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Orbis Linguarum Vol. 20/2002
Rudolf Lenz
Marburg
Schlesische Impressionen
Folge 7
Am 20. Mai 1991, an einem
heiteren Montagmorgen, brachen der Berichterstatter
und zwei seiner Mitarbeiter, Eva-Maria Dickhaut und
Gerd Kanke, zur siebten Reise nach Schlesien und Südostpolen
auf. Wiederum galt unser Interesse den gedruckten frühneuzeitlichen
Leichenpredigten schlesischer Provenienz, die im Verlaufe
des Zweiten Weltkrieges und während der Ereignisse der
Nachkriegszeit bis in die Archive und Bibliotheken
des östlichen Schlesiens und Kleinpolens ausgelagert
bzw. verstreut worden waren. Besucht werden sollte
vornehmlich das Staatsarchiv in Krakau (Kraków) mit
den Filialarchiven Bochnia und Tarnau (Tarnów), deren
Besuchsgenehmigungen von der staatlichen Archivverwaltung
in Warschau (Warszawa) endlich wenige Tage vor der
Abfahrt in Marburg eingetroffen waren. Selbstverständlich
sollten auch die Krakauer und Teschener Bibliotheken
intensiven Recherchen unterzogen werden.
Unübersehbar waren die durch
die am 3. Oktober 1990 vollzogene Wiedervereinigung
eingetretenen Veränderungen an den ehemaligen Grenzkontrollstellen
in Herleshausen und Wartha. Zwar waren wir bei der
vorangegangenen Fahrt nach Polen weder an der einen noch an der anderen kontrolliert
worden, hatten aber noch durch die Kontrollstellen fahren müssen. Ebenso mußten wir auch den längeren
Weg um den »Thüringer Zipfel« herum nehmen. 1991
war beides nicht mehr nötig. Heftig wurde am Ausbau
der Autobahn zwischen Herleshausen und Eisenach gearbeitet.
Eine Spur war bereits befahrbar, so daß der rund dreißig
Kilometer lange Umweg entfiel. Die Kontrollstelle
in Herleshausen wurde gerade abgebrochen, wohingegen
diejenige in Wartha zu einer Rast- und Tankstation umgebaut
wurde. Nach noch nicht vierstündiger Fahrzeit - auch
im Mai 1991 war die Autobahnstrecke zwischen Eisenach
und Dresden bzw. Görlitz noch immer ein weitgehend
rechtsfreier Raum, in dem sich keinerlei staatliche
Organe tummelten, die in irgendeiner Form für Recht und Ordnung gesorgt hätten - erreichten wir mit unserem
Mietwagen, einem VW Passat-Variant, die Dependance
in Dresden, die Forschungsstelle für Personalschriften
an der Technischen
Universität Dresden. Auch sie war ein Ergebnis der
Wiedervereinigung Deutschlands. Um die Jahreswende 1990/91
als »wiedervereinigungsbedingte Erweiterung« der Marburger
Forschungsstelle eingerichtet, hatte sie mit fünf Mitarbeitern
am 15. April 1991 die Arbeit aufgenommen. Den
Mitarbeitern oblag und obliegt es, die Leichenpredigten
in Sachsen, im Kernland der Reformation, zu erschließen
und auszuwerten. Nach einer einstündigen Pause in unseren
Räumen in der Nöthnitzer Straße, während der Bücher
und Büromaterial übergeben wurden, fuhren wir weiter
gen Osten. Auch an der teils einspurigen Autobahn
zwischen Dresden und Bautzen, die aufgrund ihres Zustandes
stellenweise nur mit einer ‚Geschwindigkeit‘ von zehn
Kilometern pro Stunde befahren werden konnte, wurde
intensiv gebaut. Nach einem Tankstop in Bautzen überquerten
wir ohne größere Kontrolle die deutsch-polnische Grenze
in Görlitz, die auf deutscher Seite von eigenwillig
uniformierten Grenzern bewacht wurde. Zur Hose einer
ehemaligen DDR-Uniform trug der eine die Jacke des
Bundesgrenzschutzes, wohingegen die Jacke des anderen
noch aus DDR-Beständen stammte, die Hose allerdings
bundesrepublikanischer Herkunft war. Der in der polnischen
Grenzstation vorgenommene Umtausch zeigte, daß die
Inflation in Polen weiter vorangeschritten war. Erhielten
wir im Jahr 1990 für eine D-Mark noch 5.800,- Zł.,
so waren es 1991 in der staatlichen Wechselstube in
Zgorzelec bereits 6.200,- Zł. Diese benötigten
wir auch alsbald dringend, da der Berichterstatter vor
Bunzlau in einer Überholverbotszone, die als solche
kaum zu erkennen gewesen war, einen Traktor überholt
hatte und dieses Vergehen an Ort und Stelle mit 20.000,-
Zł. gebüßt werden mußte. Ohne weitere Zwischenfälle
erreichten wir gegen Abend Breslau und bezogen unsere
Zimmer im Kloster der Grauen Schwestern von der heiligen
Elisabeth auf der Dominsel. Ein
gemeinsames Abendbrot mit Prälat Dr. Józef Pater und
ein Rundgang durch den blühenden Klostergarten
sollte eigentlich den ersten Tag unserer jüngsten Schlesien-Reise
beschließen, als uns bei einem Glas Wein Bruder Józef
den, wie er sagte, »gerade fertiggestellten Katalog einer
kleinen Büchersammlung in Oels«
zur Überprüfung auf Leichenpredigtenvorkommen
überreichte. Wir waren völlig überrascht, als wir feststellen
mußten, daß dieser ‚Katalog‘ das Inventar der Schloßkirchenbibliothek
zu Oels (Olesnica) umfaßte, das Marta Samocka, die
Leiterin der Abteilung
‚Alte Drucke‘ der Universitätsbibliothek Breslau, angefertigt
hatte. Über Jahre hatten wir vergeblich nach dieser
Bibliothek in Oels gesucht und 1990 unsere Bemühungen
eingestellt, da wir immer wieder hören mußten, daß
es in der Schloßkirche zu Oels keine Bibliothek gäbe. An anderer
Stelle ist die Restaurierung dieser letzten
noch erhaltenen schlesischen Kettenbibliothek ausführlich
dargestellt. [1] Noch am selben Abend überprüften
wir den Katalog und übergaben am nächsten Morgen Bruder
Józef eine Liste der zu verfilmenden Stücke.
Der Vormittag
des kühlen und regnerischen Dienstag (21. Mai) diente
dazu, die für Marian Szyrocki und die Universitätsbibliothek
mitgeführten Bücher abzuliefern, die als Entgelt für
die in der Bibliothek bestellten Mikrofilme dienten.
Da in der Bibliothek auf der Sandinsel keine Verantwortlichen
anwesend waren, brachten wir die Bücher in die Zentrale
der Universitätsbibliothek, in die ul. Szajnochy, den
ehemaligen Roßmarkt, wo wir bereits vom Leiter des
universitären Exportbüros, Dr. Jan Morawiec, erwartet
wurden. Nach der Übergabe der Bücher und der Mängellisten
sowie der Einzahlung des Restbetrages für die Mikrofilme
begaben wir uns gegen Mittag auf die Weiterreise nach
Kattowitz (Katowice), die wir in Oppeln (Opole) kurz unterbrachen, um hier in der Woiwodschaftsbibliothek
vom Vizedirektor Roman Sękowski zu erfahren,
daß die von uns bestellten Mikrofilme angefertigt
worden seien. Am späten Nachmittag erreichten wir unsere
Unterkunft in Kattowitz, das Kloster der Grauen Schwestern
von der heiligen Elisabeth, wo wir bereits erwartet
und freundlich aufgenommen wurden. Nach einem stärkenden
Mittagessen teilten uns die besorgten Schwestern mit,
daß ihr Partnerkloster in Krakau, in dem wir in den
nächsten beiden Wochen untergebracht werden sollten,
Probleme mit der Wasserversorgung habe und Gäste zur
Zeit nicht aufnehmen könne. Nach langen Telefonaten
gelang es den Schwestern aber, eine Unterkunft in der
Benediktinerabtei Tyniec, zwölf Kilometer südwestlich
von Krakau auf einem Kreidefelsen über der Weichsel
gelegen, zu vermitteln. Am Morgen des folgenden Tages,
eines kühlen und regnerischen Mittwoch, erreichten
wir nach einstündiger Fahrt die Abtei, nachdem auf
den letzten Metern der Autobahn vor Krakau noch ein
Lastwagen seine Ladung unmittelbar vor uns verloren
hatte. Der Abt und der für die Gästebetreuung zuständige
Bruder nahmen uns bis zum Ende des Monats Mai in die
Obhut der Abtei. Nach der anschließenden Anmeldung in
der Jagiellonen-Bibliothek in Krakau fuhren wir nach
Kattowitz zurück, wo wir in der Schlesischen Bibliothek
die im vergangenen Jahr bestellten Filme abholten. Bei
einem Besuch in der Abteilung ‚Alte Drucke‘ mußten
wir feststellen, daß die Integration der Beuthener
Bestände keinerlei Fortschritte gemacht hatte.
Nach den üblichen
Formalitäten und dem Empfang eines Referenzschreibens
für den Abt von Tyniec verließen wir das Kattowitzer
Kloster der Grauen Schwestern und begaben uns in unsere
neue Bleibe, hoch über der Weichsel gelegen. Ein freundlicher
Empfang im Kloster, der in eine Plauderstunde im ‚Sprechzimmer
in den Ruinen‘ mündete, ließ uns mit der Geschichte
der Abtei vertraut werden, deren ruinöse Vergangenheit
noch allenthalben sichtbar war. Rund fünfzig Benediktiner-Patres
und -Fratres lebten im Frühjahr 1991 in dem zwischen
1044 und 1075 gegründeten Kloster, das auf eine recht
wechselvolle Vergangenheit zurückblicken konnte. Wiederholt
war die Abtei zerstört worden, um 1816 gänzlich aufgehoben
zu werden. Nach einem
kurzen jesuitischen Zwischenspiel zerstörte ein durch
Blitzschlag hervorgerufenes Feuer 1831 sämtliche
Klostergebäude. Nur die Kirche wurde als Gemeindekirche
des Dorfes Tyniec wieder aufgebaut. In der zweiten Hälfte
des 19. Jahrhunderts dienten die Reste der Klosteranlage
als Steinbruch für die umliegenden Dörfer. Unmittelbar
vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges im Jahre 1939 wurden
die Ruinen mit acht Benediktinern erneut besetzt, die
mit dem Wiederaufbau der Anlage begannen, der allerdings bis heute noch nicht
abgeschlossen ist. Auch während unseres
Aufenthaltes waren ständig kleinere Bauarbeiten im Gange.
Untergebracht
waren wir in schlichten, sauberen Zimmern im Gästeflügel
des Klostergebäudes, während Frühstück und die Mahlzeiten
vor dem Refektorium der Mönche im Sprechzimmer stattfanden. Um dieses zu erreichen, überquerten
wir den weitläufigen Klosterhof mit dem mittelalterlichen
Ziehbrunnen und gelangten nach der Passage
einiger noch nicht wiederhergestellter Räume an den
Ort der Nahrungsaufnahme, die häufig mit dem
die Gäste betreuenden Bruder erfolgte. Ein Charakteristikum
dieses Klosters war die allenthalben zu beobachtende
Bescheidenheit. Die wiederhergestellten Klostergebäude
waren sehr bescheiden und zum Teil in die Ruinen hineingebaut,
der südliche Teil der Anlage war ebenso wie der der
Weichsel zugewandte noch nicht wiederhergestellt.
Die Patres und Fatres, mit denen wir Kontakt hatten,
zeichneten sich durch Zurückhaltung und Bescheidenheit
aus, ebenso wie deren Mahlzeiten, ob Frühstück,
Mittag- oder Abendessen, die zumeist aus Tee, Graupensuppe,
Brot, Pflaumenmus, Butter und Weißkäse bestanden.
Die Zutaten zu den Mahlzeiten wurden überwiegend im
Kloster produziert.
Nach der Plauder- und
Kaffeestunde fuhren wir gemeinsam mit unserem Betreuer
zur Jagiellonen-Bibliothek, um unser Forschungsvorhaben
dem Direktor Dozent Dr. habil. Jan Pirozynski, dem
früheren Leiter der Abteilung ‚Alte Drucke‘, vorzutragen.
Direktor Pirozynski hatte bereits sechs Sammelbände,
die aus der ehemaligen Preußischen Staatsbibliothek
zu Berlin stammten, zur Durchsicht vorbereitet. 405
Leichenpredigten ermittelten wir, um anschließend
den Alphabetischen Katalog der Abteilung ‚Alte Drucke‘
stichprobenartig durchzusehen. Am späten Nachmittag
tankten wir an der Tankstelle am Hotel Holiday Inn,
der einzigen Tankstelle in Krakau, die bleifreien Treibstoff
führte, und kehrten in ‚unser‘ Kloster zurück.
Nach einer kalten Nacht, in der es sogar Nachtfrost gegeben hatte, und
nach dem klösterlichen Frühstück
begaben wir uns am Freitagmorgen, dem 24. Mai 1991,
wiederum in die Jagiellonen-Bibliothek, um weitere
Sammelbände auf das Vorkommen von Leichenpredigten
zu überprüfen. Nach der ergebnislosen Suche und nachdem
die Bibliothek geschlossen worden war, nutzten wir den
verbleibenden Nachmittag zum Besuch des nahe bei Krakau
gelegenen Salzbergwerkes Wieliczka, von dessen Existenz
wir bereits im Zusammenhang mit dem Salzmarkt, dem heutigen
Plac solny in Breslau, gehört hatten. Ein ratternder,
altertümlicher Aufzug brachte uns mit weiteren zwei
Dutzend Besuchern in das in rund 135 Metern Tiefe gelegene
Besucherbergwerk, in dem wir uns über zwei Stunden aufhielten,
die Fördertechniken in Göpel- und Haspelanlagen sahen
und mehrere Salzdome, eine Kapelle und schließlich
auch ein Sportstadion, alle in Salz gehauen, durchwanderten.
Dieses älteste, noch in Betrieb befindliche Salzbergwerk
mit seinen rund 200 Kilometern langen Sohlen, deren
tiefste in 327 Metern Tiefe liegt, wurde 1978 von der
UNESCO in das zu schützende Weltkulturerbe aufgenommen.
Ein Abendessen im an der Weichsel gelegenen Hotel Forum
beschloß den Tag.
Vor Jahren
schon hatte uns Prinzessin Margaret von Hessen und bei
Rhein gebeten, während unserer Schlesienaufenthalte
auch ein Augenmerk auf Kunstgegenstände zu richten,
die sich bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges in ihrem
in der Nähe von Hirschberg (Jelenia Góra) gelegenen
Schloß Fischbach (Karpniki) befunden haben. Erkundigungen
in Breslau hatten ergeben, daß in einem Schloß in der
Tatra in den Nachkriegsjahren ein Depot schlesischer
Kunstgegenstände eingerichtet worden sei, in denen
wir fündig werden könnten. Deswegen begaben wir uns
am Samstag, dem 25. Mai, über Rabka und Nowy Targ nach
Schloß Niedzica, das eben diese Sammelstelle sein sollte.
Nach einer zweistündigen Fahrt erreichten wir das Schloß,
dessen Kurator, Dr. Stanisław Michalczuk, uns bereitwillig
durch die Depoträume führte, nachdem er sich versichert
hatte, daß Prinzessin Margaret lediglich den Aufenthaltsort
der Gegenstände ihres Schlosses wissen wollte und
keineswegs irgendwelche Restitutionsabsichten hegte.
Gemeinsam stellten wir Porträts von Friedrich dem Großen und seiner Frau sowie Miniaturen
und weitere Kunstwerke fest, die eindeutig einmal
nach Schloß Fischbach gehört hatten. Wir durften die
Gegenstände fotografieren und fuhren später weiter
in die Tatra bis an die Grenze zur Tschechoslowakei.
Auf dem Rückweg nach Krakau besuchten wir den bekannten
Wintersportort Zakopane, um am Abend wohlbehalten in
Tyniec anzugelangen.
Nach dem nahrhaften
klösterlichen Frühstück nutzten wir den zunächst kühlen
und regnerischen Sonntag, den 26. Mai, zu einem Besuch
der polnisch-ukrainischen Grenze, um Medyka
und auch dazu Galizien, das uns bislang fremd geblieben
war, kennenzulernen. Über Wieliczka und Bochnia, den
Städten mit den weltbekannten Salzbergwerken, ging die
Fahrt auf der vorzüglich ausgebauten Europastraße Nr.
40 gen Osten. Die Straße erforderte die volle Aufmerksamkeit
des Fahrers, denn sie verläuft über weite Strecken pfeilgerade.
Gelegentlich wurde die Eintönigkeit durch meterhohe
Bodenwellen unterbrochen, bei deren Überfahren das Fahrzeug
zu fliegen schien. Am frühen Nachmittag erreichten wir
die Grenzstation und waren überrascht und entsetzt
zugleich, da sich vor der Grenze ein mehrere Kilometer
langer Rückstau, darunter zahlreiche Lastwagen und
Busse, gebildet hatte. Wie uns die dort Wartenden berichteten,
dauerte der Aufenthalt an der Grenze einige Tage unter
unvorstellbaren hygienischen Bedingungen. Zusätzlich
erschwert wurde er noch durch die sommerliche Hitze,
die uns seit Jarosław begleitete. Einige hundert
Meter vor der Grenze ließen wir den Wagen unter Aufsicht
stehen und gingen parallel zur Fahrzeugschlange
in die Grenzstation, wo uns das Fotografieren untersagt,
die Benutzung einer ukrainischen Toilette hingegen gestattet
wurde. Nach einigen Aufnahmen mit versteckter Kamera
im Grenzbereich gingen wir die Straße, an der jegliche
hygienische Einrichtungen fehlten und die sich in einem
unvorstellbaren unhygienischen Zustand befand, zu
unserem Fahrzeug zurück. Anschließend besuchten wir
Przemyśl, die am San gelegene Hauptstadt der gleichnamigen
Woiwodschaft. Die
Bedeutung der Stadt als Festung, die im Ersten Weltkrieg
heftig umkämpft war, ist auch heute noch deutlich
sichtbar. Wir besuchten das Schloß,
den Dom und den Ring und genossen den Blick in die San-Ebene.
Erst in Łancut legten wir wieder eine kurze Pause
ein, um das prächtige Schloß anzusehen, die ehemalige
Residenz der Familien Lubomirski und Potocki, die im
17. Jahrhundert durch eine sternförmige fünfzackige
Bastei gesichert, um im 19. Jahrhundert in eine moderne
Residenz umgewandelt zu werden. Zwanzig Kilometer weiter
westlich hielten wir in Rzeszów, einem ehemals mittelalterlichen
Handelsplatz an der bedeutenden West-Ost-Transversale
Antwerpen-Köln-Leipzig-Breslau-Krakau-Schwarzes Meer.
Wir besichtigten das prachtvolle Lubomirski-Schloß
sowie das Bernhardiner- und das Piastenkloster, um am frühen Abend in Tarnau eine
letzte Station einzulegen. Die Stadt war einst Sitz
der mächtigen Adelsfamilie Tarnowski, die ihre Grablege
in der Kathedrale hat. Eine Ringstraße, den ehemaligen
Verteidigungsanlagen folgend, schließt den mittelalterlichen Stadtkern ein, der auch gegenwärtig
noch den Charme einer ehemaligen Stadt der k.u.k.-Monarchie
verströmt und der durch das Rathaus und die Lauben
der Patrizierhäuser geprägt wird. Heute ist Tarnau ein
Industriezentrum mit bedeutenden Chemiewerken. Über
Brzesko, einer Stadt, in der das bekannte Bier Okocim
gebraut wird, erreichten wir am späten Abend wieder
das Kloster, in dem uns der freundliche Küchenfrater
noch mit einem Imbiß verköstigte.
Pünktlich
um neun Uhr waren wir am nächsten Tag (27. Mai) zur
Öffnungszeit in der Czartoryskich-Bibliothek, die zum Nationalmuseum
gehört. Auch hier bilden die Leichenpredigten keinen eigenständigen Bestand, sondern müssen über die
Durchsicht der
Katalogkarten des Alphabetischen Kataloges ermittelt
werden. Freundlich und hilfsbereit unterstützten
die Mitarbeiter unser Bemühen. Nur an eine Verlängerung
der Öffnungszeiten, wie wir es in anderen Bibliotheken
erlebt hatten, war nicht zu denken. Außerdem
teilten uns die Bibliothekare schon zu Beginn der Tätigkeit
mit, daß die Mikrofilmaufnahmen in Dollar abgerechnet
werden würden und daß die Aufnahmegeräte völlig veraltet seien. Bis um 15 Uhr,
dem Zeitpunkt des Schließens der Bibliothek,
hatten wir aus 48 Katalogtrögen mit rund 20.000 Katalogkarten
321 Stücke ermittelt, die ausgehoben wurden, so daß
wir 3.368 Seiten feststellen konnten, deren Verfilmung auf 1.684 Mikroaufnahmen
wir noch bestellten. Nach einem Bummel über
den Ring und durch die Tuchhallen fuhren wir zum Tanken
zum Hotel Holiday Inn und weichselaufwärts zurück zum
Kloster, wo wir gemeinsam
mit unserem Betreuer das Abendbrot einnahmen und Episoden
aus dem Klosterleben erfuhren.
Auch der nächste Tag sah uns wieder in der Czartoryskich-Bibliothek, das
seine Öffnungszeiten von
neun bis 15 Uhr pünktlich einhielt, so daß unsere Arbeit
dort nicht im üblichen Maße
vorangetrieben werden konnte. Dennoch hatten wir bis
15 Uhr drei Viertel des Kataloges durchgesehen, ohne auf weitere
nennenswerte Leichenpredigtenbestände zu stoßen. Nach der Rückkehr ins Kloster fuhren wir
gemeinsam mit unserem Betreuer in das jenseits der
Weichsel gelegene Kamaldulenser-Kloster (Klasztor Kamedułów), um es einer eingehenden Besichtigung
zu unterziehen. Der Kamaldulenserorden ist aus der
kirchlichen Reformbewegung des 11. Jahrhunderts auf
der Grundlage der Benediktinerregel entstanden und verbindet
das Einsiedlerleben mit dem in der Gemeinschaft. Empfangen
wurden wir von einem freundlich lächelnden, bärtigen
und weitgehend zahnlosen Frater, der den Pfortendienst
versah und zugleich Führungen durch die Anlage vornahm.
Mit zahlreichen Gesten teilte er unserer Kollegin mit,
daß weibliche Personen weder die Klausur noch das Kloster
betreten dürften, so daß sie im Pfortenbau auf unsere
Rückkehr warten mußte. Zunächst sahen wir die Klosterkirche,
deren hohe mit barocken Hauben versehenen Türme weit
in der Weichselebene zu sehen sind. Nur einmal im Jahr
- zu Weihnachten - wird das Gotteshaus für öffentliche
Gottesdienste geöffnet. In der Krypta der Kirche befinden sich die Grabstätten der Mönche,
schmale in die Wände eingelassene Grabkammern,
in die die Leichname auf einem Brett hineingeschoben
und anschließend vermauert werden. Hinter der Kirche
in einem unzugänglichen Garten befindet sich die Einsiedelei.
Jeder Mönch lebt in einem Häuschen, seiner Einsiedelei,
und verläßt es nur zu dem ein- oder zweimal im Jahr
stattfindenden Konvent. Die täglichen Mahlzeiten erhalten
die Einsiedler aus der Klosterküche. Sie werden wortlos
in eine Klappe der Einsiedeleien gestellt. Der große
Klostergarten dient der Versorgung der Klosterinsassen.
Auch die Wirtschaftsgebäude, eine Remise und eine Schmiede,
die ihre besseren Tage im vergangenen Jahrhundert erlebt
hatten, offenbarten die Bedürfnislosigkeit und die
Armut, in der die Patres und
Fratres lebten und dennoch - wie der Pfortenbruder
- ihre Fröhlichkeit bewahrt hatten. Sehr bewegt und
nachdenklich verließen wir das Kloster, gelangten wieder
ins 20. Jahrhundert und fuhren mit unserem VW-Passat
in die Benediktiner-Abtei zurück.
Der nächste
Tag, der Mittwoch, der 29. Mai, diente dazu, unsere
Arbeiten in der Czartoryskich-Bibliothek abzuschließen
und sowohl die Ermittlungsarbeiten in der Bibliothek
der Polnischen Akademie der Wissenschaften als auch
im Staatsarchiv mit seinen Filialarchiven in Bochnia
und Tarnau aufzunehmen. Trotz eines früheren Hinweises, daß in den letztgenannten Instituten unsere
Quellen vorhanden seien, konnten wir kein Stück feststellen. Umso erfolgreicher war unsere Arbeit in der
PAN-Bibliothek, die wir zwar um 15 Uhr wie üblich
beenden mußten, sie aber von 17 bis 20 Uhr fortsetzen
konnten. Unterbrochen wurden sie jedoch am nächsten
Tag durch den höchsten katholischen Feiertag
in Polen, den Fronleichnamstag (Donnerstag, 30. Mai), den wir zu einer ausgiebigen Fahrt durch
Polen nutzten. Parallel zur Weichsel fuhren
wir flußabwärts in Richtung Sandomierz und legten die
erste Rast am Ufer der Weichsel in Szwagrów ein, einem
verschlafenen Städtchen, um anschließend im Angesicht
der Stadt Sandomierz in Ostrołęka nochmals
kurz zu pausieren. Sandomierz, südlich des Zusammenflusses
von Weichsel und San auf dem hohen Terrassenufer der Weichsel gelegen, ist eine der ältesten Städte
Polens und zugleich eine der ältesten Festungen
des Landes. Auch diese Stadt hat in ihrem Kern die Bebauung
des späten Mittelalters und der Frühen Neuzeit bewahrt,
wie man am Ring mit seinem Renaissance-Rathaus unschwer
feststellen kann. Den Resten des königlichen Schlosses,
der dreischiffigen Kathedrale aus dem 14. Jahrhundert
und der romanischen Jakobskirche, einer Backsteinkirche,
galten unser Interesse. Den Abschluß unseres Aufenthaltes
bildete eine Wanderung durch den Hohlweg der Königin
Jadwiga. Auf dem Weg nach Kielce besuchten wir in Ujazd
die Ruinen des Schlosses
Ossolińskich Krzyżtopór, das sich die Familie
Ossoliński im 17. Jahrhundert hatte errichten
lassen. Wenige Jahre später wurde es von den Schweden
zerstört. Die Reste zeugen noch heute von der
einst imposanten Schloßanlage. Am Abend erreichten
wir schließlich Kielce,
die zentrale Stadt des Gebirges Góry Świętokrzyskie,
die sich intensiv auf den bevorstehenden Besuch des
Papstes vorbereitete. Ein Gang um den Ring, zum bischöflichen
Palais und in den barocken Dom beendete den Aufenthalt
in Kielce. Auf der
Rückfahrt nach Tyniec hatten wir wegen der fortgeschrittenen
Zeit leider keine Gelegenheit mehr, in Jędrzejów
die romanisch-gotische Kirche und das Zisterzienserkloster zu besuchen. Ein spätes
klösterliches Abendbrot beschloß den Fronleichnamstag
und den letzten Tag unseres Aufenthaltes
in der Benediktinerabtei, da wir am nächsten Tag, am
Freitag, dem 31. Mai, in das Stift der Regulierten Kanoniker
- Canonici Regulares - in Krakau umziehen mußten,
da andere Gäste unsere Zimmer benötigten.
Nach einem
intensiven Besuch in der Jagiellonen-Bibliothek, der
nur geringe Ergebnisse erbrachte, überprüften wir bis
17 Uhr den Alphabetischen Katalog in der PAN-Bibliothek,
um später dann den Umzug vorzunehmen, wobei unser Betreuer
von Tyniec behilflich war und uns auch mit den Chorherren
des Stifts bekannt und mit der zum Stift gehörenden Fronleichnamskirche (Kościół
Bożego Ciała) vertraut machte. Das
Stift ist in der Nähe der ul. Krakowska und der Weichsel
gelegen. Konnten wir in Tyniec kommen und gehen, wann
wir wollten, war bei den Kanonikern um 22 Uhr ‚Sperrstunde‘,
wie uns der dortige Gästebetreuer, Bruder Borowski,
als wichtigste Instruktion mit auf den Weg gab. Ein
letztes Abendessen im Hotel Forum mit unserem stets
freundlichen und hilfsbereiten sowie exzellent deutschsprechenden
Betreuer aus Tyniec beschloß den Tag, und wir bezogen
unsere Zimmer im Stift, die einem Vier-Sterne-Hotel
zur Ehre gereicht hätten. Nach einem köstlichen
Frühstück gemeinsam mit Bruder Borowski schlossen wir
am nächsten Tag die Arbeiten in der Jagiellonen-Bibliothek
ab und erteilten den notwendigen Verfilmungsauftrag
für insgesamt 1.205 Leichenpredigten. Ebenfalls erteilten
wir den Verfilmungsauftrag in der Czartoryskich-Bibliothek
für 321 unserer Quellen, wobei der dortige Katalog
noch nicht abschließend bearbeitet worden war. Den restlichen
Vormittag des Samstages, des 1. Juni, verbrachten wir
in der PAN-Bibliothek, in der wir am Mittag ebenfalls
den Verfilmungsauftrag für 102 dort festgestellter
Quellen erteilten.
Nach
einem kurzen Aufenthalt auf dem Antik-, Trödel- und
Flohmarkt an den Tuchhallen am Ring, auf dem überwiegend
Militaria und Parteiabzeichen polnischer und deutscher
Provinienz angeboten wurden, tankten wir wieder einmal
an der Tankstelle am Hotel Holiday Inn und wollten unser
stark verschmutztes Auto in der dortigen Waschanlage,
der einzigen ihrer Art in Krakau, waschen lassen. Dabei
kam es zu einem heftigen Zusammenstoß mit einer im Hotel
beschäftigten Russin, die der Auffassung war, daß
die Fahrzeuge der Hotelgäste in der Waschstraße Vorrang
hätten. Als wir sie freundlich auf das Einhalten der
Reihenfolge aufmerksam machten, beschimpfte sie uns
aufs Übelste und fuhr wutentbrannt vor uns in die Anlage.
Nach Abschluß des Waschvorgangs fuhr sie ebenso wütend
rückwärts aus der Anlage heraus, schlug zu früh nach
rechts ein und prallte mit dem linken Vorderwagen heftig
gegen den Eisenträger des Tores. Ein eingedrückter
Kotflügel und eine demolierte Stoßstange waren das Ergebnis,
das die ebenfalls wartenden und übergangenen polnischen
Benutzer der Waschanlage zu einem homerischen Gelächter
veranlaßte.
Am frühen
Nachmittag besuchten wir den südlich der Altstadt gelegenen
Stadtteil Kazimierz, eine einst selbständige Stadt
mit überwiegend jüdischer Einwohnerschaft. Sieben
Synagogen und zwei erhaltene jüdische Friedhöfe, auf
deren einen der bekannte Schriftsteller und Philosoph
Rabbi Moses Isserles ruht, prägen das Stadtbild. Als Kultstätte ist die kleinste Synagoge
»Remuh« erhalten geblieben, während sich heute
in der Alten Synagoge (Bożnica Stara) das jüdische
Museum befindet, dessen Ausstellung uns sehr beeindruckte.
Anschließend fuhren wir auf der E 40 in Richtung Olkusz in den Ojców-Nationalpark und folgten dem Lauf
des Flusses Pradnik durch eine äußerst interessante
Erosionslandschaft, in der flache Kalksteinhügel sich
mit eigenwilligen Steinformationen, die wie Keulen oder
Türme wirkten, abwechselten. Faszinierend war für
uns die rund 120.000 Jahre alte Łokietek-Höhle,
in der die ältesten menschlichen Spuren Polens gefunden
worden sind. Deplaziert wirkten die künstlichen, elektrisch
beleuchteten Feuerstellen.
Später stellten
wir unser Fahrzeug im Stift ab, aßen im nahegelegenen
Hotel Royal ein karges Abendbrot und eilten - eingedenk
der Sperrstunde um 22 Uhr - zurück, um zu unserer großen
Überraschung feststellen zu müssen, daß das Stift bereits
eine Viertelstunde vor der Zeit, um 21:45 Uhr, hermetisch
abgeschlossen war. Alle uns bekannten Zugänge waren
versperrt, Klopfen und Rufen blieben erfolglos, so
daß ein Mitarbeiter die mehr als drei Meter hohe Mauer
erklomm und todesmutig in den stockdunklen Klostergarten
sprang, um alsbald unversehrt das Tor zu öffnen. Während
des Frühstücks am nächsten Morgen, am Samstag, dem 2.
Juni, hörten wir, warum das Stift so früh verschlossen
worden war. Einschließlich des Pfortenbruders, der es
beim Beschließen so eilig gehabt hatte, daß er an dem
Tor, durch das wir zurückgekommen waren, zu unserem
Glück den Schlüssel innen hatte stecken lassen, hatten
alle Canonici Regulares einträchtig vor dem Fernsehgerät
gesessen und den
amerikanischen Monumentalfilm »Quo Vadis« gesehen. Leider
hatten sie vergessen, uns zu informieren.
Über die Benediktinerabtei
Kalwaria Zebrzydowska, Wadowice und die Bierstadt Zywiec, einst Saybusch genannt, gelangten wir am
Sonntag, dem 2. Juni, nach Szczyrk, am Fuße des
1.257 Meter hohen Skrzyczne, der höchsten Erhebung der
Schlesischen Beskiden, gelegen. Nach einer kurzen Kaffeepause
erreichten wir - der »Beskidenstraße« folgend - am frühen
Nachmittag Teschen (Cieszyn), wo wir in den nächsten
Tagen zu arbeiten gedachten. Zum Abendbrot trafen wir
uns mit Frau und Herrn Sprenzel, der während unseres
ersten Besuches im vorangegangenen Jahr ausgezeichnete
Dolmetscherdienste geleistet hatte. Hatten wir im Jahr
zuvor die Städtische und die Tschammer-Bibliothek zu
Teschen nur einer oberflächlichen Betrachtung unterziehen
können, sollten die vorhandenen Leichenpredigten am
Montag, dem 3. Juni, und am Dienstag, dem 4. Juni, ermittelt
und der Verfilmung zugeführt werden. In der Abteilung
‚Alte Drucke‘ der Städtischen Bibliothek konnten wir
46 bibliographische Einheiten mit 719 Seiten feststellen,
für die der Verfilmungsauftrag erteilt wurde, den der
stellvertretende Museumsdirektor, dem wir auch die entsprechende
Anzahl Filme zurückließen, wahrnehmen wollte. Am Montagnachmittag,
als die Bibliotheken geschlossen waren, unternahmen
wir eine kurze Fahrt nach Mährisch Ostrau (Ostrava),
um die Stadt nach Umrundung des Ringes mit dem Wagen
wieder fluchtartig zu verlassen. Mährisch Ostrau lag
unter einer Glocke von Industrieabgasen, die den Eindruck
erweckten, als läge dichter Nebel über und in der Stadt.
Am Nachmittag und am Abend überprüften wir die Tschammer-Bibliothek,
die rund 20.000 Bände umfaßt, unter denen sich 6.000
Altdrucke befinden, die vier Inkunabeln enthalten.
Hier stellten wir an den beiden Tagen 381 bibliographische
Einheiten mit insgesamt 9.865 Seiten fest, deren Verfilmung
ebenfalls der bereits erwähnte Museumsdirektor übernehmen
wollte. In langen Gesprächen mit der Direktorin der
Städtischen Bibliothek wurden die Fragen erörtert,
ob der Bibliothek deutschsprachige Literatur zur Verfügung
gestellt werden könne und ob es Möglichkeiten gäbe,
den deutschen Altbestand der Bibliothek, der durch
einen Rohrbruch massiv geschädigt worden war, mit deutscher
Hilfe zu restaurieren. Die erbetene deutschsprachige
Literatur - das Geschenk eines Verlages - hat Teschen
angeblich nie erreicht; die Restaurierung des Altbestandes
scheiterte an völlig überhöhten Forderungen. Nach der
Durchsicht sämtlicher Bestände begaben wir uns am
Mittwoch, dem 5. Juni, auf die Rückreise nach Breslau
und besuchten unterwegs in der Nähe von Ratibor (Racibórz)
Schloß Lubowitz (Łubowice), Ort der Geburt
und der Kindheitsjahre des Dichters Joseph Freiherr
von Eichendorff, holten in der Woiwodschaftsbibliothek
Oppeln die dort für uns gefertigten Mikrofilme ab
und versuchten am Nachmittag in Brieg (Brzeg) vergeblich,
den Direktor des Piastenmuseums an die Verfilmung der
dort vorhandenen Leichenpredigten zu erinnern. Gegen
Abend schließlich erreichten wir wieder das fast heimatliche
Breslau und bezogen erneut Quartier bei den Grauen Schwestern
von der heiligen Elisabeth. Die letzten beiden Tage
unseres Forschungsaufenthaltes war der wild ins
Kraut schießenden Bürokratie gewidmet. Am Donnerstagvormittag
gab es ein langes
Gespräch mit dem Direktor der Universitätsbibliothek,
Dr. Andrzej Ładomirski, und dem Leiter des universitären
Exportbüros, Dr. Jan Morawiec, an dessen Ende festgestellt
werden mußte, daß der zugesagte Abschluß der Verfilmung
nicht erreicht worden war und niemand erklären konnte,
warum anstelle der 42.222 Aufnahmen nur 32.143 gefertigt
worden waren. Der Nachmittag galt einem Gespräch mit
dem stellvertretenden Stadtpräsidenten von Breslau,
Mgr. Obremski. Dabei ging es vor allem um das
Deutsch-Polnische Zentrum, das nach Vorstellungen
der Bundesregierung in Breslau eingerichtet werden
sollte. Am späteren Nachmittag wiederum wurde der gerade nach Breslau versetzte deutsche
Generalkonsul, Bruno Weber, von diesem Gespräch
unterrichtet und zugleich mit ihm die Möglichkeiten
der Errichtung einer solchen Institution erörtert. Nochmals
wurde dieses Problem am nächsten Tag, am letzten Tag
unseres Aufenthaltes, mit dem neuernannten Kulturattaché
im Generalkonsulat, Rainer Sachs, besprochen, um im
Anschluß hieran die fertiggestellten Filme in der Bibliothek
auf der Sandinsel abzuholen. Die noch fehlenden rund
10.000 Aufnahmen sollten bis spätestens 30. Juni per
Post nach Marburg geschickt werden. Endlich hatten
wir noch einige Stunden Zeit, während denen wir kleine
Geschenke für die Daheimgebliebenen besorgten, um am
folgenden Tag, am Samstag, dem 8. Juni, nach Marburg
zurückzufahren. Ohne jegliche Probleme querten wir
die Grenze in Görlitz, hielten uns zwei Stunden in der Dependance in Dresden auf und trafen gegen 20 Uhr in
Marburg ein.
Bilanzieren
wir unseren siebten Forschungsaufenthalt in Schlesien
und Südostpolen, können wir festhalten, daß die in
Nieder- und Oberschlesien in Frage kommenden Bibliotheken
und Archive bearbeitet und die notwendigen Verfilmungsaufträge
erteilt und zum Teil bereits durchgeführt worden waren.
Allein die wegen Einsturzgefahr noch immer geschlossene
Bibliothek in Beuthen konnte nicht besucht werden.
Ebenso mußten - neben der Nationalbibliothek in Warschau
- noch das Staatsarchiv in Krakau,
die Bibliothek des dortigen Domkapitels sowie ein Teilbestand
in
der Czartoryskich-Bibliothek noch auf das Vorkommen
von Leichenpredigten überprüft werden, so daß eine
neuerliche Forschungsreise in diese Institutionen
notwendig werden würde.
Neben dem
wissenschaftlichen Ertrag lernten wir die unterschiedlichen
Lebensformen in Benediktinerklöstern kennen, zumindest
in solchen, deren Regelwerk auf dem des Heiligen Benedikt
aufbaut, von sichtbarer Armut bei den Kamaldulensern
über selbstgenossene Bescheidenheit in der Abtei
Tyniec bis hin zu den Mehr-Sterne-Aufenthalt bei den
Krakauer Chorherren. Wir erlebten Städte und Dörfer
in Kleinpolen und Galizien, deren Erscheinungsbild
trotz des einsetzenden wirtschaftlichen Transformationsprozesses
mit all seinen Implikationen sich positiv von dem nieder-
und oberschlesischer Dörfer und Städte abhob, und wir
schlossen neue Bekanntschaften. Einmal mehr erwies
sich Krakau, die Kapitale Kleinpolens, als ein Faszinosum
ganz besonderer Art.
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