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Orbis Linguarum Vol. 20/2002

Irena Światłowska

Wrocław

Deutschsprachige Studien zur Geschichte der polnischen Literatur

Mosaiksteinchen zum Bild der polnischen Nachkriegsliteratur in der BRD (1945-1970)

Herrn Prof. Dr. Stefan H. Kaszyński gewidmet

Von einer seriösen Behandlung der auf dem deutschsprachigen Büchermarkt der sechziger Jahre aufkommenden Belletristik aus Polen zeugen zahlreiche literatur­historische Studien zur jüngsten Geschichte der polnischer Dichtung, Dramatik und Epik in ihrem genetischen und kulturpolitischen Kontext. Ihr philologischer Wert ist unbestritten und sie bereichern den polonistischen Ertrag in den deutsch­sprachigen Ländern. Außerdem waren sie im engen Zusammenhang mit dem Re­zeptionsprozeß der polnischen Literatur in Deutschland, genauer gesagt bezwecken sie ihn zu beschleunigen und den deutschsprachigen Rezipienten den Zugang zu literarischen Werken der Polen zu bahnen und zu erleichtern.

Es hat sich nämlich bei der Vermittlung und Verbreitung der polnischen Lite­ra­tur im Ausland erwiesen, dass man einige Schwierigkeiten beim Rezeptionsprozeß beseitigen muß, die sich aus dem Charakter des polnischen Schrifttums ergeben. Die erfahrenen Übersetzer wie Dedecius, die vorzüglichen Herausgeber der polni­schen Prosa und Dramatik wie Andrzej Wirth, Jutte Janke aus der DDR, Rolf Fie­guth aus der Schweiz und Marcel Reich-Ranicki versahen ihre Editionen mit ein­gehenden Vor- und Nachworten sowie Anmerkungen, Kommentaren und biblio­graphischen Hinweisen. Es erschienen auch kleine Abrisse zur Situation der Nach­kriegsliteratur in der Volksrepublik Polen und im Exil. Diese Publikationen er­leich­terten die polnischen Autoren, die dem deutschsprachigen Lesepublikum präsen­tiert wurden, mit den Hauptlinien der ideologischen und ästhetischen Evolution der Kunst im Nachkriegspolen zu verbinden und ihre Werke richtig zu verstehen.

Den Bedarf an einer Geschichte der polnischen Gegenwartsliteratur signali­sier­te Klaus Staemmler [1] und er besorgte auch die deutschsprachige Version des Abris­ses von Włodzimierz Maciąg "Die polnische Gegenwartsliteratur 1939-1976", die 1979 in München erschien.

In den fünfziger und sechziger Jahren gab es in den großen Bibliotheken des deutschen Sprachgebietes polnische Literaturgeschichten, die vor dem Ersten bzw. Zweiten Weltkrieg entstanden sind und die selbstverständlich ältere Epochen des polnischen Schrifttums darstellten. Einige von ihnen hatten nur noch archivali­schen Wert. Louis Kurzmann gab die "Geschichte der polnischen Dichtkunst in der er­sten Hälfte des laufenden Jahrhunderts" in zwei Bänden heraus, die die Vorlesungen "über die neueste polnische Poesie" von Adalbert Cybulski umfaßte. Cybulski las sie vor den Studenten an der Berliner Universität in den Wintersemestern 1842/43 und 1844/45. Im Rahmen der "Geschichte der slawischen Literaturen" (von Pypin) wurde die "Geschichte der polnischen Literatur" von Włodzimierz Spasowicz herausgebracht, die von Traugott Pech aus dem Russischen ins Deutsche übersetzt wurde (Leipzig 1883).

Besondere Verdienste auf diesem Gebiet erwarben Heinrich Nitschmann [2] und Alexander Brückner [3] . "Abriß der polnischen Literaturgeschichte und biographi­sche Nachrichten" wurden dem "Polnischen Parnaß" (IV. sehr vermehrte Auflage, Leipzig 1875) beigelegt, d.h. den von Heinrich Nitschmann ausgewählten und über­setzten "Dichtungen der Polen". Die "Geschichte der polnischen Literatur" dieses Förderers der polnischen Literatur in Deutschland im XIX. Jahrhundert kam 1882 als zweiter Band der "Geschichte der Weltliteratur in Einzeldarstellungen" in Leipzig heraus. Ihre zweite, durchgesehene und erweiterte Auflage, die 500 Seiten umfaßte, erschien 1888. Am Anfang des XX. Jahrhunderts erschienen die Litera­tur­geschichten des polnischen Schrifttums von Alexander Brückner. Seine "Ge­schichte der polnischen Literatur" erschien 1901 in Leipzig und erlebte 1922 die zweite Auflage. Marian Szyrocki hielt Brückner für einen "der bedeutendsten Er­forscher polnischen Schrifttums und polnischer Kultur" und sein Werk für eins, das "bei weitem alles übertraf, was bis dahin auf dem Gebiet der polnischen Lite­ra­turgeschichtsschreibung in Deutschland geleistet wurde" [4] . Für das deutsche Lese­publikum war auch die "Polnische Literatur" ("Handbuch der Literaturwissen­schaft", Potsdam 1929) von Julius Kleiner bestimmt. 1931 kam in Paris "Unbekannte Lite­ratur" heraus. Es waren "Charakteristiken polnischer Dichter" von Alexander von Guttry - dem verdienten Polonophilen, Übersetzer und Förderer polnischer Lite­ra­tur in deutschsprachigen Ländern.

In den Nachkriegsjahren stellte es sich heraus, dass eine aktuelle Synthese der polnischen Literatur auf dem deutschsprachigen Büchermarkt fehlte. Dieses Ver­säumnis wurde 1958 nachgeholt, indem Otti Utiz die "Geschichte der polnischen Literatur" Karel Krejčis aus dem Tschechischen ins Deutsche übersetzt hat. Dieses umfangreiche, 574 Seiten umfassende Buch wurde zwar in der DDR besorgt, aber im ganzen deutschen Sprachraum rezensiert und benutzt. Es war mit der intensiven Rezeptionsphase der polnischen Belletristik in der DDR verbunden, die Ende der fünfziger Jahre aus politischen Gründen zu Ende ging [5] .

Anders war es in Westdeutschland: gerade um diese Zeit begann man von der "polnischen Welle" zu sprechen, die eine erstaunliche Steigerung der Überset­zungs­quote aus der polnischen Literatur zur Folge hatte. Doch erst 1975 konnte die wis­senschaftliche Buchgesellschaft in Darmstadt die "Grundzüge der polnischen Lite­raturgeschichte" von Dietger Langer herausgeben. Dass auch diese Edition den Rezeptionsvorgang der polnischen Literatur in der BRD fördern sollte, erweist sich eindeutig aus der Rezension von Martina Stütz: "Obwohl in der BRD viele Bücher aus dem Polnischen übersetzt und gedruckt werden, werden sie nicht genug gele­sen. Das mag daran liegen, dass die Namen der Autoren und Romanfiguren befremd­lich sind und dass die Traditionen der polnischen Literatur unbekannt sind. Das sind Barrieren. Wo soll man in den Wald der polnischen Literatur hineingehen?" [6] .

In den sechziger Jahren empfand man - parallel zum steigenden Interesse an pol­nischer Literatur und Kultur - unter den Literaturforschern und Kritikern sowie Freunden des polnischen Buches ein Bedürfnis nach einer Synthese der neuesten polnischen Literaturgeschichte.

Im Zeitraum 1945-1970 ist in der BRD (auch in der Schweiz und in Österreich) keine neue Geschichte der polnischen Literatur entstanden - auf ein solches, die jüng­ste Literatur mitberücksichtigendes Werk des Schweizers Germann Ritz muß­te man noch bis 1990 warten [7] . Erforderlich wurde ein Hintergrund für die Silhouetten polnischer Gegenwartsschriftsteller, die sich inzwischen ein Ansehen bei den Kritikern sowie anspruchsvollen Rezipienten in Deutschland verschafft ha­ben. Davon zeugen zahlreiche größere Beiträge zum zeitgenössischen Geistes- und Literaturleben in Polen.

Die gewissenhaft und sachkundig gesammelten Materialien zu einer polnischen Literaturgeschichte, die das Vierteljahrhundert nach dem Kriegsende umfaßte, la­gen bereits gegen Ende der sechziger Jahre vor. Sie wurden von Karl Dedecius, Karl Hartmann, Heinrich Kunstmann, Andrzej Wirth, Otto Forst Battaglia, Tadeusz No­wakowski, Friedrich W. Neumann, Klaus Staemmler, Wanda Bronska-Pampuch, Gerda Hagenau, Marcel Reich-Ranicki, Egbert Hoehl, Andrzej Lam und Ryszard Matuszewski, sowie Siegfried Lenz und anderen geliefert.

Schon zwei Jahre nach der Befreiung vom deutschen Faschismus brachte die Wiener Zeitschrift "Wort und Tat" im August 1947 einen Aufsatz von Alexander Jackiewicz [8] , der zu jener Zeit als Lektor für polnische Sprache an der Wiener Uni­versität wirkte und sich zugleich einen Namen als Schriftsteller machte, dessen Epik in Österreich übersetzt wurde. Von der österreichischen Hauptstadt verfolgte er den Gang des sich nach fünf Okkupationsjahren normalisierenden kulturellen Lebens an der Weichsel.

Die österreichischen, schweizerischen und westdeutschen Leser der kultur­poli­ti­schen Zeitschriften konnten von diesem polnischen Literaturkenner erfahren, worauf die Methode des sozialistischen Realismus beruhte und welche Gefährdung für die Kunst sie in sich verbarg.

Während sich Alexander Jackiewicz vor allem auf die Ereignisse konzentrierte, die sich als folgenschwer für die Zukunft des polnischen Schrifttums der Nach­kriegs­jahrzehnte erwiesen, nimmt Otto Forst Battaglia, der bewährte Fürsprecher der polnischen Dichter in Österreich, in der "Schweizer Rundschau" [9] einen ande­ren Standpunkt an. Dies ergibt sich aus seinem emotionellen, positiven Engage­ment an der scheinbar günstigen Wende im polnischen Schicksal, die auch in der Kultur einen optimistischen Widerhall haben sollte. Battaglia registriert die hoff­nungs­vol­len, guten Momente, die polnische Intellektuelle und Künstler direkt erlebten.

In die Hintergründe der polnischen Kultur in jener Zeit hat er aber seine Leser nicht eingeführt. Viele Jahre später hat dies Marcel Reich-Ranicki getan, der als ein Augenzeuge die Ereignisse auf der polnischen Kulturszene seit dem Kriegsende bis zu seiner Übersiedlung in die Bundesrepublik Deutschland im Jahre 1958 verfolgte. Sein umfangreicher Essay über "Die Rolle des Schriftstellers in Polen" (1963) [10] brachte eine eindringliche und objektive Analyse der Lage, in die polnische Literaturschaffende und deren Elite unmittelbar nach dem Kriege ver­setzt wurden.

Forst-Battaglia hob Werke heraus, die nach seiner Auffassung wegen ihrer wert­beständigen Gestalt sowie ihres Ideengehalts erwähnenswert wären. So wies er auf die Bücher der schreckhaften Chronik aus der Pein deutscher Besetzung hin, die aus der katholischen, marxistischen sowie "humanitär-dogmenlosen" Perspektive verfaßt wurden. Zofia Kossak-Szczucka, Zofia Nałkowska, Pola Gojawiczyńska und Seweryna Szmaglewska zählte er zu den Autoren, die "die Greuel der Konzen­trationslager mit Ernst, in Trauer und dennoch mit leidenschaftsloser Sachlichkeit geschildert haben". Stanisław Dygat - der Verfasser des Romans "Der Bodensee" ("Jezioro Bodeńskie"), "blickt auf all das mit einer spöttischen Ironie..."; Stefan Otwinowski schildert die "Unmenschliche Zeit" ("Czas nieludzki") vom Standort eines humanitären Pazifismus. Kazimierz Brandys vermeidet im "Holzpferd" ("Dre­wniany koń") das Pathos der Distanz und treibt es mit seiner aus unmittelbarer Nähe sengenden Ironie mitunter zu weit. Die rechte Mengnis aus Humor, der auch vor tragischsten Stoffen nicht versagt, und aus Ehrfurcht, die in der Scheu vor ge­waltigem Leid und gewaltigerem geschichtlichen Werden wurzelt, wir finden sie bei den Gestaltern des Krieges und der ihm vorangehenden Epoche, die über das individuelle Schicksal hinaus die großen Zusammenhänge ahnen machen, bei Jerzy Putrament, ("Heilige Kugel!" - "Święta kulo", "Wirklichkeit" - "Rzeczywistość") und bei Jerzy Andrzejewski ("Nacht" - "Noc").

Friedrich Wilhelm Neumann, der seine literaturgeschichtlichen Untersuchun­gen zur polnischen Literatur des XX. Jahrhunderts im Rahmen der Osteuropa-Forschun­gen führte [11] , präsentierte noch andere Namen und Titel, die im Themenkreis Krieg, Okkupation, Warschauer Aufstand und Warschauer Ghetto markante Spuren hin­terlassen haben. "Einer literarischen Fixierung des im Kriege Erlebten" mangelte "deutlich noch die Distanz, dafür wirkte sie durch ihre Unmittelbarkeit" - schrieb Neumann über "Die unbezwungene Stadt" ("Miasto niepokonane") von Kazimierz Brandys, "Im Kessel" ("W kotlinie") von Stanisław Wygodzki und "Aus Sumpf und Stein" ("Z bagna i kamieni") von Krystyna Justa. In Form des hastig niederge­schriebenen Tagebuches, der Reportage oder höchstens der Kurzgeschichte äußer­ten Jerzy Andrzejewski ("Die Karwoche" - "Wielki Tydzień"), Jerzy Pytlakowski ("Aufstand in Mokotów" - "Powstanie w Mokotowie") und andere ihre Eindrücke von den besonders tragischen Episoden des Zweiten Weltkrieges. Die Themen aus der Besatzungszeit beschäftigten auch Bogdan Czeszko in seinem Erstlingswerk "Der Beginn der Edukation" ("Początek edukacji").

Neumann ordnete die in seinem Aufsatz aufgeführten Werke nach den litera­ri­schen Gattungen. Er richtete die Aufmerksamkeit des Lesers auf die Gedichte von Mieczysław Jastrun, Andrzej Braun, Roman Bratny und vor allem auf die Erstlings­arbeiten von Tadeusz Różewicz.

Die angeführten Verfasser von Entwürfen der polnischen Literatur zwischen 1945-1948/49 betonten einen starken Zusammenhang des literarischen Schaffens mit den aktuellen Ereignissen des Landes, die sich aus der immer noch fort­dauern­den Katastrophe ergaben, sowie mit dem politischen und gesellschaftlichen Ver­lauf direkt nach dem Krieg. Diese Thematik wurde überwiegend in Prosaformen und mit Hilfe der realistischen Gestaltungsmittel dargestellt.

Für den vorzüglichen westdeutschen Slawisten Heinz Kneip aus Regensburg war eben das Jahr 1949, nicht 1945 "die entscheidende Zäsur in der kulturpolitischen und literarischen Entwicklung Polens". "Die bis 1948 bestehende literarische Orien­tie­rung an angloamerikanischen und französischen Kunsttendenzen wurde abgelöst durch das zum Vorbild erhobene Modell der sowjetischen sozialistischen Lite­ratur" [12] .

Friedrich Wilhelm Neumann lieferte in seiner Studie (Kapitel "Das Tauwetter") eine ausführliche Rekonstruktion der Debatte um die fatalen Folgen der aus der Sow­jetunion verpflantzten literarischen Konzeption Shdanows [13] .

Karl Dedecius erwähnte Titel von Büchern, in denen "der Streit zwischen dem Rationalismus und dem Irrationalismus, das Streben nach Befreiung des Indivi­duums vom dogmatischen Zwang der Ideologie" ihren "künstlerischen Ausdruck" fanden: "Der goldene Fuchs" ("Złoty lis") von Andrzejewski, "Der dritte Herbst" ("Trzecia jesień") Maria Dąbrowskas, sowie das "Hotel Stadt Rom" von Kazi­mierz Brandys [14] . Es unterlag keinem Zweifel, dass man an der Schwelle zu einer neuen Epoche in der Geschichte der Volksrepublik Polen stand, und man wollte nur das Gute von ihr erwarten.

Das Jahr 1956 lenkte die Blicke des demokratischen Auslands, darunter der Bundesrepublik Deutschland, auf die Ereignisse an der Weichsel. Das Interesse galt auch der polnischen Kultur, dem Geistesleben und der literarischen Welt einer Nation, die den Mut faßte, der Moskauer Macht nein zu sagen und einen eigenen Weg zum Sozialismus einzuschlagen beschloß. Drei Jahre nach dem "Oktober" mehrten sich auf dem deutschsprachigen Markt Translationen polnischer Werke. Parallel zu den Initiativen der Verlage in München, Frankfurt am Main und Westberlin ent­stan­den in der Bundesrepublik zahlreiche Studien zum polnischen Schrifttum, die auf die veränderte Situation im Kulturleben der Polen reagierten.

Der vielseitig begabte Karl Dedecius formulierte in bildhaftem, beinahe poeti­schem Stil seine Bemerkungen zur polnischen Poesie im "Frühling im Oktober", die für den "Hessischen Rundfunk" 1959 bestimmt waren und dann in verschiede­nen Zeitschriften nachgedruckt wurden: "Das Jahr 1956 dokumentierte [...] das Ende des Grau in Grau des Graus in allen Farben, und das Aufnehmen einer neuen - älteren - polnischen Palette. Damit war der unterbrochene Kreislauf, der An­schluß an die polnische Vorkriegs- und noch ältere Lyrik und die Verbindung zur west­europäischen, ja zur Weltdichtung überhaupt, in einem unblutigen Staats­streich der Schreib- und Denkkundigen wiederhergestellt. Der Prozeß kam plötzlich und vollzog sich rasch" [15] .

Klaus Staemmler schrieb 1963 in Erinnerung an die Oktoberwende und deren Niederschlag im literarischen Schaffen Polens: "Mit der Rückkehr Gomułkas in die Parteispitze setzte in Polen ein machtvolles Tauwetter ein. Es schwemmte hin­weg, was bisher die Literatur eingeengt und uniformiert hatte und zeitigte eine Hoch­flut literarischer Werke, die den sozialistischen Realismus als antiquiert abstem­pel­ten und sich allen Einflüssen und Anregungen öffneten, die aus dem Westen, be­sonders aus Frankreich, England und Amerika, hereindrangen. Mit diesem Westen fühlten sich die Polen von jeher eng verbunden, und die Abkapselung, die man ihnen aufgezwungen hatte, war ohne dauerhafte Wirkung geblieben" [16] .

Ähnlich beurteilte Karl Hartmann zehn Jahre nach diesem wichtigen politi­schen Wandel dessen Bedeutung für die polnische Kultur und Literatur. "Die Berührung mit der westlichen Literatur wurde für die folgende Entwicklung, vor allem das Schaffen der jungen Dichtergeneration, von wesentlicher Bedeutung. Ernst Heming­way, John Steinbeck, Howard Fast, William Faulkner, Graham Greene, Jean Paul Sartre, Albert Camus, Francois Mauriac, (...) James Joyce, André Gide, Marcel Proust, Franz Kafka, (...) Heinrich Böll und Wolfgang Koeppen gehörten in Über­setzung und Original zu den meist gelesenen Autoren des Westens. In dieser Zeit konnte auch - wenn mit großen Beschränkungen - Verbindungen zur polnischen Literatur im Ausland aufgenommen werden" [17] .

Heinz Kneip ging an die Oktober-Problematik vor allem als Literaturforscher heran und erwog die Zusammenhänge zwischen den Ereignissen außerliterarischer und kulturpolitischer Natur und der Gestaltung des literarischen Schaffens nach 1956. "Unterstrichen werden sollte, dass das Jahr 1956 primär eine Wende in der Kulturpolitik und nicht in der Kunstkonzeption markiert und damit eine Parallele zum Jahr 1945 darstellt. So wie der Krieg, bedeutete auch die Phase des soziali­sti­schen Realismus eine Unterbrechung der natürlichen, literarischen Entwicklung. Jedoch im Unterschied zu 1945 kam 1956 vor allem in der Lyrik eine neue Dich­tergeneration zu Wort: Herbert, Szymborska, Białoszewski, Hłasko, Grochowiak, Karpowicz, Harasymowicz, Mrożek, Rymkiewicz, Sito. Deshalb sollte man das Jahr 1956 als Beginn einer neuen Phase der literarischen Entwicklung herausstel­len und das Jahr 1959 nur als das Ende der als sozialistischer Realismus bezeich­neten Phase betrachten.

Nach 1959 erfolgt eine thematische Umorientierung, eine Besinnung auf die pri­mär literaturautonomen Aufgaben der Dichtung und die Fortentwicklung der 1955/56 konzipierten Poetik" [18] .

Die Wendung zur polnischen Tradition, hauptsächlich zur Literatur der Vor­kriegs­zeit in Polen, sah Kneip in der wiederauflebenden Neigung der Dichter und Schrift­steller zu satirischen und grotesken Genres (Dygat, Lec, Zieliński, Mrożek). Betont werden auch: "Öffnung gegenüber westlichen Kunsttendenzen und intensive Re­zeption westeuropäischer Literaturen" sowie "intensive Entfaltung der Lyrik", "Auf­kommen der Science-Fiction-Literatur (Lem), des historischen bzw. psychologi­schen Romans (Brandys, Bratny, Kawalec) und des politischen Theaters (Mrożek)" [19] .

Nach 1959 wurde dem deutschsprachigen Rezipienten in der BRD, in der Schweiz und in Österreich die vom Tauwetter und dem "Polnischen Oktober" ausgelöste "Ab­rechnungsliteratur" angeboten. Karl Hartmann verwies auf einen in diesem Strom bedeutungsvollen Teil - die sogenannte "schwarze Literatur".

Karl Hartmann verwendete für dieses polnische Schrifttum auch die Be­zeich­nung "Anklageliteratur", stellte diese als "Dichtung der Angst und Verzweiflung" dar, die von Pessimismus und Enttäuschung durchdrungen war [20] .

Karl Hartmann präsentierte in seiner Studie "Neue Strömungen in der polnischen Literatur seit 1956" noch eine lange Reihe von polnischen Dichtern, in deren ly­ri­schen Versuchen "die gleiche Stimmung der Anklage und der Auflehnung gegen die Unmoral der Stalin-Ära herrscht": Wiktor Woroszylski, Andrzej Mandalians, Henryk Gaworski, Jan Wyka, Juliusz Żuławski, Paweł Hertz, Anna Kamieńska, Tadeusz Nowak und Bogdan Drozdowski. Für den begabtesten und bedeutendsten Vertreter dieser Dichtergeneration hielt Hartmann Tadeusz Różewicz, der inzwi­schen in der BRD als Lyriker, Prosaautor und Dramatiker immer größere Anerken­nung genoß [21] .

Klaus Staemmler wies auf eine außergewöhnliche Wirkung dieser Positionen in der BRD hin. "Während dieser Autor in den Büchern "Verführtes Denken" und "West-östliches Gelände" sich mit der geistigen Situation im gegenwärtigen Polen und mit der Rivalität der Weltanschauungen auf allen Gebieten unseres Lebens auseinandersetzt, schildert er in dem auch deutsch erschienenen, aber vergriffen Ro­man "Das Antlitz der Zeit" die Umbruchsperiode von 1945 mit ihren Düsternissen" [22] .

Der unbestrittene Star der pessimistischen Anklageliteratur war Marek Hłasko, der in der Bundesrepublik Deutschland nicht nur als Autor erfolgreicher Erzäh­lungen und Romane in Erscheinung trat; seit 1958 lebte er als Exilschriftsteller im Westen - in der BRD und "zeitweilig auch in Israel". Die Legende dieses vorzei­tig, tragisch und rätselhaft verstorbenen Künstlers lebt heute nicht nur in Polen wei­ter, auch in Deutschland ist er vielen bekannt.

Die Plejade polnischer Schriftsteller, die als Hłaskos Gleichgesinnte vorgestellt wurden, führten in ihren Studien Hartmann, Gerda Hagenau-Leber und Dedecius vor: Marek Nowakowski, Tadeusz Różewicz, Wiktor Woroszylski, Stanisław Gro­chowiak, Władysław Terlecki, Władysław Gomulicki, Jerzy Krzysztoń, Stanisław Krasiński, Magda Leja, Monika Kotowska, Alexander Minkowski.

Mit Recht erinnerte Werner Helwig in "Merkur" (Jahrgang 1959) an Leopold Tyrmand, dessen "dickleibige" Reportage vom "Bösen" ("Zły") ein Jahr früher bei Ullstein in Berlin (West), Frankfurt am Main und Wien - übertragen von Kurt Harrer - herausgekommen ist. Ähnlich wie in den meisten Erzählungen Hłaskos ist Warschau "unmittelbar vor oder während der politischen Tauwetterperiode von 1956" der Schauplatz des Geschehens des "Bösen". Helwig rezipiert diesen "Sime­nonhaften Kriminalroman" als einen "hinreißenden Lesefilm, eine wachhaltende Nachttischlektüre", der doch "eine wichtige getarnte Urabsicht habe." "Der Böse" ist nach dem Rezept des "Faust" in umgekehrter Anwendung jener, der das Gute will und es vermittels des Bedenklichen schafft" [23] .

Drei Jahre nach dem "Polnischen Oktober" edierte der Carl Hanser Verlag in München "Lektion der Stille" ("Lekcja ciszy"), die aus den Dedeciusschen Nach­dichtungen der polnischen Gegenwartsdichter vom Übersetzer selbst zusammen­gestellt wurde. Die Auswirkung der polnischen Poesie - vor allem im intellektuel­len Milieu der BRD - belegten zahlreiche Rezensionen, Kommentare, Glossen in den literarischen und kulturpolitischen Zeitschriften, Presse- und Rundfunkstim­men sowie veröffentlichte Urteile der deutschsprachigen Dichter wie Grass, Pion­tek, Enzensberger, Härtling, Krolow und Handke [24] .

Nicht ohne Gründe lieferte Dedecius folgenden Kommentar zur regen Aufnah­me der polnischen Poeten in seinem Lande: "Es gibt in Deutschland - Polen gegenüber - viel blinde Zuneigung und etwas (kaum geäußerte) Skepsis. Aber das Interesse ist evident. Das zeigt am deutlichsten die deutsche Anteilnahme an der polnischen Poesie, die ja nirgendwo im Verdacht steht, (...) den Lesern leichte Kost zu bieten. (...) Der Schwerpunkt liegt in der Mitte und bildet die sachliche Balance zwischen Vorurteil und Wunschtraum: wir vernehmen in der polnischen Lyrik einen Chor uns bisher völlig unbekannter Stimmen. Wir sind überrascht und fühlen uns als Entdecker einer fremden, scheinbar unendlich fernen Landschaft" [25] .

Auch Karl Hartmann schenkte der polnischen Poesie schon 1960, 1962 und dann 1966 viel Aufmerksamkeit und skizzierte ihre Situation in den literaturge­schichtli­chen Zwischenkapiteln seiner umfangreichen Studie über die "neuen Tendenzen in der polnischen Literatur nach 1956" [26] .

Die Renaissance der polnischen Traditionen in der Lyrik, die sich nach der Oktoberwende vollzog, betonte auch Heinz Kneip. Es war nach seiner Ansicht eine markante Erscheinung, die den Auftakt zur weiteren Entfaltung der polnischen Poesie nach 1956 prägte. "Das ungewöhnlich breite Spektrum lyrischer Manife­sta­tion" in den späten fünfziger und in den sechziger, ja sogar in den siebziger Jahren, wäre nach Kneip "den impulsgebenden Akzenten zu verdanken, die die ältere Dich­tergeneration, wie Przyboś, Jastrun, Iwaszkiewicz, Lec, (...) setzten". Die erste Phase der lyrischen Blüte nach 1956 stand im Banne der Poetik von Tadeusz Różewicz, in den folgenden Jahren - so Kneip - rückten so wichtige Debütanten wie Zbigniew Herbert, Wisława Szymborska, Jerzy Harasymowicz, Tadeusz No­wak in den Vordergrund. Heinz Kneip unterstrich, dass gerade die Lyrik der pol­nischen Dichter stärker als andere Gattungen "vom Streben nach neuen po­eti­schen Ausdrucksformen" getragen wurde. [27] . Der dramatischen Kunst und dem Theater­leben im volksdemokratischen Nachkriegspolen widmete Karl Hartmann eine Ar­tikelfolge in der "Zeitschrift für Ostforschung" (Hefte 1 und 2 vom Jahr 1963) so­wie eine Buchedition "Das polnische Theater nach dem Zweiten Weltkrieg", die in Marburg/Lahn 1964 herausgebracht wurde. Zum ersten Mal bekam der deutsch­sprachige Theaterfreund einen Zugang zur Information über ein so heterogenes Phänomen wie es das polnische Theater war, für das "Die Sonnenbrucks", die in der DDR und dann auch im gesamten deutschen Sprachraum nicht unbekannt wa­ren, nicht repräsentativ sein konnten. Karl Hartmann stellte in seinem Kom­pen­dium Persönlichkeiten der Theaterwelt an der Weichsel vor, die Dramenverfasser wie Jerzy Szaniawski, Jerzy Broszkiewicz, Sławomir Mrożek und Jerzy Zawiejski, gab Auskunft über die Haltungen im polnischen Theater (z. B. Leon Schiller) und be­müh­te sich, die Auswirkung der dramatischen Neuigkeiten, die nach 1956 vom Westen nach Polen durchdrangen, abzuhandeln. Die von Karl Hartmann gespeicherten Fakten, d.h. Namen von Autoren und Dramentiteln, die das polnische Theaterleben im zeitraum 1944-1955 und 1956-1962 prägten, wurden um die Mitte der sechzi­ger Jahre ausführlicher in den Arbeiten von Heinrich Kunstmann, Ilke Boll und Andrzej Wirth behandelt. Hinzu kamen noch kleinere Beiträge, die dem Schaffen einzelner Dramatiker aus Polen gewidmet wurden. Vor allem in den Studien Ilke Bolls und Heinrich Kunstmanns [28] .

Das Schwergewicht der Erwägungen von Kunstmann lag auf der polnischen Mo­derne und ihrer künstlerischen Repräsentation: Gombrowicz, Witkacy, Gałczyński, Białoszewski und Mrożek. Ilke Boll versuchte, das künstlerisch-ästhetische Pano­rama der polnischen Theaterstücke der zwei letzten Jahrhunderte im Zusammen­hang mit ihrer historisch-politischen Funktion zu enthüllen. Andrzej Wirth belegte die von Kunstmann und Boll skizzierten Strömungen im polnischen Theaterleben mit Texten der tonangebenden namhaften Vertreter der polnischen Moderne im Sinne des Herausgebers, d.h.: "Der Begriff "moderne polnische Dramatik" soll nicht streng literaturhistorisch verstanden werden, sondern auch herkömmlicher Übung entsprechend, längst verstorbene Stückeschreiber als Zeitgenossen umfas­sen. Diese Einstellung spiegelt sich im heutigen Theaterrepertoire, obwohl nicht alles, was das Theater für aktuell hält, die Prüfung durch das Publikum besteht. Als mo­dern wollen wir hier nur jene Stücke verstehen, die die Probe bestanden haben" [29] .

Der literarische Schwung als Folge des politischen Tauwetters dauerte aber nicht lange; die so versprechend angebrochene Entfaltung der polnischen Lyrik, Satire, Prosa und des Dramas wurde im Laufe der sechziger Jahre zweimal von der Ingerenz der sozialistischen Kulturpolitik aufgehalten und zynisch gestört. Im Herbst 1957 wurde die Zeitschrift "Po prostu" verboten. Seit diesem Moment be­gann - wie es Reich-Ranicki ausdrückte - die "Restalinisierung des polnischen Kulturlebens" [30] . Dem Jahrzehnt nach 1958, das vom Kampf um die Erhaltung der Oktober-Errungenschaften sowie von neuen Enttäuschungen, Erschwerungen überschattet wurde, widmete man in der BRD ebenso viel Aufmerksamkeit wie der Oktoberwende 1956.

Ein eigenartiges Kalendarium von Fakten und Ereignissen, die die Geschichte des Widerstandes der polnischen Intellektuellen und Künstler gegen die Kulturpo­litik der Gomułka-Zeit markierten, bildete die "Warschauer Bilanz" (Dossier 2), deren Fragmente die Zeitschrift "Kursbuch" vom Juni 1968 veröffentlicht hat. Es enthält eine Aufzeichnung markanter Gesten der geistigen Opposition in Polen nach 1957: Die Tätigkeit der Diskussionsklubs, wie "Der schiefe Kreis" ("Klub Krzywego Koła"), der durch die schon verbotene Zeitschrift "Po prostu" gegründet wurde, sowie "Der Politische Diskussionsklub" ("Polityczny Klub Dyskusyjny"), der "Widerspruch-Sucher" ("Klub Poszukiwaczy Trudności") und "Babel Klub" ("Klub Babla"), nach dem Schriftsteller Isaak Babel benannt; der kontestierende Auftritt von Jacek Kuroń, Adam Michnik, Seweryn Blumsztajn, Karol Modzelew­ski und anderen; das Referat von Leszek Kołakowski, Philosophieprofessor an der Warschauer Universität, der als Autor der philosophischen Prosa ein hohes An­sehen in Deutschland genoß; die Uraufführung der "Totenfeier" ("Dziady") von Mickiewicz - von Kazimierz Dejmek inszeniert - am 27. November 1967, die Ab­setzung des Stückes im Januar 1968, die Studentenunruhen und Proteste der In­tel­lektuellen auslöste. Die Ereignisse im März 1968 werden sachlich, aber mit einem eindeutigen Parteiergreifen zugunsten der rebellierenden Intellektuellen darge­stellt. Davon zeugt die Auseinandersetzung mit den angeführten Auszügen aus der of­fiziellen polnischen Presse.

Eindrücke von einer Polenreise nach dem März 1968 veröffentlichte Georges Schlocker [31] , dem die Doppeldeutigkeit und Widersprüchlichkeit im Leben der pol­nischen Gesellschaft auf Schritt und Tritt auffiel.

Tadeusz Różewicz war - aus der Sicht von Karl Dedecius - derjenige, der jeg­li­che Anzeichen des Opportunismus, der Mittelmäßigkeit und Müdigkeit anpran­ger­te, die sich aus der "Normalisierung" oder vielmehr Festigung der Macht Gomuł­kas ergaben.

Der Titel des Stückes "Zeugen oder Unsere kleine Stabilisierung" von Róże­wicz gab - so Dedecius - am besten den Charakter und die Stimmung der Jahre 1963-1968 wieder. Sowohl Dedecius als auch Hartmann verdeutlichten die Tatsa­che, dass die "kleine Stabilisierung" die polnischen Schriftsteller doch nicht in Mitläufer und Apologeten der Partei verwandeln konnte. Die Kulturpolitiker und Kritiker warfen literarischen Werken "...mangelnden Einsatz für die Sache des Sozialismus" oder eine Abwendung von Gegenwartsthemen vor [32] .

Erwähnt wurden in diesem Kontext Prosawerke, von denen die meisten sofort in deutscher Sprache auf dem gesamtdeutschen Büchermarkt aufgelegt wurden: Tadeusz Konwickis "Modernes Traumbuch" ("Sennik współczesny") von Peter Lachmann übertragen, 1964 bei Biederstein in München erschienen; Jacek Bo­cheńskis "Göttlicher Julius" ("Boski Juliusz") von Walter Tiel verdeutscht, 1961 bei Ehrenwirth in München verlegt; Tadeusz Brezas "Das eherne Tor" ("Spiżowa brama") in Übersetzung von Peter Lachmann 1962 bei Luchterhand in Neuwied ediert; Kazimierz Brandys' "Briefe an Frau Z." ("Listy do pani Z.") übersetzt von Caesar Rymarowicz 1966, im Insel-Verlag in Frankfurt am Main hervorgebracht; die Romane von Jerzy Andrzejewski, darunter: "Die Pforten des Paradieses" ("Bramy raju") von Renate Lachmann übertragen, 1963 bei Langen Müller Wien-München und 1967 im DTV herausgegeben.

Zur erprobten Waffe der Groteske und Parodie, die den grauen polnischen All­tag sowie dessen "Unsinn und Hintergründe" demaskierten, griffen Mrożek in sei­nen satirischen Geschichten, Stanisław Dygat im Roman "Die Reise" ("Podróż"), Stanisław Zieliński, Tadeusz Różewicz, Stanisław Grochowiak, Ireneusz Iredyński und Jarosław Abramow.

Die sechziger Jahre standen im Zeichen der Studentenunruhen und der scharfen Auseinandersetzung der Intellektuellen mit der scheiternden Regierung Gomułkas. Dedecius signalisierte die "Neue Welle", die Generation von 1970, die aus dem Gärungsprozeß von 1968 auftauchte und deren Gedichte das Antlitz der polnischen Poesie in den siebziger und achtziger Jahren mitprägten. Den Namen von Adam Zagajewski, Ryszard Krynicki, Stanisław Barańczak konnte man auch in den An­thologien polnischer Lyrik nach 1970 begegnen.

Die westdeutschen, eventuell auch österreichischen Forscher und Beobachter des zeitgenössischen - nach 1945 entstehenden - Schrifttums der Polen fühlten sich vor allem von der Eigenart der polnischen Literatur angesprochen; einige Erscheinungen im literarischen Leben Polens fanden sie einmalig; die künstlerische Leistung von manchen polnischen Autoren nahmen sie als Phänomen wahr. Derartige Entdeckun­gen in der literarischen Kunst polnischer Dichter und Schriftsteller bestimmten oft die Sichtweise der polnischen Lyrik, Prosa und Bühnenkunst: man untersuchte die ästhetischen Lösungen, mit denen die Polen die historisch-politischen Sujets oder ge­sellschaftlichen Fragen zu gestalten versuchten; man begeisterte sich für die sprach­lichen und stilistischen Ergebnisse eines Schaffens, das seit zweihundert Jahren (mit Ausnahme der Zwischenkriegszeit) im Untergrund entstand, immer in der Opposition zu den politischen Behörden, meistens im Dienste des Kampfes um die politische Unabhängigkeit oder die gesellschaftliche Gerechtigkeit. Trotz des politischen und gesellschaftlichen Drucks sicherten sich die polnischen Dichter einen besonderen Platz in der europäischen Literatur, auch wenn dieses Faktum einer Begründung be­dürfte. Im deutschen Sprachraum, ganz besonders in der Bundesrepublik Deutsch­land, entstand ein Plädoyer für eine den polnischen Schriftstellern gebührende Rolle auf der allgemeinen europäischen Literaturszene.



[1] Vgl.: "Es fehlt in der BRD (...) eine gute polnische Literaturgeschichte. Oft werde ich danach gefragt von interessierten Personen. (...) Soll ich ihnen die schon lange vergriffene Ausgabe der 115-seitigen Publikation von Julius Kleiner empfehlen (...) oder die genauso unerreich­bare Eidtion (...) "Geschichte der polnischen Literatur" von Karel Kreyči?" [In:] K. Staemm­ler, Fascynujące spotkanie z polską literaturą. [In:] "Literatura na świecie" 1974, nr. 7, S. 303.

[2] Heinrich Nitschmann (1826-1905), Übersetzer polnischer Poesie (vor allem der Anthologie "Polnischer Parnaß". Ausgewählte Dichtungen der Polen. Üb. von Heinrich Nitschmann. Nebst einem Abriß der polnischen Literaturgeschichte und biographischen Nachrichten, Brockhaus Leipzig 1875, die vier Auflagen erlebte) und Förderer der polnischen Schriftsteller und Dichter in Deutschland; als Verfasser der polnischen Literaturgeschichte, die einige Versionen und Ausgaben hatte, bemühte er sich, die "Perlen polnischer Poesie" - wie er eine seiner Poesiesammlungen polnischer Dichter nannte - (Brockhaus, Leipzig 1885), polnische Prosa und Dramatik den Deutschen zugänglich zu machen.

[3] Alexander Brückner (1856-1939) kann als Vater der modernen Slawistik und Polonistik "extra muros" angesehen werden. Als Literaturwissenschaftler wandte er sich vor allem der polnischen Literatur und Kultur zu. Umfangreiche Studien widmete er dem Schaffen von Jan Kochanowski, Mikołaj Rej, Wacław Potocki, Adam Mickiewicz, die bis heute nicht an Wert und Aktualität verloren haben. Nach jahrelangen Studien verfaßte er die Synthese "Geschichte der polnischen Kultur" ("Dzieje kultury polskiej"), die in Polen mehrmals herausgegeben wurde.

[4] M. Szyrocki, Aus der Geschichte der Rezeption polnischer Literatur in Deutschland. [In:] "Germanica Wratislaviensia" XXXII 1978, S. 123.

[5] Vgl.: Die Rezeptionsphasen der polnischen Belletristik nach 1945 in der DDR und in der Bundesrepublik Deutschland nach Heinrich Olschowsky. [In:] Das Ähnliche und das Ande­re. Polnische Literatur in der DDR. [In:] Die Rezeption der polnischen Literatur im deutsch­sprachigen Raum und die der deutschsprachigen in Polen 1945-1985, hrsg. von H. Kneip und H. Orłowski, Darmstadt 1988, S. 42-66; und nach Heinz Kneip, [in:] "Bollwerke gegen die Barbarei der Geschichte...". Polnische Literatur in der Bundesrepublik. [In:] Ebd., S. 18-30.

[6] M. Stütz, (Rez. von:) Dietger Langer, Grundzüge der polnischen Literaturgeschichte, Darm­stadt 1975. [In:] "Begegnung mit Polen" 1977, H. 4, S. 56.

[7] Siehe: German Ritz, Die polnische Prosa 1956-1976. Modellierung einer Entwicklung. Bern u.a. 1990. 1981 erschien in Köln "Geschichte der polnischen Literatur" von Czes³aw Mi³osz und drei Jahre später "Polnische Literatur 1863-1914" von Bonifacy Mi±zek in Wien.

[8] A. Jackiewicz, Die Wege der polnischen Nachkriegsliteratur. [In:] "Wort und Tat" 1947 (August), Nr.5, S. 7-19.

[9] O. Forst de Battaglia, Polnische Literatur gestern und heute. [In:] "Schweizer Rundschau". Monatschrift für Geistesleben und Kultur. Jg.1947, Nr.1947/48, S. 450-456.

[10] M. Reich-Ranicki, Die Rolle des Schriftstellers in Polen. [In:] Definitionen. Essays zur Literatur, hrsg. von A. Frisé. Frankfurt am Main 1963, S. 213-253.

[11] F. W. Neumann, Die polnische Literatur im XX. Jahrhundert. [In:] Osteuropa-Handbuch, hrsg. von W. Markert, Köln-Graz 1959, S. 586.

[12] H. Kneip, Die ideellen Tendenzen in der polnischen Gegenwartsliteratur. Ein Überblick. [In:] Gegenwartsliteratur in Osteuropa und der DDR, hrsg. von R. D. Kluge, München 1982, S. 60, 56-57.

[13] F. W. Neumann, "Das Tauwetter" [in:] Die polnische Literatur im XX. Jahrhundert ..., op.cit., S. 591-594.

[14] K. Dedecius, Das Nachwort. zu: Polnische Prosa des 20. Jahrhunderts. Ein Lesebuch, hrsg. von K. Dedecius, München 1969, S. 710.

[15] K. Dedecius, Frühlung im Oktober. [In:] Überall ist Polen, Frankfurt/Main 1974, S. 20.

[16] K. Staemmler, Das weiß-rote Wunder. Ein Versuch über die zeitgenössische polnische Li­teratur. [In:] "Hochland" 1963/64, Nr. 56, S. 243.

[17] K. Hartmann [In:] Literatur der Gegenwart. [In:] Polen, hrsg. von K. Hartmann, Nürnberg 1966, S. 224-228

[18] H. Kneip, Die ideellen Tendenzen in der polnischen Gegenwartsliteratur..., op.cit., S. 63.

[19] Ebenda, S. 63-67.

[20] K. Hartmann, Neue Strömungen in der polnischen Literatur seit 1956. [In:] "Osteuropa" 1959, Jg. 3, S. 610-611.

[21] K. Hartmann, Neue Strömungen in der polnischen Literatur seit 1956..., op.cit., S. 606-615.

[22] K. Staemmler, Das weiß-rote Wunder..., op.cit., S. 238.

[23] W. Helwig, Polnisches Schrifttum in dieser Zeit. [In:] "Merkur" (1959), Nr. 13, S. 985.

[24] Vgl.: die von K. Dedecius angeführten Stimmen westdeutscher Dichter zu seiner Anthologie "Lektion der Stille" [in:] Die polnische Poesie in Deutschland [in:] Überall ist Polen...., op. cit., S. 86-96.

[25] Ebenda, S. 85.

[26] K. Hartmann, Die junge Poesie in Polen. [In:] "Remter", Jg. .6, 1960, S. 97-101; derselbe, Neue Strömungen in der polnischen Literatur. [In:] Brücken zwischen Ost und West. Polen heute. Vorträge gehalten auf der Frühjahrestagung des Steinbacher Kreises in Bocholt 1961, Bocholt 1962, S. 49-75. Derselbe, Polnische Gegenwartsliteratur... op.cit., S. 236-238 und 241-245.

[27] H. Kneip, Die ideellen Tendenzen in der polnischen Gegenwartsliteratur... op.cit., S. 60, 63.

[28] G. Hagenau, Akropolis an der Weichsel. Zum Leben und Schaffen des polnischen Dramatikers Stanisław Wyspiański. In: "Maske und Kothurn" (Wien/Graz) 1958, H. 4, S. 258-262; D. Müller-Ott, Das polnische Theaterleben von 1944-1964. [In:] "Begegnung mit Polen" 1964, H. 5, S. 225-232; M. Jäger, "Nur noch die Farce ist möglich". Über Sławomir Mrożek und Stanisław Ignacy Witkiewicz. [In:] "Europäische Begegnung" 1966, Jg. 6, S. 301-305; H. Kunstmann, Das polnische Hörspiel. [In:] "Rundfunk und Fernsehen" (Hamburg) 1967, Nr. 2, S. 123-131; K. Hartmann, Das jüdische Theater in Polen nach dem Zweiten Weltkrieg. [In:] "Zeitschrift für Ostforschung" 1968, Jg. 17, S. 633-677; H. Kunstmann, Moderne polnische Dramatik, Köln-Graz 1965; A. Wirth, Nachwort zu: Modernes polnisches Theater 1, hrsg. von A. Wirth, Berlin (West) 1967, S. 311-322; und zu: Modernes... 2 op.cit., S. 235-246; I. Boll, Das polnische Theater. Tradition und Gegenwart, Köln-Graz 1965.

[29] A. Wirth, Nachwort zu: Modernes polnisches Theater 1, op.cit., S. 311.

[30] M. Reich-Ranicki, Die Rolle des Schriftstellers in Polen ... op.cit., S. 252

[31] G. Schlocker, Über Polen brütend. [In:] "Neue Deutsche Hefte" 1970, H. 2, S. 208-212. Vgl. auch: K. Scholle, Zeitgenössische polnische Autoren. [In:] "Leserzeitung" 1965, Jg. 6, Nr. 4, S. 7; auch: G. Portele, "diese mauer, die wir gemeinsam bauten". Zur Situation der polnischen Gegenwartsliteratur. [In:] "Die neue Furche" (Hamburg) 1964, H. 10, S. 685.

[32] Vgl.: K. Dedecius, Zwischen Zeit und Zeitung. Polnische Literatur der 70er Jahre. [In:] "Jahresring" (Jahrbuch. Beiträge zur deutschen Literatur und Kunst. Stuttgart) 1977/78, S. 237-238., S. 240-241; K. Hartmann, Literatur der Gegenwart ..., op. cit.., S. 245.

 

 
 
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