Paweł Zimniak
Zielona Góra
Eingeholt von der Vergangenheit. Überlegungen zur Lyrik
von Dagmar Nick
Wenn
die Literatur als eine Form der Auseinandersetzung
des Menschen mit sich selbst und der Welt, der real
existierenden sowie der geschichtlichen, ist, wenn
mit deren Hilfe die Gemeinschaft zur Reflexion und
zum Nachdenken übergeht, weil sie einen wesentlichen
Beitrag zur Aneignung und Gestaltung von unmittelbarer
sowie zum Begreifen von gewesener Umwelt und Lebenswelt
leistet, so beruht die Leistung poetischer Texte nicht
zuletzt auf ihrer Funktion. Die polare Entgegensetzung
von Poetizität und Realität kann durch die Hervorhebung
und Unterstreichung der Tatsache minimiert werden,
dass poetische Texte im Stande sind, etwas über die
Wirklichkeit auszusagen, indem die Wirklichkeit poetisch
so organisiert wird, dass sie mitteilbar wird. Poetische
Texte müssen also auch als eine Kommunikationsstruktur
begriffen werden. In diesem Zusammenhang scheint die
Frage, was sie ermöglichen und bewirken, nicht weniger
wichtig als die Frage nach der ästhetischen Gestaltung
und Bedeutung zu sein. Poetische Texte ermöglichen
den Zugang zu Sinn und Wahrheit, die woanders weder
ausgedrückt noch erfahren werden können. Diese Position
besagt und erkennt an, dass die Dichtung philosophischer
sei als die Geschichtsschreibung, wodurch das Kriterium
der Wahrheit, die gerade durch die poetisch-ästhetische
Ordnung erst darstellbar, vermittelbar und erfahrbar
gemacht wird, wesentlich erweitert wird. Der poetische
Text kann von den vorhandenen Strukturen der Weltbemächtigung
beeinflusst werden, ist aber auch selbst zugleich
ein sinnkonstituierendes System.
Die frühe
Lyrik von Dagmar Nick, die am 30. Mai 1926 in Breslau
als zweites Kind
des Komponisten, Dirigenten und Musikkritikers Dr.
Edmund Nick und seiner Frau, der Konzertsängerin
Kaete Nick-Jaenicke (beide mussten wegen nationalsozialistischer
Hetze 1933 den Breslauer Rundfunk verlassen und nach
Berlin gehen, wo sie sich im Berliner Kabarett "Die
Katakombe" künstlerisch engagierten) geboren
wurde, thematisiert einige Grundkonstanten des menschlichen
Daseins, so dass sie über das Ästhetische und das
(nur) Subjektive hinausweist und in fundamentale,
für die menschliche Existenz wichtige Wertkomplexe
hineinführt. Ihre Gedichte werden durch die Koppelung
des Ästhetischen an das Anthropologische, das Geschichtliche
und Historisch-Relevante zum wichtigen Reflexionsmedium.
Das Gedicht Flucht aus dem Jahre 1945 bringt
die Situation jener Wochen des Zusammenbruchs eindeutig
zum Ausdruck:
Weiter.
Weiter. Drüben schreit ein Kind.
Laß
es liegen, es ist halb zerrissen.
Häuser
schwanken müde wie Kulissen
durch
den Wind.
Irgendjemand
legt mir seine Hand
in
die meine, zieht mich fort und zittert,
Sein
Gesicht ist wie Papier zerknittert,
unbekannt.
Ob
du auch so um dein Leben bangst?
Alles
andre ist schon fortgegeben.
Ach,
ich habe nichts mehr, kaum ein Leben,
nur noch
Angst. (1945)
Dieses vom Feuilleton-Redakteur der "Neuen Zeitung" Erich Kästner
sofort angenommene und am 18. Oktober 1945 zum ersten
Mal gedruckte Gedicht einer 18-jährigen ist keineswegs
nur eine Verbalisierung des Schreckens, sondern ein
aufrichtiger Beweis der Sensibilität und ein Beleg
dafür, dass die Phrasenhaftigkeit der Sprache und
das Zuchthaus des Geistes die elementare Menschlichkeit
und Empfindsamkeit nicht haben zerstören können. Das Ich wird in menschliche Grenzbereiche,
die dem Unheimlichen und Grauenvollen benachbart sind,
verwiesen. Übergänge und Wechselsituationen, die
durch das schlimme Spiel der Geschichte zustande
kommen, sind spürbar. Das bedrängte Lebensgefühl gehört
mit dem Todesbewusstsein zusammen. Dem poetischen
Bild wird der Ausdruck einer inneren Bewegung, die
sich als eine Unruhe mitteilt, verliehen. Die durch
die Zeitumstände erzwungene, im Gedicht namhaft gemachte
Heimsuchung ist der Grund dafür, dass in der Welt
äußeren Ver- und
Zerfalls hastig nach Menschlichkeit gesucht
wird. Die Außenwelt erscheint als eine überdimensionale
Fluchtwelt, in der die Menschen ruhelos herumirren,
von Angstzuständen angetrieben und gejagt. Das menschliche
Handeln wird durch das Getriebenwerden ersetzt. D.
Nick ist zu hellhörig, um vor apokalyptischen Zügen
der Zeit nicht zu erschrecken. Die Dimension inneren
Erlebens wird dank einer genauen Darstellung echter
Erfahrungen konkretisiert. Die Anschaulichkeit der
Szene und die Fähigkeit D. Nicks, im Einzelfall einen
allgemeinen Befund darzustellen, erzeugen gefühlvolle
Anteilnahme. Durch den nüchternen, sachlichen, schmucklosen,
krassen Duktus kommen stellvertretend Bilder und Gefühle
zum Ausdruck, die nicht aus einem Überschwang jugendlicher
Freude entstanden sind. Sie kommen aus der brutal-ernüchternden
Gegenwart herüber, bedeuten einerseits ein Manifest
persönlicher Betroffenheit und stellen andererseits
einen Versuch dar, bestimmte
zeitgeschichtliche Erfahrungen und Realitätsbeziehungen
zu objektivieren. D. Nick sperrt sich nicht gegen
die (Zeit)Geschichte und hat, durch die Intensität
persönlicher Erlebnisse bedingt, ein sehr stark ausgeprägtes
historisches Bewusstsein.
Ihre Gedichte sind jeglicher Gefühlsduselei
fern. Sie drücken Trauer angesichts einer tief
empfundenen Hinfälligkeit des Daseins und fordern
zu unsentimentaler
(Mit)menschlichkeit auf. Der eindeutig pessimistische
Grundton wird noch im Gedicht Städte durch
die Schilderung einer Trümmerlandschaft vernommen.
In der ersten Strophe kommen äußere Beschädigungen
des Lebens zum Vorschein. Das Gedicht notiert eine
herbe Grundmelodie der Zerstörung, ohne jedoch privaten
Weltschmerz zu verkünden:
Da
standen Städte. Doch jetzt liegen Steine.
Auf
den Ruinen sitzt die Nacht.
Daneben
hockt der Tod und lacht:
so
habe ich es gut gemacht.
Da waren
Menschen. Doch jetzt leben keine.
(1945)
Die personifizierte Nacht und der personifizierte Tod dominieren und überschatten
das Leben, was vertraute Klänge auf der lyrischen
Tonleiter anschlagen lässt. In der Ruinenlandschaft
gibt es keinen Bedarf an "heldischem Sängertum"
mehr. Obwohl der Glaube an die Sinnhaftigkeit der
Welt etwas erschüttert ist, bedeutet diese lyrische
Bestandsaufnahme jedoch keinen unaufhaltsamen Abstieg
ins Trostlose, Vereinsamte und Freudlose, der eine
Lebenskatastrophe, in der das ganze Weltvertrauen
einstürzen kann, nach sich zieht. D. Nick sucht nicht
das Esoterische und bedient sich keiner komplizierten
Syntax bei der Aufdeckung und Vergegenwärtigung der
damaligen existenziellen Probleme: Angst, Unsicherheit,
Lethargie und Willensschwäche, schmerzlich empfundene
Trennung von dem Ureigensten, Gefühl des Ausgestoßenseins.
Ihre Zeilen erfassen kraft der nicht verlernten Empfindsamkeit
und sprachlichen
Askese im direkten Zugriff die ganze Härte
der Geschichte mit schnell wechselnden Aufenthalten
und Landschaften. Sie sind Korrelate für die Situation
des Ichs. Der intensive Umgang mit der Härte des Weltgeschehens
erweist sich als produktiv für die Imagination. Die
Schilderung aller zwiespältigen und übermächtigen
Momente darf nicht nur im Kontext thematischer Konventionalität:
Leid, Ungeborgenheit, Heimatlosigkeit, Verzicht und
kleines Glücksverlangen gesehen werden. Die Kraft
von Bild und Sprache lässt die Unruhe eines Menschen
spüren, der dem Tödlich-Gefährlichen und Chaotischen
des Daseins ausgeliefert und preisgegeben ist. Den
entworfenen Bildern, die eine Extremsituation des
menschlichen Lebensparadoxes darstellen, wird eine
starke Überzeugungskraft verliehen. Die vierte Strophe
des Gedichts Sterne lässt einen kleinen Hoffnungsschimmer
zu:
Sieh
in den Himmel, nicht auf die Fassaden
der
Häuser, die noch blieben, schmal, allein.
Es
gibt noch Sterne über den Kaskaden
aus totem Stein.
(1946)
Mit der Feststellung der Hoffnung und der Aufforderung, zu hoffen, verbindet
sich für D. Nick zugleich die Notwendigkeit, sich
von Grund auf zu verändern, was unmissverständlich
in der ersten Strophe des Gedichts Wir müssen uns
ändern ausgedrückt wird:
Wir
sind für alles Leise taub geworden,
für
alles Zarte blind, durch so viel Tod,
selbst vor dem Elend fühllos, so verroht
[...]
Wir
sollten einmal nur nachdenklich sein.
Wir müssen
uns ändern. (1947)
Diese Nachdenklichkeit, der wache Verstand und zeitkritische Geist D. Nicks
machen es möglich, dass die Dichterin schauend-kritisch
in bestimmte Realitätskonstellationen eingreift.
Da ihr Leben stark in die Zeitgeschichte eingebunden
ist, vor allem in eine konkrete historische Basis
mit ihren Wendemarken, Brüchen und Umbrüchen, ist
es auch selbstverständlich, dass solchen einschneidenden
Erfahrungen wie Flucht und Vertreibung etwas mehr
Aufmerksamkeit geschenkt wird. Diese universal aufgefassten
Beschädigungsformen des menschlichen Daseins werden
von D. Nick sehr prägnant und ohne Schuldzuweisung
im Gedicht Völkerzug aus dem Osten geschildert:
[...]
Ob nun die Landschaft des Todes,
die
uns verstieß,
an
der Oder lag, oder am San,
ob
sie Silesia hieß, oder dann
Polen,
und ob sie in Astrachan
oder
in Breslau begann -
immer
ging doch ein Paradies
jeder
Verwandlung voran.
Immer
haben wir schon
das
Geliebte verloren,
und
immer erneut
wurden
wir in das Schicksal geboren,
vertrieben
zu sein und zerstreut
wie
Strandgut im Branden
der
Sturmfllut,
die
uns vorangetrieben,
immer
sind wir die Nachhut
der
Kriege geblieben,
verraten,
geächtet,
Verlassene
Gottes [...]. (1956)
Der Osten wird durch geographische Namen fixiert. Dieser räumlichen Bestimmtheit
steht aber zugleich eine merkliche Auflösung zeitlicher
Bezüge gegenüber. Die ästhetische Zeichenpraxis erlaubt
in diesem Fall durch eine entsprechende Selektion
und Strukturierung das Erleben des Heimatverlustes
bewusst zu machen und diese schmerzhafte Erfahrung
zu intensivieren, so dass der Kontrast zwischen der
Vertrautheit und dem Zustand der vehement eintretenden
Heimatlosigkeit wahrgenommen wird. Eine solche
poetische Darstellung muss nicht unbedingt auf ein
subjektives Erlebnis Bezug nehmen und in ihm fundiert
sein. Für D. Nick ist jedoch das persönliche Beobachten
der stattgefundenen Demoralisierung durch den Krieg,
das allgemein herrschende Chaos und Elend, die Straflosigkeit
von Vergehen und Verbrechen, die Entwurzelung großer
Menschenmassen, verbunden mit einer um sich greifenden
Unsicherheit, das Primäre. Das erzwungene Weggehen
aus dem vertrauten Beziehungsgeflecht, aus einer vertrauten
Vergangenheit, bedeutet zugleich einen Übergang in
eine fremde und offene Zukunft. D. Nick geht es in
diesem Gedicht jedoch weniger um die Darstellung
einer Todeslandschaft, um ein abschreckendes Bild,
einen düsteren Hintergrund mit unermesslichem, kaum
zumutbaren Leiden, aus dem
eine Fliehtendenz in das helle Leben hinausdrängen
soll. Viel wichtiger scheint der kognitive Aspekt
zu sein, die Erkenntnis, dass einer paradiesischen,
heilen Landschaft die Möglichkeit deren Verwandlung
in eine Schreckenslandschaft inhärent ist. In den
letzten Zeilen des Gedichts Völkerzug aus dem Osten
verweist die Dichterin gekonnt auf die widersinnige
Wiederholbarkeit solcher lebensverachtenden Exzesse menschlichen Wahnwitzes, macht somit
auf die menschliche Lernunfähigkeit aufmerksam und
eröffnet eine andere Perspektive auf das Verhältnis
zwischen Täterschaft und Opfertum:
[...]
Immer noch ziehen wir herauf
aus
dem Osten, [...]
über
den Tod
vergangener
Völker und Stämme,
Versprengter,
Geschlachteter, ach,
immer
dem Zuge entmachteter
Heerscharen
nach.
Und
so ziehen wir dahin,
jahrhundertelang,
eine
endlose, graue Kolonne,
und
ziehen dahin
in
schweigendem Treck
über
die Gräber der Söhne hinweg
in die untergehende
Sonne.
Als Kind einer schrecklichen,
beherrschenden Vergangenheit, in deren Schatten stehend,
gehört D. Nick selbst zu der Gruppe der Verunsicherten.
Die Unmöglichkeit des Sich-Ausschließens und das
bestehende Gemeinschafts- und Zugehörigkeitsgefühl
werden durch die folgenden, nicht auf Mitleid, sondern
Emphase abzielenden Worte klar:
[...]
Wir, Kinder
des
Gestern, das uns zerrinnt
hinter
den Augen, Kinder
der
Gegenwart, die uns vergißt,
und
der Zukunft, die schon
Vergangenheit
ist,
eh
sie beginnt,
wir,
wahllos und blind
aus
der Schöpfung gerissen,
wissen nicht,
ob wir noch sind [...].
In den Gedichten D. Nicks bewegen sich bestimmte
Ereignisse, Fakten, Bilder, Szenen kreisförmig in
dem sich erinnernden, reflektierenden und empfindenden
Ich. Es kommt dabei oft zur Verschränkung der Zeitebenen.
Realzeitlich zurückliegende Bilder werden in die
Gegenwart hineingezogen, wodurch auf die ständige
Bedeutung der Vergangenheit in der Gegenwart sowie
die ganz persönliche, individuelle Wertung dessen,
was dem Ich wichtig und nahe erscheint, hingewiesen
wird. Bei allen durch die Kraft der Erinnerung bedingten
Rückgriffen auf bestimmte subjektive und kollektive
Erfahrungen geht es immer um eine unauflösliche Vermengung
von objektiver Außenwelt und subjektiver Innenwelt.
Die entworfenen poetischen Bilder sind oft die in
der Erinnerung wiederbelebten. Diese zweite, potenzierte
Gegenwart, die in einem Menschen selbst ausgetragene
Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit,
beinhaltet die Antworten auf die Fragen der aüßeren
Gegenwart. Die Gedichte geben mit ihrer bekenntnishaften
Subjektivität auf exemplarische Weise Aufschluss darüber,
wie eng Lebensgefühl und Zeiterfahrung zusammenhängen.
Das Gedicht Ruf ist ein Schrei
nach mehr Entgegenkommen und Verständnis vonseiten
der Nicht-Entwurzelten. Die Heimatlosigkeit macht
das geteilte kollektive Elend nicht einfacher. Die
Last ist in diesem Fall doppelt zu tragen:
Kommt,
öffnet eure Türen uns, wir haben
nun
nichts mehr. Ihr, ihr habt noch ein Zuhaus.
Wir
Heimatlosen an dem Straßengraben,
wir
löschen langsam aus.
Wir
müssen sterben ohne eure Hände;
ihr
könnt uns halten, wenn ihr sie uns gebt.
[...]
Ihr
könnt aus unserm Ruf die Armut spüren,
ihr
seht den Schatten eines Weltgerichts
auf
uns. Ihr habt ein Haus. Macht eure Türen
uns auf.
Wir haben nichts. (1946)
Menschlichkeit, Offenheit
und Aufnahmebereitschaft werden als humane Qualitäten
laut eingefordert. Dieses von D. Nick angesprochene
Herausgerissensein aus der Schöpfung und das Hineingestoßensein,
die Hinausgeworfenheit des Menschen in eine fremde,
oft feindselige Welt, bedeuten negativ immer ein Problem
mit der Aneignung der Fremde und dem Sesshaftwerden.
Über dieses existenzielle Thema wird im Gedicht Unterwegs
II reflektiert:
Nimm
ein neues Boot. Der Himmel schwankt.
Jedes
Bleiben ist schon ein Zuviel.
Immer
wieder bist du angelangt,
aber
nie am Ziel.
Laß
dein Herz los, denn es ist zu schwer.
Neue
Inseln werden dir bewußt.
Und
das Abschiednehmen zählt nicht mehr,
nach
so viel Verlust.
[...]
Immer
wieder bist du angelangt.
Aber nie
zuhaus. (1957)
Eine solche Erfahrung, angesehen
als eine Grundgegebenheit des Menschseins, ist aber
auch dafür verantwortlich, dass das eigene Schicksal
in die Prüfzone kritischer Nachdenklichkeit gerät.
In der Gewinnung von Distanz wird eine Voraussetzung
für genauere Beobachtungen und verbesserte Einschätzung
eigener und fremder Befindlichkeit geschaffen. Der
atmosphärische Verlust der Vertrautheit erhöht und
verstärkt sich in der Fremdheit. Diese Gesetzmäßigkeit
ist eine wichtige Erkenntnis, auch in anthropologischer
Hinsicht.
Die
prägnante Aussage der Gedichte von D. Nick, die einer
sprachlichen und formalen Sicherheit zu verdanken
ist, entfaltet sich erst im Nachhinein und muss im
Kontext einer moralisch-ethischen Haltung betrachtet
werden. Das Ich setzt das Wort zwischen das Vergangene
und das Gegenwärtige, die zeitliche Kluft überbrückend.
Durch das Wort wird nichts bezwungen und niedergebrüllt,
nur hervorgerufen und verinnerlicht. Die Gegenwart
des Wortes ist für die Erinnerung da und gegen das
Vergessen gerichtet. Das empfindende und reflektierende
Ich ist in den Gedichten D. Nicks nicht auf der Jagd
nach einer Sache, sondern es hat die Sache und sucht
nach dem Wort. Das Wort bewegt sich aus dem Inneren
des Ichs in die äußere Welt. Es ist auch ein Du des
anderen Menschen wichtig. Das Selbsterlebte wird im
Verhältnis zu anderen gesehen, nicht losgelöst von
der humanen Überzeugung, dass Verfolgung, Diffamierung,
Unterdrückung und Verhöhnung des Einzelmenschen und
der Menschengruppen nicht herrschen dürfen. Diese
Einstellung wird im Gedicht Den Duldenden ausgedrückt:
Ich
will die Leiden aller derer sagen,
die
ohne Stimme sind.
Ich
will nicht klagen.
Ich
will nur jenen Schmerz in Worte schlagen,
der
machtlos starr an eurem Mund gerinnt.
Euch
Preisgegebene will mein Lied begleiten,
bis
mir der Atem brennt
von
Traurigkeiten.
Jagt
eure Bögen über meine Saiten
und spielt
mich: ich bin euer Instrument.
(1948)
Die Worte der frühen Gedichte
bedeuten eine Unterbrechung im Lärm und sind etwas
Erhabenes. Der Lärm ist von ihnen eingesäumt. Die
Welt des Wortes und des Schweigens steht der äußeren
Hektik und Unfreundlichkeit oppositionell gegenüber.
Der Anteil der äußeren, von bestimmten Konstellationen
beherrschten Welt an der Entwicklung des Ichs, das
eine Wandlung durchmacht (nicht zuletzt durch die
angestoßenen Gedanken), lässt sich nicht übersehen.
Das Wort frischt sich an der Außenwelt auf, es reinigt
sich an ihr, obwohl realgeschichtliche Vorgänge von
D. Nick selten direkt angesprochen werden. Durch diese
Verbindung von Außen- und Innenwelt wird dem Wort
das Wahre und Vertraute sowie das Sichere, dass sich
in der getroffenen Entscheidung zeigt, gegeben. Die
Dichterin fühlt sich der Zeitgeschichte verbunden.
Die konkret empfundene Zeiterfahrung bedeutet für
sie einen Prozess der Selbstaufklärung und des historischen
Begreifens. Das vielschichtige Gemenge der deutschen
Vergangenheit und die bewusst erlebte Gegenwart werden
ununterbrochen in kritische Nahsicht geholt. Die Worte
D. Nicks bewegen sich auf der höchsten Stufe der literarischen
Imagination und Reflexion. Sie sind nicht zuletzt
der Preis für den intensiv erfahrenen Geborgenheitsverlust.
Als Künstlerin und Mitwisserin von Wirklichkeiten,
Solidarität mit Macht- und Sprachlosen bekundend,
ist sie um eine Wirklichkeitsbewältigung bemüht.
Das Gedicht Den Duldenden hat für D. Nick eine
besondere Bedeutung:
Dieses
Gedicht, das ich als 21-Jährige schrieb, wurde sehr
oft abgedruckt. 1984 (36 Jahre später) war es offenbar
immer noch nicht vergessen: da ließ die Stadt Wolfenbüttel
die I. Strophe in eine Gedenktafel meißeln, die dann
feierlich auf dem jüdischen Friedhof der Stadt enthüllt
wurde <<Zum Gedenken an die Angehörigen jüdischer
Familien aus Wolfenbüttel, die in den Jahren der nationalsozialistischen
Herrschaft aus ihrer Heimat vertrieben, deportiert
oder ermordet wurden. Ihre Synagoge wurde am 9. November
1938 zerstört, dieser Friedhof geschändet.>>
Ich glaube, das war meine größte <<Ehrung>>,
gewiß mehr, als ein Eichendorff- oder Roswitha-Preis.
Ihrem eigenen Auftrag verpflichtet
und sich als Dichterin in die Dienste anderer stellend,
ist Dagmar Nick sich dessen bewusst, dass sie die
Wirklichkeit nicht verändern kann. Ihre Lyrik kann
aber Erkenntnisimpulse vermitteln und sich weigern,
wahrgenommene Wirklichkeiten als endgültig gestaltete
hinzunehmen.
Obwohl der Zugang zu verschütteten
Schichten der Vergangenheit erschwert war (nicht zuletzt
durch persönliche Gründe), wagte und wagt D. Nick
es immer wieder, "Ausgrabungen" vorzunehmen
und das Verschüttete freizulegen. Die Vergangenheit
ist bei D. Nick nicht nur im schlesischen, sondern
auch im jüdischen Kontext zu betrachten, was die Dichterin
1963 selbst betont:
Inzwischen waren ja nun drei Gedichtbändchen von mir erschienen und die <<Landsmannschaft
Schlesien>>, die vom deutschen Staat gefördert
wurde, meinte einen <<Schlesischen Literaturpreis>>
stiften zu müssen. Es war der erste Preis dieses Namens
und er wurde geteilt zwischen Arnold Ulitz und mir.
Ende Mai war ich mit enormen Lebensreserven aus Israel
nach München heimgekehrt, hatte mein Manuskript bei
Langen-Müller [Einladung nach Israel] abgeliefert
und schwebte auf Wolken. Wahrscheinlich hofften die
führenden Schlesier, daß ich doch noch eines Tages
den schlesischen Holunderbusch in Großmutters nicht
vorhandenem Garten im Chor der dichtenden Schlesier
besingen oder sonst was Heimatbezogenes hervorbringen
würde - sie ahnten nicht, daß ich gerade ein Buch
über Israel, meinen wahren Wurzeln, fertiggestellt
hatte.
Durch die Leistung des "Entbergens"
widersetzt sie sich zugleich entschieden der vernichtenden
Gedächtnislosigkeit. Die Erinnerung umfasst in ihrem
Fall nicht ausschließlich "wahlloses Strandgut",
sondern sie geht selektiv und gezielt vor, wohl wissend,
dass das Motiv des Wechselspiels von Damals und Heute
verschiedenartige Einkleidungen und Ausfüllungen
erfahren kann, weil:
·
die
Motivation eines Rückgriffs auf das Vergangene bei
jedem Autor anders ist und der Erinnerung eine andere
Aufgabe zugedacht wird,
·
das
Verhältnis zwischen Autobiographischem und Dokumentarisch-Faktischem
jeweils unterschiedlich ausgeprägt ist, und
·
es
sich dabei um unterschiedliche Begebenheiten und
Örtlichkeiten handelt.
Unabhängig davon, wie die Motivation
zum Sich-Erinnern an eigene Kindheits- und Jugenderfahrungen
bei einzelnen Schriftstellern jedoch aussieht, umfassen
sie immer etwas Konkretes. Das Konkrete dieser Erfahrungen
aktiviert und mobilisiert die Erinnerung, setzt sie
in Bewegung und lässt arbeiten. Es werden dabei jedoch
oft die Grenzen zwischen Vergangenem und Gegenwärtigem,
Tatsächlichem und Möglichem bis zur Unkenntlichkeit
verwischt oder dicht aneinander geschoben. Dagmar
Nicks Gedicht Unterwegs I legt offen, wie schwer
der Weg in die eigene Vergangenheit sein kann, auch
wenn man ihn nur imaginär unternehmen möchte:
Warum
willst du zurück. Auf den Herzen liegt Schnee,
und
die Augen der Freunde wurden versiegelt.
Dein
Weg ist mit Dornen und Tränen verriegelt.
Jede
Heimkehr tut weh.
Überwucherte
Leere. Die Zeit ging zugrund.
Selbst
die blutenden Brunnen sind zugefroren.
Es
reden die Toten noch hinter den Toren
mit
verschüttetem Mund.
Und
du folgst diesen Lauten, die trügen und täuschen,
dem
Knarren der Tür, den vertrauten Geräuschen,
doch
du findest den Eingang nicht mehr.
Die
Vergangenheit senkt über dir schon die Lider,
und
du tastest zurück, und du kehrst doch nicht wieder,
denn es gibt
keine Wiederkehr. (1957)
Solch ein durch intensive
Gedächtnisarbeit eingeleiteter Annäherungsversuch
bedeutet ein riskantes Unterfangen, weil "Wegmarken"
und Attribute des Paradiesischen fehlen. Da alles
den Vertrautheitscharakter eingebüsst hat, kann die
Annäherung nur in recht tastender Weise vorangetrieben
werden. Dieses Im-Dunkeln-Tappen ist jedoch kein Garant
für das Ausfindig-Machen des Eingangs. Der Zugang
wird verweigert und das Bemühen scheint fast von Anfang
an zum Scheitern verurteilt worden zu sein.
Die poetische Ausgestaltung eines Gedichts
bedeutet für D. Nick einerseits die Notwendigkeit
dessen Auffüllung mit konkretisierenden, oft detaillierten
Bildern, andererseits die Schaffung eines symbolisch
gefüllten poetischen Raumes, der als Sinnträger auf
Allgemeines und Kollektives verweisen kann. Daraus
resultiert die dokumentierende Funktion der frühen
Gedichte von D. Nick, die darauf beruht, dass die
poetischen Bilder zum großen Teil im Modus der geschichtlichen
Wahrheit entworfen werden, und die subjektivierende
Funktion, die in einer subjektiv geprägten Geschichtsdeutung
begründet ist. Durch eine solche Verbindung werden
die Gedichte nicht enthistorisiert, die Wirklichkeit
und Wahrheit können aber an die Subjektivität der
Dichterin gebunden werden. Erinnerungsräume als geformte
und historisch geprägte Räume sind in diesem Fall
für kollektives und individuelles Erinnern von Bedeutung.
Das Allgemeine, Kollektive und Verallgemeinerte wird
durch das Singuläre, Persönlich-Biographische, Minderheitsorientierte
und Emotionale ergänzt. Das in den Gedichten gezeigte
Interesse am Geschichtlichen und die Wichtigkeit der
historischen Dimension bedeutet also nicht einseitig
eine Aufbereitung des nur Faktischen, sondern ist
erweitert im Kontext der individuell-unverwechselbaren
Imagination anzusiedeln. Trotz eines geringen zeitlichen
Abstands ist bei D. Nick nicht nur die Erlebnissphäre,
sondern auch die Einsicht und Reflexion wichtig.
D. Nicks Gedichte der frühen Phase
sind mehr geschlossen und nehmen implizite Bezug
auf das Realgeschichtliche und Konkrete. In Wegmarken
weiten sich Interpretationsräume. Der drängend-nervöse
Rhytmus weicht vor der lyrischen Grundstimmung der
Wehmut und erinnernten Glücksmomente. Endreime werden
zunehmend durch eine kunstvoll gehandhabte Form des
freien Verses ersetzt. Eine formale Strophengliederung wird nicht mehr als allgemein verpflichtend
angesehen. Die Dimension der Zeit verlagert
sich langsam aus der Gegenwart in die Vergangenheit,
was durch die Aussage des Gedichts Im fallenden
Laub angedeutet wird:
[...]
Abschied, der war und der sein wird. Vergangene
Stunden
und
die vergehenden unter die Lider gebrannt.
Keinen Abschied
vergessen und keinen verwunden. [...]
Von der Kraft der Erinnerung zeugt
die erste Strophe des gleichnamigen Gedichts:
Meine
Erinnerung, meine
Geißel,
Blutspenderin.
Was
mir unter der Haut
sitzt,
holst du hervor,
öffnest
die Kaleidoskope und
würfelst
sie wieder neu.
Ich
verfolge die einzelnen Bilder
kopfabwärts
körperentlang,
Spuren
verschorfener Wärme,
ganz ohne
Schmerz [...].
Durch die Erinnerung kann die Kluft zwischen der Vergangenheit und Gegenwart,
zwischen dem Ort des Ursprungs und dem der Ankunft,
dem Ort des Verhängnisses und dem eines neuen Einverständnisses
versöhnlich überbrückt werden. Die
Dichterin D. Nick weiß genau, dass es keine ungebrochene
Erinnerung gibt, geben kann. Der subjektive Blickwinkel
des Ichs wird bestimmend und entscheidet über die
Nähe und Ferne eines Bildes, einer Situation und eines
Vorgangs. Es sind meistens Erinnerungsfetzen, die
sich zu einem kompakten Bild zusammenziehen, verbunden
mit dem subjektiven Erleben. Die Erinnerung und Vergangenheit
sind wichtig. Es ist nicht möglich, sich aus deren
fesselnden Umarmung zu befreien. Das Totgeglaubte
ist nur scheinbar tot, wie es im Gedicht Vergangenheit
zum Ausdruck gebracht wird:
[...]
dieses Weltall Vergangenheit,
das
uns hinterrücks
bei
einer flüchtigen Geste,
einer
Kopfbewegung nur, mit
Totgeglaubtem
bewirft,
uns einholt
mit Erinnerungen [...].
Die Mächtigkeit der Erinnerung
lässt jedoch nach, was in den Gedichten Vor dem
Aufbruch angesprochen wird:
Lautloser
zieht die Erinnerungsflut
sich
zurück, was bleibt
sind
Versatzstücke, austauschbar,
ohne Anspruch
auf Dauer [...].
In
den Schlusszeilen des Gedichts Welcher Herbst
wird dieser Gedanke wieder aufgenommen und weiter
ausgeführt:
[...] Wir vergessen, wir
vergessen
unter
den Küssen des Abschieds,
was Abschiede
sind.
Dieser Äußerung ist eine implizite Deutung mitgegeben. Das Vergangene dauert
in bestimmten Konstellationen in der individuellen
und kollektiven Erinnerung in einer verkleinerten,
miniaturenartigen Form fort. Wenn man sich das Leben
eines Menschen als etwas Ganzes vorzustellen versucht,
so besteht es aus abgerissenenen Fragmenten, die ihre
Bedeutung dadurch beweisen, dass sie in bestimmter
Form ins Gedächtnis zurückgesunken sind. Sie ermöglichen
eine Kontinuität und bewahren vor dem mentalen Selbstmord.
In der Erinnerung kann das Vergangene erneut erlebt
werden, aber aufmerksamer und wesentlich intensiver.
Da das Vergangene immer eine abgeschlossene und weder
eine gestaltlos-abstrakte noch eine potentielle Form
bedeutet, ist es einfacher, mit einer solchen Seinsform
zu verkehren, weil sie der Unbestimmtheit, Zufälligkeit
und Unberechenbarkeit absagt. Die Erinnerung bedeutet
jedoch in der persönlichen Dimension keinen Tauschgegenstand,
sie kann auch nicht durch Verdrängungsprozesse hintergangen
werden, ist aber fragmentarisch und in dem Sinne launenhaft,
dass das Erinnerte an Bedeutung und Konturenschärfe
verlieren und somit verblassen kann. Das ist dann
aber ein natürlicher Vorgang, der mit selbstverachtenden Auslöschungsversuchen
nichts zu tun hat.
Die Charta Poetica von D. Nick und
ihre zeitlosen wie zeitgemäßen Meditationen über
die conditio humana, die sich in ihren Gedichten niederschlagen,
betreffen das Problem des Fremdseins und Schwierigkeiten
zwischenmenschlicher Beziehungen (die Auslotung von
Möglichkeiten menschlichen Miteinanders eingeschlossen),
das Gefangensein in historisch-gesellschaftlichen
Zwängen, aber auch die Wahrung persönlicher Freiräume
(die Gegenwart aus dem Bewusstsein der erlebten Vergangenheit
spiegelnd), das Problem der fliehenden Zeit (Vergänglichkeit
und Unwiederholbarkeit des Lebens sowie Machtlosigkeit
vor dem Tod) in seinen verschiedenen Ausprägungen
und Wirkungen auf die menschliche Existenz. Das Schreiben
bedeutet in diesem Fall Besinnung, Ausgleich und Halt.
Es ermöglicht, Außenumstände, die einen Menschen konstituiert
haben, in Worte zu fassen, denn wirklich sei nur das,
was einen berührt, in ihm einen Widerhall findet:
Als
Lyrikerin fühlte sie sich der abendländischen, humanistischen
Tradition verpflichtet: Marie Luise Kaschnitz vergleichbar.
Sie wollte nicht experimentieren. Sie verließ sich
auf vorgeprägte Metaphern und Bilder. Doch hat sie
auch nie das Unharmonische zu harmonisieren versucht.
Sie vertraute ihrer Stimme.
Das Schreiben ist für D.
Nick auch eine intellektuelle Bestandsaufnahme, die
etwas mit Grenzen zu tun hat und mit ihnen umgehen
muss, mit Grenzen, die dem Menschen gegeben sind und die das Ende von etwas Gültigem
und Zeitlichem bedeuten. Es umfasst auch Verständigungsmöglichkeiten
gegen die Möglichkeit, Menschen aus Unwissenheit
zu Gegnern oder gar Feinden zu machen, was zweifelsohne
als Bekenntnis zur (Mit)menschlichkeit, als Heimischwerden
des Menschen im Menschen gelten muss.
Literatur:
Albers, Bernhard (Hg.): Dagmar Nick. Eine Dokumentation.
In: "Osiris".Zeitschrift für Literatur.
Nr. 10/11, Aachen 2001.
Bender, Hans: Der humanistischen Tradition verpflichtet.
Zum 65. Geburtstag von Dagmar Nick. In: Ebd.,
S. 149-151.
Conrady, Karl Otto: Kleines Plädoyer für Neutralität
der Begriffe Lyrik und Gedicht. In: Kohnen, Joseph
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Private
Korrespondenz:
Brief
von Dagmar Nick: 28.10.2000