"Der größte Übertreiber
ist immer die Wirklichkeit…".
Peter Turrini im Gespräch
mit Ewa Krupa
(27. April 2002, Wien)
E. K: Bleiben wir dann bei Ihrem Lieblingsgenre: Sie waren schon immer dem Drama
treu und nun schreiben Sie auch Novellen und ein Libretto…
TURRINI: Ja, es ist eine merkwürdige
Sache, die gar nicht mit mir zu tun hat. Bevor ich
ein Theaterstück schreibe, mache ich mir immer eine
Prosaform, eine Grundgeschichte. Die Novellen, die
vor kurzem erschienen sind, sind eigentlich Vorformen
von Theaterstücken oder Filmen und der Verleger war
der Meinung, dass es sich um wunderschöne, publizierbare
Novellen handele. Es gibt von vielen meiner Stücke
solche Novellen-Vorformen. Es ist, als wenn man ein
Thema einkreist. Ich weiß plötzlich, dieses Stück
möchte ich schreiben und damit ich diese Figuren und
diese Geschichte ganz genau kenne, schreibe ich einfach
einmal eine Prosa- oder eine Novellenfassung
davon. Es gibt zum Beispiel von "Der Reise
nach Cannes" "Liebe in Madagaskar"
oder von der Nestroy-Novelle "Die Verhaftung
des Johann Nepomuk Nestroy" den Nestroy-Film.
Es gab immer eine Vorstufe, aus der dann eine Novelle
entstanden ist. Also, das heißt freilich nicht, dass
ich plötzlich zum Novellenschreiber geworden bin
oder dass ich zur Prosa, die ich meiner Meinung nach
gar nicht beherrsche oder gar nicht gut beherrsche,
gelangt bin, das heißt nur, dass die Verlage daran
interessiert sind, diese Vorformen von Theaterstücken
zu publizieren.
E. K: Sie haben auch selbst
ein Stück inszeniert, und zwar "Josef und Maria".
Hat ihnen die Rolle des Regisseurs gut gefallen?
TURRINI: Das war sehr kompliziert,
weil es zwei verschiedene Geschwindigkeiten gibt.
Sie können beim Schreiben eines Theaterstückes zu
ihren Figuren endlos lange überlegen, bevor Sie einen
Satz oder eine Situation hinschreiben. Das heißt,
Sie bestimmen im Schreibtempo die Geschwindigkeit,
in der Sie mit einer Sache umgehen, in diesem Fall
mit einem Theaterstück. Auf einer Theaterprobe ist
es umgekehrt. Es ist von zehn bis zwei oder drei Uhr
Nachmittag Probe, die Schauspieler sind oben und
Sie müssen jetzt zu Ihren Figuren ununterbrochen etwas
den Schauspielern vorsagen und das ist mir manchmal
sehr, sehr schwer gefallen. Ich hätte manchmal einfach
diese Nachdenkpause gebraucht, nur ein Regisseur kann
nicht auf die Frage eines Schauspielers: "Soll
ich jetzt von links nach rechts gehen oder soll ich
das so oder so betonen", antworten, das fällt
mir erst in einer halben Stunde ein. Auf einer Theaterprobe
funktioniert ein Regisseur sehr schnell und dieses
Funktionieren hat mir Probleme bereitet. Auf der anderen
Seite hatte ich zwei tolle Schauspieler, die mir jedes
Wort abgenommen haben und mir alles geglaubt haben,
weil sie gesagt haben: "Du bist ja der Dichter,
du musst ja wissen, was deine Figuren tun oder denken"
und insofern hatte ich es auch wieder leichter mit
den Schauspielern. Aber ich habe schon gemerkt, dass
ich dieses Gewerbe nicht weiter führen möchte, sondern,
dass es ganz gut ist, dass ein Regisseur mit einer
anderen Phantasie, der vielleicht etwas an den Figuren
entdeckt, was ich mir beim Schreiben gar nicht überlegt
habe, hinzufügt. Auf der einen Seite ärgere ich mich
über die Regisseure, auf der anderen Seite glaube
ich schon, dass ich diese andere, fremde, zusätzliche
Phantasie, Interpretation eines Regisseurs brauche,
um eben das Stück noch einmal anders zu sehen.
E. K: Sie könnten aber selbst
ein Stück so inszenieren, wie Sie sich das ausgedacht
haben…
TURRINI: Ja, aber Ewa, vergessen
Sie eines nicht: es ist so, dass die Schauspielkunst
manchmal einem geschriebenen Text eine Dimension verleihen
kann, die von mir in diesem Text gar nicht gedacht
ist. Manchmal kann es dem Text doch etwas wegnehmen
oder schlechter machen. Zum Beispiel bei den Proben
zur Uraufführung meines Stückes "Alpenglühen"
am Burgtheater, nachdem ich den Text den Schauspielern
das erste Mal vorgelesen hatte, sagte die Schauspielerin
Kirsten Dene, die die Hauptrolle spielte: "Hast
du toll gelesen, ich mache sicher was anderes".
Ich war ganz betroffen und fragte: Warum sagst du
das? Und sie erwiderte: "Ich möchte dir zeigen,
wozu meine Phantasie fähig ist". Das fand ich
gut und richtig, weil dann, in der Aufführung es
tatsächlich Momente, Phasen, Strecken gab, die so
toll waren, dass ich mir das gar nicht so toll vorgestellt
habe. Ich will damit sagen, das Theater ist noch einmal
ein eigener Ort der Erfindung und die Sprache ist
auch ein Ort der Erfindung. Ich glaube nicht, dass
es gut ist, wenn ein Schriftsteller selber seine
Stücke einstudiert. Ich habe das natürlich oft überlegt, vor allem,
wenn ich das Gefühl habe, die Regisseure machen es
ganz falsch, sie machen es furchtbar schlecht, betrügen
mich, machen mein Stück kleiner und es wäre viel schöner
etc. Dann habe ich immer das wilde Bedürfnis, selber
zu inszenieren. Aber trotzdem glaube ich, dass zwischen
dem Erfinden eines Stückes, und dem Inszenieren eines
Stückes, sozusagen zwischen der Kopfebene, und der
Bühnenebene noch einmal zwei verschiedene Dinge stattfinden.
Am liebsten sind mir sehr gute Regisseure, mit denen
ich nie einer Meinung bin und mit denen ich gut streiten
kann. Es ist ein bisschen so, wie in der Liebe. Wenn
man den Menschen findet, den man sich immer vorgestellt
hat und alles so ist, wie man es sich ausgedacht hat,
dann wird es schnell ziemlich langweilig. Wenn alles
aber voller Überraschungen ist, wenn den eigenen Erwartungen etwas erstaunlich anderes entgegenkommt, dann ist es
ein bisschen wie im Inszenieren - manchmal, bei guten
Inszenierungen, komme ich zu einer Probe und bin
ganz erstaunt, was ich da oben sehe, ich bin auch
irritiert, brauche ungefähr eine
Viertelstunde, um mich zu erholen und dann
aber kann ich mit neuem Blick hinschauen und mir denken
- die haben das völlig anders gedacht als ich, aber
es ist vielleicht toll gedacht. Das meine ich damit.
Man muss einfach als Theaterschriftsteller das Risiko
der Störung eingehen und hoffen, dass man gut, und
nicht schlecht gestört wird.
E. K: In manchen Ihrer Stücke
haben Sie auch selbst gespielt. War es ja nur ein
schönes Abenteuer?
TURRINI: Es waren immer wieder
faszinierende Ausflüge, aber ich würde es natürlich als Ausflüge bezeichnen und als Ausflüge belassen. Ich möchte
kein Schauspieler werden, ich möchte kein
Regisseur werden, ich bin ein Theaterdichter, aber
es war für mich wichtig, ein paar mal selbst auf der
Bühne zu stehen, schlicht und einfach um herauszufinden,
was man seinen Schauspielern zumutet, und damit meine
ich nicht unbedingt den Text, sondern zum Beispiel
die Angst, die man hat. Für mich war das eine ganz
tiefe Erfahrung, als ich kurz vor der Aufführung,
hinter der Bühne stand, von da hinaus musste und glaubte, ich falle tot um vor Angst und dachte mir, so, dass müssen deine Schauspieler jedes
Mal; allein diese Todesangst… Natürlich, wenn
man hinausgeht und es läuft gut und man vom Publikum
getragen wird und Zuwendung bekommt, ist es ein wunderschönes
Gefühl. Also für mich als Theaterschriftsteller, der
ich ja meinem Wesen und meiner Bestimmung nach bin,
war es wichtig, mir das anzuschauen, was sozusagen
die verschiedenen Bereiche des Theaters sind, aber
auch, um zu entdecken, dass mein Bereich halt der
Stückelieferant ist. Am besten fühle ich mich in
der Rolle dessen, der den Text liefert.
E. K: In zwei Stücken, in "Rozznjogd"
und in dem zweiundzwanzig Jahre später entstandenen
"Alpenglühen" bemühen sich die Protagonisten,
sich von jenen Masken zu befreien, die ihnen die Gesellschaft aufgezwungen
hat. In "Alpenglühen", im Gegensatz
zu "Rozznjogd", scheitern die Protagonisten
nicht, sondern sie nähern sich einander durch Gespräche
und bekommen so eine Chance. Glauben Sie, dass es
doch möglich ist, sich von diesen Imitationen, von
der allgegenwärtigen Künstlichkeit zu befreien? Ist
die Liebe vielleicht der hier einzuschlagende Weg,
der tatsächlich dazu führt?
TURRINI: Ich glaube nicht, dass
man es generalisieren kann, weil man dann auch bei
"Josef und Maria" das Gefühl hat, die haben
eine Chance miteinander und in den späteren Stücken
gibt es das wieder nicht. Es ist schon so, dass die
Maskierung der Menschen, die
Vermauerung des Menschen meiner
Meinung nach nur durch die Liebe aufhebbar
ist. Ich halte die Liebe für die einzige Form von
Anarchie, die zumindest für einen kurzen Moment,
Grenzen überschreiten kann. Sie überschreitet ja nicht
nur die Charaktergrenze, die Maske, sondern auch die
Geruchs- und die Geschmacksgrenze. Ich meine, wenn
Sie einen Menschen küssen, den Sie lieben, fahren
sie ihm in den Mund, wenn Sie einem wildfremden Menschen
in den Mund fahren, wird Ihnen davor ekeln. Seltsamerweise
dreht sich in der Liebe selbst diese Grenze völlig
um. Die Frage ist nur, wie lange das dauert und für
welche Momente es besteht. Ich habe nicht den Eindruck,
dass das in "Alpenglühen" eine bleibende
Beziehung wird. Ich habe nur den Eindruck, dass in
diesem Stück etwas Ähnliches passiert, wie in der
"Rozznjogd". Es gibt einen Moment, wo die
Menschen einander ziemlich bloß, unverstellt und
unmaskiert gegenüberstehen. Das ist in Alpenglühen,
wenn die beiden sich umarmen und sie sagt, ich bin
ja eh nur das und das und er sagt, ich glaube, ich
bin alt und impotent und es will mich kein
Mensch mehr. Also, es ist nicht nur die Liebe, es
ist auch die Wahrhaftigkeit, die Aufrichtigkeit,
die Menschen für einen Moment einander akzeptabel
macht, wenn keine Verstellung, keine Angeberei, keine
Maske, kein Mehr-Sein als Schein oder Mehr-Schein
als Sein die Menschen entstellt. Das ist schon ein
Grundpunkt in meiner Dramatik und ich bin auch zutiefst
überzeugt, dass es so ist. Ich glaube nicht, dass
uns letzten Endes politische Systeme oder Ideologien
retten. Sie können uns helfen. Ich glaube, dass die
Frage der sozialen Gerechtigkeit eine ganz wichtige
Frage ist, aber die großen Fragen unserer Existenz,
wie wir einander wirklich berühren, wie wir aus diesem
Mantel der Einsamkeit hervortreten können, sind nur
mit Wahrhaftigkeit und mit Liebe zu erklären. Man
hat auch bei Josef und Maria das Gefühl, die werden
sich vielleicht zwei, drei mal noch treffen und dann
wird es vorbei sein. Das macht aber nichts, denn mich
interessiert dieser eine Moment, dieses Erkennen,
wo Menschen zueinander finden und sich ganz nahe sind.
Das muss nicht unbedingt eine dauerhafte Liebe sein,
muss auch nicht eine Ehe sein, es kann auch eine Begegnung
in einem Zug sein, wo plötzlich Menschen wie weggetreten
von ihren Verstellungen sind und völlig voneinander
fasziniert sind, und dann vielleicht nie wieder sehen.
Es gibt im Leben der Menschen solche magischen Momente,
wo die Theatralisierung der eigenen Existenz, die
Verstellung der eigenen Existenz, die Maskierung der
eigenen Existenz zumindest für einen Moment ihr Ende
findet. Und das ist wohl in fast allen Stücken bei
mir der Fall.
E. K: Die polnischstämmige Putzfrau Janina Wiśniewska, eine der beiden Hauptfiguren
in Ihrem Stück "Ich liebe dieses Land" wirkt
durchaus realistisch. Wie kam es dazu, dass eben eine
polnische Figur im Stück eines österreichischen Autors
erscheint?
TURRINI: Das hängt, wie so oft,
mit der Tatsache zusammen, dass ich einfach auf Menschen
treffe, über die ich dann schreiben möchte. Es ist
so, dass sehr viele Polinnen hier in Österreich, wohl
auch in Deutschland leben, die manchmal in Polen
eine Schulausbildung oder irgendeine Qualifikation
haben, als Schneiderin zum Beispiel, in den Westen
kommen und hier
den Dreck wegputzen. Das ist eine Wahrheit
und eine Realität. Viele Menschen aus den ehemals
sozialistischen Ländern haben hier wenig Chancen,
wirklich qualifizierte Arbeiten zu kriegen. Ich habe
einige solche polnischen Putzfrauen kennengelernt
und mich für ihre Lebenswege interessiert. Dann habe
ich eine Familie kennengelernt, die mich öfter eingeladen
hat. Mich interessierten einfach diese komplizierten
Schicksale. Ich lernte u.a. eine Frau kennen, die
in Polen Bergbau studierte, 1981 bei der Solidarność
war, dann aber gegangen ist, und die es nicht geschafft
hat, hier einen anständigen Job zu kriegen. Und das
andere ist, dass ich in dem Stück zwei Mentalitäten
zeigen wollte: die deutsche Mentalität, die einfach
völlig herzlos, bis zu einem gewissen Grad, auf diesen
Schwarzen reagiert und
diese polnische Putzfrau, die eigentlich mit
unglaublich offenem Herzen reagiert. Ich mag diese
Leute schon auch sehr gern und sehe tatsächlich einen
großen Unterschied in der polnischen und deutschen
Mentalität. Ich weiß schon, dass man nicht generalisieren
kann, aber man kann doch immer wieder beobachten,
dass die Deutschen oft sehr schwer aus sich heraus
können, immer versuchen die Vernunft zwischen sich,
und der Welt zu stellen, und dass meine polnischen
Erfahrungen - ich habe ja schon einige Reisen nach
Polen hinter mir - immer ganz anders waren. Also immer,
wenn ich ein paar Tage dort war, bin irgendwo in Freundschaften,
in Trinkereien versunken. Es ist etwas in der polnischen
Mentalität, das ich sehr liebe, was mich sehr an Italien
erinnert, etwas sehr Romanisches, obwohl es natürlich
etwas Slawisches ist. Das ist das freundschaftliche
Gefühl, das die Menschen
ihr Herz ernster nehmen lässt, während die
Deutschen ihre Vernunft ernster nehmen. Folglich wollte
ich dieses Deutschland aus der Sicht einer polnischen
Putzfrau beschreiben. Außerdem fand ich die beiden
Protagonisten auch komisch, wenn sie mit so einer
fast zwanghaften Liebe versuchen, Deutschland oder
Österreich zu lieben, und ihrerseits aber von diesen
Ländern keineswegs geliebt werden. Ich fand auch immer
wieder sehr berührend, wie sie unbedingt hier alles
gut finden wollen. In Polen war alles scheiße, in
Polen ist alles blöd und es gibt oder gab keine Produkte
zu kaufen früher und so weiter und hier gibt es alles
und alles ist wunderbar. Das fand ich natürlich komisch,
auch ein bisschen blöd…
E. K: Das, was Sie mit Ihren
frühen Stücken wollten, nämlich provozieren und schockieren,
gehört seit langem der Vergangenheit an. Will denn
Peter Turrini nicht mehr schockieren oder sind das
vielleicht die Menschen, die so viel in den Medien
schon gesehen und gehört haben, dass man sie nicht
mehr schockieren kann?
TURRINI: Ich glaube, dass der
zweite Aspekt natürlich da ist. Sie dürfen nicht vergessen,
als meine ersten Stücke "Rozznjogd" oder
"Sauschlachten" gespielt wurden, waren
die Spielpläne hier in Wien und überall ausschließliche
Klassikerspielpläne und es waren ja nicht nur meine
Stücke, es waren die Stücke von Wolfgang Bauer, auch
die ersten Stücke von Peter Handke etc., die so ein
Bruch mit der Tradition waren, dass die Leute das
erst als erschreckend empfunden haben. Heute ist natürlich
dieser Bruch mit der Tradition längst Schulstoff.
Die armen Studenten müssen schon die "Rozznjogd"
und andere derartige Sachen lernen, und damals wurde
es als großer Skandal empfunden. Das ist ein Punkt.
Der zweite Punkt ist, dass der Journalismus inzwischen
eine Entwicklung gemacht hat, die jetzt meiner Meinung
nach ungefähr zwanzig Jahre alt ist und darin besteht,
dass er unglaublich viel aufdeckt. Ich glaube, dass
das Theater in den siebziger Jahren deshalb so provokant
war, weil es auch die Aufgabe der Aufdeckung hatte.
Der moderne Journalismus leistet seine Aufdeckungsarbeit
ohne jegliche Hemmungen. Er geht ja mit der Kamera
in die privatesten Winkel der Mörder und der Opfer
etc., das heißt, dieses Verschwiegene, wie ich es
noch in den sechziger Jahren vorgefunden habe, hat
sich umgedreht. Auch der Blick des Schriftstellers
hat sich verändert. Ich habe manchmal das Gefühl, heute muss ich den Mantel des Erbarmens
um die Menschen legen und nicht mehr den Mantel der
Lüge herunterreißen. Das sind zwei verschiedene Dinge.
Der dritte Punkt ist, dass ich das Gefühl habe, dass
ich mich nicht sehr verändert habe, sondern dass die
Grundpunkte, über die wir am Anfang geredet haben,
nämlich dass Liebe und Wahrhaftigkeit die Menschen
schöner, aufrichtiger, demaskierter machen, weiterhin
die Grundpunkte meiner Stücke geblieben sind. Vielleicht
hat sich einfach rund herum sehr vieles verändert.
Und der letzte Aspekt ist, warum die ersten Stücke
so provokant empfunden wurden: meine Schriftstellergeneration
hatte damals einfach den Dialekt wieder eingeführt
und Dialekt war ziemlich, wenn man vielleicht von
Horváth absieht, ziemlich vergessen und plötzlich
sprachen die Figuren auf der Bühne eine Art Alltagssprache,
wie sie auf der Straße gesprochen wurde. Eben das
wurde als extrem provokant empfunden. Das ist längst
vorbei, weil es seit langem eine Dialektmode und ein
Dialektlied gibt. Ich kann Ihnen nur sagen, ich erstaune
immer, wenn ich mit dieser Frage oder dieser Auseinandersetzung
immer wieder konfrontiert bin, ich habe - vielleicht
irre ich mich auch - das Gefühl, ich verändere mich
kaum. Also, meine Obsessionen, mein Blick auf die Menschen, meine theatralische Methode bleibt im wesentlichen
gleich. Ich erzähle immer wieder von anderen
Menschen, ich habe einen großen Umfang von Personen,
von denen ich berichte, aber natürlich haben sich die Blicke auf mich verändert,
das ist klar.
E. K: Vor vielen Jahren haben
Sie gesagt, dass Sie ohne Wut überhaupt nicht beginnen,
zu schreiben. Stimmt das heute noch?
TURRINI: Ja, es gibt schon immer
einen Auslöser. Auch heute gibt es einen. Es geht
mir um Hunderte von Fällen von Kinderpornographie.
Ich finde das ungeheuerlich und möchte darüber auch
schreiben - nicht einfach über Kinderpornographie,
sondern über Menschen, die so etwas tun oder über
diese ganze Szene. Das interessiert mich sehr. Und
da ist ein Impuls, einfach die Fassungslosigkeit,
wie tief der Abgrund des Menschen ist, wie weit der
Abgrund des Menschen geht, weil wenn sich einmal diese
Verwertbarkeit, diese kapitalistische, dass man alles
zur Ware machen kann, auch Kinder, dass auch Kinder
eine sexuelle Ware darstellen, die man im Internet
kaufen kann, vergegenwärtigt, dann ist das der Endsieg
des Kapitalismus. Dann heißt das, dass wirklich vor
der Verwertbarkeit überhaupt keine Grenze mehr steht,
dann kann man auch Kindermorde kaufen oder was auch
immer. Diese Kommerzialisierung des menschlichen Abgrunds,
der Sexualität und anderer Bereiche, das ist schon
ein Punkt, der mich sehr beschäftigt und insofern
ist die Wut ein wesentlicher Impuls. Ein Stück wie
"Minderleister" ist natürlich aus dem Zorn
darüber entstanden, dass Tausende von Menschen entlassen
werden, wie bei euch in den Werften vor vielen Jahren,
Menschen, die nicht wissen, wohin sie gehen sollen
und was sie machen sollen. Es gibt einfach in unserer
kapitalistischen Gesellschaft - und ihre ist ja jetzt
auch eine, ein Maß an Brutalität, sozialem Desinteresse
einander, das mich schon immer wieder in Wut versetzt
und auch sozusagen meine schriftstellerische Feder
zittern lässt.
E. K: Wie engagiert darf ein
Schriftsteller sein? Gibt es da bestimmte Grenzen,
oder…
TURRINI: Ich finde das Problem
des Engagements äußerst schwierig, weil ich auf der
einen Seite der Meinung bin, dass es Zustände und
Umstände gibt, auf die ein Schriftsteller reagieren
muss - das war zum Beispiel das Erstarren der FPÖ
in Österreich. Als der Rechtsdruck sehr weit nach
rechts ging, da habe ich mich zu Wort gemeldet. Es
gibt immer wieder Wortmeldungen von mir, aus dem Gefühl
heraus, ich muss jetzt meinen Mund aufmachen. Auf
der anderen Seite aber bedeutet dies auch eine Verführung
für einen Schriftsteller, keine Stücke mehr zu schreiben,
keine Gedichte mehr zu schreiben und zum Kommentator
der Zeit zu werden. Ich kenne Schriftsteller, die
schon so viel Zeit mit Essays und mit Wortmeldungen
zur aktuellen Lage verbringen, dass sie allmählich
zu Pawlow’schen Hunden der Gegenwart, zu politischen
Kommentatoren werden. In ihrer literarischen Arbeit
ist ein zu hoher journalistischer Anteil und das versuche
ich in meinen Texten zu vermeiden. Ich mache meinen
Mund nur auf oder schreibe einen Essay oder halte
eine Rede, wenn ich das Gefühl habe, jetzt ist das
unbedingt notwendig. Das war in den siebziger Jahren,
in Kärnten oft der Fall, als es gegen die slowenische
Minderheit in Kärnten ging, wo ich öffentlich aufgetreten bin. Das war hier in Wien immer wieder der
Fall, wenn es um Rechtsdruck, um Ausländerbeschimpfungen,
um Ausländermorde, die es auch gab, ging. Also,
wenn ich das Gefühl habe, jetzt muss ich dazu Stellung
nehmen, dann tue ich das. Es gibt einen spezifischen
Punkt, unter dem ich immer wieder leide in Österreich,
den Sie sicher auch in meinen Arbeiten gelesen haben:
das ist die Tatsache, dass der Fremdenhass, die Phobie
gegen das Fremde, gegen das Andere in diesem Lande
einfach grotesk und ärgerlich ist. In dem Haus, in
dem Sie zu mir reingegangen sind, wohnen fast lauter
ältere Damen, die alle tschechischen Ursprungs sind,
und diese Damen schimpfen immer auf die Ausländer,
haben aber noch immer einen tschechischen Akzent.
Ich will damit sagen, dass Österreich traditionell
ein europäisches Einwanderungsland ist und dass es
eigentlich ein Gemisch aus Tschechen, Ungarn, Polen,
Italienern wie mir, Juden, etc. ist und halte das
für einen extremen Vorteil. Der Österreicher ist eigentlich
ein gesamteuropäisches Gemisch. Er ist sozusagen keine
reinrassige deutsche Schäferhunderscheinung, sondern
eine gemischte Erscheinung, und dass die Österreicher
so schwer mit dieser Tatsache
umgehen können, dass sie halbe Polen, halbe
Ungarn, ein Viertel Tschechen, halbe Italiener sind,
das ärgert mich immer wieder aufs Neue. Wenn ein Düsseldorfer,
ein Deutscher auf einen Türken schimpft, dann ist
das saublöd, aber es schimpft sozusagen ein "ethnisch
reiner" Deutscher auf einen Türken. Wenn ein
Österreicher auf einen Tschechen schimpft, schimpft
ein Viertel Tscheche
auf einen Tschechen oder auf einen Polen oder wenn
hier jemand Polacke sagt, dann hat er ganz
sicher auch polnische Großväter oder Einwanderer hier.
Sie wissen, dass viele polnische Gastarbeiter schon
um die Jahrhundertwende hier in Wien gearbeitet haben,
dass es hier eine starke polnische Kolonie gab etc.,
etc. Das heißt, dieses Thema ärgert mich, weil die
Leute so blöd sind. Meine Nachbarin hier ist eine
junge Ungarin - dreißig Jahre alt und fängt auch schon
an, gegen die Ausländer zu schimpfen, spricht nicht
richtig deutsch, und sagt: "Aber müssen so viele
Ausländer nach Österreich kommen", und alles
das mit schwerstem ungarischen Akzent. Es ist schon
seltsam, wie die Menschen in Österreich mit der Tatsache
umgehen, dass das Fremde, das andere in ihnen selber
ist.
E. K: Österreichische Politiker,
die katholische Kirche und der offizielle Kulturbetrieb,
sie alle gehen mit Ihnen nicht besonders behutsam
um. Am schrecklichsten fand ich einen Leserbrief,
in dem bedauert wird, dass Hitler es vergessen habe,
Sie zu vergasen. Das ist
schon extrem formuliert. Empfinden Sie keine
Angst, wenn Sie so etwas lesen?
TURRINI: Nein, und es gab viele
solche Geschichten und viele sind doch gar nicht veröffentlicht
worden - es gab auch hier, in der Gasse, Bedrohungen,
dass Leute draußen mich abfangen wollten. Das gab
es alles früher. Mich hat das komischerweise nie
beeindruckt. Ich habe dann versucht, mit den Leuten
zu reden. Ich habe mein Leben lang gegen die Gewalt, gegen die Bedrohung
das Wort gesetzt. Ich habe auch
dann Leute, die mir solche Briefe geschrieben haben, wie, "Sie werden umgebracht" oder
"Sie gehören
vergast", einfach angerufen oder ihnen
zurückgeschrieben. Es ist in mir etwas merkwürdig
Unantastbares, das heißt, dass das Wort die Verhältnisse
besiegen kann - kann, sage ich, nicht muss. Wenn ich
nicht mehr argumentieren oder nicht mehr reden könnte,
würde ich sterben. Und diese Angst vor Menschen, ich
weiß nicht, ich hatte viel mehr Angst, als es mir
schlecht ging, vor meinen eigenen Geistern sozusagen,
aber vor realen Menschen nicht. Ich habe das Gefühl,
alles ist erklärbar, alles kann man irgendwie mit
Worten oder mit Auseinandersetzung zurechtrücken.
Und ich erlebe das am Land, wo ich lebe. Es gibt da
oft unglaubliche Aggressionen. Ich versuche einfach
die Menschen immer wieder in Gespräche zu verwickeln
und außerdem bin ich ja nicht schwach, nicht? Ich
bin ja ein Boxer.
E. K: Und die Literaturkritik,
mobilisiert sie Sie irgendwie oder vielleicht demotiviert?
TURRINI: Das sind schon zwei verschiedene Dinge. Das eine sind
wirklich Reaktionen von Kirche oder Parlament oder
Nazis oder Leuten, die halt durchdrehen. Das ist eine
Geschichte. Die andere Geschichte ist die Geschichte
der Rezeption von Werken, das Feuilleton etwa, und
da gibt es ja teilweise auch Wutausbrüche gegen mich.
Es trifft mich schon manchmal. Ich lese es, bin ganz
erstaunt, welche Aggressionen ein literarisches Werk
auslöst. Wichtig und entscheidend ist, dass man seine
eigene Kraft dabei nicht verliert, also dass ich das
nächste Stück wieder schreiben kann. Ich versuche
viele dieser Dinge wirklich nicht zu nahe an mich
heranzulassen, ich rede jetzt von Literaturkritik
teilweise, weil ich mir denke, wenn ich das ernst
nehme, was die schreiben, dann kann ich ja gar nicht
mehr weiter schreiben, nicht? Und ich bin jetzt seit
fünfunddreißig Jahren einmal ein Volldepp, und dann
wieder ein Genie, also einmal kann ich nicht, und
dann bin ich wieder der Größte etc. Also, diese Etiketten,
Aufklebungen ernst zu nehmen, davor schütze ich und
hüte ich mich. Ich will es einfach nicht. Viel entscheidender
ist, das nächste Werk zu schreiben, viel entscheidender
ist für mich auch, zu erleben, wie Menschen ins Theater
gehen, sich mit
dem Stück auseinandersetzen, traurig sind,
lachen. Dieses wirkliche Verhältnis, das eigentlich
den Theaterdichter ausmacht, nämlich das Verhältnis
zwischen Bühne und Publikum, das eben geht mich an.
E. K: In einem Interview haben
Sie mal gesagt: "An mir ist kein echtes Wort,
insofern ist alles wahr". Könnten Sie das ein
bisschen erklären?
TURRINI: Ich glaube, dass der
Zugang der Literatur zur Welt natürlich ein Zugang
der Erfindung ist, während der journalistische Zugang
ein Zugang der Vorfindung ist. Ein Journalist, wenn
er ein guter ist, sieht etwas ganz Reales und
berichtet darüber, während ein Schriftsteller ja eine
Geschichte erfindet. Ein Schriftsteller ist in gewissem
Sinne ein Lügner, wenn Sie so wollen, also er macht
da mal eine Fiktion, etwas Unwirkliches,
aber ich behaupte, dass dieses Unwirkliche, die
Wirklichkeit auf eine ganz andere Art und Weise
viel genauer wiedergibt. Wenn Sie ein tolles Buch
lesen, dessen spannende Handlung verfolgen, das hat
es natürlich so nicht stattgefunden, natürlich ist
das gelogen, erfunden, phantasiert und trotzdem ist
es aber so toll phantasiert, dass Sie beim Lesen das
Gefühl haben, jetzt habe ich unendlich viel Wahrheit
mitbekommen. Und das meinte ich mit diesem Widerspruch.
E. K: Und wie ist es mit der
Identifikation mit Österreich? Früher haben Sie gesagt,
dass Sie sich hier fremd fühlen, sich mit Österreich
überhaupt nicht identifizieren können. Und heute?
TURRINI: Mit Österreich kann
ich mich noch immer nicht identifizieren, ich muss
es auch nicht. Aber, es gibt einen Platz, wo man lebt
und dieser Platz ist doch Teil dessen, was man in
sich trägt - eine Art von Heimat, eine Art von Zugehörigkeit,
eine Art von Gewöhnung. Und das habe ich schon, aber
sich diesem geographischen Land Österreich, dieser politischen mitteleuropäischen
Konstruktion zugehörig zu fühlen, wäre ein bisschen
zu viel für mich. Also, wie soll ich das beschreiben…
Ich fühle mich grundsätzlich nur Menschen zugehörig,
und nicht Bäumen und Flüssen. Ich fühle mich in einer
Liebe, in einer Freundschaft beheimatet, aber ich
fühle mich nicht zwischen
zwei Grenzen beheimatet. Das fällt mir schwer,
trotzdem hat ein Mensch, auch ein schreibender, intellektueller Mensch einen überschaubaren
Raum. Also, ich kann mich eher über Herrn Haider und
seine FPÖ erregen, als über Le Pen in Frankreich.
Das heißt nicht, dass mir das gleichgültig ist, dass
Le Pen jetzt die Stichwahl gewonnen hat oder wie zu
dieser Stichwahl gekommen ist, das heißt nur, dass
es mir nicht zu nahe ist, als wenn es in Österreich
passiert wäre. Und
trotzdem kann ich nicht sagen, ich fühle mich Österreich
zugehörig, vielleicht fühle ich mich sozusagen
der Auseinandersetzung mit Österreich zugehörig. Das
ist wohl eine genauere Formulierung. Wissen Sie, wenn
ich drei Wochen in Polen bin, könnte ich mir auch
vorstellen, wenn ich genug Freunde dort habe, in Polen
zu leben. Also, Freundschaft ist ein Ort der Beheimatung,
Arbeit ist ein Ort der Beheimatung. Als ich Filme
gemacht habe und monatelang mit der Filmgruppe an
einem Drehort war, da hatte ich das Gefühl, jetzt
bin ich Teil einer Filmfamilie. Wenn ich lange in
einer Uni bin und mit Studenten arbeite, dann entwickle
ich ein ziemlich familiäres Gefühl für eine studentische
Gruppe. Ich war mal Lehrer in einer Schauspielschule
und da hatte ich das Gefühl, diese Schauspielschüler
sind jetzt meine Kinder. Also bei mir geht es immer
über Menschen, während mir ein Land ein zu abstraktes
Gebilde ist. Sie dürfen nicht vergessen, Österreich
hat in letzten hundert Jahren fünf mal seine Landesform
gewechselt. Zuerst war es eine Monarchie, dann ein
Ständestaat, dann gab es den Faschismus, dann kam
eine Erste Republik, dann war es… Was ist es schon
ein Land? Ein Land ist nur eine politische Grenzziehung.
Menschen sind mehr als ein Land, das ist ganz entscheidend.
E. K: Sie haben den Politiker
Haider erwähnt. Wie finden Sie die Tatsache, dass
der Mensch, der Sie jahrelang diffamiert hat, Ihnen
den Kärnter Landesorden überreichen wollte?
TURRINI: Zynisch. Ich fand es
zynisch und weise es einfach von mir. Aber es ist
der übliche Zynismus, zu dem Politik immer wieder
fähig ist. Die Leute bekämpfen dich, und wenn sie
merken, sie können dich nicht umbringen, versuchen
sie dich durch Umarmungen umzubringen. Das ist eine
übliche, politische Methode und ich habe das sofort
formuliert.
E. K: Sie betonen oft, dass
die Menschen ständig mit dieser Realität, mit der
grausamen Wirklichkeit konfrontiert werden müssen
und das tun Sie auch in Ihren Stücken. Sie selbst
flüchten aber oft vor der Realität. Sie haben mal
gesagt, dass Sie Ihrer Tochter die Welt schöner beschrieben
hätten, als sie ist, damit es sich lohnt, in ihr zu
leben und dass Sie mit ihr manchmal in diese Welt
flüchten würden oder Sie würden ins Theater flüchten.
Wieso müssen dann die Anderen das alles ertragen und
damit ständig konfrontiert werden?
TURRINI: Das ist eine gute Frage.
Ich glaube nicht, dass die Anderen mit Grausamkeit
gefüttert werden müssen, sondern dass es für uns alle
wichtig ist, für mein Publikum und natürlich auch
für mich selber und natürlich auch für meine Tochter,
sich mit der Realität zu konfrontieren, weil ich behaupte,
dass das, was wirklich realistisch ist, das, was die
menschlichen Abgründe sind, aber auch die menschlichen
Schönheiten, dass das in einem gewissen Sinn weiterhilft.
Auf der anderen Seite ist man im Leben manchmal stärker,
und manchmal schwächer, manchmal hat man mehr Kraft,
und manchmal hat man weniger Kraft. Es gilt, diese
Konfrontation auszuhalten. Es ist auch, wie in Beziehungen,
weil wir heute viel über Beziehungen und Liebe diskutieren
- man kann manchmal in einer Liebesbeziehung mit
der Wahrheit getötet werden und trotzdem ist es auf
Dauer wichtig, sich die Wahrheit zu sagen in einer
Beziehung. Ich glaube, dass meine Tochter, die inzwischen
größer ist und all diese Erfahrungen macht, letzten
Endes vor der Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit,
nicht zu schützen ist. Und trotzdem war ich schwach
oder hatte plötzlich das Gefühl, die Realität ist
mir zumutbar, aber nicht diesem kleinen Mädchen zumutbar.
Also, ich bin von diesem Auf und Ab des Mutes, von
diesem Auf und Ab von Stärke oder Schwäche, nicht
ausgenommen. Insofern verstehe ich manchmal, dass
mein Publikum vor mir flüchtet, weil ich auch manchmal
vor der Realität flüchte. Aber Sie haben recht, dass
Sie auf diesen Widerspruch aufmerksam gemacht
haben. Und trotzdem versuche ich in meinem Leben
immer wieder diesen Fluchtversuchen dann doch zu entkommen und
zu sagen: konfrontiere dich aber
damit und beschreibe es einfach. Deshalb halte ich
das Beschreiben nicht für einen Fluchtversuch,
darüber haben wir auch schon genauer geredet.
E.
K: Ja. Und woher nehmen Sie die
Kraft zum Schreiben und diesen großen Optimismus -
Sie haben sich mal als großen Optimisten bezeichnet
und Sie verlieren auch nie den Glauben an die Menschen…
TURRRINI: Im Denken eines Menschen
spielen die eigenen Lebenserfahrungen fast immer
die entscheidende Rolle. Mein eigenes Leben ist eigentlich
eine Erfolgsgeschichte. Wenn ich mein Leben nehme
und sage, wenn nicht so vieles dann doch mit Hilfe
der Literatur gut gegangen wäre, dann würde ich heute
vermutlich bei der Haider-Partei in Kärnten sein
und die eben so dummen Sprüche von mir geben. Ich
glaube an das Veränderbare im Menschen. Würde ich
das nicht glauben, dann wäre auch das Schreiben meines
Stückes ein ziemlich sinnloser Vorgang, denn ein
Theaterstück zu schreiben, heißt, etwas auf die Bühne
zu bringen, mit Menschen in Kontakt zu treten, einen
Schrecken aufzuzeigen, in der Hoffnung, dass die Menschen
daraus etwas lernen - das, was die Griechen die Katharsis
genannt haben. Ich glaube, dass es in Wahrheit keinen
Dramatiker gibt - selbst Bernhard war es nicht -
der nicht letzten Endes aus diesem Impuls heraus etwas
den Menschen nahe bringen wollte auf der Bühne und Bühnenkunst
ist ja Nahebringung - unten sitzen Zuschauer
und man bringt ihnen da oben mit Hilfe der Schauspieler
eine Geschichte nahe. Das würde nicht passieren, wenn
man nicht glauben würde, dass dies einen Sinn hat,
ihnen etwas nahe zu bringen. Wenn ich der Meinung
wäre, es ist völlig sinnlos, es ist völlig gleichgültig,
ob die Menschen in ein Theaterstück gehen oder nicht
- sie könnten genauso gut Wiener Schnitzel essen gehen
- würde ich keine Theaterstücke mehr schreiben. Es kann freilich manchmal
vorkommen, dass die Menschen in meinen Stücken drin
sind und nur ans Wiener-Schnitzel-Essen denken, das
kann schon sein - ich weiß ja gar nicht, was in deren
Köpfen vorgeht. Eines steht fest: es hat alles einen
Sinn. Ich habe es selber an mir auch erlebt und immer
wieder an Menschen erlebe, und auch an den Bauern
in Retz teilweise erlebe, wenn ich sie einfach in
eine Theateraufführung mitnehme - wenn es eine gute
Aufführung ist, geht etwas durch diese Wand der Menschen
durch und bewegt etwas in einem. Kunst ist eine erstaunliche
Geschichte, sie ist letzten Endes der große Überwinder
von Dingen, die man eigentlich als unüberwindbar betrachtet.
In der Kunst können die Menschen wieder weinen, vielleicht
noch im Glauben, in der Religion ist es manchmal ähnlich.
In der Kunst können die Menschen etwas, was sie so
gedacht haben, plötzlich anders denken, da ich sie
völlig überzeugt habe. In der Kunst können die Menschen,
die alle Hoffnung auf Liebe aufgegeben haben, noch
einmal mit Hilfe der Schauspieler oder einer Geschichte
sich an die Hoffnung der Liebe heranmachen. Die Kunst
eröffnet sozusagen noch einmal das Leben. Es ist,
als wenn ein neues Spiel eröffnet wird und viele Menschen,
die dieses Spiel schon verloren haben, eröffnen es
mit Hilfe der Kunst wieder. Ich weiß, dass das sehr
pathetisch, etwas illusionistisch und vor allem optimistisch
klingt, aber ohne diesen Anspruch, woher sollte man
die Kraft nehmen, das nächste Stück zu schreiben,
die nächste Aufführung zu machen, wieder zwanzig Schauspieler
zu versammeln, wieder zehn Kritiker auszuhalten,
wieder einen verrückten Regisseur auszuhalten. Das
ist schon ein Vorgang, der ohne diesen Grundglauben
nicht zu vollziehen ist. Die Kunst ist ähnlich wie
die Anarchie, ein Querschuss in die Herzen der Menschen.
Es funktioniert aber nur für Momente. Würde ich das
nicht glauben, würde ich Kunst nicht betreiben. Es
ist das, was mich im Leben hält.
E. K: Aber doch seit Jahrhunderten
schon gibt es Kunst, gibt es Literatur, die es versuchen,
die Menschen besser zu machen, sie zu verändern und
doch, wie man sieht, begeht diese Menschheit so etwas
wie Selbstverfall und dieser Verfall vertieft sich
immer mehr. Ist das nicht deprimierend?
TURRINI: Erstens glaube ich
das nicht. Ich glaube, dass sich alle ohne die Kunst
sofort einander die Schädel einschlagen würden. Ich
halte uns für abgründig und grauenhaft, aber auch
für relativ zivilisiert. Zweitens vergessen Sie nicht,
wenn sich eine geschichtliche Epoche
an etwas Maß genommen hat, ihr moralisches
Maß, aber auch ein anderes Maß, dann immer an der
Literatur. Wenn zum Beispiel das elisabethanische
Zeitalter den Shakespeare nicht gehabt hätte, wären
alle Morde und Verbrechen gleichgültig gewesen. Weil
Shakespeare sie aufgezeigt hat, wissen wir, dass Richard
der Zweite ein monströses Schwein war und weil Hamlet
in den Wahnsinn verfällt, wissen wir, dass dieses
menschliche Gemüt auch schon in dieser Zeit ein aufs
Äußerste Gereiztes war. Selbst wenn die Literatur
nichts anderes leistet, als uns den interessantesten
und einfühlsamsten Überblick über eine vergangene
Epoche zu geben, dann ist das schon eine großartige
Leistung. Wäre das elisabethanische Zeitalter Englands
stückelos, geschichtenlos gewesen, es wäre gar nicht
mehr vorhanden. Würde das römische Zeitalter ausschließlich
aus Gladiatoren bestehen, es gäbe höchstens nur
noch Filme darüber, es besteht aber in Wirklichkeit
aus großen Dichtern des alten Rom. Wäre das hellenistische
Zeitalter nicht durch Homer beschrieben worden, würden
bloß ein paar griechische Stehblöcke übriggeblieben
sein. Also, wenn die Kunst nichts anderes leistet,
so ist sie das interessanteste Gedächtnis der Menschheit
und das finde ich schon ziemlich toll. Für mich war
es zum Beispiel so, dass ich die Wiener erst durch
Horváth begriffen habe. Erst, als ich seine Stücke
gelesen habe, "Geschichten aus dem Wiener Wald"
zum Beispiel, ist mir unglaublich viel über Wien klar
geworden. Also, selbst wenn die Kunst nichts verändern
sollte, sagen wir mal, unterstellen wir diese Hypothese,
ist sie trotzdem ein Fernglas, eine Brille und zwar
eine ziemlich scharfe Brille auf den Wechsel der Zeiten.
Und das ist schon etwas Hervorragendes. Ich nehme
an, vieles aus
der polnischen Geschichte ist Ihnen auch über die
polnische Literatur nahe gekommen, vieles begreifen Sie eben über die polnische
Literatur und nicht nur über die polnische
Geographie, - die ist heute so und so und dort fließt
die Weichsel und da ist der Baum, - nein, die Literatur
macht die Geographie erst lebendig, finde ich.
E. K: Als Sie im Vorjahr in Polen waren, haben
Sie im Gespräch mit Katarzyna Wielga unter anderem
über die Theatralisierung des Lebens hier gesprochen
und ich war erstaunt, wie treffliche Beobachtungen
Sie während eines so kurzen Aufenthaltes gemacht
haben. …
TURRINI: Ja, das hängt auch
damit zusammen, dass ich einmal sechs Wochen in Polen
war und habe meine Lesetournee gemacht und hatte eine
Freundin dort und mir ist das einfach verwandt. Ich
hatte auch diesmal, als ich in Warschau war, nach
einer halben Stunde das Gefühl, ich bin in einer Familie.
Und dann war zum Beispiel nach der Aufführung von
"Liebe in Madagaskar" eine große Diskussion
mit dem Publikum und es war für mich so wahnsinnig
schön, dass diese Menschen das so sehr auch als ihre
Geschichte empfunden haben. Da war eine ältere Dame,
die gesagt hat: "Das ist so polnisch diese Geschichte"
und alle haben so gelacht, ich habe gesagt: Ich bin
kein Pole, aber es freut mich wahnsinnig. Also es
gibt natürlich schon eine Verwandtschaft, die ich
zum Beispiel zu den Spaniern nicht habe. Also, Lorca
ist mir fremd. Diese Blut-und-Boden-Stierkampfideologie
ist mir zutiefst fremd.
E. K: Ja, ich glaube, es gibt viele Ähnlichkeiten zwischen Österreich
und Polen …
TURRINI: Ja…
E. K: Vor allem wenn es um den
Katholizismus geht...
TURRINI: Wahrscheinlich haben
wir dasselbe neurotisch-katholische Erbe in uns, das
ist auch möglich.
E. K: Vielleicht werden Sie
auch deswegen in Polen immer populärer…
TURRINI: Ist es so? Ich weiß
das ja nicht…
E. K: Ich glaube schon… Aber zurück
zu Ihrer Kunst. Sie bezeichnen das Theater oft als eine moralische Anstalt, nicht wahr? Sie weisen auch auf diese aufklärerische
Aufgabe der Literatur hin. Würden Sie sich denn selbst
als einen Moralisten bezeichnen?
TURRINI: Ja, ich glaube, dass
man einer ist, selbst wenn das einem nicht angenehm
ist. Ich glaube, schon die Inanspruchnahme des Theaters,
schon die Tatsache, dass da Schauspieler rausgehen
und Ihnen jetzt was erzählen, ist, selbst wenn die
jetzt keine moralischen Vorträge halten, trotzdem
ein moralischer Akt, weil sich die gesamte Theaterdramaturgie
über Gut und Böse in Bewegung setzt. Das ist sozusagen
der Schurke, das ist der Gute, den liebt man mehr,
den liebt man weniger, lauter moralische Kategorien.
Jemand wird vor ein Gericht geschleppt, ich weiß aber
als Zuschauer, dass er unschuldig ist, leide automatisch
mit ihm mit - das sind alles moralische Kategorien.
Wenn man sie abschafft, und sagt, es ist alles gleichgültig,
es ist alles von gleicher Gültigkeit, ob jemand gut
oder schlecht ist, ob jemand Böses oder Gutes tut,
ob jemand liebt oder nicht liebt, das Theater hält
sich von allen diesen Fragen fern, dann findet es
gar nicht mehr statt. Dann sitzen Sie unten und sagen,
ich leide nicht mit Ophelia, ich leide nicht mit Hamlet,
es ist mir egal, ob der Richard die Leute umbringt
oder nicht, aber das wäre das Ende des Theaters. Ihre
Parteinahme ist ein tiefer, moralischer Kern. Sie
finden das richtig, was der eine sagt und sie finden
das aber falsch, was der andere sagt und ohne diese
Unterscheidung setzt sich Ihr Gemüt, Ihr Zuschauergemüt
gar nicht in Bewegung. Ich kenne kein wirkliches
Theaterstück, großes Theaterstück, das nicht mit diesen
moralischen Kategorien argumentieren würde. Selbst
Ionesco ist, wenn man das genau liest, voller moralischer
Kategorien.
E. K: Sie haben viele Preise
und Auszeichnungen bekommen. Welche waren für Sie
am wichtigsten und wieso?
TURRINI: Am wichtigsten war immer schlicht
und einfach gesagt das, wo Geld dabei war, weil ich
diese ganze Preiserei nicht so ernst nehme und es
angenehm finde, wenn man einen Check bekommt und
damit seinen Freunden und sich selbst auch weiter
helfen kann. Ansonsten ist diese ganze Preiserei meistens
nur zur Feier der Preisgeber
ins Leben gerufen. Also, der österreichische Staat vergibt
einen Staatspreis, damit sich der österreichische
Staat gut fühlen kann. Ein Staatspreisvergeber, das
Haus der Industrie, vergibt einen Industriepreis,
damit sich die Industrie selber feiern kann. Ich nehme
das alles überhaupt nicht sehr ernst, glaube auch
nicht, dass ich mit Preisen bedeutender werde. Das
ist alles Folklore, ich lache immer darüber, über
al die Orden, die mir angeboten werden. Die Literatur
ist die Literatur, nackt und bloß und der nächste
Arbeitstag ist der nächste Arbeitstag. Entscheidend
ist einzig und allein die Frage, ob mir etwas Schönes, etwas Gutes oder etwas Schlechtes
einfällt. Alle anderen Sachen, zum Beispiel ob man
weltberühmt ist oder nicht, viele Preise hat oder
wenig, ein paar Lorbeerkränze am Kopf oder auf der
Glatze hat, oder nicht oder ins Grab gelegt wird mit
zwanzig oder dreißig Orden, finde ich lächerlich.
Das ist alles Folklore. Wenn Geld dabei ist, ist es
angenehm, ansonsten nehme ich das alles überhaupt
nicht ernst. Selbst wenn in meiner Biographie jetzt
alle Nobelpreise der Welt stehen würden und Ihnen
ist langweilig beim Lesen, helfen all diese Preise
gar nicht. Sie haben zwar ein Buch gekauft, wenn drauf
auf einer Schleife steht, der Autor hat den Nationalpreis
oder sonst etwas gewonnen, dann machen Sie das Buch
auf und es ist saulangweilig, es berührt Sie gar nicht.
Die Literatur, und das ist das Tolle an ihr, wirkt
von sich selbst, sie braucht keine Kleider. Wenn Schriftsteller
dort und da zu Ehrenprofessoren ernannt werden, werden
deshalb ihre Geschichten nicht besser. Ich sage oft
den Schauspielerinnen oder den Schauspielern, das
es ganz angenehm
ist, wenn sie Protektion haben, wenn sich jemand
für sie einsetzt, aber wenn sie dann zu mir auf die
Probe kommen, dann hilft die ganze Protektion
überhaupt nicht. Entweder sie spielen gut oder schlecht.
Entweder ich bin zu Tränen gerührt oder es ist mir
saulangweilig und ich muss der oder dem dann aufrichtig
sagen, auch wenn dich der und der Professor zehnmal
empfohlen hat, du bist
schlecht, es ist langweilig, du kannst nichts, lerne
noch etwas dazu. Die Kunst ist nackt und bloß, sie
wirkt aus sich selbst, und der Rest ist halt ihre
Rezeption. Niemand kann Sie daran hindern, im Theater
einzuschlafen, selbst wenn die gesamte, polnische
Presse schreibt: es ist das größte Stück, man muss
es unbedingt anschauen. Sie gehen dann hin und schlafen
halt ein, dann hilft die ganze Werbung nichts. Es
ist schon schön und angenehm, dass die das alles schreiben,
man liest es auch gern, aber die Literatur ist auch
der Ort der Wahrheit, vor allem der theatralischen,
denn Sie setzen sich zwei Stunden dort hinein, Sie
waschen sich vorher, nehmen einen Bus, fahren dorthin,
machen sich bequem… und jetzt muss etwas passieren,
und wenn nichts passiert, kann noch so viel auf dem
Plakat obengestanden sein. Es hilft einfach nichts.
Das ist vielleicht bei einem Buch, das man wieder
lesen und überlegen kann, etwas anders. Aber ein Theater
ist ein Ort des Momentes, des Augenblicks, so wie
das Fußballspiel. Ein Fußballer kann ja auch nicht
aufrufen: in drei Wochen spiele ich großartig, die
Fans würden ihn auspfeifen. Und genauso ist es am
Theater. Ich kann ja nicht von der Bühne herunter
sagen, ihr versteht mich heute überhaupt nicht, aber
kommt in einem Monat wieder, dann versteht ihr mich.
Das Theater ist jetzt und gleich. Es ist wie Fußball…
E. K: Christine Nöstlinger hat mal geschrieben,
dass Sie jahrelang geglaubt habe, man werde Sie zu
einem zeitgenössischen Volksdichter machen, wobei
sie sich jedoch geirrt habe, weil, wie sie schreibt:
"Kein Kronenzeitung-Leser im Land, der ihn nicht
kennt. Nur mit der Liebe, der gegenseitigen, ist es
halt nichts geworden. Die blieb einseitig - autorenseitig.(...)
Es ist bloß weit leichter, als wir gedacht hatten,
jemanden zum Staatsdichter zu machen, um zu verhindern,
dass er Volksdichter wird".
TURRINI: Ich weiß nicht ganz genau, was Christine
damit meint. Ich glaube, sie meint damit etwas, was
es vielleicht auch in Polen gibt, nämlich dass der
Begriff "Volksdichter" hier auch Geschmack
von Blut und Boden hat. Diese Art von Literaten will
ich nicht werden und bin ich auch nicht. Und es gab
in Österreich schon so eine Phase der Eingemeindung,
wo man gesagt hat, jetzt haben wir wieder einen großen
Volksdichter und da gehen die Leute hin etc. und das
ging schon ein bisschen an den
Rand von Heimatdichtung, sagen wir mal so. Und das
bin ich sicher nicht und das will ich auch
nicht werden. Was mir Spaß macht, das ist die Tatsache,
dass die Leute, die Bevölkerung einfach in meine Stücke
hineingeht. Ich bin gewiss nicht ein Autor, der nicht
besucht wird oder der vor Minderheiten spielt. Das
war eigentlich nie der Fall und das freut mich schon,
weil ja die Theaterkunst eine ist, die einfach das
Publikum braucht. Es ist mir egal, ob meinen Gedichtband
viele oder wenige lesen, ich merke es einfach nicht
und kriege es auch kaum mit - höchstens über die Abrechnungen
des Verlages. Aber ob ein Theater leer ist, halb voll,
knall voll oder nur zwei Reihen besetzt sind, das
trifft mich sehr. Das finde ich wichtig - wenn Fußball,
dann muss das Stadion schon voll sein. Mir ist jede
Emotion recht, mir ist auch recht, wenn die Leute
das ablehnen, aber das Nicht-Stattfinden… na da bin
ich schon für den Satz von Billy Wilder, dass das
oberste Gebot des Schriftstellers ist: du sollst nicht
langweilen. Also, ich finde die wenigen Male, wo ich
im Theater von anderen Autoren war und es war so schrecklich
langweilig, ich dachte mir ja, wieso stiehlt der
mir zwei Stunden mit Dingen, die mir auf die Nerven
gehen, die ich nicht verstehe, die mir nichts über
Menschen erzählen, so ein artifizieller Scheißdreck,
den es bei uns jetzt manchmal gibt, wo alles nur Form
ist etc. Ich kann es nicht und will es auch nicht.
Also mich interessiert das Gemüt des Zuschauers und
es ist mir lieber, er ärgert sich über mich, als er
schläft da. Insofern würde ich diese Kategorie des
Volksdichters zulassen, dort allerdings, wo es in
diese Beliebigkeit, in diese Heimatdichtung geht,
wo es sozusagen alles umfasst, damit will ich nichts
zu tun haben.
E. K: Ihnen wird oft vorgeworfen, dass Sie maßlos
übertreiben in Ihren Stücken und Sie selbst… ja, da
gibt es einen Widerspruch - mal sagen Sie, Sie würden
niemals übertreiben und ein anderes Mal geben Sie
zu, als Italiener hätten Sie einen Hang zur Übertreibung
…
TURRINI: Ja, Dichten heißt sich etwas auszudenken.
Sich hinzusetzen und seine Geschichte auszudenken,
ist bei mir schon oft ein Akt der Übertreibung. Ich
übertreibe einen Vorgang, einen Vorfall, eine Situation,
die mich in Wut versetzt oder die mich getroffen und
berührt hat und mache daraus sozusagen eine theatralische
Form und Theatralisierungen sind ja Übertreibungen.
Natürlich gibt es auch die Erfahrung, dass ich dann
oft von der Wirklichkeit maßlos eingeholt wurde. Das
heißt, dass die Wirklichkeit oft noch eine größere
Übertreibung ist. Ich hatte zum Beispiel schon vor
einem Jahr die Idee, über Kinderpornographie zu schreiben
und mache mir auch immer wieder Notizen, dass aber
in Österreich plötzlich von Politikern, über Journalisten
etc. bis hin zu einfachen Arbeitern Hunderte
verhaftet werden, das halte ich für eine Übertreibung
der Wirklichkeit. Hätte ich es vor einem Jahr in einem
Stück geschrieben: halb Österreich betreibt Kinderpornographie,
hätte man gesagt: Na, der Turrini übertreibt schon
wieder maßlos. Halb Österreich betreibt Kinderpornographie?
Das ist ja absurder Gedanke! Und jetzt wird auf Grund
dieser Internetgeschichte, wo man feststellen kann,
wer das alles bezieht, behauptet, dass drei Viertel
Österreicher sozusagen die Kinderpornographie betreiben.
Ich übertreibe also beim Schreiben
und manchmal holt mich die Übertreibung der
Wirklichkeit ein. Als ich das Stück "Minderleister"
schrieb, hat es in der VOEST 75.000 Entlassene gegeben.
Mir ist das als eine ungeheuer große Zahl vorgekommen,
und bis heute sind 200.000 entlassen worden. Als ich
das Stück aus größter Empörung schrieb, war die Zahl
ein Drittel von dem, was bis heute passiert ist. Damit
will ich sagen, der größte Übertreiber ist immer die
Wirklichkeit
E. K: Im Sommer 2002 soll Ihr neuestes Stück "Da
Ponte in Santa Fe" erscheinen.
TURRINI: Es erscheint als Buch im Juni, die Premiere,
- und das ist bei einem Stück das Entscheidende -
findet am 29. Juli bei den Salzburger Festspielen
statt.