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Orbis Linguarum Vol. 20/2002

Katarzyna Grzywka

Warszawa

  "Draußen vor der Stadt ist ein hoher Berg, darauf wohnt ein Drache". [1] Zur Funktion des Berges in den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm

Die Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm [2] sind 'reich' an Bergen. Die Mär­chen stellen Berge auf verschiedene Art und Weise dar, lassen die Helden sie 'bau­en', hervorzaubern, besteigen. Jeder im Märchen erwähnte Berg erfüllt im Leben der Helden und so im ganzen Märchengeschehen eine oder gleichzeitig meh­rere be­stimmte Funktionen. Das Ziel des vorliegenden Beitrages ist es, diesen Funkti­onen auf die Spur zu kommen.

Unter dem Begriff 'Märchen' ist hier das Volksmärchen [3] zu verstehen, das heißt "eine mündlich tradierte", so Julian Krzyżanowski, "typische, fiktive, wiederholbare und allgemeine Erzählung" [4] . (Übers. K.G.; Krzyżanowski, W świecie, 1980, S. 62) Hierbei ist die Vergegenwärtigung der Vorbehalte erforderlich, die man machen soll, falls man diesen Terminus auf die Kinder- und Hausmärchen bezieht. In der modernen Märchenforschung wird die Meinung von der Nähe jener Märchen zur Gattung des Kunstmärchens vertreten. In Anbetracht all der "sprachlich-stilisti­schen, aber auch motivlichen Überarbeitungen" stellt Heinz Rölleke fest, daß sie "zuweilen zu Kunstmärchen in einem wesentlich von Clemens Brentano und vor allem Wilhelm Grimm kreierten Volkston" werden. Diese Betrachtungsweise läßt den Forscher die Kinder- und Hausmärchen dem "Grenzgebiet zwischen Volks­mär­chen und Kunstmärchen" zuordnen. (Literatur, Bd. 14, 1993, S 61) Die Rich­tigkeit dieser Auffassung annehmend bleibe ich bei der Anwendung des Begriffs 'Volksmärchen' in bezug auf die Grimmschen Märchen, da ich sie - laut Krzyża­nowski - als typische, fiktive, wiederholbare, allgemeine und ursprünglich in hohem Grade mündlich tradierte Erzählungen betrachte. [5]

Das Hauptgewicht wird in der hier vorgenommenen Untersuchung auf die soge­nannten 'eigentlichen Märchen' [6] gelegt, die laut der Märchensystematik von Antti Aarne und Stith Thompson und dem Typenverzeichnis der polnischen Märchen von Krzyżanowski 'Zaubermärchen', 'legendenartige Märchen', 'novellenartige Märchen' und 'Märchen vom dummen Teufel/Riesen' umfassen. (Aarne, Verzeich­nis, 1910; Aarne/Thompson, Types, 1928; EM, Bd. 1, 1977, Sp. 570-571; vgl. auch Krzyżanowski, Polska bajka I, 1962, S. 24-25, 309-311, 311-313; Krzyżanowski, Polska bajka II, 1963, S. 327-329; Krzyżanowski, Polska bajka I, 1947, S. 22; Lüthi, Märchen, 1996, S. 16-18)

In den Kinder- und Hausmärchen der Gebrüder Grimm lassen sich Berge in unterschiedlichen Ausprägungen finden. Manche sind mit Dornengebüsch (KHM 113), andere mit Edelsteinen bewachsen. (KHM 122) Im Märchen Der Trommler befindet sich eine Ebene auf dem Berg, "da stand ein altes steinernes Haus, und vor dem Haus lag ein großer Fischteich, dahinter aber ein finsterer Wald". (KHM 193, S. 401) In den Texten De beiden Künigeskinner (KHM 113), Die Kristall­ku­gel (KHM 197) und De drei schwatten Prinzessinnen steht ein Schloß, im letzt­ge­nann­ten Märchen ein verwunschenes Schloß, auf dem Berg. In Sneewittchen setzen die Zwerglein "den Sarg hinaus auf den Berg, und einer von ihnen blieb immer dabei und bewachte ihn". (KHM 53, S. 276)

In einigen Grimmschen Märchen gibt es Glasberge, wie es in den Texten Die sieben Raben (KHM 25), Die Rabe (KHM 93), Der Eisenofen (KHM 127), Der Trommler (KHM 193), Oll Rinkrank (KHM 196) der Fall ist. Das Märchen kennt auch Berge, die "ganz von Silber" (KHM 54, S. 278) oder "ganz von Gold" (KHM 54, S. 279; KHM Anh. 6) sind. In der Wassernixe gibt es "einen großen Bürsten­berg", "einen großen Kammberg" und einen Spiegelberg. (KHM 79, S. 390) Im Krautesel wird "der Granatenberg, wo die köstlichen Edelsteine wachsen" er­wähnt, (KHM 122, S. 175) in der Kristallkugel dagegen - ein Felsengebirge. (KHM 197)

Das Märchen gibt wenig Informationen über die genaue Ortsbestimmung der Berge. In den Texten Der Ranzen, das Hütlein und das Hörnlein (KHM 54) und De drei schwatten Prinzessinnen (KHM 137) befinden sich die Berge in einem Wald, in den Zwei Brüdern dagegen - "[d]raußen vor der Stadt". (KHM 60, S. 317) Ein für das Märchen eher untypisches Beispiel der ganz konkreten Lokalisierung der Berge läßt sich im Text Von der Serviette, dem Tornister, dem Kanonenhütlein und dem Horn finden, in welchem drei Brüder nach Spanien reisen und "an einen Berg, der ganz von Silber umgeben war" (KHM Anh. 6, S. 458) und "zu einem Berg, wo nichts als Gold zu sehen war" (KHM Anh. 6, S. 459) kommen.

Manchmal werden die Berge im Märchen hervorgezaubert oder 'gebaut'. In der Wassernixe wirft "das Mädchen [...] eine Bürste hinter sich, das gab einen großen Bürstenberg mit tausend und tausend Stacheln", dann wirft "der Knabe einen Kamm hinter sich, das gab einen großen Kammberg mit tausendmal tausend Zinken", danach wirft "das Mädchen einen Spiegel hinterwärts, welches einen Spiegelberg gab, der war so glatt, so glatt, daß sie [d.h. die Nixe - K.G.] unmöglich drüber konnte". (KHM 79, S. 390) Im Märchen Oll Rinkrank läßt ein König "'n glasen Barg maken". (KHM 196, S. 413)

Selten gibt das Märchen Informationen über den Zeitverlauf im, beziehungs­wei­se auf dem Berg an. In den Wichtelmännern verbringt ein armes Mädchen "nicht drei Tage, wie es gemeint hatte, sondern sieben Jahre bei den kleinen Män­nern im Ber­ge". (KHM 39, S. 218) Anders im Text Oll Rinkrank: die im Berg lebende Heldin wird im Laufe der Zeit alt. (KHM 196)

Im oder auf dem Berg halten sich verschiedene Märchengestalten auf: in den Wichtelmännern - Wichtelmänner (KHM 39), in Sneewittchen - Zwerge, in den Beiden Künigeskinnern - Eerdmännekens (KHM 113), in den Geschenken des kleinen Volkes - das kleine Volk, die Kleinen (KHM 182), in der Hand mit dem Messer - ein Elf. (KHM Anh. 2) Im Trommler wohnt auf dem Berg eine Hexe (KHM 193), in den Zwei Brüdern - ein Drache (KHM 60), im Krautesel gehört der Granatenberg "wilden und ungeheuern Riesen, die darauf wohnten und ihr Wesen trieben". (KHM 122) Im oder auf dem Berg halten sich oft mehr oder weni­ger gewöhnliche Menschen auf: im Simeliberg - Räuber, ein armer und ein reicher Mensch (KHM 142), in den Zwei Brüdern - ein Jäger (KHM 60), im Trommler - ein Trommler (KHM 193), im König vom goldenen Berg[e] - ein Schäfer (KHM 92), in Oll Rinkrank - ein alter Mann (KHM 196), in den Drei grünen Zweigen - ein Einsiedler (KHM Kl. 6), in der Kristallkugel - ein Sohn einer Zauberin (KHM 197), im Krautesel - eine Tochter einer Hexe (KHM 122), in Sneewittchen - ein totes Mädchen (KHM 53), in den Beiden Künigeskinnern - ein Königssohn (KHM 113), im Eisenofen und in Oll Rinkrank - eine Königstochter. (KHM 127)

In fünf Märchen: Die sieben Raben (KHM 25), Die Kristallkugel (KHM 197), Die Rabe (KHM 93), De drei schwatten Prinzessinnen (KHM 137), Der Trommler (KHM 193), verweilen im oder auf dem Berg verzauberte Märchenhelden. In der Kristallkugel haust "auf einem Felsengebirge" der älteste Sohn einer Zauberin, die ihn in einen Adler verwandelte, da sie dachte, daß "er ihr ihre Macht rauben [woll­te]". (KHM 197, S. 416) Im Schloß von der goldenen Sonne auf einem hohen Berg sitzt eine verwunschene Königstochter. Hier erzählt sie ihrem zukünftigen Erlöser ihre Geschichte und erklärt ihm, wie er sie erlösen kann. (KHM 197)

Der Berg kann im Märchen sowohl als Aufenthaltsort als auch als Ort der Ent­zauberung der verwunschenen Helden fungieren. In den Sieben Raben verweilen die Titelhelden auf einem Glasberg. Hier werden sie von ihrer Schwester aufge­funden und dadurch entzaubert. (KHM 25) Ähnlich im Märchen Die Rabe, da sitzt eine verwunschene Königstochter auf einem Glasberg und wird hier von ihrem zukünftigen Ehemann erlöst. (KHM 93) Im Text Der Trommler wohnt auf einem Berg eine zwar nicht verzauberte, sondern "in die Gewalt einer Hexe geraten[e]" Königstochter. (KHM 193, S. 398) Sie selbst hilft ihrem Erlöser bei der Bewälti­gung all der Aufgaben, die er von der bösen Hexe bekommt. Unter dem Einfluß des Mädchens erfüllt er auch die letzte Aufgabe und holt einen nicht brennenden Klotz aus den Flammen heraus. Das Holz verwandelt sich in das dem Mann schon bekannte Mädchen, "und an den seidenen, goldglänzenden Kleidern, die es an­hat­te, merkte er wohl, daß es die Königstochter war". (KHM 193, S. 404) Ein für Mär­chen eher seltenes Beispiel einer mißlungenen Entzauberung befindet sich im Text De drei schwatten Prinzessinnen. Ein Sohn eines Fischers versucht hier, drei ver­wun­schene Prinzessinnen zu erlösen, die in einem verwunschenen Schloß in einem Berg sitzen. Der Versuch mißlingt, und das Schloß verschwindet spurlos. (KHM 137)

Der Berg kann im Märchen als Ort auftreten, an dem der Held eine oder mehre­re Aufgaben erfüllt. Von der Bewältigung dieser Aufgaben hängt in hohem Grade das Schicksal des Helden ab. Im Text De beiden Künigeskinner muß der Königs­sohn einige Aufgaben ausführen, um eine Königstochter zur Frau nehmen zu kön­nen. Eine von ihnen beruht darauf, daß der Held das auf dem Berg wachsende Dor­nengebüsch roden und dann ein Schloß auf dem Gipfel bauen muß. Diese Aufgabe erfüllen für ihn ungewöhnliche Wesen, die im Text als Eerdmännekens bezeichnet werden. (KHM 113) Im Märchen Der Trommler bewältigt der Titelheld auf dem Glasberg all die drei Aufgaben, die er von einer Hexe bekommt. Dank der Erfül­lung jener Aufgaben und der Ermordung der Hexe erlöst er eine Königstochter und be­kommt sie am Ende zur Frau. (KHM 193) Seltener beruht die Aufgabe des Helden auf der Besteigung eines Berges. Im Text Der Eisenofen muß eine Königin einen Glasberg besteigen, um ihren Geliebten wiederzugewinnen. (KHM 127) Ähnlich im Märchen Oll Rinkrank, hier macht die Besteigung eines auf Befehl des Königs gebauten Glasbergs die Aufgabe aus, die jeder Mann bewältigen muß, der die Toch­ter des Königs heiraten will. (KHM 196)

Der Berg fungiert im Märchen oft als ein gefährlicher, beziehungsweise dem Märchenhelden gegenüber unfreundlicher Ort. Im Text Die zwei Brüder wohnt auf dem Berg ein Drache, "der muß alle Jahr eine reine Jungfrau haben, sonst verwüs­tet er das ganze Land". (KHM 60, S. 317) Der Drachenberg ist nicht nur für die jun­gen Frauen gefährlich, sondern auch für einen Jungen, der hier mit dem Drachen kämpft. (KHM 60) Ähnlich ist im Märchen Der Krautesel der Granatenberg ge­fähr­lich für einen Jäger, den Helden des Textes. Ein Hexenmädchen möchte auf diesen Berg gelangen, da dort "die köstlichen Edelsteine wachsen". (KHM 122, S. 175) Der Jäger will ihr dabei helfen und gebraucht dabei seinen Zaubermantel. "Da­mit faßte er sie unter seinen Mantel und wünschte sich hinüber auf den Granaten­berg, und im Augenblick saßen sie auch beide drauf". (KHM 122, S. 175) Bald schläft er ein, und das Hexenmädchen stiehlt ihm den Mantel, "las die Granaten und Steine auf und wünschte sich damit nach Haus". (KHM 122, S. 175) Der be­trogene Junge wacht auf und hört drei wilde Riesen sprechen, die ihn zwar tot tre­ten wollen, aber schließlich in Ruhe lassen. Sie gehen vorüber, der Jäger klettert den Berggipfel hinauf und wird von den Wolken gepackt und fortgetragen. (KHM 122) Im Märchen Oll Rinkrank setzt sich eine Königstochter einer Gefahr auf dem Glasberg aus. Das Mädchen besteigt den Berg zusammen mit einem Jungen, der sie heiraten will. Auf dem Berg gleitet sie aus und fällt um. Der Berg öffnet sich, und die Königstochter verschwindet in seinem Inneren. Hier muß sie lange Jahre einem alten Mann dienen. (KHM 196) Im Märchen Die Hand mit dem Messer ist für einen Elfen nicht ein Berg, sondern die direkte Umgebung eines von ihm be­wohnten Hügels gefährlich. Verliebt in ein Mädchen versucht er ihr zu helfen. Es muß Torf "auf dürrem Heidegrund" graben und "sooft es nun an dem Hügel vor­bei­kam, so streckte er seine Hand aus dem Fels und hielt darin ein scharfes Mes­ser, das von sonderlicher Kraft war und alles durchschnitt. Mit diesem Messer schnitt sie den Torf bald heraus, ging vergnügt mit der nötigen Ladung heim, und wenn sie am Felsen vorbeikam, klopfte sie zweimal dran, so reichte die Hand heraus und nahm das Messer in Empfang". (KHM Anh. 2, S. 450) Die Brüder des Mädchens beobachten es und dringen ihm eines Tages das Zaubermesser mit Ge­walt ab. Dann gehen sie zum Elfen, und als er seine Hand herausstreckte, "schnit­ten sie sie ihm ab mit seinem selbeigenen Messer". (KHM Anh. 2, S. 450) Der Elf fühlt sich von seiner Geliebten betrogen und läßt sich nie mehr sehen.

Der Berg gilt im Märchen auch als Ort einer gewissen Rechtsprechung. Im Text Simeliberg sieht ein armer, durch den Wald fahrender Mann zwölf Räuber, die vor einen Berg gehen und rufen "Berg Semsi, Berg Semsi, tu dich auf". (KHM 142, S. 249) Der Berg tut sich auf, die Räuber gehen hinein. Nach einer Weile kommen sie heraus und rufen "Berg Semsi, Berg Semsi, tu dich zu". (KHM 142, S. 249) Der Berg schließt sich, und sie verschwinden. Der arme Mann ahmt sie nach und auf diese Weise gelangt er in die Schatzkammer der Räuber. Er füllt sich die Taschen mit Gold und geht wieder hinaus. Nun lebt er "fröhlich und redlich" und tut "je­der­mann Gutes", was natürlich sein reicher Bruder merkt. Dieser möchte unbedingt wissen, woher der Reichtum seines bisher so armen Bruders kommt. Dieser erzählt schließlich dem Reichen von dem Berg, und der Reiche will "die Gelegenheit bes­ser benutzen und ganz andere Schätze mitbringen". (KHM 142, S. 250) Schon in der Schatzkammer vergißt er jedoch den Namen des Berges und bleibt im Berg eingeschlossen. Am Abend kommen die Räuber und schlagen ihm das Haupt ab.

Manchmal bieten die Berge im Märchen Schutz vor manchen den Helden drohenden Gefahren. Zum Beispiel schützen in der Wassernixe ein Bürstenberg, ein Kammberg und ein Spiegelberg die vor einer Wassernixe fliehenden Kinder. (KHM 79)

Der Berg gilt im Märchen als Arbeitsort der Märchengestalten. In Sneewittchen hacken und graben sieben Zwerge "in den Bergen nach Erz". (KHM 53, S. 271) In dem König vom goldenen Berg[e] hütet ein Schäfer seine Schafe auf einem Berg. (KHM 92) In den Drei grünen Zweigen 'arbeitet' ein Einsiedler auf einem Berg "und jeden Abend trug er [...] zur Ehre Gottes ein paar Eimer Wasser den Berg hinauf. Manches Tier wurde damit getränkt und manche Pflanze damit erquickt. [...] Und weil der Einsiedler so fromm war, so ging ein Engel Gottes, seinen Augen sichtbar, mit ihm hinauf, zählte seine Schritte und brachte ihm, wenn die Arbeit vollendet war, sein Essen". (KHM Kl. 6, S. 438-439)

Selten fungiert der Berg im Märchen als eine Art Begräbnisplatz. In Sneewitt­chen legen die Zwerglein die tote Titelheldin in einen durchsichtigen Sarg und setzen ihn auf einen Berg, "und einer von ihnen blieb immer dabei und bewachte ihn. Und die Tiere kamen auch und beweinten Sneewittchen, erst eine Eule, dann ein Rabe, zuletzt ein Täubchen". (KHM 53, S. 276)

Der Berg bringt dem Märchenhelden den Reichtum. Als Quelle des Reichtums gelten vor allem goldene und silberne Berge. Solche Berge treten in den Texten Der Ranzen, das Hütlein und das Hörnlein (KHM 54) und Von der Serviette, dem Tornister, dem Kanonenhütlein und dem Horn (KHM Anh. 6) auf. Die Verhal­tens­weise des Märchenhelden im Angesicht dieser Berge ist als Element seiner Cha­rakteristik anzusehen. In den beiden Märchen werden drei arme Brüder dargestellt. Sie reisen, beziehungsweise wandern und suchen ihr Glück. Zuerst gelangen sie an einen silbernen Berg, der älteste nimmt "von dem Silber, soviel er nur tragen konn­te, kehrte dann um und ging wieder nach Haus". (KHM 54, S. 278) Die zwei an­deren wandern weiter und kommen zu einem goldenen Berg. Der zweite Bruder füllt seine Taschen mit Gold und kehrt nach Hause zurück. Der jüngste Bruder fühlt sich aber von Silber und Gold nicht gerührt und geht weiter fort. Der Berg kann im Märchen auch als eine Art Schatzkammer fungieren, was im oben er­wähn­ten Text Simeliberg der Fall ist.

Im Märchen Der Räuber und seine Söhne wird der Berg als Beobachtungsstelle betrachtet. Der Held kommt auf einen hohen Berg, um sich in der Umgebung um­zusehen, und sieht "in einem öden Tal einen Rauch aufsteigen". Er läuft dann "den Berg herab nach dem Rauch zu". (KHM Anh. 28, S. 525)

Selten kann der Berg im Märchen als 'Quelle' von ungewöhnlichen Pflanzen angesehen werden. Im Text Die zwei Brüder wird ein Berg erwähnt, "da wächst eine Wurzel, wer die im Mund hat, der wird von aller Krankheit und allen Wunden geheilt". (KHM 60, S. 322)

Ebenso selten, lediglich in einem Text, tritt der Berg als Ort der Unterhaltung auf. In den Geschenken des kleinen Volkes wird ein Tanzfest auf einem Hügel dar­gestellt. Zwei Wanderer gelangen eines Abends zu einem Hügel, "auf dem sie eine Menge kleiner Männer und Frauen erblickten, die sich bei den Händen gefaßt hat­ten und mit größter Lust und Freudigkeit im Tanze herumwirbelten: sie sangen da­zu auf das lieblichste". (KHM 182, S. 358-359)

Zusammenfassend wäre folgendes zu sagen: Der Berg tritt in den 'eigentlichen Märchen' der Sammlung Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm in zwölf Funktionen auf. In fünf Märchen gilt er als Aufenthaltsort, beziehungsweise Auf­enthaltsort und zugleich Ort der Entzauberung der verzauberten Märchenhelden. Nur einmal erfolgt eine mißlungene Entzauberung im Berg. In vier Märchen wird der Berg als Ort der Erfüllung der den Helden aufgetragenen Aufgaben betrachtet. Ebenso in vier Märchen gibt es gefährliche Berge. In drei Märchen gilt der Berg als Arbeitsort der Helden, in zwei dagegen - als Quelle des Reichtums. Jeweils in einem Märchen fungiert der Berg als Schutzort, Begräbnisplatz, Schatzkammer, Be­obachtungsstelle, Quelle von ungewöhnlichen Pflanzen, Ort der Rechtsprechung und der Unterhaltung.

 

Literatur

·                 Aarne, Antti: Leitfaden der vergleichenden Märchenforschung. Hamina 1913. Zit.: Aarne, Leitfaden, 1913.

·                Aarne, Antti: Verzeichnis der Märchentypen. Helsinki 1910. Zit.: Aarne, Ver­zeichnis, 1910.

·                Aarne, Antti/Thompson, Stith: The Types of the Folk-Tale. Helsinki 1928. Zit.: Aarne/Thompson, Types, 1928.

·                Berendsohn, Walter Arthur: Grundformen volkstümlicher Erzählerkunst in den "Kin­der- und Hausmärchen" der Brüder Grimm. Hamburg 1921. Zit.: Berendson, Grundformen, 1921.

·                Blum, Lothar: Grimm-Philologie: Beiträge zur Märchenforschung und Wissen­schaftsgeschichte. Hildesheim/Zürich/New York 1995. Zit.: Blum, Grimm-Philo­logie, 1995.

·                Bolte, Johannes: Jacob Grimm als Volksliedsammler. In: Jahrbuch für Volks­lied­forschung, 1928, Jg. 1, S. 157-159. Cyt.: Bolte, Grimm, 1928.

·                Bolte, Johannes/Polívka, Georg: Anmerkungen zu den "Kinder- und Hausmärchen" der Brüder Grimm. Bd. 1-5. Leipzig 1913-1932. Zit.: Bolte/Polívka, Anmerkungen, Bd. 1-5, 1913-1932.

·                Boor, Helmut de: Märchenforschung. In: Zeitschrift für Deutschkunde, 1928, S. 561-581. Zit.: Boor, Märchenforschung, 1928.

·                Brüder Grimm: Kinder- und Hausmärchen. Ausgabe letzter Hand mit den Origi­nalanmerkungen der Brüder Grimm. Mit einem Anhang sämtlicher, nicht in allen Auflagen veröffentlichter Märchen und Herkunftsnachweisen herausgegeben von Heinz Rölleke. Bd. 1-3. Stuttgart 1999. Zit.: KHM; KHM Anh. (für Märchen im Anhang); KHM Kl. (für Kinderlegenden).

·                Enzyklopädie des Märchens: Handwörterbuch zur historischen und vergleichenden Erzählforschung. Begründet von Kurt Ranke, herausgegeben von Rolf Wilhelm Brednich zusammen mit Hermann Bausinger (et. al.). Bd.1-9. Berlin/New York 1977-1999. Zit.: EM, Bd. 1-9, 1977-1999.

·                Heindrichs, Heinz-Albert/Lox, Harlinda (Hg.): Als es noch Könige gab. Forschungs­berichte aus der Welt der Märchen. Kreuzlingen/München 2001. Zit.: Heind­richs/­Lox, Könige, 2001.

·                Heindrichs, Ursula/Heindrichs, Heinz-Albert (Hg.): Zauber Märchen. Forschungs­berichte aus der Welt der Märchen. München 1998. Zit.: Heindrichs/Heindrichs, Zau­ber Märchen, 1998.

·                Karlinger, Felix: Grundzüge einer Geschichte des Märchens im deutschen Sprach­raum. Darmstadt 1983. Zit.: Karlinger, Grundzüge, 1983.

·                Karlinger, Felix (Hg.): Wege der Märchenforschung. Darmstadt 1973. Zit.: Karlin­ger, Wege, 1973.

·                Krzyżanowski, Julian: Polska bajka ludowa w układzie systematycznym. T. I-II. Warszawa 1947. Zit.: Krzyżanowski, Polska bajka I-II, 1947.

·                Krzyżanowski, Julian: Polska bajka ludowa w układzie systematycznym. T. I-II. Wrocław/Warszawa/Kraków 1962-1963. Zit.: Krzyżanowski, Polska bajka I-II, 1962-1963.

·                Krzyżanowski, Julian: W świecie bajki ludowej. Redaktor: Helena Kapełuś. War­sza­wa 1980. Zit.: Krzyżanowski, W świecie, 1980.

·                Literatur Lexikon. Hg. von Walther Killy. Bd. 1-15. Gütersloh/München 1988-1993. Zit.: Literatur, Bd. 1-15, 1988-1993.

·                Lüthi, Max: Das europäische Volksmärchen: Form und Wesen. Tübingen/Basel 1997. Zit.: Lüthi, Volksmärchen, 1997.

·                Lüthi, Max: Märchen. Stuttgart/Weimar 1996. Zit.: Lüthi, Märchen, 1996.

·                Lüthi, Max: So leben sie noch heute. Betrachtungen zum Volksmärchen. Göttingen 1989. Zit.: Lüthi, So, 1989.

·         Moser, Dietz-Rüdiger: Theorie und Methodenproblem der Märchenforschung. Zugleich der Versuch einer Definition des 'Märchens'. In: Jahrbuch für Volks­kunde, 1980, 3, S. 47-64. Zit.: Moser, Theorie, 1980.

·         Moser-Rath, Elfriede: Deutschland. 2. Geschichte der Forschung. In: Enzy­klopädie des Märchens: Handwörterbuch zur historischen und vergleichen­den Erzählforschung. Begründet von Kurt Ranke, herausgegeben von Rolf Wilhelm Brednich zusammen mit Hermann Bausinger (et. al.). Bd. 3. Berlin/New York 1981, Sp. 521-569. Zit.: Moser-Rath, Deutschland, 1981.

·         Peuckert, Will-Erich: Märchen. In: Deutsche Philologie im Aufriss. 2. über­ar­bei­tete Auflage. Unter Mitarbeit zahlreicher Fachgelehrter heraus­gegeben von Wolf­gang Stammler. Bd. III. Berlin 1962, Sp. 2677-2726. Zit.: Peuckert, Märchen, 1962.

·         Ranke, Friedrich: Märchenforschung. Ein Literaturbericht (1920-1934). In: Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte, 1936, Jg. 14, Bd. XIV, S. 246-304. Zit.: Ranke, Märchenforschung, 1936.

·         Röhrich, Lutz: Neue Wege der Märchenforschung. In: Der Deutschunterricht, 1956, Jg. 8, H. 6, S. 92-116. Zit.: Röhrich, Neue, 1956.

·         Rölleke, Heinz: "Daß ihm bei jedem Wort, das es spricht, eine Kröte aus dem Mund springt". Die Brüder Grimm und Perraults Märchen. In: Zeitschrift für deutsche Philologie, 1998, Bd. 117, S. 616-618. Zit.: Rölleke, Wort, 1998.

·         Rölleke, Heinz: Märchentheorien der Brüder Jacob und Wilhelm Grimm. In: Mär­chenspiegel, 1998, 3, Jg. 9, S. 67-69. Zit.: Rölleke, Märchentheorien, 1998.

·         Rölleke, Heinz: Nachwort. In: Kinder- und Hausmärchen. Ausgabe letzter Hand mit den Originalanmerkungen der Brüder Grimm. Mit einem Anhang sämtlicher, nicht in allen Auflagen veröffentlichter Märchen und Herkunfts­nachweisen herausgegeben von Heinz Rölleke. Bd. 3. Stuttgart 1999, S. 593-621. Zit.: Rölleke, Nachwort, 1999.

·         Röth, Diether/Kahn, Walter (Hg.): Märchen und Märchenforschung in Europa. Ein Handbuch. Frankfurt/M. 1993. Zit.: Roth/Kahn, Märchen, 1993.

·         Simonides, Dorota: Märchenforschung in Polen. In: Märchenspiegel, Mai 1995, Jg. 6, S. 14-17. Zit.: Simonides, Märchenforschung, 1995.

 



[1] KHM 60, S. 317.

[2] All die im vorliegenden Beitrag analysierten Märchen stammen aus Kinder- und Haus­märchen. Ausgabe letzter Hand mit den Originalanmerkungen der Brüder Grimm. Diese Ausgabe wurde 1999 im Reclam-Verlag von Heinz Rölleke herausgegeben, basiert auf der letzten von den Brüdern Grimm anerkannten Ausgabe 1856/1857 und enthält auch sämt­liche, nicht in allen Auflagen veröffentlichte Märchen.

[3] Im vorliegenden Beitrag lasse ich außer acht die vielschichtige Problematik des For­schungs­standes über das Volksmärchen. Die Ergebnisse der bisherigen Forschungen wurden in mehreren, synthetisch konzipierten Studien zusammengefaßt. Es sei hier beispielsweise auf folgende Beiträge hingewiesen: Antti Aarne: Leitfaden der vergleichenden Märchen­forschung. Hamina 1913; Helmut de Boor: Märchenforschung. In: Zeitschrift für Deutsch­kunde, 1928, S. 561-581; Felix Karlinger: Grundzüge einer Geschichte des Märchens im deutschen Sprachraum. Darmstadt 1983; Felix Karlinger (Hg.): Wege der Märchenfor­schung. Darmstadt 1973; Max Lüthi: Märchen. Stuttgart/Weimar 1996; Max Lüthi: Das europäische Volksmärchen: Form und Wesen. Tübingen/Basel 1997; Dietz-Rüdiger Mo­ser: Theorie und Methodenproblem der Märchenforschung. Zugleich der Versuch einer Defi­nition des ‚Märchens‘. In: Jahrbuch für Volkskunde, 1980, 3, S. 47-64; Elfriede Mo­ser-Rath: Deutschland. 2. Geschichte der Forschung. In: Enzyklopädie des Märchens: Hand­wörterbuch zur historischen und vergleichenden Erzählforschung. Begründet von Kurt Ranke, herausgegeben von Rolf Wilhelm Brednich zusammen mit Hermann Bausinger (et. al.). Bd. 3. Berlin/New York 1981, Sp. 521-569; Will-Erich Peuckert: Märchen. In: Deut­sche Philologie im Aufriss. 2. Überarbeitete Auflage. Unter Mitarbeit zahlreicher Fach­ge­lehrter herausgegeben von Wolfgang Stammler. Bd. III. Berlin 1962, Sp. 2677-2726; Friedrich Ranke: Märchenforschung. Ein Literaturbericht (1920-1934). In: Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte, 1936, Jg. 14, Bd. XIV, S. 246-304; Lutz Röhrich: Neue Wege der Märchenforschung. In: Der Deutsch­un­terricht, 1956, Jg. 8, H. 6, S. 92-116; Diether Röth/Walter Kahn (Hg.): Märchen und Märchenforschung in Europa. Ein Handbuch. Frankfurt/M. 1993; Dorota Simonides: Märchenforschung in Polen. In: Märchenspiegel, Mai 1995, Jg. 6, S. 14-17.

[4] "[O]powiadani[e] przekazywane[...] drogą ustną, typowe[...], fikcyjne[...], powtarzalne[...] i powszechne[...]".

[5] Zu den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm siehe u.a.: Johannes Bolte/Georg Polívka: Anmerkungen zu den "Kinder- und Hausmärchen" der Brüder Grimm. Bd. 4. Leipzig 1930, s. 419-480; Heinz Rölleke: Nachwort. In: Kinder- und Hausmärchen. Aus­gabe letzter Hand mit den Originalanmerkungen der Brüder Grimm. Mit einem Anhang sämtlicher, nicht in allen Auflagen veröffentlichter Märchen und Herkunfts­nachweisen herausgegeben von Heinz Rölleke. Bd. 3. Stuttgart 1999, S. 593-621.

[6] Zu den eigentlichen Märchen, ihren Helden, Requisiten, Stilmerkmalen und ihrem Hand­lungs­verlauf siehe u.a.: Max Lüthi: Das europäische Volksmärchen: Form und Wesen. Tübingen/Basel 1997; Lüthi, Max: Märchen. Stuttgart/Weimar 1996; Lüthi, Max: So le­ben sie noch heute. Betrachtungen zum Volksmärchen. Göttingen 1989.

 

 
 
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