Katarzyna
Grzywka
Warszawa
"Draußen vor der Stadt ist ein hoher
Berg, darauf wohnt ein Drache". Zur Funktion des Berges in den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm
Die
Kinder-
und Hausmärchen
der Brüder Grimm sind 'reich' an Bergen. Die Märchen
stellen Berge auf verschiedene Art und Weise dar,
lassen die Helden sie 'bauen', hervorzaubern, besteigen.
Jeder im Märchen erwähnte Berg erfüllt im Leben der
Helden und so im
ganzen Märchengeschehen eine oder gleichzeitig
mehrere bestimmte Funktionen. Das Ziel des vorliegenden
Beitrages ist es, diesen Funktionen auf die Spur
zu kommen.
Unter dem Begriff 'Märchen' ist hier das Volksmärchen zu verstehen, das heißt "eine mündlich tradierte",
so Julian Krzyżanowski, "typische, fiktive,
wiederholbare und allgemeine Erzählung". (Übers. K.G.; Krzyżanowski,
W świecie, 1980, S. 62) Hierbei ist die Vergegenwärtigung
der Vorbehalte erforderlich, die man machen soll,
falls man diesen Terminus auf die Kinder-
und Hausmärchen bezieht. In der modernen Märchenforschung
wird die Meinung von der Nähe jener Märchen zur Gattung
des Kunstmärchens vertreten. In Anbetracht all der
"sprachlich-stilistischen, aber auch motivlichen
Überarbeitungen" stellt Heinz Rölleke fest, daß
sie "zuweilen zu Kunstmärchen in einem wesentlich
von Clemens Brentano und vor allem Wilhelm Grimm kreierten
Volkston" werden. Diese Betrachtungsweise läßt
den Forscher die Kinder- und Hausmärchen dem "Grenzgebiet zwischen Volksmärchen
und Kunstmärchen" zuordnen. (Literatur, Bd. 14,
1993, S 61) Die Richtigkeit dieser Auffassung annehmend
bleibe ich bei der Anwendung des Begriffs 'Volksmärchen'
in bezug auf die Grimmschen Märchen, da ich sie -
laut Krzyżanowski - als typische,
fiktive, wiederholbare, allgemeine und ursprünglich
in hohem Grade mündlich tradierte Erzählungen betrachte.
Das
Hauptgewicht wird in der hier vorgenommenen Untersuchung
auf die sogenannten 'eigentlichen Märchen' gelegt, die laut der Märchensystematik
von Antti Aarne und Stith Thompson und dem Typenverzeichnis
der polnischen Märchen von Krzyżanowski 'Zaubermärchen',
'legendenartige Märchen', 'novellenartige Märchen'
und 'Märchen vom dummen Teufel/Riesen' umfassen. (Aarne, Verzeichnis,
1910; Aarne/Thompson,
Types, 1928; EM, Bd. 1, 1977, Sp. 570-571;
vgl. auch Krzyżanowski, Polska bajka I, 1962,
S. 24-25, 309-311, 311-313; Krzyżanowski, Polska
bajka II, 1963, S. 327-329; Krzyżanowski, Polska
bajka I, 1947, S. 22; Lüthi, Märchen, 1996, S. 16-18)
In
den Kinder- und Hausmärchen der Gebrüder Grimm
lassen sich Berge in unterschiedlichen Ausprägungen
finden. Manche sind mit Dornengebüsch (KHM 113), andere
mit Edelsteinen bewachsen. (KHM 122) Im Märchen Der
Trommler befindet sich eine Ebene auf dem Berg,
"da stand ein altes steinernes Haus, und vor
dem Haus lag ein großer Fischteich, dahinter aber
ein finsterer Wald". (KHM 193,
S. 401) In den Texten De beiden Künigeskinner (KHM 113), Die Kristallkugel (KHM 197) und
De drei schwatten
Prinzessinnen steht ein Schloß, im letztgenannten
Märchen ein verwunschenes Schloß, auf dem Berg. In
Sneewittchen
setzen die Zwerglein "den Sarg hinaus auf den
Berg, und einer von ihnen blieb immer dabei und bewachte
ihn". (KHM 53, S. 276)
In
einigen Grimmschen Märchen gibt es Glasberge, wie
es in den Texten Die sieben Raben (KHM 25), Die
Rabe (KHM 93), Der
Eisenofen (KHM 127), Der Trommler (KHM 193), Oll Rinkrank (KHM 196) der Fall ist. Das
Märchen kennt auch Berge, die "ganz von Silber"
(KHM 54, S. 278) oder "ganz von Gold" (KHM
54, S. 279; KHM Anh. 6) sind. In der Wassernixe gibt es "einen großen Bürstenberg",
"einen großen Kammberg" und einen Spiegelberg.
(KHM 79, S. 390) Im Krautesel
wird "der Granatenberg,
wo die köstlichen Edelsteine wachsen"
erwähnt, (KHM 122, S. 175) in der Kristallkugel dagegen - ein Felsengebirge. (KHM 197)
Das
Märchen gibt wenig Informationen über die genaue Ortsbestimmung
der Berge. In den Texten Der Ranzen,
das Hütlein
und das Hörnlein (KHM 54) und De
drei schwatten Prinzessinnen (KHM 137) befinden
sich die Berge in einem Wald, in den Zwei Brüdern dagegen - "[d]raußen
vor der Stadt". (KHM 60, S. 317) Ein für das
Märchen eher untypisches Beispiel der ganz konkreten
Lokalisierung der Berge läßt sich im Text Von der Serviette, dem Tornister, dem Kanonenhütlein
und dem Horn finden, in welchem drei Brüder nach
Spanien reisen und "an einen Berg, der ganz von
Silber umgeben war" (KHM Anh. 6, S. 458) und
"zu einem Berg, wo nichts als Gold zu sehen war"
(KHM Anh. 6, S. 459) kommen.
Manchmal
werden die Berge im Märchen hervorgezaubert oder 'gebaut'.
In der Wassernixe wirft "das Mädchen [...] eine Bürste hinter sich,
das gab einen großen Bürstenberg
mit tausend und tausend Stacheln", dann
wirft "der
Knabe einen Kamm hinter
sich, das gab einen
großen Kammberg mit
tausendmal tausend Zinken", danach wirft
"das Mädchen einen Spiegel hinterwärts, welches
einen Spiegelberg gab, der war
so glatt, so glatt, daß sie [d.h. die Nixe - K.G.]
unmöglich drüber konnte". (KHM 79, S.
390) Im Märchen
Oll Rinkrank läßt ein König "'n glasen Barg maken".
(KHM 196, S. 413)
Selten gibt das Märchen Informationen über den Zeitverlauf im, beziehungsweise
auf dem Berg an. In den Wichtelmännern verbringt ein armes Mädchen
"nicht drei Tage, wie es gemeint hatte, sondern
sieben Jahre bei den kleinen Männern im Berge".
(KHM 39, S. 218) Anders im Text Oll Rinkrank: die im Berg lebende Heldin
wird im Laufe der Zeit alt. (KHM 196)
Im
oder auf dem Berg halten sich verschiedene Märchengestalten
auf: in den Wichtelmännern - Wichtelmänner (KHM 39), in Sneewittchen - Zwerge, in den Beiden
Künigeskinnern
- Eerdmännekens (KHM 113), in den Geschenken
des kleinen Volkes - das kleine Volk, die Kleinen
(KHM 182), in der Hand mit dem Messer - ein Elf. (KHM Anh.
2) Im Trommler
wohnt auf dem Berg eine Hexe (KHM 193), in den Zwei
Brüdern - ein Drache (KHM 60), im Krautesel gehört der Granatenberg "wilden
und ungeheuern Riesen, die darauf wohnten und ihr
Wesen trieben". (KHM 122) Im oder auf dem Berg
halten sich oft mehr oder weniger gewöhnliche Menschen
auf: im Simeliberg
- Räuber, ein armer und ein reicher Mensch (KHM 142),
in den Zwei Brüdern - ein Jäger (KHM 60), im Trommler - ein Trommler (KHM 193), im König vom goldenen Berg[e] - ein Schäfer (KHM 92), in Oll Rinkrank - ein alter Mann (KHM 196),
in den Drei
grünen Zweigen - ein Einsiedler (KHM Kl. 6), in
der Kristallkugel
- ein Sohn einer Zauberin (KHM 197), im Krautesel
- eine Tochter einer Hexe (KHM 122), in Sneewittchen
- ein totes Mädchen (KHM 53), in den Beiden
Künigeskinnern - ein Königssohn (KHM 113), im
Eisenofen und in Oll Rinkrank
- eine Königstochter. (KHM 127)
In
fünf Märchen: Die sieben Raben (KHM 25), Die Kristallkugel (KHM 197), Die Rabe
(KHM 93), De
drei schwatten Prinzessinnen (KHM 137), Der
Trommler (KHM 193), verweilen im oder auf dem
Berg verzauberte Märchenhelden. In der Kristallkugel haust "auf einem Felsengebirge"
der älteste Sohn einer Zauberin, die ihn in einen
Adler verwandelte, da sie dachte, daß "er ihr
ihre Macht rauben [wollte]". (KHM 197, S. 416)
Im Schloß von der goldenen Sonne auf einem hohen Berg
sitzt eine verwunschene Königstochter. Hier erzählt
sie ihrem zukünftigen Erlöser ihre Geschichte und
erklärt ihm, wie er sie erlösen kann. (KHM 197)
Der
Berg kann im Märchen sowohl als Aufenthaltsort als
auch als Ort der Entzauberung der verwunschenen Helden
fungieren. In den Sieben
Raben verweilen die Titelhelden auf einem Glasberg.
Hier werden sie von ihrer Schwester aufgefunden und
dadurch entzaubert. (KHM 25) Ähnlich im Märchen Die
Rabe, da sitzt eine verwunschene Königstochter
auf einem Glasberg und wird hier von ihrem zukünftigen
Ehemann erlöst. (KHM 93) Im Text Der Trommler wohnt auf einem
Berg eine zwar nicht verzauberte, sondern "in
die Gewalt einer Hexe geraten[e]" Königstochter.
(KHM 193, S. 398) Sie selbst hilft ihrem Erlöser bei
der Bewältigung all der Aufgaben, die er von der
bösen Hexe bekommt. Unter dem Einfluß des Mädchens
erfüllt er auch die letzte Aufgabe und holt einen
nicht brennenden Klotz aus den Flammen heraus. Das
Holz verwandelt sich in das dem Mann schon bekannte
Mädchen, "und an den seidenen, goldglänzenden
Kleidern, die es anhatte, merkte er wohl, daß es
die Königstochter war". (KHM 193, S. 404) Ein
für Märchen eher seltenes Beispiel einer mißlungenen
Entzauberung befindet sich im Text De
drei schwatten Prinzessinnen. Ein Sohn eines Fischers
versucht hier, drei verwunschene Prinzessinnen zu
erlösen, die in
einem verwunschenen Schloß in einem Berg sitzen.
Der Versuch mißlingt, und das Schloß verschwindet
spurlos. (KHM 137)
Der
Berg kann im Märchen als Ort auftreten, an dem der
Held eine oder mehrere Aufgaben erfüllt. Von der
Bewältigung dieser Aufgaben hängt in hohem Grade das
Schicksal des Helden ab. Im Text De
beiden Künigeskinner muß der Königssohn einige
Aufgaben ausführen, um eine Königstochter zur Frau
nehmen zu können. Eine von ihnen beruht darauf, daß
der Held das auf dem Berg wachsende Dornengebüsch
roden und dann ein Schloß auf dem Gipfel bauen muß.
Diese Aufgabe erfüllen für ihn ungewöhnliche Wesen,
die im Text als Eerdmännekens bezeichnet werden. (KHM
113) Im Märchen Der Trommler bewältigt der Titelheld auf
dem Glasberg all
die drei Aufgaben, die er von einer Hexe bekommt.
Dank der Erfüllung jener Aufgaben und der
Ermordung der Hexe erlöst er eine Königstochter und
bekommt sie am Ende zur Frau. (KHM 193) Seltener
beruht die Aufgabe des Helden auf der Besteigung eines
Berges. Im Text Der
Eisenofen muß eine Königin einen Glasberg besteigen,
um ihren Geliebten wiederzugewinnen. (KHM 127) Ähnlich
im Märchen Oll
Rinkrank, hier macht die Besteigung eines auf
Befehl des Königs gebauten Glasbergs die
Aufgabe aus, die jeder Mann bewältigen
muß, der die Tochter des Königs heiraten will.
(KHM 196)
Der
Berg fungiert im Märchen oft als ein gefährlicher,
beziehungsweise dem Märchenhelden gegenüber unfreundlicher
Ort. Im Text Die
zwei Brüder wohnt auf dem Berg ein Drache, "der
muß alle Jahr eine reine Jungfrau haben, sonst verwüstet
er das ganze Land". (KHM 60, S. 317) Der Drachenberg
ist nicht nur für die jungen Frauen gefährlich, sondern auch für einen Jungen,
der hier mit dem Drachen kämpft. (KHM 60) Ähnlich
ist im Märchen Der Krautesel der Granatenberg gefährlich
für einen Jäger, den Helden des Textes. Ein Hexenmädchen
möchte auf diesen Berg gelangen, da dort "die
köstlichen Edelsteine wachsen". (KHM 122, S.
175) Der Jäger will ihr dabei
helfen und gebraucht dabei seinen Zaubermantel.
"Damit faßte er sie unter seinen Mantel und
wünschte sich hinüber auf den Granatenberg, und im
Augenblick saßen sie auch beide drauf". (KHM
122, S. 175) Bald schläft er ein, und das Hexenmädchen
stiehlt ihm den Mantel, "las die Granaten und
Steine auf und wünschte sich damit nach Haus".
(KHM 122, S. 175) Der betrogene Junge wacht auf und
hört drei wilde Riesen sprechen, die ihn zwar tot
treten wollen, aber schließlich in Ruhe lassen. Sie
gehen vorüber, der Jäger klettert den Berggipfel hinauf
und wird von den Wolken gepackt und fortgetragen.
(KHM 122) Im Märchen Oll
Rinkrank setzt sich eine Königstochter einer Gefahr
auf dem Glasberg aus. Das Mädchen besteigt den Berg
zusammen mit einem Jungen, der sie heiraten will.
Auf dem Berg gleitet sie aus und fällt um. Der Berg
öffnet sich, und die Königstochter verschwindet in
seinem Inneren. Hier muß sie lange Jahre einem alten
Mann dienen. (KHM 196) Im Märchen Die
Hand mit dem Messer ist für einen Elfen nicht
ein Berg, sondern die direkte Umgebung eines von ihm
bewohnten Hügels gefährlich. Verliebt in ein Mädchen
versucht er ihr zu helfen. Es muß Torf "auf dürrem
Heidegrund" graben und "sooft es nun an
dem Hügel vorbeikam, so streckte er seine Hand aus
dem Fels und hielt darin ein scharfes Messer, das
von sonderlicher Kraft war und alles durchschnitt.
Mit diesem Messer schnitt sie den Torf bald heraus,
ging vergnügt mit der nötigen Ladung heim, und wenn
sie am Felsen vorbeikam, klopfte sie zweimal dran,
so reichte die Hand heraus und nahm das Messer in
Empfang". (KHM Anh. 2, S. 450) Die Brüder des
Mädchens beobachten es und dringen ihm eines Tages
das Zaubermesser mit Gewalt ab. Dann gehen sie zum
Elfen, und als er seine Hand herausstreckte, "schnitten
sie sie ihm ab mit seinem selbeigenen Messer".
(KHM Anh. 2, S. 450) Der Elf fühlt sich von seiner
Geliebten betrogen und läßt sich nie mehr sehen.
Der
Berg gilt im Märchen auch als Ort einer gewissen Rechtsprechung.
Im Text Simeliberg sieht ein armer, durch den Wald
fahrender Mann zwölf Räuber, die vor einen Berg gehen
und rufen "Berg Semsi,
Berg Semsi, tu dich auf". (KHM 142, S. 249) Der Berg tut sich auf,
die Räuber gehen hinein. Nach einer Weile kommen sie
heraus und rufen "Berg Semsi,
Berg Semsi, tu dich zu". (KHM 142, S. 249) Der Berg schließt sich,
und sie verschwinden. Der arme Mann ahmt sie nach
und auf diese Weise gelangt er in die Schatzkammer
der Räuber. Er füllt sich die Taschen mit Gold und
geht wieder hinaus. Nun lebt er "fröhlich und
redlich" und tut "jedermann Gutes",
was natürlich sein reicher Bruder merkt. Dieser möchte
unbedingt wissen, woher der Reichtum seines bisher
so armen Bruders kommt. Dieser erzählt schließlich
dem Reichen von dem Berg, und der Reiche will "die
Gelegenheit besser benutzen und ganz andere Schätze
mitbringen". (KHM 142, S. 250) Schon in der Schatzkammer
vergißt er jedoch den Namen des Berges und bleibt
im Berg eingeschlossen. Am Abend kommen die Räuber
und schlagen ihm das Haupt ab.
Manchmal
bieten die Berge im Märchen Schutz vor manchen den
Helden drohenden Gefahren. Zum Beispiel schützen in
der Wassernixe
ein Bürstenberg, ein Kammberg und ein Spiegelberg
die vor einer Wassernixe fliehenden Kinder. (KHM 79)
Der
Berg gilt im Märchen als Arbeitsort der Märchengestalten.
In Sneewittchen hacken und graben sieben Zwerge "in den Bergen nach
Erz". (KHM 53, S. 271) In dem König
vom goldenen Berg[e] hütet ein Schäfer seine Schafe
auf einem Berg. (KHM 92) In den Drei
grünen Zweigen 'arbeitet' ein Einsiedler auf einem
Berg "und jeden Abend trug er [...] zur Ehre
Gottes ein paar Eimer Wasser den Berg hinauf. Manches
Tier wurde damit getränkt und manche Pflanze damit
erquickt. [...] Und weil der Einsiedler so fromm war,
so ging ein Engel Gottes, seinen Augen sichtbar, mit
ihm hinauf, zählte seine Schritte und brachte ihm,
wenn die Arbeit vollendet war, sein Essen". (KHM
Kl. 6, S. 438-439)
Selten
fungiert der Berg im Märchen als eine Art Begräbnisplatz.
In Sneewittchen legen die Zwerglein die tote Titelheldin in einen durchsichtigen
Sarg und setzen ihn auf einen Berg, "und einer
von ihnen blieb immer dabei und bewachte ihn. Und
die Tiere kamen auch und beweinten Sneewittchen, erst
eine Eule, dann ein Rabe, zuletzt ein Täubchen".
(KHM 53, S. 276)
Der
Berg bringt dem Märchenhelden den Reichtum. Als Quelle
des Reichtums gelten vor allem goldene und silberne
Berge. Solche Berge treten in den Texten Der Ranzen, das Hütlein und das Hörnlein (KHM 54) und Von der Serviette, dem Tornister, dem Kanonenhütlein
und dem Horn (KHM Anh. 6) auf. Die Verhaltensweise
des Märchenhelden im Angesicht dieser Berge ist als
Element seiner Charakteristik anzusehen. In den beiden
Märchen werden drei arme Brüder dargestellt. Sie reisen,
beziehungsweise wandern und suchen ihr Glück. Zuerst
gelangen sie an einen silbernen Berg, der älteste
nimmt "von dem Silber, soviel er nur tragen konnte,
kehrte dann um und ging wieder nach Haus". (KHM
54, S. 278) Die zwei anderen wandern weiter und kommen
zu einem goldenen Berg. Der zweite Bruder füllt seine
Taschen mit Gold und kehrt nach Hause zurück. Der
jüngste Bruder fühlt sich aber von Silber und Gold
nicht gerührt und geht weiter fort. Der Berg kann
im Märchen auch als eine Art Schatzkammer fungieren,
was im oben erwähnten Text Simeliberg
der Fall ist.
Im
Märchen Der Räuber und seine Söhne wird der Berg
als Beobachtungsstelle betrachtet. Der Held kommt
auf einen hohen Berg, um sich in der Umgebung umzusehen,
und sieht "in einem öden Tal einen Rauch aufsteigen".
Er läuft dann "den Berg herab nach dem Rauch
zu". (KHM Anh. 28, S. 525)
Selten
kann der Berg im Märchen als 'Quelle' von ungewöhnlichen
Pflanzen angesehen werden. Im Text Die
zwei Brüder wird ein Berg erwähnt, "da wächst
eine Wurzel, wer die im Mund hat, der wird von aller
Krankheit und allen Wunden geheilt". (KHM 60,
S. 322)
Ebenso
selten, lediglich in einem Text, tritt der Berg als
Ort der Unterhaltung auf. In den Geschenken des kleinen Volkes wird ein
Tanzfest auf einem Hügel dargestellt. Zwei Wanderer
gelangen eines Abends zu einem Hügel, "auf dem
sie eine Menge kleiner Männer und Frauen erblickten,
die sich bei den Händen gefaßt hatten und mit größter
Lust und Freudigkeit im Tanze herumwirbelten: sie
sangen dazu auf das lieblichste". (KHM 182,
S. 358-359)
Zusammenfassend
wäre folgendes zu sagen: Der Berg tritt in den 'eigentlichen
Märchen' der Sammlung Kinder-
und Hausmärchen der Brüder Grimm in zwölf Funktionen
auf. In fünf Märchen gilt er als Aufenthaltsort, beziehungsweise
Aufenthaltsort und zugleich Ort der Entzauberung
der verzauberten Märchenhelden. Nur einmal erfolgt
eine mißlungene Entzauberung im Berg. In vier Märchen
wird der Berg als Ort der Erfüllung der den Helden
aufgetragenen Aufgaben betrachtet. Ebenso in vier
Märchen gibt es gefährliche Berge. In drei Märchen
gilt der Berg als Arbeitsort der Helden, in zwei dagegen
- als Quelle des Reichtums. Jeweils in einem Märchen
fungiert der Berg als Schutzort, Begräbnisplatz, Schatzkammer,
Beobachtungsstelle, Quelle von ungewöhnlichen Pflanzen,
Ort der Rechtsprechung und der Unterhaltung.
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