Tomas Venclova: Vor der Tür das Ende der Welt. In der Nachdichtung von
Rolf Fieguth. Aus dem Litauischen von Claudia Sinnig-Lucas.
Mit einem Essay von Joseph Brodsky. Hamburg (Rospo
Verlag) 2000, 104 S.
Der 1937
in Klaipeda an der Ostsee geborene Tomas, Sohn des
litauischen Volksdichters und Stalinpreisträgers
Antanas Venclova, gehörte zu jenen Persönlichkeiten,
die unter dem furchtbaren Eindruck der sowjetischen
Okkupation seines Landes bereits in jungen Jahren
zu schwerwiegenden Entscheidungen gezwungen wurden.
Auf Grund der gesellschaftlichen Position
seines Vaters wurde er von seinen Klassenkameraden
und Studienkollegen verachtet. Diese schmerzende Erfahrung und die Wirkung der von außen auferlegten
Sowjetkultur hinterließen prägende Spuren in der
Psyche. Tomas entwickelte eine autonome Haltung gegenüber
der fremden Ideologie des Marxismus und Leninismus.
Die frühe Ablehnung eines doktrinären Systems führte
- ähnlich wie bei Brodsky, der im Alter von 16 Jahren
die sowjetische Schule verließ - nach dem Abschluß
der Universität zu einem Nomadenleben.
Der Anlass
war, wie Brodsky in seinem poetologischen und persönlich-bekennendem
Essay schreibt, die Niederschlagung der ungarischen
Revolution, die für die intellektuelle Nachkriegsgeneration
in Osteuropa "die gleiche Bedeutung wie die
Niederschlagung des Dekabristenaufstands für die Puschkinsche
Plejade oder der Untergang der spanischen Republik
für W.H. Auden und seine Altersgenossen in den 1930er
Jahren" hatte. Für die Literatur habe sich diese Generation
als Gewinn erwiesen, denn ihr Weg sei frei von potentiellen
Illusionen gewesen und ihr Kammerton sei immer die
ungarische Tragödie geblieben. Wie hart Tomas Venclovar
sich diesen poetische Gewinn erkämpfen mußte, läßt
sich an den zwanzig Jahren zwischen 1957 und 1977
in Wilna ablesen. Er hält sich mit literarischen
Übersetzungen aus dem Russischen und mit Feuilletons
über Wasser, lernt auf seinen Reisen durch die Sowjetunion
unter anderem Anna Achmatova und Boris Pasternak
kennen, deren Lyrik er ins Litauische überträgt.
Während dieses Zeitraumes entsteht ein umfangreiches
lyrisches Werk, von dem lediglich zu Beginn der 70er
Jahre ein Gedichtband ("Zeichen der Sprache") Zeugnis ablegen konnte. Zu diesem Zeitpunkt war
Venclovas aktives Engagement in der litauischen Bürgerrechtsbewegung
der Anlass für seine scharfe Überwachung durch die
sowjetischen Sicherheitsbehörden. Sicherlich wäre
er, wie zahlreiche seiner Freunde zu einer langjährigen
Lagerstrafe verurteilt worden, wenn sich nicht Brodsky,
der bereits 1972 emigriert war, für ihn eingesetzt
hätte. Venclova durfte 1977 in die USA ausreisen und
ist seitdem Professor für russische Sprache an der
Yale Universität, eine Berufung, die er sich nicht
nur auf Grund seiner Fähigkeiten als Gelehrter und
Dichter, sondern als ausgezeichneter Kenner mehrerer
europäischer Sprachen - neben den drei Muttersprachen
Litauisch, Polnisch und Russisch auch Französisch,
Latein, Griechisch, Deutsch und Italienisch - erworben
hat.
Die hier
vorliegende erste umfangreiche Präsentation seiner
Lyrik, begleitet von einem Essay, den Brodsky im August
1989 für die polnische Ausgabe, übertragen von Stanislaw
Baranczak, geschrieben hatte, zeichnet sich durch
eine Reihe von formalen und inhaltlichen Merkmalen
aus, die es zu kommentieren gilt. "Venclova ist
ein hochgradig formaler Dichter, dieses Epitheton
birgt die Gefahr, daß im Bewußtsein des mit der kalorienarmen
Kost des freien Verses aufgewachsenen Lesers eine
Verwechslung mit Traditionalismus im negativen Sinn
geschieht." (S. 87) Der Nachdichter nimmt diese "Empfehlung"
insofern nicht auf, als er sich - mit wenigen Ausnahmen
- ausschließlich des freien rhythmischen Verses
bei der Übertragung ins
Deutsche bedient. Obwohl er eingesteht, dass
"das freirhythmische Gepräge ... sicherlich
ein Notbehelf (ist)", beharrt er mit dem Hinweis auf diese Tradition seit Luthers
Psalmenübersetzungen und den Dichtungen von Klopstock,
Goethe, Heine, Nelly Sachs und Paul Celan auf einem
rhythmischen Prinzip, das in den vorliegenden Texten meiner Ansicht
nach eine Reihe von Störungen aufweist.
Wer sich
einen ersten Zugang zu diesen oft hermetischen lyrischen
Konstrukten verschaffen möchte, sollte sich an jene
Poeme halten, die mit einer Widmung versehen sind.
Es handelt sich um Ossip Mandelstam, Konstantin Bogartyrjow,
Joseph Brodsky, Natalja Gorbanewskaja, Shqiperia
und Hapenskus - vier russische Dichterkollegen, eine
mythische Bezeichnug für Albanien und ein fiktiver
Name. Kann mit Hilfe solcher Namen eine Verbindung
zu einer Poetik hergestellt werden, die sich als so
eigenwillig erweist, dass sie einer ausführlichen
Interpretation durch seinen Dichterkollegen
Brodsky bedarf? Mit Mandelstams berühmt gewordenem Poem über das Petersburg der Vorrevolutionszeit
"In Petersburg treffen wir uns wieder" knüpft
Venclova an der akmeistischen Klarheit einer Poesie
an, die die Leiden unseres Jahrhunderts (bewußte
Zerstörung von Kulturen, Massenvernichtung menschlichen
Lebens, Einbruch der Technik in die Wahrnehmung
von Natur, gegenseitige Durchdringung von Natur und
Technik) in kühnen Metaphern erfasst. Venclovas sechsstrophiges
Poem greift zahlreiche Bilder aus dem Mandelstam-Gedicht
auf, ohne die harten visuellen Kontraste der akemistischen
Lyrik zu erreichen (oder liegt es an der Qualität der Übertragung?):
Dieselbe Straßenbahn, derselbe abgetragene
Mantel .../
Der Asphalt läßt ein Stück Papier aufsteigen;
Das neunzehnte Jahrhundert füllt mit
Kälte
Den Bahnhof.
Rauschend verschließt sich der Himmel,
Jahrzehnte verbleichen.
Gleich einem Unwetter gehen dunkle Städte
vorüber,
Gleich einem Geschenk wiederholen sich
Gesten,
Doch
niemals aufersteht ein Mensch. (S. 16)
Ein anderes,
nur 20 Zeilen umfassendes Gedicht, das dem russischen
Dichter und Dissidenten Bogartyrjow gewidmet ist,
assoziiert mit dem Titel "Nel mezzo di cammin
di nostra vita" den Schritt in die Dantesche Unterwelt
und den jähen Tod des Freundes durch eine Mörderhand,
die offensichtlich im Auftrag des sowjetischen KGB
handelte. Venclovas lyrisches Ich versetzt sich
in diese schicksalsschwere Sekunde im Leben von
Bogartyrjow:
Ich sperre die Korridortür auf. Das Herz
Setzt aus, schwer lastet’ s auf der Brust.
Apropos: in diesem Staat kam
Der
Tod sogar manchmal per Zufall. (S. 20)
Wenn Kunst
"eine Form des Widerstands gegen die als unvollkommen
empfundene Realität (ist) und der Versuch der Hervorbringung
einer alternativen Realität, die nach Möglichkeit
die Merkmale einer vorstellbaren .... aufweist",
wie Brodsky in seinem Essay behauptet, dann könnte
das Poem "Der Schild des Achilles", das Venclova
seinem Freund widmet, ein solcher poetologischer
Ansatz sein. Der Vergleich von antiker mythischer
Geschichte, die von Krieg gekennzeichnet ist, und
sowjetischer Realität (ein Schiff, auf dem es selbst
den Ratten ungemütlich ist) zeichnet sich ab, wenngleich
die poetischen Metaphern dann und wann schwierig zu
erfassen sind:
Und Griechen. Wir - wir sind zu unserer
Schmach noch
Auf diesem Schiff,
Das auch für Ratten ungemütlich ist.
Genau betrachtet ist das gar kein Schiff,
Sondern Ziegelmauern, schimmernde Dächer,
Unglück um Unglück,
Geburtstage, die zu schnell aufeinanderfolgen.
Kurz, das reife Alter. Diese Betreuung
Durchsetzt uns bis ins Mark. Dieser Raum
Läuft langsam leer und schüttet uns bald
noch die Augen zu (S. 21)
Was sich
hier augenscheinlich im Bild von der Natur als physiologische
Unmittelbarkeit begreifen läßt, verdichtet sich in
dem Titelgedicht "Vor der Tür das Ende der Welt".
Es ist ein von großen ontologischen Metaphern ("Das
Licht wie ein Spalt / Zwischen Wind und Stein") und
düsteren anthropologischen Bildern durchzogener Text,
in dem das Litauen seiner frühen Kindheit - ebenso
wie in dem folgenden Text "Photographien ähnlich:
weit und vage" - in immer anderen verräumlichten Bildern
auftaucht:
Über so manchem Schieferdach.
Glut wird leuchten im Eck,
Von Zukunft kein Moment mehr übrig sein,
Dem Säugling angst sein vor der Nacht,
Er wird sich rette in den Schlaf. (S.
26)
Und in
"Photographien ähnlich" klagt ein bereits abwesendes
Ich über die in Ketten gelegte Landschaft vor dem
Imperium am abgesperrten Hafen:
Kein Zeichen sendet die Vergangenheit mehr aus.
Schwarz schlägt die Sonne dich zu Holzboden,
Und schließlich sind die Reisen mal zuende,
Da, wo sich breit macht heillos streng
Geburtsort, Ausweglosigkeit und Bürde,
Und im Morast versinkt allmählich Pästums
Säulenpracht. (S. 28)
Um so
verständlicher erweist sich die Freundschaft von
Freunden als sinntragendes Element in einer Zeit,
in der "der frühe Frost ... durch alle Wörter
geht." In einem Poem, bestehend aus sieben Strophen,
widmet er der langjährigen russischen Dichterkollegin
Natalja Gorbanewskaja, der so couragierten Dissidentin,
die auch ins Exil gehen mußte, eine tiefgehende
Reflexion über eine Freundschaft, deren geistige
Fundamente über den Abgründen des Terrors gebaut
werden.
Das Dach wird Grenze sein zum Weltall,
Die Nacht wird trennen Tauwetter vom Frost,
Die Sprache wird, vom Tode schon bedroht,
Die Treue ihnen halten. ( S. 41)
Die meisten Verse, die in der litauischen
Originalfassung im strengen Versmaß geschrieben sind
und, wie Brodsky ausdrücklich betont, mit einem semantischen
Klang versehen sind, weisen in der deutschen Übertragung
eine fast spröde, vom Nachdichter gewollte Form auf.
Das Ergebnis sind in der Mehrzahl holzschnittartige
Textformen, hinter denen sich eine einprägsame, von
gewaltigen ontologischen Gegensätzen lebende Poetik
verbirgt. In "Auferstehung von den Toten", einer
sehr gelungenen Nachdichtung, ahnt der lyrische Leser
ein Weltmodell, in dem die Natur zum Ebenbild von
Physiologie, Zivilisation, Zeitraster und kosmischen
Räumen wird:
Uns weckt zum zweiten Male schon der Regen,
straff schimmern Streifen unter den Laternen,
die Fläche des Asphalts ist naß und glatt.
Allein der Lidschlag, ein gestörter Rhythmus
verbindet dieses Jahr mit den verlorenen Jahren.
Doch schwarz vom Fenster hebt sich ab der stumme,
in unsrem Bewußtsein nur erhaltene Baum,
der so wie wir ein zweites Leben lebt.
(S. 71)
Selbst
wenn es nur einige solcher gelungenen Übertragungen
gibt, dieser kleine Band birgt kostbare Schätze einer
Lyrik, in der die ontologisch definierten Bilder
einer spröden Landschaft sich mit mythischen und
realen Figuren aus europäischen Kulturen mischen und
eine eigenständige, gegen die geopolitische Realität
gerichtete Wahrnehmung einer Welt erzeugen, die uns
fremd anmutet. Wer diese Befremdlichkeit befragt,
der wird in dem Essay von Brodsky eine Reihe von Antworten
finden, die "am Boden des Bewußtsein, am äußersten Rand
der Freudlosigkeit" angesiedelt sind. Und wer sich
die Mühe macht, diese ideosynkratischen Landschaften
(Brodsky) aufzusuchen, der wird nicht nur den nördlichen,
an der Ostsee aufgewachsenen Dichter entdecken, sondern
auch dessen Sehnsucht nach antiker Harmonie und russischer
Melancholie.
Wolfgang
Schlott
Diese
Rezension wurde von der Redaktion
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