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Orbis Linguarum Vol. 20/2002

"Das war mein Lebenswunsch"

Käthe Recheis* im Gespräch mit Katarzyna Kopacz

Katarzyna Kopacz: In welcher Situation haben Sie die Vorstellung entwickelt, schreiben zu wollen? Wie kamen Sie dazu, dass Sie Schriftstellerin wurden?

Käthe Recheis: In meiner Familie wurde sehr viel gelesen. Abends saßen wir vier Geschwister oft gemeinsam auf einem Bett, einer oder eine erzählte eine selbst­erfundene Geschichte - oder erzählte das Buch, das er eben las.

Ich wollte schon immer Schriftstellerin werden, schon in der Volksschule war das mein Lebenswunsch. Mit acht, neun Jahren schrieb ich Geschichten von einem Mädchen das ungemein tapfer war. Als Kind, als Halbwüchsige und auch später noch lebte ich in der Welt meiner erfundenen Geschichten, zumindest am Abend, vor dem Einschlafen spann ich sie in meiner Phantasie weiter. Die Helden meiner Geschichten wurden zu "Jungen", mit denen ich mich identifizierte. Grund: die weib­liche Rolle, die man damals Mädchen anerziehen wollte, behagte mir gar nicht. (Ob­wohl ich nichts anderes als eine "Frau" sein wollte und will.) Bis ich den Sprung ins Ungewisse, als freie Schriftstellerin, wagte, vergingen Jahre, erst im Jän­ner 1961 war es so weit.

K.K.: Was bewegt Sie dazu, Ihre Erfahrungen literarisch zu fixieren?

K.R.: Hab ich mit der ersten Frage schon beantwortet. Schreiben ist meine Leidenschaft, einen anderen Beruf könnte ich mir nicht vorstellen.

K.K.: Sieht man die Welt im Prozess des Schreibens anders als sonst?

K.R.: Wahrscheinlich - weil man sich ja intensiv damit beschäftigt.

K.K.: Welche Autoren und Texte haben die Welt ihrer Kindheit gestaltet? Macht sich der Einfluss der frühesten Lektüre auch in Ihren heutigen Werken be­merkbar?

K.R.: "Sajo und ihre Biber" - wie alle Bücher, die ich als Kind besaß, las ich diese Geschichte immer und immer wieder, liebte sie wohl am meisten. Ich träum­te davon, wie Sajo in den riesigen Wäldern Nordamerikas zu leben, ihr Bruder Scha­pian, die Biber Großklein und Ganzklein wurden meine Freunde. Die genaue Schilderung der Natur hatte es mir angetan. Ich konnte mir alles so gut vorstellen, während ich las, war ich selbst dort. Ich hörte das Flüstern des Windes im Laub, sah Sonnenfunken auf den Bachwellen tanzen, das Dämmerlicht des Waldes um­fing mich...

"Fionn, der Held" - dieses Buch weckte in mir die Liebe zu Irland und den Iren. Fionn, der Held, und sein Gegenspieler, der dunkle Goll - man konnte sie Feinde nennen, und doch waren sie einander zugetan, und wenn einer in Gefahr war, kam der andere, um ihm beizustehen. Und immer wieder blitzt Humor durch, die Hel­den werden augenzwinkernd von ihrem Podest herabgeholt. Das machte großen Eindruck auf mich, es entsprach mir mehr als z.B. die düstere Tragik der Nibelun­gensage.

In einem meiner ersten Bücher ("Das Blockhaus am Minnewana", 1966) habe ich im Rahmen einer anderen Geschichte die Abenteuer von Fionn und Goll er­zählt. Ich hatte mir immer gewünscht, das einmal zu tun.

Die Lektüre von "Winnetou" war sozusagen der Grundstein für mein lebens­lan­ges Interesse und die Zuwendung zu den Ureinwohnern Amerikas. Indianerbücher machten mich hellhörig für Unrecht, das anderen Menschen und Völkern angetan wur­de. Und ohne die Geschichte von Fionn und Goll hatte ich vielleicht nie Bü­cher über Irland geschrieben.

K.K.: In wie weit kann die Literatur heutzutage den jungen Menschen beein­flussen? Wird demnächst das Buch durch audiovisuelle Medien verdrängt werden?

K.R.: Ich glaube, dass Bücher auch heute noch junge Menschen beeinflussen kön­nen, das weiß ich aus vielen Leserbriefen. Freilich hat man keine Massen­wirkung, aber auch aus Sandkörnern kann eine Düne werden. Ich bin damit zu­frieden, mein Sandkorn, meinen kleinen Beitrag zu leisten, Kinder und junge Men­schen zum Denken anzuregen oder Anteilnahme in ihnen zu wecken.

Ich glaube nicht, dass das Buch verdrängt wird. Buch und audiovisuelle Medien können sich gegenseitig ergänzen.

K.K.: Wo finden Sie Inspiration zum Schreiben? In welchen Situationen ver­spüren Sie den Zwang, etwas in Worten einzufangen? In wie weit haben die zeit­genössischen Ereignisse Einfluss auf Ihr Schaffen?

K.R.: Manchmal weiß ich, woher ich eine Inspiration habe. "Der weite Weg des Nataiyu" - da war es das hervorragende Buch eines amerikanischen Jesuiten über die verheerende Wirkung der Zwangserziehung in den Internatsschulen für jun­­ge Indianer. Dann auch die persönlichen Erlebnisse an einer staatlichen U.S.In­dia­nerschule, sehr deprimierend.

"Martys irischer Sommer" - auf einer Lesereise begegnete ich einem Hund, der mich sehr beeindruckte, das war der erste Anstoß. Dann der Garten und das Haus meiner Freundin - die Ehekrise meiner Freundin - meine Beziehung zu einem Ma­ler, einem einsamen Wolf, der unfähig für eine Bindung war, den ich aber sehr lieb­te. Vielleicht half es mir, es literarisch zu verarbeiten. Er hat das Buch gelesen und fand den Maler darin als "wunderbare" Persönlichkeit. Ob er wusste, dass ich ihn damit gemeint habe?

In welchen Situationen: Ich arbeite diszipliniert und sehr konstant, auch dann, wenn es mühsam ist, die notwendige Konzentration zu finden. Wenn ich an einem Manuskript arbeite, setze ich mich am Morgen hin und bleibe solange an der Schreibmaschine, bis ich die von mir vorgenommene Seitenzahl erreicht habe. Bei der ersten Niederschrift sind es zumindest drei Seiten.

Zeitgenössische Ereignisse haben ganz bestimmt Einfluss auf mein Schreiben. In der "Wolfsaga" schrieb ich mir meine Sorge und meine Angst um diese unsere Erde von der Seele.

K.K.: Glauben Sie, dass es Themen, Motive gibt, die besonders literaturfähig sind?

K.R.: Themen, Motive, die besonders literaturfähig sind? Diese Frage möchte ich lieber nicht beantworten, jede Schriftstellerin und jeder Schriftsteller ent­schei­det das für sich selber.

K.K.: In Ihren Werken befassen Sie sich mit verschiedenen Stoffen, wie Mär­chen, Mythologie, Phantastik, europäische Zeitgeschichte, aber ein sehr großer Teil Ihres Schaffens betrifft die Indianer. Wie kam es dazu, dass Sie sich für India­ner interessiert haben? Wieviel nehmen Sie aus ihrer Tradition und Leben zu Ihren Büchern? In wie weit beeinflusst dieser Kulturkreis Ihre Werke?

K.R.: Indianer: Ihr Schicksal bewegt mich von Kindheit an. Ich habe mir sehr viel Wissen angeeignet, über ihre Geschichte, ihre Kultur, ihre Denkweise. Meine eigene Bibliothek darüber beträgt an die 1000 Bände.

Ich war oft in Nordamerika, war auf Reservationen, habe viele Freunde, bin auch mit indianische Schriftstellern und Schriftstellerinnen in persönlichem oder in Briefkontakt. Einige davon sind sehr gute Freunde geworden.

Ich selbst habe von Indianern viel gelernt; ihre Einstellung zur Natur kam mir sehr entgegen und hat meine Beziehung zur Umwelt geprägt. Ich war eine "Grü­ne", bevor es diese Bewegung in Europa gab.

K.K.: Wer sind Ihre literarischen Vorbilder? Inspiriert Sie zum Schreiben das Schaffen solcher Autoren wie z.B. Karl May? Glauben Sie, dass das Schreiben ohne Vorbilder überhaupt möglich ist?

K.R.: Literarische Vorbilder: In meiner "Lernzeit" hatte ich viele, von Adalbert Stifter angefangen bis zu Sartre, Camus, Bernanos usw. Von Charles Dickens z.B. schaute ich mir ab, wie man Spannung aufbaut. (Spannung erzeugen lernte ich auch von guten Krimi-Autoren.) Oder: als ich vor vielen Jahren "Watership Down", die Kaninchengeschichte, las, weckte es in mir den Wunsch, eine Wolfs­ge­schichte zu schreiben. Jahrzehnte danach schrieb ich "Wolfsaga".

Karl May ein Vorbild? Nein!!!!. Er hat zwar meine damals sehr romantische Liebe zu Indianern geweckt, aber ich wusste schon als Halb­wüchsige, dass er nicht authentisch ist. Außerdem gefiel mir seine Kraftprotzerei nicht (Old Shatterhand!). Trotzdem las ich ihn mit Begeisterung, weil er spannend war und weil ich Indianer liebte.

Beim Schreiben meiner Indianerbücher wollte ich immer eigene Wege gehen. Steuben z.B. hat mir zwar gezeigt, wie man historisch und völkerkundlich getreu sein kann, ein Vorbild ist er aber auch nicht. Wie gesagt, ich will, was immer ich schreibe, meinen eigenen Weg suchen und dann auch gehen.

K.K.: Was halten Sie von modernen Erfolgsbüchern wie z.B. "Harry Potter"?

K.R.: Auch hier gibt es vereinzelte Stimmen, dass "Harry Potter" Kinder für schwarze Magie usw. interessiert machen könnte. Ich halte das für einen Unsinn. Ich las nur einen Band, mich hat’s nicht sehr interessiert, aber das ist subjektiv. Ich kenne Erwachsene, die von "Harry Potter" begeistert sind. Und ich kenne viele Kinder, die ihn mit Begeisterung lesen. Ich kann das sehr gut verstehen. Harry Potter ist kein Superheld, er ist eher "schwächlich", trotzdem überwindet er alle Schwierigkeiten. Kinder fühlen sich in unserer Welt oft "schwach", wie schön, wenn sie sich mit Harry Potter identifizieren können. Und welches Kind wünscht sich nicht, zaubern zu können? Ich hab’s mir gewünscht. Persönlich bezweifle ich den literarischen Wert - vielleicht stimmt das objektiv nicht -, aber er gibt so vielen Kindern Lesespaß und Lesefreude. Und das ist doch positiv - oder?

K.K.: Bilden Ihrer Meinung nach Leben und Werk des Dichters eine Einheit?

K.R.: Es sollte so sein, kann so sein, muss aber nicht sein. Ist manchmal auch ein Widerspruch. Denken Sie an den großartigen Denker Rousseau, das für seine Mit­menschen schwer auszuhalten war.

K.K.: Würden Sie der Literatur die Funktion von Lebenshilfe zuschreiben? Wem wird dann geholfen: dem Schreibenden oder dem Leser?

K.R.: Lebenshilfe? Ja, das kann Literatur sein - für beide, den Schreibenden und den Leser. "Das Schattennetz" (später: "Geh heim und vergiss alles") fing ich mit 17 Jahren zu schreiben an, dadurch konnte ich das Schreckliche, das ich mit­erlebt hatte, innerlich verarbeiten und verkraften. In manchen Schulen wird das Buch im Zeitunterricht verwendet, und bei Lesungen spürte ich, dass es jungen Menschen half, die Schrecken jener Zeit zu begreifen - durch mitfühlen mit den Personen meiner Geschichte.

K.K.: Für wen schreiben Sie eigentlich? Wie stellen Sie sich einen idealen Leser vor?

K.R.: Ich schreibe für Kinder, für junge Erwachsene und für alle Erwachsene, die meine Bücher gern lesen. Einen idealen Leser gibt es nicht, jeder Mensch ist verschieden und hat das Recht darauf, es zu sein. Als Schriftsteller freut einen na­türlich jener oder jene, die Geschichten, die man geschrieben hat, lieben. Sehr be­friedigend ist es auch, wenn man merkt, dass es gelungen ist, mit einem Buch ei­nen Denkanstoß zu geben oder Anteilnahme geweckt zu haben.

K.K.: Was wollen Sie mit Ihren Texten beim Leser fördern?

K.R.: Eigenes Denken, Anteilnahme wecken und fördern. Ganz wichtig auch bei Kindern: Freude am Lesen - Lachen - Humor... abenteuerliche, spannende Bü­cher brauchen Kinder auch... Natürlich steckt in fast jedem Schreibenden ein "Welt­­ver­besserer", obwohl wir wissen, dass wir nur unser "Sandkorn" leisten kön­nen.

K.K.: Woran arbeiten Sie zur Zeit?

K.R.: Ich habe eine Katzengeschichte mit cirka 200 Seiten im Manuskript fertig, hat mir viel Spaß gemacht. Derzeit sammle ich Material für ein Buch mit me­ditativen Texten der nordamerikanischen Indianer, gemeinsam mit meinem Kollegen Georg Bydlinski. Und ich erzähle für einen Schulbuchverlag alte Fabeln aus aller Welt auf neue, zeitgerechte Weise, damit unsere Kinder zu dieser Form der Literatur Zu­­gang finden können.



* Käthe Recheis, geb. am 11.3.1928 in Engelhartszell/OÖ, österreichische Kinder- und Jugendbuchschriftstellerin, Übersetzerin und Herausgeberin literarischer Werke der nord­amerikanischen Indianer. In ihren Werken vermittelt sie ein "ethisch fundiertes, humanes Welt- und Menschenbild". Professorin h.c. Sie wurde mit mehreren Preisen aus­ge­zeichnet, u.a. dem Österreichischen Staatspreis des Bundesministeriums für Unter­richt und Kunst für Kinderbücher, dem Kinder- und Jugendbuchpreis der Stadt Wien für Ju­gend­bücher, dem Übersetzerpreis des Bundesministeriums für Unterricht und Kunst, dem Kulturpreis des Landes Oberösterreich für Literatur.

 Bücher: Kleiner Adler und Silberstern (1961), Der kleine Biber und seine Freunde (1963), Das Schattennetz (1964), Professor, du siehst Gespenster (1974), Kleiner Bruder Watomi (1974), Das kalte Auge. Unheimliche Kriminalgeschichten (1981), Der weiße Wolf (1982), Lena - unser Dorf und der Krieg (1987), Wolfsaga (1994), u.a.

 

 

 
 
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