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Orbis Linguarum Vol. 23/2002
Stefan
H. Kaszyński
Poznań
Die unkonventionellen Denkwürdigkeiten
des Freiherrn von Feuchtersleben
Der traditionsbewusste Wiener Literarhistoriker Herbert Seidler bedauerte 1969 in einem Vortag
in der Österreichischen Akademie der Wissenschaften,
dass man die literarischen Verdienste Ernst von Feuchterslebens
heutzutage fast gänzlich vergessen habe, in den
Literaturgeschichten werde er nur am Rande der Vormärzdichtung
vermerkt und seine Gedichte und Aphorismen finde man
bestenfalls in historischen Gattungsanthologien. Diese
Rede von Seidler gab den Auftakt zu einer neuen Gesamtausgabe
der Werke von Feuchtersleben, den vorher nur Friedrich Hebbel
1851/53 und Richard Guttmann 1907 in repräsentativen Sammelbänden
edierten. Vor allem in diesen Editionen können wir
uns vergewissern, dass der berühmte Wiener Arzt und
Wissenschaftspolitiker einer der talentiertesten österreichischen
Aphoristiker der Vormärzzeit war. Ernst von Feuchtersleben
(1806-1849) gehörte zu jenen österreichischen Autoren
der Grillparzer-Zeit, die sich durchaus der Sonderrolle
des aphoristischen Denkens in der literarischen Kommunikation
bewusst waren, was nicht heißen soll, dass er die
Bedeutung seiner eigenen Aphorismen überschätzte.
Im Gegenteil, er betrachtete sie vor allem als kreative
Denkhilfe, die es ihm erlaubte, seine eigenen Überzeugungen
kritisch zu reflektieren. Der Aphorismus schafft
Distanz zwischen dem weltidealisierenden Denker und
dem zum Handeln verpflichteten Arzt, Wissenschaftler
und Politiker. Als Kind seiner Zeit hatte Feuchtersleben
recht früh begriffen, dass ein aphoristisches Vermitteln
seiner individuellen Gedankengänge keinesfalls die
ernste Auseinandersetzung mit der Realität ersetzen
kann. Der Aphorismus
macht es aber möglich, die Realität in ihren
Widersprüchen zu erblicken und sie außerhalb des Systemdenkens
zu definieren, jedoch nicht als Endresultat, sondern
lediglich als Anregung zum Weiterdenken:
Aphorismen
können nur, insoweit sie Resultate sind, auf Mittelbarkeit
Anspruch machen. Einfälle, als solche, mitzuteilen,
setzt entweder große Anmaßung voraus, indem man sie
für wichtig hält, oder Selbstgeringschätzung, indem
man sich zu Belustigung des Augenblickes hergibt.
Resultate aber nenne ich nicht nur das Abschließende,
sondern auch das aus der Betrachtung von Problemen
sich ergebende Anregende.
Der angeführte Aphorismus von Feuchtersleben illustriert sein
persönliches Verhältnis zu dieser Form der Sich-selbst-Mitteilung,
Aphorismen sind für ihn durchaus brauchbare Anregungen,
die zwar seine Zweifel bewusst machen, sie aber keinesfalls
aus der Welt schaffen, denn:
Man kann
nicht alles aphoristisch, nicht alles systematisch
sagen,
behauptete er in einem anderen,
selbstreflektierenden Aphorismus. Die Zweifel an der
Mitteilungskunst, die ihn so verunsichert, trifft
genau die sensible Stelle der österreichischen Literatur,
nämlich das mangelnde Vertrauen auf die Möglichkeit,
die außerliterarischen Zustände durch literarische
Aussagen in ihrem Werdegang zu beeinflussen. Das immanente
Misstrauen, eine Haltung, die die österreichische
Literatur seit Grillparzer kennzeichnet, und die in
verstärktem Maße die Literatur der Moderne - Hofmannsthal,
Kraus, Musil - und der Spätmoderne - Aichinger, Bernhard,
Handke - determiniert, resultiert aus dem unzureichenden
Selbstbewusstsein der Autoren. In seinem Aufsatz
"Worin unterscheiden sich die österreichischen Dichter
von den übrigen?" geht Franz Grillparzer bereits
1837 den ästhetisch verschlüsselten Grundhaltungen
der österreichischen Schriftsteller nach und deutet
sie als Identitätskomplexe, die es den Dichtern nicht
erlauben, in weltanschaulich eindeutigen Kategorien
zu urteilen. Auf der einen Seite, so Grillparzer,
steht der gesunde Menschenverstand, auf der anderen
die Erkenntnisunsicherheit. Das eine schützt die österreichischen
Autoren vor unüberlegten romantischen Phantastereien,
das andere versperrt ihnen den Weg zur klaren Beurteilung
der erfahrenen Wirklichkeit. Diese Mängel müssen
sich aber nicht unbedingt negativ auf das Erscheinungsbild
der österreichischen Literatur auswirken, im Gegenteil,
sie können sie philosophisch bereichern, zumal die
Thematisierung der Unsicherheit sie weltanschaulich
und ästhetisch attraktiv gegenüber den anderen Literaturen,
insbesondere der deutschen, macht. Werke, darunter
auch die Aphorismen von Schnitzler, Musil, Kafka
oder Canetti, sprechen dafür.
Die
österreichischen Schriftsteller
zweifeln nicht an der Realität, sondern an
der Möglichkeit, sie beschreiben zu können. Somit
wird die Narrativik und nicht die Realität zum wahren
Problem dieser Literatur, so ist es bei Stifter, Lenau,
Grillparzer, Nestroy und auch bei Feuchtersleben.
Das konventionelle Beschreibungsmuster muss deshalb
bei kreativen österreichischen Schriftstellern durch
ein alternatives Denkmuster ersetzt werden. Nicht
das lineare, systematische Denken, sondern das punktuelle
aphoristische Denken bietet sich als alternativer
Zugang zur Gestaltung der Wahrheit an. Diesen ungewöhnlichen
Zug der österreichischen Literatur kann man schon
in der Vormärzzeit beobachten, am deutlichsten an
den Beispielen von Grillparzer und Feuchtersleben.
Das
Verhältnis von Grillparzer und Feuchtersleben beruhte
auf einer gegenseitigen Achtung. Feuchtersleben
hat in Grillparzer das Vorbild eines souveränen Denkers
gesehen, der mit seinen kritischen Zeitkommentaren
den Seelenzustand seiner Landsleute diagnostiziert.
Es bleibt dahingestellt, ob der Seelenarzt Feuchtersleben
Grillparzers aphoristische Tagebucheintragungen
kannte, er kannte aber mit Sicherheit Grillparzers
kritische Urteile über die Verhältnisse in Österreich
und er wusste sehr wohl, dass das aphoristische Denken
seines intellektuellen Weggenossen eine durch die literarische Form verschleierte Systemkritik
bedeutete, ganz gleich ob man das Wort System
philosophisch, ästhetisch oder gesellschaftlich versteht.
Grillparzer schätzte seinerseits das intellektuelle
Format Feuchterslebens sehr hoch, was er in seinem
Beitrag "Meine Erinnerung an Feuchtersleben" deutlich zum Ausdruck bringt. Einerseits
sieht er in ihm einen geistesverwandten Reformdenker,
andererseits akzeptiert er ihn als mutigen Schriftsteller,
der vor allem in seinen Aphorismen das geistige Profil
seiner Zeit in Frage stellt. Im Unterschied zu den
essayistischen oder wissenschaftlichen Publikationen
boten die kunstverwandten Aphorismen von Feuchtersleben
die Möglichkeit, indirekt über Dinge zu sprechen,
über die man, nicht zuletzt der Zensur wegen, nie unmittelbar schreiben durfte.
Diese Eigenschaft des Aphorismus erklärt zum Teil
die Popularität dieser literarischen Kleinform bei
den von der Zensur geplagten Autoren, zu denen auch
Grillparzer, Nestroy und Feuchtersleben gehörten.
Es ist daher kein Zufall, dass Richard Guttmann in
seiner biographischen Skizze über Feuchtersleben gerade die
Zensur als einen sinnerklärenden Kontext der literarischen Tätigkeit des Wiener
Dichters in den Vordergrund rückt.
Der Baron Ernst von Feuchtersleben war zunächst ein Seelenarzt, ein Ministerialbeamter
im Rang eines Unterstaatssekretärs und erst dann ein
Schriftsteller. Aus seiner praktischen Berufslaufbahn
wusste er recht gut, was man mit Literatur erreichen
kann und überschätzte keineswegs ihre gesellschaftliche
Funktion. Wenn er sich literarisch artikuliert hat,
dann tat er es, um die Wirklichkeit zu kommentieren
und nicht, um sie
zu ändern. Mit dem Schreiben von literarischen Texten
hat er recht früh angefangen, die Literatur,
die er später wegen seiner beruflichen Belastungen
aufgegeben hat, war für ihn eine Nische, in die er
sich zurückgezogen hat, um Distanz zum Alltag zu
suchen. Er hat Gedichte, Erzählungen, dramatische
Stücke und literaturkritische Essays verfasst, berühmt
wurde er durch sein Buch "Zur Diätetik der Seele"
(1838); all das hat man inzwischen vergessen, aktuell
sind nur seine Aphorismen geblieben, und das vor allem
deswegen, weil sie sich mit ihrem unkonventionellen
Denken dem Gedankenstrom ihrer Zeit widersetzen. Diesen
am Rande seiner ärztlichen, pädagogischen und politischen
Aktivitäten dem Tagebuch anvertrauten Denkwürdigkeiten
hat Feuchtersleben keinen praktischen Wert beigemessen,
es waren eher Kommentare
eines verzweifelten Weltverbesserers, der seine aktuellen
Diagnosen in system- und zeitlose literarische Formeln
kleidete.
Das Weltbild der Aphorismen Feuchterslebens lässt
sich immerhin durch seine Zeit und seine Lebensumstände
deuten. Im Innersten ist er genau wie sein Vorbild
Grillparzer Josephiner geblieben; wie seine Biographen
bezeugen, war ihm zeitlebens näher zu Goethe als
zu Kant und Schiller. In einem sinnstiftenden Aphorismus
zum Selbstverständnis des Autors heißt es:
Kant
und Goethe! Das sind Pharusse unserer Bildung. Sehe
jeder zu, wo es ihm gebricht: ob an Ausbildung des
Subjekts, ob an Aufgeschlossenheit für die Objekte
- und wende er sich, nach diesem Bedürfnisse, dort
oder hierhin.
Der
Dualismus dieser Aussage trifft den Kern der weltanschaulichen
Haltung von Feuchtersleben; in seiner Weltauffassung
bleibt er liberal, seine Lebenserfahrung bringt ihn
aber zu der Überzeugung, dass es zwischen dem Denken
und Handeln Freiräume gibt, die man der "Diätetik
der Seele" wegen mit alternativen Weltbildern füllen
kann, mit Literatur gewissermaßen, als Kompensation
für die praktisch unerreichbaren Ideale.
Der Mitbegründer der österreichischen Psychopathologie, Ernst von Feuchtersleben,
hat sich nicht zufällig wissenschaftlich und literarisch
mit dem Begriff der Kompensation auseinander gesetzt.
In einem eigens zu diesem Thema verfassten Aphorismus
formuliert er seinen Standpunkt, indem er sich diesem
ihn persönlich betreffenden Problem naturphilosophisch
stellt:
Die
Idee der Kompensation im sittlichen wie im körperlichen
All ist groß und praktisch; eine fortzeugende, unschätzbare
Geburt der Naturphilosophie, ein Schema, welches
dem Denker allenthalben als Gesetz vorschwebt.
Die
Kompensation - verstanden als Naturgesetz - erlaubt
es ihm, zugleich in zwei Welten zu leben, was weitgehend den oben angesprochenen
Dualismus Kant-Goethe als Lebenshaltung legitimiert.
Der Dichter darf alternative Welten entwerfen, der
Wissenschaftspolitiker muß Realitäten akzeptieren. Die Aphorismuswelt von
Feuchtersleben ist der Aphorismuswelt von
Goethe ähnlich, der ja absichtlich einen Teil seiner
Aphorismen in die "Farbenlehre" und einen anderen
in die "Wahlverwandtschaften" delegierte. Auch wenn
Feuchterslebens Hauptwerk die "Diätetik der Seele"
ist, so bleiben seine Aphorismen der wahre Schlüssel
zum komplizierten Weltbild des Wiener Gelehrtendichters.
Die Zweifel an der wahrnehmbaren und scheinbar veränderbaren
Wirklichkeit, die den Psychologen Feuchtersleben beunruhigen,
lassen sich nur als alternatives Denken aphoristisch
fassen, deswegen kommen sowohl den fortschrittlich
als auch den konservativ denkenden Zeitgenossen Feuchterslebens
Aphorismen bestenfalls als widersprüchliche Denkwürdigkeiten
vor. Wenn dem so ist, dann gehört Feuchtersleben neben
Franz Grillparzer, Johann Nestroy und Marie Ebner
von Eschenbach zu den wichtigsten Aphoristikern Österreichs
im 19. Jahrhundert, die, wie man heute schätzt, von
ihrer Zeitperspektive aus weit über ihre Zeit hinausdachten.
Wie
aus den publizierten Textvorlagen hervorgeht, war
die Aphorismuswelt von Feuchtersleben mehrdimensional
programmiert. Ähnlich wie bei Goethe lassen sich auch
bei ihm seine zahlreichen Betätigungsfelder aphoristisch
identifizieren. "Man glaubt mitunter, wenn man irgend
einen Aphorismus Feuchterslebens liest, Goethe selbst
reden zu hören", heißt es in einem literarhistorischen
Kommentar. Die thematische Einteilung seiner Aphorismen
hat der Dichter bereits selbst vorgezeichnet, und seine Herausgeber sind dann
dieser Spur sorgfältig nachgegangen. Zwar spekulierte
Guttmann im Vorwort zu seiner Feuchtersleben-Ausgabe
über diverse Möglichkeiten der Einteilung der Aphorismen
nach philosophischen Kriterien (Metaphysik, Ethik,
Ästhetik Religion, Psychologie usw.), er beugt sich
jedoch am Ende den Anforderungen des Dichters, die
Aphorismen nach den Betätigungsfeldern des Autors
in drei Kategorien einzugliedern, d.h. in Aphorismen
über Leben, Wissen und Kunst. Andere Herausgeber,
darunter Seidler, halten sich zwar nicht an diese
Vorgabe, aber auch die von ihm geforderte Aphorismenanordnung
lässt sich leicht auf diese thematische Grundlinie
zurückführen.
Es
gibt mehrere sachbezogene und poetologische Gründe,
die für eine solche Gliederung sprechen; zum einen
steht hierfür der gesamte Kontext der intellektuellen
Aktivitäten Feuchterslebens, zum anderen das Fehlen
von poetologischen Innovationen im Aphorismuswerk
des Wiener Poeta doctus. Sein ästhetisches
Bewusstsein ist an sich klassisch geformt; im Unterschied
zu den von ihm wenig geschätzten Romantikern hat
er keinen Sinn für Experimente mit der Aussageform.
Formal orientieren sich seine Aphorismen an den poetologischen
Grundmustern von Goethe und Grillparzer, bestenfalls
noch an denen von Jean Paul. Die Horizonte seiner
Erfahrungswelt bedürfen keiner ästhetischen Experimente,
was nicht bedeutet, dass er vornehmlich als konservativer
Dichter einzuschätzen ist. Dagegen spricht schon
sein liberaler Reformgeist. Was seinem Ansehen als
Dichter schadet, ist die Tatsache, dass man in ihm
einen Epigonen der Klassiker sehen will; dabei stimmt
das nur partiell, etwa in Bezug auf seine Lyrik oder
den eher misslungenen dramatischen Versuch. Nimmt
man aber die Aphorismen als Beweisstücke für seine
Originalität, so zeigt es sich, dass er als kreativer
Denker den meisten seiner Zeitgenossen weit überlegen
war. Er war kein Denker im herkömmlichen Sinne. Als
Philosoph hat er keine systembildenden Qualitäten,
er dachte aber kreativ, in aphoristischer, das heißt
in antisystematischer Weise. Einer der modernen amerikanischen
Germanisten, Ivar Ivask, bezeichnete den Aphorismus als
österreichische Art des Philosophierens; die Aphorismen
von Feuchtersleben scheinen dieser metaphorisch gewagten
These Rechnung zu tragen.
In der Thematisierung der Aphorismen von Feuchtersleben stehen seine philosophischen
und wissenschaftlichen Denkwürdigkeiten ganz oben.
Es ist nicht einfach, die beiden Bereiche
in den aphoristischen Texten sauber interpretatorisch
voneinander zu trennen, weil der eine aus dem anderen
hervorgeht und sich weltanschaulich ergänzt. Als
Schüler der Wiener "Theresianischen Akademie" wurde
der Autor der "Diätetik der Seele" von Anfang an konstruktiv
auf das Leben eingestellt, deswegen wählte er auch
gegen den Willen seiner aristokratischen Familie das
Studium der Medizin; der Beruf des Arztes sollte ihm
einen praktischen Halt in der philosophischen Unsicherheit
der Existenz geben. Diese für seine Zeit recht unkonventionelle
Geisteskomponente kommt oft in seinen reflexiven Aphorismen
zum Tragen. Eigentlich träumt er von der Harmonie
und, wie der angeführte Aphorismus zeigt, versucht,
sie in verschieden Bereichen seiner Tätigkeit zu suchen:
Die
Philosophie lehrt uns unser Los begreifen; die Religion
lehrt uns es mit Ergebung tagen; die Kunst lehre
es verschönern.
Er
zerlegt seine Gedankenwelt in Bestandteile und ordnet
ihnen hermeneutische Eigenschaften zu, über deren
Analyse er zum Selbstverständnis seiner Komplexe gelangt.
Es ist ein überaus moderner Vorgang, den er hier anwendet,
und man merkt ihm an, dass man es mit einem Seelenarzt
zu tun hat, der über die Selbstanalyse die Welterkenntnis
anstrebt. Dem Verstehen stellt er ein Nachdenken voran,
als Zielsetzung und Methode zugleich. Der logische
Aufbau dieser Aussage beweist indirekt, dass ihr Autor
sich bewusst der Kunst des Aphorismus verschrieben
hat, denn er kann auf diese Weise einen Gedanken formulieren,
ohne ihn vorher wissenschaftlich beschreiben zu müssen.
Oft,
und nicht rein zufällig, wird Feuchtersleben in den
populären Nachschlagewerken als Philosoph bezeichnet,
zumal der Erkenntniswert seiner wissenschaftlichen
und literarischen Erzeugnisse auch in philosophischen
Kategorien zu messen ist. Seine Erkenntniswege sind
allerdings weitgehend unkonventionell, sie münden
in aphoristische Pointierungen, die sich keineswegs
in ein Systemdenken einordnen lassen.
Es
ist gewiß, das zuletzt alle Philosophie in eine Identitätslehre zusammenfließt.
Der echte gründliche
Dualismus ist im Grunde identisch mit dieser Identitätsdoktrin.
Denn Analyse und Synthese sind so eins wie Expansion
und Kontraktion. Wissenschaft wäre dann
nur vollendete Wissenschaft, wenn sie eins aus allem
und alles aus einem erklären könnte. Dann wäre, wie
im Universum, auch in ihr keine Lücke.
Literarisch
ist der angeführte Text zu diskursiv, um ein vollkommen
gelungener Aphorismus zu sein, andererseits erklärt
er in mancher Hinsicht die weltanschauliche Haltung
des Autors, die, wie der Text zeigt, methodologisch
weitgehend aphoristisch fundiert ist. Nur im Aphorismus
gelingt es ihm nämlich, die Identitätsdoktrin in
ihrer immanenten Widersprüchlichkeit zu überbrücken.
Die aphoristischen Denkwürdigkeiten Feuchterslebens
sind meistens antidoktrinär:
Auf der Erkenntnis
beruht die Freiheit.
Das Wort Freiheit bedeutet ihm, einem weltoffenen Naturwissenschaftler,
mehr als einem existentiell verbohrten Dichter, seine
Freiheit ist sachlich, zielorientiert und nicht metaphorisch
zu verstehen. Wie die meisten klassischen Aphorismen
von Goethe sind auch die Aphorismen Feuchterslebens
prinzipiell antimetaphorisch, ihr Weltbild hängt nicht
an schillernden Metaphern, sondern an der Herausforderung
der Erkenntnisbegriffe. Denker und Wissenschaftler
sind stets auf der Suche nach universalen Grundbegriffen, Goethe hat seinerzeit die "Urpflanze"
erfunden, Feuchtersleben begnügt sich mit
dem Wort "Seele". Dieses Wort ist an sich ein zentraler
Begriff seines gesamten Schaffens, und der Begriff
ist so programmiert, das man ihn zugleich wissenschaftlich
und metaphysisch verstehen kann, für den Arzt und
Psychologen ist es ein Schlüssel zum Innenleben des
Menschen, für den Denker und Schriftsteller ein Zeichen
der Zeitlosigkeit.
Die
menschliche Seele kann es sich nicht verhehlen, daß
ihr Glück doch zuletzt nur in der Erweiterung ihres
innersten Wesens und Besitzes bestehe...
Die Seele als Gegenstand des Menschseins ist die philosophische
Herausforderung Feuchterslebens; dort, wo die Sicherheit
des Arztes versagt, bleibt die Intuition des Dichters
als Erkenntnisweg frei. Dieses Bewusstsein liegt den
meisten Aphorismen des Wiener Seelenarztes als Motivation
zugrunde.
Man hat noch
nicht bestimmt, bei welchem Grade Seelendisharmonie
der Wahnsinn anfange.
Was ihm als Denker verschwebt, ist, dem Sinn des Lebens auf
die Spur zu kommen, seine Aphorismen umkreisen thematisch
dieses Geheimnis der menschlichen Existenz, ohne es
essentiell erfassen zu können:
Das
Leben des Menschen erscheint als ein geheimnisvoller
Kreislauf, in welchem das Ursprüngliche, Einfache
geläutert, vervielfacht endlich wieder zur Erscheinung
kommt, der Anfang als Ende wiederkehrt. So lernt man,
was man weiß, so wird man was man war.
Feuchtersleben weiß sehr wohl, dass die von ihm als Arzt und
Wissenschaftler beobachteten Geschicke des Lebens
nur Symptome einer ihm unzugänglichen metaphysischen
Wirklichkeit sind, in der alles ohne sein Zutun vorbestimmt
und beschlossen wurde. Der Philosoph ahnt, was der
Wissenschaftler nicht sehen kann. Diese Beschränkung
im Erkenntnisweg lässt sich nur durch die Kunst überbrücken,
deswegen Feuchterslebens Vorliebe für die Literatur.
Man kann spekulieren ob er seine Aphorismen aus Verzweiflung
oder aus Lust am wissenschaftlich unerlaubten Formulieren
schreibt, eins ist klar, er kann mittels seiner Aphorismen
Urteile aussprechen, die, auch wenn sie wahr sind,
sich wissenschaftlich nicht verifizieren lassen.
Das Geschick
ist stumm; ihm gegenüber sei es der Mensch.
Dieser aphoristische Satz zeigt indirekt, worin die
Aphorismuskunst Feuchterslebens
besteht: Das Geschick ist als Schicksal dem Menschen
unerkennbar, der Mensch ist aber ein Werkzeug des
Schicksals; der Sinn der Gegenüberstellung beruht
auf der Gegenüberstellung und nicht auf der Deutung
der beiden gegenüberstehenden Elemente, von denen
das eine göttlicher und das andere weltlicher Herkunft
ist. Das Schlüsselwort bleibt aber das Wort "stumm",
in ihm konzentriert sich das Geheimnis der Unendlichkeit.
Die logische Konstruktion des Satzes erfasst die Aussage
als Antwort, dabei bleibt ist sie im philosophischen
Sinne eine unbeantwortete Frage. Gerade eine derartige
Satzkonstruktion macht Feuchterslebens Aphorismen
zu unkonventionellen Denkwürdigkeiten.
Die
Denkwürdigkeiten des Freiherrn von Feuchtersleben
sind meistens als Lebensweisheiten aufzufassen, besonders
seine kurzen Aphorismen vermitteln über paradoxe Wahrnehmungen
der Realität eine Weisheit, die logisch unbegreiflich
bleibt und in voller Pracht die Geschicke des Lebens
moderiert:
Das Geschick
spricht durch die Ereignisse; durch Taten spreche
der Mensch.
Wo nichts
mehr zu enträtseln bleibt, hört unser Anteil auf.
Der Glaube
gibt durch sich selbst, was er verheißt.
Die drei als Aphorismen verzierten
Lebensweisheiten bekräftigen die Annahme, dass
Feuchtersleben mit seinen literarischen
Exkursen auf der Suche nach Antworten ist,
die ihm als einem in kausalen Zusammenhängen denkenden
Wissenschaftler verwehrt bleiben. Die Hinwendung
zum Aphorismus ist eine rhetorische Maßnahme, die
den Schein der Wahrheit für eine alternative Wahrheit
empfinden lässt. Selbstverständlich ist das ein Selbstbetrug,
so wie es letztendlich jede Kunst ist. Feuchtersleben
schien das zu wissen, was gewissermaßen die recht
hohe Anzahl von Kunstaphorismen in seinem Schaffen
beweist.
Alle
Kunst ist Symbolik. Wenn sie bedeutungslos bleibt,
wird sie Handwerk; wenn sie allegorisiert, wird sie
Philosophie. Das sind ihre Abwege.
Dieser Satz, der ebenso gut von Goethe stammen könnte, versucht
der Kunst einen erkenntnistheoretischen
Status einzuräumen, der, gleichweit von Philosophie
(Denkwerk) und Wissenschaft (Handwerk) entfernt, die gleichen
Ziele verfolgt; die Kunst ist für Feuchtersleben eine
alternative Lesart der Wirklichkeit. Klar wird diese
Vermutung erst beim Lesen einer weiteren sinndeutenden
aphoristischen Tagebucheintragung des Wiener Arztes:
Das
Wesen des Wissens ist Analysis, der Kunst Synthesis.
Den Zwiespalt zwischen Innerem und Äußerem kann und will die Wissenschaft nicht lösen;
sie die ihn eigentlich geboren hat. Aber die Kunst
versöhnt, indem sie Wirklichkeit und Ideal
in einem lebendigen Ganzen darstellt, in welchem sich
beide harmonisch durchdringen, so daß es kein Innen
und Außen, keinen Gedanken ohne Körper und keinen
Leib ohne Seele mehr gibt.
Demzufolge ist die Kunst der unmittelbarste Weg zur Erkenntnis
logisch unerklärbarer Geheimnisse der Seele. Als
Psychopathologe und Künstler hat Feuchtersleben
Erfahrungen gesammelt,
die es ihm möglich machten, lange vor Sigmund
Freud die symbolisch verschlüsselte Kunst zu einem
Erkenntnisinstrument der menschlichen Natur zu entwickeln.
Dass seine Absichten sich wenigstens zum Teil in diese
Richtung entwickelten, bezeugt die in einem anderen
Aphorismus vermittelte Schlußfolgerung:
Die Wirkung
ist die Probe eines Kunstwerkes, aber nicht dessen
Zweck.
Die
Sinndeutung des Aphorismus ist einfach zu begreifen:
Die Wirkung ist nicht der Zweck eines Kunstwerkes,
sein Ziel ist die Erkenntnis; die Kunst bleibt ein
unkonventioneller Weg der Erkenntnis, aber ohne die
Wirkung kann das Kunstwerk sein Ziel nicht erreichen.
Wie eingangs erwähnt wurde, blieb Baron von Feuchtersleben in seiner inneren
Überzeugung ein Kind seiner Zeit, als kritischer Zeitzeuge
und praktisch engagierter Reformer war er kein romantisch
weltfremder Dichter. Als Denker hat er sich die Methoden
der Kunst untergeordnet, wobei das Sprechen in aphoristisch
zugespitzten Sätzen es ihm erlaubte, anerkannte,
unzeitgemäße Weisheiten seiner Zeit anzuzweifeln.
Aber die in der späteren österreichischen Literatur
weit verbreitete Skepsis war nicht seine Lebenshaltung
als Schriftsteller. Er wollte wissen, um reformieren
zu können; was er angezweifelt hat, war nicht die
Wahrheit, sondern die falschen Erkenntniswege der
Wahrheit seiner Zeit. Diese Haltung hat er recht deutlich
in einem seiner eher trostlosen Aphorismen ausgedrückt:
Skeptizismus
ist Schwäche. Man resigniert sich beim Gewahrwerden
von Schwierigkeiten, die der Mutige mit Ausdauer
bekämpft. Halbe Ärzte sind meist Skeptiker.
Ernst
von Feuchtersleben war sicherlich ein ganzer Arzt,
ein praktischer Idealist, also ein Aphoristiker sui
generis.