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Orbis Linguarum Vol. 21/2002

Krzysztof Ruchniewicz

Wrocław

Von Lemberg nach Breslau - eine Universität zwischen Tradition und Neubestimmung*

Die Universität Wrocław erlebt z.Zt. den Höhepunkt des 300jährigen Jubiläums. Zum ersten Mal in ihrer Nachkriegsgeschichte kann die Universität die Jubiläums­feierlichkeiten in ganzem Ausmaß begehen. Diese Vollständigkeit resultiert daraus, dass sie sich erstmals auf zwei Fundamente der heutigen Universität berufen und ihre Anerkennung dafür offen manifestieren kann. Die Hochschule, an der zurzeit ca. 40.000 Studenten studieren und ca. 1.700 Hochschullehrer lehren, pflegt insbe­sondere zwei Traditionen: die der deutschen Friedrich-Wilhelms-Universität und der polnischen Jan-Kazimierz-Universität in Lemberg. Der Krieg und seine Folgen verursachten, dass sich diese zwei Traditionen überschnitten und in besonderem Maße die heutige Universität prägen mussten. Diese Dualität in der Tradition ist sehr interessant. Sie weckt Fragen nach ihrem Einfluss auf die Tätigkeit der Uni­ver­sität, auf das Bewusstsein dieser Tradition bei den wissenschaftlichen Mitar­bei­tern und Studenten. Diese Probleme sind relevant nicht nur für die Universität, son­dern auch für die Breslauer Technische Hochschule (Politechnika) und die Land­wirtschaftliche Akademie (Akademia Rolnicza), die ebenfalls mit entsprechenden Lemberger Forschungseinrichtungen verbunden waren und zugleich an das Erbe der deutschen Hochschulen anknüpfen.

Diese zwei historischen Traditionen haben, trotz der selbstverständlich aus der Andersartigkeit der Geschichte Deutschland und Polens resultierenden Unterschie­de, einige Elemente gemeinsam. Selbstverständlich verbindet sie das für alle seit dem 12. Jahrhundert in Europa entstehenden Universitäten charakteristische Stre­ben nach Erwerb und Vertiefung des Wissens, die Verpflichtung zu dessen Weiter­vermittlung und das Gefühl der Autonomie dieses Milieus, die die Freiheit der For­schung begünstigt. Es verbindet sie auch die Entstehungszeit. Die deutsche Univer­sität in Breslau und die polnische in Lemberg nahmen ihre Anfänge in den Jesuiten­akademien. In Lemberg wurde sie von dem polnischen König Jan Kazimierz im Jahre 1661 ins Leben gerufen und war die zweite Akademie dieses Typs nach der Wilnaer Hochschule. In Breslau kam es nach vielen Bemühungen und Anstren­gun­gen der Jesuiten im Jahre 1702 zur Gründung der Akademie. Große Verdienste hat­te in diesem Zusammenhang Friedrich Wolff von Lüdinghausen. Es ist zu betonen, dass dieses bedeutende Mitglied des Jesuitenordens aus dem polnischen Lehnsge­biet, aus Livland stammte. Bevor er Mönch wurde, war er am Hofe des schon erwähnten polnischen Königs Jan Kazimierz erzogen worden, der die religiöse und erziehe­ri­sche Tätigkeit der Jesuiten tatkräftig unterstützte. Die Grundlagen für die Tätigkeit der zeitgenössischen Universitäten wurden auch fast zur selben Zeit gelegt, an der Wende des 18. und 19. Jahrhunderts. Die Breslauer Universität wurde durch den preußischen König Friedrich Wilhelm III. im Jahre 1811, und die Lemberger Uni­versität durch den Kaiser des Heiligen Römischen Reiches der Deutschen Nation etwas früher, im Jahre 1784 errichtet. Dies ereignete sich zur Zeit der Teilungen Po­lens, und Lemberg sowie Krakau gehörten zur k.u.k.-Monarchie.

Das gemeinsame Merkmal der deutschen und der Lemberger Tradition ist darüber hinaus die "Politik des Verschweigens", die die polnischen kommunistischen Macht­haber beiden Traditionen gegenüber betrieben. Die deutsche Tradition, die in jedem Universitätsgebäude, in den Büchern und in der universitären Ausstattung präsent war, musste als der polnischen Kultur in der Vergangenheit fremd und feindlich gel­ten, ja sogar verheimlicht werden. Die Lemberger Tradition, die vor allem durch die Menschen vertreten war, wurde Jahrzehnte lang als "volksfeindlich" und "reaktio­när" verschwiegen, da sie an das Leid erinnerte, dass man seitens der "großen Ver­bündeten", also der UdSSR, erfahren hatte. Sie wurde zum Tabuthema. Zum Tabu im Nachkriegspolen wurden darüber hinaus alle Problembereiche, die mit den ver­lorenen Gebieten im Osten zusammenhingen. Erst nach 1989, im demokratischen Polen, hatte unsere Universität die Möglichkeit, ihre vollständige Geschichte zu zeigen und ihre historischen Fundamente zu nutzen, um eine bessere Entwicklung zu gewährleisten. Der Höhepunkt der Rückkehr zur Tradition der "Leopoldina" und der Friedrich-Wilhelm-Universität sind die jetzigen Jubiläumsfeierlichkeiten. Zur Zeit der Volksrepublik Polen waren nur die Jahrestage der Gründung der polni­schen Universität im Jahre 1945 gefeiert worden. Auch die Lemberger Alma Mater ist, obschon nicht so spektakulär, in der Tätigkeit der heutigen Universität präsent.

In dem weiteren Teil meines Referats möchte ich die Geschichte der Lemberger Universität kurz vorstellen, weil sie - wie ich vermute - weniger bekannt ist als die Geschichte der Breslauer Universität vor 1945. In einem weiteren Teil stelle ich den Weg der Lemberger Professoren nach Breslau dar und spreche Ihre Tätigkeit an dieser Universität in den ersten Nachkriegsjahren an. Im letzten Teil beschäftige ich mich mit der Präsenz der Lemberger Tradition in der heutigen Universität.

Die Lemberger Hochschule wurde als österreichische Universität in dem vom Wien eroberten südlichen Teil Polens gegründet. In der zweiten Hälfte des 19. Jahr­hunderts wurde die Universität völlig polonisiert und zum wichtigen Zentrum der polnischen Kultur und Wissenschaft. Ihre Leistungen sind nicht zu unterschätzen, da die Lemberger Universität eine von zwei Universitäten auf den Gebieten des da­mals nicht existierenden polnischen Staates war, die ihre Arbeit in polnischer Spra­che organisierte. Die zweite Universität war die im Jahre 1364 gegründete Ja­giel­lo­nen-Universität in Krakau. Die beiden Universitäten arbeiteten also im öster­rei­chi­schen Teilungsgebiet und nutzten den Segen der Politik der Kulturautonomie aus, die Wien seit den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts gegenüber den Polen ver­folgte. Im preußischen/deutschen und russischen Teilungsgebiet war das Schulwe­sen auf allen Ebenen fast vollständig "entpolonisiert" und diente der Politik der Ent­nationalisierung der Polen. Die Lemberger Universität lockte daher Jugendliche aus allen Teilungsgebieten Polens. Ihre akademischen Lehrer unterhielten Kontakte mit wissenschaftlichen Kreisen in ganz Europa. Die Lemberger Universität erreichte schnell ein der Krakauer Hochschule vergleichbares Ansehen. Diese bedeutende Stellung verminderte sich nach der Wiederherstellung Polens im Jahre 1918 nicht. Neben Warschau, Krakau und Wilno bildete sie den Grundstock des polnischen Hochschulwesens. Ihr wurde zu dieser Zeit der Name Jan Kazimierzs verliehen, um die königlichen Verdienste bei der Gründung der Universität in der Stadt zu wür­digen. In der Zwischenkriegszeit arbeiteten viele bekannte Hochschullehrer an der Lemberger Universität, sehr oft von Weltruf. Vor allem die mathematische Schu­le mit den Professoren Stefan Banach und Hugo Steinhaus war bekannt. Es mangelte nicht an berühmten Historikern, wie Szymon Askanazy, Oswald Balzer oder Fran­ci­szek Bujak. An der Universität arbeitete der Philosoph und Logiker Kazimierz Ajdukiewicz. In Lemberg existierte also ein voll entwickeltes wissenschaftliches Milieu, das durch viele Verflechtungen weit verbunden war. Außerdem war es sich seiner Stellung und Andersartigkeit bewusst. Der Ausbruch des Zweiten Weltkrie­ges im Jahre 1939 unterbrach die Entwicklung dieser Hochschule. Der polnische Staat wurde zwischen den zwei Aggressoren aufgeteilt: dem Dritten Reich und der UdSSR. Das östliche Polen mit Wilno und Lemberg kam unter die sowjetische Ok­kupation. Zwar nahm die Universität ihre Tätigkeit wieder auf, aber sie war vielen Repressalien und der Sowjetisierung der Forschung und Lehre ausgesetzt. Die schlimm­sten Zeiten kamen im Juli 1941. Infolge des Krieges zwischen dem Dritten Reich und der UdSSR kam das östliche Polen unter deutsche Okkupation. Kurz nach der Ankunft begannen die Nazis mit Vernichtungsaktionen, die gegen die polnische politisch-kulturelle Elite sowie die jüdische Bevölkerung gerichtet war. In Lemberg fielen 25 Professoren der Universität und der Technischen Hochschule (Politech­nika) der Massenexekutionen zum Opfer. Diese Ereignisse stellten die Fortsetzung der antipolnischen Maßnahmen dar, die im westlichen Teil Polens begonnen wor­den waren (u.a. die Verhaftung der Professoren der Jagiellonen-Universität und ihre Einlieferung in die Konzentrationslager im Herbst 1939). Trotz der Repressionen setzte die Lemberger Universität in den Jahren 1942-1944 - ähnlich wie alle ande­ren polnischen Universitäten - ihre Arbeit im Untergrund fort. Die erneute Beset­zung der Stadt durch die Russen im Sommer 1944 und die immer realer werdende Perspektive des Verlustes der östlichen Gebiete an die Sowjetunion stellte die dor­tige polnische Bevölkerung vor die dramatische Frage, was sie weiter machen sol­le. Auf diese Frage mussten auch die Universitätskreise antworten. Dazu kamen noch andere wichtige Fragen: Wie man die bisherigen Leistungen, den Lehrkörper, Bibliotheken, Archive retten solle und wie man die Arbeit fortsetzen könne. Die un­abhängige Arbeit der Universität unter der sowjetischen Macht war ausgeschlos­sen. Es gab immer weniger Hoffnung auf die völlige Veränderung der Alliiertenbe­schlüs­se angesichts der Grenzverschiebung, und die sowjetische Macht übte immer grö­ßeren Druck auf die Aussiedlung der Polen gen Westen aus. Anfang 1945 wurde eine Verhaftungswelle durchgeführt, der die wissenschaftlichen Mitarbeiter zum Opfer fielen. Die Verhaftungen und Deportationen sollten die polnische Bevölke­rung einschüchtern und zur schnelleren Ausreise bewegen. So ist es auch geschehen. Aus den verlorenen polnischen Gebieten wurden 1,5 Millionen Polen ausgesiedelt, wobei aus den an die Ukraine angeschlossenen Gebieten 800.000 Menschen ihre Heimat verloren. Wilno und Lemberg, in denen bis dahin eine große polnische Be­völkerungsmehrheit gelebt hatte, entleerten sich allmählich. Die wissenschaftlichen Mitarbeiter der Universität verließen Lemberg in den ersten Nachkriegsmonaten. Aufgrund einer Vereinbarung zwischen Polen und der UdSSR konnten sie ihre Aus­stattung mitnehmen, d.h. private Bücher, Geräte usw. In Wirklichkeit jedoch war dies aufgrund von Transportschwierigkeiten und des Widerwillens der sowje­ti­schen Beamten sehr schwierig. Die universitären Sammlungen, die materielle Aus­stattung auszuführen war daher ausgeschlossen. Von den großen Lemberger Biblio­theken durften nur Teile der Ossolineum-Bibliothek nach Polen überführt werden. Vorläufig begab sich ein Großteil der Lemberger Hochschullehrer nach Krakau, wo sich die Professoren Stanislaw Kulczynski, Seweryn Krzemieniecki, Tadeusz Romer, Stanislaw Loria sowie viele andere aufhielten. Die durch den Krieg zerstör­ten polnischen Universitäten waren zwar sehr gerne bereit, die Lemberger Profes­soren aufzunehmen, die meisten Professoren plädierten jedoch dafür, ihre Arbeit möglichst als Einheit fortsetzen zu können. Man wollte die vor dem Kriege durch­ge­führten Forschungen in den bestehenden Gruppen fortsetzen und auch die Auto­no­mie der Lemberger Professoren wahren. Zu diesem Zweck sollte die Arbeit der ehemaligen Lemberger Jan-Kazimierz-Universität in einer der Städte der West- und Nordgebiete, die nach 1945 an Polen angeschlossen wurden, wieder aufge­nom­men werden. In Krakau wurde eine Gruppe gebildet, die Vorschläge für das weitere Schicksal der aus Lemberg ausgesiedelten Hochschullehrer ausarbeiten sollte. Für eine Wiedererrichtung der Lemberger Universität kamen folgende Städte in Frage: Danzig, Gleiwitz, Kattowitz oder Breslau. Noch bevor sowjetische Truppen die nie­derschlesische Hauptstadt erobert hatten, nominierte die neue polnische Regierung einen Bevollmächtigte für diese Stadt, Boleslaw Drobner. Er interessierte sich für die Arbeit der Lemberger Gruppe und überzeugte sie, Breslau als zukünftigen Sitz der Universität zu wählen. Im April 1945 entstand eine aus ca. 140 Personen be­stehende Gruppe, die nach der Kapitulation Breslaus die polnische Übernahme der Stadt organisieren sollte. Unter diesen Leuten waren auch 27 Hochschullehrer, deren Aufgabe es war, die Universität und die Technische Hochschule in der zerstörten Stadt aufzubauen (die so genannte wissenschaftlich-kulturelle Gruppe). Unter ihnen waren überwiegend Lemberger, mit Prof. Stanislaw Kulczynski, dem ehemaligen Rektor der Jan-Kazimierz-Universität, an der Spitze. Die aus der Stadt kommenden Nachrichten über die großen Zerstörungen hatten zur Folge, dass ein Teil der Lem­berger Hochschullehrer zögerte, nach Breslau umzuziehen und dort die universitäre Arbeit aufzunehmen. Auch den polnischen Machthabern kamen Zweifel, ob man die Lemberger Universität ohne weiteres wieder herstellen könne. Allerdings enga­gierten sich Kulczynski und viele andere stark bei der Gründung der polnischen Hochschulen in Breslau. Als die Stadt von der sowjetischen Armee eingenommen wurde, setzte sich die Gruppe von Lemberger Hochschullehrern in Bewegung - neben Kulczyński u.a. Knot, W. Kozak, S. Kamiński - um die Gebäude und die uni­versitären Sammlungen in der Stadt als Grundlage für die Gründung der polnischen Einrichtungen sicherzustellen. Sehr schnell kamen die Professoren K. Maleczyński, K. Stefko, S. Loria und viele andere hinzu. Der Zustand der Universitätsgebäude und der Bibliothekssammlungen war katastrophal. Große Verluste verursachte zu­dem ein Brand in Beständen der Universitätsbibliothek, kurz nachdem die Stadt an der Oder besetzt worden war. Die Gruppe beschäftigte sich, trotz Personalmangels, mit der Sicherstellung der zerstörten Gebäude, und vor allem trug sie die zerstreu­ten und beschädigten Bücherbestände zusammen. In den nächsten Monaten bemüh­te man sich, Bücher aus der ganzen Region zu retten. Große Verdienste bei der Gründung der neuen Universitätsbibliothek hatte Dr. A. Kozak, ein Lemberger, ihr erster Direktor. Die Gruppe von Hochschullehrern vergrößerte sich schnell um wei­tere Personen, die aus Krakau kamen, aber auch um junge Leute, die ihr im Krieg unterbrochenes Studium in Breslau abschließen und/oder neue Studien aufnehmen wollten. In den folgenden Monaten halfen sie alle, die für die Universität vorgese­henen Gebäude gegen Plünderungen zu sichern und beteiligten sich an den Auf­räumarbeiten. Die Menschen, die für die entstehende Universität arbeiteten, stamm­ten zwar aus unterschiedlichen Teilen Polens, aber die wichtigsten Positionen unter ihnen nahmen nach wie vor die Lemberger ein. Fast alle Professoren, die die unter­schiedlichen Fachrichtungen vertraten, stammten von der Jan-Kazimierz-Universi­tät. Nach einer mehrmonatigen Vorbereitungszeit, in der nur provisorische Auf­räum- und Sicherungsarbeiten durchgeführt wurden, nahm die Universität Wroclaw schließ­lich offiziell ihre Tätigkeit auf (per Regierungsdekret vom 15.08.1945). Im Herbst begann man an der Universität und der Technischen Hochschule (Politechnika), Studenten aufzunehmen. Die beiden Einrichtungen bildeten getrennte Hochschu­len, hatten aber bis 1951 eine gemeinsame organisatorische Struktur. Rektor wurde der Naturwissenschaftler Kulczynski; Prorektoren, die jeweils die Universität und Polytechnik vertraten, wurden zwei weitere Lemberger, J. Kowalski und E. Suchar­da. Lemberger Professoren wie auch jüngere wissenschaftliche Mitarbeiter finden wir darüber hinaus unter den Organisatoren fast aller Fakultäten der Universität, wie der philologischen, philosophisch-historischen, juristischen, naturwissen­schaftli­chen sowie mathematischen Fakultät. In den ersten Jahren der Existenz der Universität stammten 58% der "selbständigen wissenschaftlichen Mitarbeiter" (Professoren, Ha­bilitierte), sowie 40% der jüngeren wissenschaftlichen Mitarbeiter, aus Lem­berg. (Zum Vergleich: aus Warschau, das nach Lemberg den zweitgrößten Anteil neuer Mitarbeiter nach Wroclaw lieferte, stammten nur 12% der Professoren). Auch unter den Studenten machten die Lemberger eine bedeutende Gruppe aus, ebenso die aus anderen östlichen Gebieten ausgesiedelten Polen. Ein Studium in Breslau wollten vor allem junge Menschen aus den südwestlichen Teilen Polens aufnehmen, in denen man vor 1939 aus Traditionsgründen die Lemberger Universität gewählt hatte. Nun lockten die Namen der Lemberger Professoren, die in Breslau Vorlesungen und an­dere Veranstaltungen anboten, diese Studenten dorthin. Auf diese Weise bekam die Universität einen eigenartigen Charakter. Seitdem kursierte in der Stadt die Meinung, die Ansiedler aus Lemberg seien übermächtig. Dabei machten sie zahlenmäßig nur eine kleine Gruppe (ca. 10% der Stadtbevölkerung) aus, doch sie prägten auf be­son­dere Weise das Stadtbild. Sie überwogen in bestimmten Milieus, die für den Chara­kter der Stadt besonders wichtigen waren, so unter der Intelligenz, den Beamten und den städtischen Verkehrsbetrieben. Wie die Wissenschaftlerin Irena Turnau, die sich mit der Breslauer Bevölkerung beschäftigte, feststellte, "waren die Lem­berger ein bewegliches großstädtisches Element, das der Stadt den Ton angeben konnte". In der zweiten Hälfte der vierziger Jahre waren die Geschäfte und die Re­staurants in der Stadt bekannt, die von den ausgesiedelten Lembergern unter­halten wurden. Die Stalinisierung Polens Ende der vierziger, Anfang der fünfziger Jahre zerstörte allerdings alle Spuren, die die Breslauer an die verlorene Stadt im Osten erinnerte. Sie beeinflusste darüber hinaus die weitere Entwicklung der Hochschu­len sehr negativ, worauf ich in meinen weiteren Ausführungen noch zurückkomme.

Im Juni 1946 wurden die Universität und die Technischen Hochschule feierlich eröffnet, nachdem deren Arbeit faktisch bereits im November 1945 begonnen hatte. Die Eröffnungsfeier fand in der teilweise restaurierten Aula Leopoldina statt. An dieser Stelle, die für die Geschichte der Universität vor 1945 sehr bedeutend ge­wesen war, sprach der erste polnische, aus Lemberg stammende Rektor folgende Worte: "Wir sind die materiellen Erben der deutschen Kultur, jedoch die geistigen Erben der polnischen Kultur der Lemberger Universität". Damit unterstrich er ein­deutige beide Traditionen der entstehenden Hochschule.

Allerdings war es nicht möglich, dieses historische Erbe voll zu nutzen - so­wohl aufgrund der Kriegserfahrungen und der dadurch entstandenen Abneigung gegen­über allem Deutschen, als auch aus ideologischen Gründen, da die kommunisti­schen Machthaber die Autonomie der Universität, die Freiheit von Forschung und Lehre liquidieren wollten. Die bedeutende Rolle der Lemberger, die häufig anti­sowjetisch eingestellt waren, im wissenschaftlichen und studentischen Leben der Universität weckte das Interesse der politischen Polizei, des Sicherheitsdienstes. Sehr schnell wurden die Lemberger als Hort "reaktionärer Kreise", der Feinde der Volksrepublik, eingestuft. In den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg zer­schlugen die Kommunisten die Oppositionsgruppen, verhafteten Andersdenkende und ermordeten Angehörige des Untergrundes. Man fahndete auch nach versteck­ten Oppositionellen, u.a. unter den Studenten der Universität. Sehr oft wurden Stu­dentenunterkünfte und Universitätsgebäude durchsucht, es kam zu Verhaftungen. Man respektierte die Universitätsverwaltung nicht, sehr oft wurde ihre Autonomie verletzt. Darüber hinaus sorgte die Politik der kommunistischen Machthaber, die die Entwicklung dieser Forschungseinrichtung einschränkte, für Enttäuschung un­ter den Professoren. Die Gründung neuer Lehrstühle war nicht erlaubt. Die finan­ziellen Mittel, die für die Renovierung, den weiteren Ausbau und vor allem für den Erwerb der notwendigen Bücher in polnischer Sprache vorgesehen waren, wurden eingeschränkt. In der Propaganda wurde die Bedeutung der "polnischen Universität im uralten Wroclaw" besonders hervorgehoben. Faktisch gesehen wurde die Uni­ver­sität jedoch auf den Rang einer Provinzhochschule degradiert. Die offene An­knüpfung an die Tradition der Lemberger Universität begann die Machthaber zu irritieren: So waren u. a. an der juristischen Fakultät zwei Vorlesungssäle nach zwei Lemberger Professoren, Oswald Balzer und Roman Longschamps de Berier, be­nannt worden. Im Januar 1947 forderte man, den Familien der Wissenschaftler, die die Nazis 1941 in Lemberg ermordet hatten, Renten zu bewilligen. Es wurden An­träge an die Behörden auf Rückführung der Lemberger Bücherbestände, vor allem der Ossolineum-Bibliothek, gestellt. Die Anknüpfung an die Lemberger Tradition und die Versuche des Rektors, die Selbständigkeit der Universität zu retten, bewirk­ten eine negative Einstellung der kommunistischen Partei gegenüber der Univer­si­tät, die bereits seit 1947 präsent war. Die Breslauer Parteiführer hielten die Profes­sur für eine antisowjetisch eingestellte Gruppe, die nationalistische Meinungen ver­traten. Sie wollten sogar den Rektor Kulczycki aus dem Amt verjagen, weil er die Unabhängigkeit der Universitätsverwaltung verteidigte und eine Entpolitisierung der Jugendorganisationen forderte. Negative Beurteilungen wurden darüber hinaus in der kommunistisch kontrollierten Presse veröffentlicht.

Anfang der fünfziger Jahre wurde die Arbeit der Universität stark beeinträch­tigt, da man den Geistes- und Gesellschaftswissenschaften die marxistische Metho­dologie aufdrängte sowie die Forschungspolitik zentralisiert wurde. Die Zahl der Lehrstühle in den Geistes- und Gesellschaftswissenschaften wurde reduziert, das wissenschaftliche Niveau sank. Die wichtigsten Forschungsprobleme griff nun die Warschauer Universität auf. Dies bedeutete, dass die finanziellen Mittel für Breslau eingeschränkt wurden. Ein neues Bildungsmodell nach sowjetischem Vorbild wur­de eingeführt. Den Höhepunkt dieser Veränderungen im kommunistischen Geiste bildete 1952 die Benennung der Breslauer Hochschule nach Boleslaw Bierut, dem Ersten Sekretär der Partei. Zu den finanziellen Problemen kamen noch die Alltags­probleme sowohl der Hochschullehrer als auch der Studenten hinzu. Die Folge die­ser Probleme war eine Abwanderung des wissenschaftlichen Personals in andere Universitätsstädte, vor allem nach Krakau und Warschau. Das hohe Niveau blieb jedoch nach wie vor an der mathematischen Fakultät erhalten, die ebenfalls von Lemberger Professoren gegründet worden war. Die Atmosphäre an der Universität dieser Jahre war aus politischen Gründen sehr schlecht. Es war die Stalinzeit, in der die Repressionen und die Einschüchterung der Gesellschaft in der Nachkriegsge­schichte Polens am größten war. Einige Professoren, die sich von der marxistischen Methodologie distanziert hatten, wurden attackiert. Sowohl Professoren als auch Studenten wurden aus politischen Gründen verhaftet. Obschon keine Möglichkeit bestand, die Erinnerung an die Lemberger Universität öffentlich zu pflegen, war ihr Geist im Breslauer Milieu zweifellos präsent, vor allem auf der Ebene halboffiziel­ler und privater Kontakte zwischen Akademikern und Studenten.

Erst in der Zeit der Liberalisierung des politischen Systems in den Jahren 1956/57 kehrte an der Breslauer Universität die Frage ihrer Verbindungen mit der Lember­ger Universität der Vorkriegszeit zurück. Das war ein charakteristisches Merkmal für die Zeit der Volksrepublik - Diskussionen über unangenehme Themen waren nur in Krisenzeiten, in Zeiten gesellschaftlicher Proteste möglich. In den Jahren 1956/56 kam es zu Bemühungen, an die Lemberger Tradition der Universität und der Technischen Hochschule zu erinnern. Die Idee, die im Krieg ermordeten Lem­berger Professoren zu würdigen, wurde wieder lebendig. Man plante einen Ge­denk­stein, die Veranstaltung einer Akademie und die Herausgabe einer Dokumentation. Am Beispiel dieser Initiative kann man die Einstellung der kommunistischen Macht­haber besonders gut zeigen. 1956 wurde an der Universität ein Komitee gegründet, das diese Arbeiten koordinieren sollte. Das Denkmal sollte aus privaten Mitteln fi­nanziert werden, die auf freiwilligen Spenden der Universitätsmitarbeiter basieren sollten. 1960 war der Entwurf des Gedenksteines fertig. Dann übernahm das Woi­wodschaftsamt die Schirmherrschaft. Dieses Projekt wurde schließlich als Denk­mal für alle von den Deutschen ermordeten polnischen Professoren verwirklicht; die Lemberger Episode war nicht mehr aktuell. Die Breslauer Hochschullehrer wa­ren mit dieser Lösung unzufrieden, der Bau des entsprechenden Denkmals wurde für sie zur Herzenssache. Diese Idee wurde erst in den Jahren 1981/82 wieder auf­gegriffen, also in der "Solidarność-Zeit". Damals stiftete die Universität zusammen mit der Breslauer Abteilung der Polnischen Akademie der Wissenschaften eine Ge­denktafel und führte eine wissenschaftliche Tagung durch, die den tragischen Er­eig­nissen gewidmet war. Schließlich wurde eine entsprechende Tafel an dem Ge­denkstein angebracht, der in den Sechzigerjahren am Grunwaldzki-Platz, zwischen zwei Gebäuden der Technischen Hochschule, aufgestellt worden war. Gleichzeitig entwickelte sich eine Diskussion über die historischen Erfahrungen, zu denen sich die Breslauer Universität bekennen sollte. Über einen anderen Namenspatron der Universität sollte ein Referendum entscheiden, an dem Mitarbeiter und Studenten teilnehmen sollten. Alle diese Vorgänge fanden in einer interessanten Periode der polnischen Geschichte statt. Viele Mitarbeiter der Universität nahmen an der Grün­dung der unabhängigen Gewerkschaft Solidarnosc und des Unabhängigen Studen­tenverbandes teil. An der Universität fanden Versammlungen, Diskussionen und Streiks statt. Nach der Einführung des Kriegszustandes wurde das Hauptgebäude der Universität im Rahmen eines Streiks besetzt. Mitte Dezember 1981 wurde die Streikaktion von der Miliz zerschlagen. Die Akademiker ließen sich jedoch nicht einschüchtern und nahmen aktiv an der geheimen oppositionellen Untergrundarbeit teil. Auf diese Weise knüpften sie an die Traditionen der Lemberger Universität an. Nach dem Fall des Kommunismus Ende der achtziger Jahre fand sich die Universi­tät in einer neuen Situation wieder. Die politische Transformation, die unser Land durchmachte, forderte auch die Universität zu gewissen Veränderungen heraus. Sie wurden durch die Wiederherstellung der Autonomie der Universitäten zusätzlich be­günstigt. Es wurden neue Studiengänge eingerichtet, die Zahl der Hochschul­leh­rer und der Studenten nahm ständig zu. Trotz finanzieller Schwierigkeiten nimmt die Universität Breslau heute einen Spitzenplatz unter den polnischen Hochschulen ein. An die beiden historischen Traditionen der Universität anzuknüpfen, ist zur Selbstverständlichkeit geworden. In den zur Jahrhundertwende erschienenen Ge­schichten der Technischen Hochschule und der Landwirtschaftlichen Akademie beinhalten die Einführungskapitel jeweils eine Besprechung der historischen Wur­zeln dieser Hochschulen. Immer noch dauern die Arbeiten an der Geschichte der Universität an, im ersten Band wurde die Geschichte der Universität an der Oder vor 1918 gründlich und akribisch dargestellt. Eine ausführliche Darstellung der Lem­berger Tradition der heutigen Universität wartet jedoch nach wie vor noch auf in­te­ressierte Forscher. Die Bedeutung der Lemberger Traditionen für die heutige Univer­sität beschrieb der berühmte Breslauer Historiker Wojciech Wrzesinski wie folgt:

Der Einfluss der Lemberger Tradition, mit ihrer besonderen Sensibilität für das na­tionale Interesse, die polnische Staatsräson, die gemeinsamen gesellschaftlichen In­teressen und Demokratisierung der universitären Verhältnisse war nicht nur mit der Übernahme der Gruppe der Lemberger Forscher verbunden. Sie wurde auch von den jungen Absolventen der Breslauer Universität übernommen. Im Bewusstsein der Bres­lauer universitären Gesellschaft stellten die Beziehungen mit der Lemberger Hoch­schule eine besondere Ehre dar. Die Lemberger Traditionen an der Breslauer Universität waren keine musealen Traditionen, ihrem Wesen nach standen sie im Ge­gensatz zu dem Streben und Vorhaben der damaligen Politik, die polnischen Uni­versitäten umzuwandeln und an das sowjetische Universitätsmodell anzugleichen. Sie dienten der Wahrung der Kontinuität, der Tradition und des akademischen Ethos.

 

Literatur:

Dzieje Akademii Rolniczej we Wrocławiu, hrsg. von J. Sobota, T. Szulc und J. Tyszkiewicz, Wrocław 2001

Księga Jubileuszowa 50-lecia Politechniki Wrocławskiej 1945-1995, hrsg. von R. Czoch, Wrocław 1995.

T. Suleja, Uniwersytet Wrocławski w okresie centralizmu stalinowskiego 1950-1955, Wrocław 1995.

I. Turnau, Studia nad strukturą ludnościową polskiego Wrocławia, Poznań 1960.

Uniwersytet Wrocławski w latach 1945-1970. Księga jubileuszowa, hrsg. von W. Floryan, Wrocław 1970.

W. Wrzesiński, Uniwersytet Wrocławski 1945-1995, Wrocław 1995.



* Dieser Text wurde in leicht veränderter Gestalt während der Jahrestagung der Stiftung Kul­tur­werk Schlesien (30. Mai - 2. Juni 2002 in Würzburg) vorgetragen.

 

 
 
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