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Orbis Linguarum Vol. 21/2002

Karl Konrad Polheim

Bonn

Eichendorffs Vermischte Schriften von 1866

Die Druckgeschichte der Werke Eichendorffsbietet kein erfreuliches Bild, was teils der Gleichgültigkeit des Dichters, teils der Habgier der meisten seiner Verle­ger zuzuschreiben ist. So erschien auch zu Eichendorffs Lebzeiten nur eine einzige Gesamtausgabe, aber auch sie enthält keineswegs immer authentische Texte, von einer ‚Ausgabe letzter Hand’ ganz zu schweigen.[1]

Nur ein einziges Mal traf Eichendorff auf einen Verleger, der ihm wirklich wohl­wollte, ihn aneiferte und - nicht zuletzt - großzügig honorierte. Dieser Mann war Ferdinand Schöningh (1815-1883, Gründung des Verlages in Paderborn 1847). Er hatte 1854 den Dichter aufgefordert, eine Literaturgeschichte katholischer Prägung zu verfassen, was dieser nach einigem Zögern befolgte: seine Geschichte der poeti­schen Literatur Deutschlands erschien im Verlag Schöningh, Paderborn 1857. Die Absicht, die Eichendorff und Schöningh verfolgten, ist sofort zu verstehen, wenn man weiß, daß alle bedeutenden Literaturgeschichten dieser Zeit von protestanti­schen Autoren geschrieben waren, die den Katholizismus scharf genug anzugreifen pflegten, sodaßhier ein Gegengewicht geschaffen werden sollte.[2]

Als Eichendorff seine Literaturgeschichte herausbrachte, war er mit entspre­chen­den Schriften und Tendenzen längst bekannt. So hatte er im Verlag Brockhaus, Leip­zig, zwei Bücher veröffentlicht: Der Deutsche Roman des achtzehnten Jahr­hun­derts in seinem Verhältniß zum Christentum, 1851, und: Zur Geschichte des Dramas, 1854.[3] Schon während der Verhandlungen über die geplante Literaturge­schichte äußerte Schöningh den Wunsch:

Ich möchte nämlich sehr gern die beiden Werke über den Roman und das Drama aus dem Verlage Brockhaus ankaufen, indem dieselben in Verbindung mit der Literatur­geschichte ein schönes Ganze bilden würden, und erlaube mir bei Ew. Hochwohlge­bo­ren vorher anzufragen, ob Sie damit einverstanden sein würden.[4]


Und am 18. Oktober 1856 schrieb Schöningh:

Ew. Hochwohlgeboren erlaube ich mir anliegend Abschrift der Bedingungen, unter den Brockhaus mir den Vorrat von Deutscher Roman und Zur Geschichte des Dra­mas, der sich bei jedem Werke auf ca. 600 Exemplare beläuft, verkaufen will, gehor­samst zu über­senden. Die Gesamtsumme wird 570 Taler betragen. Bevor ich nun die­ses Geschäft in seiner Ausdehnung für jetzt und die Zukunft übersehen kann, müßten Ew. Hochwohlgeboren die Güte haben, mir mitzuteilen, ob und unter wel­chen Bedingungen Sie mir die 2te und folgenden Auflagen überlassen würden. Wenn Ew. Hochwohlgeboren mir in dieser Hinsicht günstige Bedingungen stellen, so würde ich sofort den Ankauf, den ich sehnlichst wünsche, realisieren.[5]

Solche Worte bezeugen nochmals das Engagement und die Noblesse Schöninghs, denn je 600 Restexemplare - eine recht große Zahl der Gesamtauflage - zu kaufen und gleichzeitig um Bedingungen für eine zweite Auflage zu bitten: wer würde heute so handeln! Eichendorff konnte natürlich nur schnell zugreifen, was er denn auch tat, wie uns eine Notiz von ihm zeigt:

Ich habe im Oct. c. für Jedes der beiden Werke für die nächste /2./ Auflage 100 rthlr., für jede weitere Auflage 50 rthlr. gefordert.[6]

So konnte Schöningh sowohl in seiner Verlagsanzeige vom 1. Dezember 1856 wie auch am Schluß der Literaturgeschichte ankündigen:

Von demselben Verfasser erschien früher und gingen aus dem Verlage von Herrn F.A. Brockhaus in Leipzig in den des Unterzeichneten über: Zur Geschichte des Dra­mas [...] (1854) [...] Der deutsche Roman des 18. Jahrhunderts in seinem Ver­hältniß zum Christenthum [...] (1851) [...].[7]

Der Erwerb dieser beiden Werke wurde für Schöningh von größter Wichtigkeit. Im Jahre 1864 erschienen nämlich bei Voigt & Günther in Leipzig Joseph Freiherrn von Eichendorffs sämmtliche Werke. Zweite Auflage, in sechs Bänden. Schon Eichendorff selbst hatte mit dem Verlag darüber verhandelt. Nach seinem Tode besorgte sein Sohn Hermann die Ausgabe (Verlagsvertrag vom 17. Juli 1861), griff allerdings auch verschiedentlich in den Text ein und nahm Änderungen vor.[8]

Nach der Mitteilung von Wilhelm Kosch, die auf heute verlorenen Zeugnissen beruht, hätte aber Hermann vorgehabt, alle Schriften des Dichters, also auch die theoretischen, in der Ausgabe zu vereinigen, und so habe es langwierige Verhand­lungen mit Schöningh gegeben.[9] Es ist ganz klar, daß dieser, der so viel Mühe auf­gewendet hatte, um alle wichtigen literarhistorischen Werke Eichendorffs in die Hand zu bekommen, nicht darauf einging.

Man einigte sich schließlich auf eine Zweiteilung, auf die Hermann am Schluß seiner Biographie des Vaters im 1. Band der zweiten Auflage der Werke (S. 1-230, datiert bereits: "Im September 1862") ausdrücklich hinwies:

Der gegenwärtigen Ausgabe der Dichtungen und Uebersetzungen in Druck und For­mat sich genau anschließend, werden im Verlag von Ferd. Schöningh in Pader­born unter dem Titel Vermischte Schriften demnächst auch Eichendorffs gesammelte lite­rar-historische Werke, die Schrift über die Wiederherstellung des Schlosses der deut­schen Ordensritter zu Marienburg, Fragmente der Memoiren, sowie eine Reihe po­litischer und kritischer Aufsätze aus dem Nachlaß des Verfassers erscheinen, so­daß dem Publikum hiedurch zum erstenmal eine vollständige Sammlung aller Schrif­ten Eichendorffs geboten wird. Möge sie dazu beitragen, dem Genius des edlen Dahin­geschiedenen zahlreiche neue Freunde zu gewinnen!

Neben den poetischen Werken bei Voigt & Günther erschienen dergestalt 1866 bei Schöningh in Paderborn Joseph Freiherrn von Eichendorffs Vermischte Schriften in fünf Bänden[10], und zwar:

l., 2. Band: Geschichte der poetischen Literatur Deutschlands. Dritte Auflage[11]

3. Band: Der deutsche Roman des achtzehnten Jahrhunderts in seinem Verhältniß zum Christentum. Zweite Auflage

4. Band: Zur Geschichte des Dramas. Zweite Auflage

5. Band: Aus dem literarischen Nachlasse

Aufschlußreich ist ein Prospectus auf der Rückseite des selten erhaltenen Pa­pierumschlages des 5. Bandes, der in Übereinstimmung mit dem Hinweis Her­manns besagt:

Im Anschluß an die bei Herren Voigt & Günther in Leipzig herausgekommenen Wer­ke Joseph von Eichendorffs erscheinen in demselben Formate im Verlage des Unterzeichneten die in jener Sammlung nicht enthaltenen Schriften des genannten Verfassers unter dem Titel: Joseph Freiherrn von Eichendorffs vermischte Schriften. Fünf Bände. Diese Sammlung bilden die zum Theil schon früher in meinem Verlage erschienenen, theils bisher noch nicht veröffentlichten Schriften des gefeierten Ver­fassers, deren Herausgabe von dem Sohne des Verstorbenen redigirt wird. Dieselbe wird enthalten: [...]. Die ganze Sammlung wird noch in diesem Jahre zur Ausgabe gelangen. - Der Subscriptionpreis beträgt pro Band nur 12 Sgr. - Die Verlagshand­lung glaubte bei diesem geringen Preise die bandweise Ausgabe der Ausgabe in Lie­ferungen vorziehen zu sollen. [...] Paderborn, 1866. Ferdinand Schöningh.

Über Eichendorffs Abhandlungen in den Bänden 1-4 braucht hier nicht referiert zu werden. Neues brachte der 5. Band: Aus dem literarischen Nachlasse Joseph Frei­herrn von Eichendorffs. Der Titel ist zwar nicht ganz richtig, weil zwei der Auf­sätze (Marienburg, Landsknecht) bereits im Druck vorlagen, aber die anderen vier wur­den erstmals veröffentlicht. Was von vornherein anzunehmen war und von dem zi­tierten Prospectus bestätigt wird, daß nämlich Hermann von Eichendorff den Band redigiert hat, wird in diesem nirgends erwähnt, und schon gar nicht, daß er - wie zu zeigen sein wird - ebenfalls textliche Eingriffe vornahm. Dies hat er übri­gens auch in seiner langen biographischen Einleitung zu den Werken vollständig verschwiegen.

Es lohnt sich, diesen 5. Band genauer anzusehen und die einzelnen Beiträge der Reihe nach durchzumustern. Sie wurden wiederholt behandelt. Im folgenden ste­hen textkritische Erwägungen im Vordergrund, aber auch hier wird Eichendorffs aufrechte Haltung, sein Mut, sein Eintreten für die von ihm erkannte gute Sache deutlich, getreu seinen Worten aus dem Taugenichts: "Aber ich ging immer grade fort und ließ mich nichts anfechten."

Der 5. Band Aus dem literarischen Nachlasse enthält:

Die Wiederherstellung des Schlosses der deutschen Ordensritter zu Marienburg [S. 3-138]

Die 1274 gegründete Marienburg hatte unter preußischer und polnischer Herr­schaft wechselvolle Schicksale erlitten und war zuletzt von den Preußen als Kaser­ne und Magazin umgebaut und benutzt worden. Erst Theodor von Schön, Oberprä­sident von Ost- und Westpreußen und Freund Eichendorffs, führte eine planmäßige Restaurierung durch, die 1842 abgeschlossen war. Er gewann Eichendorff, der aus seiner Königsberger Zeit mit der Marienburg bestens vertraut war, für die Abfas­sung einer Schrift über deren Wiederherstellung.

Eichendorff schildert farbig und anschaulich - fast wie in einem historischen Roman, jedoch unter genauer Beachtung der historischen Fakten - die Geschichte des Ordens, dessen tägliches und festliches Leben, die Baulichkeiten der Burg und deren Wiederherstellung. Dabei hält er auch mit Kritik nicht zurück, hebt eines seiner Leitthemen hervor: den Kampf zwischen Heidentum und Christentum, und begründet den Verfall des Ordens mit der Abkehr vom wahren Christentum.

Diese Schrift erschien in Königsberg 1844, in Commission bei Alexander Duncker in Berlin 1844. Sie ist hier unverändert abgedruckt, auffallenderweise ohne Jahres­zahl (wie hier sonst). Dem Abdruck fehlt der 1844 beigegebene "Anhang", der eine genaue topographische Beschreibung und einen Plan enthielt.[12]

Die Aufhebung der geistlichen Landeshoheit und die Einziehung des Stifts- und Klostergutes in Deutschland (1818) [S. 139-201]

Es handelt sich um Eichendorffs Arbeit für das sogenannte "große Examen" (zum Rat). Das Thema war aktuell und heikel. Der Reichsdeputations-Hauptschluß zu Regensburg, 1803, hatte die geistlichen Gebiete aufgelöst und als Entschädi­gung für das 1797 und 1801 abgetretene linke Rheinufer bestimmt, aber die Durch­führung war noch lange nicht abgeschlossen. So befürchtete Eichendorff, daß man ihm, dem Katholiken, mit diesem Thema Schwierigkeiten bereiten wolle. Er schrieb darüber später an Görres:

Da ich, Gott sey Dank, mein Gewißen u. meine Ehre jederzeit höher gehalten habe, als meinen Magen, so beantwortete ich diese Frage, die ich mit gutem Grund nur für eine Art von heimlicher Fußangel halten mußte, mit besonderem Fleiß u. mit aller hier nöthigen Freimüthigkeit u. Rücksichtslosigkeit.[13]

Das hatte er auch wirklich getan und schonungslos die nachteiligen Folgen dieser Aufhebung kritisiert, etwa auf dem Gebiet des Schulwesens, der Armenpflege, der Ausbildung der Geistlichen, aber auch in territorialer Hinsicht. Doch es kam an­ders, als Eichendorff befürchtet hatte. Der Referent Johann Heinrich Schmedding in Ber­lin lobte in seinem Gutachten vom 15. Oktober 1819 die Arbeit uneinge­schränkt:

Diese Abhandlung, in der sich Geist, Adel der Gesinnung und Tiefe historischer For­schung mit einer blühenden sich überall gleich bleibenden Rede vereinigen, legt von der allgemein wissenschaftlichen Bildung ihres Verfassers ein ebenso rühmliches Zeug­nis ab als sie zu den angenehmsten Erwartungen in betreff künftiger Leistungen berechtigt. Wer behaupten möchte, der Verfasser habe seinen Gegenstand mit zu gro­ßer Vorliebe behandelt, wird doch anerkennen, daß die Quelle dieser Empfin­dung höchst edel und daß sie dem Scharfsinn, womit der Verfasser seine Ansichten durchgeführt hat, nicht hinderlich gewesen ist.[14]

Eichendorff legte im Oktober 1819 sein Examen ab, wurde unbezahlter Assessor in Breslau, aber gerade wegen dieser seiner Examensarbeit erhielt er im Januar 1821 eine Ratsstelle in Danzig.

Ein Problem bieten die vorhandenen Fassungen der Examensarbeit. Das von der Königlichen Ober-Examinations-Kommission zu Berlin am 7. Dezember 1818 ge­stellte Thema lautete: Was für Nachteile und Vorteile hat der katholische Reli­gions­teil in Deutschland von der Aufhebung der Landeshoheit der Bischöfe und Äbte desgleichen von der Entziehung des Stifts und Klosterguts mit Wahrscheinlichkeit zu erwarten?[15]

Wilhelm Kosch hat in der Historisch-kritischen Ausgabe 1911 die Arbeit unter dem Titel ediert: Über die Folgen von der Aufhebung der Landeshoheit der Bi­schö­fe und der Klöster in Deutschland, und zwar nach einer Handschrift, über die er, wie bei ihm üblich, kein Wort verliert.[16]

Dazu tritt nun unsere, das heißt die als erste, 1866, veröffentlichte Fassung der Arbeit, die kürzer ist als die von Kosch gedruckte und wiederum einen anderen Ti­tel hat, der dem ursprünglichen näher steht.

[...]

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Bei dieser Datei handelt es sich nur um einen Auszug aus dem Originalartikel. Den vollständigen Beitrag finden Sie in der Druckausgabe von Orbis Linguarum. Bestellungen der gesamten, aktuellen Druckausgabe und Anfragen zu Abonnements richten Sie bitte direkt an den Verlag Oficyna Wydawnicza ATUT - Wroclawskie Wydawnicwo Oswiatowe (Kontakt oficyna@atut.ig.pl).

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