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Stefan H. Kaszyński
Poznań
Tigerstory oder Sörensen und Mrożek im Abgrund des Absurden
Vorspiel
Obwohl das Tigermotiv auf
durchaus literarisch attraktive Bearbeitungen in der
Vergangenheit zurückblicken kann [1] , sollte man ausnahmsweise die hier analysierten Tigerstorys
ausschließlich im Kontext der fünfziger Jahre interpretieren,
sonst läuft man Gefahr, ihre verschlüsselte Botschaft
misszuverstehen oder gar zu überinterpretieren. Es
geht hier nämlich um eine rationale Entschlüsselung
der absurden Welt, einer Welt, in der die Angst an
Stelle der Vernunft auch in Europa offiziell den Lauf
der Dinge bestimmte.
Politisch,
sozialgeschichtlich oder ästhetisch betrachtet, waren
die fünfziger Jahre und ihre Transparenz in Kunst und
Literatur keine strukturelle Einheit. Ihre semantische
und symbolische Vielfalt lässt sich weitgehend von der
allgemeinen europäischen Stimmungslage ableiten. Die
damals ganz Europa bedrückende Aura der existenziellen
Unsicherheit hatte zweifelsohne ihre politischen und
psychologischen Gründe. Die nahen Erinnerungen an
die geistigen und materiellen Schäden, die der zweite
Weltkrieg im Leben ganzer Generation angerichtet hat,
wurden in den fünfziger Jahren durch neue, weltweite
Bedrohungen wachgerufen. Politische und ideologische
Spannungen der Zeit führten zur Spaltung und Polarisierung
der europäischen Nationen. Der Korea-Krieg, die Gefahr
des globalen Atomkrieges, die Teilung Europas in zwei
feindliche Militärblöcke; all das formte das kollektive
Bewusstsein der Europäer auf beiden Seiten des Eisernen
Vorhangs, wie man damals, im Sprachgebrauch des Kalten
Krieges, die Demarkationslinie zwischen Ost und West,
zwischen der angeblichen Vernunft und der augenscheinlichen
Absurdität unreflektiert nannte.
Der Tod Stalins (1953), der 20. Parteitag der
KPdSU (1956) und das Ende der Mc Carthy-Ära in den USA
(1954) lösten den Geist der Liberalisierung in Europa
aus, die zu ersten Versuchen einer kulturellen Annäherung
zwischen Ost und West führte. Diese verfrühten Annäherungsversuche
wurden bald durch die brutale Unterdrückung des ungarischen
Aufstandes (1956) aufgehalten. Doch der bereits begonnene
Prozess der Annäherung der ideologisch angefeindeten
Systeme ließ sich nicht endgültig aufhalten. Die inzwischen
herangewachsene neue Generation von Künstlern, Schriftstellern, Musikern und Filmleuten wird zum
markanten Sinnträger der Verwandlung der Systeme.
Man protestiert nicht nur gegen das aufgezwungene duale
Weltbild der Nachkriegszeit, man ist in der Literatur,
im Theater, im Film für die Befreiung der ideologisch
gefesselten Phantasie. Die überaus laute Rock-and-Roll-Musik
von Bill Haley rüttelt die Gemüter der Jugend auf, integrale
Filmhelden wie Gary Cooper, Jean Gabin oder Nikolai
Tscherkassow werden durch unzufriedene Rebellen wie
James Dean, Zbigniew Cybulski oder Innokenti Smoktunowski
ersetzt, und die Poetik des Absurden hält ihren Einmarsch
in die muffige Theaterlandschaft. Eugéne Ionesco, Samuel
Beckett, Arthur Adamov schaffen mit ihren Dramen alternative
Lesarten der anscheinend rational eingerichteten Weltordnung
der frühen Nachkriegsjahre.
Alle diese Erscheinungen bilden den äußeren Rahmen der inneren Verwandlung des gespaltenen Jahrzehnts; anders, d.h. spontan, im Westen, etwas nachdenklicher
wegen der Zensur im Osten,
und doch, wie die folgenden Texte vermuten lassen,
im Endeffekt, in ihrer Tiefenstruktur unverwechselbar ähnlich. War noch am Anfang des Jahrzehnts die Angst als dominierendes
Gefühl der existenziellen Literatur (Sartre, Camus,
Böll, Celan, Bachmann) zu identifizieren, so ist
das absurde Lustgefühl, das den Ausbruch aus dem totalen
Angstsystem ankündigt (Gombrowicz), kennzeichnend
für die zweite Hälfte
des Jahrzehnts. Dieser Ausbruch bedeutete mehr
als eine rein ästhetische Provokation, es war ein mutiger
Schritt in die Freiheit.
Man kann sicherlich
unter diesen Voraussetzungen die gesamte europäische
Literatur der fünfziger Jahre interpretieren, es reicht
aber auch, zwei thematisch, geistig und ästhetisch
verblüffend ähnliche Modelle anzuführen, um den Sinn
der Verwandlung des Jahrzehnts in seiner Gesamtheit
zu erfassen.
Die Beispiele
kommen aus Ost und West, aus dem Nato-Land Dänemark
und aus dem Ostblock-Staat Polen. Die fast gleichaltrigen
Autoren heißen Villy Sörensen und Sławomir Mrożek.
Was sie verbindet, ist nicht nur die pure Lust am Experimentieren,
sondern auch die Tatsache, dass beide in den fünfziger
Jahren Tigergeschichten geschrieben haben, die man
heute im Nachhinein als böse und zugleich satirische
Zeitsymbole auswerten kann. Ob sie es damals darauf
ankommen ließen, bleibt dahingestellt, auf jeden Fall
hatten sie ein besonderes Gespür für das Unangemessene,
das Unkonventionelle entwickelt, das den künstlerisch chiffrierten Sinn
der Zeit noch nach Jahren mühelos identifizieren läßt.
Das Zauberwort, mit dem man die Situation der damaligen
Zeit ästhetisch zu umschreiben suchte, hieß das Absurde.
Unter dem Absurden sollte man nicht nur eine stilistische
Manier der fünfziger Jahre verstehen; vom heutigen Standpunkt
aus gesehen handelt es sich um weit mehr als eine rein
ästhetische Maßnahme. Dahinter steckte nämlich eine
artistisch raffinierte Methode der hinterlistigen Befragung
der Realität nach dem verborgenen Sinn der ideologischen
Handlungszwänge.
Zu den Sinnstiftern des absurden Erzählens
Der Ältere,
Villy Sörensen (1929-2001), kam aus Kopenhagen, war
ein studierter Philosoph, in der literarischen Öffentlichkeit
bekannt als Autor angesehener Erzählsammlungen Ungefährliche
Geschichten (Ufarlige historier, 1955) biographischer
Romane Seneca. Ein Humanist auf Neros Hof (Seneca.
Humanisten ved Neros hof, 1976) und philosophisch-politischer
Essays Hverken - eller (Weder - noch, 1961).
Er war ein exzellenter Kenner der europäischen Gegenwartsliteratur,
seine Aufsätze über
Broch und Bücher über Kafka haben neue Denkanstöße für
die gesamte skandinavische Literatur der frühen
Nachkriegszeit geliefert. Sławomir Mrożek
(1930), um ein Jahr jünger als Sörensen, stammt aus
Borzęcin bei Krakau, er hat in Krakau Architektur
studiert und ist inzwischen ein weltweit angesehener
Theaterautor und Kurzgeschichtenerzähler geworden (Die
Giraffe und andere Erzählungen). Seine absurden
Einakter Der Hirsch (Jeleń), Auf hoher
See (Na pełnym morzu) und insbesondere sein
in vielen Ländern aufgeführtes Theaterstück Tango,
geschrieben in der Tradition von Ionesco und Gombrowicz,
liefern eine erschütternde Diagnose der europäischen
Mentalität des ausgehenden 20. Jahrhunderts.
Die genannten Schriftsteller sind als frühe Sinnträger der
Ästhetik des Absurden nicht nur in ihren Heimatländern,
sondern in ganz Europa bekannt, beide verbinden diese
Ästhetik mit einer moralischen Herausforderung ihrer
Epoche. Vielleicht ist es ein Zufall, vielleicht aber
auch nur eine besonders sensible Lesart ihrer Zeit,
dass im gleichen Jahrzehnt zum gleichen Thema, mit gleichen
diagnostischen Absichten zwei voneinander unabhängige
literarische Texte entstehen. Beide Autoren schreiben
in den fünfziger Jahren an symbolträchtigen Tigergeschichten.
Sörensen veröffentlicht 1953 im Erzählband Saere
historier die Geschichte Tiger in der Küche
(Tigrene)
[2] . Mrożek, der den Text Sörensens zu jenem Zeitpunkt
nicht kannte
[3] , schreibt 1959 zum gleichen
Thema ein absurdes Dramolett mit dem Titel Das
Martyrium des Piotr Ohey (Męczeństwo
Piotra Ohey’a)
[4] . Man hatte sehr früh die Bedeutung dieser Texte auch
im europäischen Ausland erkannt und übersetzte sie bald
in mehrere Sprachen, da man überzeugt war, an ihnen
etwas Zeittypisches zu entdecken.
Zu den sinnentstellenden Texten
Strategien
bewusster Sinnentstellung der Realität durch literarische
Diskurse ist keine Erfindung der fünfziger Jahre. So
war es schon im romantischen Kunstmärchen (E.T.A.
Hoffmann) und im literarischen Experiment der Moderne
(Hugo von Hofmannsthal). Und das Spiel mit den Tieren
als Symbolträgern einer verkehrten Welt reicht bis in
die Antike (Aristophanes) und endet nicht mit Franz
Kafkas Verwandlung, sondern wird in Der Rättin
kreativ von Günter Grass fortgesetzt. Die mythische
Kraft der Tiersymbolik
wird von den Autoren immer dann benutzt, wenn
sie sich mit ihren Erzählungen jeglicher Unterdrückung
des freien Denkens aktiv entgegenstellen wollen. So
ist auch der Einbruch der Phantasie in die Denkstruktur
der literarischen Gebilde von Sörensen und Mrożek
zu verstehen.
Im Falle von
Sörensen haben wir es mit einer in Märchenkonvention
(wie sollte es anders bei einem dänischen Erfolgsautor
sein) geschriebenen Geschichte vom massiven Einbruch
der Tiger in das Privatleben einer dänischen Metropole
zu tun. Die Handlungszeit wurde zwar nicht bestimmt,
den Realien ist jedoch zu entnehmen, dass die Vorkommnisse
im Kopenhagen der fünfziger Jahre stattfinden. Eine
in dieser Stadt angesehene durchschnittliche Bürgerfamilie
entdeckt eines Tages, dass sich in ihrer Küche ein Tiger eingenistet hat, keiner weiß woher
er kommt, alle wissen aber, was er will. Er will nämlich
essen und hat außerdem keine Lust, das tigerfreundliche
Domizil zu verlassen. Die beiden aus der Ferne herbeigerufenen
Söhne der Familie, Sten und Fif, wissen zunächst auch
nicht, wie der bedrohlichen Situation abzuhelfen ist.
Der Tiger frisst zwar augenblicklich nur Kalbfleisch,
er könnte aber auch ein Menschenfresser sein, vermerkt
man äußerst beunruhigt. Der Vater der Familie, der das
Radio aufdreht, "um zu erfahren, ob neue Kriege
ausgebrochen waren"
[5] , erfährt vom Ansager,
daß in der Stadt eine "Tigerplage" ausgebrochen
sei.
In der Königlichen
Bibliothek wird ein Tigerforscherkongress einberufen,
der einen Ausweg aus der Situation finden soll. Sten,
der ältere der Brüder, baut einen Tigerhafen, um die
Rückkehr der Tiere in ihre östliche Heimat zu ermöglichen,
diese wollen aber auf keinen Fall den Fluchtweg wahrnehmen.
Keiner weiß, was sie wollen, da man der Tigersprache
nicht mächtig ist. Fif, der jüngere Bruder, wird von
der Gemeinschaft überredet, sich aufzuopfern, mit einem
der Tiger zu schlafen, um seine Sprache zu erlernen
und somit die Tiger aus der Stadt in den zoologischen
Garten zu bringen. Als sein Opfer gelingt, bekommen
die befreiten Stadtbewohner Sehnsucht nach den Tigern
und zwingen Fif, der aufgrund seiner Wortmacht Schriftsteller
wurde, die Tiger zurückzuholen. Denn ihr Platz ist nicht
im Käfig des zoologischen Gartens, sondern in der Freiheit.
In Mrożeks
Dramolett nistet sich der berüchtigte Tiger im Badezimmer
der bürgerlichen Familie der Oheys ein. Auch hier weiß
keiner, woher er kommt, man stellt sogar Vermutungen
an, dass eine besondere Art von Zahnpasta tigerfördernd
sein könnte. Das Gerücht von dem ungewöhnlichen Ereignis
verbreitet sich blitzschnell in der eher verträumten
Stadt. In die bescheidene Wohnung von Piotr Ohey kommen
bald ein tüchtiger Finanzbeamter, um die ausstehende
Tigersteuer zu kassieren, weiter ein wissensdurstiger
Forscher, um die Sitten der Tiger zu studieren, und
schließlich ein profitsüchtiger Zirkusdirektor mit dem
verlockenden Angebot, eine Zirkusaufführung mit dem
Tiger in der Wohnung des Betroffenen zu veranstalten.
Auch ein zivilisationsfremder Tigerjäger aus Sibirien,
der den Geruch der Tiger weltweit verspürt, will unaufgefordert
das Tier im Badezimmer der Oheys erlegen.
Die Spannung
der verkehrten Handlung erreicht ihren dramatischen Höhepunkt, als
ein Beamter des auswärtigen Amtes die Wohnung des Betroffenen
mit einem Maharadscha betritt; der indische Diplomat
verdorrt nämlich in seinem Gastland vor Sehnsucht
nach gewohnheits- und standesgemäßen Tigerjagden.
Die bevorstehende Tigerjagd wird von den Beamten als
dringende Staatsangelegenheit ausgelegt, und Ohey soll
infolgedessen seine Wohnung als Tigerjagdrevier freigeben.
Damit der indische Diplomat auf den Tiger schießen kann,
muss man allerdings das undisziplinierte Raubtier in
die häusliche Badewanne locken. Piotr Ohey wird im Namen
des Staates verpflichtet, den Tigerlockvogel in der
Badewanne zu spielen. Als der Diplomat sein Jagdgewehr
präzise auf die Wanne richtet und abdrückt, kommt Ohey
anstatt des Tigers um. Die Logik der Ereignisse ist
hier gewissermaßen durch die Erzählkonvention vorprogrammiert.
Der dramatische Ausgang ist perfekt, und alle beteiligten
Amtspersonen verlassen zufrieden das bescheidene Domizil
des bescheidenen polnischen Märtyrers wider Willen.
Anstatt eines sinnerfassenden Kommentars
Was ist nun den beiden ungewöhnlichen
Tigergeschichten aus Ost- und Westeuropa als gemein
abzulesen? - Sicherlich sind dies ihre Entstehungszeit,
weiter die zeittypische Umgebung, das unauffällige Milieu
und vor allem der symbolträchtige Tiger. Gemeinsam
ist ihnen selbstverständlich auch die angeblich absurde
Haltung der Erzähler. Ihre Erzählungen
[6] verschlüsseln nämlich auf eine sonderbare teils groteske,
teils absurde Weise die Realität des gewöhnlichen europäischen
Alltags einer bürgerlichen Familie in den fünfziger Jahren. Durch das
Erscheinen der Tiger in ihrer Wohnung werden die Gesetze
der Normalität aufgehoben und einer anderen, überrealen
Gesetzgebung untergeordnet. In dieser neuen, erzählten
Wirklichkeit sind plötzlich Dinge möglich geworden,
die sonst unglaubwürdig wirken. Die Menschen, die dieser
von ihnen ungewollten Situation ausgeliefert werden,
versuchen, sich den unbekannten Verhältnissen im Rahmen
ihrer bisherigen Verhaltensweisen anzupassen und müssen
an sich selbst, und nicht etwa an den Tigern, die ja
schließlich niemandem etwas Böses antun, zugrunde gehen.
Es ist ein Spiel mit der Angst, in dem nicht die Angst,
sondern die, die ihr erliegen, gefährlich werden können.
Ein absurdes Spiel der Erzähler, könnte man meinen.
Aber ihre verschlüsselte Botschaft richtet sich doch
letztendlich an konkrete Menschen in einer konkreten
Zeit. Das absurde Spiel mit den Tigern entschlüsselt
ein anderes, reales Spiel der Macht, die durch das Aufzeigen
der Gefahr sich die Menschen willenlos unterordnet.
Aus der Erzählkonstruktion
geht deutlich hervor, dass die Tiger für etwas anderes
als für gewöhnliche Tiere stehen, sie bekommen gewissermaßen
einen symbolischen Status im ganzen Erzählvorgang.
Das Einsetzen des Symbols in den real geschilderten
Alltag ändert nicht nur die Konvention der Erzählung,
es ändert auch das Weltbild
der Geschichte, also im gewissen Sinne auch ihre
appellative Wirkung. Das Reale wurde durch das Absurde
ersetzt und dieses zeigte sich wirksamer als die Vernunft.
Wofür stehen
letztendlich die Tiger in einer europäischen
Wirklichkeit der fünfziger Jahre? Seit jeher waren
die Tiger doch vor allem ein Symbol der von außen kommenden,
durch böse Kräfte entfesselten Gefahr. Nicht anders
soll es auch bei Sörensen und Mrożek sein. Die
Bedrohung der Gesellschaft kommt mit dem Tiger, einem
fernöstlichen Tier, das in Europa nur im zoologischen
Garten oder im Zirkus als Angstattrappe vorgeführt
wird. Ein in der Freiheit lebender Tiger bedeutet allerdings
vor allem eine die Phantasie beflügelnde Gefahr. Er
bildet also eine Gefahr für das System der Unterdrückung der Freiheit und nicht für die
Freiheit selbst. Hinter der Unterdrückung
verbirgt sich allenfalls eine Tragödie der ihrer
natürlichen Freiheit beraubten Menschen und dieser,
und nicht etwa der Gefahr selbst, wollte man durch die
literarische Verzauberung der Realität abhelfen.
In der absurden
Welt von Sörensen
und Mrożek, also in den erwähnten fünfziger
Jahren, werden aber die Tiger als etwas Positives und
Harmloses dargestellt. Nicht den Tigern, sondern der
Manipulation mit der Angst soll man sich entgegenstellen.
Um die Macht zu erhalten, müssen die Machthaber die
Freiheit als Bedrohung darstellen, sie entwerfen eindrucksvolle Angstattrappen, malen den Tiger
an die Wand und reden
den Leuten die Bedrohung ein. Das Manipulieren
mit der Angst bekommt in den Zeiten des Kalten Krieges
riesige propagandistische Ausmaße. Nur so kann man die
Erfolge der Schattenspiele mit der Realität erklären.
Dieser Strategie werden die Friedensbewegungen, die antiatomaren Kongresse,
die Stockholmer Appelle und spontane Friedensdemonstrationen
untergeordnet.
Die Ideologie der Bedrohung braucht ihre Opfer und diese werden sowohl
in Amerika wie auch in der Sowjetunion gefunden. In
diesem Sinne sind die von den absurden Schriftstellern
erfundenen Figuren des Fif oder des Piotr Ohey keinesfalls
als Symbole der Vernunft zu lesen, ganz im Gegenteil,
sie symbolisieren die Sinnlosigkeit einer Zeit, in der
aus ideologischen Gründen die Vernunft zum Opfer wurde;
in Ost und West, beiderseits der Trennungslinie, dazu
mit großem propagandistischen und materiellen Aufwand.
Die angeblich
absurden Tigergeschichten von Sörensen und Mrożek
zeigen die Sinnlosigkeit einer Welt der leeren, ideologisch
instrumentalisierten Symbole. Sie ist verblüffend ähnlich
im Endeffekt, obwohl sie grundverschieden im Ausgangspunkt
war. Der in der Vorbemerkung ausgesprochene Hinweis,
daß die Tigergeschichten nur im Kontext der fünfziger
Jahre verständlich sind, betrifft vor allem die Autorenintentionen.
Die Wirklichkeit kann, wie das Nachspiel zeigt, phantastischer
als die Imagination phantasiereicher Schriftsteller
sein.
Nachspiel
Dass selbst absurde Phantasiespiele
ihr menschliches Ausmaß haben können, beweist ungewollt
das authentische Nachspiel zu den von Sörensen und Mrożek
ausgedachten Tigerstorys. Die
größte polnische Tageszeitung "Gazeta Wyborcza"
meldete in ihrer Ausgabe vom 15. März 2000
[7] folgendes: Aus dem Zirkus "Korona" (Krone)
in Warszawa sind gestern vier Tiger ausgebrochen. Auf
der Jagd nach ihnen hatte die Polizei zufällig den Tierarzt
erschossen, der bemüht war, eines der ausgebrochenen
Tiere zu fangen.
Jemand von
der Polizei hat den Vorfall gefilmt, die Bilder
wurden als Nachricht des Tages von allen Fernsehstationen
in Europa, Asien und Amerika ausgestrahlt. Die Tigerstory
bekam also wieder ein globales Ausmaß. Die Wirklichkeit
des Jahres 2000 hat somit die absurde Phantasie der
fünfziger Jahre des 20. Jahrhunderts erfolgreich überholt. Im Nachrichtenmagazin der ARD-Tagesschau im Dezember 2000 wurde bekannt gegeben, dass
auch aus dem in Süddeutschland stationiertem Zirkus
"Sarrazani" ein Tiger
entflohen ist. Den tüchtigen deutschen Polizeibeamten
gelang es aber, in kürzester Zeit diese Gefahr unschädlich
zu machen. Wie phantasielos.
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