Karl Konrad Polheim
Bonn
Eichendorffs Vermischte Schriften von 1866
Die Druckgeschichte der Werke Eichendorffsbietet kein erfreuliches Bild,
was teils der Gleichgültigkeit des Dichters, teils
der Habgier der meisten seiner Verleger zuzuschreiben
ist. So erschien auch zu Eichendorffs Lebzeiten nur
eine einzige Gesamtausgabe, aber auch sie enthält
keineswegs immer authentische Texte, von einer ‚Ausgabe
letzter Hand’ ganz zu schweigen.
Nur
ein einziges Mal traf
Eichendorff auf einen Verleger, der ihm wirklich
wohlwollte, ihn aneiferte und - nicht zuletzt - großzügig
honorierte. Dieser Mann war Ferdinand Schöningh (1815-1883,
Gründung des Verlages in Paderborn 1847). Er hatte
1854 den Dichter aufgefordert, eine Literaturgeschichte
katholischer Prägung zu verfassen, was dieser nach
einigem Zögern befolgte: seine Geschichte der poetischen
Literatur Deutschlands erschien im Verlag Schöningh,
Paderborn 1857. Die Absicht, die Eichendorff und Schöningh
verfolgten, ist sofort zu verstehen, wenn man weiß,
daß alle bedeutenden Literaturgeschichten dieser Zeit
von protestantischen Autoren geschrieben waren, die
den Katholizismus scharf genug anzugreifen pflegten,
sodaßhier ein Gegengewicht geschaffen werden sollte.
Als
Eichendorff seine
Literaturgeschichte herausbrachte, war er mit
entsprechenden Schriften und Tendenzen längst bekannt.
So hatte er im Verlag Brockhaus, Leipzig, zwei Bücher
veröffentlicht: Der Deutsche Roman des achtzehnten
Jahrhunderts in seinem Verhältniß zum Christentum,
1851, und: Zur Geschichte des Dramas, 1854.
Schon während der Verhandlungen über die geplante
Literaturgeschichte äußerte Schöningh den Wunsch:
Ich
möchte nämlich sehr gern die beiden Werke über den
Roman und das Drama aus dem Verlage Brockhaus ankaufen,
indem dieselben in Verbindung mit der Literaturgeschichte
ein schönes Ganze bilden würden, und erlaube mir bei
Ew. Hochwohlgeboren vorher anzufragen, ob Sie damit
einverstanden sein würden.
Und
am 18. Oktober 1856 schrieb Schöningh:
Ew.
Hochwohlgeboren erlaube ich mir anliegend Abschrift
der Bedingungen, unter den Brockhaus mir den Vorrat
von Deutscher Roman und Zur Geschichte des
Dramas, der sich bei jedem Werke auf ca. 600
Exemplare beläuft, verkaufen will, gehorsamst zu
übersenden. Die Gesamtsumme wird 570 Taler betragen.
Bevor ich nun dieses Geschäft in seiner Ausdehnung
für jetzt und die Zukunft übersehen kann, müßten Ew.
Hochwohlgeboren die Güte haben, mir mitzuteilen, ob
und unter welchen Bedingungen Sie mir die 2te und
folgenden Auflagen überlassen würden. Wenn Ew. Hochwohlgeboren
mir in dieser Hinsicht günstige Bedingungen stellen,
so würde ich sofort den Ankauf, den ich sehnlichst
wünsche, realisieren.
Solche
Worte bezeugen nochmals das Engagement und die Noblesse
Schöninghs, denn je 600 Restexemplare - eine recht
große Zahl der Gesamtauflage - zu kaufen und gleichzeitig
um Bedingungen für eine zweite Auflage zu bitten:
wer würde heute so handeln! Eichendorff konnte natürlich
nur schnell zugreifen, was er denn auch tat, wie uns
eine Notiz von ihm zeigt:
Ich
habe im Oct. c. für Jedes der beiden Werke für die
nächste /2./ Auflage 100 rthlr., für jede weitere
Auflage 50 rthlr. gefordert.
So
konnte Schöningh sowohl in seiner Verlagsanzeige vom
1. Dezember 1856 wie auch am Schluß der Literaturgeschichte
ankündigen:
Von
demselben Verfasser erschien früher und gingen aus
dem Verlage von Herrn F.A. Brockhaus in Leipzig in den des Unterzeichneten über: Zur
Geschichte des Dramas [...] (1854) [...] Der
deutsche Roman des 18. Jahrhunderts in seinem Verhältniß
zum Christenthum [...] (1851) [...].
Der
Erwerb dieser beiden Werke wurde für Schöningh von
größter Wichtigkeit. Im Jahre 1864 erschienen nämlich
bei Voigt & Günther in Leipzig Joseph Freiherrn
von Eichendorffs sämmtliche Werke. Zweite Auflage,
in sechs Bänden. Schon Eichendorff selbst hatte mit
dem Verlag darüber verhandelt. Nach seinem Tode besorgte
sein Sohn Hermann die Ausgabe (Verlagsvertrag vom
17. Juli 1861), griff allerdings auch verschiedentlich
in den Text ein und nahm Änderungen vor.
Nach der
Mitteilung von Wilhelm Kosch, die auf heute verlorenen
Zeugnissen beruht, hätte aber Hermann vorgehabt, alle
Schriften des Dichters, also auch die theoretischen,
in der Ausgabe zu vereinigen, und so habe es langwierige
Verhandlungen mit Schöningh gegeben. Es ist ganz klar, daß dieser, der so viel
Mühe aufgewendet hatte, um alle wichtigen literarhistorischen
Werke Eichendorffs in die Hand zu bekommen, nicht
darauf einging.
Man einigte
sich schließlich auf eine Zweiteilung, auf die Hermann
am Schluß seiner Biographie des Vaters im 1. Band
der zweiten Auflage der Werke (S. 1-230, datiert
bereits: "Im September 1862") ausdrücklich
hinwies:
Der
gegenwärtigen Ausgabe der Dichtungen und Uebersetzungen
in Druck und Format sich genau anschließend, werden
im Verlag von Ferd. Schöningh in Paderborn unter
dem Titel Vermischte Schriften demnächst auch
Eichendorffs gesammelte literar-historische Werke,
die Schrift über
die Wiederherstellung des Schlosses
der deutschen Ordensritter zu Marienburg, Fragmente
der Memoiren, sowie eine Reihe politischer und kritischer
Aufsätze aus dem Nachlaß des Verfassers erscheinen,
sodaß dem Publikum hiedurch zum erstenmal eine vollständige
Sammlung aller Schriften Eichendorffs geboten wird.
Möge sie dazu beitragen, dem Genius des edlen Dahingeschiedenen
zahlreiche neue Freunde zu gewinnen!
Neben
den poetischen Werken bei Voigt & Günther
erschienen dergestalt 1866 bei Schöningh in Paderborn
Joseph Freiherrn von Eichendorffs Vermischte Schriften
in fünf Bänden,
und zwar:
l., 2. Band: Geschichte der poetischen
Literatur Deutschlands. Dritte Auflage
3. Band: Der deutsche Roman des achtzehnten Jahrhunderts in seinem
Verhältniß zum Christentum. Zweite Auflage
4. Band: Zur Geschichte des Dramas.
Zweite Auflage
5. Band: Aus dem literarischen
Nachlasse
Aufschlußreich
ist ein Prospectus auf der Rückseite des selten
erhaltenen Papierumschlages des 5. Bandes, der in
Übereinstimmung mit dem Hinweis Hermanns besagt:
Im
Anschluß an die bei Herren Voigt & Günther in
Leipzig herausgekommenen Werke Joseph von Eichendorffs
erscheinen in demselben Formate im Verlage des Unterzeichneten
die in jener Sammlung nicht enthaltenen Schriften
des genannten Verfassers unter dem Titel: Joseph
Freiherrn von Eichendorffs vermischte Schriften.
Fünf Bände. Diese Sammlung bilden die zum Theil schon
früher in meinem Verlage erschienenen, theils bisher
noch nicht veröffentlichten Schriften des gefeierten
Verfassers, deren Herausgabe von dem Sohne des Verstorbenen
redigirt wird. Dieselbe wird enthalten: [...]. Die
ganze Sammlung wird noch in diesem Jahre zur Ausgabe
gelangen. - Der Subscriptionpreis beträgt pro Band
nur 12 Sgr. - Die Verlagshandlung glaubte bei diesem
geringen Preise die bandweise Ausgabe der Ausgabe
in Lieferungen vorziehen zu sollen. [...] Paderborn,
1866. Ferdinand Schöningh.
Über
Eichendorffs Abhandlungen in den Bänden 1-4 braucht
hier nicht referiert zu werden. Neues brachte der
5. Band: Aus dem literarischen Nachlasse Joseph
Freiherrn von Eichendorffs. Der Titel ist zwar nicht ganz richtig, weil zwei
der Aufsätze (Marienburg, Landsknecht)
bereits im Druck vorlagen, aber die anderen vier wurden
erstmals veröffentlicht. Was von vornherein anzunehmen
war und von dem zitierten Prospectus bestätigt
wird, daß nämlich Hermann von Eichendorff den Band
redigiert hat, wird in diesem nirgends erwähnt, und
schon gar nicht, daß er - wie zu zeigen sein wird - ebenfalls textliche Eingriffe vornahm.
Dies hat er übrigens auch in seiner langen biographischen
Einleitung zu den Werken vollständig verschwiegen.
Es lohnt
sich, diesen 5. Band genauer anzusehen und die einzelnen
Beiträge der Reihe nach durchzumustern. Sie wurden
wiederholt behandelt. Im folgenden stehen textkritische
Erwägungen im Vordergrund, aber auch hier wird Eichendorffs
aufrechte Haltung, sein Mut, sein Eintreten für die
von ihm erkannte gute Sache deutlich, getreu seinen
Worten aus dem Taugenichts: "Aber ich
ging immer grade fort und ließ mich nichts anfechten."
Der 5. Band Aus dem literarischen
Nachlasse enthält:
Die Wiederherstellung
des Schlosses der deutschen Ordensritter zu Marienburg
[S. 3-138]
Die
1274 gegründete Marienburg hatte unter preußischer
und polnischer Herrschaft wechselvolle Schicksale
erlitten und war zuletzt von den Preußen als Kaserne
und Magazin umgebaut und benutzt worden. Erst Theodor
von Schön, Oberpräsident von Ost- und Westpreußen
und Freund Eichendorffs, führte eine planmäßige Restaurierung
durch, die 1842 abgeschlossen war. Er gewann Eichendorff,
der aus seiner Königsberger Zeit mit der Marienburg
bestens vertraut war, für die Abfassung einer Schrift
über deren Wiederherstellung.
Eichendorff
schildert farbig und anschaulich - fast wie in einem
historischen Roman, jedoch unter genauer Beachtung
der historischen Fakten - die Geschichte des Ordens,
dessen tägliches und festliches Leben, die Baulichkeiten
der Burg und deren Wiederherstellung. Dabei hält er
auch mit Kritik nicht zurück, hebt eines seiner Leitthemen
hervor: den Kampf zwischen Heidentum und Christentum,
und begründet den Verfall des Ordens mit der Abkehr
vom wahren Christentum.
Diese
Schrift erschien in Königsberg 1844, in Commission
bei Alexander Duncker in Berlin 1844. Sie ist
hier unverändert abgedruckt, auffallenderweise ohne
Jahreszahl (wie hier sonst). Dem Abdruck fehlt der
1844 beigegebene "Anhang", der eine genaue
topographische Beschreibung und einen Plan enthielt.
Die Aufhebung
der geistlichen Landeshoheit und die Einziehung des
Stifts- und Klostergutes in Deutschland (1818) [S.
139-201]
Es handelt
sich um Eichendorffs Arbeit für das sogenannte "große
Examen" (zum Rat). Das Thema war aktuell und
heikel. Der Reichsdeputations-Hauptschluß zu Regensburg,
1803, hatte die geistlichen Gebiete aufgelöst und
als Entschädigung für das 1797 und 1801 abgetretene
linke Rheinufer bestimmt, aber die Durchführung war
noch lange nicht abgeschlossen. So befürchtete Eichendorff,
daß man ihm, dem Katholiken, mit diesem
Thema Schwierigkeiten bereiten wolle. Er schrieb
darüber später an Görres:
Da
ich, Gott sey Dank, mein Gewißen u. meine Ehre jederzeit
höher gehalten habe, als meinen Magen, so beantwortete
ich diese Frage, die ich mit gutem Grund nur für eine
Art von heimlicher Fußangel halten mußte, mit besonderem
Fleiß u. mit aller hier nöthigen Freimüthigkeit u.
Rücksichtslosigkeit.
Das
hatte er auch wirklich getan und schonungslos die
nachteiligen Folgen dieser Aufhebung kritisiert, etwa
auf dem Gebiet des Schulwesens, der Armenpflege, der
Ausbildung der Geistlichen,
aber auch in territorialer Hinsicht. Doch es
kam anders, als Eichendorff befürchtet hatte. Der
Referent Johann Heinrich Schmedding in Berlin lobte
in seinem Gutachten vom 15. Oktober 1819 die Arbeit
uneingeschränkt:
Diese
Abhandlung, in der sich
Geist, Adel der Gesinnung und Tiefe historischer
Forschung mit einer blühenden sich überall gleich
bleibenden Rede vereinigen, legt von der allgemein
wissenschaftlichen Bildung ihres Verfassers ein ebenso
rühmliches Zeugnis ab als sie zu den angenehmsten
Erwartungen in betreff künftiger Leistungen berechtigt.
Wer behaupten möchte, der Verfasser habe seinen Gegenstand
mit zu großer Vorliebe behandelt, wird doch anerkennen,
daß die Quelle dieser Empfindung höchst edel und
daß sie dem Scharfsinn, womit der Verfasser seine
Ansichten durchgeführt hat, nicht hinderlich gewesen
ist.
Eichendorff
legte im Oktober 1819 sein Examen ab, wurde unbezahlter
Assessor in Breslau, aber gerade wegen dieser seiner
Examensarbeit erhielt er im Januar 1821 eine Ratsstelle
in Danzig.
Ein Problem
bieten die vorhandenen Fassungen der Examensarbeit.
Das von der Königlichen Ober-Examinations-Kommission
zu Berlin am 7. Dezember 1818 gestellte Thema lautete: Was für Nachteile und Vorteile
hat der katholische Religionsteil
in Deutschland von der Aufhebung der Landeshoheit
der Bischöfe und Äbte desgleichen von der Entziehung
des Stifts und Klosterguts mit Wahrscheinlichkeit
zu erwarten?
Wilhelm
Kosch hat in der Historisch-kritischen Ausgabe 1911
die Arbeit unter dem Titel ediert: Über die Folgen
von der Aufhebung der Landeshoheit der Bischöfe
und der Klöster in Deutschland, und zwar nach
einer Handschrift, über die er, wie bei ihm üblich,
kein Wort verliert.
Dazu
tritt nun unsere, das heißt die als erste, 1866, veröffentlichte
Fassung der Arbeit, die kürzer ist als die von Kosch
gedruckte und wiederum einen anderen Titel hat, der
dem ursprünglichen näher steht.
[...]
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