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Orbis Linguarum Vol. 20/2002
Mario Leis: Frauen um Nietzsche. Rowohlt Taschenbuch Verlag,
Reinbek bei Hamburg 2000, 155 S.
"Du
gehst zu Frauen? Vergiss die Peitsche nicht!".
Diese Worte spricht eine alte Frau in Nietzsches Also
sprach Zarathustra aus und sie, so Mario Leis, "[s]eit
über hundert Jahren stempeln den Philosophen (...) als
Frauenfeind ab". (S. 7) Jenes frauenfeindliche
Bild Nietzsches ist jedoch nur einseitig und geht über
die aus manchen Passagen seines Werkes klingende "Verherrlichung
der Frau" (S. 7) hinweg. In Wirklichkeit scheint
Nietzsches Verhältnis zu Frauen komplizierter und facettenreicher
zu sein. Jenem Verhältnis auf die Spur zu kommen, es
möglichst objektiv und den Tatsachen gerecht darzustellen,
ist das Ziel der im Rowohlt Taschenbuch Verlag erschienenen
Publikation mit dem knappen und zugleich viel sagenden
Titel Frauen um Nietzsche von Mario Leis.
Nietzsche
wird im Buch einerseits als ein "in den Elfenbeinturm
des Künstlers und Philosophen" (S. 8) Flüchtender
porträtiert, andererseits aber als Besucher von Bordellen,
in denen er sich vermutlich eine Syphilis zuzog, und
als ein sich nicht von Frauen und "vielleicht"
auch nicht von Männern fernhaltender Liebhaber. Einerseits als ein nicht genug
selbstgewisser und unbeholfener
Partner den Frauen gegenüber, andererseits als Autor
von Werken, in denen er sich sowohl für die Legalisierung
der Prostitution als auch für erotische Freizügigkeit
ausspricht. Ungeachtet dessen, ob er in seinem Leben
und Werk die Grenze der Perversion überschreitet oder
nicht, ist sein Verhältnis zu Frauen - so Leis
- "verkrampft" und "gründet in der
gesellschaftlichen Moral seiner Zeit und in seiner Kindheit".
(S. 10) Vom früh gestorbenen Vater verlassen wächst
er unter Frauen heran, zu denen seine Mutter Franziska,
Schwester Elisabeth, Großmutter Erdmuthe Nietzsche, seine unverheirateten Tanten Rosalie und Auguste Nietzsche
sowie die Haushaltshilfe Wilhelmine Arnold gehören.
(S. 11) Die Frauen überwachen ihn und versuchen aus
ihm einen "guten Christenmenschen" (S. 12)
zu machen. Von jener strengen Erziehung erhole sich
Nietzsche nie, behauptet Leis im ersten als Einführung
in die Problematik konzipierten Kapitel des Buches
Frauen um Nietzsche: "Sie lieben mich Alle".
(S. 13)
Das
zweite Kapitel Liebesverwandlungen: Auf der Suche
nach dem "Feenweibchen" ist Nietzsches
"erstem Gastspiel auf weiblichem Terrain"
(S. 18) gewidmet. Seine erste Liebesgeschichte, in
deren Mittelpunkt Anna Redtel steht, lehrt ihn, "wer
seine Gegner sind, wenn Frauen ins Spiel kommen: Mutter
und Schwester. Nietzsche wird vorsichtiger". (S.
21-22) Jene Vorsichtigkeit betrifft seine Schwärmerei
für die Schauspielerin Hedwig Raabe, der er sich jedoch
"nur schreibend, nur dichtend" (S. 23) nähert.
Die nächste Frau in seinem Leben ist die "hemmungslos
vom dionysischen Menschen begeisterte" (S. 23)
Rosalie Nielsen. Ihre Liebe lehnt Friedrich ab. Er entflammt
dagegen für Berta Rohr, die er sogar heiraten will.
Bald verzichtet er jedoch auf seine Pläne. Die nächste
Auserwählte ist Mathilde Trampedach. Nach ein paar
zusammen verbrachten Stunden schickt Nietzsche einen
Heiratsantrag an sie. Sowohl dieser Versuch als auch
die späteren scheitern. "Dieses Verhalten ist typisch
für den Philosophen. Es spiegelt seine Unsicherheit
im Umgang mit Frauen, die ihn interessieren, pointiert
wider. Er verhält sich derart spontan, dass seine Vorgehensweise
nur als skurril und wirklichkeitsfremd bezeichnet werden
kann". (S. 28) Leis behauptet, dass eine Ehe für
Nietzsche nicht in Frage gekommen sei, auch wenn er
zuweilen geglaubt habe, dass eine Gattin ihn von seinen
Krankheiten hätte heilen können. Die Ursache dafür habe
sowohl in seiner Unentschlossenheit als auch der "Antipathie
des Freigeistes gegen das Verheiratetsein" gelegen.
(S. 35)
Im
Kapitel Cosima Wagner: "Prinzeß Ariadne, meine
Geliebte" richtet Leis seine Aufmerksamkeit
nicht nur auf die Gestalt der Gattin Wagners, sondern
auch auf die Geschichte der Freundschaft zwischen den
Wagners und Nietzsche. Cosima bleibt für Friedrich bis
zu seinem geistigen Zusammenbruch die Verkörperung
eines Idealtyps der Frau. Sie, schreibt der Verfasser,
"ist die einzige Frau, von der er niemals wird
lassen können. Doch seine Zuneigung wird nicht belohnt".
(S. 36)
In
der Beziehung
zu Malwida von Meysenbug, die im Kapitel Malwina von Meysenbug und Maria Baumgartner:
"Ganz aus Mutterliebe bestehend" geschildert
wird, sucht Nietzsche - so Leis - die "Qualität
von Mutterliebe zu erfahren". (S. 51) Er hofft,
dass diese Liebe ihn emotional und intellektuell befriedigen
könnte. "Diese Seelenverwandtschaft gründet auf
Wagners Musik, Schopenhauers Philosophie, der Kampfgemeinschaft
für das Bayreuther Musikunternehmen, schließlich auch
auf Malwidas entspannt mütterlich-fürsorgende Art".
(S. 53) Auf Vorschlag Malwidas wird von ihr, Friedrich,
Albert Brenner und Paul Rée im Oktober 1876 in Sorrent
eine "intellektuelle Klostergemeinschaft"
(S. 55) gegründet, die jedoch bald, im Mai 1877, aufgelöst
wird. Nach der Auflösung der Geistesgemeinschaft bleiben
Friedrich und Malwida noch eine gewisse Zeit lang in
Kontakt. Auch von Marie Baumgartner erwartet Nietzsche
nichts mehr als mütterliche Liebe und Fürsorge. Beide
verbindet eine Verehrung der französischen Kultur, Marie
schlägt sogar vor, seine Werke ins Französische zu übersetzen.
Sie hört ihm aufmerksam zu, wünscht sich - obwohl
verheiratet - ein Liebesverhältnis mit ihm. Er verspürt
eine Seelenverwandtschaft, hält die Dame jedoch auf
Distanz. Marie, "die immer eine mitfühlende Zuhörerin
war", wird - konstatiert der Forscher - "überflüssig".
(S. 68)
Das Kapitel Lou Andreas-Salomé: "Ich bin nach dieser
Gattung von Seelen lüstern" schildert die Geschichte von Nietzsches Kampf
um Lou Andreas-Salomé. Friedrich
steht zwar von vornherein auf verlorenem Posten, kann
das aber nicht einsehen. Er hofft, liebt die schöne
Russin abgöttisch, will sie heiraten. Sie betrachtet
ihn als einen Lehrer und Meister. Er leidet und "vergoldet, (...) sublimiert sein Leid". (S. 90)
Die Arbeit am Werk Also sprach Zarathustra rettet
ihm das Leben. Diese Arbeit "lässt Friedrich Nietzsche
allmählich, auch wenn es noch ein paar emotionale Nachbeben
gibt, Lou Andreas-Salomé vergessen". (S. 90)
Nach
der Lou-Affäre lebt Nietzsche mehr zurückgezogen, was
jedoch nicht bedeutet, dass er auf die Kontakte mit
Frauen verzichtet. Nun umgeben ihn vor allem emanzipierte
Frauen: Resa von Schirnhofer, Meta von Salis-Marschlins,
Helene Druskowitz, von denen im Kapitel Hahn im Korb: "Man hat gut sich wehren gegen Frauen-Emancipation" berichtet
wird. "Der Umgang mit vornehmdistanzierten Frauen
befriedigt den Philosophen immer wieder, auch weil
von ihnen keine Gefahren drohen, die seine schöpferische
Kraft beeinträchtigen könnten", (S. 98) stellt
Leis fest. Eine Ausnahme bildet in dieser Hinsicht
Druskowitz, "die Nietzsche zur Weißglut treibt".
(S. 98)
Die
zwei letzten Kapitel, Franziska Nietzsche: "Meine
liebe Mamma!" und Elisabeth Förster-Nietzsche:
"Hilf mirs tragen und sinne auf Abhülfe",
setzen sich mit Nietzsches Beziehung zu seiner Mutter
und Schwester auseinander. Leis behauptet, dass Friedrich
zeitlebens unter Mutter und Schwester gelitten habe.
Er sei jedoch nicht imstande gewesen, mit ihnen zu brechen. Einerseits wird er dauernd überwacht, bekommt mütterliche Ermahnungen, wird ständig als Erziehungsobjekt betrachtet. Andererseits braucht
er aber die beiden Frauen als "Versorgungssystem".
(S. 109) "Eine wichtige Funktion dieses Versorgungsverhältnisses
ist der mit ihm verknüpfte Bestätigungsmechanismus:
Solange Nietzsche von der Familie beliefert wird, kann
er sich ihrer Liebe sicher sein". (S. 109) Friedrich
und Elisabeth sind von Kindheit an miteinander sehr
verbunden. Sie dient ihm, führt seinen Haushalt in Basel
und genießt das Leben als Schwester des bekannten Professors.
Er nennt sie Lama. Nach der Auflösung des
Haushalts in Basel zieht sie enttäuscht zu ihrer Mutter
nach Naumburg. Die kommenden Jahre bringen die Heirat
mit Dr.
Bernhard Förster, Försters kläglich gescheitertes
Projekt, eine Kolonie in Paraguay zu gründen, und schließlich
seinen Selbstmord. 1890 trifft Frau Förster-Nietzsche
in Naumburg ein. Nach dem geistigen Zusammenbruch Friedrichs
im Januar 1889 in Turin wird er in die psychiatrische
Klinik von Franz Overbeck in Basel eingeliefert.
Nietzsches Mutter kommt sofort nach Basel und beschließt, dass Friedrich in Professor Otto Binswangers Klinik in Jena behandelt werden soll. Dann
pflegt sie den in geistige Umnachtung gefallenen Philosophen
aufopferungsvoll bis zu ihrem Tod zu Hause. Franziska
kann dabei kaum auf Elisabeths Hilfe rechnen, "denn"
- schreibt Leist - "sie hat andere Pläne:
Sie möchte ihren Bruder vermarkten". (S. 119)
Elisabeth kümmert sich um die Entstehung des Nietzsche-Mythos.
Sie organisiert das Nietzsche-Archiv, schreibt eine
Nietzsche-Biographie, in der sie ihre Mutter "nur
als blasse unbedeutende Nebenfigur erwähnt", (S.
130) erkämpft sich die Rechte auf Nietzsches Werk. "Seinen Körper, den sie noch zu Propagandazwecken benötigt, bekommt sie nach dem Tod
der Mutter im April 1897". (S 130) Seit 1896 wohnt
Elisabeth in Weimar. Einige Monate später siedelt auch
ihr Bruder nach Weimar über. "Während im oberen
Stockwerk Friedrich Nietzsche vor sich hin vegetiert,
werden unten Empfänge gehalten. Auserlesenen Personen
wird ohne Skrupel das todkranke Ausstellungsstück vorgeführt.
(...) In Wirklichkeit lag in dem Zimmer ein aufgeschwemmter,
halb
bewusstloser Körper: sicherlich ein herzzerreißender
Anblick, aber alles andere als ein Götterschauspiel",
schreibt Leis. (S. 131, 132)
Da
Nietzsches Philosophie eine unüberwindliche Kluft zwischen
ihm und seiner Mutter und Schwester bildet, nimmt es
nicht wunder, dass Elisabeth mit seinem Werk skrupellos
umgeht. Sie manipuliert, begeht Fälschungen, schneidet
Fragmente der Texte heraus und konzipiert damit ein
nicht wirkliches Bild des Bruders und seiner Philosophie.
Nietzsche stirbt 1900, seine Schwester dagegen -
1935.
Dem
letzten Kapitel des Buches schließen sich Anmerkungen,
eine übersichtlich konstruierte Zeittafel, Zeugnisse
(von Hedwig Dohm, Resa Schirnhofer, Simone de Beauvoir,
Paul Deussen, Alfred Kerr, Thomas Mann, Arnold Zweig,
Elisabeth Förster-Nietzsche, Marie von Bradke, Carl
Albrecht Bernoulli, Ida von Miaskowski, Ida Overbeck,
Lou Andreas-Salomé), eine Bibliographie, ein
Namenregister, Informationen über den Autor
und ein Quellennachweis der Abbildungen an. Die
Bibliographie ist in sechs Teile gegliedert:
1. Nietzsche und die Frauen - Allgemeines,
2. Cosima Wagner, 3. Malwida von Meysenbug,
4. Lou Andreas-Salomé, 5. Franziska Nietzsche,
6. Elisabeth
Förster-Nietzsche. Jeder Teil der bibliographischen
Hinweise besteht jeweils aus Primär- und Sekundärliteratur. Der
an weiteren Forschungen interessierte Leser hat also
sicherlich keinen Grund zur Enttäuschung.
Hervorzuheben ist die flüssige, einprägsame Erzählweise, durch die sich das Buch auszeichnet und die die Lektüre des Werkes in großem Maße erleichtert. Die Veröffentlichung
ist darüber hinaus auf einem hohen Niveau ediert und
reichlich illustriert. Einen großen Vorzug des Buches
machen die informativen, nicht unmittelbar zum Haupttext
gehörenden Zeittafeln und Auszüge der Werke und Briefe
Nietzsches und seiner Zeitgenossen aus.
Leis
schafft in seinem Buch überzeugende Portraits von Nietzsche
und den ihn umgebenden Frauen. Er malt
sie konzis und zugleich mit großer Akribie. Von der
ersten bis zu der letzten Seite der Publikation bleibt
der Autor bei seinem Vorsatz, das "verkrampfte"
Verhältnis Nietzsches zu Frauen möglichst objektiv
darzustellen, ohne es auf die oben zitierten Zarathustra-Sätze
zu reduzieren. In seiner Auffassung ist Nietzsche kein
Frauenfeind, sondern ein Mann und Philosoph, der sich
von den ihn umgebenden Frauen verehren, betreuen, lieben
und ausnutzen lässt. Ein anschauliches und vertrauenerweckendes
Bild.
Katarzyna
Grzywka
Diese Rezension wurde von der Redaktion
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