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Orbis Linguarum Vol. 23/2002
Urszula
Kawalec
Wrocław
Der Traum im Erinnerungsbuch
Paula. Ein Fragment von Richard Beer-Hofmann
Dieser einzige Text Beer-Hofmanns, der
einen direkten Bezug auf die persönliche Geschichte
des Autors aufweist, nimmt schon aus diesem Grunde
eine besondere Stellung in seinem Oeuvre ein. Dies
hat der Autor im Vorwort angedeutet, das den fragmentarischen
Charakter dieses Werkes betont, das aus einem spontanen
und oft willkürlichen Erinnern hervorgegangen ist. Dieses Buch habe kaum
etwas mit Dichtung zu tun, wobei diese von
dem Autor primär mit einem der Vorstellungskraft entstammenden
Gebilde identifiziert wird, über das er souverän waltet.
Hier sei die höchste ordnende Instanz nicht der Autor,
sondern der Stoff selbst, d.h. die sich frei aufdrängenden
Erinnerungen, die dem Werk seine Gestalt verleihen.
Dieser nachgelassene Text, dessen bruchstückhaften
Charakter sich nicht nur durch den unmißverständlich
bekundeten Willen, ihn bei so einer Gestalt zu belassen,
sondern auch durch den Tod des Autors erklärt, wurde
von seinem Freund Otto Kallir nachträglich zusammengestellt
und 1949 veröffentlicht. Dieser beteuert in seinem
Nachwort zu dem Erinnerungsbuch, er habe sich an die
Weisungen gehalten, die der Dichter kurz vor seinem
Tode hinterlassen habe und die auf den zwischen November
1941 und Dezember 1944 aufgeschriebenen Dispositionen
basierten. Trotzdem bleibt dieses als Fragment konzipierte Werk notwendig fragmentarischer als
geplant. Nach den Worten des Herausgebers
fehlten schließlich wichtige Übergänge,
waren wesentliche Stellen nur ganz skizzenhaft angedeutet,
während andere ihre endgültige Form gefunden hatten.
Es mußten daher
manchmal kurze Notizen und Hinweise, die nur für das
Selbsterinnern bestimmt gewesen waren, an den
entsprechenden Stellen eingesetzt werden.
Trotz der unumstrittenen Authentizität
dieses Erinnerungsbuches muß die Frage nach dem Bezug
seiner Form zu der von dem Autor intendierten Gestalt
also offen bleiben.
Die Heraufbeschwörung der Vergangenheit, in deren Zentrum die verstorbene
Frau des Dichters steht, dient dem Ziel, das Bild
des teuren Menschen der Öffentlichkeit zu
übermitteln und dabei die durch die Verbundenheit
mit diesem Menschen geheiligte Geschichte festzuhalten.
Dieses Fragment weist hinsichtlich des Inhalts keine
kohärente, geschlossene Struktur auf. Eine chronologische
Abfolge des Geschehens gehört keineswegs zu seinen
konstituierenden Merkmalen. Dieser Eigenschaft des
Textes liegt das Erinnerungsverständnis Beer-Hofmanns
zugrunde, welches den Erinnerungen den primären Charakter
zuerkennt, der vom Willen des den Erinnerungen nachgehenden
Objekts unabhängig ist. Es beginnt mit der Beschreibung
der Wiener Wollzeile, die Beer-Hofmann einige Jahre
seit 1892 bewohnte, und führt über seine Kindheits-
und Jugendepisoden bis hin zum Mittelpunkt der Erzählung
- der Figur seiner
Frau. Eine Abweichung von dem poetologischen
Konzept des Buches, das Sören Eberhardt mit Recht
in der selektiven Aufzeichnung ausschließlich der
schönen und guten Vergangenheit erblickt, stellt dem Anschein nach
der letzte Teil dar, der die bereits nach dem Tode
der Frau im amerikanischen Exil geträumten Träume
zum Gegenstand hat. Sie erscheinen als ein Riß in
dem sonst ungetrübten heraufbeschworenen Bild des
vergangenen Zusammenlebens. In ihnen kommt nämlich
- allerdings nur mittelbar, in einer dem Traum eigenen
entstellten Form - das Wissen um die Wirklichkeit
nach dem Tode Paulas - das "Entsetzliche" zum Vorschein, das in den
früheren Passagen konsequent ausgespart wurde. Das
die Träume von den anderen Textstücken unterscheidende
Moment ist folglich die Grundstimmung. Während die
früheren Passagen deswegen ein "beglückendes Erinnern" sein können, weil sie das
allerdings vergangene Glück thematisieren, wohnt
den meisten Träumen etwas Beunruhigendes inne.
Die Träume verdienen eine besondere Aufmerksamkeit,
weil sie hinsichtlich der Provenienz des Buches einen
ursprünglicheren Charakter als die übrigen Abschnitte
haben: Ihre Niederschrift ging nämlich der Entstehung
der anderen Teile voraus. Es ist kaum möglich zu entscheiden,
inwieweit das Erinnerungsbuch gerade diesen kurzen
Aufzeichnungen sein Zustandekommen verdankt. Das verbindende
Glied ist ohne Zweifel die Gestalt Paulas, die sowohl
in den auf das im Wachen als auch im Traum Erlebte
bezogenen Textstücken ein Zentrum darstellt, von dem
aus das ganze Geschehen angelegt ist.
Festgehalten sind sechs Träume, die Beer-Hofmann innerhalb von fünf Monaten
(April - September) des Jahres 1940, also ein paar
Monate nach dem Tod seiner Frau hatte. Die hier aufgezeichneten
Träume setzen sich von allen im früheren Werk dieses
Autors thematisierten deutlich ab. Im Brennpunkt stehen
hier nämlich keine imaginären Kunstträume, sondern
die wirklichen, der persönlichen Erfahrung entstammenden.
Dem Traum wird die Rolle abgesprochen, die er etwa
in dem "Tod Georgs" hatte. Dort erschien er als Reflex
der kollektiven Zeittendenzen, indem er zur kritischen
Umkehrung des für die Jahrhundertwende so bezeichnenden
Motivs des Lebens als Traum genutzt wurde.
Genauso wenig verbindet den Traum in "Paula"
mit dem Traum in dem "Goldenen Pferd", dessen Funktion
darin bestand, den Charakter des Träumenden zu diagnostizieren.
Obwohl
Beer-Hofmann seine Aufzeichnungen nicht als Dichtung
ansehen will, demonstriert er doch ein kreatives Verhältnis
zu seinen Träumen. Dieses kommt bereits darin zum
Ausdruck, daß er sein Erleben zum Gegenstand der Rezeption
durch den Leser macht, was notwendig eine Reflexion
über die Art der Gestaltung impliziert. Dem privaten
Traum kommt also eine ästhetische Funktion zu, auch
wenn dies nicht unbedingt mit dem expliziten Anliegen
des Autors korrespondiert. Als eine wichtige Prämisse,
welche dazu berechtigt, dieses Werk als ein über einen
rein dokumentarischen Text hinausreichendes zu behandeln,
kann das Motto angesehen werden, das zwei Fragmente
aus "La Vita Nuova" von Dante Alighieri bilden. Das
eine dem Vorwort Beer-Hofmanns vorangestellte Zitat:
Und so darf
ich denn - wenn es Ihm, in welchem alle Dinge leben,
gefällt, daß mein Leben noch einige Jahre dauere -
hoffen, von ihr zu sagen, was von Keiner jemals noch
gesagt worden.
Und dann möge es Dem, der der Herr der Gnaden
ist, gefallen, daß meine Seele von dannen gehen könne,
zu sehen die Herrlichkeit ihrer Gebieterin - -
spielt auf die Absicht Beer-Hofmanns an, in dem Buch seiner
toten Frau ein Denkmal zu setzen und so nicht nur die Außergewöhnlichkeit ihrer Gestalt, sondern auch die
Einmaligkeit der Vermittlung von ihrem Bild hervorzuheben.
Das die erste Aufzeichnung einleitende andere Dante-Zitat:
"Siehe ein Gott, stärker denn ich; er kommt und wird
über mich herrschen!" knüpft
sowohl in der
Vorlage als auch im Text Beer-Hofmanns an das
Erweckungserlebnis an, das die Liebe für beide Dichter
mit sich brachte. Beide Zitate bilden somit eine sehr
schöne literarische Parallele, die schon aus diesem
Grunde die Frage nach der künstlerischen Gestaltung
der Inhalte im Werk Beer-Hofmanns nahelegt. Bei der
ausgesprochen persönlichen Erzählperspektive und
der anvisierten Authentizität des Stoffs bleibt Beer-Hofmann
immer noch ein Dichter, der es bei dem reinen Verzeichnen
des Wahrgenommenen und Erlebten nicht bewenden läßt.
Sein Blick entdeckt eine zusätzliche Dimension der
Dinge und stellt neue Zusammenhänge zwischen ihnen
her. Die zwischen den beiden
Werken bestehende Parallelität ergibt sich auch aus
der Ähnlichkeit der Umstände, die nach dem Tode Beatrices
und Paulas eingetreten sind. So wie die tote Beatrice
dem italienischen Dichter einmal erscheint, so sucht
auch die verstorbene Paula ihren Mann in Träumen
auf. Obwohl Beer-Hofmann sich von der Poetisierung
der Welt lossagen wollte und das Persönliche des Textes
betonte, unterscheiden sich seine Traumdarstellungen
wesentlich von den Traumprotokollen, die etwa Schnitzler
oder Kafka in ihren Tagebüchern lieferten. Sie haben
wenig zu tun mit deren nüchternen, sachlichen, emotionsfreien, ja geradezu unpersönlich anmutenden Traumberichten. Die Traumbeschreibungen
Beer-Hofmanns sind durch das Prisma der poetischen
Vorstellungskraft geformte Eindrücke. Die Ausführlichkeit
der Beschreibung, die Details der berichteten Handlung
sprengen den Rahmen einer
bloßen Traumwiedergabe. Es ist kaum möglich, sich
irgendeinen Traum mit so einer photographischen Genauigkeit
zu merken, wie sie hier vorliegt. In dem letzten Traum
nimmt z.B. die detailreiche Charakteristik der am
Bahnsteig sich drängenden Menschenmenge, welcher der
aus dem Zug aussteigende Richard begegnet, überraschend
viel Platz ein. Darunter finden sich
Frauen, den Kopf fest umspannt von
schwarzen Taft-Tüchern, deren Enden, nach rückwärts
genommen, im Nacken geknotet sind - andere, das Gesicht
beschattet von breitkrempigen, steifen, schwarzen
Hüten, um deren niedere flache Kappe eine gedrehte
Goldschnur, in Goldquasten endend, läuft - buntseidene
gefranste Busentücher - sich bauschende schwarze
Seidenschürzen - den Hals eng umschnürend, viele Reihen
silberner Ketten, von hoher Schließe zusammengehalten.
Im weiteren Verlauf der Handlung schreitet Richard
mit einer Gruppe von Menschen, die in einer unbekannten
Richtung über die Brücke gehen. Es heißt:
Zwischen
gischt - umwirbelten grauen Brückenpfeilern schießen
unter mir hell - grüne Wasser, in steilem Gefäll talab,
die glattgeschliffenen Kuppen roter, weißgefleckter
Marmorblöcke, die aus dem Wasser ragen
[...]
Der
Anblick des unter der Brücke dahinströmenden Flusses
ruft in Richard, der hier als eine dramatis persona
gleichberechtigt auftritt, die Erinnerung an mehrere
glückliche Momente wach, die er mit seiner jungen
Frau eben am Wasser erlebte. Diese Assoziation scheint
eher in den Bereich der im Wachsein geleisteten Denkarbeit
zu passen als ein Bestandteil eines Nachttraums zu
sein, weil der Struktur eines Nachttraumes eher das
Gesehene und nicht das Gedachte zugrunde liegt. Für
die Wahrnehmung im Nachttraum ist vornehmlich der
Gesichtssinn verantwortlich, das Denken ist dagegen
überwiegend dem Wachtraum vorbehalten. Die aus einer
solchen mangelnden Eindeutigkeit resultierende Verwirrung
hängt also mit der spezifischen Darstellungsweise
des Traumes zusammen - hier werden die Träume nicht
inszeniert, sie haben also keine ausgesprochen dramatische
Struktur, sondern sie werden eher episiert. Der Kommentar
des Träumenden, der des öfteren ihnen nachgestellt wird, weckt die Unsicherheit hinsichtlich
der Möglichkeit, zwischen dem zur Traumwelt Gehörenden
und dem dem realen Geschehen Entnommenen zu unterscheiden.
Diese Unsicherheit liegt in der Bedeutung dieser Träume
begründet, die ihnen Beer-Hofmann selbst beigemessen
hat. Sie erscheinen in "Paula" als Medium des
Kontakts mit der verstorbenen Frau, und dadurch bekommen
sie ein außergewöhnliches Gewicht. Maßgeblich
ist hierbei die Interpretation des Geträumten, die
der trauernde Ehemann expressis verbis in Form eines
Kommentars liefert.
Seinen Träumen ist
die Struktur und der Ablauf der Handlung gemeinsam.
Dies erklärt sich durch die Ausgangssituation des
Träumenden, dessen Bewußtsein und Gefühlslage der
Tod seiner Frau geprägt hat. Das Grundschema ist in
ihnen das gleiche: Es wiederholt sich viermal, daß
der Kontakt zwischen den beiden verhindert ist. Paula
verläßt ihren Mann, dem das Bewußtsein, daß er nicht
mitgehen darf, zur unsäglichen
Qual wird. Sie können einander nicht näher kommen
oder - wie es in dem letzten Traum der Fall ist -
Richard wird von Paula getrennt und sucht dann den
Weg zu ihr. Diese Bilder knüpfen, wie Konstanze Fliedl
bemerkt hat, auf die qualvollen Erlebnisse Beer-Hofmanns
an, der nach dem Anschluß Österreich verlassen mußte
und auf dem Weg ins amerikanische Exil seine Frau
verloren hat. Das in dem letzten Traum
vorkommende Motiv der Zugfahrt und der anschließenden
Trennung von seiner Frau, die plötzlich in der Menschenmenge
versinkt, ohne daß ihr Mann sich zu ihr durchdrängen
kann, ist bedeutsam genug.
In diesem
Rückgriff auf die grauenvolle Vergangenheit ist die
Funktion der Träume nicht erschöpft. Sie stehen nämlich
in einem direkten Verhältnis zum gegenwärtigen Erlebnis
des verwitweten Mannes. Paula agiert durch den Traum,
in dem die Verbindung zwischen ihrer neuen jenseitigen
Wirklichkeit und dem Diesseits hergestellt wird.
Sie gibt ihrem Mann Zeichen, daß ihre Beziehung fortdauert.
In diesem Kontext zeichnet sich besonders der erste
Traum aus, der einen unmißverständlichen Symbolwert
besitzt. Der Inhalt sei kurz zusammengefaßt: Paula
neigt sich über den schlafenden Richard, legt ihren
Arm um seinen Kopf und läßt ihre Wange an seiner Wange
entlang gleiten. Daraufhin erwacht Richard. Die den
Bericht abschließende Frage, ob das ganze Geschehen
vielleicht doch als ein reales zu deuten sei, könnte
nur als eine rhetorische Figur, und die geträumte
Szene lediglich als eine Wunschvorstellung betrachtet
werden. Die Realität eines solchen Geschehens bekräftigt
jedoch Beer-Hofmanns Deutung des dritten Traumes vom
ersten Tag seines kurzen Aufenthaltes in Woodstock,
wo er in den Jahren 1940 und 1941 den Sommer verbrachte.
Da wird Beer-Hofmann schon wieder mit einer für seine
nächtlichen
Erlebnisse typischen Situation konfrontiert: Paula
muß fortgehen und er darf nicht mit, was von den beiden
als unsägliches Leid empfunden wird. Wie es auch in
Alpträumen oft vorkommt, können die beiden in ihrer
völligen Hilflosigkeit auch nicht einander näher kommen.
So weinen sie lautlos umeinander und sein eigenes
Aufschluchzen weckt Richard aus dem Schlaf. Diese
Szene bekommt - wieder durch den Kommentar des Dichters
- eine neue Dimension, dank der sie über die Bedeutung
des bloß Episodenhaften hinausgeht. Der Morgen, an
dem dieser Alptraum Richard heimsucht, gleicht nämlich
vielen Sommermorgen, an denen er und seine Frau in
allen gemeinsam verbrachten glücklichen Jahren erwachten.
Dieser mit Verwunderung konstatierte äußere Zusammenhang
der Umstände indiziert eine metaphysische Gemeinsamkeit:
Paula gibt ihm gerade in dieser ersten auf fremdem
Boden verbrachten Nacht ein Zeichen, daß sie auch
dorthin mit ihm gegangen ist. Diese Überzeugung von
ihrer Anwesenheit, das Gefühl der fortdauernden Zusammengehörigkeit
der beiden wird als etwas "Schmerzlich-Süsses" empfunden und läßt den trauernden
Ehemann zur Besinnung kommen: Paulas beschwörende
Worte, die am Ende des letzten und mit unterschiedlichen
Inhalten wohl am schwersten beladenen Traumes gefallen
sind:
Du
m u ß t dich fügen - du m u ß t
! [¥] dein
Weh tut ja m i r weh - alles Schwere was du trägst
muß ich ja m i t dir tragen - und ich bin am Ende
meiner Kraft - schone mich!
enthüllen
die metaphysische
Seite ihrer Beziehung. Paula tut es für ihren
Mann leid, sein Weh schmerzt sie, und dies erlegt
Richard die Verpflichtung auf, aus Rücksicht auf
das Wohl der Frau sein Leid zu beherrschen.
In diesem Kontext verlieren auch die sonst in so
einem Falle berechtigten eschatologischen Überlegungen
an Relevanz. Beer-Hofmann stellt nicht die Frage,
in was für einer Wirklichkeit seine tote Frau jetzt
existiert. Wie wenig der konkrete religiöse Kontext
ihn gegen Lebensende beschäftigt, beweist auch das
Motto, unter dem sein gesamter Text steht: Dieser
jüdische Schriftsteller schöpft aus dem Werk eines
christlichen Dichters. Am Ende bleibt nur der im allgemeinsten
Sinne religiös geprägte Glaube daran, daß der Tod
die menschliche Existenz nicht endgültig beendet.
Wenn alle anderen Teile des Buches als Verwirklichung
des Beer-Hofmannschen Konzeptes von Erinnerung anzusehen
sind, das das Sich-Erinnern als eine Pflicht der Lebenden
gegenüber den Toten, d.h. das Bewahren ihrer Existenz
vor dem vernichtenden Vergessen einschließt, wird
die Gültigkeit dieses Programms gerade in bezug auf
den letzten Teil relativiert. Die Träume bezeugen
nämlich die ständige Anwesenheit Paulas, die in ganz
konkreter Form weiterhin die Existenz ihres Mannes
teilt. Diese Annahme scheint auch die Anordnung einzelner
Abschnitte des Buches zu bekräftigen. Daß
die am frühesten entstandenen Traumaufzeichnungen
den anderen später verfaßten Teilen nachgestellt wurden,
kann als ein Beweis dieses Glaubens gedeutet werden. So gehen die "Träume"
über die Bedeutung eines vervollständigenden
Anhangs hinaus. Sie erfüllen kompositionsgerecht
die Funktion des abschließenden Teils, welcher zugleich
das programmatische Anliegen des Autors verwirklicht. Als
Zeugnis seines Glaubens an eine andere Existenzform
der Beziehung mit der Ehefrau verleihen sie dieser
Liebe eine metaphysische Dimension. Beer-Hofmanns
Verständnis seiner Träume ist vor dem Hintergrund
seines an Thornton Wilder am 9. März 1940 gerichteten
Briefes abzulesen, der kurz vor der Aufzeichnung des
ersten mit Paula verbundenen Traums verfaßt wurde.
Darin gibt der Autor seiner in den letzten persönlichen
Erfahrungen wurzelnden Befürchtung Ausdruck:
Mein
eigenes Denken und Empfinden hat ja - seit meiner
Jugend - immer wieder bangend Sterben und Vergänglichkeit
umkreist. Dennoch hat - wie Unerwartetes,
die Wendung mich erschreckt, dass nicht wir
die Toten vergessen, sondern dass ihr Anteilnehmen
an allem Irdischen, - also auch an den Menschen denen
sie in tiefer Liebe verbunden waren - langsam in ihnen
erlischt, und dass - während unser Schmerz noch, verzweifelt
um sie wirbt, sie umfangen und festhalten möchte -
sie schon ungerührt, in immer weitere Fernen uns entgleiten,
nicht mehr nach uns sich umwendend, wenn unsere verwaiste
Liebe sehnsüchtig nach ihnen ruft."
Daß
diesem Geständnis fast unmittelbar sein erster Traum
folgte, verleiht den Träumen den Charakter eines geradezu
telepathischen Vorgangs. Die Gestalt der toten Paula,
welche darin erscheint und sich direkt an den Mann
wendet, setzt die im Brief angedeuteten Bedenken außer
Kraft und berechtigt den letztendlich von Beer-Hofmann
angenommenen Modus der Interpretation, welche auf
den Fortbestand ihrer Beziehung hinausläuft.