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Orbis Linguarum Vol. 21/2002

Katarzyna Grzywka

Warszawa

"Sie ist mir leider entwischt, aber hier habe ich den Schuh von ihrem Fuß".[1] Über die Dingwelt der Schweizer Volksmärchen

Die kulturelle Vielfalt der Schweiz spiegelt sich auch in ihren Märchen wider. In vier Sprachen und mehreren Dialekten erzählt und aufgeschrieben, haben sie in der Identitätsfindung der Schweizer eine nicht unbedeutende Rolle gespielt und spielen sie vielleicht, obwohl sicherlich in einem viel kleineren Ausmaß, nach wie vor[2]. Der Schweizer Märchenschatz umfaßt Märchen aus dem deutschen, französischen, rätoromanischen und italienischen Sprachgebiet. Als ‚märchenreich‘ könne, so Leza Uffer, allein das rätoromanische mit seinen vierhundert gesammelten Texten bezeichnet werden. Dies "hängt eng zusammen mit der sprachlich-kulturellen Eigen­ständigkeit, die sich bis zum Ersten Weltkrieg sozusagen intakt zu erhalten ver­mochte". (Uffer, Von, 1998, S. 260)

In der vorliegenden Untersuchung konzentriere ich mich auf die Märchen der deutschsprachigen Schweiz, die im Band Schweizer Volksmärchen in der Reihe Die Märchen der Weltliteratur von Robert Wildhaber und Leza Uffer[3] neben den Märchen der französisch-, rätoromanisch- und italienischsprachigen Schweiz her­ausgegeben worden sind. Der Band bietet dem Leser Märchen, die die Heraus­ge­ber, so Robert Wildhaber, "als vergnüglich, liebenswert oder typisch ansehen und die aus möglichst vielen Teilen der ganzen Schweiz stammen oder zumindest die Sprachgebiete der Schweiz einigermaßen ebenbürtig vertreten" (Wildhaber, Samm­lungen, 1998, S. 257) und "heutigen wissenschaftlichen Ansprüchen genügen soll­ten". (S. 258) Die im Buch erschienenen fünfundzwanzig deutschsprachigen Mär­chen stammen aus zwei früheren Märchensammlungen von Otto Sutermeister (Kin­der- und Hausmärchen aus der Schweiz, 1. Ausg. 1869, 2. Ausg. 1873)[4] und Jo­han­nes Jegerlehner (Sagen und Märchen aus dem Oberwallis, 1913)[5] (S. 258) und um­fassen sowohl die sogenannten ‚eigentlichen Märchen‘: ‚Zaubermärchen‘, ‚legen­denartige Märchen‘, ‚novellenartige Märchen‘ und ‚Märchen vom dummen Teu­fel/Riesen‘ als auch Schwänke. (Vgl. Aarne, Verzeichnis, 1910; Aarne/Thompson, Types, 1928; EM, Bd. 1, 1977, Sp. 570-571; Lüthi, Märchen, 1996, S. 16-18)

Das Ziel der vorliegenden Analyse ist es, die Dingwelt der Schweizer Märchen zu rekonstruieren und nach der Funktion der einzelnen Gegenstände im Leben der Helden und so im ganzen Märchengeschehen zu fragen. Der Terminus ‚Dingwelt‘ wird hier in breitem Sinne des Wortes verstanden und er bezieht sich auf Möbel und andere Elemente der Innenausstattung; Kleider, Taschen, Säcke; Schmuck­stücke und Schätze; Nahrungsmittel und Medikamente; Pflanzen und Steine; Kör­perteile; Geld; Musikinstrumente und Bücher; Werkzeuge und Transportmittel; andere Gegenstände (Kerze, Brett, Kreuz, Feder), wobei man natürlich streiten könnte, ob Pflanzen oder Körperteile als ‚Dinge‘ aufgefaßt werden können. Die Richtigkeit solcher Einwände annehmend bleibe ich bei dem umfassenderen Ver­ständnis des Wortes ‚Dingwelt‘, um ein möglichst breites Spektrum der Pro­ble­matik in die Untersuchung mit einzubeziehen.

Möbel und andere Elemente der Innenausstattung

Die Schweizer Volksmärchen ‚möblieren‘ ihre Häuser und Schlösser vor allem mit Tischen, Betten, Stühlen und Sesseln. Ein Tisch kann sich in einem "prächtige[n] Schloß" befinden, wie es im Märchen Goldig Betheli und Harzebabi der Fall ist, (SV 1, S. 5) in einem großen, prächtigen Palast, wovon Das Zauberschloß im Al­benwald berichtet (SV 20) und in einem Königspalast, was der Text Der Drächen­grudel bestätigt. (SV 12) Ein Tisch darf aber auch in einfachen Häusern und Häus­chen nicht fehlen. Im Schneeweißen Steinchen steht ein Tisch im Elternhause eines Hirtenbuben. (SV 3) In der Geisterküche gibt es einen Tisch "in einem einsam lie­genden Häuschen [mitten im Walde]". (SV 5, S. 18) Im Meisterdieb steht ein Tisch im Hause eines Bauernpaares. Wenn Gäste im Hause erscheinen, stellt die Haus­frau "das Beste auf den Tisch". (SV 22, S. 65) Das Aussehen der Tische wird im Märchen nicht näher beschrieben. Eine Ausnahme von dieser Regel läßt sich im Text Goldig Betheli und Harzebabi finden, wo von einem "goldene[n] Tisch" (SV 1, S. 6) die Rede ist. Am Märchentisch wird vor allem gegessen und gesprochen.

In drei Märchen werden Betten erwähnt. Im Vogel Strauß gilt ein Bett als Ver­steck. Unter dem Möbel verbirgt sich der Held des Textes vor einem Mörder. (SV 21) Ebenso in einem Märchen fungiert es als Aufbewahrungsort von einem Gegen­stand. In der Geisterküche liegt "ein gewichtiger Schlüssel" darin. (SV 5, S. 19) Im Vogel Strauß taucht ein Bett im Zusammenhang mit einem Betrug auf. Hier legt sich ein scheinbar kranker Mann ins Bett, um bei seinem Schwiegersohn Mittleid zu erregen. (SV 21) Lediglich im Großen Mörder erscheint ein Bett als Schlaf­stät­te. (SV 25) Die Beschaffenheit der Betten wird im Märchen nicht charakterisiert. Nur in der Geisterküche erfährt der Leser, daß es sich hier um ein altertümliches Bett handelt. (SV 5)

In zwei Märchen erscheint ein Lehnsessel, beziehungsweise ein Stuhl im Kon­text des Krankseins oder des Sterbens. Im Schweinehirten liegt ein kranker König in einem Lehnsessel. (SV 8) Im Großen Mörder legt sich ein Mörder auf einen Stuhl und stirbt. (SV 25)

In zwei Märchen, in der Geisterküche (SV 5) und dem Drächengrudel (SV 12), lassen sich Herde finden. Die Titelheldin des letztgenannten Textes muß neben einem Herd stehen und "die niedrigsten Dienste verrichten". (SV 12, S. 38)

Lediglich in einem Märchen taucht ein Ofen auf. Im Großen Mörder liegt ein neugeborenes Kind hinter dem Ofen. (SV 25)

Ebenso in einem Text ist von einer Uhr die Rede. In der Geisterküche befindet sie sich in einem Kirchturm. (SV 5)

Zu dem Märchengeschirr gehören hauptsächlich Pfannen, Schüsseln, Teller und Milchkrüge. In der Küche des Häuschens aus dem Märchen Die Geisterküche steht eine Pfanne und eine Schüssel dem Helden zur Verfügung. (SV 5) "Eine groß­mäch­tige Schüssel" taucht auch im Text Der schlaue Bettler und der Menschenfresser auf. (SV 10, S. 33) Im Drächengrudel hantiert die Titelheldin mit Pfannen und Tel­lern in der Küche. (SV 12) In der Schlangenkönigin wird ein Milchkrug erwähnt. (SV 7)

Das Märchenbesteck machen grundsätzlich Löffel (SV 10) und Messer aus. Ein Messer dient im Text Der schlaue Bettler und der Menschenfresser zum Auf­schnei­den von Bettelsäcken und Bäuchen. (SV 10) Im Text Drei lustige Tage und dann des Teufels bekommt ein Handwerksbursche ein Messer von der Mutter Gottes. Er sticht damit den Rasen aus. (SV 24)

Nur in einem Märchen wird eine Decke erwähnt. Im Text Drei lustige Tage und dann des Teufels müssen drei Handwerksburschen drei Fragen des Teufels beant­worten, wenn sie nicht in seine Macht geraten wollen. So müssen sie unter ande­rem erraten, "was für eine Decke er ihnen geben werde". (SV 24, S. 69) Dank der Mutter Gottes erfährt der jüngste Bursche, daß der Teufel die Kuhhaut zu diesem Zwecke verwendet.

Ein Bettuch erscheint im Märchen im Zusammenhang mit den Aufgaben, die der Held zu erfüllen hat. Eine der Aufgaben, die der Titelheld des Märchens Der Meisterdieb lösen soll, um seine Meisterschaft als Dieb zu beweisen, beruht darauf, daß "er der Königin das Bettuch unter dem Leib weg" nimmt. (SV 22, S. 66)

Schlüssel dienen im Märchen, so wie im Alltagsleben, zum Schließen und Öffnen. Im Text Die Geisterküche wird mit einem Schlüssel eine Kellertür und mit einem anderen eine Kiste mit Gold geöffnet. (SV 5) Im Märchen Das Zwerglein Türliwirli kommt es zu einem Mißverständnis zwischen einem Burschen und seiner Frau namens Türliwirli. Sie verläßt das Haus und kommt, wenn der Mann nicht da ist, um sich um den Haushalt und die Kinder zu kümmern. Der Mann begreift nicht, wie es möglich ist, "er habe doch das Haus geschlossen und den Schlüssel versteckt. [...] So sagte er den Kindern, sie sollten doch die Mutter fragen, wie sie es nur an­stelle, ins verschlossene Haus zu kommen". (SV 17, S. 51) Es stellt sich heraus, "sie wisse doch schon, wo der Schlüssel stecke". (SV 17, S. 51)

Kleidung, Taschen, Säcke

Kleidung gilt im Märchen als Identifikationszeichen. Lumpen identifizieren den Helden, zum Beispiel den Titelhelden des Märchens Der Schweinehirt (SV 8), als einen armen Menschen, vornehme Kleider zeugen von seinem Reichtum. Will ein Reicher als ein Armer gelten, muß er seine Kleider tauschen. Im Drächengrudel tauscht ein reiches Mädchen seine Kleider mit einem Bettelmädchen, "damit sie niemand kenne in der Stadt". (SV 12, S. 37) Im Bettelmädchen wählt sich ein jun­ger Graf ein armes Mädchen zur Frau. Er läßt "für die Schöne ein Kleid anmessen" und fährt damit zu seiner Auserwählten. Er gibt ihr das Kleid, sie zieht es an, und erst dann nimmt er sie nach Hause. (SV 14, S. 45) Wenn er nach einigen Jahren beschließt, seine einst sehr arme Frau zu ihren Eltern zurückzuschicken, gibt er ihr zuerst ihre Bettelkleider zurück: "Da holte ihr der Gemahl die Bauernkleider, die er aufbewahrt; sie zog ihr schönes Gewand aus und schlüpfte in das Bettelkleid". (SV 14, S. 46) Besonders reich kleiden sich "vornehme Töchter" im Märchen. (SV 12, S. 39) Im Märchen Der Drächengrudel sind manche "schneeweiß gekleidet wie Schlehdorn, andere rot wie Heckenrosen und andere wieder grün, in allen Farben". (SV 12, S. 40)

Kleider dienen im Märchen als eine Art Testmaterial. In Goldig Betheli und Harzebabi tauchen zwei Gewänder auf: "ein hölziges" und ein goldenes. Die posi­tive Heldin des Märchens wählt das erste Kleid, bekommt jedoch "zum Lohn" das zweite. Die negative dagegen möchte das Goldkleid haben, erhält aber das "Holz­gewand mit Pech und Harz überstrichen". (SV 1, S. 7)

Im Märchen können Kleider als Lockmittel fungieren. In Aschengrübel bekommt die Titelheldin "ein wunderschönes, strahlendes Kleid" von ihren Eltern. (SV 11, S. 34) Dank dem Kleid wird sie zu einer wunderschönen Jungfrau und kann auf ei­nem Tanzplatz erscheinen und hier einen vornehmen Jüngling treffen, dessen Auf­merksamkeit sie auf sich zieht. Der Geschichte endet ‚natürlich‘ mit einer Heirat. Mit einer ähnlichen Situation haben wir es im Drächengrudel zu tun. Die Heldin zieht ihre Sonnen-, Vollmond- und Sternkleider sonntags, wenn sie zur Messe geht, an. So angezogen weckt sie das Interesse eines Prinzen, der sie später heiratet. Zu einem Hoffest zieht sie sogar alle drei Kleider an: "das Sonnenkleid zuerst, dann das Mondkleid und zuoberst das Kleid des Firmaments". (SV 12, S. 41) Daß sie nur einen zu den Kleidern passenden Schuh besitzt, ist für sie kein Problem.

Die Anschaffung von ungewöhnlichen Kleidern gilt im Märchen als Aufgabe, von derer Bewältigung das Gelingen der Heiratspläne der Märchenhelden abhängig ist. Im Drächengrudel will ein Vater seine eigene Tochter heiraten. Diese gibt ihm schwierige

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