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Orbis Linguarum Vol. 20/2002
Ulla Egbringhoff: Franziska zu Reventlow. Rowohlt Taschenbuch
Verlag, Reinbek bei Hamburg 2000, 158 S.
Franziska
zu Reventlow kann als eine der schillerndsten
Persönlichkeiten der Jahrhundertwende
betrachtet werden. Geboren 1871 und gestorben 1918,
lebte sie - so wie das Deutsche Kaiserreich - nicht lange, aber intensiv
und ständig nach neuen Eroberungsgebieten
suchend. Paradoxerweise ließ das Schicksal sie zur Welt
kommen und sich vom Diesseits verabschieden in den für
die deutsche Geschichte und Politik wichtigen Jahren,
obwohl sie sich für die Politik kaum interessierte.
Das Buch Franziska zu Reventlow von Ulla Egbringhoff
zeichnet ein buntes und facettenreiches Bild dieser
Frau, der Schriftstellerin, die nie Schriftstellerin
sein wollte, und der Malerin, die sich nie als Malerin
durchsetzen konnte. Ein tragisches Schicksal? Nein,
sie führte weder ein tragisches noch ein glückliches
Leben, hatte - wie jeder Mensch - ihre Freuden
und Ängste, erlebte Erfolge und Niederlagen, die sie
oft in
ihren literarischen Werken thematisierte. Diese
Werke können als eine tiefe Quelle der Informationen über sie, ihren Bekanntenkreis und ihre Zeit aufgefaßt
werden.
Franziska verkörperte einen neuen Frauentypus: hatte eigene
Wünsche und Lebenserwartungen, ließ sich nicht mit
einem ungeliebten Mann verheiraten, wählte sich selbst
Liebhaber und kämpfte selbst mit den finanziellen Problemen,
die sie ihr ganzes Leben lang plagten und die sie mit
Ironie und Humor zu bewältigen versuchte. Sie legte
keinen Wert auf körperliche Treue und plädierte für
eine volle Freiheit der Geschlechter. Ihr Kind erzog
sie selbst, ohne den Namen des Vaters zu verraten.
"Gleichzeitig erhob sie den Anspruch auf freie
Entfaltung ihrer Sexualität. Damit wurde Franziska
zu Reventlow zur Inkarnation der erotischen Rebellion"
oder der "sexuellen Revolution", (S. 8) meint
Egbringhoff. Franziska wurde zum Sinnbild einer "heidnischen
Heiligen", einer Hetäre und Mutter zugleich, und
"wurde somit die Personifikation ihrer Philosophie".
(S. 8) Einerseits suchte sie Freiheit, andererseits
sehnte sie sich nach Geborgenheit. Jene Ambivalenz
der Gefühle und Erwartungen schlug sich in ihren depressiven
Stimmungen und psychosomatischen Störungen nieder.
Ihr Leben bestimmten drei Hauptthemen, "Freiheit,
Liebe und Geld", (S. 11) die sich auch in ihren
literarischen Werken manifestieren.
Das
Buch von Egbringhoff stellt das Leben und Werk Franziskas
in drei Etappen dar. Im Kapitel Im Norden werden
ihre Eltern porträtiert. Die Autorin stellt hier fest,
daß die Beziehung Franziskas zu ihren Eltern nicht problemlos war: Sie "litt unter der Reserviertheit und der Zurückgezogenheit ihres Vaters, gleichwohl war die konfliktreiche Beziehung zur Mutter für ihre Kindheit
entscheidender".
(S. 15) Franziska ließ aus sich
keine "Tochter aus gutem Hause" machen, deswegen
wurde sie oft bestraft, fühlte sich ungeliebt und gedemütigt.
"Für das phantasiebegabte, lebhafte Kind Franziska wurden die Unterdrückung jeder freien
Regung, die Strenge und Engherzigkeit der Mutter zu
einer traumatischen Erfahrung", (S. 17) schlußfolgert Egbringhoff. Schließlich wurde das Mädchen an ein Mädchenpensionat in
Thüringen delegiert, wo sie - trotz eines von
ihr verursachten Skandals - bis zur Konfirmation
blieb. Nach der Rückkehr ins Husumer Elternhaus kristallisierte
sich ihr Wunsch heraus, Malerin zu werden, an welchem
die Mutter kein Gefallen fand. Nach der Pensionierung
des Vaters ging die Familie zu Reventlow nach Lübeck.
Die von Henrik Ibsen begeisterte Franziska
besuchte hier den Lübecker Ibsenclub und nach wie
vor beharrte sie auf dem Wunsch,
Malerin zu werden. Da die Ausbildung an einer Kunstakademie nicht in Frage kam, wollte sie ein Lehrerinnenseminar
absolvieren. "Durch ihre Freundschaft mit Emanuel
Fehling und ihre Teilnahme am Ibsenclub, aber auch durch
ihre Beschäftigung mit Kunst und Literatur und ihrem
Streben nach Bildung lehnte Franziska zu Reventlow
sich gegen das zeitgenössische Frauenbild auf, das
sie mit den Worten beschrieb, die Frau stelle doch nur
Wohnstubendekoration oder ein brauchbares Haustier
dar", (S. 34) behauptet Egbringhoff. Ihre Ausbildungszeit
im Seminar verkürzte zu Reventlow um ein halbes Jahr
und 1892 erwarb sie das Zeugnis der Befähigung
für den Unterricht an mittleren und höheren Mädchenschulen.
Als die Eltern von den bisher heimlich gehaltenen
Freundschaften unter anderen mit den Mitgliedern des
Ibsenclubs erfahren hatten, wurde sie in ein Pfarrhaus
in Adelby bei Flensburg geschickt, "wo sie Moral
und Haushalt lernen sollte". (S. 38) Sie
floh aus dem Pfarrhaus zu einer Freundin nach Wandsbek, wo sie vergeblich eine Anstellung suchte. Hier erfuhr sie von der schweren
Krankheit ihres Vaters. Da man ihr jedoch die Schuld
an der Erkrankung des Vaters gab, durfte sie ihn erst
nach seinem Tode sehen. Sie verlobte sich dann mit Walter
Lübke, der ihre künstlerischen Ambitionen verstand und
in ihren Wunsch einwilligte, nach München zu gehen,
um sich als Malerin ausbilden zu lassen.
Das nächste Kapitel des Buches unter dem Titel In Schwabing
ist jenem Aufenthalt gewidmet. In München angekommen
zog Franziska nach Schwabing. Die sich hier entwickelnden
"literarischen und kulturellen Strömungen resultierten aus den kontrovers diskutierten und sich zum Teil heftig widersprechenden Ideologien: von asketisch
lebenden Vegetariern wie Karl Wilhelm Diefenbach bis
zu Anarchisten wie Erich Mühsam oder der esoterischen
Kosmiker-Runde um Ludwig Klages. Alle zusammen bildeten
sie den legendären Mythos Schwabing",
(S. 45) stellt Egbringhoff fest. Zu Reventlow besuchte
hier eine international anerkannte Malschule, verfaßte
gleichzeitig kleine literarische Texte und stürzte sich
in das blühende Künstler-Bohčmeleben der Stadt.
Sie genoß ihre Freiheit und trotz ihrer Untreue Lübke
gegenüber löste sie die Verlobung mit ihm nicht auf.
Sie wurde schwanger und willigte endlich in die Heirat
ein. Kurz nach der Hochzeit erlitt sie eine Fehlgeburt,
wobei Lübke die wahre Ursache ihrer Krankheit nicht
kannte. "Ein
Grund für den nur langsam voranschreitenden
Genesungsprozess war vermutlich", so Egbringhoff,
"ihr innerer Zwiespalt: Einerseits respektierte und liebte sie ihren Mann, andererseits vermisste sie ihr ungebundenes Leben in München".
(S. 52) Die Ehe sollte dann nicht lange dauern. Lübke
reichte schließlich die Scheidung ein. Da die finanzielle Lage Franziskas nicht rosig war, entwickelte sie ein Improvisationstalent
und "versuchte sich in verschiedenen Gelegenheitsjobs".
(S. 55) Nach wie vor hatte sie verschiedene Liebesbeziehungen
und wurde zum zweiten Mal schwanger. 1897 gebar sie
ihren Sohn Rolf. Er wurde, behauptet Egbringhoff, "zur
einzig konstanten Bindung in Franziskas zu Reventlows
Leben". (S. 60) "Über die gesellschaftliche
Ächtung, die ihr von manchen Seiten als geschiedener
Frau und als Mutter eines unehelichen Kindes entgegengebracht
wurde, setzte sie sich hinweg und trat dem Spießrutenlauf mit Ironie
und Spott entgegen". (S. 60) Sie liebte ihren
Sohn und fühlte sich in der Rolle der Mutter sehr gut.
Dank Ludwig Klages wurde sie in den Kreis der Kosmiker
eingeführt und wurde "zur Personifikation der heidnischen
Heiligen" (S. 79) dieser Runde. Sie bildete
auch "einen eigenen Kreis um sich",
zu dem der polnische Kunstmaler Bohdan von Suchocki,
Franz Hessel, Herbert G. Koch und Oscar A.H. Schmitz
gehörten. Mit Hessel und ihrem Geliebten Suchocki wohnte
sie eine gewisse Zeit lang in einer Wohngemeinschaft.
Ihren Sohn unterrichtete sie selbst. Bald wurde sie
von Suchocki schwanger, erlitt aber eine Fehlgeburt.
Ihre Reisen führten sie schließlich in die Schweiz.
Im
nächsten Kapitel des Buches unter dem Titel Auf dem
Monte Veritá lernt der Leser die Geschichte der
Scheinheirat Franziskas mit dem baltischen Baron Alexander
von Rechenberg-Linten und ihre letzten Lebensjahre
kennen. Die aus finanziellen Gründen geschlossene
Scheinehe brachte nicht das ersehnte Geld mit sich.
Es kamen nächste Liebschaften und eine nächste Schwangerschaft,
die unterbrochen wurde. Nach dem Ausbruch des Ersten
Weltkrieges hatte Franziska Angst, daß Rolf eingezogen
werden könnte. Dies versuchte sie zu verhindern, was
ihr jedoch nicht gelang. Sie starb 1918 im Alter von
47 Jahren. Sie stürzte vom Fahrrad, erlitt innere Verletzungen
und mußte operiert werden. Während dieser Operation
starb sie an Herzversagen. So endete das Leben jener
mutigen und rebellischen Frau, die es wagte, eigene
Wünsche zu haben, und darauf beharrte, sie zu erfüllen.
Das
Buch ist reichlich, vor allem mit Fotos, illustriert
und mit zahlreichen Zitaten aus dem Werk zu Reventlows
versehen. Ein anderer Vorzug der Veröffentlichung besteht
in ihrer klaren, durchsichtigen Struktur, die die Lektüre
enorm erleichtert. Den oben dargestellten Kapiteln
schließen sich weitere Teile des Buches an, nämlich
Anmerkungen, Zeittafel, Zeugnisse,
Bibliographie und Namenregister. Die
Publikation schließen Informationen Über die Autorin
und ein Quellennachweis der Abbildungen. Die
Bibliographie besteht aus sechs Teilen: Bibliographien,
Werke, Autobiographien und Erinnerungen von
Zeitgenossen, Untersuchungen zu Franziska zu
Reventlow, Zum zeit- und kulturgeschichtlichen
Kontext, Fiktionale Darstellungen. Zur oben
erwähnten Durchsichtigkeit tragen nicht zuletzt Jahresangaben
bei, mit denen jede Seite versehen ist und die in derselben Farbe gedruckt sind
wie die ergänzenden Informationen (zusätzliche Zitate
über und von Franziska sowie biographische Angaben über
ihre Bekannten).
Immer
wenn man über eine so faszinierende Persönlichkeit
wie Franziska zu Reventlow liest, empfindet man ein
heftiges Verlangen nach ausführlicheren Einblicken in das geheimnisvoll anmutende Leben jener Gestalt. So ist es auch im Falle des Buches von
Egbringhoff, was jedoch nicht als Nachteil, sondern
eher als Vorteil betrachtet werden sollte. Eine Biographie
muß nicht alles sagen, und ihr Verfasser
ist nicht dazu verpflichtet, alle Geheimnisse zu enthüllen.
Eine Biographie und ihr Verfasser sollen eher zu einer
weiteren Auseinandersetzung mit der präsentierten
Gestalt und zur Suche nach weiteren Perspektiven ihres Verständnisses anregen.
Dieser Forderung wird die Publikation Egbringhoffs
bestimmt gerecht. Fraglos ist sie ein achtbarer und
begrüßenswerter Versuch, die Aufmerksamkeit der interessierten
Leser auf Franziska zu Reventlow, eine der berühmtesten
Rebellinnen der Jahrhundertwende, zu lenken.
Katarzyna
Grzywka
Diese Rezension wurde von der Redaktion
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