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Orbis
Linguarum Vol. 21/2002
Jürgen Joachimsthaler
Dresden
Kulturraumformung
durch Sprach- und Literaturpolitik
Mit einführenden
Bemerkungen zum "Kulturraum"-Begriff
I. Beginnen wir einfach und grundsätzlich.
Der Terminus Kulturraum beinhaltet mehrere
einander überschneidende und ergänzende Bedeutungen:
1. Der
Raum, innerhalb dessen sich (eine) Kultur befindet
- der Raum dieser Kultur. Kultur ist räumlich
verankert und entsteht im Wechselspiel und in Auseinandersetzung
mit ihrer (nicht nur) geographischen Umgebung, zu
der Klima, Flora und Fauna, Menschen (mit ihren Prägungen,
Ängsten und Visionen), Formen und Farben, Bodenschätze
und Sternbilder, Bodenbeschaffenheit, Nachbarn und
(erinnerte oder nicht erinnerte) Vorgeschichte, aber
auch Verkehrsbedingungen wie leichte oder schwere
Zugänglichkeit (etwa durch Wasserstraßen, Gebirge,
Pässe, Wüsten etc.) gehören. Dies alles verdichtet
sich im Bewußtsein von Außen- und Innenbeobachtern
zu Landschaften, die als in sich relativ einheitlicher
Raum erfahren werden, was nicht selten dazu führt,
daß eine dort lebende Menschenansammlung und ihre
Lebensweise zu einer "Kultur" amalgamiert
und zugleich mit dem geographischen Raum als dem ‚ihren‘
gleichgesetzt werden, so daß Gebietsnamen gleichzeitig
geographischer, ethnischer und kultureller (sowie,
wo eine Kultur sich eine Staatsform gibt oder aufprägen
läßt, politischer) Art sein können. Unterstützt
wird dies durch die Vorstellung ‚natürlicher Grenzen‘,
die insbesondere staats- oder kultusförmig organisierte
(oder organisiert sein wollende) Kulturen inselgleich
innerhalb eines von ‚Fremde‘ umgebenen, oft anhand
geographisch festlegbarer Demarkationslinien (Küsten,
Flußläufe, Gebirgskämme) bestimmbaren Gebietes eindeutig
verorten zu können hofft (und daraus einen Anspruch
für die jeweilige Kultur auf alles Territorium innerhalb
dieser ‚natürlichen Grenzen‘ ableiten kann). Doch
so problematisch die typologisch so einfach erscheinende
Unterscheidung zwischen Kulturen sein kann, so willkürlich
ist der Versuch, begrifflich und/oder politisch bzw.
organisatorisch voneinander unterschiedene ‚Kulturen‘
auf ein ihnen scheinbar naturgemäß zustehendes Territorium
festzulegen. Kelten, Angelsachsen und Normannen, Kanaaniter,
Israelis und Palästinenser, Albaner und Serben, Kurden,
Armenier, Türken, Aseris und Perser, Indianer und
amerikanische Farmer beanspruch(t)en mit für sie selbst
unbeweifelbaren Rechtsansprüchen das jeweils selbe
Territorium für sich selbst und haben doch zumindest
bereits teilweise außerhalb desselben gelebt. Und
zumeist leben verschiedene Kulturen ohnehin in demselben
Territorium und grenzen sich - so sie dies denn für
nötig halten - nicht so sehr geographisch als kulturell
voneinander ab: "So wird eine soziale, kulturelle
Schranke aufgebaut,
dazu bestimmt, die unzulängliche geographische
Schranke zu ersetzen, denn diese wird ständig und
auf tausenderlei Art überschritten."
2. Landschaft(en) im Kopf. Die assoziative Verbindung zwischen
Raum und Kultur verknüpft die beiden zu einer intelligiblen
synthetischen Einheit. Die kann aus der Innenperspektive
von Kulturangehörigen lebensweltlich konkretisiert
sein in Form einer geographisch beschränkten Erfahrungswelt,
der die kulturelle Bewältigung und
Überformung aller menschlichen Existenz- und Lebensprobleme
untrennbar verbunden erscheint mit jener Gegend
namens "Heimat", in der sie stattfindet.
Leben verräumlicht sich dann und weist den Teilen
des Raumes funktional unterschiedliche Standorte
für Tätigkeiten und Bedürfnisse zu: Das Dorfwirtshaus
steht neben der Kirche, Synagoge und Ghetto markieren
für die Bevölkerungsmehrheit ein lokales Abseits,
der Marktplatz ist als Zentrum des geschäftlichen
Lebens (und oft auch der Kommunikation) nicht nur
ein Ort, sondern zugleich die Vorstellung von einer
Bedeutung desselben (Treffpunkt, Möglichkeitsraum,
Zielpunkt von Arbeit, Anstrengung und Hoffnung).
Den in sie Hineingeborenen erscheint solch eine Raumordnung
als ‚natürlich‘, daß auch der Nachbarort ähnlich organisiert
ist, erleichtert die Orientierung und verstärkt den
Eindruck des ‚Gegebenen‘. Doch erfolgt Raumgestaltung
zumeist nach Plan, vor dem Kulturraum war bereits
eine erste Vorstellung von ihm, er ist die Umsetzung
einer meist schon vorgegebenen Leitlandschaft im Kopf
(wobei in jeder realen Landschaft sich einander konkurrierende
Vorstellungen vom jeweiligen Raum überlagern und nicht
zuletzt auch in der Generationenfolge höchst unterschiedliche
Spuren im Raum hinterlassen können). Das Verhältnis
zwischen Landschaft und Landschaft im Kopf ist komplex,
nur typologisch läßt es sich in verschiedene Beziehungsstränge
auffächern, die real oft ineinander übergehen und
verschwimmen:
a) Landschaft
wird überschrieben von den Projektvorstellungen
einer (oder mehrerer) Landschaft(en)
in den Köpfen von Entwerfern, Architekten und
Planern. Diese Projektvorstellungen werden gespeist
aus von anderswoher bekannten anregenden oder gar
normativen Vorbildern, ästhetischen und/oder technischen
Problemlösungen in Konkurrenz- oder hierarchisch
übergeordneten Leitlandschaften, literarischen,
künstlerischen oder filmischen Vorbildern und in die
Vergangenheit projizierten Gedächtniskonstruktionen
davon, was das für diese Landschaft einmal ‚typisch
Echte‘ gewesen sein soll.
b) Das regionale und/oder kulturelle Selbstbild der Innenbeobachter und Bewohner:
Reale Landschaft ist nie restlos identisch mit der
Bewußtseinslandschaft ihrer Bewohner, die teleologisch
ausgerichtet sein kann auf eine erst noch zu verwirklichende
Ziellandschaft hin, aber auch, von störenden Realitätselementen
bereinigt, als nach außen stolz präsentierbare Ideallandschaft
dienen oder umgekehrt durch Ausblendung zu erfreulicher
Realitätselemente zur Mangel- und Mängellandschaft
perhorresziert werden kann, die dringend einer Rettung bedürfe. Innenbilder
schwanken zwischen stolzer oder leidender
Betonung angeblicher oder wirklicher Eigenarten und
einem ‚kultur‘- und ‚zivilisations‘-orientiertem Bedürfnis
nach Integration des ‚Eigenen‘ in die für
überregional nachahmenswert gehaltenen Kulturraumvorstellungen,
die dann wiederum
in die konkrete Kulturraumformung Eingang finden.
Jede größere Stadt im Imperium Romanum bemühte sich
so früher oder später um ein
Forum und einen Circus Maximus, jede noch so kleine
bundesdeutsche Stadt braucht ihr Rathaus,
ihr Mahnmal, etwas ‚Typisches‘, nach Möglichkeit Autobahnanschluß,
McDonalds und mindestens ein Heimat- oder Stadtmuseum.
Das ‚Besondere‘ organisiert sich nach überregional
gültigen Besonderheitsmustern als ‚besonders‘.
c)
Zu oft kommerziell wirksamen Stereotypen verfestigt
sich das Bild eines Kulturraumes in den Vorstellungen
von Außenbeobachtern, die auch zeitweise oder länger
in der Region selbst wohnen können, sich dann aber
entweder durch eine distanzierte und antiidentifikatorische
Haltung vor jedem Zu- und Zusammengehörigkeitsgefühl
zu schützen wissen oder umgekehrt gerade durch die
Imagination einer besonders engen Verbindung zwischen
den zum ‚Volk‘ amalgamierten Menschen und ‚ihrer‘
Landschaft Harmonievorstellungen in sich erzeugen,
in deren in die Landschaft projiziertes Utopia sie
dann sich selbst mindestens zeitweise als emotional
Dazugehörige hineinträumen können. Touristen und seßhaft
werdende Sehnsuchtsnomaden sind denn auch die wichtigsten
Abnehmer einer Ländlichkeitskultur in den erholungsparkgrün
erhaltenen rustikalen Ortsteilen der raststättenreichen
Autobahncity Deutschland. Diese Ortsteil-, Vorstadt-
und Stadtrandfolklore lebt vor allem davon, den zahlenden
Gästen jenes Bild der jeweiligen Region vorzuspielen,
für das sie schließlich zahlen. Verbreitet wird dieses
Bild v.a. in Form folkloristischer, kulinarischer
oder kultureller (Fernsehserien, Musikantenstadl,
‚typische‘ Literatur und ‚anspruchsvolle‘ Zeitungsbeilagen)
Spezialitäten, deren Besonderheit weniger durch den
(technisch zumeist problemlos austauschbaren) Ort
ihrer Herstellung
als durch die stereotype Assoziationen erweckende
Nennung dieses Ortes auf den
Produktaufklebern evoziert wird. In der Tourismusbranche
verwandelt sich das stereotype Wunschbild
der Außenbeobachter dann in die Planungsgrundlage
geschäftstüchtiger Kulturraumformer.
Meist
überlagern mehrere Landschaften im Kopf sich, Puszta,
Provence und Po-Ebene gehen imaginativ ohne klar benennbare
Grenzstation ineinander über, Bilder von Innen- und
Außenbeobachtern beeinflußen einander, reale Wahrnehmung
verschmilzt mit stereotypem Abbild und idealer Modellvorstellung;
Landschaft im Kopf bewegt sich in der Spannung dieser
Momente und läßt sich schon deshalb lebensweltlich
nie völlig umsetzen, weil sie in ihren ideal(istisch)en
Momenten auch Heilsversprechungen impliziert, die
über alles hinausgehen, was menschliche Arbeit verwirklichen
kann. Selbst ein perfekt geformter Kulturraum kann
daran bestenfalls ‚nur‘ zeichenhaft durch Male in
der Landschaft erinnern, ohne daß er je wird einzulösen
vermögen, was er doch zu versprechen scheint. Reale
Landschaft und Landschaft im Kopf kommen deshalb nie
restlos zur Deckung. Oft sind Landschaftsvorstellungen
so sehr mit Sinngehalten
aufgeladen, daß sie geradezu zwangsläufig jeder realen
Landschaft deren unbefriedigende Dürftigkeit vorhalten.
Die Anhänger der
drei großen monotheistischen Religionen etwa leben
mit (sich überschneidenden) Vorstellungen
von heiligen Ländern, die letztlich außerhalb jeder
räumlichen und/oder (lebens-)zeitlichen Erreichbarkeit
angesiedelt sind. Und doch beruht deren Wirksamkeit
auch auf Rückbindungen der weitgehend imaginären
Projektionslandschaft an ansatzweise
erlebbare Wirklichkeit. Die himmlisch künftige
Wunderstadt hört noch heute oft auf den Namen Jerusalem
(und jedes Hier und Jetzt bleibt dann selbst noch
im realen Jerusalem ‚nur‘ die an sie gebundene irdische
Diaspora), Huris erwarten den Selbstmordattentäter,
sobald er sich zu ihnen hinüber- und hinaufgebombt
hat, noch den globale Immanenz versprechenden Werbebildern
der Glücksindustrie bleiben die Landschaften der Bibel
und des Koran immanent, in denen im ewigen Präsens exegetisch wirksamer Literatur die Geschichten
sich abspielen, die jahrhunderte- und jahrtausendelang
als positive oder negative Modelle für die je eigene
Lebensgestaltung dien(t)en. Jerusalem und Mekka sind
überall (solange dort zumindest Juden und/oder Christen
bzw. Moslems wohnen), in den Synagogen, Kirchen
und Moscheen wird auf den abwesenden Überort verwiesen,
manch ein Bauherr hat versucht, ihn an seinem Ort
und in seiner Zeit ins Irdische herab- und sein Bauwerk zu ihm hinaufzubauen. Orte suchen nach
Vollendung. Wurde in Neuengland noch das Paradies
gesucht, so soll es im puritanischen Amerika durch
pure Arbeit als sein eigenes Versprechen zu sich selbst
kommen: Dieser
spiralförmige
Verlauf (von der Schöpfung zum Garten Eden, zu Kanaan,
zu Neu-Kanaan in Amerika, zu Neu-Eden) war ein Gemeinplatz
der neuenglischen puritanischen Kanzelsprache. [...]
Ihr Auftrag führte sie [die Puritaner] nicht von der
Erde zum Himmel (wie die Pilgerfahrt der Plymouth-Siedler),
sondern von geringen zu immer größeren Herrlichkeiten
an den Gestaden Amerikas. Das Neue Jerusalem würde
nicht kommen, um ihr Wagnis abzubrechen, sondern um
es zu vollenden. Die Wunder der Apokalypse waren für
sie ein Teil der jüngsten "magnalia Christi Americana"
und das Millennium,
in Erweiterung dazu, Teil der Geschichte ihres Landes.
Nachgeahmt werden auf dem Weg
zur Selbsterfüllung der Kultur als eines angeblich
restlos verwirklichten Versprechens hilflos reale
Bauwerke aus den zeichenhaft ins Himmlische hinüberdeutenden
Pilgerstädten ebenso wie Phantasiepaläste, die im
Lauf der Jahrhunderte von Gemeinden, Sekten und ganzen
Völkern in die rituell zu kollektiven Sehnsuchtslandschaften
aufgeladenen (meta-)geographischen Namen aus den Heiligen
Büchern hineinimaginiert worden waren. Gegend wird
(nicht nur) architektonisch überschrieben von einer zu ihr hinzugefügten Landschaft
aus dem Kopf, die Individuen leben in der Spannung
zwischen realer, zeichenhaft assoziierter und vorgestellter
Landschaft, der eine näher am Imaginations-Pol, der
andere näher am materiellen. ‚Träumer‘ und ‚Realist‘
sind psychogeographische Figuren. Über die bloße Innen-,
Bau- und Landschaftsarchitektur hinausgehende Versuche,
eine lebensweltlich konkrete Identität zwischen der
Sinn- und Bedeutungsdimension von Imaginationslandschaften
und der sinn- und (be-)deutungsbedürftigen Wirklichkeit
herzustellen, können die reale Landschaft dann in
eine typologisierende Allegorie jener Vorstellungen
verwandeln, denen das geistige und moralische Leben
in ihr oft ohnehin (mehr oder weniger) folgt:
Der
Annaberg, sagte sie ungefähr, sei der älteste Berg.
Er sei wie das Alte Testament. Denn an der Spitze
sei die heilige Anna, die Goßmutter Jesu. Dann komme
weiter rechts der Habichthügel, die Grenzhöhe und
der Siehdichfür, lauter niedrige Höhen. Das müßten
die heidnischen Länder sein. Nun aber steige die Roterlehne
empor, dort über Schneiderbauers Busch. Da sei eine
Tafel mit den Acht Seligkeiten, und es leuchte dort
immer so schön und weit und frei, daß es wohl der
Berg Tabor sein könnte. [...] Dann der Leppelt mit
der Kohlengrube und der Glasfabrik. Das sei die neue
Zeit [...]. Von dorther dringe aller Unglaube nach
Schlegel. [...] jedes Dorf liege zwischen Himmel
und Hölle.
3. Der von einer Kultur geformte Raum.
Die Landschaft im Kopf wird (mehr oder weniger erfolgreich)
nachgeahmt, Kultur verändert planmäßig den Raum, innerhalb
dessen sie situiert ist: Wüsten werden bewässert,
Flußläufe verändert, Kanäle angelegt und künstliche
Seen, zusätzliches Land wird dem Meer abgewonnen,
Häfen werden ausgehoben, Berge abgetragen und noch
im Weltraum sichtbare Bauwerke aufgeschichtet, Tier-
und Pflanzenwelt werden durch Züchtung oder Import
neuer Arten und Ausrottung zuvor im jeweiligen Gebiet
beheimateter transformiert, Wälder werden gerodet
oder planmäßig angelegt, Felder, Wiesen und Städte
treten an die Stelle von Steppen, Sümpfen, Mooren
und Wäldern, ‚Natur‘ wird zum von Menschen verwalteten
Rückzugsreservoir für als erhaltenswert erachtete
Arten außerhalb des kulturellen Verwertungskreislaufes,
Menschen werden ausgetauscht. Das Antlitz des Raumes verändert sich. Und wer immer ihn durch seine Arbeit
verändert, erhebt Besitzansprüche
darauf. Als gehörte Land, das bis dahin noch
kein (als solcher wahrgenommener und akzeptierter)
Mensch in den für die jeweilige Kultur gültigen Besitzergreifungsformen
für sich beansprucht hat, allen Menschen (und
nicht als belebte Naturlandschaft sich selbst oder
ihren bereits vorhandenen menschlichen, tierischen,
pflanzlichen und vielleicht sogar mineralischen, kristallinen
usw. Bewohnern) wird von einer ursprünglich humanen
communio fundi originaria ("Alle Menschen
sind ursprünglich in einem Gesamtbesitz des Bodens
der ganzen Erde")
ausgegangen, derzufolge, archäotopisches Wunschdenken
in einer Welt, in der nahezu jede heute existierende
Kultur sich auf dem Boden bereits vor ihr dort gewesener
(und dann besiegter, vertriebener, unterjochter, assimilierter
oder gar vernichteter) Vorgängerkulturen ansässig
gemacht hat, Landbesitz aus der "Kultivierung"
des Landes, also der Inkorporation desselben in die
je eigenen kulturellen Verwertungsmodalitäten und
Landschaftsvorstellungen, geradezu zwangsläufig zu
folgen scheint. Ackerbaukulturen erscheint deshalb das zuvor von
Nomaden in periodisch aufzusuchende Weiden unterteilte
Territorium als ein von ihnen womöglich
erstmals durch Feldbau "kultiviertes" und
in Besitz genommenes geordnetes Land, kreisförmig
um das eigene Wohlbefinden herumgeordnet als eine
Spirale nur langsam nach außen hin abnehmender Wärme
und Vertrautheit. Es ist eine
Konzentrische
Raumordnung. - Das klassische Modell der Raumordnung
[...] sieht Lebenskreise vor, die sich zu einem Ganzen
fügen, [...] die klassische Trias von Oikos, Polis
und Kosmos [...]. Diese kosmische Schau ist getragen
von einer traditional verfaßten Gesellschaft, die
stark vom Herkommen lebt. Der Lebensort, der oft zugleich
Lehr- und Arbeitsstätte ist, verschmilzt mit dem Ort
der eigenen Herkunft und mit dem Ort der Vor-
und Nachfahren. Es gibt eine starke Lebensmitte
mit einem zentralen Hier und epipheren und ephemeren
Dorts. Die Tradition als Wohnen in der Zeit stabilisiert
das Wohnen im Raum. Natürlich gibt es das Heer der
Nichtseßhaften: Verbannte, die ohne Stadt sind,
apolis, wie es bei Sophokles heißt, Umhergetriebene
wie den ewigen Juden, fahrendes Volk jeder Art, von
den Vaganten, Tagelöhnern, Landsknechten, Wegelagerern,
Bettlern bis hin zu den heimatlosen Gesellen des Industriezeitalters.
Doch solange die Ordnung hält, sind dies nur Irrsterne
am Fixsternhimmel einer dauerhaften Heimat, Randbewohner
oder Nachzügler eines Nomadentums, das der Vorgeschichte
der Heimat angehört.
Kreisförmig
umhimmelte Gegenden dieser Art werden in der Wahrnehmung
ihrer Bewohner entlang der Zwecke zu Landschaften
geformt, für die sie die verschiedenen Teile des
Territoriums (ge-)brauchen, Kultur überschreibt die
Landschaft mit Nutzzuweisungen, (oft sehr materiellem)
Sinn und axiomatisch fundierten Bedeutungsversprechen.
Unterschiedliche
Kulturen können dabei ein und dasselbe Land (oft gleichzeitig)
sehr unterschiedlich mit den Elementen variierender
Landschaften im Kopf beschriften. Der heilige Berg
markiert und wahrt die Tabuzone nicht hinterfragbarer
kulturlogischer Grundaxiome als ein Unbetretbares
und verkörpert substituthaft die metareale Heilslandschaft,
das Rohstoffrevier unterwirft denselben Berg als bloßes
Attribut den ökonomischen Verdauungskrämpfen eines
letztlich nicht weniger heilsversprechend höheren
Kulturzwecks (wie der kapitalistisch oder sozialistisch
utopischen Fortschrittslandschaft) und der Erholungspark
erhebt den Berg dann nach dessen abgeschlossener Ausbeutung
zum emotionalen Reservoir für die Sehnsucht nach dem
ens realissimum einer freizeitförmig versprochenen
Erlösung, deren ökonomisch wirkungsvoll höchster Wert
in ihrer realen Unerreichbarkeit liegt. Dea
abscondita est. Hyperbolisch auf solche Endzielphantasien
ausgerichtete unter- und überrationale Zwecke sind
es denn auch, die jeglicher Formung der Landschaft
durch den Menschen ihre Richtung vorgeben, die Zwecke
entscheiden darüber, ob Menhire aufgestellt, ob Bergwerke
oder Rückzugsgebiete für vom Aussterben bedrohte
Tier- und Pflanzenarten angelegt werden, Landschaft
ist Zweck, Kultur, geformter Raum.
4. Die Zeit als Raum der Kultur. Die Aufeinanderfolge
einander verdrängender Kulturen, der Sieg des einen
Zweckes über den anderen und der einen Leitlandschaft
über die andere wird von den jeweiligen Siegern (solange
sie es sind) gerne zu einem Triumph der Kultur über
die Unkultur zurechtrationalisiert und mithin als
ein "Fortschritt" in Richtung auf einen
immer kultivierteren Endzustand zu interpretiert.
Eroberung (und konfliktfähige Generationenfolge) geben
der zuvor ziellosen Zeit eine Richtung, aus den labyrinthischen
Spiralen sinnlos sich wiederholender Zyklen wird
die pfeil- und strichförmige Entwicklung. Um die Legitimation
zeitlicher Aufeinanderfolgen kristallieren moralische
Eschatologien, die ihre (von Kultur zu Kultur verschiedenen)
Zielpunkte zwangsläufig in Idealzuständen jenseits
aller Geschichte finden müssen und damit ihre Kultur
dazu auffordern, sich selbst als diesen Zielpunkt
(oder den Weg dorthin) zu empfinden (es lebt sich
ja nicht angenehm mit dem Bewußtsein, eines Tages
selbst überholt werden zu müssen). Imperialer Höhepunkt
aller kulturellen Selbstdarstellung ist deshalb nicht
so sehr jener anarchisch unruhige Kampf mit letztlich
gleichwertigen Gegnern und Feinden,
dem doch alle realen Zustände sich verdanken, sondern
die als konkurrenzlos majestätisch assoziierte
Ruhe einer im Stillstand nicht mehr übertreffbarer
Vervollkommnung zu sich selbst
gekommenen Geschichte (die von sich aus schon
jede Unruhe der Unterworfenen als moralisch und kulturell
minderwertig diskreditiert). "Der politischen
Reichsgründung
[...]
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