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Orbis Linguarum Vol.
20/2002
Elke Mehnert
(Hrsg.): Landschaften der Erinnerung. Flucht und Vertreibung aus deutscher,
polnischer und tschechischer Sicht. Lang: Frankfurt
a.M. 2001
Das
Problem der Flucht und Vertreibung deutscher Bevölkerung
nach 1945 ist seit einigen Jahren zum Gegenstand intensiverer
wissenschaftlicher Recherchen geworden. Der Band von
Elke Mehnert ergänzt die bisherigen Erkenntnisse - wie die Herausgeberin
dies selbst in ihrem Vorwort betont
- durch die imagologische Perspektive. Die Artikel
von deutschen, polnischen und tschechischen Autoren haben unter
anderem die Aufgabe, die bisherigen, vor allem "marxistischen
Deutungsmuster" zu relativieren.
Den
ersten Teil des Bandes, der synthetisierende und
einführende Beiträge enthält, eröffnet der Artikel
von Christoph Kleßmann, der einen "zeitgeschichtlichen
Abriß" der Problematik entwirft. In drei Teilen
nennt Kleßmann die wichtigsten Aspekte des bisherigen
Umgangs mit Flucht und Vertreibung in der ehemaligen
DDR, in der Bundesrepublik und in Polen. Kleßmann weist
auf die historischen Fakten
hin, zieht eine zahlenmäßige Bilanz
und zeigt überzeugend die Instrumentalisierung dieses
Abschnitts der deutschen, polnischen, weniger ausführlich
auch der tschechischen Geschichte zu politischen Zwecken.
Schon unterschiedliche Formulierungen in Ost und West
sind Signale einer ideologischen Funktionalisierung:
in der Bundesrepublik heißt es "Vertreibung"
, in der DDR "Umsiedlung", in Polen "przesiedlenie"
(ebenfalls Umsiedlung).
Earl
Jeffrey Richards setzt sich kritisch mit konkreten Werken auseinander und weist
nach, daß sich die Autoren, welche Flucht und Vertreibung
thematisieren - unabhängig von ihren ideologischen
Standorten - von den Stereotypen der deutschen
Identität nicht distanzieren können. Richards präsentiert
eine imagologische Analyse der Gedichte von Volker
Braun und Heinz Piontek sowie der Romane Missa sine
nomine von Ernst Wiechert und Kindheitsmuster
von Christa Wolf und zeigt, daß sie "an einer verklärten,
sublimierten Form des Deutschseins [festhalten], die
man als eine Suche nach dem besseren Deutschen bezeichnen
könnte." (S. 80) Somit werde auch das Leiden der
Naziopfer, vor allem der KZ-Häftlinge, durch das Leiden
der Vertriebenen relativiert. Allerdings bleibt es offen,
ob man in Richards Erkenntnissen ein Modell der Vertreibungsliteratur
erkennen kann. Ein kritischer Hinweis auf Hauptthesen
von Louis Ferdinand Helbigs Der ungeheure Verlust.
Flucht und Vertreibung in der deutschsprachigen Belletristik
der Nachkriegszeit könnte darauf hindeuten, jedoch
berücksichtigen Richards Beispiele nur einige mögliche
Perspektiven, welche die Vertreibungsproblematik fokussieren.
Eine
sehr komplexe komparatistische Darstellung der polnischen
und der deutschen Literatur, die die verlorene Heimat
problematisiert, entwirft Hubert Orłowski. Sein Ausgangspunkt ist die von Stefan Chwin erhobene Frage nach Tabuzonen der polnischen
Nachkriegsliteratur. Orłowski sucht nach solchen
Tabuzonen nicht nur in der Literatur, sondern auch
in der Literaturwissenschaft, die Flucht- und Vertreibung
thematisiert. Das zentrale und in der Literaturwissenschaft
bisher ausgesparte Problem der deutschen Katastrophe
von 1945 sei, so Orłowski, das Versagen der militarisierten
Männergesellschaft, das in der "Deprivationsliteratur"
zwar in Bildern als Botschaft enthalten ist, doch auf
der Reflexionsebene verdrängt wird. Wichtig und innovativ
sind Erkenntnisse, die sich aus dem Vergleich der polnischen
und der deutschen Vertreibungsliteratur ergeben. Sie
weisen auf die grundsätzliche Aporie einer möglichen
Verständigung zwischen zwei unterschiedlichen nationalen
Erfahrungen hin, die ja bei der ersten Annähreung durch
dasselbe historische Schicksal verursacht wurden. Orłowski
zeigt, in welcher Weise das deutsche "Erfahrungssyndrom
Flucht - Zwangsaussiedlung - Vertreibung"
in der Tradition der Heimatliteratur und "der konservativen
Kulturkritik" (S. 100) anzusiedeln ist, während
das polnische Erfahrungssyndrom aus den romantischen
Topoi schöpft. Verschieden sind auch die Verortungen
des Heimatbegriffes in der deutschen und in der polnischen
Literatur. Eine Überwindung der Verständigungsaporie
könnte von der von Orłowski zum Schluß thematisierten
jüngsten polnischen Literatur ausgehen, die sich den
heute polnischen Gebieten auch als "geschichtlichen
Kulturlandschaften der Deutschen" (S. 108) öffnet.
An den Artikel von Orłowski schließt sich der Beitrag
von Tadeusz Namowicz an (obwohl er im Band erst später
plaziert wird). Er interpretiert systematisch drei
Textsorten der deutschen Literatur über Flucht und Vertreibung:
Die "Erlebnisberichte", die auf Anregung des
Bundesministeriums für Vertriebene geschrieben und
als "dokumentarisches Material zur Darstellung
der Lage in Ostpreußen" (S. 171) veröffentlich
wurden, ferner die Zeitgenossenberichte, deren Autoren
aus größerer zeitlicher Distanz und auf höherer Reflexionsebene
über die Flucht aus Ostpreußen berichteten,
und schließlich die literarischen
Werke. Namowiczs Analysen polemisieren gegen die Thesen
Helbigs, der in der Vertreibungsproblematik eine wichtige,
auch ästhetisch bedeutsame Leistung der westdeutschen
Literatur sieht. Namowicz zeigt, daß auch die bekanntesten
Werke von Stereotypisierungen und ästhetischen Platitüden
nicht frei sind, allenfalls gewinnen die Zeitgenossenberichte
"an Bedeutung als Aufarbeitung und Bewahrung dessen,
was Ostpreußen einst war und was es uns heute, gleich
aus welchem Lande wir kommen, bedeuten kann."
(S. 186)
Über
interessante, denn heute offensichtlich vergessene
Varianten der literarischen Verarbeitung von Heimatverlust
schreibt auch Elke Mehnert aus ostdeutscher Perspektive.
Sie rekonstruiert den Umgang mit Vertriebenen versus
Umsiedlern in der DDR und weist auf, wie dieser Aspekt
der deutschen Nachkriegsgeschichte unter den Bedingungen
des real existierenden Sozialismus zu ideologischen
Zwecken instrumentalisiert wurde. Werke, die Mehnert
nennt, u.a. eine Erzählung von Anna Seghers, Komödien
von Helmut Baierl und Heiner Müller, zeigen keine Bilder
der Flucht und Vertreibung, sondern eine Integration
der Umsiedler(innen) in die sozialistische Gesellschaft
- das Versagen der Männergesellschaft wird auch
hier, obwohl unbeabsichtigt, thematisiert. Mehnert
betont, daß Schriftsteller, die selbst das Schicksal
der Vertriebenen erfuhren, erst nach der politischen
Wende ihre Erinnerungen enttabuisierten. Das Verschweigen
oder Verdrängen konnte allenfalls von einer Suche nach
Erinnerungsmustern und Erinnerungsstrategien ersetzt
werden. Das Beispiel Christa Wolf drängt sich hier
selbstverständlich auf.
Während
in der deutschen und polnischen Literatur - trotz
Tabuisierungen - ein reiches Spektrum an Aspekten
der Flucht- und Vertreibungsproblematik thematisiert
wird, ist - laut Václav Maidl - das Interesse
an diesem Teil der deutsch-tschechischen Geschichte
vergleichsweise gering. Maidl unterscheidet drei Entwicklungsstadien
der Annäherung an dieses Thema: den sozialistischen
Realismus vor 1956, die Zeit einer gewissen Auflockerung
zwischen 1956 und 1969 und die Zeit der "Normalisierung"
zwischen 1969 und 1989. Die besprochenen Textbeispiele
zeigen, daß die tschechische Literatur in der Tat keine
"Deprivationsliteratur" hervorgebracht hat
und das Problem der Sudetendeutschen eher marginalisierte.
Eine Ergänzung zu Maidls Artikel ist der letzte Beitrag
des zweiten Teiles von Lenka Vomáčkova und Pawel
Riha, der noch einmal zwei von Maidl bereits genannte
Werke bespricht, Durychs Bozi duha und Körners
Adelheid.
Den
ersten Teil des Bandes schließt der Beitrag von Jürgen
Joachimsthaler ab, der sich mit der "Semantik des
Erinnerns" in der "Deprivationsliteratur"
beschäftigt. Joachimsthaler geht von der ideologischen
Belastung der Vertreibungsproblematik aus und vom apriorischen
Revanchismusverdacht, der auf der Erinnerung an die
Landschaften der Kindheit und an die Heimat lastet.
Dies kann sowohl zur Verhärtung der Positionen im Sinne
einer konservativen Politik führen, als auch zum "politisch
korrekten" Verzicht auf die Erinnerung. Orłowskis
These von der Wiederholung der Muster der Heimatliteratur
in der deutschen "Deprivationsliteratur" bestätigt
sich bei der Lektüre des von Joachimsthaler gewählten
Textkorpus. Die Erinnerung sei vor allem an Landschaften
gebunden. Dabei multiplizieren die Bilder der verlorenen
Heimat meistens die Stereotype und die Tabus der NS-Zeit.
Landschaft sei "nicht unschuldig, Landschaftsbilder
sind es auch nicht" (S. 227), faßt Joachimsthaler
zusammen.
Der
zweite Teil des Bandes befaßt sich in meist
kürzeren Beiträgen mit der Vertreibungsproblematik
vorwiegend am Beispiel konkreter Texte. Im ersten Schritt
werden die Perspektiven der polnischen Bevölkerung
fokussiert. Und so stellt Marta Kowalczyk einige Werke
polnischer Autoren der jungen Generation vor (Waniek,
Tokarczuk, Zawada, Spychalski, Jasinski, Chwin), welche
die ehemaligen deutschen Städte, ihre jetzige Heimat,
Gdańsk, Wrocław und Olsztyn, als Orte einer
über alle nationalen Zugehörigkeiten erhabenen Schicksalsgemeinschaft
beschreiben. Kowalczyks Fazit, daß der deutsche und
der polnische Charakter dieser Orte "ein gemeinsames
Gut der Menschheit" (S. 236) sei, ist zwar etwas
pathetisch, doch der Hinweis auf den Paradigmenwechsel
in der jungen polnischen Literatur, auf die Befreiung
vom patriotisch-orientierten Leidensbewußtsein, ist
wichtig. Urszula Bonter bespricht Berichte von "Repatriierten",
die auf die Ausschreibung Die polnische Ansiedlung
in den westlichen und nördlichen Gebieten reagierten.
Die eingesandten Arbeiten befragt Bonter nach ihrer
Anteilnahme am deutschen Schicksal in den von repatriierten
Polen besetzten Gebieten. Den größten Textkorpus bilden
Texte, welche die deutsche Frage überhaupt nicht wahrnehmen, in der zweiten Textgruppe
wird die Anwesenheit der Deutschen lediglich zur Kenntnis
genommen und nur - laut Bonter - 10 bis15
Prozent aller Berichte dokumentieren eine Teilnahme
an der ihre Heimat verlassenden deutschen Bevölkerung.
Małgorzata Kalisz beruft sich auf die in Gazeta
Dolnośląska publizierten Erinnerungen
von Wrocławern, welche zu den einst Repatriierten
gehören sowie den bekannten Film von Sylwester Chęcinski
Sami swoi und schildert die Probleme der Integration
in der neuen Heimat. Kalisz scheint den Prozeß der Integration
als abgeschlossen zu sehen und betont die niederschlesische
Identität der Bevölkerung, die vor drei Generationen
atomisiert war und aus einheimischen und zugewanderten
Polen, Deutschen und Tschechen bestand.
Mit
der deutschen "Deprivationsliteratur" der
fortgeschrittenen Nachkriegszeit, der 70er, 80er und
90er Jahre, befassen sich die nächsten drei Beiträge.
Paweł Zimniak stellt am Beispiel der Werke von
Monika Taubitz einige strukturbestimmende Momente vor,
die für die ganze Vertreibungsliteratur signifikant
sein könnten. Zimniak betont, daß eine kritische Auseinandersetzung
mit der Erfahrung des Heimatverlustes erst dank einer
größeren zeitlichen Distanz möglich sei. Die vorwiegend
in den 70er Jahren entstandenen Werke von Taubitz wären
ein gutes Beispiel einer solchen individuellen, aber
auf eine kollektive Erfahrung hinweisenden Erinnerungsarbeit.
Den erfolgreichen Reportagenband von Klaus Bednarz
Fernes nahes Land. Begegnungen in Ostpreußen bespricht
Jürgen Klose. Er betont die regionale, zugleich aber
auch übernationale Bedeutung des Buches. Der "Europa-Hoffnung",
die der Bednarz-Band zu eröffnen scheint, steht Klose
allerdings etwas skeptisch gegenüber. Der Beitrag von
Thomas Krause beschreibt den Erzählband Und wenn
tausend Jahre vollendet sind sowie den Briefroman
Verloren ist kein Wort - Liebesbriefe aus schwerer
Zeit 1941-1950 der aus Schlesien vertriebenen Autorin
Barbara Suchner. Krause zeigt, wie die Traumata der
damaligen Zeit heute noch einer tieferen historischen
Reflexion im Wege stehen. Von einer solchen Belastung,
welche alle oben genannten Beiträge konstatieren, scheinen
auch Werke der Jugendliteratur nicht frei zu sein,
die Reiner Neubert bespricht.
Gabriela
Ociepas Artikel über Ernst Jüngers Aladins Problem
macht auf eine bisher in dem Band noch nicht besprochene
Kategorie der Literatur aufmerksam. Jüngers Roman wurzelt
nicht im authentischen Erlebnis der Vertreibung. Er
stützt sich lediglich auf Attribute der realen Wirklichkeit
und bemüht sich um eine Versöhnungsdimension, die allerdings
- dies entnimmt man Ociepas Darstellung -
an der Wiederholung nationaler Stereotype und einer
Entkonkretisierung politischer Konflikte scheitern muß.
Am
Ende des Bandes wurde von Thomas Krause, Elżbieta
Dzikowska und Viktor Viktora eine umfangreiche Bibliographie
zum Thema Flucht- und Vertreibung in der deutschen,
polnischen und tschechischen Literatur zusammengestellt.
Der
von Elke Mehnert herausgegebene Band berücksichtigt
ein sehr breites Spektrum von Aspekten, die für die
Problematik der Flucht und Vertreibung signifikant sind.
Wichtig sind die ideologische Vereinnahmung und Instrumentalisierung
dieses Themas, von denen sich die Autoren erst in den
90er Jahren allmählich befreien. Vor diesem Hintergrund
wäre es nun interessant, auch solche Werke zu besprechen,
die zwar den Heimatverlust als ein Thema problematisieren,
bis vor kurzem aber in anderen Kontexten interpretiert
und selten nur in den Zusammenhang von Flucht- und Vertreibung
gebracht wurden. Zu solchen Werken gehören, wie Hubert
Orłowski dies am Rande seines Artikels bemerkt,
erstrangige Romane der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur:
nicht nur Kindheitsmuster von Christa Wolf, die
im Zusammenhang mit der DDR-Literatur oft erwähnt wird,
sondern z.B. auch Die Blechtrommel von Grass,
Die Jahrestage von Johnson, Heimatmuseum von
Lenz, das von Namowicz bereits kurz besprochen wird.
Auch die Werke von Johannes Bobrowski oder von Horst
Bienek wurden bis auf kurze Erwähnungen in die Analysen
des Bandes nicht aufgenommen. Darüber hinaus wäre auf
die deutsche Literatur der Nachgeborenengeneration
hinzuweisen, in der die konservative oder von Sehnsucht
gezeichnete Sicht auf die Vertreibungsproblematik von
einem kritischen und distanzierenden Fokus ersetzt wird.
Hans Ulrich Treichels Der Verlorene oder W.G.
Sebalds Die Ausgewanderten könnten hier als Beispiele
dienen. Die von Sebald thematisierte Vertreibung von
Juden wurde in den 90er Jahren dann aus vielen Perspektiven
beleuchtet: von Ruth Klüger in weiter leben oder
auch von Norbert Gstrein in Die englischen Jahre.
Das aber hätte die thematischen Voraussetzungen des
Bandes sprengen müssen. Ein Folgeband in der hier angedeuteten
Weise wäre allerdings wünschenswert.
Joanna
Jabłkowska
Diese Rezension wurde von der Redaktion
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