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Orbis Linguarum Vol. 19/2002

Stefanie Oswalt: Siegfried Jacobsohn. Ein Leben für die Weltbühne. Eine Ber­li­n­er Biographie. Gerlingen: Bleicher, 2000.

In einem Brief hat Hermann Broch einmal bemerkt: "Etwas teile ich jedenfalls mit Kafka und Musil: wir haben alle drei keine eigent­li­che Biographie; wir haben gelebt und ge­schrie­ben, und das ist alles." (Brief vom 5.12.1948 an Nani Maier) Solche Bescheidenheit anzu­zweifeln, ist notwen­dige Voraussetzung für die Arbeit eines jeden Biographen. Liegt jedoch sein Ergebnis vor, so wird der Leser sich fra­gen dürfen, wer wohl recht behalten hat. Be­trachtet man nun die "erste umfassende Bio­gra­phie von Siegfried Jacobsohn", wie uns San­der L. Gil­man auf dem Schutzumschlag verheißt, drängt sich der Gedanke auf, daß es gar nicht so verwunderlich ist, wenn sie erst 75 Jahre nach seinem Tod erscheint. Unbestritten ist die Bedeutung, die Jacobsohn als Heraus­geber der Schaubühne und späteren Weltbüh­ne zukommt, und gerade die Gründung der Schaubühne im Jahre 1905 "markiert einen wichtigen Abschnitt im Leben Jacobsohns, denn von nun an beginnt die Identifikation seiner Person mit seinem Blatt" (S. 83 f.). Da­rin liegt eine - nicht die einzige - Crux dieses Lebens­bildes: Wer über Jacobsohn schreibt, muß vor allem über die Schau- und Weltbühne schrei­ben. Stefanie Oswalt hat dieses Problem er­kannt und setzt daher pro­gram­matische Schwer­punkte auf weniger bekannte Aspekte von Jacobsohns Lebensgang: Familienge­schich­te, Jugend, All­tagsgeschäft, Frauen, Judentum.

Am Anfang der Darstellung stehen, dem klassischen Muster von Biographie, Autobio­graphie und Bildungsroman entsprechend, Wur­zeln und Prägungen, Kindheit und Jugend. Zuverlässig läßt sich die Familiengeschichte der Jacobsohns nur bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts zurückverfolgen; sie ist eines von zahlreichen Beispielen für die Geschichte von Assimilation, Emanzipation und bedingtem gesellschaftlichen Auf­stieg der deutsch-jüdi­schen Bevölkerung in der Gründerzeit. Sieg­fried Jacobsohn wurde 1881 in der jungen Reichshauptstadt geboren, sein Bildungsgang war nicht außer­gewöhn­lich, nur die früh ent­wickelte Faszination für das Theater wirkte prägend für seine weitere Biographie, deren bekannter Grundriß aufgerollt wird: breit­ge­fä­cher­tes geisteswissenschaftliches Studium in Berlin, Bekanntschaften u.a. mit Maximi­li­an Harden und Fritz Mauthner, Entscheidung für den Beruf des Theaterkritikers, seit 1901 bei der Welt am Montag, die Plagiatsaffaire (der sogenannte "Fall Jacobsohn") als Krise und Wendepunkt, Reisen nach Wien, Italien und Paris. Das Bekannte wird ange­reichert um aparte Details. So erfährt der Leser, daß Jacob­sohn "zum Schutz seiner empfindlichen Augen Zigarren mit einer Schwimmbrille zu rauchen" pflegte (S. 11). Ob das zum Erkenntnisgewinn beiträgt, darf füglich bezweifelt werden.

Weitere Kapitel widmen sich den Schau­bühnen-Jahren, dem Ersten Weltkrieg sowie der Zeit der Weltbühne. Es genügt, Stichworte aus den Zwischenüberschriften zu nennen, um aufzuzeigen, was hier alles angerissen wird: Jacobsohn als Unternehmens­gründer und Ver­leger, als Theaterkritiker, sein Verhältnis zu Max Reinhardt, die Hin­wen­dung zur Poli­tik, die Be­handlung des Kriegsausbruchs in der Schau­bühne, Jacobsohns Patriotismus, Die Schau­bühne zwischen Nationalismus und Kriegs­zweifel, das tägliche Leben und der Krieg, Ent­stehung der Weltbühne, Engage­ment und Opposition, die Aufdeckung der Fememorde, Redakteur und Mentor. Der letztgenannte As­pekt betrifft vor allem Jacobsohns Verhältnis zu Tucholsky, der nicht ohne Grund deutlich früher und häufiger das Interesse der Biogra­phen auf sich gezogen hat.

Oswalts Jacobsohn-Biographie enthält wohl alle wesentlichen Lebensdaten, eingehüllt jedoch in eine Unmenge von Informationen, die ohne weiteres auch in Handbüchern und Konversationslexika nachzuschlagen sind. Der Stil driftet gelegent­lich ins Belletristische ab, meist aber befleißigt sich die Biographin eines naiven Positivismus, zu dessen Zweck veröf­fentlichte und unveröffentlichte Dokumente, vor­nehm­lich aber Artikel aus Schau- und Welt­­bühne herangezogen werden. Wenn es ein­mal analytisch zugeht, steht meist ein Zitat aus der Forschungsliteratur im Zentrum. Es ist offensichtlich, wieviel diese Biographie früheren Spezialstudien zu einzelnen Themenaspekten verdankt; da die leseunfreundlichen Endnoten für das Register nicht ausgewertet wurden, fal­len die großzügigen Aneignungen beim einfa­chen Durchlesen nicht weiter auf.

Von der sonst chronologischen Anlage der Biographie sind zwei thematische Schwer­punkte ausgenommen: Das Kapitel "Ehemann und Fa­milienvater (1915-1926)" (S. 151-172) zeich­net ein Portrait der Gattin Edith Schiffer, die ihren eigenen Verlag führte und die Zeit­schrift ihres Mannes wiederholt finanziell un­terstütz­te; so betont die Biographin denn auch, ein­fühl­sam aus den 1990er Jahren zurück­blickend, die unge­wöhn­liche Unabhängigkeit der Frau. Bleibt schließlich das Kapitel "Zwischen Eman­zipation und Antisemitismus (1881-1926)" (S. 219-248). Der damit verbundene Anspruch ist zu hoch, um wirklich eingelöst werden zu können: "Jacobsohn als Deut­schen und Juden in seiner Zeit darzustellen, soll somit auch einen Beitrag zur Er­forschung zur Vorgeschichte der Shoa leisten" (S. 10), heißt es, sprachlich nicht ganz korrekt, bereits im "Prolog". Man staunt nicht schlecht, wofür der schon 1926 verstor­bene Jacobsohn hier exemplarisch vorgeführt werden soll.

Den Hauptteil des Buches ließe man trotz aller Einwände als ein Stück am Leben Jacob­sohns entlang erzählter Literatur- und Kultur­geschichte gelten, zumal eine groß­zügige Aus­wahl von Bilddokumenten ihr Teil zu dem Ein­druck beiträgt, daß die Ziel­gruppe weniger der eng begrenzte Kreis der Wissenschaft, son­dern ein breiteres Publi­kum ist, das mit einer "Berliner Biographie" leichter erreicht werden kann - stehen doch auf Berlin bezo­gene The­men zur Zeit hoch im Kurs, wie auch der Kult um die "Gol­denen Zwanziger". Doch auch und gerade eine nicht aus Spezialisten besteh­ende Ziel­gruppe enthebt nicht von der Pflicht zur Genauigkeit, und um die ist es nicht zum besten bestellt. Orthographische Nachläs­sig­keit richtet im allgemeinen keinen großen Schaden an, erweckt aber ein Anfangsmiß­trau­en bezüglich der Arbeitssorgfalt, das im vorlie­gen­den Fall durch falsche und falsch geschrie­bene Namen in Text, Literaturverzeichnis und Register ("Bärbel Scheider" statt G. Bärbel Schmidt, "Gerhard Kartz" statt Ger­hard Krai­ker, "Grahoff" bzw. "Grathof" statt Grathoff, "Alfred" statt Albert Bassermann, "Pfempfert" statt Pfemfert, "Hendrik" statt Henrik Ibsen, "Rosa von Luxemburg" statt Rosa Luxemburg usw.) und zahlreiche ungenaue Zitate Bestäti­gung findet (ein erwähntes Haupt­mann-Frag­ment trägt den Titel Jacobsohn-Komödie, le­diglich in Notizbüchern findet man als Arbeits­titel des Projekts "Aristophanisches"). Gera­de­zu verwirrend wird es, wenn die Kontroverse zwischen Theodor Lessing und Samuel Lub­linski aus dem Jahre 1910 mit einer späteren Kontroverse zwischen Lessing und Jacobsohn vermengt wird (S. 236 f.). Hier hilft nur der Griff zur zitierten Literatur, wobei man sich nicht darauf verlassen sollte, daß die angege­benen Titel und Seitenzahlen immer korrekt sind. Auch die gelegentlich begegnende Argu­mentation ist manchmal alles andere als über­zeugend: Anläßlich der für 1917 oder 1918 (so genau erfahren wir das nicht) belegten Veröf­fentlichung von Jacobsohns Theater­kritiken in der Bremer Weserzeitung ordnet die Verfasse­rin das Blatt "durchaus der militaristischen Rechten" zu und nennt als erste Begründung vollkommen abwegig den "fast täglichen Ab­druck des Heeresberichts auf der Titelseite" (S. 138). Auch das Fehlen von "Anzeigen na­mentlich erkennbarer jüdischer Firmen und Geschäfte" im Inseratenteil kann kaum als Argument gelten, sondern zeugt vielmehr von mangelnder Kenntnis der Presselandschaft und Medienkultur. Sperlings Zeitschriften­adreß­buch übrigens cha­rak­terisiert das im gesamten norddeutschen Raum verbreitete Bremer Blatt 1915 als "[b]ekannte führende politische Ta­gespresse in liberalem Sinne, Organ der Bre­mer Kauf­mannschaft und Industrie". (Sper­lings Zeitschriftenadreßbuch 49 (1915), S. 326) Ins­gesamt stellt sich nicht nur an der hier aus­geführten Stelle der Eindruck zu großer, zum Ärger reizender Oberflächlichkeit ein.

Eine Bemerkung noch zu den Quellen: Umfangreich ist die Liste benutzter Nachlässe und Archive. Die Verfasserin selbst hat aber nur ein paar Briefe Jacobsohns aufge­stöbert, die Gunther Nickel 1996 noch entgangen wa­ren, dessen Verzeichnis der Briefe Jacob­sohns sie weitgehend, allerdings mit Abschreib­feh­lern, übernommen hat. Nickel hatte überdies eine Bibliographie von Jacobsohns außerhalb der Schaubühne, Welt­bühne und des Jahr der Bühne erschienenen Texte erarbeitet, die sich auch in der Biographie gut gemacht hätte. Doch wollte die Autorin wohl nicht noch deutlicher werden lassen, wie eng sie an Nickels profun­der Studie entlanggearbeitet hat. Auf­fälligstes Beispiel: Ihr Abschnitt über Max Reinhardt (S. 94-100) ist eine von der Auswahl der Zita­te bis in einzelne Formulierungen gehende Kurzfassung des entspre­chen­den Kapitels bei Nickel.

Ergänzend zu schriftlich überlieferten Quel­len greift Stefanie Oswalt schließlich auf Ge­spräche mit Peter Jacobsohn, dem 1998 ver­storbenen Sohn Siegfried Jacobsohns, zurück und hißt als kleines Hilfssegel (oder ist es eher eine Flagge?) die "oral history" (S. 257 mit Endnote 12). Die Abschnitte zu Forschungs­lage und Methode (S. 255-267) fallen ohnehin recht knapp aus. Aufschlußreich sind die bei­den Seiten, auf denen die Verfasserin bemer­kenswert offen das eigene "biographische Schreiben" (S. 261 f.) kom­men­tiert. Sie ge­steht Subjektivität ein und erklärt, während des Schreibens habe sie "die Frage nach geistigen Prägungen, nach gesellschaftlichen Hinter­gründen, geschicht­lichen Konstellationen und sozialen Milieus geleitet". Weiter heißt es:

"Die Arbeit über Siegfried Jacobsohn ent­stand in der Hoffnung, einen Grat zwischen den ver­schiedenen wissenschaftlichen Diszip­linen und Methoden zu finden und nicht abzu­driften in eine bloße Faktenanhäufung. In der Annahme, dass eine Persönlichkeit nie ein­di­mensional, sondern immer komplex struktu­riert ist, schien es andererseits wichtig, einzel­ne Beobachtungen festzu­hal­ten, auch wenn eine umfassende Deutung im vorliegenden Rahmen nicht gegeben werden konnte."

Leider stehen diese Sätze am Ende des Bu­ches. Stünden sie - wie es für Methodenre­fle­xion (um einmal den hier etwas hochgegrif­fe­nen Begriff zu gebrauchen) eher üblich ist - am Anfang, wäre der Leser vorgewarnt, was ihn erwartet: ein etwas amorphes Alles-und-Nichts ohne Rücksicht auf wissenschaftliche Standards. Auch die wenigen Sätze zu metho­di­schen Fragen sind wohl vorwiegend dem Um­stand geschuldet, daß die Autorin ihre Ja­cobsohn-Biographie als Promotionsschrift ein­ge­reicht hat. Daß die Universität Potsdam die Dissertation im Jahre 1998 annahm, sei ab­schließend als Kuriosum vermerkt.

Bernhard Tempel

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