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Orbis Linguarum Vol. 23/2002

Stefan H. Kaszyński

Poznań

Die unkonventionellen Denkwürdigkeiten des Freiherrn von Feuchtersleben

Der traditionsbewusste Wiener Literarhistoriker Herbert Seidler [1] bedauerte 1969 in einem Vortag in der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, dass man die literarischen Verdienste Ernst von Feuchterslebens heutzutage fast gänzlich ver­ges­sen habe, in den Literaturgeschichten werde er nur am Rande der Vormärzdichtung vermerkt und seine Gedichte und Aphorismen finde man bestenfalls in historischen Gattungsanthologien. Diese Rede von Seidler gab den Auftakt zu einer neuen Ge­samtausgabe der Werke von Feuchtersleben [2] , den vorher nur Friedrich Hebbel 1851/53 [3] und Richard Guttmann 1907 [4] in repräsentativen Sammelbänden edierten. Vor allem in diesen Editionen können wir uns vergewissern, dass der berühmte Wie­ner Arzt und Wissenschaftspolitiker einer der talentiertesten österreichischen Aphoristiker der Vormärzzeit war. Ernst von Feuchtersleben (1806-1849) gehörte zu jenen österreichischen Autoren der Grillparzer-Zeit, die sich durchaus der Son­der­rolle des aphoristischen Denkens in der literarischen Kommunikation bewusst waren, was nicht heißen soll, dass er die Bedeutung seiner eigenen Aphorismen überschätzte. Im Gegenteil, er betrachtete sie vor allem als kreative Denkhilfe, die es ihm erlaubte, seine eigenen Überzeugungen kritisch zu reflektieren. Der Apho­ris­mus schafft Distanz zwischen dem weltidealisierenden Denker und dem zum Handeln verpflichteten Arzt, Wissenschaftler und Politiker. Als Kind seiner Zeit hatte Feuchtersleben recht früh begriffen, dass ein aphoristisches Vermitteln seiner individuellen Gedankengänge keinesfalls die ernste Auseinandersetzung mit der Realität ersetzen kann. Der Aphorismus macht es aber möglich, die Realität in ihren Widersprüchen zu erblicken und sie außerhalb des Systemdenkens zu defi­nieren, jedoch nicht als Endresultat, sondern lediglich als Anregung zum Weiter­denken:

Aphorismen können nur, insoweit sie Resultate sind, auf Mittelbarkeit Anspruch ma­chen. Einfälle, als solche, mitzuteilen, setzt entweder große Anmaßung voraus, indem man sie für wichtig hält, oder Selbstgeringschätzung, indem man sich zu Be­lustigung des Augenblickes hergibt. Resultate aber nenne ich nicht nur das Ab­schließende, sondern auch das aus der Betrachtung von Problemen sich ergebende Anregende. [5]

Der angeführte Aphorismus von Feuchtersleben illustriert sein persönliches Ver­hält­nis zu dieser Form der Sich-selbst-Mitteilung, Aphorismen sind für ihn durch­aus brauch­bare Anregungen, die zwar seine Zweifel bewusst machen, sie aber kei­nes­falls aus der Welt schaffen, denn:

Man kann nicht alles aphoristisch, nicht alles systematisch sagen [6] ,

behauptete er in einem anderen, selbstreflektierenden Aphorismus. Die Zweifel an der Mitteilungskunst, die ihn so verunsichert, trifft genau die sensible Stelle der österreichischen Literatur, nämlich das mangelnde Vertrauen auf die Möglichkeit, die außerliterarischen Zustände durch literarische Aussagen in ihrem Werdegang zu beeinflussen. Das immanente Misstrauen, eine Haltung, die die österreichische Literatur seit Grillparzer kennzeichnet, und die in verstärktem Maße die Literatur der Moderne - Hofmannsthal, Kraus, Musil - und der Spätmoderne - Aichinger, Bernhard, Handke - determiniert, resultiert aus dem unzureichenden Selbstbe­wusst­­sein der Autoren. In seinem Aufsatz "Worin unterscheiden sich die österrei­chi­schen Dichter von den übrigen?" [7] geht Franz Grillparzer bereits 1837 den ästhe­tisch verschlüsselten Grundhaltungen der österreichischen Schriftsteller nach und deutet sie als Identitätskomplexe, die es den Dichtern nicht erlauben, in weltan­schaulich eindeutigen Kategorien zu urteilen. Auf der einen Seite, so Grillparzer, steht der gesunde Menschenverstand, auf der anderen die Erkenntnisunsicherheit. Das eine schützt die österreichischen Autoren vor unüberlegten romantischen Phan­tastereien, das andere versperrt ihnen den Weg zur klaren Beurteilung der erfahre­nen Wirklichkeit. Diese Mängel müssen sich aber nicht unbedingt negativ auf das Erscheinungsbild der österreichischen Literatur auswirken, im Gegenteil, sie kön­nen sie philosophisch bereichern, zumal die Thematisierung der Unsicherheit sie weltanschaulich und ästhetisch attraktiv gegenüber den anderen Literaturen, ins­be­sondere der deutschen, macht. Werke, darunter auch die Aphorismen von Schnitz­ler, Musil, Kafka oder Canetti, sprechen dafür.

Die österreichischen Schriftsteller zweifeln nicht an der Realität, sondern an der Möglichkeit, sie beschreiben zu können. Somit wird die Narrativik und nicht die Realität zum wahren Problem dieser Literatur, so ist es bei Stifter, Lenau, Grill­par­zer, Nestroy und auch bei Feuchtersleben. Das konventionelle Beschreibungs­mus­ter muss deshalb bei kreativen österreichischen Schriftstellern durch ein alternati­ves Denkmuster ersetzt werden. Nicht das lineare, systematische Denken, sondern das punktuelle aphoristische Denken bietet sich als alternativer Zugang zur Gestal­tung der Wahrheit an. Diesen ungewöhnlichen Zug der österreichischen Literatur kann man schon in der Vormärzzeit beobachten, am deutlichsten an den Beispielen von Grillparzer und Feuchtersleben.

Das Verhältnis von Grillparzer und Feuchtersleben beruhte auf einer gegensei­ti­gen Achtung. Feuchtersleben hat in Grillparzer das Vorbild eines souveränen Den­kers gesehen, der mit seinen kritischen Zeitkommentaren den Seelenzustand seiner Landsleute diagnostiziert. Es bleibt dahingestellt, ob der Seelenarzt Feuchtersleben Grillparzers aphoristische Tagebucheintragungen kannte, er kannte aber mit Sicher­heit Grillparzers kritische Urteile über die Verhältnisse in Österreich und er wusste sehr wohl, dass das aphoristische Denken seines intellektuellen Weggenossen eine durch die literarische Form verschleierte Systemkritik bedeutete, ganz gleich ob man das Wort System philosophisch, ästhetisch oder gesellschaftlich versteht. Grill­par­zer schätzte seinerseits das intellektuelle Format Feuchterslebens sehr hoch, was er in seinem Beitrag "Meine Erinnerung an Feuchtersleben" [8] deutlich zum Ausdruck bringt. Einerseits sieht er in ihm einen geistesverwandten Reformdenker, anderer­seits akzeptiert er ihn als mutigen Schriftsteller, der vor allem in seinen Aphoris­men das geistige Profil seiner Zeit in Frage stellt. Im Unterschied zu den essayisti­schen oder wissenschaftlichen Publikationen boten die kunstverwandten Aphoris­men von Feuchtersleben die Möglichkeit, indirekt über Dinge zu sprechen, über die man, nicht zuletzt der Zensur wegen, nie unmittelbar schreiben durfte. Diese Eigen­schaft des Aphorismus erklärt zum Teil die Popularität dieser literarischen Klein­form bei den von der Zensur geplagten Autoren, zu denen auch Grillparzer, Nes­troy und Feuchtersleben gehörten. Es ist daher kein Zufall, dass Richard Guttmann in seiner biographischen Skizze [9] über Feuchtersleben gerade die Zensur als einen sinnerklärenden Kontext der literarischen Tätigkeit des Wiener Dichters in den Vor­dergrund rückt.

Der Baron Ernst von Feuchtersleben war zunächst ein Seelenarzt, ein Ministe­rialbeamter im Rang eines Unterstaatssekretärs und erst dann ein Schriftsteller. Aus seiner praktischen Berufslaufbahn wusste er recht gut, was man mit Literatur errei­chen kann und überschätzte keineswegs ihre gesellschaftliche Funktion. Wenn er sich literarisch artikuliert hat, dann tat er es, um die Wirklichkeit zu kommentieren und nicht, um sie zu ändern. Mit dem Schreiben von literarischen Texten hat er recht früh angefangen, die Literatur, die er später wegen seiner beruflichen Belas­tungen aufgegeben hat, war für ihn eine Nische, in die er sich zurückgezogen hat, um Dis­tanz zum Alltag zu suchen. Er hat Gedichte, Erzählungen, dramatische Stücke und literaturkritische Essays verfasst, berühmt wurde er durch sein Buch "Zur Diätetik der Seele" (1838); all das hat man inzwischen vergessen, aktuell sind nur seine Aphorismen geblieben, und das vor allem deswegen, weil sie sich mit ihrem un­kon­ventionellen Denken dem Gedankenstrom ihrer Zeit widersetzen. Diesen am Rande seiner ärztlichen, pädagogischen und politischen Aktivitäten dem Tagebuch anvertrauten Denkwürdigkeiten hat Feuchtersleben keinen praktischen Wert beige­messen, es waren eher Kommentare eines verzweifelten Weltverbesserers, der seine aktuellen Diagnosen in system- und zeitlose literarische Formeln kleidete.

Das Weltbild der Aphorismen Feuchterslebens lässt sich immerhin durch seine Zeit und seine Lebensumstände deuten. Im Innersten ist er genau wie sein Vorbild Grillparzer Josephiner geblieben; wie seine Biographen bezeugen, war ihm zeit­le­bens näher zu Goethe als zu Kant und Schiller. In einem sinnstiftenden Aphoris­mus zum Selbstverständnis des Autors heißt es:

Kant und Goethe! Das sind Pharusse unserer Bildung. Sehe jeder zu, wo es ihm ge­bricht: ob an Ausbildung des Subjekts, ob an Aufgeschlossenheit für die Objekte - und wende er sich, nach diesem Bedürfnisse, dort oder hierhin. [10]

Der Dualismus dieser Aussage trifft den Kern der weltanschaulichen Haltung von Feuchtersleben; in seiner Weltauffassung bleibt er liberal, seine Lebenserfahrung bringt ihn aber zu der Überzeugung, dass es zwischen dem Denken und Handeln Freiräume gibt, die man der "Diätetik der Seele" wegen mit alternativen Weltbil­dern füllen kann, mit Literatur gewissermaßen, als Kompensation für die praktisch unerreichbaren Ideale.

Der Mitbegründer der österreichischen Psychopathologie, Ernst von Feuchters­leben, hat sich nicht zufällig wissenschaftlich und literarisch mit dem Begriff der Kompensation auseinander gesetzt. In einem eigens zu diesem Thema verfassten Aphorismus formuliert er seinen Standpunkt, indem er sich diesem ihn persönlich betreffenden Problem naturphilosophisch stellt:

Die Idee der Kompensation im sittlichen wie im körperlichen All ist groß und prak­tisch; eine fortzeugende, unschätzbare Geburt der Naturphilosophie, ein Schema, wel­ches dem Denker allenthalben als Gesetz vorschwebt. [11]

Die Kompensation - verstanden als Naturgesetz - erlaubt es ihm, zugleich in zwei Welten zu leben, was weitgehend den oben angesprochenen Dualismus Kant-Goethe als Lebenshaltung legitimiert. Der Dichter darf alternative Welten entwerfen, der Wissenschaftspolitiker muß Realitäten akzeptieren. Die Aphorismuswelt von Feuch­tersleben ist der Aphorismuswelt von Goethe ähnlich, der ja absichtlich einen Teil seiner Aphorismen in die "Farbenlehre" und einen anderen in die "Wahlverwandt­schaften" delegierte. Auch wenn Feuchterslebens Hauptwerk die "Diätetik der See­le" ist, so bleiben seine Aphorismen der wahre Schlüssel zum komplizierten Welt­bild des Wiener Gelehrtendichters. Die Zweifel an der wahrnehmbaren und schein­bar veränderbaren Wirklichkeit, die den Psychologen Feuchtersleben beunruhigen, lassen sich nur als alternatives Denken aphoristisch fassen, deswegen kommen so­wohl den fortschrittlich als auch den konservativ denkenden Zeitgenossen Feuch­terslebens Aphorismen bestenfalls als widersprüchliche Denkwürdigkeiten vor. Wenn dem so ist, dann gehört Feuchtersleben neben Franz Grillparzer, Johann Nes­troy und Marie Ebner von Eschenbach zu den wichtigsten Aphoristikern Öster­reichs im 19. Jahrhundert, die, wie man heute schätzt, von ihrer Zeitperspektive aus weit über ihre Zeit hinausdachten.

Wie aus den publizierten Textvorlagen hervorgeht, war die Aphorismuswelt von Feuchtersleben mehrdimensional programmiert. Ähnlich wie bei Goethe lassen sich auch bei ihm seine zahlreichen Betätigungsfelder aphoristisch identifizieren. "Man glaubt mitunter, wenn man irgend einen Aphorismus Feuchterslebens liest, Goethe selbst reden zu hören" [12] , heißt es in einem literarhistorischen Kommentar. Die thematische Einteilung seiner Aphorismen hat der Dichter bereits selbst vorge­zeichnet [13] , und seine Herausgeber sind dann dieser Spur sorgfältig nachgegangen. Zwar spekulierte Guttmann im Vorwort [14] zu seiner Feuchtersleben-Ausgabe über diverse Möglichkeiten der Einteilung der Aphorismen nach philosophischen Krite­rien (Metaphysik, Ethik, Ästhetik Religion, Psychologie usw.), er beugt sich jedoch am Ende den Anforderungen des Dichters, die Aphorismen nach den Betätigungs­feldern des Autors in drei Kategorien einzugliedern, d.h. in Aphorismen über Le­ben, Wissen und Kunst. Andere Herausgeber, darunter Seidler, halten sich zwar nicht an diese Vorgabe, aber auch die von ihm geforderte Aphorismenanordnung lässt sich leicht auf diese thematische Grundlinie zurückführen.

Es gibt mehrere sachbezogene und poetologische Gründe, die für eine solche Gliederung sprechen; zum einen steht hierfür der gesamte Kontext der intellektu­ellen Aktivitäten Feuchterslebens, zum anderen das Fehlen von poetologischen Innovationen im Aphorismuswerk des Wiener Poeta doctus. Sein ästhetisches Be­wusstsein ist an sich klassisch geformt; im Unterschied zu den von ihm wenig ge­schätzten Romantikern hat er keinen Sinn für Experimente mit der Aussageform. Formal orientieren sich seine Aphorismen an den poetologischen Grundmustern von Goethe und Grillparzer, bestenfalls noch an denen von Jean Paul. Die Hori­zonte seiner Erfahrungswelt bedürfen keiner ästhetischen Experimente, was nicht bedeutet, dass er vornehmlich als konservativer Dichter einzuschätzen ist. Dage­gen spricht schon sein liberaler Reformgeist. Was seinem Ansehen als Dichter schadet, ist die Tatsache, dass man in ihm einen Epigonen der Klassiker sehen will; dabei stimmt das nur partiell, etwa in Bezug auf seine Lyrik oder den eher misslun­genen dramatischen Versuch. Nimmt man aber die Aphorismen als Beweisstücke für seine Originalität, so zeigt es sich, dass er als kreativer Denker den meisten seiner Zeitgenossen weit überlegen war. Er war kein Denker im herkömmlichen Sinne. Als Philosoph hat er keine systembildenden Qualitäten, er dachte aber krea­tiv, in aphoristischer, das heißt in antisystematischer Weise. Einer der modernen amerikanischen Germanisten, Ivar Ivask [15] , bezeichnete den Aphorismus als öster­reichische Art des Philosophierens; die Aphorismen von Feuchtersleben scheinen dieser metaphorisch gewagten These Rechnung zu tragen.

In der Thematisierung der Aphorismen von Feuchtersleben stehen seine philo­so­phischen und wissenschaftlichen Denkwürdigkeiten ganz oben. Es ist nicht ein­fach, die beiden Bereiche in den aphoristischen Texten sauber interpretatorisch von­einander zu trennen, weil der eine aus dem anderen hervorgeht und sich weltan­schaulich ergänzt. Als Schüler der Wiener "Theresianischen Akademie" wurde der Autor der "Diätetik der Seele" von Anfang an konstruktiv auf das Leben einge­stellt, deswegen wählte er auch gegen den Willen seiner aristokratischen Familie das Studium der Medizin; der Beruf des Arztes sollte ihm einen praktischen Halt in der philosophischen Unsicherheit der Existenz geben. Diese für seine Zeit recht unkonventionelle Geisteskomponente kommt oft in seinen reflexiven Aphorismen zum Tragen. Eigentlich träumt er von der Harmonie und, wie der angeführte Apho­rismus zeigt, versucht, sie in verschieden Bereichen seiner Tätigkeit zu suchen:

Die Philosophie lehrt uns unser Los begreifen; die Religion lehrt uns es mit Er­ge­bung tagen; die Kunst lehre es verschönern. [16]

Er zerlegt seine Gedankenwelt in Bestandteile und ordnet ihnen hermeneutische Ei­gen­schaften zu, über deren Analyse er zum Selbstverständnis seiner Komplexe gelangt. Es ist ein überaus moderner Vorgang, den er hier anwendet, und man merkt ihm an, dass man es mit einem Seelenarzt zu tun hat, der über die Selbst­analyse die Welterkenntnis anstrebt. Dem Verstehen stellt er ein Nachdenken vor­an, als Zielsetzung und Methode zugleich. Der logische Aufbau dieser Aussage beweist indirekt, dass ihr Autor sich bewusst der Kunst des Aphorismus verschrie­ben hat, denn er kann auf diese Weise einen Gedanken formulieren, ohne ihn vor­her wissenschaftlich beschreiben zu müssen.

Oft, und nicht rein zufällig, wird Feuchtersleben in den populären Nachschla­ge­werken als Philosoph bezeichnet, zumal der Erkenntniswert seiner wissenschaft­li­chen und literarischen Erzeugnisse auch in philosophischen Kategorien zu messen ist. Seine Erkenntniswege sind allerdings weitgehend unkonventionell, sie münden in aphoristische Pointierungen, die sich keineswegs in ein Systemdenken einordnen lassen.

Es ist gewiß, das zuletzt alle Philosophie in eine Identitätslehre zusammenfließt. Der echte gründliche Dualismus ist im Grunde identisch mit dieser Identitäts­dok­trin. Denn Analyse und Synthese sind so eins wie Expansion und Kontraktion. Wissen­schaft wäre dann nur vollendete Wissenschaft, wenn sie eins aus allem und alles aus einem erklären könnte. Dann wäre, wie im Universum, auch in ihr keine Lücke. [17]

Literarisch ist der angeführte Text zu diskursiv, um ein vollkommen gelungener Aphorismus zu sein, andererseits erklärt er in mancher Hinsicht die weltanschau­li­che Haltung des Autors, die, wie der Text zeigt, methodologisch weitgehend apho­ristisch fundiert ist. Nur im Aphorismus gelingt es ihm nämlich, die Identitäts­dok­trin in ihrer immanenten Widersprüchlichkeit zu überbrücken.

Die aphoristischen Denkwürdigkeiten Feuchterslebens sind meistens antidoktrinär:

Auf der Erkenntnis beruht die Freiheit. [18]

Das Wort Freiheit bedeutet ihm, einem weltoffenen Naturwissenschaftler, mehr als einem existentiell verbohrten Dichter, seine Freiheit ist sachlich, zielorientiert und nicht metaphorisch zu verstehen. Wie die meisten klassischen Aphorismen von Goethe sind auch die Aphorismen Feuchterslebens prinzipiell antimetaphorisch, ihr Weltbild hängt nicht an schillernden Metaphern, sondern an der Herausforderung der Erkenntnisbegriffe. Denker und Wissenschaftler sind stets auf der Suche nach universalen Grundbegriffen, Goethe hat seinerzeit die "Urpflanze" erfunden, Feuch­tersleben begnügt sich mit dem Wort "Seele". Dieses Wort ist an sich ein zentraler Begriff seines gesamten Schaffens, und der Begriff ist so programmiert, das man ihn zugleich wissenschaftlich und metaphysisch verstehen kann, für den Arzt und Psychologen ist es ein Schlüssel zum Innenleben des Menschen, für den Denker und Schriftsteller ein Zeichen der Zeitlosigkeit.

Die menschliche Seele kann es sich nicht verhehlen, daß ihr Glück doch zuletzt nur in der Erweiterung ihres innersten Wesens und Besitzes bestehe... [19]

Die Seele als Gegenstand des Menschseins ist die philosophische Herausforderung Feuchterslebens; dort, wo die Sicherheit des Arztes versagt, bleibt die Intuition des Dichters als Erkenntnisweg frei. Dieses Bewusstsein liegt den meisten Aphorismen des Wiener Seelenarztes als Motivation zugrunde.

Man hat noch nicht bestimmt, bei welchem Grade Seelendisharmonie der Wahnsinn anfange. [20]

Was ihm als Denker verschwebt, ist, dem Sinn des Lebens auf die Spur zu kom­men, seine Aphorismen umkreisen thematisch dieses Geheimnis der menschlichen Existenz, ohne es essentiell erfassen zu können:

Das Leben des Menschen erscheint als ein geheimnisvoller Kreislauf, in welchem das Ursprüngliche, Einfache geläutert, vervielfacht endlich wieder zur Erscheinung kommt, der Anfang als Ende wiederkehrt. So lernt man, was man weiß, so wird man was man war. [21]

Feuchtersleben weiß sehr wohl, dass die von ihm als Arzt und Wissenschaftler be­obachteten Geschicke des Lebens nur Symptome einer ihm unzugänglichen meta­physischen Wirklichkeit sind, in der alles ohne sein Zutun vorbestimmt und be­schlossen wurde. Der Philosoph ahnt, was der Wissenschaftler nicht sehen kann. Diese Beschränkung im Erkenntnisweg lässt sich nur durch die Kunst überbrücken, deswegen Feuchterslebens Vorliebe für die Literatur. Man kann spekulieren ob er seine Aphorismen aus Verzweiflung oder aus Lust am wissenschaftlich unerlaub­ten Formulieren schreibt, eins ist klar, er kann mittels seiner Aphorismen Urteile aussprechen, die, auch wenn sie wahr sind, sich wissenschaftlich nicht verifizieren lassen.

Das Geschick ist stumm; ihm gegenüber sei es der Mensch. [22]

Dieser aphoristische Satz zeigt indirekt, worin die Aphorismuskunst Feuchters­le­bens besteht: Das Geschick ist als Schicksal dem Menschen unerkennbar, der Mensch ist aber ein Werkzeug des Schicksals; der Sinn der Gegenüberstellung beruht auf der Gegenüberstellung und nicht auf der Deutung der beiden gegenüberstehenden Ele­mente, von denen das eine göttlicher und das andere weltlicher Herkunft ist. Das Schlüsselwort bleibt aber das Wort "stumm", in ihm konzentriert sich das Geheim­nis der Unendlichkeit. Die logische Konstruktion des Satzes erfasst die Aussage als Antwort, dabei bleibt ist sie im philosophischen Sinne eine unbeantwortete Frage. Gerade eine derartige Satzkonstruktion macht Feuchterslebens Aphorismen zu un­konventionellen Denkwürdigkeiten.

Die Denkwürdigkeiten des Freiherrn von Feuchtersleben sind meistens als Le­bensweisheiten aufzufassen, besonders seine kurzen Aphorismen vermitteln über paradoxe Wahrnehmungen der Realität eine Weisheit, die logisch unbegreiflich bleibt und in voller Pracht die Geschicke des Lebens moderiert:

Das Geschick spricht durch die Ereignisse; durch Taten spreche der Mensch. [23]

Wo nichts mehr zu enträtseln bleibt, hört unser Anteil auf. [24]

Der Glaube gibt durch sich selbst, was er verheißt. [25]

Die drei als Aphorismen verzierten Lebensweisheiten bekräftigen die Annahme, dass Feuchtersleben mit seinen literarischen Exkursen auf der Suche nach Ant­wor­ten ist, die ihm als einem in kausalen Zusammenhängen denkenden Wissenschaft­ler ver­wehrt bleiben. Die Hinwendung zum Aphorismus ist eine rhetorische Maßnahme, die den Schein der Wahrheit für eine alternative Wahrheit empfinden lässt. Selbst­verständlich ist das ein Selbstbetrug, so wie es letztendlich jede Kunst ist. Feuch­tersleben schien das zu wissen, was gewissermaßen die recht hohe Anzahl von Kunst­aphorismen in seinem Schaffen beweist.

Alle Kunst ist Symbolik. Wenn sie bedeutungslos bleibt, wird sie Handwerk; wenn sie allegorisiert, wird sie Philosophie. Das sind ihre Abwege. [26]

Dieser Satz, der ebenso gut von Goethe stammen könnte, versucht der Kunst einen erkenntnistheoretischen Status einzuräumen, der, gleichweit von Philosophie (Denk­werk) und Wissenschaft (Handwerk) entfernt, die gleichen Ziele verfolgt; die Kunst ist für Feuchtersleben eine alternative Lesart der Wirklichkeit. Klar wird diese Ver­mutung erst beim Lesen einer weiteren sinndeutenden aphoristischen Tagebuch­ein­tragung des Wiener Arztes:

Das Wesen des Wissens ist Analysis, der Kunst Synthesis. Den Zwiespalt zwischen Innerem und Äußerem kann und will die Wissenschaft nicht lösen; sie die ihn eigent­lich geboren hat. Aber die Kunst versöhnt, indem sie Wirklichkeit und Ideal in einem lebendigen Ganzen darstellt, in welchem sich beide harmonisch durchdringen, so daß es kein Innen und Außen, keinen Gedanken ohne Körper und keinen Leib ohne Seele mehr gibt. [27]

Demzufolge ist die Kunst der unmittelbarste Weg zur Erkenntnis logisch uner­klär­barer Geheimnisse der Seele. Als Psychopathologe und Künstler hat Feuchters­le­ben Erfahrungen gesammelt, die es ihm möglich machten, lange vor Sigmund Freud die symbolisch verschlüsselte Kunst zu einem Erkenntnisinstrument der menschli­chen Natur zu entwickeln. Dass seine Absichten sich wenigstens zum Teil in diese Richtung entwickelten, bezeugt die in einem anderen Aphorismus vermittelte Schluß­folgerung:

Die Wirkung ist die Probe eines Kunstwerkes, aber nicht dessen Zweck. [28]

Die Sinndeutung des Aphorismus ist einfach zu begreifen: Die Wirkung ist nicht der Zweck eines Kunstwerkes, sein Ziel ist die Erkenntnis; die Kunst bleibt ein unkonventioneller Weg der Erkenntnis, aber ohne die Wirkung kann das Kunst­werk sein Ziel nicht erreichen.

Wie eingangs erwähnt wurde, blieb Baron von Feuchtersleben in seiner inneren Überzeugung ein Kind seiner Zeit, als kritischer Zeitzeuge und praktisch enga­gier­ter Reformer war er kein romantisch weltfremder Dichter. Als Denker hat er sich die Methoden der Kunst untergeordnet, wobei das Sprechen in aphoristisch zuge­spitzten Sätzen es ihm erlaubte, anerkannte, unzeitgemäße Weisheiten seiner Zeit anzuzweifeln. Aber die in der späteren österreichischen Literatur weit verbreitete Skepsis war nicht seine Lebenshaltung als Schriftsteller. Er wollte wissen, um reformieren zu können; was er angezweifelt hat, war nicht die Wahrheit, sondern die falschen Erkenntniswege der Wahrheit seiner Zeit. Diese Haltung hat er recht deutlich in einem seiner eher trostlosen Aphorismen ausgedrückt:

Skeptizismus ist Schwäche. Man resigniert sich beim Gewahrwerden von Schwie­rig­keiten, die der Mutige mit Ausdauer bekämpft. Halbe Ärzte sind meist Skepti­ker. [29]

Ernst von Feuchtersleben war sicherlich ein ganzer Arzt, ein praktischer Idealist, also ein Aphoristiker sui generis.

 



[1] Herbert Seidler: Ernst Freiherr von Feuchtersleben, seine geistes- und literatur­wissen­schaftliche Stellung in der österreichischen Restaurationszeit. In: Anzeiger der öster­reichischen Akademie der Wissenschaften, phil.-hist. Klasse Jg. 106 (1969) S. 235-249.

[2] Ernst Freiherr von Feuchtersleben: Sämtliche Werke und Briefe. Kritische Ausgabe. He­raus­gegeben von Herbert Seidler † und Hedwig Heger. Verlag der Österreichischen Aka­demie der Wissenschaften. Wien 1987.

[3] Ernst Freiherr von Feuchtersleben: Sämtliche Werke. Mit Ausschluß der rein medizi­ni­schen. Herausgegeben von Friedrich Hebbel. Gerold Verlag Wien 1851-1853. 7 Bände.

[4] Ernst Freiherr von Feuchtersleben: Ausgewählte Werke. Fünf Teile in einem Bande. Herausgegeben von Richard Guttmann. Max Hesses Verlag Leipzig o.J. (1907).

[5] Vgl. Anm. 2, Bd. 1, S. 27.

[6] Vgl. Anm. 2, Bd. 3, S. 294.

[7] Franz Grillparzer: Sämtliche Werke. Herausgegeben und mit Anmerkungen versehen von Peter Frank / Karl Pörnbacher. Carl Hanser Verlag, München 1964, Bd. 3. S. 809.

[8] Vgl. Anm. 6. Bd. 4, S. 221-224.

[9] Vgl. Anm. 4. S. 12ff.

[10] Ernst Freiherr von Feuchtersleben: Zur Diätetik der Seele nebst Ausgewählten Aphoris­men. Für die Deutsche Bibliothek herausgegeben von Dr. Rudolf Eisler. Deutsche Bi­bliothek in Berlin o.J., S. 178.

[11] Vgl. Anm. 7, S. 177.

[12] Vgl. Anm. 4, S. 34.

[13] Aphorismen enthalten die zu Lebzeiten Feuchterslebens herausgegebenen Sammelbände: Beiträge zur Literatur, Kunst und Lebenstheorie, Wien 1837 und Lebensblätter, Wien 1841.

[14] Vgl. Anm. 4, S. 4.

[15] Ivar Ivask: Theologie der Grammatik: Der Aphorismus als die österreichische Form des Philosophierens. In: Das Große Erbe. Aufsätze zur österreichischen Literatur von Otto Basil, Herbert Eisenreich, Ivar Ivask. Stiasny Verlag Graz und Wien 1962, S. 40.

[16] Vgl. Anm. 10, S. 185.

[17] Vgl. Anm. 10, S. 175-176.

[18] Vgl. Anm. 4, S. 188.

[19] Vgl. Anm. 10, S. 162.

[20] Vgl. Anm. 10, S. 159.

[21] Vgl Anm. 4, S. 180.

[22] Vgl. Anm. 4, S. 183.

[23] Vgl. Anm. 4, S. 184.

[24] Vgl. Anm. 4, S. 186.

[25] Vgl. Anm. 4, S. 181.

[26] Vgl. Anm. 10, S. 181.

[27] Vgl. Anm.10, S. 181-182.

[28] Vgl. Anm.10, S. 181.

[29] Vgl. Anm. 4, S. 189.

 
 
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