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Orbis Linguarum Vol. 20/2002
Lech Kolago
Zur Spirale in der Literatur. Dargestellt am Beispiel der Todesfuge
von Paul Celan
Wenn man
in verschiedenen Lexika das Stichwort "Spirale"
nachschlägt, so findet man folgende Definitionen: Unter
Spirale" versteht man eine "gekrümmte Linie,
die unendlich viele Umläufe um einen festen Punkt macht.
Die einfachste Spirale, (...) die Archimedische, (...)
wird von einem Punkt beschrieben, der gleichförmig auf
einer Geraden fortschreitet, während diese um einen
festen Punkt gleichförmig gedreht wird". (Brockhaus,
1957, Bd. 11, S. 112)
An einer anderen Stelle heißt es: "Spirale
ist eine ebene Kurve, Bahn eines Punktes, der
sich auf einer durch einen festen Punkt (Pol) gehenden
Geraden vom Pol fortbewegt, während die Gerade sich
in gleichbleibendem Drehsinn um den Pol dreht".
(Herder, 1956, Bd. 8, S. 959)
Im Deutschen Wörterbuch "Wahrig" wird das aus der Mathematiksprache
übernommene Wort "Spirale" als eine "ebene,
sich unendlich um einen Punkt windende Kurve"
gedeutet, "die sich immer weiter von diesem Punkt
entfernt". (Wahrig, 1991, S. 1205) Es ist also
eine sich um die Achse windende räumliche Kurve, eine
Schneckenlinie.
Das Wort "Spirale" findet man aber nicht nur im Bereich der
Wissenschaft. Die Spirale als eine ebene Kurve, als
eine zylindrische oder flache Spiralfeder, findet verschiedenartige
Anwendung in Physik und Technik. Auch die Kunst hat
dieses Wort für ihre Zwecke übernommen. Die Spirale
ist in der Flechttechnik ein gern angewandtes Ornament.
Eine süddeutsche Gattung neolithischer Keramik, in der
das Spiralornament besonders häufig auftritt, wird danach "Spiralkeramik"
genannt. Kennzeichnend für diese Keramik sind eingeritzte
oder farbig gemalte Spiralmäanderornamente. (vgl.
Meyers, 1976, Bd. 13, S. 43f) Darüber hinaus kam die
Spirale als führendes und in mehreren Variationen vorkommendes
Ornamentmotiv der Bronzezeit vor. In der vorgeschichtlichen
Zeit war die Spirale in verschiedenen Perioden als Verzierung,
besonders auf Gefäßen, sehr beliebt. Ob sie Träger eines
bestimmten Sinngehalts war, ist umstritten. (Brockhaus,
1973, Bd. 17, S. 746)
Beliebt in der Neuzeit ist ein spiralenförmig eingerolltes Ornament, eine
plastische Zierform an
Kapitellen, Giebeln, Altären oder Möbeln, die
Volute. Man findet sie nicht nur als Ornament der Fassaden
und Innenräume sondern auch als Verzierung von Gittern,
Geländern, Schmuck, Leuchtern u.dgl.m.
Die Spirale heißt auch eine der Figuren im Eiskunstlauf,
in der die Eiskunstläuferin ihren Partner an der Hand
hält und sich auf einem Schlittschuh um ihn herum dreht.
Weitere Definitionen des Wortes "Spirale"
lassen sich leicht anführen.
Aus dem oben Gesagten geht hervor, daß der Begriff "Spirale"
sowohl in der Kunst
als auch in der Wissenschaft gebraucht wird. In beiden
Fällen bekommt er eine ähnliche Bedeutung. Das bekräftigt
und verstärkt nun wesentlich die Legitimation für
Forschungen nach der Spirale in den "Grenzgebilden"
zwischen Literatur und Musik.
Die Spirale
hat aber auch eine umfangreichere Bedeutung, die über
das Gebiet der Kunst und Wissenschaft hinausgeht. Sie
bedeutet Kontinuität und Konsequenz, mit welcher vieles
durchgeführt werden sollte. Die Spirale heißt eine Zahl
von unendlichen Wiederholungen, wobei sich das wiederholte
Problem jeweils in einem anderen Licht zeigt oder in
einer anderen Schattierung erscheint. Darüber hinaus
bedeutet die Spirale eine enge Parallelität verlaufender
Entwicklungen. Da sie von Natur aus konzentrisch aufgebaut
ist, sie hat also einen gemeinsamen Mittelpunkt, sie
strebt nach einem Punkt, sie ist auf einen Punkt gerichtet,
so wie das architektonische Ornament Volute, kann sie
als ein Verfahren zum Nachspüren der Evolution eines
bestimmten Prinzips gelten.
Paul Celan
unternahm einen schwierigen Versuch, ein musikalisches
Prinzip, eine musikalische Regel, eine musikalische
Form sprachlich zum Ausdruck zu bringen. Dafür wählte
er die Fuge mit ihrem spiralenförmigen Bau. In der unten
durchgeführten Analyse wollen wir den Spiral-Strukturen
in der Fuge auf die Spur kommen und zu beweisen versuchen,
inwiefern es legitim ist, über die Spirale in der Literatur
zu sprechen. Unsere These lautet: die Problematik der
Literatur-Musik-Beziehungen trägt u.a. einen ausgesprochen
spiralenförmigen Charakter, denn das Spiralenförmige
dieser Beziehungen liegt vor allem in den Wechselwirkungen,
Analogien, Verbindungslinien sowie in wechselseitiger
Erhellung und gegenseitiger Deutung der Literatur
und Musik, dieser beiden "Zeitkünste", (Bachmann,
Musik, 1959, S. 23) sowie in der Mannigfaltigkeit und
Verwicklung ihrer Beziehungen. Die Legitimation dafür,
daß dieses Problem von den Wissenschaftlern in das Umfeld
ihrer Forschungen miteinbezogen wurde, sind sowohl die
literarischen Werke, die die musikalischen Formen annehmen
oder sich an musikalische Formen anlehnen, als auch
moderne Kompositionen, in denen versucht wird, "Text
und Musik zu amalgamieren". (Boulez, Texte, 1972,
S. 117) Das Problem besteht nun darin, daß man diese
"Grenzgebilde", (Helman, Problem, 1980, S.
7) die auf keinen Fall als eine simple Summe einzelner
Künste aufzufassen sind, aus denen sie geschaffen wurden
und in die sie wieder zerlegbar sein würden, bewußt
wahrnimmt. Die romantische Tendenz der "Correspondance
des arts" gilt weiterhin.
Eine weitere
Berechtigung für die Fragestellung nach den Literatur-Musik-Beziehungen
zu diesem Zeitpunkt liefern die technisch-wissenschaftliche
Entwicklung und ein enormer Fortschritt im gesellschaftlichen
Leben, die weitaus größere Möglichkeiten für die Wechselwirkung
der Künste eröffnen, als dies in der Vergangenheit
der Fall war. Die rasche Entwicklung elektronischer
Geräte, mit deren Hilfe die Musik sowohl komponiert
als auch wiedergegeben werden kann, sowie die Entwicklung
der Massenmedien verursachen die Entstehung von ganz
neuen künstlerischen Gattungen, Strukturen, Inhalten
und synthetischen Formen der Gestaltung. Dafür werden
neue Ausdrucksmittel, neues Material, neue Techniken
und auch das Anleihen der Formen aus der Wissenschaft
oder benachbarten Künsten verwendet. Und das heißt auch
Spirale.
Gehen wir nun zu diesem tragischen und ergreifenden Gedicht
"Todesfuge" über, das von der Vernichtung der Menschen im
Konzentrationslager Auschwitz im Zweiten Weltkrieg
handelt. Es ist zum Totengedächtnis einer ganzen Epoche
geworden.
Das Gedicht
"Todesfuge" erschien im Jahre 1952 im Gedichtband
"Mohn und Gedächtnis". Der Titel allein weist
darauf hin, daß es sich um die Problematik der Dichtung-Musik-Beziehungen
handelt. In der unten durchgeführten Analyse des Gedichtes
wollen wir dem Bau, der inneren Struktur und der äußeren
Form der Fuge auf die Spur kommen. Der Gegenstand der
Untersuchung werden der Inhalt und die Technik seiner
Darstellung sein. Damit hoffen wir eine Antwort auf
die Frage zu bekommen, inwiefern es möglich ist, das
Spiralförmige in einem literarischen Werk anzuwenden
und zum Ausdruck zu bringen.
Das Gedicht "Todesfuge" gehört
zu den Werken, die von manchen Forschern als
"Grenzgebilde" bezeichnet werden, denn sie
bewegen sich im Forschungsbereich zwischen Literatur-
und Musikwissenschaft. Bei der Erforschung von strukturellen
Parallelen zwischen Dichtung und Musik empfiehlt Ulrich
Weisstein "äußerste Vorsicht" und warnt vor
der "Parallelenjagt". Er meint, dort, wo sich
die Gedichte "bewußt an musikalische Formen anlehnen",
sei zunächst "ein guter Wille" des Dichters
festzustellen. (Weisstein, Künste, 1968, S. 195) Als
deutliches Beispiel dafür, daß der Dichter selbst Forschungen
nach den Parallelen literarischer und musikalischer
Formen inspiriert, soll die "Todesfuge" von
Paul Celan gelten. Die unten durchgeführte Analyse des
Gedichtes "Todesfuge" basiert auf dem Kapitel
"Paul Celan: ‚Todesfuge‘" aus dem Buch "Musikalische
Formen und Strukturen in der deutschsprachigen Literatur
des 20. Jahrhunderts" von Lech Kolago. Zitieren
wir nun den Text der "Todesfuge".
Schwarze Milch der Frühe wir trinken sie abends
wir trinken sie mittags und morgens wir trinken sie nachts
wir trinken und trinken
wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng
Ein Mann wohnt in Haus der spielt mit den Schlangen der
schreibt
der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland dein goldenes Haar
Margarete
er schreibt es und tritt vor das Haus und es blitzen die Sterne
er pfeift seine Rüden herbei
er pfeift seine Juden hervor läßt schaufeln ein Grab in der
Erde
er befiehlt uns spielt auf nun zum Tanz
Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich morgens und mittags wir trinken dich abends
wir trinken und trinken
Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlangen der
schreibt
der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland dein goldenes
Haar Margarete
Dein aschenes Haar Sulamith wir schaufeln ein Grab in den
Lüften da liegt man nicht eng
Er ruft stecht tiefer ins Erdreich ihr einen ihr andern singet
und spielt
er greift nach dem Eisen im Gurt er schwingts seine Augen
sind
blau
stecht tiefer die Spaten ihr einen ihr andern spielt weiter zum
Tanz auf
Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich mittags und morgens wir trinken dich abends
wir trinken und trinken
ein Mann wohnt im Haus dein goldenes Haar Margarete
dein aschenes Haar Sulamith er spielt mit den Schlangen
Er ruft spielt süßer den Tod der Tod ist ein Meister aus
Deutschland
er ruft streicht dunkler die Geigen dann steigt ihr als Rauch
in
die Luft
dann habt ihr ein Grab in den Wolken da liegt man nicht eng
Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich mittags der Tod ist ein Meister aus
Deutschland
wir trinken dich abends und morgens wir trinken und trinken
der Tod ist ein Meister aus Deutschland sein Auge ist blau
er trifft dich mit bleierner Kugel er trifft dich genau
ein Mann wohnt im Haus dein goldenes Haar Margarete
er hetzt seine Rüden auf uns er schenkt uns ein Grab in der
Luft
er spielt mit den Schlangen und träumt der Tod ist ein Meister
aus Deutschland
dein goldenes Haar Margarete
dein aschenes Haar Sulamith
(Celan, Todesfuge, 1981,
S. 41f)
Dieses Gedicht setzt sich aus 2 Themen zusammen:
aus dem "wir"-Thema und dem
"er"-Thema, die ungefähr gleich lang sind. Beide
Themen bestehen aus Motiven, die mehr oder weniger
regelmäßig im Text erscheinen oder nur einmal auftreten.
Das "wir"-Thema zerfällt in 3 kurze Motive:
"Schwarze Milch der Frühe wir trinken sie",
"wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man
nicht eng", "dein aschenes Haar Sulamith".
Das erste Motiv kommt im Vers 1, 10, 19, 27 vor, wobei
es beim ersten Erscheinen lautet: "Schwarze Milch
der Frühe wir trinken sie" und bei den Wiederholungen wird das Wort "sie" durch "dich" ersetzt:
"Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich". Hier werden nur die Worte ausgetauscht.
Dieser Wortaustausch beeinflußt aber keinesfalls den
strukturellen Bau des Motivs. Im zweiten Teil
des Motivs wechseln frei, nicht unbedingt chronologisch
und ohne jede logische Reihenfolge die Tageszeiten: "... wir trinken sie abends
wir trinken sie mittags und morgens wir trinken
sie nachts", was keinesfalls auf irgend eine dynamische
Entwicklung dieses Motivs hinweisen sollte. Es ist
ebenso ein bloßer Wortaustausch, der diesen Gedanken
nur verstärken soll. In einem Konzentrationslager wählt
der Tod keine besondere
Tageszeit für seine Opfer. Schwarze Milch, als Symbol
des Rauches aus den Schornsteinen im Vernichtungslager,
ist eine vergiftete Milch, die zu jeder Tageszeit
den Tod bringt, im Gegensatz zur weißen Milch, die dem
Kind das Leben schenkt.
Die beiden
anderen Motive des "wir"-Themas wiederholen
sich unverändert: Das Motiv "wir schaufeln ein
Grab in den Lüften da liegt man nicht eng" tritt
im Vers 4 und 15 auf, das Motiv "dein aschenes
Haar Sulamith" in den Versen 15, 22 und 36. Das
statische Prinzip einer Fuge wird im ersten Thema völlig
bewahrt.
Das jeweilige
Erscheinen im Text des ersten Motivs, das für das erste
Thema repräsentativ ist, wurde mit einem großen Buchstaben
am Anfang des Verses markiert. Graphisch wurde es zusätzlich
mit einem größeren Abstand vor seinem Auftreten gekennzeichnet.
Visuell teilt solch eine Schreibweise das ganze Gedicht
in vier Teile auf. Es sind aber keine Strophen, denn
sie würden das Motorische einer Fuge und ihre Energie
des Rhythmus wesentlich behindern. Dadurch bleibt auch
die Geschlossenheit der Form stärker bewahrt. Das ganze
läuft ohne Pausen und Unterbrechungen weiter.
Das zweite Thema ist wesentlich reicher
an Motiven als das erste. Das Hauptmotiv dieses
"er"-Themas "Ein Mann wohnt im Haus der
spielt mit den Schlangen" kommt viermal vor: in
den Versen 5 und 13 wird es wörtlich wiederholt. Im
Vers 22 wurde es durch die Einführung von 2 Motiven
aus beiden Themen aufgeteilt:
Ein Mann wohnt im Haus dein
goldenes Haar Margarete
dein aschenes Haar Sulamith
er spielt mit den Schlangen.
Im Vers 32
fällt diese Teilung viel stärker auf, denn dazwischen
wurde ein Textabschnitt in der Länge von anderthalb
Zeilen eingeführt:
ein Mann wohnt im Haus dein
goldenes Haar Margarete
er hetzt seine Rüden auf
uns er schenkt uns ein Grab in der Luft
er spielt mit den Schlangen...
Celan wandte
an dieser Stelle ein technisches Mittel zur Durchführung
des Themas in einer Musikfuge an: die Augmentation.
Das Hauptmotiv wurde dadurch wesentlich verlängert.
Zweimal, in
den Verszeilen 6 und 14, kommt das Motiv "der schreibt
wenn es dunkelt nach Deutschland" vor. Das Motiv
"dein goldenes Haar Margarete" erscheint
fünfmal, in den Versen 5, 14, 22, 32, 35. Das Motiv
"Er ruft stecht tiefer ans Erdreich ihr einen"
aus dem Vers 16, findet man leicht verändert im Vers
18: "stecht tiefer die Spaten ihr einen".
In dem "er"-Thema treten auch leichte Veränderungen in den Motiven
auf, die ebenso nur als Wortaustausch von Wörtern aufgefaßt
werden sollten:
er pfeift seine Rüden herbei
er pfeift seine Juden hervor.
Die konstanten
Elemente, die die semantischen Änderungen miteinander
verbinden, bleiben hier der Sprachrhythmus und die
Grundstimmung des Gedichtes:
er ruft streicht dunkler
die Geigen
Er ruft stecht tiefer ins
Erdreich
Er ruft spielt süßer den
Tod.
Zu den Bestandteilen
einer Fuge gehören: Thema oder Themen, polyphonische
und harmonische Mittel, Überleitungen oder Zwischenspiele
und Episoden. (Mała encyklopedia, 1970, S. 329)
Mit Ausnahme von polyphonischen und harmonischen Mitteln
machte dem Dichter die Einführung der übrigen Elemente
ins Gedicht keine wesentlichen Schwierigkeiten. Die
zitierten Bestandteile einer Fuge lassen sich also -
in einem anderen Material - leicht aus der Musik in
die Literatur transponieren. Als ein gutes Beispiel
dafür darf die Einführung der Überleitung "der
Tod ist ein Meister aus Deutschland" genannt werden,
die in den Versen 30 und 31 zu einer Episode entwickelt
wurde.
Da das Thema als melodische Basis einer Fuge mehrmals in
verschiedenen Stimmen erscheint, entscheidet
es auch über die Evolution einer Fuge. Das bedeutet
aber nicht, daß die Fuge zu den dynamischen Musikformen
gehört, so wie Seidensticker (Seidensticker, Todesfuge,
1960) und Butzlaff (Butzlaff, Todesfuge, 1960) in ihren
Artikeln über die "Todesfuge"
schreiben. Seidensticker spricht sogar über die
"musikalische Dynamik der Fuge", (Seidensticker,
Todesfuge, 1960, S. 41) und das ganze ist für ihn "ein
Reigen". (Seidensticker, Todesfuge, 1960, S. 40)
Der Autor dieses Aufsatzes fand aber in den Artikeln
von Butzlaff und Seidensticker manche Anregungen für
diesen Text.
Eine Fuge
ist die geschlossenste und konsequenteste polyphonische
Form. (Chominski, Formy, 1983, S. 423) Sie wird mit
der Technik der Imitation aufgebaut. Das Element der
Imitation im Gedicht ist die regelmäßige Wiederholung
beider Themen.
Die Fuge beginnt
mit der Exposition des Themas in der Grundtonart. Auf
dieses Thema, den Dux, folgt im Quint- oder Quartabstand
eine Antwort, der Comes. Da das Gedicht aus einem ganz
anderen Material als eine Fuge aufgebaut ist, kann aber
keine Rede von diesem Quart-Quint-Prinzip sein, das
über ihre "differentia specifica" (Pociej,
Fuga, 1985, S. 8) entscheidet. Das Prinzip der Imitation
- dux-comes - wurde im Gedicht aber beibehalten.
Das Prinzip der Imitation kommt darüber hinaus zum Ausdruck in der wörtlichen
oder leicht geänderten Wiederholung
der Motive sowie inhaltlich unterschiedlicher Strukturen.
Celan hat graphisch 4 Teile des Gedichtes ausgesondert,
die fast gleich lang sind: 9, 9, 8, 10 Verszeilen. Beim
Vortrag können sie z.B. mit leicht veränderter Stimme
markiert werden.
Viermal erscheint im Gedicht der Vers: "der Tod ist ein Meister aus
Deutschland" (in den Versen 24, 28, 30, 34). Es
ist eine Überleitung, die in den Versen 30-31 zur Episode
entwickelt wurde:
der Tod ist ein Meister aus
Deutschland sein Auge ist blau
er trifft dich mit bleierner
Kugel er trifft dich genau.
Durch den
Gebrauch des Endreims, der nur einmal im ganzen Gedicht
vorkommt, wird die Zugehörigkeit beider Verse betont.
Die Imitation als ein wesentliches Mittel der polyphonischen Technik kommt
deutlich zum Ausdruck in der Nebeneinanderstellung
von Motiven des zweiten Themas:
er ruft streicht dunkler
die Geigen
er ruft stecht tiefer ins
Erdreich
er ruft spielt süßer den
Tod.
Es wird hier
mehrmals der gleiche Sprachrhythmus wiederholt.
Die Imitation kommt im Gedicht nicht nur in den wiederkehrenden Motiven,
sondern auch in der vokalen Klangschicht
vor. Dieses auf Klang bedachte melodiöse Langzeilengedicht
bevorzugt die Assonanz auf "a", "i"
und "ü", die in den Oxymoron "Schwarze
Milch der Frühe", in dem äußersten an Paradoxie
eingeführt wird.
Meisterhaft
hat Celan die Rekapitulierung durchgeführt. Die Coda
besteht aus den 10 letzten Verszeilen. Die Hälfte wurde
für das erste Thema bestimmt. Es erscheint wieder das Thema, und die Überleitung "der Tod ist ein Meister aus Deutschland" wird zur zweiteiligen
Episode entwickelt, die mit den Endreim (Vers 30 und
31) endet. Die Hälfte wurde für das zweite Thema bestimmt.
Es wird an die Überleitung erinnert sowie an die am
häufigsten vorkommenden Motive aus dem ersten und zweiten
Thema. In den beiden letzten Verszeilen kommt das polyphone
und kontrapunktische Element deutlich am Ende des Gedichtes
zum Ausdruck, als die zwei Motive beider Themen in der Engführung unmittelbar nacheinander
in folgenden Kurzzeilen erscheinen:
dein goldenes Haar Margarete
dein aschenes Haar Sulamith.
Ein weiteres
Kennzeichen der Fuge ist ihre abgeschlossene und dichte
Form. Das heißt, daß die einzelnen
Bauelemente bestimmte Funktionen zu erfüllen
haben. Das Thema erscheint unverändert, statisch und
verursacht das Vorkommen einzelner Motive. Besonders
im zweiten Thema gibt es eine Dichte von Motiven. Es
werden die Tätigkeiten und Aktivitäten aufgeführt, die der Häscher
in einem Vernichtungslager betreibt, bevor er
sein Opfer tötet: "er schreibt wenn es dunkelt
nach Deutschland", "er pfeift seine Rüden
herbei", "er pfeift seine Juden hervor",
"läßt schaufeln ein Grab in der Erde", "Er ruft stecht tiefer ins Erdreich ihr einen", "ihr andern
singet und spielt", "er greift nach dem Eisen
im Gurt", "er hetzt seine Rüden auf uns" usw.
Im Gedicht wurde also diese enge Form der Musikfuge
nachgeahmt.
Ein weiteres
charakteristisches Kennzeichen der Fuge ist das Motorische,
eine gewisse "Flucht" der Stimmen. Das Motorische
und jenes Vorantreiben erreichte Celan nicht nur durch
Verzicht auf den strophischen Bau des Gedichtes sowie
auf die Interpunktionszeichen, um den freien Fluß der
Rede nicht zu stoppen, sondern auch durch das Einführen
von Verszeilen mit unterschiedlicher Länge. Neben den
Verszeilen mit nur zwei Akzenten, z.B. "wir trinken
wir trinken", findet man auch solche mit 8 Akzenten:
"Er schreibt es und tritt vor das Haus und
es blitzen die Sterne er pfeift seine Rüden herbei".
Dieses Motorische
wird durch eine spezifische Reihenfolge im Gebrauch
von Versfüßen zusätzlich verstärkt. Nach drei Trochäen
"Schwarze Milch der Frühe", die von Natur
aus "träge" wirken, folgen Daktylen, die wiederum
als leichte, beschwingte und vorantreibende Versfüße
gelten: "trinken sie abends wir trinken sie mittags
und morgens wir trinken sie nachts wir trinken und trinken
wir schaufeln ein Grab". Im Gedicht überwiegen Daktylen.
Aber das jeweilige Erscheinen der Themen wird mit anderen
Versfüßen markiert. Das erste Thema beginnt in Trochäen,
das zweite dagegen mit einem Jambus und zwei Trochäen.
Paul Celan unternahm den schwierigen Versuch, mit sprachlichen Mitteln
eine Musikform nachzubilden. Diese Schwierigkeit scheint
umso größer zu sein, wenn man auf das Schema einer Fugenexposition
schaut. (Stephan, Musik, 1965, S. 55)
------------------------- = Subjekt (Thema)
- - - - - - - - - - - - - - = Kontrapunkt
" " " " " " " " " " " = freie Fortspinnung
Comes
( -------------------------------
Comes
(-------------------
- - -- - - - - - - - - - " " " " " " " " " " " " "
Dux
( -------------------
- - - - - - - - - - - - - " " " " " " " " " " " " "
" " " " " " " " " "
Dux
(------------------
- - - - - - - - - - - - -
Aus dem bis
jetzt Gesagten und diesem Schema geht hervor, daß eine
totale Übernahme der Musikfuge in die Literatur auf
dieser Ebene nicht möglich ist. Im Wege stehen zwei wesentliche Faktoren: ihr polyphonischer Bau sowie ihr
statischer Charakter. (Petri, Musik, 1964, S.
51f) Die Musik entwickelt sich in einer Fuge simultan,
synchronisch. In
der Sprache
ist aber die Gleichzeitigkeit insofern nicht möglich,
als das menschliche Ohr nicht in der Lage ist, gleichzeitig
mehr als ein Wort zu verstehen. Celan versuchte sich
aus diesem Dilemma herauszuhelfen, indem er die Polyphonie
in Form von Nacheinander zu erreichen suchte. Die Fragmente,
die in der Musik gleichzeitig erscheinen und durch ein
gut geschultes Ohr wahrgenommen werden können, werden
in der Sprache im Nacheinander ausgedrückt.
Die zweite Schwierigkeit, eine Musikfuge in die Literatur zu transponieren,
liegt im statischen Charakter ihres
Themas. Die Themen mit statischem Charakter integrieren
sich sehr schwer in andere Textstellen, (Petri, Musik,
1964, S. 30) ohne das Gefühl des Müdewerdens hervorzurufen.
Dux in der Grundtonart und comes als Beantwortung im
Quint- oder Quartabstand sind zwar die gleichen Musikabschnitte,
die Komponisten haben jedoch ein umfangreiches Arsenal
an Mitteln der Kompositionstechnik, um dieses Gefühl
des Müdewerdens zu vermeiden. Jene Mittel der
Kompositionstechnik
lassen sich aber nicht automatisch in die Literatur
übertragen.
Die Übernahme einer Musikform in die Literatur ist aber möglich, wenn
man sie auf die Ebene der Abstraktion hebt und sie von
dieser Ebene her betrachtet, das heißt wenn man Form
als Prozeß der Formung begreift.
Das Konstruktionsschema
einer Fuge ist ein statisches Kompositionsprinzip, weil
sich das Thema nicht entwickelt. Es erscheint in verschiedenen
Stimmen in unveränderter Weise.
Sowohl die musikalische Form der Fuge als auch das literarische Gedicht,
das vom Tod handelt, weisen zahlreiche Wiederholungen
auf, die für eine Spirale charakteristisch sind. Dadurch
wird das wiederholte Problem im Gedicht, das Töten
der Menschen, in einem anderen Licht gezeigt: "Schwarze
Milch der Frühe wir trinken sie abends, (...) mittags,
(...) morgens, (...) nachts", und die Themen in
der Fuge erscheinen in einer anderen Schattierung. Die
Spirale bedeutet hier eine enge Parallelität verlaufender
Entwicklungen.
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