Krzysztof Ruchniewicz
Wrocław
Von Lemberg nach Breslau - eine Universität zwischen Tradition
und Neubestimmung
Die Universität Wrocław
erlebt z.Zt. den Höhepunkt des 300jährigen Jubiläums.
Zum ersten Mal in ihrer Nachkriegsgeschichte kann
die Universität die Jubiläumsfeierlichkeiten
in ganzem Ausmaß begehen. Diese Vollständigkeit
resultiert daraus, dass sie sich erstmals auf
zwei Fundamente der heutigen Universität berufen
und ihre Anerkennung dafür offen manifestieren
kann. Die Hochschule, an der zurzeit ca. 40.000
Studenten studieren und ca. 1.700 Hochschullehrer
lehren, pflegt insbesondere zwei Traditionen:
die der deutschen Friedrich-Wilhelms-Universität
und der polnischen Jan-Kazimierz-Universität in
Lemberg. Der Krieg und seine Folgen verursachten,
dass sich diese zwei Traditionen überschnitten
und in besonderem Maße die heutige Universität
prägen mussten. Diese
Dualität in der Tradition ist sehr interessant.
Sie weckt Fragen nach ihrem Einfluss auf die Tätigkeit
der Universität, auf das Bewusstsein dieser
Tradition bei den wissenschaftlichen Mitarbeitern
und Studenten. Diese Probleme sind relevant nicht
nur für die Universität, sondern auch für die
Breslauer Technische Hochschule (Politechnika)
und die Landwirtschaftliche Akademie (Akademia
Rolnicza), die ebenfalls mit entsprechenden Lemberger
Forschungseinrichtungen verbunden waren und zugleich
an das Erbe der deutschen Hochschulen anknüpfen.
Diese
zwei historischen Traditionen haben, trotz der
selbstverständlich aus der Andersartigkeit der
Geschichte Deutschland und Polens resultierenden
Unterschiede, einige Elemente gemeinsam. Selbstverständlich
verbindet sie das für alle seit dem 12. Jahrhundert
in Europa entstehenden Universitäten charakteristische
Streben nach Erwerb und Vertiefung des Wissens,
die Verpflichtung zu dessen Weitervermittlung
und das Gefühl der Autonomie dieses Milieus, die
die Freiheit der Forschung begünstigt. Es verbindet
sie auch die Entstehungszeit. Die deutsche Universität
in Breslau und
die polnische in Lemberg nahmen ihre Anfänge
in den Jesuitenakademien. In Lemberg wurde sie
von dem polnischen König Jan Kazimierz im Jahre
1661 ins Leben gerufen und war die zweite Akademie
dieses Typs nach der Wilnaer Hochschule. In Breslau
kam es nach vielen Bemühungen und Anstrengungen
der Jesuiten im Jahre 1702 zur Gründung der Akademie.
Große Verdienste hatte in diesem Zusammenhang
Friedrich Wolff von Lüdinghausen. Es ist zu betonen,
dass dieses
bedeutende Mitglied des Jesuitenordens aus dem
polnischen Lehnsgebiet, aus Livland stammte.
Bevor er Mönch wurde, war er am Hofe des schon
erwähnten polnischen Königs Jan Kazimierz erzogen
worden, der die religiöse und erzieherische
Tätigkeit der Jesuiten tatkräftig unterstützte.
Die Grundlagen für die Tätigkeit der zeitgenössischen
Universitäten wurden auch fast zur selben Zeit
gelegt, an der Wende des 18. und 19. Jahrhunderts.
Die Breslauer Universität wurde durch den preußischen
König Friedrich Wilhelm III. im Jahre 1811, und
die Lemberger Universität durch den Kaiser des
Heiligen Römischen Reiches der Deutschen Nation
etwas früher, im Jahre
1784 errichtet. Dies ereignete sich zur
Zeit der Teilungen Polens, und Lemberg sowie
Krakau gehörten zur k.u.k.-Monarchie.
Das
gemeinsame Merkmal der deutschen und der Lemberger
Tradition ist darüber hinaus die
"Politik des Verschweigens", die die
polnischen kommunistischen Machthaber
beiden Traditionen gegenüber betrieben.
Die deutsche Tradition, die in jedem Universitätsgebäude,
in den Büchern und in der universitären Ausstattung
präsent war, musste als der polnischen
Kultur in der Vergangenheit fremd und feindlich
gelten, ja sogar verheimlicht werden. Die Lemberger Tradition,
die vor allem durch die Menschen vertreten war,
wurde Jahrzehnte lang als "volksfeindlich"
und "reaktionär" verschwiegen, da sie
an das Leid erinnerte, dass man seitens der "großen
Verbündeten", also der UdSSR, erfahren hatte.
Sie wurde zum Tabuthema. Zum Tabu im Nachkriegspolen
wurden darüber hinaus alle Problembereiche, die
mit den verlorenen Gebieten im Osten zusammenhingen.
Erst nach 1989, im demokratischen Polen, hatte
unsere Universität die Möglichkeit, ihre vollständige
Geschichte zu zeigen und ihre historischen Fundamente
zu nutzen, um eine bessere Entwicklung zu gewährleisten.
Der Höhepunkt der Rückkehr zur Tradition der "Leopoldina"
und der Friedrich-Wilhelm-Universität sind die
jetzigen Jubiläumsfeierlichkeiten. Zur Zeit der
Volksrepublik Polen waren nur die Jahrestage der
Gründung der polnischen Universität im Jahre
1945 gefeiert worden. Auch die Lemberger Alma
Mater ist, obschon nicht so spektakulär, in der
Tätigkeit der heutigen Universität präsent.
In dem weiteren Teil meines Referats möchte ich die Geschichte
der Lemberger Universität kurz vorstellen, weil
sie - wie ich vermute - weniger bekannt ist als
die Geschichte der Breslauer Universität vor 1945.
In einem weiteren Teil stelle ich den Weg der
Lemberger Professoren nach Breslau dar und spreche
Ihre Tätigkeit an dieser Universität in den ersten
Nachkriegsjahren an. Im letzten Teil beschäftige
ich mich mit der Präsenz der Lemberger Tradition
in der heutigen Universität.
Die
Lemberger Hochschule wurde als österreichische
Universität in dem vom Wien eroberten südlichen Teil Polens gegründet. In der zweiten
Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde die Universität
völlig polonisiert und zum wichtigen Zentrum der
polnischen Kultur und Wissenschaft. Ihre Leistungen
sind nicht zu unterschätzen, da die Lemberger
Universität eine von zwei Universitäten auf den
Gebieten des damals nicht existierenden polnischen
Staates war, die ihre Arbeit in polnischer Sprache
organisierte. Die zweite Universität war die im
Jahre 1364 gegründete Jagiellonen-Universität
in Krakau. Die beiden Universitäten arbeiteten
also im österreichischen Teilungsgebiet und
nutzten den Segen der Politik der Kulturautonomie
aus, die Wien seit den sechziger Jahren des 19.
Jahrhunderts gegenüber den Polen verfolgte. Im
preußischen/deutschen und russischen Teilungsgebiet
war das Schulwesen auf allen Ebenen fast vollständig
"entpolonisiert" und diente der
Politik der Entnationalisierung der Polen. Die
Lemberger Universität
lockte daher Jugendliche aus allen Teilungsgebieten
Polens. Ihre akademischen Lehrer unterhielten
Kontakte mit wissenschaftlichen Kreisen in ganz
Europa. Die Lemberger Universität erreichte schnell
ein der Krakauer Hochschule vergleichbares Ansehen.
Diese bedeutende Stellung verminderte sich nach
der Wiederherstellung Polens im Jahre 1918 nicht.
Neben Warschau, Krakau und Wilno bildete sie den
Grundstock des polnischen Hochschulwesens. Ihr
wurde zu dieser Zeit der Name Jan Kazimierzs verliehen,
um die königlichen
Verdienste bei der Gründung der Universität in
der Stadt zu würdigen. In der Zwischenkriegszeit
arbeiteten viele bekannte Hochschullehrer an der
Lemberger Universität, sehr oft von Weltruf. Vor
allem die mathematische Schule mit den Professoren
Stefan Banach und Hugo Steinhaus war bekannt.
Es mangelte nicht an berühmten Historikern, wie
Szymon Askanazy, Oswald Balzer oder Franciszek
Bujak. An der Universität arbeitete der Philosoph
und Logiker Kazimierz Ajdukiewicz. In Lemberg
existierte also ein voll entwickeltes wissenschaftliches
Milieu, das durch viele Verflechtungen weit verbunden
war. Außerdem war es sich seiner Stellung und
Andersartigkeit bewusst. Der Ausbruch des Zweiten
Weltkrieges im Jahre 1939 unterbrach die Entwicklung
dieser Hochschule. Der polnische Staat wurde zwischen
den zwei Aggressoren aufgeteilt: dem Dritten Reich
und der UdSSR. Das östliche Polen mit Wilno und
Lemberg kam unter die sowjetische Okkupation.
Zwar nahm die Universität ihre Tätigkeit wieder
auf, aber sie war vielen Repressalien
und der Sowjetisierung der Forschung und Lehre ausgesetzt. Die schlimmsten Zeiten kamen im Juli 1941. Infolge
des Krieges zwischen dem Dritten Reich und der
UdSSR kam das östliche Polen unter deutsche Okkupation.
Kurz nach der Ankunft begannen die Nazis mit Vernichtungsaktionen,
die gegen die polnische politisch-kulturelle Elite
sowie die jüdische Bevölkerung gerichtet war.
In Lemberg fielen 25 Professoren der Universität
und der Technischen Hochschule (Politechnika)
der Massenexekutionen zum Opfer. Diese Ereignisse
stellten die Fortsetzung der antipolnischen Maßnahmen
dar, die im westlichen Teil Polens begonnen worden
waren (u.a. die Verhaftung der
Professoren der Jagiellonen-Universität
und ihre Einlieferung in die Konzentrationslager
im Herbst 1939). Trotz der Repressionen setzte
die Lemberger Universität in den Jahren 1942-1944
- ähnlich wie alle anderen polnischen Universitäten
- ihre Arbeit im Untergrund fort. Die erneute
Besetzung der Stadt durch die Russen im Sommer
1944 und die immer realer werdende Perspektive
des Verlustes der östlichen Gebiete an die Sowjetunion
stellte die dortige polnische Bevölkerung vor
die dramatische Frage, was sie weiter machen solle.
Auf diese Frage mussten auch die Universitätskreise
antworten. Dazu kamen noch andere wichtige Fragen:
Wie man die bisherigen Leistungen, den Lehrkörper,
Bibliotheken, Archive retten
solle und wie man die Arbeit fortsetzen könne.
Die unabhängige Arbeit der Universität
unter der sowjetischen Macht war ausgeschlossen.
Es gab immer
weniger Hoffnung auf die völlige Veränderung der
Alliiertenbeschlüsse angesichts der Grenzverschiebung,
und die sowjetische Macht übte immer größeren
Druck auf die Aussiedlung der Polen gen Westen
aus. Anfang 1945 wurde eine Verhaftungswelle durchgeführt,
der die wissenschaftlichen Mitarbeiter zum Opfer
fielen. Die Verhaftungen und Deportationen sollten
die polnische Bevölkerung einschüchtern und zur schnelleren Ausreise bewegen.
So ist es auch geschehen. Aus den verlorenen
polnischen Gebieten wurden 1,5 Millionen Polen
ausgesiedelt, wobei aus den an die Ukraine angeschlossenen
Gebieten 800.000 Menschen ihre Heimat verloren.
Wilno und Lemberg, in denen bis dahin eine große
polnische Bevölkerungsmehrheit gelebt hatte,
entleerten sich allmählich. Die wissenschaftlichen
Mitarbeiter der Universität verließen Lemberg
in den ersten Nachkriegsmonaten. Aufgrund einer
Vereinbarung zwischen Polen und der UdSSR konnten
sie ihre Ausstattung mitnehmen, d.h. private
Bücher, Geräte usw. In Wirklichkeit jedoch war
dies aufgrund von Transportschwierigkeiten und
des Widerwillens der sowjetischen Beamten sehr
schwierig. Die universitären Sammlungen, die materielle
Ausstattung auszuführen war daher ausgeschlossen. Von den großen Lemberger
Bibliotheken durften nur Teile der Ossolineum-Bibliothek
nach Polen überführt werden. Vorläufig begab sich
ein Großteil der Lemberger Hochschullehrer nach
Krakau, wo sich die Professoren Stanislaw Kulczynski,
Seweryn Krzemieniecki, Tadeusz Romer, Stanislaw
Loria sowie viele andere aufhielten. Die durch
den Krieg zerstörten polnischen Universitäten
waren zwar sehr gerne bereit, die Lemberger Professoren
aufzunehmen, die meisten Professoren plädierten
jedoch dafür, ihre Arbeit möglichst als Einheit
fortsetzen zu können. Man wollte die vor dem Kriege
durchgeführten Forschungen in den bestehenden
Gruppen fortsetzen und auch die Autonomie der
Lemberger Professoren wahren. Zu diesem Zweck
sollte die Arbeit der ehemaligen Lemberger Jan-Kazimierz-Universität
in einer der Städte der West- und Nordgebiete,
die nach 1945 an Polen angeschlossen wurden, wieder
aufgenommen werden. In Krakau wurde eine Gruppe
gebildet, die Vorschläge für das weitere Schicksal
der aus Lemberg ausgesiedelten Hochschullehrer
ausarbeiten sollte. Für eine Wiedererrichtung
der Lemberger Universität kamen folgende Städte
in Frage: Danzig, Gleiwitz, Kattowitz oder
Breslau. Noch bevor sowjetische Truppen
die niederschlesische Hauptstadt erobert hatten,
nominierte die neue polnische Regierung einen
Bevollmächtigte für diese Stadt, Boleslaw
Drobner. Er interessierte sich für die Arbeit
der Lemberger Gruppe und überzeugte sie, Breslau
als zukünftigen Sitz der Universität zu wählen.
Im April 1945 entstand eine aus ca. 140 Personen
bestehende Gruppe, die nach der Kapitulation
Breslaus die polnische Übernahme der Stadt organisieren sollte. Unter diesen Leuten waren auch
27 Hochschullehrer, deren Aufgabe es war,
die Universität und die Technische Hochschule
in der zerstörten Stadt aufzubauen (die so genannte wissenschaftlich-kulturelle Gruppe). Unter
ihnen waren überwiegend Lemberger, mit Prof. Stanislaw
Kulczynski, dem ehemaligen Rektor der Jan-Kazimierz-Universität,
an der Spitze. Die aus der Stadt kommenden Nachrichten
über die großen Zerstörungen hatten zur Folge,
dass ein Teil der Lemberger Hochschullehrer zögerte,
nach Breslau umzuziehen und dort die universitäre
Arbeit aufzunehmen. Auch den polnischen Machthabern
kamen Zweifel, ob man die Lemberger Universität
ohne weiteres wieder herstellen könne. Allerdings
engagierten sich Kulczynski und viele andere
stark bei der Gründung der polnischen Hochschulen
in Breslau. Als die Stadt von der sowjetischen
Armee eingenommen wurde, setzte sich die Gruppe
von Lemberger Hochschullehrern in Bewegung - neben
Kulczyński u.a.
Knot, W. Kozak, S. Kamiński - um die Gebäude
und die universitären Sammlungen in der Stadt
als Grundlage für die Gründung der polnischen
Einrichtungen sicherzustellen. Sehr schnell kamen
die Professoren K. Maleczyński, K. Stefko,
S. Loria und viele andere hinzu. Der Zustand der
Universitätsgebäude und der Bibliothekssammlungen
war katastrophal. Große Verluste verursachte zudem
ein Brand in Beständen der Universitätsbibliothek,
kurz nachdem die Stadt an der Oder besetzt worden
war. Die Gruppe beschäftigte sich, trotz Personalmangels,
mit der Sicherstellung der zerstörten Gebäude,
und vor allem trug sie die zerstreuten und beschädigten
Bücherbestände zusammen. In den nächsten Monaten
bemühte man sich, Bücher aus der ganzen Region
zu retten. Große Verdienste bei der Gründung der
neuen Universitätsbibliothek hatte Dr. A. Kozak, ein Lemberger, ihr erster Direktor. Die
Gruppe von
Hochschullehrern vergrößerte sich schnell
um weitere Personen, die aus Krakau kamen, aber
auch um junge Leute, die ihr im Krieg unterbrochenes
Studium in Breslau abschließen und/oder neue Studien
aufnehmen wollten. In den folgenden Monaten halfen
sie alle, die für die Universität vorgesehenen
Gebäude gegen Plünderungen zu sichern und beteiligten
sich an den Aufräumarbeiten. Die Menschen,
die für die entstehende Universität arbeiteten,
stammten zwar aus unterschiedlichen Teilen Polens,
aber die wichtigsten Positionen unter ihnen nahmen
nach wie vor die Lemberger ein. Fast alle Professoren,
die die unterschiedlichen Fachrichtungen vertraten,
stammten von der Jan-Kazimierz-Universität. Nach einer mehrmonatigen Vorbereitungszeit, in der
nur provisorische Aufräum- und
Sicherungsarbeiten durchgeführt
wurden, nahm die Universität
Wroclaw schließlich offiziell ihre Tätigkeit
auf (per Regierungsdekret vom 15.08.1945). Im
Herbst begann man an der Universität und der Technischen
Hochschule (Politechnika), Studenten aufzunehmen.
Die beiden Einrichtungen bildeten getrennte Hochschulen,
hatten aber bis 1951 eine gemeinsame organisatorische
Struktur. Rektor wurde der Naturwissenschaftler
Kulczynski; Prorektoren, die jeweils die Universität
und Polytechnik vertraten, wurden zwei weitere
Lemberger, J. Kowalski und E. Sucharda. Lemberger
Professoren wie auch jüngere wissenschaftliche
Mitarbeiter finden wir darüber hinaus unter den
Organisatoren fast aller Fakultäten der
Universität, wie der philologischen, philosophisch-historischen,
juristischen, naturwissenschaftlichen
sowie mathematischen Fakultät. In den ersten Jahren
der Existenz der Universität stammten 58% der "selbständigen wissenschaftlichen Mitarbeiter"
(Professoren, Habilitierte), sowie 40% der jüngeren
wissenschaftlichen Mitarbeiter, aus Lemberg.
(Zum Vergleich: aus Warschau, das nach Lemberg
den zweitgrößten Anteil neuer Mitarbeiter nach
Wroclaw lieferte, stammten nur 12% der Professoren).
Auch unter den Studenten machten die Lemberger
eine bedeutende Gruppe aus, ebenso die aus anderen
östlichen Gebieten ausgesiedelten Polen. Ein Studium
in Breslau wollten vor allem junge Menschen aus den südwestlichen Teilen Polens aufnehmen,
in denen man vor 1939 aus Traditionsgründen
die Lemberger Universität gewählt hatte. Nun lockten
die Namen der Lemberger Professoren, die in Breslau
Vorlesungen und andere Veranstaltungen anboten,
diese Studenten dorthin. Auf diese Weise bekam
die Universität
einen eigenartigen Charakter. Seitdem kursierte
in der Stadt die Meinung, die Ansiedler
aus Lemberg seien übermächtig. Dabei machten sie
zahlenmäßig nur eine kleine Gruppe (ca. 10%
der Stadtbevölkerung) aus, doch sie prägten
auf besondere Weise das Stadtbild. Sie überwogen
in bestimmten Milieus, die für den Charakter
der Stadt besonders wichtigen waren, so unter
der Intelligenz, den Beamten und den städtischen
Verkehrsbetrieben. Wie die Wissenschaftlerin Irena
Turnau, die sich mit der Breslauer Bevölkerung
beschäftigte, feststellte, "waren die Lemberger
ein bewegliches großstädtisches Element, das der
Stadt den Ton angeben konnte". In der zweiten
Hälfte der vierziger Jahre waren die Geschäfte
und die Restaurants in der Stadt bekannt, die
von den ausgesiedelten Lembergern unterhalten
wurden. Die Stalinisierung Polens Ende der vierziger,
Anfang der fünfziger Jahre zerstörte allerdings
alle Spuren, die die Breslauer an die verlorene
Stadt im Osten erinnerte. Sie beeinflusste darüber
hinaus die weitere Entwicklung der Hochschulen
sehr negativ, worauf ich in meinen weiteren Ausführungen
noch zurückkomme.
Im Juni 1946 wurden die Universität und die Technischen
Hochschule feierlich eröffnet, nachdem deren Arbeit
faktisch bereits im November 1945 begonnen hatte.
Die Eröffnungsfeier fand in der teilweise restaurierten
Aula Leopoldina statt. An dieser Stelle, die für
die Geschichte der Universität vor 1945 sehr bedeutend
gewesen war, sprach der erste polnische, aus
Lemberg stammende Rektor folgende Worte: "Wir
sind die materiellen Erben der deutschen Kultur,
jedoch die geistigen Erben der polnischen Kultur
der Lemberger Universität". Damit unterstrich
er eindeutige beide Traditionen der entstehenden
Hochschule.
Allerdings
war es nicht möglich, dieses historische Erbe
voll zu nutzen - sowohl aufgrund der Kriegserfahrungen
und der dadurch entstandenen Abneigung gegenüber
allem Deutschen, als auch aus ideologischen Gründen,
da die kommunistischen Machthaber die Autonomie
der Universität, die Freiheit von Forschung und
Lehre liquidieren wollten. Die bedeutende Rolle
der Lemberger, die häufig antisowjetisch eingestellt
waren, im wissenschaftlichen und studentischen
Leben der Universität weckte das Interesse der
politischen Polizei, des Sicherheitsdienstes.
Sehr schnell wurden die Lemberger als Hort "reaktionärer
Kreise", der Feinde der Volksrepublik, eingestuft.
In den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg
zerschlugen die Kommunisten die Oppositionsgruppen,
verhafteten Andersdenkende und ermordeten Angehörige
des Untergrundes. Man fahndete auch nach versteckten
Oppositionellen, u.a. unter den Studenten der
Universität. Sehr oft wurden Studentenunterkünfte
und Universitätsgebäude durchsucht, es kam zu
Verhaftungen. Man respektierte die Universitätsverwaltung
nicht, sehr oft wurde ihre Autonomie verletzt.
Darüber hinaus sorgte die Politik der kommunistischen
Machthaber, die die Entwicklung dieser Forschungseinrichtung
einschränkte, für Enttäuschung unter den Professoren.
Die Gründung neuer Lehrstühle war nicht erlaubt.
Die finanziellen Mittel, die für die Renovierung,
den weiteren Ausbau und vor allem für den Erwerb
der notwendigen Bücher in polnischer Sprache vorgesehen
waren, wurden eingeschränkt. In der Propaganda
wurde die Bedeutung der "polnischen Universität
im uralten Wroclaw" besonders hervorgehoben.
Faktisch gesehen wurde die Universität jedoch
auf den Rang einer Provinzhochschule degradiert.
Die offene Anknüpfung an die Tradition der Lemberger
Universität begann die Machthaber zu irritieren:
So waren u.
a. an der juristischen Fakultät zwei Vorlesungssäle
nach zwei Lemberger Professoren, Oswald Balzer
und Roman Longschamps de Berier, benannt worden.
Im Januar 1947 forderte man, den Familien der
Wissenschaftler, die die Nazis 1941 in Lemberg
ermordet hatten, Renten zu bewilligen. Es wurden
Anträge an die Behörden auf Rückführung der Lemberger
Bücherbestände, vor allem der Ossolineum-Bibliothek,
gestellt. Die Anknüpfung an die Lemberger Tradition
und die Versuche
des Rektors, die Selbständigkeit der Universität
zu retten, bewirkten eine negative Einstellung
der kommunistischen Partei gegenüber der Universität,
die bereits seit 1947 präsent war. Die Breslauer
Parteiführer hielten die Professur für eine antisowjetisch
eingestellte Gruppe, die nationalistische Meinungen
vertraten. Sie wollten sogar den Rektor Kulczycki
aus dem Amt verjagen, weil er die Unabhängigkeit
der Universitätsverwaltung verteidigte und eine
Entpolitisierung der Jugendorganisationen forderte.
Negative Beurteilungen wurden darüber hinaus in
der kommunistisch kontrollierten Presse veröffentlicht.
Anfang der fünfziger Jahre wurde die Arbeit der Universität
stark beeinträchtigt, da man den Geistes- und
Gesellschaftswissenschaften die marxistische Methodologie
aufdrängte sowie die Forschungspolitik zentralisiert
wurde. Die Zahl der Lehrstühle in den Geistes-
und Gesellschaftswissenschaften wurde reduziert,
das wissenschaftliche Niveau sank. Die wichtigsten
Forschungsprobleme griff nun die Warschauer Universität
auf. Dies bedeutete, dass die finanziellen Mittel
für Breslau eingeschränkt wurden. Ein neues Bildungsmodell
nach sowjetischem Vorbild wurde eingeführt. Den
Höhepunkt dieser Veränderungen im kommunistischen
Geiste bildete 1952 die Benennung der Breslauer
Hochschule nach Boleslaw Bierut, dem Ersten Sekretär
der Partei. Zu den finanziellen Problemen kamen
noch die Alltagsprobleme sowohl der Hochschullehrer
als auch der Studenten hinzu. Die Folge dieser
Probleme war eine Abwanderung des wissenschaftlichen
Personals in andere Universitätsstädte, vor allem
nach Krakau und Warschau. Das hohe Niveau blieb
jedoch nach wie vor an der mathematischen Fakultät
erhalten, die ebenfalls von Lemberger Professoren
gegründet worden war. Die Atmosphäre an der Universität
dieser Jahre war aus politischen Gründen sehr
schlecht. Es war die Stalinzeit, in der die Repressionen
und die Einschüchterung der Gesellschaft in der
Nachkriegsgeschichte Polens am größten war.
Einige Professoren, die sich von der marxistischen
Methodologie distanziert hatten, wurden attackiert.
Sowohl Professoren als auch Studenten wurden aus
politischen Gründen verhaftet. Obschon keine Möglichkeit
bestand, die Erinnerung an die Lemberger Universität
öffentlich zu pflegen, war ihr Geist im Breslauer
Milieu zweifellos präsent, vor allem auf der Ebene
halboffizieller und privater Kontakte zwischen
Akademikern und Studenten.
Erst in der Zeit der Liberalisierung des politischen
Systems in den Jahren 1956/57 kehrte an
der Breslauer Universität die Frage ihrer Verbindungen
mit der Lemberger Universität der Vorkriegszeit
zurück. Das war ein charakteristisches Merkmal
für die Zeit der Volksrepublik - Diskussionen
über unangenehme Themen waren nur in Krisenzeiten,
in Zeiten gesellschaftlicher Proteste möglich.
In den Jahren 1956/56 kam es zu Bemühungen, an
die Lemberger Tradition der Universität und der
Technischen Hochschule zu erinnern. Die Idee,
die im Krieg ermordeten Lemberger Professoren zu würdigen, wurde wieder lebendig. Man
plante einen Gedenkstein, die Veranstaltung
einer Akademie und die Herausgabe einer Dokumentation.
Am Beispiel
dieser Initiative kann man die Einstellung der
kommunistischen Machthaber besonders gut
zeigen. 1956 wurde an der Universität ein Komitee
gegründet, das diese Arbeiten koordinieren sollte.
Das Denkmal sollte aus privaten Mitteln finanziert
werden, die auf freiwilligen Spenden der Universitätsmitarbeiter
basieren sollten. 1960 war der Entwurf des Gedenksteines
fertig. Dann übernahm das Woiwodschaftsamt die
Schirmherrschaft. Dieses Projekt wurde schließlich
als Denkmal für alle von den Deutschen ermordeten
polnischen Professoren verwirklicht; die Lemberger
Episode war nicht mehr aktuell. Die Breslauer
Hochschullehrer waren mit dieser Lösung unzufrieden,
der Bau des entsprechenden Denkmals wurde für
sie zur Herzenssache. Diese Idee wurde erst in
den Jahren 1981/82 wieder aufgegriffen, also
in der "Solidarność-Zeit".
Damals stiftete die Universität zusammen mit der
Breslauer Abteilung der Polnischen Akademie der
Wissenschaften eine Gedenktafel und führte eine
wissenschaftliche Tagung durch, die den tragischen
Ereignissen gewidmet war. Schließlich wurde
eine entsprechende Tafel an dem Gedenkstein angebracht,
der in den Sechzigerjahren am Grunwaldzki-Platz,
zwischen zwei Gebäuden der Technischen Hochschule,
aufgestellt worden war. Gleichzeitig entwickelte
sich eine Diskussion über die historischen Erfahrungen,
zu denen sich die Breslauer Universität bekennen
sollte. Über einen anderen Namenspatron der Universität
sollte ein Referendum entscheiden, an dem Mitarbeiter
und Studenten teilnehmen sollten. Alle diese Vorgänge
fanden in einer interessanten Periode der polnischen
Geschichte statt. Viele Mitarbeiter der Universität
nahmen an der Gründung der unabhängigen Gewerkschaft
Solidarnosc und des Unabhängigen Studentenverbandes
teil. An der Universität fanden Versammlungen,
Diskussionen und Streiks statt. Nach der Einführung
des Kriegszustandes wurde das Hauptgebäude der
Universität im Rahmen eines Streiks besetzt. Mitte
Dezember 1981 wurde die Streikaktion von der Miliz
zerschlagen. Die Akademiker ließen sich jedoch
nicht einschüchtern und nahmen aktiv an der geheimen
oppositionellen Untergrundarbeit teil. Auf diese
Weise knüpften sie an die Traditionen der Lemberger
Universität an. Nach dem Fall des Kommunismus
Ende der achtziger Jahre fand sich die Universität
in einer neuen Situation wieder. Die politische
Transformation, die unser Land durchmachte, forderte
auch die Universität zu gewissen Veränderungen
heraus. Sie wurden durch die Wiederherstellung
der Autonomie der Universitäten zusätzlich begünstigt.
Es wurden neue Studiengänge eingerichtet, die
Zahl der Hochschullehrer und der Studenten nahm
ständig zu. Trotz finanzieller Schwierigkeiten
nimmt die Universität Breslau heute einen Spitzenplatz
unter den polnischen Hochschulen ein. An die beiden
historischen Traditionen der Universität anzuknüpfen,
ist zur Selbstverständlichkeit geworden. In den
zur Jahrhundertwende erschienenen Geschichten
der Technischen Hochschule und der Landwirtschaftlichen
Akademie beinhalten die Einführungskapitel jeweils
eine Besprechung der historischen Wurzeln dieser
Hochschulen. Immer noch dauern die Arbeiten an
der Geschichte der Universität an, im ersten Band
wurde die Geschichte der Universität an der Oder
vor 1918 gründlich
und akribisch dargestellt. Eine ausführliche Darstellung
der Lemberger Tradition der heutigen Universität
wartet jedoch nach wie vor noch auf interessierte
Forscher. Die Bedeutung der Lemberger Traditionen
für die heutige Universität beschrieb
der berühmte Breslauer Historiker Wojciech Wrzesinski
wie folgt:
Der Einfluss
der Lemberger Tradition, mit ihrer besonderen
Sensibilität für das nationale Interesse, die
polnische Staatsräson, die gemeinsamen gesellschaftlichen
Interessen und Demokratisierung der universitären
Verhältnisse war nicht nur mit der Übernahme der
Gruppe der Lemberger Forscher verbunden. Sie wurde
auch von den jungen Absolventen der Breslauer
Universität übernommen. Im Bewusstsein der Breslauer
universitären Gesellschaft stellten die Beziehungen
mit der Lemberger Hochschule eine besondere Ehre
dar. Die Lemberger Traditionen an der Breslauer
Universität waren keine musealen Traditionen,
ihrem Wesen nach standen sie im Gegensatz zu
dem Streben und Vorhaben der damaligen Politik,
die polnischen Universitäten umzuwandeln und
an das sowjetische Universitätsmodell anzugleichen.
Sie dienten der Wahrung der Kontinuität, der Tradition
und des akademischen Ethos.
Literatur:
Dzieje Akademii Rolniczej we Wrocławiu, hrsg. von J. Sobota, T. Szulc
und J. Tyszkiewicz, Wrocław 2001
Księga
Jubileuszowa 50-lecia Politechniki Wrocławskiej
1945-1995, hrsg. von R. Czoch, Wrocław 1995.
T. Suleja, Uniwersytet Wrocławski w okresie centralizmu stalinowskiego
1950-1955, Wrocław 1995.
I. Turnau, Studia nad strukturą ludnościową
polskiego Wrocławia, Poznań 1960.
Uniwersytet Wrocławski w latach 1945-1970. Księga jubileuszowa,
hrsg. von W. Floryan, Wrocław 1970.
W. Wrzesiński, Uniwersytet Wrocławski 1945-1995, Wrocław 1995.