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Orbis
Linguarum Vol. 21/2002
Marcin Barcz
Wien
Wirklichkeitskonstruktion und Grenzen der Erkenntnis in
den Werken von Stanisław Lem
Einleitung - zum Begriff
des Konstruktivismus
Der
als Ausgangspunkt des vorliegenden Beitrags dienende
Konstruktivismus repräsentiert sämtliche Denkrichtungen,
die allesamt aus dem Mißtrauen in bezug auf das gängige
Verständnis von Wirklichkeit erwachsen sind. Insbesondere
richtet er sich gegen die realistische Abbildtheorie,
wonach der Mensch im Zuge der Wahrnehmungen die ihn
umgebende Welt wahrheitsgetreu und einem Spiegel ähnlich
in seiner Kognition wiedergibt bzw. rekonstruiert.
Aus der Sicht der Konstruktivisten kann weder von
einer Wiedergabe noch von einer Rekonstruktion die
Rede sein. Die Wahrnehmungsprozesse führen notwendigerweise
zur unbewußten Verzerrung des Wahrzunehmenden. In
der radikalen Interpretation bedeutet dies sogar,
die Sinnesorgane würden uns lediglich mit Anlässen
versorgen, auf deren Basis das Bild der äußeren Realität
allein mit der Kraft unserer Vorstellung erzeugt oder
eben konstruiert wird. In jedem Fall entstehen auf
diese Weise zwei von einer unüberwindbaren Kluft
getrennte Welten: jene, die wir zu erkennen glauben,
die uns allerdings tatsächlich unzugänglich bleibt,
sowie eine, die wir als real betrachten, die aber
letztendlich nur ein Produkt unserer kognitiven Prozesse
ist.
Daß jede
Wirklichkeitsvorstellung de facto lediglich ein Modell
der äußeren Realität, die wir zu erkennen bemüht sind
(und die wir auch zu erkennen glauben!) darstellt,
war gerade in der Kunst und in der Literatur schon
immer eine bekannte Tatsache.[2]
Auf interessante Weise wird die Unzuverlässigkeit
unserer Vorstellungen von der materiellen Welt in
den Werken von Stanisław Lem angesprochen. In
einer der Erzählungen aus dem Band Dzienniki gwiazdowe (Die Sterntagebücher) verwendet der
Autor ein drastisches Exempel: ein fanatischer Professor
erschafft eine Reihe von künstlichen Intellekten,
denen jeder Kontakt mit der äußeren Umgebung verweigert
wird. Stattdessen schließt sie der Schöpfer an eine
Maschine an, die durch elektronische Stimulationen
ihrer Rezeptoren den Anschein realer Existenz erzeugt.
In diesem höchst erfolgreichen Experiment entsteht
nichts anderes als das Modell menschlicher Wahrnehmung,
wobei sich das leitende Problem auf die Grenzen unseres
Erkenntnisvermögens bezieht. Woher wissen wir, daß
die von uns beobachtete Welt auch tatsächlich so ist,
wie ihr Bild, das sich unseren Blicken bietet?
Wem diese Frage irrational oder absurd erscheint,
dem sei der genannte Text speziell empfohlen, insbesondere sein Fragment, in dem beschrieben wird,
wie eines der künstlichen Gehirne von seinen
Leidensgenossen für psychisch krank erklärt und in
einem (für uns natürlich fiktiven, für die betroffenen
Objekte des Experiments durchaus realistischen) Irrenhaus
eingesperrt wird. Der Grund? Der arme Teufel wird
nämlich von einer Überzeugung geplagt, er wie auch
Seinesgleichen seien nur in schwarzen Metallkisten
eingeschlossene, leiblose Wesen und ihre gesamte,
scheinbar reale Welt wäre in Wirklichkeit nichts mehr
als ein Produkt komplizierter Maschinerie im verstaubten
Laboratorium...
Die Grenzen und Unzulänglichkeiten der Erkenntnis stellen eines der am
häufigsten behandelten Motive in Stanisław
Lems Büchern - kein überraschender Umstand, wenn
man bedenkt, daß seine ersten Auseinandersetzungen
mit dem geschriebenen Wort die Form der teilweise
noch während des Studiums an der medizinischen Fakultät
der Lemberger Universität verfassten wissenschaftlichen
Abhandlungen hatten. Lem wird sich zwar später zurückhaltend
über die Qualität dieser Schriften äußern, unverkennbar
bleibt jedoch, daß er sich schon damals zu philosophischen
Reflexionen angezogen
fühlte - eine Beziehung, die im Laufe der Zeit
immer stärker wurde, um in Summa technologiae (1964) ihren Höhepunkt zu
erreichen. Von
dem menschlichen Gehirn ausgehend, widmet sich das
Buch einer ganzen Reihe von Problemen, die in nahezu allen späteren Werken
Niederschlag finden. Der wohl wichtigste thematische
Bereich hängt mit der Frage zusammen, wie zuverlässig
die Außenwelt registriert wird. Dabei ist es dem Verfasser
bewußt, daß er ein derart formuliertes Problem nicht lösen kann. Denn das Gehirn entzieht
sich allen direkten Erkenntnissen. Der Grund dafür
wurde bereits drei Jahre vor dem Erscheinen von Summa
technologiae im Roman Solaris (1961) erklärt, dessen Held erfolglos bemüht
ist ein Experiment
zu entwerfen, das ihm die zweifelhafte Richtigkeit
seiner eigenen Wahrnehmung bestätigen würde. Deswegen
versucht Lem an die traditionelle Erkenntnisfrage
von der anderen Seite heranzugehen: in wie weit wäre
es möglich die Sinne zu beeinflussen, ohne daß
die Manipulation selbst bemerkt wird?[3] Ein solches Vorhaben ist in seiner Meinung um so einfacher durchzuführen, wenn
man bedenkt, daß das Gehirn ohnehin mit modellhaften
Konstrukten der Welt operiert. Es genügt demnach
die entsprechenden Bedingungen dieser Konstrukte gezielt
zu lenken, um eine künstliche Wirklichkeit zu erzeugen,
die von der Untersuchungsperson als real aufgenommen
wird. Dies kann auf doppelte Art vollbracht werden.
Die leichtere - und bereits heute jeden Tag praktizierte
- Möglichkeit bilden verschiedenartige Illusionen,
die unter Zuhilfenahme von technischen Geräten oder
chemischen Mitteln hervorgerufen werden - aber auch
durch direkte chirurgische Eingriffe. Viel schwieriger
präsentiert sich dagegen der zweite vorgeschlagene
Weg: komplette virtuelle Welten mit ihren eigenen,
inneren Wirklichkeiten zu konstruieren.
Manipulierte Wirklichkeiten
Der
Antwort auf die Frage, ob es möglich wäre künstliche
Wirklichkeiten zu erzeugen, die von der natürlichen nicht zu unterscheiden sind,
versucht Lem in zahlreichen Romanen und Erzählungen
nachzuforschen. Die theoretischen Grundlagen seiner
Konzepte wurden dabei bereits in Summa technologiae ausführlich
skizziert. Worum es hauptsächlich geht, ist
das Versetzen der Untersuchungsperson in eine Lage,
die keinen Ausgang von der Welt der Illusion in die
Realität bzw. das, was für sie gilt, offen läßt;
ein vollständiges Eintauchen in das fiktive Vorstellungsreich.
Die Lösung dieses Problems macht der Autor
zur Aufgabe der sogenannten Phantomatik. Die erste
Möglichkeit besteht in der Meinung Lems in dem Einsatz
von technischen Simulatoren bzw. - wie er sie bezeichnet
- phantomatischen Generatoren. Es handelt sich dabei
schlicht um Geräte, die durch unmittelbares Einwirken
auf die Sinnesorgane eine gewünschte Situation vortäuschen.
So wäre es theoretisch denkbar, die Wahrnehmunegn
eines Menschen aufzuzeichnen, um sie später in beliebiger
Situation abzuspielen - eine simple (wenn auch technisch
aufwendige), einseitige Informationsübertragung,
bei der sich der Rezipient völlig passiv verhalten
muß und nur zum Adressat der vorbestimmten Projektion
wird. Der fiktive Charakter einer solchen Illusion
ist - wie der Autor selbst zugibt - einfach nachzuweisen,
da keine Möglichkeit der Interaktion mit der jeweiligen Vorstellungswelt
besteht. Das eigentliche Ziel der Phantomatik
wurde damit also nicht erreicht. Ein wenig anders
ist es dagegen in dem 1961 publizierten Roman Powrót
z gwiazd (Rückkehr von den Sternen),
wo allerdings die
virtuelle Wirklichkeit ausschließlich zum Unterhaltungszweck
kreiert wird. Der Protagonist Hal Bregg, der nach
einer jahrelangen Abwesenheit auf die Erde zurückgekommen ist, nimmt an einem dramatischen
und durchaus realistischen Bootsausflug teil, der
sich im Endeffekt als eine clevere Mystifikation
erweist. Zumindest ist er aber in der guten Situation,
daß ihm der fiktive Charakter der Ereignisse bekannt
ist, auch wenn es manchmal schwer fällt daran zu glauben.
Dies kann von sich der junge Kadett Pirx, die Hauptgestalt
der Erzählung Test
(1968)
aus dem Band Opowieści o pilocie Pirxie (Geschichten vom Piloten Pirx) nicht
behaupten. Er fällt der wohl einfachsten aller Fallen,
die sich Lem für seine Helden ausgedacht hat - dem
Flugsimulator - zum Opfer. Pirx hat keine Ahnung,
daß er nicht in einem echten Raumschiff sitzt, und
daß die Gefahren, denen er auf dem Weg zum Mond begegnet
tatsächlich geschickte Manipulationen sind,
die seine Fähigkeiten
als Pilot überprüfen sollen. Erfahren wird er dies
erst nach dem beendeten Kontrollflug. Weniger
glimpflich verläuft der Test bei seinem Kollegen,
der nicht imstande ist die simulierten Schwierigkeiten
zu überwinden und letztendlich im Angesicht der scheinbar
herannahenden Katastrophe den Verstand verliert. Die
Prüfung hat dem Kadetten eine wichtige Lehre erteilt
- den eigenen Sinnesorganen zu mißtrauen. Dieser neu
erworbenen Fähigkeit verdankt Pirx sogar das Leben,
als sich herausstellt, daß das unbekannte Flugobjekt,
das er in der Erzählung Patrol (Patrouille)
immer und immer weiter in die Tiefen des Weltalls
verfolgt, in Wirklichkeit gar nicht existiert, sondern von einem fehlerhaften
Bildschirm erzeugt wird.
Die
Distanz zur eigenen Wahrnehmung bildet die fundamentale
Botschaft, die Lem in vielen seiner Texte unermüdlich
wiederholt. Denn wie es scheint, ist ein phantomatischer
Generator erst gar nicht notwendig, um den Menschen
ins Reich der Illusion
zu versetzen. In den meisten Fällen genügt das Gehirn
allein. Diese alles andere als angenehme Erfahrung
macht sowohl Bregg im Roman Powrót z gwiazd
als auch Pirx in der Erzählung Odruch warunkowy,
die ebenfalls zum Zyklus Opowieści o pilocie
Pirxie gehört. Das erstgenannte Buch beschreibt
ein Experiment, in dem die Untersuchungsperson für
längere Zeit in einem von der Außenwelt völlig isolierten
Behälter - dem sogenannten "Geisterschloß"
- eingesperrt wird. Das Ziel der Behandlung bestand
daran, die Widerstandskraft der Astronauten bei üblichen
Belastungen der Raumfahrt zu testen. Die Folge der
Einsamkeit, Langeweile und gänzlicher Abgeschiedenheit
waren eigenartigste Visionen. Eine nicht unähnliche
Version des gleichen Experiments bildete das sogenannte
"Irrenbad" aus Odruch warunkowy.
Der Getestete legte sich auf dem Rücken in einen mit
Wasser gefüllten Behälter. Die Temperatur der Flüssigkeit
wurde der Körperwärme angepaßt und eine entsprechende
Salzlösung sorgte dafür, daß die Untersuchungsperson
schwerelos gleich unter der Oberfläche schwebte.
Auf diese Weise wurde der Körper grundsätzlich von
den äußeren Reizen isoliert. Auf den ersten Blick
keine besonders komplizierte Aufgabe. Dennoch war
ein Drittel der Kandidaten nicht einmal dazu fähig,
drei Stunden im "Irrenbad" auszuhalten.
Ein
noch anderer Fall der ausschließlich mit Hilfe der
Phantasie kreierten Wirklichkeit wird dem Leser in
Les Robinsonades (1971) aus dem Band Doskonała
próżnia (Die absolute Leere) vorgeführt.
Dort erinnert die Situation ein wenig an das "Geisterschloß"
aus Powrót z gwiazd. Nur wird der Held nirgendwo
eingeschlossen, er strandet lediglich infolge eines
Schiffbruchs - ganz wie der ihm als Vorbild dienende
Protagonist von Defoe - auf einer unbewohnten Insel.
Um sich vom Verstandverlust und Einsamkeit zu bewahren,
sucht er den Ausweg im Reich der Träume. Was der
Schiffbrüchige beabsichtigt, ist aber keineswegs ein
simples Verwischen der Grenzen zwischen Traum und
Wirklichkeit - solcher Versuch würde ihn direkt in
den Wahnsinn treiben. Er will vielmehr die in seinen
Träumen existierenden Gestalten materialisieren.
Mit dieser ambitiösen Absicht beginnt er planvoll
und allein mit Kräften der Phantasie die Wirklichkeit
zu gestalten. Schließlich gerät aber die von ihm erschaffene
Welt außer Kontrolle und gewinnt langsam die Oberhand
über ihrem Schöpfer. Erst dann muß der moderne Robinson
erkennen, daß er für sich eigenhändig die gefährlichste
aller Fallen gebaut hat - im Unterschied zu realen
Situationen, gibt es aus dem Reich der Imagination
kein Entkommen.
Neben
den Illusionen, die entweder durch geschickte Simulation
oder Abgeschiedenheit von der Außenwelt hervorgerufen
werden, nennt Lem zwei weitere Möglichkeiten die
Wirklichkeit zu manipulieren. Die erste bilden direkte
chirurgische Eingriffe, die am Gehirn durchgeführt
werden. Es handelt sich also um die Frage, ob man
die neuronalen Prozesse bzw. die Bewußtseinszustände
auch unmittelbar, d.h. nicht durch Sinnesorgane, beeinflussen
kann. Entsprechendes Beispiel lieferte bereits 1955
Szpital Przemienienia
(Das Hospital der Verklärung), in dem
beschrieben wird wie Krauters, einer der Ärzte,
Experimente am schwerkranken Patienten Rabiewski durchführt.
Im vollen Umfang kommt das Thema allerdings erst in
dem 1987 erschienenen Roman Pokój na Ziemi
(Friede auf Erden) zur Sprache. Einen eindeutigen
Fall der direkten Ingerenz bildet hier die an Ijon
Tichy - dem Held zahlreicher Werke Lems, u.a. der
Erzählungen aus dem Band Dzienniki gwiazdowe
- durchgeführte Trennung der Hirnhälften, die sogenannte
Kallotomie. In Folge der ungewollten Behandlung entwickeln
beide Teile des durchtrennten Gehirns des Helden
ein autonomes Leben, was zu zahlreichen nicht selten
durchaus komischen gleichzeitig aber alle Grundlagen
der Philosophie erschütternden Konflikten führt.
Während chirurgische Manipulationen eher zur Seltenheit gehören, macht
der Autor auf eine andere - weitaus öfter anzutreffende
- Art der Beeinflussung aufmerksam: eine, die mit
Hilfe chemischer Substanzen vollzogen wird. Dieses
Motiv kommt sowohl in Katar (Der Schnupfen)
aus dem Jahre 1976, als auch in dem bereits mehrmals
genannten Roman
Powrót z gwiazd zur Sprache. Im ersten
Fall führt eine zufällige Kombination von entsprechenden Mitteln
und Bedingungen zu Selbstmordversuchen. Das
zweite Buch schildert dagegen eine Vision der künftigen
Gesellschaft, in der die Aggression durch pflichtweise
an allen Neugeborenen durchgeführte pharmakologische
Behandlung beseitigt wurde. Am interessantesten erscheint
jedoch in diesem Kontext die längere Erzählung Kongres
futurologiczny (Der futurologische Kongreß)
aus dem Jahre 1971. Die Ausgangslage erinnert an die
Zivilisation, die
Hal Bregg nach seiner Rückkehr auf die Erde
vorfindet. Im Unterschied zu Powrót z gwiazd,
wo die von destruktiven Instinkten befreiten Menschen
eine luxuriöse Existenz aufgebaut haben, bildet der
äußere Glanz in Kongres futurologiczny lediglich
das Ergebnis einer heimtückischen Mystifikation. Der
ganze Luxus, Wohlstand und Fortschritt erweisen sich
als eine Illusion. Nach und nach entdeckt Ijon Tichy
- weil er ist es wieder, der die Rolle der Hauptgestalt
spielt - die erschütternde Wahrheit: eine Gesellschaft,
deren materielle Not mit halluzinogenen Drogen, den
sogenannten Maskonen, getarnt wird. Im Gegenteil zu
den üblichen narkotischen
Mitteln bewirken diese keinen Verlust
des Kontaktes mit der äußeren Welt. Die Realität
wird nur von entsprechenden Visionen überschattet
bzw. Maskiert. Damit erreicht Lem das bereits in
Summa technologiae gesuchte Resultat: eine
virtuelle Wirklichkeit, deren fiktiver Charakter nicht
zu erkennen wäre. Im Unterschied zu den meisten früher
besprochenen Texten wird in Kongres futurologiczny
nicht die individuelle Wirklichkeitsvorstellung manipuliert,
sondern gleich jene, der gesamten Gesellschaft
(nur in Powrót z gwiazd handelt es sich
um massenhaft durchgeführte Eingriffe, die allerdings
nicht Illusionen hervorrufen, sondern - wie bereits
erwähnt - die aggressiven Instinkte auslöschen sollen).
Da sie nicht imstande sind mit den Folgen der Überbevölkerung
und dem allgegenwärtigen Elend mit konventionellen
Methoden fertig zu werden, haben die Verantwortlichen
zu radikalen Mitteln gegriffen, um den Bürgern wenigstens den
Anschein der Existenz im Wohlstand
zu geben. Einer der Drahtzieher der grausamen Mystifikation
versucht diese sogar als eine humanitäre
Leistung auszugeben. Wenn sich die Wahrheit
nicht ändern läßt, sollte man sie zumindest verdecken - dies sei die letzte menschliche
Pflicht.
Künstliche Welten
Die
relativ simplen Methoden der Erzeugung von Illusionen,
deren Beispiele in unserem Alltag ausreichend vorhanden
sind, bilden für Stanisław Lem lediglich den
Auftakt zu einem viel komplizierteren Unternehmen.
Zur Erinnerung sei wiederholt, daß er schon in Summa
technologiae das ambitiöse Problem der Konstruktion
von gesamten Welten vor Augen hatte. Im Gegensatz
zu der durchaus realen Phantomatik scheint diese
Aufgabe - bislang zumindest - der Domäne reiner Spekulationen
zu gehören, die ausschließlich im Rahmen von Science-fiction
verwirklicht werden können. Der Unterschied zu den
vorher geschilderten Fällen besteht im wesentlichen
darin, daß dort das natürliche Gehirn infolge bestimmter
Behandlung in mehr oder weniger halluzinative Zustände
versetzt wurde. Diesmal dagegen sollen sowohl die
erzeugte Welt, als auch ihre Bewohner künstlich sein.
Das hypothetische virtuelle Universum würde einen
Bereich bilden, zu dem der Mensch keinen Zugang hat
und aus dem es wiederum kein Entkommen gibt. In bezug
auf den Informationsfluß kann es theoretisch sowohl
offen, als auch isoliert sein. Der erste Fall würde
bedeuten, daß sich die umgebende Natur beobachten
ließe. Dadurch würde sich notwendigerweise den Beobachtern
der untergeordnete Charakter ihrer Welt offenbaren.
Aus diesem Grund beschäftigen Lem vor allem die isolierten
Systeme, d.h. solche, deren künstlicher Ursprung von
innen nicht erkennbar wäre. Er räumt zwar auf, daß
höchstwahrscheinlich früher oder später unter den
Philosophen einer solchen Population Zweifeln an
der Realität der Existenz und der Wahrnehmung auftauchen
würden - parallel zu unseren Denkern. Da ihre Verifizierung
aber nicht in Frage kommt, könnten derartige Behauptungen
ausschließlich den Stoff für theoretische Diskussionen
liefern. Den künstlichen Ursprung würde erst die Zusammenstellung
mit unserer Welt, erkennbar machen; eine Möglichkeit,
die den Physikern des virtuellen Systems nicht zur
Verfügung steht. Ansonsten sind die Geschöpfe wie
der Mensch, nämlich außer Stande das eigene Bewußtsein
zu verlassen um die hierarchische Struktur zu erblicken,
d.h. daß ihre Welt innerhalb einer anderen - und zwar
der unseren - existiert. So viel zu der in Summa
technologiae skizzierten Theorie. Die gewagte
Idee realisiert der Autor auch in seinen literarischen
Texten, allen voran in Dzienniki gwiazdowe
sowie in der Erzählung Non serviam.
Die angekündigte
Idee der Anwendung kybernetischer Methoden zur Konstruktion
virtueller Welten wird gleich im ersten Kapitel des
Zyklus Ze wspomnień Ijona Tichego aus
Dzienniki gwiazdowe in die Tat umgesetzt. Diese
bereits in der Einführung kurz angesprochene Geschichte
eröffnet eine Reihe von Besuchen des Protagonisten
bei exzentrischen - sowohl in Hinsicht auf ihr Benehmen,
als auch die vertretenen Anschauungen - Wissenschaftlern.
Die ersten Schritte führen Tichy zum Laboratorium
von Professor Corcoran, wo er in die Geheimnisse eines
eigenartigen und zum gewissen Grad grausamen Experimentes
eingeweiht wird. Der Besitzer präsentiert seinem
Gast einen Raum, der neben komplizierter
Maschinerie von einem
Dutzend eiserner Kisten besetzt wird. In ihnen - erklärt
Corcoran - sollen sich die modernsten elektronischen
Gehirne befinden, die jemals gebaut wurden. Ihre
wichtigste Eigenschaft besteht jedoch darin, daß sie
eigenes Bewußtsein entwickelt haben. Statt allerdings
die Reize der natürlichen Umwelt zu empfangen, wurden
sie allesamt an einen künstlichen
Generator angeschlossen, der ihnen eine völlig
fiktive Erlebniswelt erzeugt. Im Experiment von Professor
Corcoran entsteht somit eine virtuelle Wirklichkeit
im wahrsten Sinne des Wortes. Es geschieht nach dem
selben Prinzip, wie in der Einleitung in die Phantomatik
beschrieben - durch eine entsprechende Stimulation der Sinnesorgane. Nur diesmal wird nicht
ein natürliches Gehirn dazu verleitet, sich
eigene Vorstellungswelt zu konstruieren, sondern ein
synthetisches. Das wichtigste daran ist jedoch, daß die eisernen Kisten
bzw. die in ihrem Inneren versteckten Mechanismen,
von der Welt außerhalb nichts ahnen und von der Authentizität
der eigenen Empfindungen überzeugt sind. So gibt es
unter den Automaten einen enthusiastischen Wissenschaftler,
der mit Erforschung der vermeintlichen "Naturgesetze"
seiner Welt beschäftigt ist und soeben kurz vor Entwicklung
einer umfassenden Gravitationstheorie steht. Daß er
seine Zeit mit Untersuchung einer Illusion vergeudet,
ist ihm noch niemals in den Sinn gekommen. Seine Automaten,
erklärt Corcoran, seien den Menschen nicht ganz unähnlich.
In beiden Fällen empfängt das Gehirn - das natürliche
genauso wie das elektronische - lediglich Impulse,
die es selbst bearbeitet und auf deren Grundlage das
Reichtum der Erlebnisse erzeugt. Und da die Zuverlässigkeit
dieser Sinneswahrnehmungen normalerweise nicht bezweifelt
wird, bleibt der Glaube an reale Existenz der Welt,
wie sie beobachtet wird, ungebrochen. Versucht einer
diese in Frage zu stellen, wird er unverzüglich für
geisteskrank erklärt - wie eines der bereits früher
beschriebenen Geschöpfe. Aufgrund der vielen Parallelen
zwischen den Menschen und den von ihm geschaffenen
Wesen, kommt auch Corcoran zu dem Verdacht, daß möglicherweise
er selbst und seine Welt das Resultat eines ähnlichen
Experimentes bildet - ein Metallkasten im Laboratorium
eines Forschers höheren Ranges. Aufgrund dieser Idee
wird er von Fachkollegen verspottet, was ein wenig
an die zu Beginn besprochene Situation des vermeintlichen
Geisteskranken erinnert, der sich gegen den allgemein
akzeptierten Glauben auflehnte.
Zum
Zyklus Ze wspomnień Ijona Tichego gehört
auch die Erzählung Doktor Diagoras.
Der Titelheld, dem Tichy in seinem abgesonderten Laboratorium
auf einer griechischen Insel begegnet, erinnert in
vielerlei Hinsicht an Professor Corcoran. Auch er
hat seine wissenschaftliche Karriere den kybernetischen
Organismen gewidmet. Die Aufgabe, die er sich gestellt
hat, bildet allerdings ein Novum: ein Wesen zu erschaffen,
das keine bloße Nachahmung der Natur wäre. Denn bisher
haben sich die Kybernetiker seiner Meinung nach mit
lauter Plagiaten beschäftigt. Alle ihre Bemühungen
führten zu einem Ziel: der Erzeugung künstlicher Intelligenz,
eines Homunkulus, der ein genaues Abbild des Menschen
darstellen würde. Solch "einfache" Lösungen
seien laut Diagoras der Kybernetik unwürdig, mehr
noch - sie widersprechen geradezu ihren ursprünglichen
Zielen. Der Mensch bildet seiner Meinung nach nur
eine der unzähligen Möglichkeiten, die durch Zufall
von der Natur realisiert wurde. Er, Diagoras, will
daher versuchen einen bisher ungesehenen, völlig autonomen
und spontan denkenden Organismus zu bauen. Die Spontaneität
bildet dabei das wesentliche Kriterium, denn die übrigen
Konstrukteure haben immer besonderen Wert auf die
Vorhersehbarkeit ihrer Produkte gelegt - ein unverzeihlicher
Fehler in der Auffassung des exzentrischen Wissenschaftlers,
ein fatales Mißverständnis in dessen
Folge der traditionelle Sinn der kybernetischen
Forschung verlorengeht. Das Ziel der Untersuchungen
von Doktor Diagoras besteht also in der Konstruktion
eines Organismus, der ausschließlich aufgrund der
inneren Vorgänge funktionieren würde und von außen nicht direkt steuerbar
wäre. Als ihm das schließlich gelingt, stellt
sich heraus, daß eine Verständigung zwischen dem Konstrukteur
und seinen Geschöpfen nicht möglich ist. Ein sprachlicher
Kontakt kann nur zwischen zwei Wesen mit vergleichbaren
Gehirnen stattfinden, sind diese aber völlig unterschiedlich
gebaut - und das war doch die Aufgabe des Experimentes
- fehlt jede gemeinsame Bezugsplattform.
Die mangelnden
Kommunikationsmöglichkeiten beschäftigen den Autor
auch in einem anderen Text, in dem die Konstruktion
virtueller Welten angesprochen wird. Die Erzählung
Non serviam erschien im Jahre 1971 in gleich
zwei Büchern: im Jubiläumsband Bezsenność
sowie im Zyklus fiktiver Rezensionen Doskonała
próżnia. Tatsächlich handelt es sich dabei um eine
Besprechung erfundener Arbeit von Professor Arthur
Dobb, deren Gegenstand die Personetik bildet - eine
(natürlich nicht real existierende) kybernetische
Disziplin, die sich der Erzeugung und Erforschung
künstlicher Wesen - der sogenannten Personoide - widmet.
Im Gegensatz zu den Experimenten von Professor Corcoran
oder Doktor Diagoras, in deren Laufe materielle Geschöpfe
- sei es elektronischer (wie Corcorans eiserne Kisten)
oder biologischer (wie intelligente Fungoiden - pilzartige
Gewächse - von Diagoras) entstanden sind, existieren
die Personoide von Dobb in einem abstrakten, mathematischen
Raum. Ihr gesamtes Universum wird mit Hilfe entsprechender
Computerprogramme erzeugt (übrigens ganz im Sinne
der neulich veröffentlichten, umstrittenen und dennoch
für viele ernsthafte Forscher durchaus reizvollen
Theorie des amerikanischen Mathematikers Stephen Wolfram).
Auf welche Art die Personoide ihren "Lebensraum"
sehen, darüber können wir allenfalls nur spekulieren.
Im Sinne der subjektiven Qualität ihrer Erkenntnis
erfahren wir es nicht, denn um dies zu tun, müßte
wohl jemand selbst
zu einem Personoiden werden. Fest steht zunächst,
daß ihre Wahrnehmung mit der unseren völlig unvergleichbar
ist, da sie doch weder Augen noch Ohren besitzen,
die auch logischerweise in einem Universum, wo es
kein Licht, keine Dunkelheit und keine Raumvorstellung
in unserem Verständnis gibt,
überflüssig wären. Zu argumentieren, Personoide seien
von unserem Standpunkt aus betrachtet behindert,
wenn sie nicht sehen und hören können, würde dennoch
an Absurd grenzen.
Eine identische Behauptung könnte in bezug
auf die Menschen aufgestellt werden, da sie doch
offensichtlich die Fähigkeit nicht besitzen, Phänomene
der mathematischen Welt direkt zu empfinden; was wiederum
für die Personoide als selbstverständlich gilt - schließlich
konstituiert die Mathematik ihre unmittelbare Umwelt.
So gesehen sind die Personoide nur aus unserer Perspektive
als "gefangen" zu betrachten. Für die Menschen
ist es aber genausowenig möglich, das abstrakte Universum
der Zahlen zu betreten. Die Grenze zwischen den beiden
Welten ist unpassierbar. Auch jeder Versuch der Verständigung
ist von vornherein ausgeschlossen. Die "Sprache"
der Personoide hat sich unter völlig anderen Bedingungen
entwickelt, so unterschiedlichen, daß eine simple
Übersetzung bei weitem nicht mehr genügt. Ähnlich
wie in der Erzählung Doktor Diagoras stoßen
die Wissenschaftler in ihren Forschungen auf unüberwindbare
Hindernisse. Bedenkt man, daß sie nicht einmal imstande
sind, die eigenen Geschöpfe zu begreifen, stellt sich
als nächstes die Frage nach den Verständnischancen im
Fall von Gegenüberstellung mit völlig fremden Phänomenen, die nicht als Resultate kybernetischer Experimente
entstanden sind;
kurzum: eine Frage nach den Grenzen der menschlichen
Erkenntnis.
Grenzen
der Erkenntnis
Die Reflexionen zum Erkenntnispotential der Wissenschaft
bilden ein Thema, das durchaus mit den soeben besprochenen
phantomatischen Experimenten zusammenhängt. Im Angesicht
der vorgestellten - nicht selten realen - Möglichkeiten,
die Wirklichkeit nach eigenem Ermessen zu gestalten
bzw. sogar ganze Lebensräume herzustellen,
deren künstliche Beschaffenheit ihren Bewohnern unzugänglich
bleibt, stellt sich nun die Frage, ob es auch
zuverlässige Mitteln gibt, die wahre Natur unserer
Welt zu erschließen. Bildete die Wissenschaft bislang
den Ausgangspunkt für Lems Werke, so wird sie diesmal
selbst zum Hauptgegenstand der Überlegungen. Sind
die Wissenschaftler imstande, mit ihrem methodologischen
Instrumentarium ein verläßliches, objektives Bild
der Welt zu übermitteln, oder führen all ihre Bemühungen
letztendlich dazu, jenes Bild gemäß den eigenen Erwartungen
erst zu zeichnen? Eines der ersten Bücher, in denen
das Thema der Ratlosigkeit im Angesicht fremder Welten
im vollen Umfang zur Sprache kommt, ist das 1959 erschienene
Eden. Die Handlung beschreibt die Notlandung
eines bemannten Raumschiffes auf dem bislang unerforschten
Planeten. Neben den Reparaturarbeiten verbringt die
Besatzung - ein Team von sechs Wissenschaftlern -
die übrige Zeit mit der Erkundung näherer Umgebung
und begegnet bald zunächst primitiven Lebensformen,
dann aber auch einer hochentwickelten Zivilisation.
Dabei werden die phantasievollen Landschaften und
Organismen so dargestellt, wie sie sich den Besatzungsmitgliedern
bieten - also hauptsächlich durch Analogien zur Erde.
Nicht die eventuell vorhandene Ähnlichkeit spielt
dabei die endscheidende Rolle, sondern der unbewußte
Zwang der Forscher, die fremden Phänomene mittels
vertrauter Begriffe zu beschreiben. Nach Amtoni Smuszkiewicz
bildet die abenteuerliche Handlung nichts anderes
als eine Einladung zur Reflexion der menschlichen
Erkenntnismöglichkeiten.[4]
Ist der Mensch imstande, die ihn umgebende Welt zu
begreifen, wenn er doch immer und alles nach eigenem
Maß beurteilt? Offensichtlich kaum, denn zum Schluß
bleibt den Astronauten nichts anderes übrig als mit
dem inzwischen reparierten Raumschiff den rätselhaften
Planeten wieder zu verlassen.
Auch in Solaris wird eine kleine Gruppe von Fachleuten mit einem scheinbar
unlösbaren Geheimnis konfrontiert. Das Buch erzählt
die Geschichte fruchtloser Erforschung eines entfernten
Planeten, dessen Oberfläche nahezu vollständig von
einem gallertartigen Ozean bedeckt wird. Im Gegensatz
zum vorher genannten Roman wird der Himmelskörper,
dessen Name als Titel entlehnt wurde, nicht erst als
Nebeneffekt einer Bruchlandung erkundet, sondern es
handelt sich um systematische und seit Jahrzehnten
betriebene Untersuchungen. Die dreiköpfige Mannschaft
der Forschungsstation bildet dabei lediglich einen
Vorposten der irdischen Wissenschaft. Etliche Generationen von Experten aus verschiedenen
Disziplinen haben bereits versucht, den eigenartigen
Phänomenen und Rätseln auf den Grund zu gehen. Trotz
des enormen Aufwandes ist der Erfolg nicht wesentlich
größer als die Resultate der augenscheinlichen Beobachtungen
der Schiffbrüchigen Astronauten von Eden. Es
wurden zwar keine Lebensspuren entdeckt, schon bald
stellte sich aber heraus, daß der Ozean selbst überraschende
Aktivität aufweist. Von nun an ist er zum Objekt der
wissenschaftlichen Diskussionen geworden, um so mehr,
als sich die Spezialisten weder über seine Struktur,
noch die Quelle der seltsamen Perturbationen einigen konnten. Nur in bezug auf seine organische
Bauweise herrschte weitgehende Einheit. Während
aber die Biologen in ihm einen primitiven Organismus
sahen - eine Art gigantischer Zelle - behaupteten
gleichzeitig die Physiker, der Ozean hätte eine hochkomplizierte
innere Zusammensetzung, deren Komplexität die irdischen
Organismen weit überragt. Schließlich wurden sogar
Hypothesen aufgestellt, es würde sich um eine hirnartige,
denkende Substanz handeln, ein körperloses Nervensystem,
das den gesamten Planeten umfaßt. Die Versuche den
Kontakt aufzunehmen bewirkten gewisse Reaktionen,
im Endeffekt sind aber alle kläglich gescheitert.
Als die Handlung des Romans beginnt, existiert bereits
eine gesamte Disziplin mit unzähligen Zweigen und
speziellen Forschungsbereichen, die sich mit nichts
anderem als der Untersuchung des Meeres beschäftigt
- die Solaristik. Die Spezialisation ist so weit gegangen,
daß sich die Solaristen nicht einmal untereinander
verständigen können, geschweige denn, mit dem geheimnisvollen
Ozean zu kommunizieren. Die endgültige Schließung
der Forschungsstation wurde wohl nur dadurch verhindert,
daß sie einer offiziellen Erklärung der Niederlage
der Wissenschaft gleichen würde.
Der fremde Planet wird zu einem Vorwand,
hinter dem sich die eigentliche Thematik des Romans
versteckt - der Mensch selbst, er und sein
ewiger Drang, die Horizonten der Erkenntnis auszudehnen.
Der intelligente Ozean bildet eine metaphorische
Herausforderung vor der sich der Verstand verbeugen
muß. Ähnlich wie in Eden besteht der Fehler
der Helden Lems darin, daß sie wiederholt versuchen
die unerklärbaren Phänomene ihrer eigenen Konzeption
des Universums unterzuordnen. Die Forscher sind unfähig
die Resultate der Untersuchungen unvoreingenommen
zu betrachten, sondern zwingen ihnen unbewußt den
menschlichen, subjektiven Sinn auf, was aufgrund
der Unterschiede zwischen den beiden Welten völlig
unmöglich ist. Das beste Beispiel stellt die Solaristik
selbst dar. Sie ist nichts anderes als ein Produkt
menschlicher Kultur, verzwickt in all ihre Regeln,
Ordnung und Vorurteile. Damit kann
sie die vor ihr gestellte Aufgabe kaum erfüllen.
Als Wissenschaft gibt sie besseres Zeugnis von ihren
Schöpfern ab, als von dem eigentlichen Forschungsobjekt.[5]
Solaris offenbart die Unfähigkeit des Menschen,
Sachverhalte zu verstehen, für die er keinen Bezugspunkt
findet. Das Ziel der Erforschung des Universums besteht
in der Interpretation Lems weniger darin, neue Erkenntnisse
zu beschaffen, als eher die bereits vertraute Weltsicht
auf fremde Planeten zu übertragen. Dem Unbekannten
kann der Mensch niemals objektiv entgegentreten, er
kann daraus höchstens einen Spiegel errichten, in
dem nur sein eigenes Abbild zu betrachten wäre. Antoni
Smuszkiewicz überträgt dies auf die Erde und sieht
darin eine durchaus aktuelle Frage der zwischenmenschlichen
Beziehungen; noch ein Beweis dafür, daß Lems Romane
womöglich keine so vollständig fremde Welten zum Thema
haben, wie es auf den ersten Blick erscheinen mag.[6]
Literaturverzeichnis
Primärliteratur
Opowiadania, Kraków 1969;
Bezsenność, Kraków 1971;
Doskonała próżnia. Wielkość urojona, Kraków 1974;
Summa technologiae, Kraków 1974;
Katar, Kraków 1976;
Golem XIV, Warszawa 1981;
Dzienniki gwiazdowe, Kraków 1982;
Szpital przemienienia, Kraków 1982;
Eden, Kraków 1999;
Opowieści o pilocie Pirxie, Kraków 1999;
Pokój na Ziemi, Kraków 1999;
Powrót z gwiazd, Kraków 1999;
Solaris, Kraków 1999;
Sekundärliteratur
Bereś S., Rozmowy ze Stanisławem Lemem, Kraków 1987;
Jarzębski J., Kallotomia planetarna, in: Lem S., Pokój na Ziemi,
Kraków 1999;
Jarzębski J., Lustro, in: Lem S., Solaris, Kraków 1999;
Jarzębski J., Smutek Edenu, in: Lem S., Eden, Kraków 1999;
Smuszkiewicz A., Stanisław Lem, Poznań 1995;
Szpakowska M., Dyskusje ze Stanisławem Lemem, Warszawa 1997;
Watzlawick P. (Hrsg.), Die erfundene Wirklichkeit, München 1999.
[2] Vgl. P. Watzlawick (Hrsg.), Die erfundene Wirklichkeit,
München 1999, S. 10.
[3] Vgl. M. Szpakowska, Dyskusje ze Stanisławem Lemem,
Warszawa 1997, S. 93.
[4] Vgl. A. Smuszkiewicz, Stanisław
Lem, Poznań 1995, S. 43.
[5] Vgl. J. Jarzębski,
Lustro, in: S. Lem, Solaris, Kraków
1999, S. 230.
[6] Vgl. A. Smuszkiewicz, Stanisław
Lem, op. cit., S. 60.