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Orbis Linguarum Vol. 19/2002

Tomas Venclova: Vor der Tür das Ende der Welt. In der Nachdichtung von Rolf Fieguth. Aus dem Litauischen von Clau­dia Sinnig-Lucas. Mit einem Essay von Joseph Brodsky. Hamburg (Rospo Verlag) 2000, 104 S.

Der 1937 in Klaipeda an der Ostsee gebo­rene Tomas, Sohn des litauischen Volks­dich­ters und Stalinpreisträgers Antanas Venclova, gehörte zu jenen Persönlichkeiten, die unter dem furchtbaren Eindruck der sowjetischen Okku­pation seines Landes bereits in jungen Jahren zu schwerwiegenden Entscheidungen gezwun­gen wurden. Auf Grund der gesell­schaftlichen Position seines Vaters wurde er von seinen Klas­senkameraden und Studienkollegen verachtet. Diese schmerzende Erfahrung und die Wirkung der von außen auferlegten Sowjetkultur hin­ter­ließen prägende Spuren in der Psyche. Tomas entwickelte eine autonome Haltung gegenüber der fremden Ideologie des Marxismus und Le­ninismus. Die frühe Ablehnung eines doktri­nä­ren Systems führte - ähnlich wie bei Brodsky, der im Alter von 16 Jahren die sowjetische Schule verließ - nach dem Abschluß der Uni­versität zu einem Nomadenleben.

Der Anlass war, wie Brodsky in seinem poetologischen und persönlich-bekennendem Essay schreibt, die Niederschlagung der unga­rischen Revolution, die für die intellektuelle Nachkriegsgeneration in Osteuropa "die glei­che Bedeutung wie die Niederschlagung des Dekabristenaufstands für die Puschkinsche Plejade oder der Untergang der spanischen Republik für W.H. Auden und seine Alters­ge­nossen in den 1930er Jahren" hatte. Für die Literatur habe sich diese Generation als Ge­winn erwiesen, denn ihr Weg sei frei von po­tentiellen Illusionen gewesen und ihr Kammer­ton sei immer die ungarische Tragödie geblie­ben. Wie hart Tomas Venclovar sich diesen poetische Gewinn erkämpfen mußte, läßt sich an den zwanzig Jahren zwischen 1957 und 1977 in Wilna ablesen. Er hält sich mit litera­rischen Übersetzungen aus dem Russischen und mit Feuilletons über Wasser, lernt auf sei­nen Reisen durch die Sowjetunion unter an­de­rem Anna Achmatova und Boris Paster­nak ken­nen, deren Lyrik er ins Litauische über­trägt. Während dieses Zeitraumes entsteht ein umfangreiches lyrisches Werk, von dem ledig­lich zu Beginn der 70er Jahre ein Gedichtband ("Zeichen der Sprache") Zeugnis ablegen konn­te. Zu diesem Zeitpunkt war Venclovas aktives Engagement in der litauischen Bürgerrechts­bewegung der Anlass für seine scharfe Über­wachung durch die sowjetischen Sicherheits­behörden. Sicherlich wäre er, wie zahlreiche seiner Freunde zu einer langjährigen Lager­stra­fe verurteilt worden, wenn sich nicht Brod­sky, der bereits 1972 emigriert war, für ihn eingesetzt hätte. Venclova durfte 1977 in die USA ausreisen und ist seitdem Professor für russische Sprache an der Yale Universität, eine Berufung, die er sich nicht nur auf Grund sei­ner Fähigkeiten als Gelehrter und Dichter, son­dern als ausgezeichneter Kenner mehrerer eu­ro­päischer Sprachen - neben den drei Mutter­sprachen Litauisch, Polnisch und Russisch auch Französisch, Latein, Griechisch, Deutsch und Italienisch - erworben hat.

Die hier vorliegende erste umfangreiche Präsentation seiner Lyrik, begleitet von einem Essay, den Brodsky im August 1989 für die polnische Ausgabe, übertragen von Stanislaw Baranczak, geschrieben hatte, zeichnet sich durch eine Reihe von formalen und inhalt­li­chen Merkmalen aus, die es zu kommentieren gilt. "Venclova ist ein hochgradig formaler Dichter, dieses Epitheton birgt die Gefahr, daß im Bewußtsein des mit der kalorienarmen Kost des freien Verses aufgewachsenen Lesers eine Verwechslung mit Traditionalismus im negati­ven Sinn geschieht." (S. 87) Der Nachdichter nimmt diese "Empfehlung" insofern nicht auf, als er sich - mit wenigen Ausnahmen - aus­schließ­lich des freien rhythmischen Verses bei der Übertragung ins Deutsche bedient. Obwohl er eingesteht, dass "das freirhythmische Geprä­ge ... sicherlich ein Notbehelf (ist)", beharrt er mit dem Hinweis auf diese Tradition seit Luthers Psalmenübersetzungen und den Dichtungen von Klopstock, Goethe, Heine, Nelly Sachs und Paul Celan auf einem rhythmischen Prin­zip, das in den vorliegenden Texten meiner An­sicht nach eine Reihe von Störungen aufweist.

Wer sich einen ersten Zugang zu diesen oft hermetischen lyrischen Konstrukten verschaf­fen möchte, sollte sich an jene Poeme halten, die mit einer Widmung versehen sind. Es han­delt sich um Ossip Mandelstam, Konstantin Bogartyrjow, Joseph Brodsky, Natalja Gorba­newskaja, Shqiperia und Hapenskus - vier russische Dichterkollegen, eine mythische Be­zeichnug für Albanien und ein fiktiver Name. Kann mit Hilfe solcher Namen eine Verbin­dung zu einer Poetik hergestellt werden, die sich als so eigenwillig erweist, dass sie einer ausführlichen Interpretation durch seinen Dich­terkollegen Brodsky bedarf? Mit Mandelstams be­rühmt gewordenem Poem über das Peters­burg der Vorrevolutionszeit "In Petersburg treffen wir uns wieder" knüpft Venclova an der akme­istischen Klarheit einer Poesie an, die die Lei­den unseres Jahrhunderts (bewußte Zer­störung von Kulturen, Massenvernichtung mensch­li­chen Lebens, Einbruch der Technik in die Wahr­neh­mung von Natur, gegenseitige Durchdringung von Natur und Technik) in kühnen Metaphern erfasst. Venclovas sechs­stro­phiges Poem greift zahlreiche Bilder aus dem Mandelstam-Ge­dicht auf, ohne die harten visuellen Kontraste der akemistischen Lyrik zu erreichen (oder liegt es an der Qualität der Über­tragung?):

 Dieselbe Straßenbahn, derselbe abgetragene Mantel .../

Der Asphalt läßt ein Stück Papier aufsteigen;

Das neunzehnte Jahrhundert füllt mit Kälte

Den Bahnhof.

Rauschend verschließt sich der Himmel,

Jahrzehnte verbleichen.

Gleich einem Unwetter gehen dunkle Städte vorüber,

Gleich einem Geschenk wiederholen sich Gesten,

Doch niemals aufersteht ein Mensch. (S. 16)

Ein anderes, nur 20 Zeilen umfassendes Ge­dicht, das dem russischen Dichter und Dissi­denten Bogartyrjow gewidmet ist, assoziiert mit dem Titel "Nel mezzo di cammin di nostra vita" den Schritt in die Dantesche Unterwelt und den jähen Tod des Freundes durch eine Mörderhand, die offensichtlich im Auftrag des sowjetischen KGB handelte. Venclovas ly­ri­sches Ich versetzt sich in diese schicksals­schwe­re Sekunde im Leben von Bogartyrjow:

 Ich sperre die Korridortür auf. Das Herz

Setzt aus, schwer lastet’ s auf der Brust.

Apropos: in diesem Staat kam

Der Tod sogar manchmal per Zufall. (S. 20)

Wenn Kunst "eine Form des Widerstands ge­gen die als unvollkommen empfundene Reali­tät (ist) und der Versuch der Hervorbringung einer alternativen Realität, die nach Möglich­keit die Merkmale einer vorstellbaren .... auf­weist", wie Brodsky in seinem Essay behaup­tet, dann könnte das Poem "Der Schild des Achilles", das Venclova seinem Freund wid­met, ein solcher poetologischer Ansatz sein. Der Vergleich von antiker mythischer Ge­schichte, die von Krieg gekennzeichnet ist, und sowjetischer Realität (ein Schiff, auf dem es selbst den Ratten ungemütlich ist) zeichnet sich ab, wenngleich die poetischen Metaphern dann und wann schwierig zu erfassen sind:

Und Griechen. Wir - wir sind zu unserer Schmach noch

 Auf diesem Schiff,

Das auch für Ratten ungemütlich ist.

Genau betrachtet ist das gar kein Schiff,

Sondern Ziegelmauern, schimmernde Dächer, Unglück um Unglück,

Geburtstage, die zu schnell aufeinanderfolgen.

Kurz, das reife Alter. Diese Betreuung

Durchsetzt uns bis ins Mark. Dieser Raum

Läuft langsam leer und schüttet uns bald noch die Augen zu (S. 21)

Was sich hier augenscheinlich im Bild von der Natur als physiologische Unmittelbarkeit be­greifen läßt, verdichtet sich in dem Titelge­dicht "Vor der Tür das Ende der Welt". Es ist ein von großen ontologischen Metaphern ("Das Licht wie ein Spalt / Zwischen Wind und Stein") und düsteren anthropologischen Bildern durchzogener Text, in dem das Litau­en seiner frühen Kindheit - ebenso wie in dem folgenden Text "Photographien ähnlich: weit und vage" - in immer anderen verräumlichten Bildern auftaucht:

Über so manchem Schieferdach.

Glut wird leuchten im Eck,

Von Zukunft kein Moment mehr übrig sein,

Dem Säugling angst sein vor der Nacht,

Er wird sich rette in den Schlaf. (S. 26)

Und in "Photographien ähnlich" klagt ein bereits abwesendes Ich über die in Ketten ge­legte Landschaft vor dem Imperium am abge­sperrten Hafen:

Kein Zeichen sendet die Vergangenheit mehr aus.

Schwarz schlägt die Sonne dich zu Holzboden,

Und schließlich sind die Reisen mal zuende,

Da, wo sich breit macht heillos streng

Geburtsort, Ausweglosigkeit und Bürde,

Und im Morast versinkt allmählich Pästums Säulenpracht. (S. 28)

Um so verständlicher erweist sich die Freund­schaft von Freunden als sinntragendes Element in einer Zeit, in der "der frühe Frost ... durch alle Wörter geht." In einem Poem, bestehend aus sieben Strophen, widmet er der langjäh­ri­gen russischen Dichterkollegin Natalja Gor­ba­newskaja, der so couragierten Dissidentin, die auch ins Exil gehen mußte, eine tiefgeh­en­de Reflexion über eine Freundschaft, deren geisti­ge Fundamente über den Abgründen des Ter­rors gebaut werden.

Das Dach wird Grenze sein zum Weltall,

Die Nacht wird trennen Tauwetter vom Frost,

Die Sprache wird, vom Tode schon bedroht,

Die Treue ihnen halten. ( S. 41)

Die meisten Verse, die in der litauischen Ori­ginalfassung im strengen Versmaß geschrieben sind und, wie Brodsky ausdrücklich betont, mit einem semantischen Klang versehen sind, weisen in der deutschen Übertragung eine fast spröde, vom Nachdichter gewollte Form auf. Das Ergebnis sind in der Mehrzahl holz­schnitt­artige Textformen, hinter denen sich eine ein­prägsame, von gewaltigen ontologischen Ge­gensätzen lebende Poetik verbirgt. In "Aufer­stehung von den Toten", einer sehr gelungenen Nachdichtung, ahnt der lyrische Leser ein Welt­modell, in dem die Natur zum Ebenbild von Physiologie, Zivilisation, Zeitraster und kosmischen Räumen wird:

 Uns weckt zum zweiten Male schon der Regen,

straff schimmern Streifen unter den Laternen,

die Fläche des Asphalts ist naß und glatt.

Allein der Lidschlag, ein gestörter Rhythmus

verbindet dieses Jahr mit den verlorenen Jahren.

Doch schwarz vom Fenster hebt sich ab der stumme,

in unsrem Bewußtsein nur erhaltene Baum,

der so wie wir ein zweites Leben lebt. (S. 71)

Selbst wenn es nur einige solcher gelungenen Übertragungen gibt, dieser kleine Band birgt kostbare Schätze einer Lyrik, in der die onto­logisch definierten Bilder einer spröden Land­schaft sich mit mythischen und realen Figuren aus europäischen Kulturen mischen und eine eigenständige, gegen die geopolitische Realität gerichtete Wahrnehmung einer Welt erzeugen, die uns fremd anmutet. Wer diese Befremd­lichkeit befragt, der wird in dem Essay von Brodsky eine Reihe von Antworten finden, die "am Boden des Bewußtsein, am äußersten Rand der Freudlosigkeit" angesiedelt sind. Und wer sich die Mühe macht, diese ideosyn­kratischen Landschaften (Brodsky) aufzu­su­chen, der wird nicht nur den nördlichen, an der Ostsee aufge­wachsenen Dichter entdecken, son­dern auch dessen Sehnsucht nach antiker Har­monie und russischer Melancholie.

Wolfgang Schlott

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