Stefanie Oswalt: Siegfried Jacobsohn. Ein
Leben für die Weltbühne. Eine Berliner Biographie. Gerlingen: Bleicher, 2000.
In einem
Brief hat Hermann Broch einmal bemerkt: "Etwas
teile ich jedenfalls mit Kafka und Musil: wir haben
alle drei keine eigentliche Biographie;
wir haben gelebt und geschrieben, und das
ist alles." (Brief vom 5.12.1948 an Nani Maier)
Solche Bescheidenheit anzuzweifeln, ist notwendige
Voraussetzung für die Arbeit eines jeden Biographen.
Liegt jedoch sein Ergebnis vor, so wird der Leser
sich fragen dürfen, wer wohl recht behalten hat.
Betrachtet man nun die "erste umfassende Biographie
von Siegfried Jacobsohn", wie uns Sander L.
Gilman auf dem Schutzumschlag verheißt, drängt sich
der Gedanke auf, daß es gar nicht so verwunderlich
ist, wenn sie erst 75 Jahre nach seinem Tod erscheint.
Unbestritten ist die Bedeutung, die Jacobsohn als
Herausgeber der Schaubühne und späteren Weltbühne
zukommt, und gerade die Gründung der Schaubühne im
Jahre 1905 "markiert einen wichtigen Abschnitt im Leben Jacobsohns, denn von nun an beginnt die
Identifikation seiner Person mit seinem Blatt"
(S. 83 f.). Darin liegt eine - nicht die
einzige - Crux dieses Lebensbildes: Wer über Jacobsohn
schreibt, muß vor allem über die Schau- und Weltbühne
schreiben. Stefanie Oswalt hat dieses Problem erkannt
und setzt daher programmatische Schwerpunkte
auf weniger bekannte Aspekte von Jacobsohns Lebensgang:
Familiengeschichte, Jugend, Alltagsgeschäft, Frauen,
Judentum.
Am Anfang
der Darstellung stehen, dem klassischen Muster von
Biographie, Autobiographie und Bildungsroman entsprechend,
Wurzeln und Prägungen, Kindheit und Jugend. Zuverlässig
läßt sich die Familiengeschichte der Jacobsohns nur
bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts zurückverfolgen;
sie ist eines von zahlreichen Beispielen für die Geschichte
von Assimilation, Emanzipation und bedingtem gesellschaftlichen
Aufstieg der deutsch-jüdischen Bevölkerung in der
Gründerzeit. Siegfried Jacobsohn wurde 1881 in der
jungen Reichshauptstadt geboren, sein Bildungsgang
war nicht außergewöhnlich, nur die früh entwickelte
Faszination für das Theater wirkte prägend für seine
weitere Biographie, deren bekannter Grundriß aufgerollt
wird: breitgefächertes geisteswissenschaftliches
Studium in Berlin, Bekanntschaften u.a. mit Maximilian
Harden und Fritz Mauthner, Entscheidung für den Beruf
des Theaterkritikers, seit 1901 bei der Welt am Montag,
die Plagiatsaffaire (der sogenannte "Fall Jacobsohn")
als Krise und Wendepunkt, Reisen nach Wien, Italien
und Paris. Das Bekannte wird angereichert um aparte
Details. So erfährt der Leser, daß Jacobsohn "zum
Schutz seiner empfindlichen Augen Zigarren mit einer
Schwimmbrille zu rauchen" pflegte (S. 11).
Ob das zum Erkenntnisgewinn beiträgt, darf füglich
bezweifelt werden.
Weitere
Kapitel widmen sich den Schaubühnen-Jahren, dem Ersten
Weltkrieg sowie der Zeit der Weltbühne. Es genügt,
Stichworte aus den Zwischenüberschriften zu nennen,
um aufzuzeigen, was hier alles angerissen wird: Jacobsohn
als Unternehmensgründer und Verleger, als Theaterkritiker, sein Verhältnis zu Max Reinhardt,
die Hinwendung zur Politik, die Behandlung des
Kriegsausbruchs in der Schaubühne, Jacobsohns Patriotismus,
Die Schaubühne zwischen Nationalismus und Kriegszweifel,
das tägliche Leben und der Krieg, Entstehung der
Weltbühne, Engagement und Opposition, die Aufdeckung
der Fememorde, Redakteur und Mentor. Der letztgenannte
Aspekt betrifft vor allem Jacobsohns Verhältnis zu
Tucholsky, der nicht ohne Grund deutlich früher und
häufiger das Interesse der Biographen auf sich gezogen
hat.
Oswalts
Jacobsohn-Biographie enthält wohl alle wesentlichen
Lebensdaten, eingehüllt jedoch in eine Unmenge von
Informationen, die ohne weiteres auch in Handbüchern
und Konversationslexika nachzuschlagen sind. Der Stil
driftet gelegentlich ins Belletristische ab, meist
aber befleißigt sich die Biographin eines naiven Positivismus,
zu dessen Zweck veröffentlichte und unveröffentlichte
Dokumente, vornehmlich aber Artikel aus Schau- und
Weltbühne herangezogen werden. Wenn es einmal analytisch
zugeht, steht meist ein Zitat aus der Forschungsliteratur
im Zentrum. Es ist offensichtlich, wieviel diese Biographie früheren Spezialstudien
zu einzelnen Themenaspekten verdankt; da die leseunfreundlichen
Endnoten für das Register nicht ausgewertet wurden,
fallen die großzügigen Aneignungen beim einfachen
Durchlesen nicht weiter auf.
Von der
sonst chronologischen Anlage der Biographie sind zwei thematische Schwerpunkte ausgenommen: Das Kapitel "Ehemann und Familienvater (1915-1926)"
(S. 151-172) zeichnet ein Portrait der Gattin
Edith Schiffer, die ihren eigenen Verlag führte und
die Zeitschrift ihres Mannes wiederholt finanziell unterstützte; so betont die Biographin
denn auch, einfühlsam aus den 1990er Jahren zurückblickend,
die ungewöhnliche Unabhängigkeit der Frau. Bleibt
schließlich das
Kapitel "Zwischen Emanzipation und Antisemitismus
(1881-1926)" (S. 219-248). Der damit verbundene Anspruch ist zu hoch,
um wirklich eingelöst werden zu können: "Jacobsohn
als Deutschen und Juden in seiner Zeit darzustellen, soll somit auch einen Beitrag
zur Erforschung zur Vorgeschichte der Shoa leisten"
(S. 10), heißt es, sprachlich nicht ganz korrekt,
bereits im "Prolog". Man staunt nicht schlecht,
wofür der schon 1926 verstorbene Jacobsohn hier exemplarisch
vorgeführt werden soll.
Den Hauptteil
des Buches ließe man trotz aller Einwände als ein
Stück am Leben Jacobsohns entlang erzählter Literatur-
und Kulturgeschichte gelten, zumal eine großzügige
Auswahl von Bilddokumenten ihr Teil zu dem Eindruck
beiträgt, daß die Zielgruppe weniger der eng begrenzte
Kreis der Wissenschaft, sondern ein breiteres Publikum
ist, das mit einer "Berliner Biographie"
leichter erreicht werden kann - stehen doch auf Berlin
bezogene Themen zur Zeit hoch im Kurs, wie auch
der Kult um die "Goldenen Zwanziger". Doch
auch und gerade eine nicht aus Spezialisten bestehende
Zielgruppe enthebt nicht von der Pflicht zur Genauigkeit,
und um die ist es nicht zum besten bestellt. Orthographische
Nachlässigkeit richtet im allgemeinen keinen großen
Schaden an, erweckt aber ein Anfangsmißtrauen bezüglich
der Arbeitssorgfalt, das im vorliegenden Fall durch
falsche und falsch geschriebene Namen in Text, Literaturverzeichnis
und Register ("Bärbel Scheider" statt G.
Bärbel Schmidt, "Gerhard Kartz" statt Gerhard
Kraiker, "Grahoff" bzw. "Grathof"
statt Grathoff, "Alfred" statt Albert Bassermann,
"Pfempfert" statt Pfemfert, "Hendrik"
statt Henrik Ibsen, "Rosa von Luxemburg"
statt Rosa Luxemburg usw.) und zahlreiche ungenaue
Zitate Bestätigung findet (ein erwähntes Hauptmann-Fragment
trägt den Titel Jacobsohn-Komödie, lediglich in Notizbüchern
findet man als Arbeitstitel des Projekts "Aristophanisches").
Geradezu verwirrend wird es, wenn die Kontroverse
zwischen Theodor Lessing und Samuel Lublinski aus
dem Jahre 1910 mit einer späteren Kontroverse zwischen
Lessing und Jacobsohn vermengt wird (S. 236 f.).
Hier hilft nur der Griff zur zitierten Literatur,
wobei man sich nicht darauf verlassen sollte, daß
die angegebenen Titel und Seitenzahlen immer korrekt
sind. Auch die gelegentlich begegnende Argumentation
ist manchmal alles andere als überzeugend: Anläßlich
der für 1917 oder 1918 (so genau erfahren wir das
nicht) belegten Veröffentlichung von Jacobsohns Theaterkritiken
in der Bremer Weserzeitung ordnet die Verfasserin
das Blatt "durchaus der militaristischen Rechten"
zu und nennt als erste Begründung vollkommen abwegig
den "fast täglichen Abdruck des Heeresberichts
auf der Titelseite" (S. 138). Auch das Fehlen
von "Anzeigen namentlich erkennbarer jüdischer
Firmen und Geschäfte" im Inseratenteil kann kaum
als Argument gelten, sondern zeugt vielmehr von mangelnder
Kenntnis der Presselandschaft und Medienkultur. Sperlings
Zeitschriftenadreßbuch übrigens charakterisiert
das im gesamten norddeutschen Raum verbreitete Bremer
Blatt 1915 als "[b]ekannte führende politische
Tagespresse in liberalem Sinne, Organ der Bremer Kaufmannschaft und Industrie".
(Sperlings Zeitschriftenadreßbuch 49 (1915), S. 326)
Insgesamt stellt sich nicht nur an der hier ausgeführten
Stelle der Eindruck zu großer, zum Ärger reizender
Oberflächlichkeit ein.
Eine Bemerkung
noch zu den Quellen: Umfangreich ist die Liste benutzter
Nachlässe und Archive. Die Verfasserin selbst hat
aber nur ein paar Briefe Jacobsohns aufgestöbert,
die Gunther Nickel 1996 noch entgangen waren, dessen
Verzeichnis der Briefe Jacobsohns sie weitgehend,
allerdings mit Abschreibfehlern, übernommen hat.
Nickel hatte überdies eine Bibliographie von Jacobsohns
außerhalb der Schaubühne, Weltbühne und des Jahr
der Bühne erschienenen Texte erarbeitet, die sich
auch in der Biographie gut gemacht hätte. Doch wollte die Autorin wohl nicht noch
deutlicher werden lassen, wie eng sie an Nickels profunder
Studie entlanggearbeitet hat. Auffälligstes Beispiel:
Ihr Abschnitt über Max Reinhardt (S. 94-100)
ist eine von der Auswahl der Zitate bis in einzelne
Formulierungen gehende Kurzfassung des entsprechenden
Kapitels bei Nickel.
Ergänzend zu schriftlich überlieferten Quellen
greift Stefanie Oswalt schließlich auf Gespräche
mit Peter Jacobsohn, dem 1998 verstorbenen Sohn Siegfried
Jacobsohns, zurück und hißt als kleines Hilfssegel
(oder ist es eher eine Flagge?) die "oral history"
(S. 257 mit Endnote 12). Die Abschnitte zu Forschungslage
und Methode (S. 255-267) fallen ohnehin recht
knapp aus. Aufschlußreich sind die beiden Seiten,
auf denen die Verfasserin bemerkenswert offen das
eigene "biographische Schreiben" (S. 261 f.)
kommentiert. Sie gesteht Subjektivität ein und
erklärt, während des Schreibens habe sie "die
Frage nach geistigen Prägungen, nach gesellschaftlichen
Hintergründen, geschichtlichen Konstellationen und
sozialen Milieus geleitet". Weiter heißt es:
"Die
Arbeit über Siegfried Jacobsohn entstand in der Hoffnung,
einen Grat zwischen den verschiedenen wissenschaftlichen
Disziplinen und Methoden zu finden und nicht abzudriften
in eine bloße Faktenanhäufung. In der Annahme, dass
eine Persönlichkeit nie eindimensional, sondern
immer komplex strukturiert ist, schien es andererseits
wichtig, einzelne Beobachtungen festzuhalten, auch
wenn eine umfassende Deutung im vorliegenden Rahmen
nicht gegeben werden konnte."
Leider
stehen diese Sätze am Ende des Buches. Stünden sie
- wie es für Methodenreflexion (um einmal den hier
etwas hochgegriffenen Begriff zu gebrauchen) eher
üblich ist - am Anfang, wäre der Leser vorgewarnt,
was ihn erwartet: ein etwas amorphes Alles-und-Nichts
ohne Rücksicht auf wissenschaftliche Standards. Auch
die wenigen Sätze zu methodischen Fragen sind wohl
vorwiegend dem Umstand geschuldet, daß die Autorin
ihre Jacobsohn-Biographie als Promotionsschrift eingereicht
hat. Daß die Universität Potsdam die Dissertation
im Jahre 1998 annahm, sei abschließend als Kuriosum
vermerkt.
Bernhard
Tempel
Diese
Rezension wurde von der Redaktion
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