der Technik, in der
dieser sich zwar selbst gut auskennt, über welche
er aber jede zusätzliche Auskunft sucht. Andererseits
ist er ein geisteskranker Mann, der unter Wandertrieb
leidet und der Lücken, "schwarze Löcher", im Gedächtnis
hat, was Jakob ungemein interessiert. Eine solche
Gedächtnislücke sollte Jakob dann selbst während seiner
Krankheit erleben. Nachdem der Ingenieur nach einem
seiner Streifzüge und somit längerer Abwesenheit
aus der Fabrik
in der Kleinstadt entlassen wird und die Familie
nach Wien zieht, arbeitet er im Büro, das er aber
haßt. Die alten, von ihm monatelang unerledigten Akten
scheinen ihm Leichen zu sein, die ihn verfolgen. Schließlich
flieht er aufs neue, und
die Familie hat Angst, daß er wieder entlassen wird,
später erfährt sie aber, daß er sich als Kriegsfreiwilliger
gemeldet hat. Man hat ihn genommen, obwohl er wegen
seiner Geisteskrankheit abgewiesen werden sollte,
denn seine Kollegen wollten den nichtsnutzigen Mitarbeiter
loswerden und gleichzeitig sich selbst vor der Gefahr
drücken. Dem Ingenieur scheint es aber eine Flucht
nach vorne zu sein, vor dem Zwang der Büroarbeit und
den Erwartungen der Familie, eine Möglichkeit, weiter
alle Wege des Landes zu beschreiten. Sein Leben endet
mit dem Tod auf dem "Felde der Ehre".
Bereits
in diesem ersten Teil ( die Kapitel I-XV) wird der Erste Weltkrieg präsent. Er wirkt
sich nicht nur auf das Leben des Ingenieurs verhängnisvoll
aus. Jakobs Eltern sind ebenfalls von ihm betroffen.
Sie können den Jungen nicht bei sich haben und erziehen,
weil sie beide Künstler sind, die in ganz Europa herumreisen.
Sie werden als ein typisches Boheme-Ehepaar dargestellt.
Jakobs Mutter Eugenia ist Sängerin, die in Opern und
Konzerten singt, sein Vater Lolo ist ein Textschreiber,
der Couplets, Arien und Lieder dichtet und gleichzeitig
als Impressario für seine Partnerin fungiert. Die
Figuren erscheinen als Gestalten aus der Welt des
Fin de siècle. Die Frau ist sylphidenhaft, zart, reizend,
brillant und im praktischen Leben völlig unbeholfen.
Der Mann ist ein Kavalier, für den alle Damen schwärmen,
macht allen Komplimente einschließlich des "Bekenntnisses",
daß er sich aus Liebe zu ihnen töten wird, er ist
vornehm gekleidet und hat tadellose Manieren. An seiner
Figur zeigt der Erzähler, wie diese Welt des schönen
Scheins im Ersten Weltkrieg untergeht. Die Künstler
werden im Roman als Kosmopoliten dargestellt, die
überall in der Welt zu Hause sind. Dies geht mit dem
Krieg verloren. Eugenia kann nicht mehr frei gastieren,
und Lolo bekommt Angst, da er in jeder Sprache mit
einem Akzent spricht. Er beklagt sich zu einer Bekannten:
Aber
ich bin doch mutig. Das ist keine Angst, glauben Sie
mir. Es ist nur, wie sollte man es ausdrücken?...
Das tut mir weh. Plötzlich sind das Feinde. Warum?
Ich verstehe es nicht. So viele nette, anständige
Menschen, hier und dort. Und plötzlich... Verstehen
Sie das? Denken Sie, meine Liebe, daß auch ich Feinde
habe?
Seine
Sensibilität kann dieser Brutalisierung der Welt nicht
standhalten. Er fährt in einer Droschke zum
Bahnhof, um von einer Frau Abschied zu nehmen,
sieht, daß drei Soldaten einen Mann im Zivil abführen,
der nach der Äußerung des Fiakers ein Spion sein soll.
Im Bahnhof fällt er durch sein hilfloses Verhalten
im Gedränge auf, er wird zusammen mit seinem großen
roten Rosenstrauß in einem Zimmer eingesperrt und
in seiner Angst, als "Fremder" verhaftet und erschossen
zu werden, nimmt er sich selbst mit seinem Revolver
das Leben. Dies ist ein Symbol für die Absurdität
des Krieges, wo jeder nach seiner nationalen Zughörigkeit
beurteilt wird und ein unschuldiger Mensch als Nichtzugehöriger
als Feind verdächtigt werden kann und getötet werden
darf.
Als
ein drittes namentlich genanntes Opfer des Krieges
fungiert im Roman Jakobs Mitschüler, der reiche Peter,
der zu denjenigen gehört, denen Jakob Nachhilfeunterricht
erteilt. Sein Vater, ein angesehener Bankdirektor,
erfährt, daß der Sohn ein erleichtertes Kriegsabitur
machen könnte und setzt es durch, wonach sich der
Junge als Kriegsfreiwilliger melden muß. Für seine
Mutter ist es eine Absurdität, denn sie sieht ihn
immer noch als ein Kind, doch der Moloch Staat braucht
Menschenopfer. Im zweiten Teil erfährt Jakob, als
er bereits erkrankt ist, daß der Schulkamerad gefallen
ist, und er hat Gewissensbisse, daß es ohne seine
Nachhilfe im Unterricht nicht passiert wäre.
Im zweiten
Teil wird außer dem Krieg auch die Revolution thematisiert,
obwohl sein Hauptthema der Krankheitsverlauf Jakobs
ist. Im Bereich des letzteren oszilliert die Erzählung
zwischen dem realistischen Krankheitsbericht und den
naturalistisch-surrealistischen Szenen der
Gesichte des Kranken. Der Aufbau ist nicht
mehr so übersichtlich-logisch wie im ersten Teil,
denn er entspricht der verwickelten Ordnung des Alptraums.
Im ersten Teil besteht Jakob das Abitur und wartet
bis zum Herbst ab, bis die Nachzügler, denen er Privatunterricht
erteilt, ebenfalls fertig werden. Seit dem Tod seines
Vaters bestreitet er nämlich selbst seinen Lebensunterhalt
bei der Frau und Schwiegermutter des Ingenieurs durchs
Stundengeben und kann davon noch der Mutter helfen
und ihr den Traum von Ferien im Süden erfüllen. Selbst
dort, in dem geographisch nicht näher bezeichneten
"Süden" (nach Rittners Urbild müßte es Abbazia sein)
macht sich der Krieg bemerkbar. Die früher von vornehmen
Gästen bevölkerten Hotels "Grand Hotel" und "Majestic"
werden für verwundete und kranke Soldaten verwendet.
Außer dem Krieg macht sich aber bereits der Umsturz,
die neue Weltordnung kund:
Und
wenn ein Offizier vorbeischritt, brauchten sie /die
Soldaten - M.K./ sich nicht zu erheben und zu salutieren.
Weil sie selbst dem Tode um ein Haar entronnen waren.
Oder weil die Welt unterging. Die Soldaten unterhielten
sich sogar über die Politik. - Jetzt wird eine neue
Ordnung kommen - sagte einer. - Jetzt tun wir befehlen,
und die Reichen müssen gehorchen - sagte ein anderer.
Die Mutter des Helden hört diesen Unterredungen verblüfft zu. Dann erfährt
sie, daß die Soldaten weggefahren sind und es die
Möglichkeit gibt, den letzten noch verkehrenden Zug
zu nehmen. Im überfüllten Zug, in dem Eugenia mit
dem kranken Jakob von der Adria flieht, sitzen einfache
Leute, die sich auf serbisch oder kroatisch unterhalten. Ein Matrose läßt für sein
Mädchen Schallplatten spielen, die die neue Welt symbolisieren
- es sind slawische Lieder der einheimischen Bauern,
in denen Jakob die Farbe rot zu erkennen glaubt. Die
Reisenden werden von einem Zug zum anderen geschickt,
müssen auf Bahnhöfen übernachten. Eugenia hat zuerst
Angst vor den schmutzigen und vernachlässigten Soldaten,
die eine fremde Sprache sprechen. Aber ihre Angst
und Abneigung einer Angehörigen der "feinen Welt"
vergeht, als sie ihre pantomimisch ausgedrückte Bitte,
wegen des Kranken die Fenster zu schließen, eifrig
zu erfüllen suchen. Der Erzähler, der selbst dieser
"feinen Welt" angehört, thematisiert somit seine Aufgeschlossenheit
der neuen Welt der sozialen Umwälzung gegenüber: "Ein
Anarchist" - denkt Eugenia über einen eine Rede haltenden
Genossen im Zug - "Sie hatte keine Angst mehr; auch
die Anarchisten waren gut." In der Rede seines Nachfolgers,
der nüchtern und farblos spricht, vermutet die Künstlerin
die Sprache der neuen Menschen. Nach der Rückkehr
der Mutter mit dem Sohn nach Wien konzentriert sich
die Erzählung auf Jakobs Krankheit, in deren Mittelpunkt
die Vision einer Brücke steht, von der die Menschen
massenweise herabfallen, und auf seine Genesung, zu
der außer der Kur mit dem Polyvakzin der Umgang mit
seiner Jugendfreundin Eva beiträgt. Zu den Besuchern
im Sanatorium, die Jakob allmählich erkennt, gehören
die schwarz gekleidete Mutter des gefallenen Piotruś
und der Bürgermeister und Abgeordnete aus der Vorkriegszeit,
der auch in der neuen Republik seine Karriere fortzusetzen
weiß, während sein Schwiegervater, der ehemalige Minister,
gnadenlos abgesetzt wurde. Das letzte Wort ist das
der Liebe zwischen Eva und Jakob und der Freude der
immer kindlichen Eugenia über den neuen Frühling.
Das Leben scheint also über den Tod zu triumphieren.
Auch
in diesem Roman ist der Titel des Werkes ein symbolischer.
Der geistesschwache Ingenieur, mit dem der Protagonist
in seiner Kindheit viel und gern verkehrte, spricht
mit dem Jungen von einer Brücke, die er bauen möchte.
Diese Brücke soll so lang sein, daß man Jahre
brauchen wird, um sie zu Fuß zu passieren, was der
vernünftige Jakob bezweifelt. Diese Brücke steht an
dieser Stelle des Textes für die Errungenschaften
der Technik und die menschlichen Träume vom Fortschritt.
An einer weiteren Stelle spricht Eugenia mit Jakobs
Vater Lolo von der beruflichen Zukunft des genialen
Sohnes und erträumt sich für ihn die Karriere eines
Ingenieurs, eines Brückenbauers in Amerika. Schließlich
aber wird diese Brücke zu einer Metapher für das
menschliche Leben. Jakob sieht in seinen schaurigen
Krankheitsvisionen solch eine Brücke, von der er
hinunterzufallen fürchtet. Es stürzen große Menschenmassen
herunter, dazu gehören auch der Ingenieur und Piotruś,
also es handelt sich um die Opfer des Ersten Weltkrieges
und vielleicht auch der ihm folgenden Revolution.
An Jakob, der keine Kraft mehr hat, über diese Brücke
zu laufen, gehen gleichgültige Menschen vorbei, wie
der Bürgermeister und dessen Tochter Marianne, Jakobs
erste erotisch angehauchte Liebe, ihr Mann, der Minister,
der Jakob einmal prophezeit hatte, daß er als starker
Mensch die "andere Seite" erreicht. Der junge Mann
macht sich Gedanken darüber, daß jene Prophezeiung
nicht eintrifft. Zuerst versucht ihm sein Vater zu
helfen, aber dann stürzt dieser in den Abgrund. Die
Vision endet mit dem Bild Evas, die wie in der Kindheit
Rettungsstation spielt und ihm beizustehen versucht.
So stehen Jakob außer dem tüchtigen Arzt Dr. Hell
seine Mutter und seine Freundin bei. Das ermöglicht
ihm das Überleben, den Übergang auf die "andere Seite"
der Brücke, die Seite des Lebens und Seite des Friedens.
So verwischt sich die Grenze zwischen Realität und
Traum. Die Brücke erscheint als ein Symbol des Lebens,
unter dem sich die Kluft des Todes auftut, als eine
Brücke, die die Vergangenheit des Protagonisten mit
seiner Zukunft verbindet.
Rittners
Roman "Geister in der Stadt" (poln. "Duchy w mieście",
beide Fassungen wurden postum 1921 veröffentlicht)
ist vor allem ein Theaterroman, der im Hinblick auf
das Thema dem Drama "Der Mann aus dem Souffleurkasten"
(1912) verwandt ist. Der Autor gibt
hier noch einmal seiner Begeisterung für die Welt
des Theaters Ausdruck, die Schauspieler eingeschlossen,
sowie seiner ewigen Verblüffung, daß, obwohl die
Schauspieler im Grunde aus der Aufführung etwas ganz
anderes machen, ihre Rollen ganz anders mit Leben
auffüllen, als der Dramatiker es sich vorgestellt
hatte, sie doch etwas leisten, was wie ein Wunder
ist, indem sie nämlich der Textvorlage das Leben verleihen.
Es wird der Schaffensprozeß des Dramatikers oder eigentlich
jeglichen Dichters bzw. schöpferischen Menschen thematisiert,
der seine Arbeit mit Realitätsverlust, Entfremdung
der ganzen Welt und sogar der zeitweiligen Entsagung
seiner Liebe bezahlt, aber die Schaffenseuphorie um
keinen Preis missen möchte. Gleichzeitig wird noch
einmal das Dilemma aus "Der Mann aus dem Souffleurkasten"
oder in diesem Fall das Schicksal des Dichters dargestellt,
der zuerst ein junger, kompromißloser und idealistischer
Schwärmer ist, sich jedoch im Laufe seines Lebens
und mit dem kommenden Erfolg von der bürgerlichen
Welt domestizieren läßt. Das Motiv des Geistertheaters,
das von dem Dichter Zyprian (in der polnischen Fassung
Hipolit) beschworen wird, existiert im Ansatz bereits
im Drama "Der Mann aus dem Souffleurkasten". Es geht
eben um das Theater in der Vorstellung des Dichters,
um das virtuelle Theater, das im Kopf jedes Rezipienten
existiert, bevor es gespielt wird, und das in der
Aufführung anders sein muß. Dieses moderne Thema wird
mittels einer naiven Märchenfabel erörtert.
Die
Märchenhandlung setzt damit ein, daß der neureiche
Bürgermeister einer fiktiven Metropole einem jungen
Habenichts begegnet, der nicht einmal Geld für eine
Fahrkarte besitzt, aber geheimnisvoll von seinem geplanten
großen Unternehmen in der Stadt munkelt und sorglos
einen Stock schwenkt. Der Bürgermeister läßt den jungen
Mann einsperren, da in jener Welt Mittellosigkeit
als Verbrechen gefahndet wird. Dieser Stock erweist
sich nach und nach als ein dem Leser vertrautes Märchenrequisit,
das seinem Eigentümer Geld und Gewalt über die Geister
gibt. So baut der junge Enthusiast auf eine wundersame
Weise in einer Nacht ein prächtiges Theater in der
Stadt, wo die Revolution nur Kinos und Operette zurückgelassen
hat, jegliche ernsthaftere Kunst aber verbannte. Alle
höhere Kunst und insbesondere das Theater wurden aus
dem dem Gelderwerb gewidmeten Leben und der neuen
Bürokratie untergeordneten Leben getilgt. In diesem
Theater spielen jeden Abend Geister, die Zyprian mit
seinen eigenen Stücken versorgt. Obwohl er glaubt,
daß nur seine Stücke gespielt werden, erkennen andere
Dramendichter in ihnen eigene Arbeiten, und die Zuschauer
können nachher die Handlung überhaupt nicht rekapitulieren.
Es erweist sich, daß sein Unternehmen durchaus sinnvoll
war: alle Bürger der Stadt, die sich bisher nur dem
Gelderwerb und ganz rohen Unterhaltungen hingaben,
eilen nun jeden Abend pflichtbewußt ins Theater, zum
Teil aus Snobismus, zum Teil aus Neugierde und Sehnsucht
nach einer Abwechslung. Es ist gar kein Hindernis, daß Zyprian keine Werbung für sein Theater macht und die "vierte Macht", die Presse, nicht einweiht.
Die von der neuen Gesellschaftsordnung deklassierten
Intellektuellen und "feinen Leute" werden von den
Theaterabenden ermutigt, sich wieder auf ihre alten
künstlerischen Versuche zu besinnen und bei den neuen
Machthabern für mehr Freizeit zu demonstrieren, damit
sie z.B. ins Theater gehen oder ihren alten beruflichen
Beschäftigungen wenigstens als Hobby nachgehen könnten.
Der
junge Theaterdirektor, Dramatiker und Besitzer des
Zauberstocks verliebt sich indessen in die Tochter
des Bürgermeisters, Adele, die ihn ebenfalls liebt
und begehrt. Als er aber an einem neuen Drama schreibt,
vergißt er sie und zieht sich so ihren Groll zu. Hier
verknüpft sich der realistische Faden mit der Märchenhandlung.
Der böse Zauberer, dessen Zauberstück Zyprian einmal
gefunden hat, versucht immer wieder seiner habhaft
zu werden und das Theater zu vernichten. Nun gelingt
es ihm, sich die Hilfe Adeles zu sichern, die ihrem
Geliebten den unfeinen Stock in guter Absicht abnimmt,
und er löst mit dessen Hilfe während einer Theateraufführung
eine Explosion aus, infolge der das Theater und die
Geister endgültig verschwinden. Zyprian wird infolge
seiner aufrichtigen Schilderung der Geschehnisse
für geisteskrank gehalten - der Dichter hat die Phantasie
eines Kindes und gilt infolgedessen als unzurechnungsfähig.
Die
Katastrophe wird jedoch durch einen lustspielartigen
Ausgang nivelliert: Die liebende Adele belehrt Zyprian,
daß er seine Wahrheit vor der Welt verschweigen
muß und nimmt ihn trotz seiner Armut zum Mann. Danach
aber kommt er unter die Fuchtel ihrer bürgerlichen
Familie und muß sich, anstatt Dramen zu dichten, im
Schlachthaus seines Schwiegervaters betätigen. Der
Erzähler interpretiert es ironisch als Zyprians Abschied
von seiner Jugend und Einstieg ins prosaische, seßhafte,
würdige Leben der Bürger. Das Theater aber hat seine
Rolle erfüllt: Die Neureichen sehen ein, daß es eine
populäre Unterhaltung ist, gründen in der Stadt zahlreiche
Theater, auch andere Institutionen im Bereich der
Kunst werden wieder zugelassen und beginnen zu florieren.
So kommt es offensichtlich zu einer unblutigen Revolution,
bei der die Intellektuellen und die ehemaligen besitzenden
Klassen wieder nach oben kommen, und die einstigen
Arbeiter und späteren Neureichen wieder den traditionellen
Platz der unteren Gesellschaftsschichten einnehmen.
Was
wollte uns Ritter mit diesem Roman vermitteln, abgesehen
davon, daß er einen Theaterroman zu schreiben intendierte? Bestimmt wollte er hier die
Beziehungen zwischen dem Künstler und seiner
Umwelt, dem Dramatiker und den Schauspielern, den
Schaffensprozeß des Dichters, die Rezeption des Theaters
durch das Publikum thematisieren, da ihm diese Dinge
sehr am Herzen lagen. In "Das Zimmer des Wartens"
teilte der Autor mit, daß ihm die Wirklichkeit des
Märchens mehr bedeute als das Tagesgeschehen, denn
die Gültigkeit des Märchens sei ewig. "Die Geister
in der Stadt" illustrieren, wie er sich diese Allgemeingültigkeit
des Märchens, das für die Phantasie und Kunst steht,
vorstellte. Wollte er durch diesen Sieg der Kunst
über die Neureichen auch zeigen, daß die Kunst zu
einer gesellschaftlichen Umwälzung führen kann?
Das ist zweifelhaft, denn bei diesem Thema ist deutlich
Selbstironie seiner eigenen Gesellschaftsschicht gegenüber
zu spüren: zum Schluß des Romans heißt es:
Die sogenannten
Intellektuellen hatten wieder die Oberhand. ‚Ich stelle
bloß die Tatsachen fest’, schrieb ein Historiker
des 21. Jahrhunderts.
‚Ohne
auf die Erörterung der Frage einzugehen, ob das schlecht
oder gut war - für den Intellekt.’
Der größte Wert des Romans besteht meines Erachtens in dem utopisch-realistischen
sozialen Hintergrund, und zwar in der Platzierung
der Handlung in den Realien einer nachrevolutionären
Welt. Man sieht hier die Angst des k.k. Beamten und
zumindest Geistesaristokraten Rittner vor revolutionären
Umwälzungen, aber auch viele richtige Prognosen. Im
Falle dieses Romans ist es eine fiktive Revolution
oder vielmehr Nachrevolutionsphase, in der die ehemaligen
Proleten und Revolutionäre bereits zu Neureichen
geworden sind. Einerseits ist dieser Zustand den Folgen
der Oktoberrevolution in Rußland und anderer Revolutionen
am Ende des Ersten Weltkrieges nachgebildet. Eine
Diktatur des Proletariats hat eingesetzt. Sehr richtig
hat Rittner vorausgesehen, daß nicht nur die besitzenden
Klassen, sondern auch die Intelligenz zu den Opfern
dieser neuen Ordnung gehören werden. Andererseits
hat er das Tagesgeschehen und die sozialen Einsichten
sowie den Topos von einer verkehrten Welt zu einem
neuen Kapitalismus umgedichtet. Die ehemaligen Arbeiter
und Bauern haben nur die alten Besitzer und Machthaber
gestürzt, nicht aber die herrschende Gesellschaftsordnung
beseitigt. Sie haben dann selbst als neureiche Parvenüs
deren privilegierten Plätze eingenommen. Sie weiden
sich daran, daß ihre ehemaligen Herren zu ihren Dienern
wurden. Manche von ihnen schikanieren sie, andere
prahlen mit den Qualifikationen ihres Personals, manche
gefühlvolle Seelen, vor allem Frauen wie die Gattin
des Bürgermeisters, haben Mitleid mit den Untergebenen.
In dieser Welt sind nur die Reichen angesehen, und
die Armen gelten als Verbrecher verpönt und es wird
nach ihnen gefahndet.
Zusammen
mit der ehemaligen vornehmen Abstammung wird der Intellekt
und die ehemals erworbene höhere Bildung bekämpft,
und Angehörige dieser Gesellschaftsklassen müssen
das demütigende Dasein von Dienern fristen. Sie haben
genug zu essen und können ihre leiblichen Bedürfnisse
befriedigen, aber sie haben weder Zeit noch Lust,
ihren intellektuellen Interessen nachzugehen. Trotz
eines Vereins, in dem sich die ehemaligen Intellektuellen
versammeln, haben sie jeglichen Anspruch auf geistige
Führung verloren, sie schmeicheln ihren neuen Brotgebern
und verraten ihre alten Ideale. Ebenso unsympathisch
wie der rohe ehemalige Fleischhauer und jetzige Bürgermeister
ist sein Sekretär, Dr. Hahn, der einst Gedichte geschrieben
hatte, aber um der Karriere willen alle seine Ideale
verleugnete und sich vom Bürgermeister demütigen
ließ. Außer dem Protagonisten, der als Fremder in
diese Stadt kommt, gehört neben den Frauenfiguren
der Bruder des Bürgermeisters Pikebeil, der Bauer
Peter, zu den positiven Figuren des Romans. Obwohl
er zu den Neureichen gehört, hat er seine gesunde
Bauernvernunft nicht abgelegt, ist auch einigermaßen
belesen und informiert, vor allem hat er aber seine
Neugierde der Welt gegenüber und seine Frische der
Empfindungen nicht verloren. Es ist kennzeichnend,
daß keiner der Einheimischen, nur er, der als Einziger
nicht nur nach unten, sondern auch nach oben auf die
Häuserfassaden schaut, das neue Gebäude des Theaters
in der Bankgasse bemerkte. Damit läßt sich keine Zweiteilung
der Welt in die "guten" alten und "bösen" neuen Machthaber
aufrechterhalten. Der nur vage skizzierte Sieg der
alten oberen Klassen am Schluß des Romans ist bedenklich,
denn auch er wurde nicht durch ihre hohen Ideale errungen,
sondern durch die Einsicht, daß auch die Kunst eine
Ware ist, die sich günstig verkaufen läßt. Die Gefahr
der Revolution wird keineswegs für immer gebannt.
Die Schlußpassage des Romans heißt:
"Siehe, die m a n u e l l e n (Sperrung - Th.
R.) Arbeiter organisierten sich wieder, hatten geheime
Konventikel, Zeitungen, einen Klub, sogar Waffen -
haha Waffen, was bedeutete das angesichts der ungeheueren
Übermacht der herrschenden (intellektuellen) Klassen!
Jetzt gibt
es keine Revolution mehr, behauptete ein Professor
der Weltgeschichte. Die Herrschaft des Geistes ist
für immer gesichert.
Aber einmal,
an einem herrlichen Tage im Mai---
Damit gewinnt der Roman eine offene Struktur und die Weltgeschichte die Form
einer Spirale, eine neue Revolution wird für möglich
gehalten. Trotz der naiven märchenhaft-allegorisch
angelegten Kostümierung des Romans frappieren doch
die anfangs der 20er Jahre gewonnenen Einsichten des
scheinbar weltfremden Autors in das Wesen der Revolution
und in die Position der Intellektuellen. Auch ist
seine Beschreibung des
neuen, geldgierigen Nachrevolutionskapitalismus, der
keine Kunst und Wissenschaft zu brauchen meint, heute
überraschend aktuell.
1921
hat Rittner die deutsche Fassung seines Revolutionsromans
"Die andere Welt" beendet, sie erschien genau an seinem
Todestage, die polnische Fassung "Między nocą
a brzaskiem" (Zwischen der Nacht und der Morgendämmerung)
erschien zuerst in der Zeitschrift "Nowy Przegląd
Literatury i Sztuki" und als Buch postum ebenfalls
1921. Die dargestellte Welt dieses Romans ist dem
Rußland der Oktoberrevolution nachempfunden, trägt
aber auch viele fiktive und sogar märchenhafte Züge.
Naiver als Orwell, aber auch viel früher als dieser
und andere Visionäre der vom Totalitarismus beherrschten
Welt, entwirft Rittner das schaurige Bild der Revolution.
Dabei ist der Roman kein politischer Roman, im Mittelpunkt
stehen individuelle menschliche Schicksale, es ist
ein Sittenroman, der in einer quasi-antiutopischen
Welt angesiedelt ist, die sehr dem nachrevolutionären
Rußland ähnelt, aber ebenfalls modellhafte Züge trägt.
Die alternative doppelt fiktive "andere Welt", die
der Erzähler dem revolutionären Imperium entgegenstellt,
ist der Konvention des Märchens und der phantastischen
Literatur verpflichtet. Gesellschaftskritische Töne
sind in diesem letzten Roman stärker als in jedem
anderen Werk Rittners.
Die
zwei wichtigsten Anführer der Revolution, die einander
hassen, "der Gerechte" und "der Stumme", sind zwar
fiktive Figuren, aber die Zeitgenossen sahen in ihnen
mal Lenin und Stalin, was sich gerade aufdrängt, mal
wurde der eine mit Béla Kun und Trotzki, der andere
mit Ebert und Reumann verglichen. Diese Gestalten sind nicht die
Protagonisten des Werkes, sie gehören nur zu den aus
der Masse hervorgehobenen, mit dem Vornamen, Spitznamen
oder bloß ihrer Funktion bezeichneten Gestalten, die
die dargestellte Welt charakterisieren. Bestimmt sind
es nicht "Lenin" und "Stalin", sie tragen viele fiktive
biographische und Charakterzüge, aber ihre Funktion
im Staate ist die gleiche, wie die der Führer des
Sowjetstaates. Die Ähnlichkeiten zu Lenin sind z.T.
beträchtlich, seine Gegenfigur ist aber sicherlich
nicht Stalin nachgebildet, der Stumme ist einfach
der Gegensatz des Gerechten.
Sie
mögen einander nicht, der Stumme haßt sogar den Gerechten,
aber nach außen geben sie sich Mühe, als ein harmonisches
Herrscherpaar aufzutreten. Der Gerechte ist zweifellos
der erste Mann im Staate, er ist der Redegewandte,
während der Kanzler, der Stumme, einsilbig bleibt
und somit den Menschen Raum zur Hoffnung läßt, er
wäre ganz anders als sein Genosse. Der Gerechte hat
akademische Bildung und ist auf dem Weg der Theorie
zur Revolution gekommen, der Stumme dagegen ist ein
ungebildeter Bauer, ein Mann der Praxis, den der Gerechte
angeworben hat. Der Gerechte wiegt sich in der Illusion,
vom ganzen Volk vergöttert zu werden, während er in
Wirklichkeit gehaßt oder zumindest mit Scheu und Angst
betrachtet wird. Er plant, seine Herrschaft von diesem
einen Land auf die ganze Welt auszudehnen,
was offensichtlich den historischen russischen
Plänen entsprach. Sie beargwöhnen einander, weil
jeder von ihnen
glaubt, der andere trachte ihm nach dem Leben
und wolle eine Verschwörung gegen ihn anzetteln.
Der
Leser bekommt Einblick in das private Leben der beiden.
Der Gerechte hat keine Familie, aber eine Liebhaberin,
die Schauspielerin am Staatstheater, Gema, bei der
er heimlich die Nächte verbringt und von der er sich
Verständnis, Trost, familiäre Wärme und Anhänglichkeit
erhofft. Sonst scheint er keine menschlichen Gefühle
zu haben. Als eine Frau ihm aus Mitleid beisteht,
als er nachts auf dem Heimweg von seiner Geliebten
einen Schwächeanfall erleidet, läßt er sie als unliebsame
Zeugin seiner Unterredung mit einem Soldaten, dem
er einredete, daß er den Stummen umbringen muß, erdrosseln.
Auch beobachtet der Gerechte heimlich aus seiner Loge
ohne die geringste Regung von Mitleid den Prozeß gegen
jenen Soldaten, beruhigt, daß dieser ihn nicht mehr
verraten kann. Er hat ein offensichtlich bösartiges
Magengeschwür und weiß, daß er nicht mehr lange leben
wird.
Der
Stumme wird sympathischer gezeichnet. Schon in der
Anfangsszene, als die beiden an den Passanten vorbeifahren,
und der Stumme sie freundlich grüßt, während der
Gerechte sie wie Luft behandelt, wird ein Gegensatz
zwischen den beiden gezeichnet, der konstituierend
für die Handlung ist. Der Stumme sagt nichts, aber
der Gerechte macht ihm Vorwürfe, daß er ihn dazu veranlassen
will, dem Morden Einhalt zu gebieten, obwohl noch
so viele Feinde der Revolution am Leben seien. Der
Stumme hat Familie - eine mit Wärme geschilderte bäuerliche
Ehefrau Katharina, die fromm und abergläubisch ist
und nach dem Verschwinden ihres Sohnes Spero verzweifelt,
und er hängt an den beiden, hat aber große Angst,
sich vor dem Gerechten und der Mitwelt als unwissend
und dunkel bloßzustellen. Aufrichtiger als der Gerechte,
verheimlicht er ihm nicht, daß er ihn haßt, und will
sich nicht mit ihm fotografieren lassen. Die Frauen
finden, daß der Gerechte, wie die meisten männlichen
Revolutionäre, einer erschreckenden Maschine gleicht,
der Stumme aber ein naives Kind sei, das sich hinters
Licht führen lasse. Am Schluß des Romans kommt es
zu einer allgemeinen
Empörung gegen den Gerechten, die der Sohn
des Stummen ausnutzt, um ihn im Namen des Volkes umzubringen
und seinen Vater in das Amt des Staatsoberhaupts
einzusetzen. Aber dies ist kein Umschwung, nur die
Besetzung der Rolle des Machthabers hat sich geändert,
die Menschen werden erst mal mehr Essen und mehr
Freiheit bekommen, aber dann spielt sich wieder alles
nach den alten Regeln ab. Es ist egal, wer die Machthaber
sind, sie denken alle nur an sich und lassen angesichts
ihrer diktatorischen Vollmachten ihre Willkür über
die Schicksale des Staates und der Menschen entscheiden.
Dies ist offensichtlich die Meinung Rittners über
die Führer der Revolution, ohne daß er konkrete Gestalten
der Geschichte biographisch genau nachzeichnen würde.
An
den Schicksalen von Menschen aus verschiedenen Gesellschaftsklassen
wird gezeigt, daß der Hauptzug der Revolution der
Terror ist, daß der Machtapparat der Revolution sich
außer auf Terror auf Lüge stützt und daß die proletarische
Revolution sich nicht nur gegen die oberen Gesellschaftsschichten
richtet, sondern auch ihre eigenen Kinder frißt. Es
wird ebenfalls treffend festgestellt, daß die angebliche
Diktatur des Proletariats eine Diktatur der neuen
Bürokratie ist. Die dramatische Ader läßt den Autor
die Handlungsfäden und Episoden um diese Figuren zu
einem spannungsreichen dramatisch aufgebauten Ganzen
verknüpfen.
Das
erste Kapitel spielt offensichtlich die Rolle der
Exposition. Wir lernen zwei Frauen kennen, die anonymen
Arbeitern das Essen bringen. Den Frauen gehen drei
Soldaten nach, die sich über
sie und die neue Ordnung unterhalten. Der Stumme
und der Gerechte fahren vorbei. So erfährt der Leser
von den Soldaten, daß die neue Ordnung den Familienverband
zerrissen hat, Frauen müssen für fremde Menschen kochen,
an die Stelle von Freundschaft tritt oft Zynismus.
Von den Staatsoberhäuptern selbst erfährt der Leser,
daß im Lande der Terror herrscht, daß man Menschen
ermordet. Die sowjetische Wohnungsnot wird offensichtlich
in der Tatsache angesprochen, daß die beiden einander
fremden Frauen ein Zimmer bewohnen und daß es geradezu
luxuriös ist, im Vergleich mit den Kubikzentimetern,
die der Staat den Bürgern zuweist.
Die
Frauen sind unterschiedlichen Alters und verschiedener
Herkunft, die jüngere, Kara, ist eine Proletarierin
und Liebhaberin eines Gehilfen des Bezirkskommissärs,
der obendrein Inspektor beim Bau des neuen Staatspalastes
ist. Sein Name wird nie genannt, so repräsentiert
er gleichsam die unteren Behörden, die eingebildet,
arrogant und vor allem korrupt sind. So kann Kara
(in der polnischen Fassung Kora) von seiner Position
profitieren. Die ältere der Frauen, Myrthe (im poln.
Text Marta), die Witwe eines Kapitäns, wurde als Feindin
der neuen Regierung enteignet, und ihr wurde diese
niedere Arbeit als Köchin für fremde Leute zugewiesen.
Sie hat einen erwachsenen Sohn, Wolf (in der polnischen
Fassung Piotr), der ebenfalls deklassiert ist, tagsüber
auf der Post und abends als Kellner arbeitet. Seiner
Mutter tut es leid, daß alles, was die Familie ihm
ermöglicht hatte, Studium im Ausland mit Erlangung
des Doktortitels usw., umsonst war. Das
liegt zwar zum Teil an seinem trägen Charakter, denn
er lebt nur in den Erinnerungen an die Vergangenheit
und seine imaginierte Kindheitsliebe, kann sich der
Zeit nicht anpassen, aber im allgemeinen wird es als
eine verkehrte Welt dargestellt, daß er, der Gebildete,
eine so schlechte Arbeit hat, während der in seiner
Familie erzogene uneheliche Sohn einer Dienerin und
vollkommen ungebildete, rohe Roko zum Minister für
Volksaufklärung geworden ist, was ein zusätzlicher
Zug der Ironie des Autors ist. Das Gesetz hat
in jenem Lande der (angeblichen) Gleichheit sogar
die Familiennamen abgeschafft, während Wolf sich
nicht einmal von seinen alten Visitenkarten trennen
kann. Die Ironie der Erzählung wendet sich hier offensichtlich
sowohl gegen die neue absurde Gesellschaftsordnung
als auch gegen diejenigen, die nur der alten Ordnung
nachtrauern, in der sie privilegierte Plätze eingenommen
hatten. Als aber der betrunkene Minister Roko in einer
Kneipe in seinem Kellner seinen ehemaligen Kindheitskameraden
erblickt und ihn anbrüllt, ihm seine Adresse zu geben,
wird von den Figuren ernst erwogen, daß es unter jener
Ordnung den Tod des Erkannten bedeuten könnte.
Übrigens
verflicht sich mit den Schicksalen der beiden ehemaligen
Spielkameraden das Schicksal des kleinen Mädchens
niederer Herkunft, Genovefa, das die beiden Jungen
anbeteten. Wolf hat sie völlig aus den Augen verloren
und trauert ihrer Erinnerung nach, während der Minister
Roko sie zur Geliebten hat. Die kleine unschuldige
Genovefa ist zu einer Hyäne der Revolution geworden;
Roko hat ihr den Posten als Richterin in einer "kleinen
Mühle" verschafft, wo sie in kaum 10-15-minütigen
Verfahren unschuldige Menschen in den Tod schickt,
ohne sich auch nur die Mühe zu machen, Zeugen zu vernehmen,
was im Einvernehmen mit der Politik des jungen Staates
ist. Niemand weiß, daß sie außerdem als Wahrsagerin
fungiert und sich dabei als gütig und abergläubisch-fromm
erweist. Sie hat also zwei Gesichter, ein offizielles
und ein heimliches. Als es zu Straßenkämpfen gegen
den neuen Staat kommt, ist sie wegen ihrer offiziellen
Stellung eine derjenigen, gegen die sich als gegen
die Vollstrecker der Macht der Zorn des Volkes richtet,
so wird sie zum Schluß des Romans von der aufgebrachten
Masse getötet und verunstaltet. Und als Wolf in der
letzten Szene vor sein ehemaliges Ideal gebracht wird,
weigert er sich, im besudelten Leichnam seine Genovefa
zu erkennen.
Mit
einem unbefangenen Charme läßt der Erzähler eine unterirdische
Stadt in einer Höhle entstehen, in die sich diejenigen
flüchten, die den neuen Staat nicht akzeptieren können,
die vor ihm fliehen, weil sie sich von ihm persönlich
gefährdet fühlen usw. Zuerst bringt "Lord", ein Kellnerkollege
Wolfs, der einst ein vornehmer Mensch war, den von
Rokos Laune gefährdeten Wolf dorthin. Der auktoriale
Erzähler spielt hier mit der Wendung "die Erde hat
ihn verschlungen". Es wird einerseits festgestellt,
daß der neue Staat täglich Menschen in "kleinen Mühlen"
und mit sonstiger Vernichtungsmaschinerie ausrotten
läßt, sodaß sie für ihre Angehörigen für immer verschwinden,
man weiß nicht einmal, wo und wie sie gestorben sind.
Andererseits wird eine passive Widerstandsbewegung
dargestellt. Es sind Menschen, die zwar nicht ins
Ausland zu fliehen vermögen, die aber vom "Lord" in
einer unterirdischen Hölle in der Nähe des Friedhofs versteckt
werden, wo sie ein illegales Leben führen. Die Behörden
sind dieser Massenflucht gegenüber machtlos und können
die Geborgenen nicht finden.
Als
die Mutter nach Wolf sucht, erklärt Karas Geliebter,
der Kommissär, daß der junge Mann höchstwahrscheinlich
hingerichtet worden sei, daß das aber nicht die Hauptsache
sei, sondern das, daß Kara sich selbst schützen und
von Myrthe fernhalten solle, denn auch die Angehörigen
eines Verurteilten würden oft nachts mitgehenkt, und
ihre Freunde seien ebenfalls gefährdet. Als die verzweifelte Myrthe doch
zum Minister Roko gelangt und von diesem mit einstiger
Demut empfangen wird, was wieder ein ironischer Griff
des Erzählers ist, erfährt sie von ihm, daß er zwar
viele Menschen hinrichten ließ, ihren Sohn aber nicht
auf dem Gewissen hat. Man sieht gleichzeitig, daß
er selbst so wie die obersten Machthaber in argwöhnischer
Angst lebt und vor den Anschlägen der Kommissäre und
sogar des Gerechten auf seine Person zittert. Gemäß
dem Versprechen, das er Myrthe gab, erkundigt er sich
beim Stummen nach dem verschwundenen jungen Mann und
erfährt zu seinem Staunen, daß es sehr viele solche
Flüchtlinge gibt, über die der Staat nichts weiß,
Adelige, Künstler, Gelehrte, weiße Offiziere, Kaufleute.
Der Stumme weiß über sie nur zu sagen: "Die Erde
hat sie verschlungen".
Auch
in diesem Roman läßt es sich Rittner nicht entgehen,
Theatermotive einzuführen. Diesmal sind es zwar
keine Theaterspiele, aber sowohl die schöne Gema,
die Geliebte des Gerechten und Freundin des jungen
Spero, des Sohnes des Stummen, als auch Spero selbst
sind leidenschaftliche Schauspieler. Gema macht es
beruflich, Spero aber, der noch an keinem Theater
angestellt wurde, hat zwar eine wundervolle Stimme
und ein fabelhaftes Äußeres, ist aber zu schüchtern,
als daß er vor Publikum hätte
spielen können. Hier setzt ein sensationell-abenteuerlicher
Handlungsfaden ein. Spero übt sich heimlich nachts
im Walde im Deklamieren und wird zum zufälligen Opfer
der Illegalen, die ihn gefangennehmen, da sie ihren
unterirdischen Sitz gut tarnen müssen. Nun suchen
ihn sowohl seine Mutter als auch seine Geliebte Gema,
die beim Gerechten durchsetzt, eine Abteilung der
Miliz gegen diejenigen, die ihn gefangen halten, zu
schicken. Wo ungefähr der Sitz der Opposition sich
befindet, erfuhren die Damen von der Wahrsagerin Genovefa,
was wiederum eine ironisch behandelte Episode ist.
Alle Machthaber der neuen Ordnung erklären Religion
und Aberglauben für Unsinn, sagen sich laut davon
los, aber wenigstens ihre Frauen hängen daran, und
eine Hyäne der Revolution wie Genovefa kann gleichzeitig
eine begnadete Wahrsagerin sein. Der westliche Gesandte,
Dr. Blythe, und sein intelligenter Sekretär kommentieren
ab und zu die Vorgänge in diesem Staat, dessen Heuchelei
sie durchschauen, und erfahren auch von dem Gerücht,
die T