Download
dieses Dokuments als pdf-Datei
Diskutieren Sie mit Kollegen über diesen Artikel im
Forum.
Orbis Linguarum Vol. 23/2002
Traute Foresti
Wien
Kleine Poetentrilogie
I
Werner
Schwab. In seinen Wort-Gedanken-Wortballungszentren spielt sich immer das
gleiche ab. Es geht um soziales Verhalten, vornehmlich
im familiären Bereich und ausgehend von diesem, im
mitmenschlichen Umfeld. Wobei die Überzeichnung,
die "barocke" Sprache, ganz anders als etwa bei Jean
Genet, zu dem gewisse "Verwandtschaftsgrade" mir möglich
erscheinen, aus Schwabs Sozialkritik aus seinen anthropologischen
Labyrinthen wahre Höllenspektakel erzeugen. Von einer
Kraft, von kulminierender Potenz, die den Beschauer,
so er das Spiel sich intensiv vergönnt, fast auseinandersprengt,
zerreißt.
"Ja,
die Alleinigkeit als Projektionsfläche fordert ihr
schlammiges Recht" läßt er Johanna in Messaliance
sagen. Diese seine ungeheure Alleinigkeit zwingt ihn
zu projizieren, das Elend, die Kotze, die dem Sensiblen
begegenet sind. Und er bedient sich dieser gewaltsam-artifiziellen
Sprache, macht einige seiner Stücke zu Symbiosen seiner
bildhauerischen Kraft mit dramatischer Intensität.
"Unser
Ich ist Alles, das ein Alles sein muß. Und das Alles
ist eine Phantasie aller Menschheitsmenschen" sagt Johanna an anderer Stelle. Und es gelingt
dem Zauberer, den ihm innerlich folgenden Menschheitsmenschen
in das Alles zu begleiten, auch nur einen Abend lang,
um sein Ich mit dem Alles eins werden zu lassen.
II
Friederike
Mayröckers Bücher sind eine kollossale Inszenierung ihrer Ich-Persönlichkeit.
Ihre Transzendenz mag eine scheinbare sein. Um die
Unmenge von sprunghaften Ein-fällen Zu-fällen in ein
Ordnungssystem, sprich Buch zu transportieren, bedient
sich die Dichterin eines riesigen Zubringerapparats.
Wie ständig aufleuchtende Lämpchen blitzen Bilder,
Wortfetzen, Gelesenes, Gehörtes, Impressionen, Erlebtes,
Geträumtes auf und werden eingefangen, aufgespießt,
abgeschrieben, aufgezeichnet und schließlich in das
großmaschige Netz der Fischerin geworfen. Ja und
da lebt es dann erst richtig und wurlt und springt,
silbrig glänzende, bläuliche, hellrote, irisierende
Fischchen aller Weltmeere wurden zu dieser Inszene
aus den Tiefen der Meere des Unbewußten in die klare
Luft einer nicht zur Ruhe kommenden Bewußtheit geangelt.
Und hier füllen sie Seiten um Seiten, um ihrer selbst
willen, der vielfältigen Capriolen ihres Ichs wegen.
Eine so in ständiger Kommunikation mit sich selbst
befindliche Persönlichkeit ist eine Rarität auf Autorenbühnen.
Und darin liegt auch ihre Besonderheit, ihre Einmaligkeit.
Eine Kunst
der Selbstinszenierung, wie wir sie nur erträumen,
nie aber realisieren können.
III
Thomas
Bernhard. Bei ihm ist
die "österreichische Seele" schlechthin im Visier.
Die Urgrunddepression dieser Vielvölkerseele bricht
aus allen Poren in Bernhards Menschen. So sehr, daß
man beim Lesen seiner Prosa unweigerlich selbst in
Depression verfällt. Vorsicht ist geboten, nicht in
diese höchst kunstvolle und gleichzeitig brisante
Einkreisungstaktik Bernhards zu geraten und damit
den Boden unter den Füßen zu verlieren. Aber vielleicht
ist gerade das beabsichtigt. Sieh dich an, betrachte
dich doch selbst, ganz wahrhaftig, ohne beschönigende,
abschwächende Eigenanalyse. Durch das variantenreiche,
sprachlich virtuose Immer-neu-formulieren von Charakterisierungen,
gerade auch von real existierenden Figuren werden
Wesenszüge in beängstigender Deutlichkeit zur Schau
gestellt und dann noch mit Scheinwerfern angestrahlt,
um ja nichts zu unterschlagen. Ein Psychoanalytiker
von höchstem Können, das dann eben Kunst bedeutet,
ist hier am Werk. Wie leicht könnten seine Worttiraden
an den Rand der Geschwätzigkeit geraten, wären sie
nicht von solcher Präzision. Und ich wage zu denken,
daß sein Umgang mit Sprache gar nicht so sehr ein
kalkulierter ist, als ein geniales sich Einspielen
in sein Instrument, als ein Tasten, Fühlen und im
rechten Augenblick sich Einbringen in das Werk. Direkte
Verbindung zur Musik, einer tiefen Liebe Bernhards.
Wortsymphonische Schöpfung, alles verbindender Rhythmus,
sie vertragen nur Lauterkeit, nicht Verschleierung,
nicht Lüge.
Thomas Bernhard
- der kompromißloseste, der wahrhaftigste, bis zur
Selbstauslieferung wahrhaftige Dichter unseres Landes
und - allen zum Trotz - ein großer Liebender.