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Orbis
Linguarum Vol. 21/2002
Katarzyna Grzywka
Warszawa
"Sie ist mir leider entwischt, aber hier habe ich
den Schuh von ihrem Fuß".
Über die Dingwelt der Schweizer Volksmärchen
Die
kulturelle Vielfalt der Schweiz spiegelt sich auch
in ihren Märchen wider. In vier Sprachen und mehreren
Dialekten erzählt und aufgeschrieben, haben sie in
der Identitätsfindung der Schweizer eine nicht unbedeutende
Rolle gespielt und spielen sie vielleicht, obwohl
sicherlich in einem viel kleineren Ausmaß, nach wie
vor.
Der Schweizer Märchenschatz umfaßt Märchen aus dem
deutschen, französischen, rätoromanischen und italienischen
Sprachgebiet. Als ‚märchenreich‘ könne, so Leza Uffer,
allein das rätoromanische mit seinen vierhundert gesammelten
Texten bezeichnet werden. Dies "hängt eng zusammen
mit der sprachlich-kulturellen Eigenständigkeit,
die sich bis zum Ersten Weltkrieg sozusagen intakt
zu erhalten vermochte". (Uffer, Von, 1998, S.
260)
In der
vorliegenden Untersuchung konzentriere ich mich auf
die Märchen der deutschsprachigen Schweiz, die im
Band Schweizer Volksmärchen in der Reihe Die
Märchen der Weltliteratur von Robert Wildhaber
und Leza Uffer
neben den Märchen der französisch-, rätoromanisch-
und italienischsprachigen Schweiz herausgegeben worden
sind. Der Band bietet dem Leser Märchen, die die Herausgeber,
so Robert Wildhaber, "als vergnüglich, liebenswert
oder typisch ansehen und die aus möglichst vielen
Teilen der ganzen Schweiz stammen oder zumindest die
Sprachgebiete der Schweiz einigermaßen ebenbürtig
vertreten" (Wildhaber, Sammlungen, 1998, S.
257) und "heutigen wissenschaftlichen Ansprüchen
genügen sollten". (S. 258) Die im Buch erschienenen
fünfundzwanzig deutschsprachigen Märchen stammen
aus zwei früheren Märchensammlungen von Otto Sutermeister
(Kinder- und Hausmärchen aus
der Schweiz, 1. Ausg. 1869, 2. Ausg. 1873) und Johannes Jegerlehner (Sagen und
Märchen aus dem Oberwallis, 1913)
(S. 258) und umfassen sowohl die sogenannten ‚eigentlichen
Märchen‘: ‚Zaubermärchen‘, ‚legendenartige Märchen‘,
‚novellenartige Märchen‘ und ‚Märchen vom dummen Teufel/Riesen‘
als auch Schwänke. (Vgl. Aarne, Verzeichnis, 1910;
Aarne/Thompson, Types, 1928; EM, Bd. 1, 1977, Sp.
570-571; Lüthi, Märchen, 1996, S. 16-18)
Das Ziel
der vorliegenden Analyse ist es, die Dingwelt der
Schweizer Märchen zu rekonstruieren und nach der Funktion
der einzelnen Gegenstände im Leben der Helden und
so im ganzen Märchengeschehen zu fragen. Der Terminus
‚Dingwelt‘ wird hier in breitem Sinne des Wortes verstanden
und er bezieht sich auf Möbel und andere Elemente
der Innenausstattung; Kleider, Taschen, Säcke; Schmuckstücke
und Schätze; Nahrungsmittel und Medikamente; Pflanzen
und Steine; Körperteile; Geld; Musikinstrumente und
Bücher; Werkzeuge und Transportmittel; andere Gegenstände
(Kerze, Brett, Kreuz, Feder), wobei man natürlich
streiten könnte, ob Pflanzen oder Körperteile als
‚Dinge‘ aufgefaßt werden können. Die Richtigkeit solcher
Einwände annehmend bleibe ich bei dem umfassenderen
Verständnis des Wortes ‚Dingwelt‘, um ein möglichst
breites Spektrum der Problematik in die Untersuchung
mit einzubeziehen.
Möbel und andere Elemente der Innenausstattung
Die
Schweizer Volksmärchen ‚möblieren‘ ihre Häuser und
Schlösser vor allem mit Tischen, Betten, Stühlen und
Sesseln. Ein Tisch kann sich in einem "prächtige[n]
Schloß" befinden, wie es im Märchen Goldig
Betheli und Harzebabi der Fall ist, (SV 1, S.
5) in einem großen, prächtigen Palast, wovon Das
Zauberschloß im Albenwald berichtet (SV 20)
und in einem Königspalast, was der Text Der Drächengrudel
bestätigt. (SV 12) Ein Tisch darf aber auch in einfachen
Häusern und Häuschen nicht fehlen. Im Schneeweißen
Steinchen steht ein Tisch im Elternhause eines
Hirtenbuben. (SV 3) In der Geisterküche gibt
es einen Tisch "in einem einsam liegenden Häuschen
[mitten im Walde]". (SV 5, S. 18) Im Meisterdieb
steht ein Tisch im Hause eines Bauernpaares. Wenn
Gäste im Hause erscheinen, stellt die Hausfrau "das
Beste auf den Tisch". (SV 22, S. 65) Das Aussehen
der Tische wird im Märchen nicht näher beschrieben.
Eine Ausnahme von dieser Regel läßt sich im Text Goldig
Betheli und Harzebabi finden, wo von einem "goldene[n]
Tisch" (SV 1, S. 6) die Rede ist. Am Märchentisch
wird vor allem gegessen und gesprochen.
In drei
Märchen werden Betten erwähnt. Im Vogel Strauß
gilt ein Bett als Versteck. Unter dem Möbel verbirgt
sich der Held des Textes vor einem Mörder. (SV 21)
Ebenso in einem Märchen fungiert es als Aufbewahrungsort
von einem Gegenstand. In der Geisterküche
liegt "ein gewichtiger Schlüssel" darin.
(SV 5, S. 19) Im Vogel Strauß taucht ein Bett
im Zusammenhang mit einem Betrug auf. Hier legt sich
ein scheinbar kranker Mann ins Bett, um bei seinem
Schwiegersohn Mittleid zu erregen. (SV 21) Lediglich
im Großen Mörder erscheint ein Bett als Schlafstätte.
(SV 25) Die Beschaffenheit der Betten wird im Märchen
nicht charakterisiert. Nur in der Geisterküche
erfährt der Leser, daß es sich hier um ein altertümliches
Bett handelt. (SV 5)
In zwei
Märchen erscheint ein Lehnsessel, beziehungsweise
ein Stuhl im Kontext des Krankseins oder des Sterbens.
Im Schweinehirten liegt ein kranker König in
einem Lehnsessel. (SV 8) Im Großen Mörder legt
sich ein Mörder auf einen Stuhl und stirbt. (SV 25)
In zwei
Märchen, in der Geisterküche (SV 5) und dem
Drächengrudel (SV 12), lassen sich Herde finden.
Die Titelheldin des letztgenannten Textes muß neben
einem Herd stehen und "die niedrigsten Dienste
verrichten". (SV 12, S. 38)
Lediglich
in einem Märchen taucht ein Ofen auf. Im Großen
Mörder liegt ein neugeborenes Kind hinter dem
Ofen. (SV 25)
Ebenso
in einem Text ist von einer Uhr die Rede. In der
Geisterküche befindet sie sich in einem Kirchturm.
(SV 5)
Zu dem
Märchengeschirr gehören hauptsächlich Pfannen, Schüsseln,
Teller und Milchkrüge. In der Küche des Häuschens
aus dem Märchen Die Geisterküche steht eine
Pfanne und eine Schüssel dem Helden zur Verfügung. (SV
5) "Eine großmächtige Schüssel"
taucht auch im Text Der schlaue Bettler und der
Menschenfresser auf. (SV 10, S. 33) Im
Drächengrudel hantiert die Titelheldin mit
Pfannen und Tellern in der Küche.
(SV 12) In der Schlangenkönigin wird
ein Milchkrug erwähnt. (SV 7)
Das Märchenbesteck
machen grundsätzlich Löffel (SV 10) und Messer aus.
Ein Messer dient im Text Der schlaue Bettler und der Menschenfresser
zum Aufschneiden von Bettelsäcken und Bäuchen. (SV
10) Im Text Drei lustige Tage und dann des Teufels
bekommt ein Handwerksbursche ein Messer von der Mutter
Gottes. Er sticht damit den Rasen aus. (SV 24)
Nur in
einem Märchen wird eine Decke erwähnt. Im Text Drei
lustige Tage und dann des Teufels müssen drei
Handwerksburschen drei Fragen des Teufels beantworten,
wenn sie nicht in seine Macht geraten wollen. So müssen
sie unter anderem erraten, "was für eine Decke
er ihnen geben werde". (SV 24, S. 69) Dank der
Mutter Gottes erfährt der jüngste Bursche, daß der
Teufel die Kuhhaut zu diesem Zwecke verwendet.
Ein Bettuch
erscheint im Märchen im Zusammenhang mit den Aufgaben,
die der Held zu erfüllen hat. Eine der Aufgaben, die
der Titelheld des Märchens Der Meisterdieb
lösen soll, um seine Meisterschaft als Dieb zu beweisen,
beruht darauf, daß "er der Königin das Bettuch
unter dem Leib weg" nimmt. (SV 22, S. 66)
Schlüssel
dienen im Märchen, so wie im Alltagsleben, zum Schließen
und Öffnen. Im Text Die Geisterküche wird mit
einem Schlüssel eine Kellertür und mit einem anderen
eine Kiste mit Gold geöffnet. (SV 5) Im Märchen Das
Zwerglein Türliwirli kommt es zu einem Mißverständnis
zwischen einem Burschen und seiner Frau namens Türliwirli.
Sie verläßt das Haus und kommt, wenn der Mann nicht
da ist, um sich um den Haushalt und die Kinder zu kümmern. Der Mann
begreift nicht, wie es möglich ist, "er habe doch das Haus geschlossen und den Schlüssel versteckt. [...]
So sagte er den Kindern, sie sollten doch die Mutter
fragen, wie sie es nur anstelle, ins verschlossene
Haus zu kommen". (SV 17, S. 51) Es stellt sich
heraus, "sie wisse doch schon, wo der Schlüssel
stecke". (SV 17, S. 51)
Kleidung, Taschen, Säcke
Kleidung
gilt im Märchen als Identifikationszeichen. Lumpen
identifizieren den Helden, zum Beispiel den Titelhelden
des Märchens Der Schweinehirt (SV 8), als einen
armen Menschen, vornehme Kleider zeugen von seinem
Reichtum. Will ein Reicher als ein Armer gelten, muß
er seine Kleider tauschen. Im Drächengrudel
tauscht ein reiches Mädchen seine Kleider mit einem
Bettelmädchen, "damit sie niemand kenne in der
Stadt". (SV 12, S. 37) Im Bettelmädchen
wählt sich ein junger Graf ein armes Mädchen zur
Frau. Er läßt "für die Schöne ein Kleid anmessen"
und fährt damit zu seiner Auserwählten. Er gibt ihr
das Kleid, sie zieht es an, und erst dann nimmt er
sie nach Hause. (SV 14, S. 45) Wenn er nach einigen
Jahren beschließt, seine einst sehr arme Frau zu ihren
Eltern zurückzuschicken, gibt er ihr zuerst ihre Bettelkleider
zurück: "Da holte ihr der Gemahl die Bauernkleider,
die er aufbewahrt; sie zog ihr schönes Gewand aus
und schlüpfte in das Bettelkleid". (SV 14, S.
46) Besonders reich kleiden sich "vornehme Töchter"
im Märchen. (SV 12, S. 39) Im Märchen Der Drächengrudel
sind manche "schneeweiß gekleidet wie Schlehdorn,
andere rot wie Heckenrosen und andere wieder grün,
in allen Farben". (SV 12, S. 40)
Kleider
dienen im Märchen als eine Art Testmaterial. In Goldig
Betheli und Harzebabi tauchen zwei Gewänder auf:
"ein hölziges" und ein goldenes. Die positive
Heldin des Märchens wählt das erste Kleid, bekommt
jedoch "zum Lohn" das zweite. Die negative
dagegen möchte das Goldkleid haben, erhält aber das
"Holzgewand mit Pech und Harz überstrichen".
(SV 1, S. 7)
Im Märchen können Kleider als Lockmittel fungieren. In Aschengrübel
bekommt die Titelheldin "ein wunderschönes,
strahlendes Kleid" von ihren Eltern. (SV 11,
S. 34) Dank dem Kleid wird sie zu einer wunderschönen
Jungfrau und kann auf einem Tanzplatz erscheinen
und hier einen vornehmen Jüngling treffen, dessen
Aufmerksamkeit sie auf sich zieht. Der Geschichte
endet ‚natürlich‘ mit einer Heirat. Mit einer ähnlichen
Situation haben wir es im Drächengrudel zu
tun. Die Heldin zieht ihre Sonnen-, Vollmond- und
Sternkleider sonntags, wenn sie zur Messe geht, an.
So angezogen weckt sie das Interesse eines Prinzen,
der sie später heiratet. Zu einem Hoffest zieht sie
sogar alle drei Kleider an: "das Sonnenkleid
zuerst, dann das Mondkleid und zuoberst das Kleid
des Firmaments". (SV 12, S. 41) Daß sie nur einen
zu den Kleidern passenden Schuh besitzt, ist für sie
kein Problem.
Die Anschaffung
von ungewöhnlichen Kleidern gilt im Märchen als Aufgabe,
von derer Bewältigung das Gelingen der Heiratspläne
der Märchenhelden abhängig ist. Im Drächengrudel
will ein Vater seine eigene Tochter heiraten. Diese
gibt ihm schwierige
[...]
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