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Orbis Linguarum Vol. 23/2002
Edyta Danowska
Zielona Góra
Die Atriden-Tetralogie: Gerhart
Hauptmanns mythisches Modell
Wenn wir von den Griechen reden, reden
wir
unwillkürlich zugleich von heute und
gestern. [1]
Angesichts der Neigung des griechischen
Mythos zur Vieldeutigkeit des Sinnpotentials und
der Mannigfaltigkeit der interpretatorischen Vorgehensweisen
kann die Tatsache nicht verwundern, dass Künstler
jeder literar-historischen Epoche mehr oder weniger
nur sein "aktualisierbares Substrat" in ihren Werken
abrufen. Dabei ist offensichtlich, dass der griechische
Mythos, der in die Gegenwartsliteratur oder -kunst
eindringt, nicht mehr der gleiche ist, der in der
archaischen Gesellschaft existierte. Mit der Ausbildung
der Hochkultur und dann der Hochreligion lockerte
sich die Verbindung des Mythos zum Kultischen und
im Ergebnis dieses Prozesses hat er "sich verselbständigt".
Zudem wurde der Mythos schriftlich fixiert und uns
in dieser Form überliefert. Auf seiner "Wanderung"
durch aufeinander folgende Kulturen wurde der Mythos
modifiziert, aber sein mythisches Substrat, sein ihm
inhärentes Denk- und Erfahrungssystem blieben konstant.
Der Literarisierungsprozess
des griechischen Mythos hat schon mit den ältesten
Mythendarstellungen von Homer und Hesiod begonnen
und dauert bis heute an. Methodisch unterscheidet
sich die Arbeit am Mythos in der Moderne nicht von
der in der Antike.
Nach
Manfred Fuhrmann wird sowohl die antike als auch die
gegenwärtige Rezeption durch die Struktur variierender
mythischer Substrate geprägt und vorangetrieben.
Dies beweisen die verschiedenen Ausformungen derselben
Mythen bei den attischen Tragikern, wo das mythische
Element jeweils in Varianten existiert.
Wie
Aischylos, Sophokles und Euripides im Dionysostheater
am Fuße der Akropolis um den Sieg im tragischen Wettstreit
rivalisierten und ihre Tragödien aufeinander reagierten
und sich zu überbieten suchten - dieses produktive
Konkurrenzverhältnis in der dramatischen Arbeit am
Mythos (...) wurde für Generationen neuzeitlicher
Autoren zum entscheidenden Muster eines zugleich
traditionsbezogenen und innovativen Schreibens im
Spannungsfeld von Anknüpfung und Abweichung, Wiederholung
und Widerspruch, von imitatio, variatio und aemulatio. [2]
Bei der Aufnahme
alter Stoffe ging es den alten Tragikern nicht darum,
etwas thematisch Neues zu bieten, weil der Rückgriff
auf einen bekannten Mythos einen unmittelbaren Reiz
für die Zuschauer des 5. Jahrhunderts v. Chr. besaß.
Der bekannte Sagenkreis wurde zu einem Signal, das
bestimmte Assoziationen unter den Theaterbesuchern
hervorrief und mit der schon bekannten Aufführung
verglichen werden konnte.
Die modernen Dramatiker, denen
auch Gerhart Hauptmann zuzurechnen ist, scheinen das
Rezeptionsverfahren bei den alten Tragikern abgeschaut
zu haben. Es geht dabei nicht um eine weitgehende
Veränderung und eine starke Modifizierung des mythologischen
Urbildes und seinen inhaltlichen Kern, sondern vielmehr
um eine Art der Stellungnahme zu dem im Mythos enthaltenen
Sinnpotential.
Die durch Gerhart Hauptmann
in der in den Jahren 1940-1945 entstandenen Atriden-Tetralogie
vorgenommene Revision antiker Welt führt von einer
scharfen Auseinandersetzung mit dem Archetypus über
die Polemik gegen die antike Fassung bis hin zur
völligen Negation des Archaischen und trägt auf der
Grundlage alter Überlieferungen zur Entstehung neuer
Inhalte und Werte bei.
Der aus den Einzelwerken
"Iphigenie in Aulis", "Agamemnons Tod", "Elektra"
und "Iphigenie in Delphi" bestehende Zyklus knüpft
an den in der antiken Tragödie des Euripides (Iphigenie
in Aulis), Aischylos (Orestie) und Sophokles (Elektra)
ausgeformten Atriden-Mythos an und steht zugleich
in einem intertextuellen Dialog mit Johann Wolfgang
von Goethes "Iphigenie auf Tauris" (1786).
Die ostentative
Nutzung antiker Substrate wird oft in der Forschung
als Resultat historisch und situational bedingter
Sinndefizite gedeutet, denn durch den Rückgriff auf
den anerkannten Bestandteil des Kulturgutes will man
sich Lösungsangebote verschaffen. Es gibt aber Auffassungen,
dass das Aufgreifen des alten Mythos in der Atriden-Tetralogie
eine Flucht aus der eigenen Wirklichkeit des Autors
bedeute.
Für
Volker Riedel liefern die Thesen nur einen unwiderlegbaren
Beweis für das unbestrittene Fortleben und Fortwirken
der antiken Tradition in der modernen Literatur. Über
die Antike der eigenen Gegenwart beizukommen und mit
ihr abzurechnen, hält er für ein besonders geeignetes
und zutreffendes stilistisches Mittel.
Wenn
auch der entscheidende Anlaß, sich mit einer Kultur
der Vergangenheit zu befassen, die Bedürfnisse der
Gegenwart sind und das Altertum keineswegs um seiner
selbst willen beschworen wird, so ist doch nicht zu
übersehen, daß bei allem Vorrang aktueller Erfordernisse
die Qualität einer historischen Erscheinung von erheblichem
Gewicht ist und daß faktisch gerade das "Erbe der
Alten" sich als äußerst lebendig und im besonderen
Maße als geeignet erweist, Fragestellungen der eigenen
Zeit zu reflektieren. [3]
Die Bearbeitung der mythischen
Substanz im modernen Drama verläuft immer in einer
parallelen Beziehung zu der Zeitfrage, denn "die jeweilige
Einstellung zur Antike ist Selbstdarstellung der stellungnehmenden
Zeit und Nation, Besinnung auf eigenes Wesen und Schicksal,
Versuch zur Verwirklichung der eigenen Art." [4]
Diese Thesen gelten auch
für die Atriden-Tetralogie, die als eine der wichtigsten
und imponierendsten Dichtungen Gerhart Hauptmanns
betrachtet wird, und die ständig in der Hauptmann-Forschung
zur Diskussion über das Eindringen der alten antiken
Sage in das dramatische Werk des Autors anregt.
Warum greift der Dichter
ein mythisches Thema in einer nicht mehr mythischen
Zeit auf? Weil er prüfen will, wie er selbst sagt,
"ob in den Dramen des Sophokles, Euripides Stoffe
liegen, welche das Leben der Gegenwart auch bietet", oder weil er in seinem Werk ständig auf der Suche
nach dem allgemein Menschlichen war, und glaubt es
in dem alten Mythos gefunden zu haben?
Das starke Interesse Gerhart
Hauptmanns an dem Atriden-Mythos könnte man natürlich
aus der Tatsache erklären, dass er ungeachtet aller
Schrecken und Mordtaten bestimmte Ansatzpunkte für
die menschliche Existenzproblematik enthält. Es geht
doch um ewig aktuelle Fragen von Leben und Tod, Schuld
und Sühne, Freiheit und Notwendigkeit, Schicksalsmacht
und Menschenkraft.
Peter Delvaux, der sich in seiner umfangreichen
Studie u.a. die Frage nach der der Atridensage innewohnenden
Problematik und ihrer besonderen Anziehungskraft
für Dichter und Künstler stellt, sieht in ihrem tragischen
Aufbau immer gültige menschliche Verhaltensweisen:
So wären denn
Orest und Elektra vielleicht Archetypen von in solch
tragischer Situation auf sich selbst zurückgeworfenen
Kindern. Die archetypische Tragik ihrer Eltern bestünde
vielleicht in der Unversöhnlichkeit der gegenseitigen
Treueforderungen; die ihrer älteren Schwester in
Aulis in Zwiespalt und Unzulänglichkeit ihres königlichen
Vaters angesichts atavistischer Ausbrüche in der von
ihm mitverschuldeten Notlage des ihm unterstellten
Heeres. Dem Atridenmythos eigentümlich wäre die Verschmelzung
dieser Themen. [6]
Günther Fuhrmann bemerkt
dazu: "...immer in Zeiten, wo die Menschheit unterwegs
ist zu einer neuen Form, wenn sie an einem Kreuzweg
angelangt ist, beschwor sie die dunkle Geschichte
der Atriden. (...) Die Atriden werden Symbol des ewig
gültigen Menschlichen: der menschlichen Not und Unsicherheit,
des menschlichen Strebens und Sehnens, der Einsamkeit
und Verlorenheit in der Welt." [7]
Dies hat Gerhart Hauptmann mit
seinem Spätwerk ohne Zweifel bestätigt.
Aber es drängt sich die Frage auf, wie hat er nun den schon in der attischen
Tragödie vorgeformten Stoff eingewirkt? Hat er in seiner zeitlichen
und kausalen Reihenfolge Lücken oder sogar leichte
Widersprüche entdeckt, die Fragen aufwerfen und Ansätze
zu einer Neugestaltung durch formale, thematische
und pragmatische Transposition bieten? Hat er versucht,
den alten Stoff zu aktualisieren, indem er Aktuelles
hinter dem Altbekanntem versteckt hat, um zeitgenössische gesellschaftliche
Zustände gleichnishaft abzubilden?
Jürgen
Busch unterteilt die Atriden-Sage in vier Komplexe,
die von modernen Dramatikern übernommen und ausgeformt
werden:
In Aulis opfert
Agamemnon seine Tochter Iphigenie; in Mykene (Argos)
wird der heimgekehrte König durch Klytaemnestra oder
Aegist ermordet und einige Jahre später von seinen
Kindern Orest und Elektra gerächt; in Tauris findet
Orestes Iphigenie wieder und in Delphi erfolgt die
endgültige Entsühnung der Geschwister. [8]
Diese Gliederung der Atriden-Sage
entspricht auch der durch Gerhart Hauptmann vorgenommenen
Rezeption des Stoffes, dabei bleibt aber noch festzustellen,
worum es sich bei der Anverwandlung der Themenkreise
konkret handelt, ob um eine nachahmende Gestaltung
im Sinne der antiken Tradition oder um eine neue literarische
Schöpfung der Geschichte.
Es lässt sich nicht leugnen,
dass die Atridendramen "nicht nach dem Vorgange jener
französischer Schauspiele verfahren, welche (...)
an den Figuren und Begebenheiten der antiken Mythologie
die Zeitbewandtnisse psychologisieren und surrealisieren",
und trotzdem "nicht nur nach ihrer Entstehung der
Gegenwart angehören".
Manche Forscher rücken
sie jedoch in eine düstere prägriechische Zeit, wo
sich ihre Handlung ganz und gar "in einer blutigen
Antike im Zeichen atavistischer Kulte und Menschenopfer
und unter dem Diktat grausamer chthonischer Gottheiten" abspielt.
Den griechischen Rahmen
behält Gerhart Hauptmann durch die Techniken und Strategien
einer archaisierenden Rückversetzung, so dass man
einen Gesamteindruck einer vorklassischen enthellenisierten
Welt, in der sich Griechenland kaum zu erkennen gibt,
bekommt. Die transformative Zurücknahme des mythischen
Komplexes äußert sich vor allem in dem archaischen
Götter- und Kultspiel, in dem grausam-blutrüstigen
Menschenopfer und in der Schicksalskonzeption der
ganzen Tetralogie. Der Bezug auf eine Götterwelt spielt
in den Atridendramen eine entscheidende Rolle.
Der Gegensatz zwischen einer olympischen und einer
chthonischen Götterwelt wird als ein das menschliche
Geschehen determinierender Hintergrund konzipiert.
Aber nicht nur olympische und chthonische Gewalten
befinden sich in Streit, sondern auch über diesen
agieren andere Schicksalsgötter, als unabhängige,
der Gewalt der Olympier und Chthonier entzogene Instanzen.
Die Häufung von den der Nachtsphäre zugehörigen Schicksalsgöttern
gehört zum wesentlichen Kompositionsprinzip der Atriden-Tetralogie.
Sie schafft eine dämonische Stimmung einer Welt, die
von mythisch- numinosen Wesen regiert wird. Die Inkarnation
des inhuman-archaischen stellt die "verruchte Göttin",
die "mehr als alle lechzt nach Menschenblut": die unersättliche Hekate, deren mörderischer
Kult in Tauris zu Hause war. Sie beeinflusst aber
nicht nur das Geschehen in Aulis, sondern auch in
Delphi.
Auch in den genauen Bühnenbeschreibungen
ist der Autor um eine bedrohliche Stimmung und Primitivität
bemüht. Und die tragischen Helden, unfrei und passiv,
von den menschlichen Leidenschaften zerrissen und
von den mit sich selbst kämpfenden Göttern in Schuld
und Schicksal verstrickt, suchen verzweifelt und ratlos
nach ihrer Erlösung.
Die Hauptmannsche Iphigenie
glaubt sie in ihrem Opfertod zu finden. Ihre Todesaffinität
ist aber nicht als ein Resultat ihrer Priesterhandlungen
auf Tauris zu deuten, sondern sie entspricht den elementaren
Aspekten der Tragödienkonzeption des Autors, für die
eine psychopathologische Zeichnung der Figuren sowie
die Gestaltung von Traum, Rausch, Wahnsinn und Verwirrung
charakteristisch sind.
"Bei Hauptmann erklärt
sich Iphigenies Opferbereitschaft aus der sich ihr
durch den Tod offenbarenden Möglichkeit, das ihr im
Leben in Mykene Versagte in der anderen Sphäre einklagen
zu können: Reinheit und Unabhängigkeit von den Machenschaften
der Griechen, die Erfüllung in der Verbindung mit
Achill und die Überwindung der determinierten menschlichen
Existenz durch die Apotheose."
Die Tragödie
hat nach Gerhart Hauptmanns Auffassung ihren Ursprung
in dem Menschenopfer und nimmt ihre Gestalt in der
Form dieses vorapollinischen Rituals an. Dieser Ansatz
wird in der kontinuierlichen und dominierenden Darstellung
von Opferung und Ritual sichtbar. Der Dichter rückt
nicht nur die chthonisch-hekatische Sphäre in den
Vordergrund seiner Atridendramen, sondern er stellt
sie schließlich der delphischen Welt gegenüber. Käthe
Hamburger sieht in Gerhart Hauptmanns Iphigenie die
Verkörperung des archaischen Elements, das in Delphi
seine Konfrontation mit der neuen Zeit erlebt und
sie letztendlich überwindet. Ihre Tragik liegt nicht im negativen Ende für
das Individuum trotz einer allgemeinen Wendung und
Versöhnung, auch nicht in ihrem Opfertod, "wo der
Groll der Götter gegen die Atriden erloschen ist und
jedes Opfer überflüssig scheint", sondern "im Wesen der Schöpfung selbst".
Wilhelm
Emmerich bemerkt dazu:
Einerseits
muß der Mensch das Schicksal der Schöpfung ganz auf
sich nehmen und erfüllen, jenes Gesetz, nach dem jede
Entmenschlichung eine neue Entmenschlichung hervorruft,
jede Schuld eine neue Schuld. Andererseits wird gerade
durch das maßlose Erleiden dieses Schicksals der Mensch
hellsichtig für dieses Schicksal, tritt ihm frei gegenüber,
wird zu Gott, der den Schöpfergott, die irdische Schicksalsordnung
selbst zerstört.
Die Atriden-Tetralogie ist eine
Schicksalsdichtung, in der der Dichter sein eigenes
Leiden an der Zeit und an dem Menschentum zum Ausdruck
bringt und damit auch den Aktualitätsaspekt seines
Werkes begründet. Den Krieg deutet er als eine immer
wiederkehrende Naturkatastrophe, die die menschliche
und göttliche Weltordnung zerstört. Die handelnden
Personen werden mit ihrer grausigen Unmenschlichkeit
und ihrer eigenen dämonischen Göttlichkeit konfrontiert,
mit einer Macht, die sie weder verstehen noch beherrschen
können. "Nach Hauptmanns Ansicht ist des Menschen
Schicksal gerade die Unmöglichkeit der Menschlichkeit."
Das vorzivilisierte Gewand
dient zur Vermittlung einer bedrohlichen Zeitstimmung,
eines Weltverständnisses,
das Gerhart Hauptmann lebenslang in seinen
Werken verfolgt und konzipiert hat, und das er letztendlich
in der Atriden-Tetralogie ausklingen lässt, und durch
den Rückgriff auf den antiken Mythos potenziert hat.
Die grausige und archaische
Auffassung des Griechentums und der antiken Welt in
der Atriden-Tetralogie wurde lange vorbereitet. Nicht
aber das Antikenbild aus Gerhart Hauptmanns Schulzeit
prägt dabei das Verstehen der antiken Welt, sondern
vielmehr seine Begegnung mit der bildenden Kunst und
persönliche Erlebnisse, die er zuerst auf einer Reise
1883 und dann 1907 während einer lang ersehnten Fahrt
zu den alten Spuren der griechischen Tragödie gesammelt
hat. In der Zeit von "Hauptmanns jugendlicher Schwärmerei
für die klassische Antike in den Jahren 1882 bis 1885" [18]
wurde die Begegnung mit dem Altertum
mit Werken und Fragmenten vorbereitet und dann durch
zahlreiche griechische und lateinische Lektüren aus
seiner Privatbibliothek angeregt. [19]
Erst in den um die Jahrhundertwende
entstehenden Werken ("Antonius und Kleopatra", "Hirtenlied",
"Das Fest") wird ein antikes Lebensgefühl deutlich, das durch den
"dionysischen Gehalt" [20] zur "schroffen und ironischen Ablehnung
einer schulmäßigen Griechenverehrung" [21]
führt. Daria Santini
geht noch weiter, wenn sie behauptet, "dass der Schlüssel
zum Verständnis von Hauptmanns mythologischem
Schaffen in jenen Werken zu finden ist, die scheinbar
am weitesten davon entfernt sind, nämlich in den Sozialdramen
und den ersten Studien in Prosa" [22]
. Wenn man sich aber in die Lektüre
des im pathetischen Ton geschriebenen Reisetagebuches
"Griechischer Frühling" (1907) vertieft, muss man
zugeben, dass die Griechendlandreise Gerhart Hauptmanns
Sicht der antiken Welt beeinflusst und zur endgültigen
Betonung der Nachtseite des Griechentums geführt hat.
Sie ist wie eine Chiffre einer fundamentalen Bedrohung
menschlicher Wertordnung und eines gewalttätigen Untergrundes
der Kultur.
Er lehnt
die klassische Auffassung der Antike, von der er sich
schon längst gelangweilt fühlte, ab und stürzt sich
ins Dionysische hinein. Es ist aber nicht zu übersehen,
dass, obwohl es viele Berührungspunkte in der Auffassung
der Schattenseite der antiken Welt zwischen Friedrich
Nietzsche und Gerhart Hauptmann gibt, Gerhart Hauptmanns
dionysische Sicht primär aus seinem Erleben der Natur
und der ihr innewohnenden Religiosität erwachsen ist.
Seine Begeisterung für
den griechischen Pantheismus geht so weit, "daß er
in Griechenland Schlesien wiederzuerkennen glaubt,
sich in seiner (nach wie vor) von heidnischen Gottheiten
bewohnten Landschaft wie neugeboren fühlt und in Delphi
den Ursprung der tragischen Begebenheit als solcher
in den archaischen Opferritualen entdeckt." [23]
Der Antagonismus zwischen
Lebensbejahung und Lebensverneinung, zwischen Licht
und Finsternis, zwischen Christentum und Heidentum
wird nicht nur in den mythologisierenden Werken spürbar,
sondern zieht sich wie ein roter Faden durch das ganze
Schaffen des Autors. "Mit dem Mythischen hat Hauptmann
sich sein Leben lang befasst, (...) denn letztendlich
handelt es sich dabei (...) um (...) die Rechtfertigung
seines künstlerischen Produzierens." Gerade in der Atriden-Tetralogie erweist er sich
als ein Künstler, der nicht nur den alten Mythos in
seiner ursprünglichen Form aufzugreifen versucht,
sondern auch ihn neu schafft. Wenn er auch auf anti-klassische
Inhalte rekurriert, die antiken Sujets in die barbarische
Vorzeit transponiert, bedeutet dieser Rezeptionsprozess
eher eine "Remythisierung" des Ausgangsmaterials,
die wiederum als ein Distanzierungsverfahren zu deuten
ist. "Der antiken Modernisierung des Mythos in der
distanzschaffenden und entmythisierenden Diskursform
der Tragödie antwortet die moderne Remythisierung
der Tragödie in einer archaisierenden Literatur auf
zweiter Stufe." Als eine solche Antwort ist auch die Atriden-Tetralogie
zu begreifen.
Gerhart Hauptmanns Bearbeitung
des antiken Sujets geht in gewisser Weise den umgekehrten
Weg: sie setzt mit der nachahmenden Tranposition des
alten Mythos ein und nimmt ihren Ausgang in einer
völlig neuen Entwaltung und Gestaltung der alten Problematik
an, die der Autor den Texten aus dem Überlieferungskorpus
der antiken Tragödie entnommen hat. "Es handelt sich
um das Spannungsverhältnis zwischen Macht und Recht,
und um die Aufgabe, es durch Entwicklung einer neuen
Ordnung zu überwinden."
Er negiert die Ordnung
der antiken Welt, indem er zeigt, dass die Tugenden
ihrer Helden in den Krieg führen und ihre Taten in
Leid. Er will damit die Unzulänglichkeit der menschlichen
aber auch der göttlichen Weltordnung beweisen. Die
Götter wirken in der Atriden-Tetralogie heimtückisch
und werden für die handelnden Personen sogar für
bösartig gehalten. Ihre Anklage gipfelt in der Feststellung,
dass sie ihre Schuld auf die Menschen abwälzen.
Der Mensch wird schuldig,
weil ihn der Gott auf den Weg des Bösen treibt, indem
er ihm die Einsicht in sein eigenes Tun nimmt. Von
der "vorprogrammierten Schuld" führt schon der direkte
Weg zum tragischen Leiden, das in der griechischen
Tragödie aus dem Götterfluch und in der Atriden-Tetralogie
"aus dem Kampf um die Bewahrung des Humanen unter
dem schicksalhaften Anspruch des Übermenschlichen." resultiert.
Gerhart Hauptmann deutet
den Atridenmythos neu, indem er ihn zurückverfolgt
und sich dadurch von anderen Bearbeitungen des Stoffes
in der Tradition distanziert. Dieser Akt des Hervorhebens
dessen, was sich im Rücken des Mythos verbirgt, steht
einer Tendenz entgegen, die auch bei anderen modernen
Autoren (z.B. Ilse Langner) beobachtet wird: der Tendenz
der Regression in die vormythische Zeit der Magie
und Archaik. "Die Hilflosigkeit des Ichs vor der Gefahr
der Zeit mündet in einer regressiven Fluchtbewegung
ins Vor-Gestrige", das der griechische Mythos bietet, denn die
Vergangenheit hat eine einzige absolute Erfahrung:
die der Übermacht des Anderen.